Revolution

zurück

 

"Die deutsche Revolution von 1918
war eine sozialdemokratische Revolution,
die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde:
ein Vorgang, der in der Weltgeschichte
kaum seinesgleichen hat."

Sebastian Haffner: Die deutsche Revolution 1918/19. Reinbek bei Hamburg 2007

 

 

Wir machen Revolution!

 

Grenzdurchbruch LüttichKrieg und Krise
Wir machen Revolution!Heimkehr
Landesjäger / ReichswehrDie neue konservative Partei
KriegsschuldfrageOrtsgruppe der DDP
USPD-OrtsgruppeGründung (V)VKPD und KAPD
SicherheitslageNationalversammlung
Arbeiter-und SoldatenratBetriebsrätegesetz
Ein General als StadtvorsteherBergarbeiterstreik
Revolution oder Reform?Das lumpige Spiel mit der Ehre
Gegen Westen brüllt der Löweder Nation

 

 

St. Wenzel

"Samstagabend, dem 31. Juli 1914, gegen 7 Uhr", erinnert 1926 der Naumburger Lehrer und Stadthistoriker Friedrich Hoppe (1879-1959), "verkündete der eherne Mund der Kirchenglocken den Krieg. Herzerschütternd war die Abendstunde, als auf dem Markte und danach in der Wenzelskirche in begeisterten Worten den Gefühlen des gewaltigen Erlebens Ausdruck verliehen wurde."

Zar Nikolaus II. hatte am Tag zuvor die Generalmobilmachung der russischen Truppen befohlen. Naumburg gleicht einem grossen Kriegslager. Auf dem Rathaus war bereits das Militärbüro der Zivilverwaltung eingerichtet. Gerüchte kommen auf. In der Umgebung sollen russische Spione in Autos gesichtet worden sein. Noch am ersten Tag der Mobilmachung sperrte man deshalb alle Durchgangsstraßen und stellte überall militärische Posten auf.

"Jaurès ist Tod und die Kosaken kommen!",

setzt die Volksstimme (Magdeburg) am 4. August 1914 in die Welt. Und am selben Tag prophezeit die Sozialdemokratische Partei: "Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen." Doch nicht gegen Osten, sondern gegen Westen rollen vierzehn Tage, wie Friedrich Hoppe (1926) beobachtete, schwer beladene Militärzüge.

Rathaus

Oberbürgermeister Emil Kraatz (1914, 276) unkt bereits vor 1914: „Ich glaube aber, daß wir ihn [den Krieg] auf die Dauer kaum werden umgehen können.“

Noch wenige Wochen vor dem Krieg fanden unter grosser Anteilnahme der Bürger von der SPD organisierte Friedensversammlungen statt. Reichstagsabgeordneter Adolf Thiele (1854-1925) trat als Redner auf. Und doch kam der Krieg. An der Schwarzen Tafel vom Naumburger Kreisblatt, bezeugt Eugen Wallbaum (SPD), war ein Zettel vom Besitzer Sieling angebracht worden, worauf stand:

"Und die Sozialdemokratie zerstieb
wie Asche in der Luft."

"Auf Grund seiner Herkunft und des Einflusses seiner Umgebung war es ihm 1914 völlig unverständlich," erzählt 1958 der Naumburger Lehrer Friedrich Blüthgen (geboren 1874), "dass z. B. Karl Liebknecht gegen die Kriegskredite im damaligen Reichstag stimmte. Es war ihm nicht im Entferntesten der Gedanke gekommen, dass der 1. Weltkrieg ein imperialistischer war."

Ernst Borkowsky etwa um 1930

In Naumburg hilft der Lehrer, Schuldirektor und Historiker Ernst Borkowsky (1860-1947) die Nationen aufeinanderzuhetzen. Am 28. Februar 1860 in Magdeburg geboren, absolviert er das Gymnasium in Burg, studiert in Leipzig und Berlin Geschichte und Deutsch, promoviert 1886. Über Quedlinburg und Magdeburg (1886-1888) führt sein Weg in die Stadt an der Saale. Zunächst als Lehrer am Realprogymnasium (1888), dann an der Naumburger Kadette. Schliesslich steht er von 1904 bis 1925 der Luisenschule (Lyzeum) vor.

Auf in den Krieg mit "Freude an den Waffentaten" und dem "Bewusstsein unserer siegenden Stärke", ermuntert Ernst Borkowsky das Volk in

Unser heiliger Krieg.

zum Kampf. "Der ewige Friede ist ein Traum und nicht einmal ein Schöner", lautet die Leitidee der Schrift. Sie ist von Helmuth von Moltke (1848-1916) ausgeborgt. Vorbei an der Erbfeindthese und dem Hassgesang gegen England (Ernst Lissauer), behauptet Ernst Borkowsky dreist: "Auch unsere Geschichte weiss nichts von nationalem Hass". (65) Die Deutschen haben niemals Eroberungskriege geführt (52). Ihn zeichnen die "vier alten deutschen Tugenden" aus: Tapferkeit, Begeisterung, Opferfreudigkeit und Glaubensstärke. (65)

Schon lange nutzt die Schule den Glauben an Gott für die Erziehung zu Gehorsamkeit und Disziplin. Um das Sterben mit Herz zu erleichtern, bedarf es eines handlungsleitenden Narrativs. Dazu bemüht die im Herbst 1914 bei Kiepenheuer in Weimar erschienene Schrift die Bibel, wo es heisst: Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. (1. Buch Moses, Kapitel 22, Vers 2) Daraus presst Borkowsky (131) den Handlungsimperativ der Opferethik:

"Und der Alte fürchtet Gott, er fragt nicht nach dem Zweck und Ziel des furchtbaren Verlangens, er ging und legte den Knaben auf das Holz ....".

Damit ist nach Überzeugung des Autors "der höchste Begriff des Opferbringens" gefunden.

So zogen sie begeistert in die Schlacht. "Der Kaiser rief! und alle, alle kamen. Freudig und willig leisteten wir folge", erzählt 1934 ein alter Landsturmmann. Trotzdem, nicht alle wollten in die Himmelsbeförderungsmaschine (Adolph Hoffmann) einsteigen.

In "aufgedrungener Notwehr" eilen Naumburgs Söhne mit Begeisterung zu den Musterungsstellen, um zum Schwert zu greifen, so wie es Kaiser Wilhelm II in der Thronrede am 4. August verlangte. Zweite Tage später appelliert er An das deutsche Volk!:

"Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird,
wie er mit unseren Vätern war."

Welches Gefühl muss wohl einem denkenden Menschen anwandeln, fragt Adolph Hoffmann (1893, 11), wenn er angesichts eines Krieges sieht und hört, dass zwei oder drei Nationen zugleich denselben Gott um den Sieg ihrer gerechten Sache beten? Man könnte darauf antworten, aber sie denken nicht - sie erleben die Geburtswehen der Volksgemeinschaft, die ihr Immunsystem gegen Suggestion und Autoritätsaufwertung zerstört.

Der Ausmarsch von A. Roloff (1914) auf einer Feldpostkarte

Betrachtet man die Bilder von den Bahnhöfen, muss der Abschied ein Riesenspass gewesen sein. Würde diese Stimmung vom gerechten Volkskrieg nicht aufrechterhalten, könnte die Burgfriedenspolitik mit samt System in den Abgrund stürzen. "Fällt der Mantel, muss der Herzog nach." (Friedrich Schiller) Darauf nimmt der Mitbegründer der Volksstimme (Magdeburg) und das ehemalige SPD-Mitglied Fritz Kater (1861-1945) keine Rücksicht. Mit anderer Intention als das wilhelminische Establishment nebst involvierter SPD-Reichstagsfraktion, ruft er am 8. August im Organ der freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften Die Einigkeit den Genossen zu:

"Die Kriegsfurie ist entfesselt"!

"Millionen und aber Millionen Männer, und zwar die in den besten Jahren stehenden, im Vollbesitz von Kraft und Gesundheit sich befindenden, die Blüte der Nation, sie gerade werden die Schlachtfelder bedecken, während die Alten, die Siechen, die Krüppel, die Frauen und die Kinder daheim der grössten Not und Sorge überlassen bleiben."

Naumburg (1916)

Bald trafen zu Hause die berühmten Frontbriefe ein. Ihre Schilderungen vom Stellungs- und Gaskrieg waren weniger vom Patriotismus als vom Realismus inspiriert. Und schon verflog der nationale Frohsinn. Offiziell sprach man jetzt von geistigen Mängeln der Schützengraben-Briefe, deren Ursache man sofort in der fehlenden patriotischen Erziehung verortete.

Bei Kriegsende liegen

1081 Naumburger

fern der Heimaterde begraben. Die Naumburger Verlustliste zeigt "den Krieg in seiner wahren, entsetzlichen Gestalt", mahnt Friedrich Hoppe aus Anlass ihrer Veröffentlichung am 11. und 12. Mai 1920.

 

Neue Jägerkaserne

Am 2. August 1914 rückt das

Jägerbataillon Nr. 4 (Garnison Naumburg)

aus. Abends 6 Uhr stehen sie zum Abmarsch bereit. Pro Kopf werden 150 scharfe Patronen verteilt. Als sie abzogen lagen, was die Kinder besonders erfreute, viele auf dem Kasernenhof umher. Dann kam die Fahne und der Geistliche entliess mit heissen Segenswünschen die neu eingekleidete Truppe. Um den Franzosen an ihrer Ostgrenze zu entgehen, erfolgt der Aufmarsch ins Kriegsgebiet nach dem Schlieffen-Plan, also über Belgien. "Wenige Tage später", so Stadthistoriker Friedrich Hoppe (1926, 58, 53), "wurde die graue Felduniform vielen zum Sterbekleid vor Lüttichs Mauern."

"Die Feuertaufe erhielt das [Jäger] Bataillon vom 5. bis 7. August beim Handstreich auf Lüttich." An den Maas-Brücken nimmt die 3. Kompanie und Teile der 2. Kompanie Stellung. Die 1. und 4. Radfahrer- und Maschinen-Gewehr Kompanie sind beim Handstreich auf Fort de Fléron dabei. Ab 9. August befindet sich das ganze Jägerbataillon in Lüttich und bleibt in der Nähe des Platzes St. Barthelemy in höchster Alarmbereitschaft. (Vgl. Waase 1919, 16)

 

Im August stellt man das Reserve-Jägerbataillon 19, teils aus Landsturmjägern, teils aus Kriegsfreiwilligen zusammen. Im Winter kämpfen sie in Galizien.

 

Kaserne Thüringische-Feld Artillerie
Regiments No. 55

Seit 1900 ist das Feldartillerie-Regiment No. 55 in Naumburg stationiert, 1902 umbenannt in 2. Thüringisches-Feldartillerie-Regiment No. 55 [Bild]. Als die Mobilmachung angeordnet, übt es noch auf dem Ohrdrufer Truppenplatz. Sofort kehrt es nach Naumburg in die Kasernen an der Oststrasse und Weissenfelser Strasse zurück. Nach einem feierlichen Feldgottesdienst auf der Vogelwiese marschieren in der Nacht zum 9. August die Feldgrauen unter reger Anteilnahme der Bevölkerung zum Hauptbahnhof. Abschiedslieder erklingen. Frauen winken mit weissen Tüchern. Blumengrüsse begleiten die Fahrt in Feindesland.

 

Am 18. August 1914 stellen sich die Infanteristen, Artilleristen und Kavalleristen der Militärdienstjahre 1894 / 95 des Landsturm-Bataillons Naumburg auf dem Turnplatz an der Georgenschule und erhalten ihre Ausrüstung, Kleidung und Waffen. Die erste und zweite Kompanie besteht aus hiesigen Kreisen. In der dritten und vierten Kompanie aus Männern vom Altenburger Land. Am 26. August frühmorgens kommt der Befehl zum Abmarsch. Manchen fiel nicht nur der Abschied vom Quartier, sondern auch von den Naumburger Mädchen nicht leicht.

Bahnhof

Mit Gesang geht es vom Turnplatz zum Hauptbahnhof. Dort steht ab 10 Uhr für das Bataillon ein langer Eisenbahnzug bereit. Als Gepäck, Waffen und Pferde verladen, fährt er in Richtung Bad Kösen aus und dann immer weiter in Richtung Westen. Zurück bleiben die Frauen, die bald bei der Eisenbahn, Post, in Fabriken und auf den Bauplätzen die Arbeit der Männer verrichten. Unterwegs winken viele den Vaterlandsverteidigern zu. An den Bahnhöfen gibt es kleine Liebesgaben. Am 29. August passiert der Transport die belgische Grenze. -

 

Schier unerschöpfliche Naumburger Kriegsarsenale kleiden und rüsten die Soldaten und Offiziere aus. Die 1. Ersatzabteilung - später Ersatzbataillon genannt - für das Jägerbataillon wird am 2. August 1914 ins Leben gerufen. Im Februar 1915 musste wegen steigenden Bedarfs eine 2. Ersatzabteilung gegründet werden. Sie zog am 1. April 1915 in die Nachbarstadt Weissenfels um, kam aber 28. Oktober 1918 zurück in die Jägergarnison Naumburg. Im Laufe von vier Kriegsjahren stellt das I. und II. Ersatzbataillon Jäger 4 in 493 Transporten 18 785 Oberjäger und Jäger zusammen. 70 000 Personen mussten neu ein- und umgekleidet werden. "Die Arbeiten des Bekleidungs-Ausrüstungsdepots ließen während der langen Kriegsjahre nichts zu wünschen übrig." (Waase 16, 13)

 

Ostbahnhof

Am 3. September 1914 landen auf dem Ostbahnhof in Naumburg 800 Verwundete aus bayerischen Truppenteilen an. Einige nimmt das Hauptlazarett in der Nordstrasse auf, das Oberstabsarzt Dr. Pabst und Dr. Grüneisen leiten. Andere werden in der Reichskrone (Dr. Ehrhardt), Erholung (Stabsarzt Dr. Jebsen), Loge (Dr. Haussmann), Marienschule (Dr. Rottig), Maschinengewehrkaserne (Dr. Latowsky) und im Schützenhaus (Dr. Ehrhardt) gepflegt. Die Oberleitung liegt in den Händen von Generaloberarzt Dr. Wilhelm Hartog, geboren 1851 in Hamm (Westfalen), ehemals Generaloberarzt und Regimentsarzt des 2. Thüringer Feldartillerieregiments Nr. 55.

 

 

Lüttich 1914: Ein moralischer Grenzdurchbruch  nach oben

Am 4. August 1914 marschiert die II. Deutsche Armee auf die stark befestigte Stadt Lüttich zu. Vornan 500 eiligst eingekleidete Reservisten des Jägerbataillons 4, Garnison Naumburg. Vier Wochen vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges hebt die nationalsozialistische Propaganda die Ereignisse wieder ans Tageslicht. Unter der Überschrift:

Als General Ludendorff
mit dem Jägerbataillon 4 Lüttich stürmte

schildern die Hauptbeteiligten im Naumburger Tageblatt die Kämpfe vor fünfundzwanzig Jahren:

Fünf Brigaden, beginnt Major d. R. und ehemalige Pressechef der Deutschnationalen Volkspartei Hans Brosius die Geschichte von der Einnahme von Lüttich zu erzählen, verstärkt durch je ein Jägerbataillon und etwas Artillerie, erhalten den Auftrag zwischen je zwei Forts durchzustürmen. Lediglich die 14. Infanterie-Brigade,

unterstützt durch das Jägerbataillon 4,

gelang es in die etwa drei Kilometer grosse Lücke zwischen Fort Évegnée und Fort de Fléron durchzustossen. Damit erzielten die 4. Jäger den ersten grossen Erfolg.

Warum kommt diese Geschichte Ende Juli 1939 in die Zeitung? Die Macht der Presse liegt "in der Einwirkungsmöglichkeit auf die Massen und deren Leichtgläubigkeit", schrieb Hans Brosius 1930 (8) in Der Anteil der deutschen Presse am Kampf um den deutschen Geist.

Erst in der Nacht vom 5. zum 6. August [1914], erzählt Hans Brosius nun im Juli 1939 , kommt der Befehl zum Angriff. Die Jäger 4 marschieren auf die Dörfer Micherour und Retinne [heute Vorort von Fléron] vor. Im "Häuserkampf mit Franktireurs" (Brosius) erhielten sie ihre Feuertaufe. Im Rahmen der "Säuberung von Retinne" übernahm Hans Brosius mit Teilen des Zuges der zweiten Kompanie die Aufgabe eine feindliche Barrikade aus dem Weg zu räumen. Vor Queue-du-Bois stockt der Angriff der Regimenter 27 und 165. Von der Einhaltung des Zeitplans hängt das Gelingen des Westaufmarschs der Truppen ab. Weder die zwölf Forts noch die Stadt waren erobert worden. Für den Gefallenen General von Friedrich von Wussow übernimmt General Erich Ludendorff das Kommando und befiehlt morgens 3.30 Uhr:

Die Jäger vor!

Im heftigen Infanterie- und Artilleriefeuer geht die 3. Kompanie unter Hauptmann Ott und die 4. Kompanie des Jägerbataillons 4 mit Hauptmann von Hauffe gegen die Ortschaft vor. Zwei belgische Geschütze am Eingang des Dorfes versperren den Vormarsch. Die Offiziere mit ihrem Kommandeur an der Spitze von der 3. Kompanie stürmen mit Deutschland, Deutschland über alles voran. "Es war grossartig", schildert Hans Brosius, "dieser Gesang angesichts des Todes, in der dunklen, von den brennenden Häusern schauerlich durchleuteten Nacht. Hinter uns tobte der Kampf um die Häuser des Dorfes, vor uns blitzen die Geschütze auf. Die Schrappnells heulten über unsere Köpfe hinweg." "Ich drang mit einigen Dutzend" Jägern der Hauptstrasse des Dorfes entlang mit einer Feldhaubitze vor, die "in die feuerspeiende Häuser hineinschoss". Vor den Geschützen weichen die Kompanien seitwärts aus und stürmten sie über die Hecken hinweg.

"Die 4. Jäger hatten
die ersten Geschütze des Weltkrieges erobert",

waren "Hauptträger des ersten grossen Erfolges des Weltkrieges". Brosius dringt mit einen Dutzend weiterer Jäger auf der Hauptstrasse des Ortes entlang vor, um schliesslich bis zum Ende des Ortes durchzustossen. Der feindliche Widerstand wurde immer heftiger. Für das mitgeführte Geschütz ging die Munition aus. Ein Offizier lag Tod über der Lafette. Nur ein Jäger der 4. Kompanie feuerte noch Schuss um Schuss gegen die Belgier. "Der Erfolg von Lüttich, der von dem Durchbruch an dieser Stelle abhing, schien in Frage gestellt." (Brosius) Unbeirrt geht von hinten langsam ein Offizier - Ludendorff - nach vorn vor und ruft: "Vorwärts, Kinder wir müssen weiter!" Bald war dann der Dorfausgang erzwungen. Durch die Macht seiner Worte hatte Ludendorff, sagt Hans Brosius 1939 dem Naumburger Tageblatt, den Sieg von Lüttich entschieden. Nach der Einnahme des Dorfes Queue-du-Bois am 6. August gelang der Durchbruch zum rechten Maasufer gegenüber von Lüttich.

Der militärische Widerstand der Belgier verzögerte den Vormarsch. In Reaktion darauf zerstörten die deutschen Truppen beiderseits der Einfallstraßen Häuser, äscherten Ortschaften ein, nahmen Geißeln und erschossen hunderte von Zivilisten." (Kramer 94) Im Fall Löwen (Leuven) diente die Franktireus-Legende eindeutig als Vorwand, um die aus Panik entstandene wilde Schiesserei mit anschliessender Bartholomäusnacht zu rechtfertigen. Auch im Fall Soumagne, zwischen der Grenze und Lüttich gelegen, erläutert Alan Kramer Zum Problem der deutschen Kriegsverbrechen in Belgien und Frankreich 1914  (94), war Ähnliches zu beobachten. "Nachdem ein Angriff auf das Fort de Fléron am 5. August gescheitert war, kehrten die Truppen am Nachmittag nach Soumagne zurück, zündeten dort Häuser an, verhafteten Einwohner und exekutierten mindestens 92 von ihnen, einschließlich zehn Männer über 65 Jahre, ein zehn Monate altes Baby und ein dreizehnjähriges Mädchen."

Das rücksichtslose und brutale Vorgehen der deutschen Truppen in Belgien im Sommer 1914 stellt einen schweren Verstoss gegen Artikel 2 der Hager Landkriegsordnung zum Mindestschutz der Zivilbevölkerung dar. Erich Ludendorff schiebt die moralische Verantwortung in seinen Kriegserinnerungen 1914-1918 (11) dem Feind zu, denn die "belgische Regierung" "hat den Volkskrieg planmäßig organisiert" und damit "eine schwere Verantwortung auf sich geladen". So wird die Frage nach der völkerrechtlichen und moralischen Verantwortung und der Schuld in der Öffentlichkeit unterdrückt. Wo keine Schuld, gibt es auch kein Unrechtsbewusstsein.

Der Kampf um Lüttich war ein sittlicher Grenzdurchbruch, der internantionales Recht brach, die Moral und Anständigkeit missachtete. Und doch bereuen die Helden von Lüttich 25 Jahre später nichts. Eine Antwort jenseits der nationalen Voreingenommenheit könnte (a) das moralische Antlitz der politischen und militärischen Elite schwer beschädigen und (b) die ideologische Kriegstreiberei von Stahlhelm, militanten Deutschnationalen und Nationalsozialisten unter dem Gewand des Widerstandes gegen die Wehrlosmachung im Licht des Unbelehrbaren erscheinen lassen. Deshalb verdrängen sie das Ergebnis:

"Unser stolzes Magdeburger
Jägerbataillon 4 ist dahin!"

"Die Begeisterung der ersten Kriegsjahre ist verschwunden, die unsäglichen Mühen, Schrecknisse und Entbehrungen schwerster Frontjahre sind vergessen und bleiben vielfach ungedankt." So artikulierte es 1919 Karl Waase (158/159) (Naumburg), Offiziers-Stellvertreter und Führer der Ersatz-Radfahrer-Kompanie des Magdeburger Jägerbataillons Nr. 4.

Im Juli 1939 erreicht die jahrelange deutschnationale Geschichts- und Kriegspropaganda ihr Ziel: Ohne Fragen nach Recht, Gesetz und Moral ästimiert der Naumburger 1939 die politischen Kategorien Überfall, Angriff, Krieg und Eroberung. Sind daran nur Adolf Hitler und Friedrich Uebelhoer schuld?

Am 18. Mai 1940 marschiert das Infanterie-Regiment 53 aus Naumburg in Lüttich ein.

 

 

Krieg und Krise  nach oben

Im Spätsommer 1918 droht die Westfront zusammenzubrechen. Staatssekretär des Auswärtigen Paul von Hintze erfährt am 26. September 1918 von der aussichtslosen militärischen Lage. Erich Ludendorff, Paul von Hindenburg, Heye (Chef der Operationsabteilung) und er treffen sich drei Tage um 10 Uhr vormittags im Hotel Britannique in Spa. Hintze legt das Konzept zur Revolution von oben vor. "Die Herren einigen sich darauf eine parlamentarische Regierung mit Ministern der Reichstagsmehrheit zu bilden, was die Revolution von oben einleitet." (Vgl. Griebel 1958) So soll die tiefe Staats- und Gesellschaftskrise überwunden werden. Der Krieg hinterlässt die Schulden von Kriegsanleihen im Wert von über 150 Milliarden Mark. Ihre Tilgung würde mehr als die Einnahmen des letzten Friedensjahres verschlingen.

Reichskanzler Max von Baden (1867-1929) verkündet am 9. November 1918 die Abdankung Wilhelms II. (1859-1941) und überträgt sein Amt auf Friedrich Ebert. Gegen 14.00 Uhr ruft Philipp Scheidemann ( 2002, 101) (1865-1939) vom Westbalkon des Reichstages: "Das alte und Morsche ist zusammengebrochen. Es lebe die deutsche Republik." Kurz darauf proklamiert Karl Liebknecht (1871-1919) die Freie Sozialistische Republik Deutschland. Zuvor waren Richard Mülller (1880-1943) und Heinrich Dorrenbach mit ihrer renitenten Truppe durch die Innenstadt marschiert, um den Reichstag zu besetzen. Aus den komplizierten Verhandlungen zwischen Mehrheitssozialisten, Unabhängigen (USDP) Linkssozialisten und Vertretern des Soldatenrates geht am Nachmittag des 10. November das neue Reichskabinett hervor, der sechsköpfige Rat der Volksbeauftragten. (Vgl. Kolb 108)

 

 

Wir machen Revolution!  nach oben

„Die Revolution
begann hier am 8. November abends,“

berichtet der 1. Bürgermeister am 21. Mai 1919 an das Reichsamt des Inneren. Die Soldaten in den Kasernen entfernen [am 8. 11.] die Rangabzeichen von den Uniformen. Ein Trauma für das wilhelminische Establishment der Stadt. Karl Roloff schreibt weiter:

"Am folgenden Tag wurden Plünderungen angedroht. Unsere Polizeiexekutive war nur 15 Mann stark. Wir erbaten deshalb vom Soldatenrat ein etwa 50 Mann starkes Kommando von Soldaten mit Führern …. "

Korrekt benennt der Bürgermeister den Zeitpunkt des Bebens. Doch Plünderungen gab es keine. Bis auf eine in der Herrenstraße am Geschäft Thams und Garffs eingeschlagenen Schaufensterscheibe sind keine Vorkommnisse bekannt. Tätliche Auseinandersetzungen sah man ebenfalls nicht. Übergriffe auf das Privateigentum? Fehlanzeige. Und der Arbeiter- und Soldatenrat,t vom deutschen Ordnungssinn durchdrungen, ordnet an:

„Zweckloses Herumstehen und Hin- und Hergehen
auf den Straßen der Stadt ist verboten.“

Hier arbeitet eine friedliche, demokratische Reformbewegung. Trotzdem, so scheint es zumindest, erinnert sich die Stadt daran ungern. Im öffentlichen Stadtbild fehlen jedenfalls alle Hinweise darauf. Präsent aber das Germania-Denkmal (1873) auf dem Kramerplatz für Bismarcks Helden und das Jägerdenkmal (1923) an der Bergstraße für die Krieger Wilhelms II..

 

 

 

Übersicht
Ereignisse in Naumburg (Saale) 1918/19

8. November, 21.00 Uhr
Soldaten in Kasernen entfernen ihre Kokarden und Schulterstücke

Leopold Heinrich besetzt mit den Jägern den Bahnhof

9. November (Sonnabend)
14.00 Uhr: Treffen einiger Akteure bei Leopold Heinrich

Erste Verhandlungen zwischen Akteuren und dem Magistrat in der Stadtverwaltung

Berlin: Otto Wels (SPD) gewinnt die Naumburger Jäger für die Regierung

Naumburg: Wahl des Soldatenrates in der Jägerkaserne (Leopold Heinrich) und Artilleriekaserne (Adolf Schuster) - Bilder Kasernen

Etwas später wird Oberjäger Tillwichs Vorsitzender des Soldatenrates.

Reichskanzler Max von Baden (1867-1929) verkündet die Abdankung Wilhelms II. (1859- 1941) und überträgt sein Amt auf Friedrich Ebert. Um 14.00 Uhr ruft Philipp Scheidemann (1865-1939) die demokratische Republik aus, kurz darauf proklamiert Karl Liebknecht (1871-1919) die freie sozialistische Räterepublik aus.

10. November, Sonntag
Das Jägerbataillon 4 erhält den Befehl am Bahnhof (Naumburg) Frontzüge aufzuhalten. Nur durch das umsichtige Verhalten "verhandelnder Führer" (Waase 1919) kommt das mit 600 Gewehren am Bahnhof gefechtsbereite Bataillon nicht zum Einsatz und konnte Blutvergiessen verhindert werden.

Volksversammlung in der Reichskrone mit einem Referat von Fritz Drescher. Wahl des Arbeiterrates

"Die Stadtverwaltung unterstellte sich den Anordnungen des Soldatenrates, der somit die gesamte Gewalt an sich genommen hatte. Der übliche Geschäftsgang bei der Verwaltung nimmt aber seinen geordneten Verlauf." (Umsturz)

11. November
Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrates an die Bürger Naumburgs

12. November
Das Naumburger Tageblatt registriert eine "Umsturzbewegung in Naumburg"

Ehemaliges Jägerkasino (2006). Ab Mitte November 1918 Sitz des Arbeiterrates

13. November
Volksversammlung in der Reichskrone mit Bernhard Düwell als Referenten

Wolf von Gersdorff (1867-1949), Regierungspräsident von Merseburg (1910-1920), anerkennt die vollziehende Gewalt der Arbeiter- und Soldatenräte. Zwei Tage später fordert er in einem Schreiben an die Landräte und Bürgermeister, dass keine Aufhebung der Gemeindevertretungen und städtischen Deputationen oder die Übertragung ihrer Befugnisse an revolutionäre Organe erfolgt.

14. November
Heimkehr des ersten Feldtruppenteil des aktiven Feldbataillons Jäger 4

16. November (Sonnabend)
im Schwarzen Roß gründet sich der Lehrerrat

Gründung der Ortsgruppe der USPD mit zirka 30 Mitgliedern

19. November
in Halle bildet
sich ein Bezirks Arbeiter- und Soldatenrat mit den Kommissaren Bernhard Düwell und Conrad Müller.

23. November
Die Arbeitsgemeinschaft der Bürger, kurz Bürgerversammlung, tagt unter Leitung von Justizrat Wallach im Saal der Reichskrone.

24. November
Rückkehr des Feldbataillons Jäger 4

1. Dezember
Der Arbeiter- und Soldatenrat gibt die Einführung des 8-Stunden-Tages bei vollen Lohnausgleich bekannt.
Dies ist das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmer. Ihre Vereinbarung vom 15. November 1918 - das Legien-Stinnes-Abkommen - bestimmt unter Punkt 9: "Das Höchstmaß der täglichen Arbeitszeit wird für alle Betriebe auf 8 Stunden festgelegt."

2. Dezember
Am Nachmittag halten die Vertreter ("Interessenten") aller konservativen Parteien des Stadt- und Landkreises Naumburg im Schwarzen Ross eine Versammlung ab. Sie beschliessen die Auflösung aller konservativen Parteien und ihren sofortigen Beitritt zur Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

Abends wird eine "politische Versammlung" in die Reichskrone einberufen. Es spricht Georg Schiele (Naumburg). Aus bürgerlicher Sicht stösst er auf heftigen Widerspruch.

5. Dezember
Die Stadtverordnetenversammlung beschliesst den Aufbau einer kommunalen Erwerbslosenfürsorge

5./6. Dezember
Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrates zur Abgabe aller im privaten Besitz befindlichen Waffen

Ab 8. November
Rückkehr der Radfahrkompanien des Ersatz-Jägerbataillons Nr. 4:

Kompanie 162 am 8.12., Auflösung am 10.1.1919

Kompanie 56 am 9.12., Auflösung am 15.12.1918

Reserve-Radfahrkompanie 49 am 12.12., Auflösung am 20.12.1918

Reserve-Radfahrkompanie 79 am 12.12., Auflösung am 19.12.1918

16. bis 21. Dezember
Der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte (Reichsrätekongress) tagt im Preußischen Abgeordnetenhaus zu Berlin und beschliesst die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung. Er spricht sich damit für die Nationalversammlung und gegen das Rätesystem aus. Diese läutet das Ende der Arbeiter-Soldatenräte (ASR) ein. Der Stern der Räterepublik sinkt.

18. Dezember
Gründung der Ortsgruppe der Deutschen Demokratischen Partei in der Reichskrone

20. Dezember
Empfang des Jäger-Reserve-Bataillons Nr. 4 auf dem Markt von Naumburg

Verstärkung der Exekutive durch Militärpolizisten und Einrichtung der Revierwachen

Dezember
Teuerungszulage für die Beamten


12. Januar 1919
Demonstrationszug für die Republik, Umzug durch die Stadt

6. Januar
Aufruf der Deutschnationalen Volkspartei, Ortsgruppe Naumburg

15. Januar
Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) redet "vor einer außerordentlichen großen Zahl von Männern und Frauen aller Parteien" in der Reichskrone (Bismarckplatz).

19. Januar
Wahlen zur Nationalversammlung. Erstmals dürfen Frauen ihr Wahlrecht wahrnehmen. MSPD, Zentrum und DDP erringen zusammen die absolute Mehrheit. Sie bilden die Regierung unter Philipp Scheidemann (MSPD).

Regelung der Kommandogewalt und Stellung der Soldatenräte durch einen Erlass des Reiches.

26. Januar
Landtagswahlen

Dezember / Januar / Februar 1919
Konstituierung der Ortsgruppe des Spartakusbundes Naumburg. Umwandlung in KPD-Ortsgruppe.

11. Februar
Wahl von Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten durch die Nationalversammlung in Weimar

14. Februar
Rede von Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) als Sprecher der Fraktion der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) vor der Nationalversammlung in Weimar

23. Februar
Die Konferenz der Bergarbeiter Mitteldeutschlands beschliesst im Volkspark von Halle den Generalstreik.

25. Februar
Streik in Naumburg. Landrat Hellmuth Carl Ernst August Freiherr von Schele fordert die ihm unterstellten öffentlichen Institutionen auf in den Abwehrstreik zu treten, falls die Arbeitsniederlegung nicht bis zum nächsten Tag Mittag 12 Uhr beendet wird.

2. März
Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung. Erstmals dürfen Frauen ihr Wahlrecht wahrnehmen.

7. März
Beendigung des Generalstreiks

18. März
Aufruf im Naumburger Tageblatt: "Spartakus holt zum letzten Schlage aus! Beschirmt Eure Frauen und Kinder! Schützt Haus und Herd, verteidigt Eure Zukunft!"

23. März
Wahlen zum Arbeiter- und Soldatenrat. Bürgermeister Karl Roloff wird als Mitglied gewählt und ihr Vorsitzender.

27. März
In der ersten Sitzung der Stadtverordneten wird Generalmajor Louis Schwarz (Kaiser-Friedrich-Platz 1) mit 20 von 36 möglichen Stimmen zum Stadtvorsteher gewählt.

Frühjahr
Anwerbung von Bürgerkriegs-Söldnern für das Landes-Jäger-Korps (Reichswehrbrigade XVI, Maercker).

18. Mai
Demonstration gegen den Vernichtungsfrieden

Ein Erlass des sozialdemokratischen Regierungskommissars und kommissarischen Oberpräsidenten Otto Hörsing vom 18. Mai 1920 erklärt die Arbeiter- und Aktionsausschüsse für aufgelöst.

Frühsommer
Die politische Stimmung schlägt in militanten Nationalismus um.

 

 

„Nachdem bekannt geworden war, dass die Revolution ausgebrochen ist“, gibt Karl Voigt (Jahrgang 1883, früher SPD-Mitglied) 1958 eine Rückschau, “versammelten sich die Soldaten in der neuen Kaserne. Hier wurde eine Versammlung durchgeführt und [ein] Soldatenrat gewählt. .... Aus den in Naumburg stationierten Soldaten wurde ein Revolutionsbataillon gebildet, welches Quartier im jetzigen Krankenhaus nahm.“ Gemeint ist damit die Wachkompanie des Arbeiter- und Soldatenrates (ASR). Die "alten Offiziere" trafen sich im Gasthaus Lämmerschwänzchen (Lindenring 12). "Es wurden Putschversuche vorbereitet. Offiziere hatten die Absicht, Artillerie auffahren zu lassen, .... [Der] Arbeiter- und Soldatenrat erhielt Nachricht von dieser Verschwörung. Sie liessen eine Kompanie des Revolutionsbataillons aufmarschieren und lösten die Gruppe auf." Hierzu liegen keine weiteren verlässlichen Nachrichten vor. Aber das der ASR einen Putsch befürchtete, kann seiner Erklärung vom 3. Dezember entnommen werden.

 

  

An die Bevölkerung und Soldaten von Naumburg und Umgebung
Erklärung des Arbeiter- und Soldatenrates vom 3. Dezember 1918

„Da unser eifrigstes Bestreben dahin geht, für Ruhe, Ordnung und Frieden zu sorgen, was wir momentan für unsere heiligste Pflicht halten, so ersuchen wir sämtliche Einwohner und Soldaten von Naumburg und Umgebung, sich unseren Anordnungen zu fügen. Wir warnen hiermit einen jeden, einen Putsch gegen den Arbeiter- und Soldatenrat zu unternehmen, wodurch Ruhe und Ordnung gestört werden und der Bruderkrieg heraufbeschwören würde, welchen wir vermeiden wollen. Wir weisen nochmals auf unser Standgericht hin und werden ohne Gnade bei Übertretungen vom selbigen Gebrauch machen.

Der Arbeiter- und Soldatenrat Naumburg
Heinrich Gasterstedt.“

 

 

Weil die Naumburger Jäger als besonders kaisertreu gelten, werden sie am 7. November zur Verstärkung der Berliner Garnison in Marsch gesetzt. Mit einer eindringlichen Rede am 9. November auf dem Hof der Alexanderkaserne in Berlin zieht Otto Wels (1873-1939) sie auf die Seite der Regierung.

 

Soldatenrat

Gasterstedt
Kanonier Rother
Kanonier Schelzig
Feldwebel Teichmann

 

Am gleichen Tag geht der Rote König von Naumburg, so nennen seine Freunde später Leopold Heinrich aus der Dompredigergasse 16, durch die Straßen der Stadt. „In der Artilleriestraße, jetzigen [Thomas-] Müntzerstraße, begegnete er Soldaten aus der Kaserne, die ungeordnet und in fideler Stimmung durch die Straßen schlenderten und auf das Befragen des Genossen Heinrich, was das bedeutete erklären diese:

Wir machen Revolution.

Da in der Stadt selbst alles ruhig war, begab er sich nach dem Bahnhof. Bei einer Rücksprache mit Genossen Schwarz, Schriftführer bei der USPD, erfuhr er, dass die Partei selbst noch nichts unternommen hatte. Der Bahnsteig des Hauptbahnhofes war voller Jäger und dort verlas ein Unteroffizier ein Flugblatt mit dem Schlusssatz:

Es lebe die sozialistische Revolution.

 

Arbeiterrat - November 1918

Vorsitzender
Leopold Heinrich

Beisitzer
Schriftsetzer Max Ixmeier

Versorgungsausschuss
Tischlergeselle Gustav Flöhl
(Michaelisstraße 23,
später Siedlungshof 11)
und
Korrektor Franz Fuhrmann

Stadtverwaltung
Schneider Robert Manthey
(Große Jägerstraße 51)
und
Elektromeister Richard Fernschild
(Große Salzstraße 13)

Verkehrsausschuss
Schriftsetzer Friedrich Ulrich
und
Bauarbeiter Otto Fischer

Außerdem
Schwarz,
Louis Knauer
Weineck
und Bräutigam
von der SPD.

Schriftführer
August Winkler

 

Genosse Heinrich ergriff die Initiative und besetzte mit diesen Jägern zuerst das Bahnhofsgebäude und gab Anweisung, dass keine Arbeiter mehr nach auswärts in die Betriebe wie Leuna befördert werden dürfen. Er ließ dort die Wachen zurück und zog mit den anderen Jägern nach der Jägerkaserne, wo er als Wache nur einen Jäger antraf. Auf eingehendes Befragen desselben, stellte sich heraus, dass die Oberjäger der Kaserne in den Kellern versteckt waren, während die Offiziere die Kaserne verlassen hatten. Auch hier gelang es Heinrich, die Oberjäger für die revolutionäre Bewegung zu gewinnen. Mit ihnen besetzte er dann die anderen öffentlichen Gebäude, wie Rathaus, Post und so weiter. Die bürgerliche Zeitung Das Reichsblatt wurde sofort unter Zensur gestellt. Da der Genosse Heinrich alle Anordnungen als Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates traf, ohne dass einer bisher gewählt worden war, ging er dazu über, durch Versammlungen in den Kasernen den Soldatenrat zu bilden. Heinrich selbst übernahm die Wahlen der Soldatenräte in den Jägerkasernen, während der aus Berlin stammende und sich in der Kaserne Weißenfelser Straße stationierte Adolf Schuster die Wahl in den Artilleriekasernen durchführte. Er war der Initiator dort und entfaltete unabhängig von der Tätigkeit Heinrichs, eine revolutionäre Bewegung und organisierte die erste Soldatendemonstration mit der Roten Fahne in Naumburg (Saale).“

Im Unterschied zu Eugen Wallbaum datiert Leopold Heinrich dieses Ereignis auf den 8. November, wenn er berichtet:

"Freitag gegen 21 Uhr war ich auf dem Bahnhof. Auf den Bahnsteigen befanden sich viele Jäger der Naumburger Garnison. Ein Unteroffizier der Artillerie verlas ein Flugblatt. Es schloss mit den Worten: Es lebe die Revolution! Hier griff ich ein und erklärte den Soldaten, was jetzt zu tun sei. Es galt, den Bahnhof zu besetzen und die Abfahrt nach Leuna zu verhindern. Die übrigen Jäger nahm ich mit zur Jägerkaserne, um dann noch das Postamt, das Rathaus, die Druckerei Sieling, die Kadettenanstalt und das Munitionsdepot zu besetzen. Dann gingen wir durch die Straßen und kontrollierten, ob alles in Ordnung war."

Andreas Nöding (Naumburg), damals in der Kanonierkaserne in der Weißenfelser Straße stationiert, hinterliess die Nachricht:

"In dieser Nacht vom Freitag zum Sonnabend, gegen 1 Uhr, blies der Hornist Alarm. Als sich alle auf dem Hofe versammelt hatten, stieg ein Kanonier auf den Tisch und teilte mit, dass ein Arbeiter und Soldatenrat gebildet sei und dass die Offiziere nichts mehr zu sagen hätten." (Zur Vorbereitung)

Vorstand der SPD-Ortsgruppe
Naumburg (1928)

Aber so spontan wie in diesem Bericht der Umsturz erscheint, ist er denn doch nicht. Zum einen findet bereits Ende Oktober in Naumburg eine SPD-Versammlung statt, in der eine scharfe Resolution für den Frieden angenommen wird (vgl. Leopoldt 144).

Zum anderen traf sich am Vortag eine Gruppe von Sozialdemokraten bei Leopold Heinrich zum Gespräch, um über die jüngsten Ereignisse zu beraten. Es ist nicht unrealistisch, darauf zu spekulieren, dass hierbei auch die Versammlung mit dem SPD-Bezirkssekretär aus Halle vorbereitet - oder doch noch einmal besprochen wurde, die am 10. Oktober in der Reichskrone stattfindet.

In den Kasernen wählt man am Sonnabend (9. November) den Soldatenrat.

"Die Stadtverwaltung unterstellte sich den Anordnungen des Soldatenrates, der somit die gesamte Gewalt an sich genommen hatte. Der übliche Geschäftsgang bei der Verwaltung nimmt aber seinen geordneten Verlauf." (Umsturz)

In der Jägerkaserne unterstützte Leopold Heinrich und in der Artilleriekaserne Adolf Schuster die Wahl des Soldatenrates. Hierbei gab es einige Plänkeleien mit den Offizieren.

Die ersten Deklarationen und Anordnungen vom Arbeiter- und Soldatenrat (ASR), als er alle wichtigen Institutionen, darunter die Stadtverwaltung und das Kadettenhaus besetzt (vgl. Blüthgen 1958) hält, sind vom Maler Leopold Heinrich und vom Feldwebelleutnant [Ernst] Gasterstedt (Oststraße 29) unterzeichnet.

 

 

Bismarckplatz mit Reichskrone (links). Zeichnung um 1928 von Unbekannt.

 

Am Sonntagnachmittag,

10. November,

findet in der Reichskrone die Wahl des Arbeiterrates statt. Eingeladen sind Bürger, Soldaten und Arbeiter. Zunächst gibt Fritz Drescher als Referent einen Überblick über die politische Lage.

 

Fritz Drescher

"1904 in Dresden geboren, in Halle aufgewachsen, Sozialdemokrat seit 1921, Zeitungsredakteur und kaufmännischer Angestellter. Bald nach der Machtergreifung Adolf Hitlers war er wegen einer Flugblattaktion erstmals zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt worden. 1936 folgten erneut Verhaftung und Verurteilung wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu vier Jahren Zuchthaus, die er bis 1940 verbüßte. 1945 zählte Fritz Drescher zu den Wiederbegründern der SPD im Regierungsbezirk Halle-Merseburg, wo ihn die Sowjetische Militäradministration als Vizepräsidenten der Bezirksregierung einsetzte. Zwei Jahre später wechselte er in das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der Landesregierung von Sachsen-Anhalt. Wegen seiner Kontakte zum Ostbüro der SPD in West-Berlin wurde er 1948 von der sowjetischen Geheimpolizei festgenommen und im Juni 1949 vom sowjetischen Militärtribunal in Halle wegen Spionage, sozialdemokratischer Gruppenbildung und antisowjetischer Propaganda zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt."

(Eisenfeld 10. Siehe auch Beatrix Bouvier: Fritz Drescher)

 

Die Niederlage im Krieg, führt er aus, bedeutet den Sieg der Freiheit. Demokratie ohne Freiheit gibt es nicht. In Berlin stellte sich das Jägerregiment aus Naumburg auf die Seite des Volkes. Der Soldat übernimmt nun andere Aufgaben als im Krieg. Er soll die Freiheit schützen. Für den Redner bedeutet die

„Niederlage Deutschlands den Sieg der deutschen Freiheit“. „Was diese Bürgerkreise verlören, sind nur Äußerlichkeiten, sie gewännen aber die brüderliche Zuneigung der breiten Massen. Und die Arbeiter gewännen zwar keinen reich gedeckten Tisch, aber ein menschenwürdiges Dasein …“

Die weitere Aussprache am 10. November kreist um die dringendsten Tagesaufgaben: Verhinderung der Hamsterei, Unterbindung von Schleichhandel, Sicherstellung der Lebensmittel- und Kohleversorgung, Kampf gegen die Preistreiberei (z.B. bei Obst) und Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit durch bewaffnete Patrouillen.

Dann unterbreitet Feldwebel Feldmann die Vorschläge für den Soldatenrat: Feldwebelleutnant Gasterstedt, Kanonier Rother, Kanonier Schelzig und Vizemachtmeister Frohn. Wie die Aussprache erbrachte, steht der Soldatenrat zunächst vor folgenden Aufgaben: Wahl der Offiziere und Unteroffiziere durch die Mannschaften, Reform des Militärgesetzbuches, Änderung des Beschwerderechts und die Entbindung von der Grusspflicht außerhalb des Dienstes. Kanonier Schelzig tritt mit der Bemerkung hervor, die sozialistische Republik sei das Idol der Revolution.

"Die Revolution verlief in Naumburg in ruhigster Weise", schreibt Karl Waase 1919 in Die Naumburger Jäger im Weltkriege (116), "reife und umsichtige Männer waren zu Führern gewählt und der Vorsitzende des Soldatenrates (Oberjäger Tillwichs) verstand es, Ruhe und Ordnung zu halten, Vertrauen der Arbeiter und Bürgerschaft zu erringen und den goldenen Mittelweg einzuschlagen."

Die Kandidaten für den Arbeiterrat wurden einstimmig gewählt. Der Vorschlag für Soldatenrat erhielt zwei Gegenstimmen. Das Personaltableau bewerten die Autoren der Geschichte der KPD - Bezirksorganisation Halle-Merseburg bis 1933 so: "In wichtigen Arbeiter- und Soldatenräten des Bezirks, in Zeitz, Bitterfeld und Naumburg beispielsweise, entsprachen Zusammensetzung und Politik der Arbeiter- und Soldatenräte nicht den Interessen, wie sie demonstrierende Arbeiter in ihren Forderungen zum Ausdruck brachten." (38) Dies bringt eine gewisse Unzufriedenheit mit dem revolutionären Elan des Naumburger Arbeiter- und Soldatenrates zum Ausdruck. Sie relativiert sich, wenn die objektiven Voraussetzungen seiner Tätigkeit in die Betrachtung einbezogen werden, die in Kurzfassung lauten: a) Naumburg als Garnisonsstadt (starke Militärkonzentration). b) Habitus als Beamten- und Gerichtsstadt. c) Dominanz deutschnationaler Kräfte. d) Festhalten des Establishments an der wilhelminischen Politik- und Alltagskultur.

 

In den Abendstunden des

13. November

treffen sich in der Reichskrone am Bismarckplatz (Theaterplatz) die Bürger zur größten Volksversammlung, die Naumburg bis dahin gesehen hat. Es ist Ausdruck für das enorme Interesse am demokratischen Umschwung. Der Referent des Abends, Bernhard Düwell (USPD) aus Zeitz, sieht den Sonnenaufgang einer deutschen Republik heraufziehen und prophezeit: Morgen erwachen wir in einem ganz neuen Staatengebilde. Anordnungen des Arbeiter- und Soldatenrates (ASR) tragen jetzt Gesetzeskraft. Eine sozialdemokratische Regierung ist ernannt. Mit dem Kaiser war dieser Wandel nicht möglich. Die Bedingungen des Waffenstillstandes gelten dem alten System, sagt Düwell, nicht aber dem deutschen Volke, was aber nicht allgemein akzeptiert wird. Dann verliesst der Referent ein Schreiben des Regierungspräsidenten von Merseburg Wolf von Gersdorff (1867-1949), worin er die vollziehende Gewalt der Arbeiter- und Soldatenräte anerkennt.

Preussischer Hof um 1910, Marienstrasse 35

Zwei Tage später fordert der in einem Schreiben an die Landräte und Bürgermeister, dass keine Aufhebung der Gemeindevertretungen und städtischen Deputationen oder die Übertragung ihrer Befugnisse an revolutionäre Organe erfolgt. Die Frage der Regierungsform muss das ganze deutsche Volk nach der Demobilisation in der Nationalversammlung entscheiden. Damit offeriert das Mitglied des Bezirks-ASR eine politische Operationsplanung, die den planmässigen Übergang von den ASR zur Nationalversammlung zumindest für möglich hält und den Plänen der Regierung entgegenkommt. Aber in der USPD führt dies im Frühjahr zu heftigen Streit. Die Erfahrungen mit dem Betriebsrätegesetz am 13. Januar 1919 und Mitteldeutschen Bergarbeiterstreik ab 24. Februar 1919 sowie die Sozialisierungsfrage verändern die politische Lage. Weil die Forderungen der Revolution ausser Sichtweite geraten, spricht sich Bernhard Düwell am 19. Januar 1919 energisch gegen die Abschaffung der ASR aus.

Heute - am 13. November - herrscht in der Reichskrone Versammlungsfreiheit und eine hoffnungsvolle Stimmung. Eine Zensur gibt es nicht. Jeder kann schreiben, was er will. Jeder kann die ASR angreifen, ihm wird nichts in den Weg gelegt, betont der Referent. - Im Anschluss an seine Rede kommt es zu einer lebhaften Diskussion über die zurückliegenden Ereignisse und die Ursachen der Revolution.

Das Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates Grafe spricht über den Kaiser, seine Rittergüter, Schlösser, Burgen. Er kritisiert die parasitäre Lebensweise der Reichen im wilhelminischen Zeitalter, zerstört die Mythen vom Friedensfürsten und Volkskaiser. In die Leerräume rückt er gleich neue Illusionen ein: "Jetzt sei die Zeit gekommen, wo der Arbeiter zu Ehren gelangen kann." Zumindest konnte Bernhard Düwell in der Reichskrone versprechen, dass am 1. Januar 1919 der 8-Stunden-Tag in Kraft tritt.

Stadtverordneter Bartholomäi prangert die Sünden der früheren Regierung an. Ausserdem wirft er die Frage nach der Zusammensetzung des ASR auf. Er will ihn durch Aufnahme weiterer Berufsgruppen erweitern. "Selbstverständlich bestehe der Rat nur aus Arbeitern", antwortet der Rote König (Leopold Heinrich, USPD), "denn sie seien es allein, die sich befreit hätten, sie vertreten aber auch die Interessen aller anderen."

Amtsrichter Pauly präsentiert das gebildete Bürgertum und artikuliert die in seinen Kreisen weit verbreitete Sorge, dass die Wirtschaftsordnung zusammenbrechen könnte.

Als Sitz des ASR dient zeitweise der Preussische Hof. Im

Aufruf an die Bürger Naumburgs

vom 11. November 1918 informiert er über die dringendsten Aufgaben und Verhaltensregeln: Er hat die Macht übernommen, stellt die Sicherheitspatrouillen, kontrolliert die Zugangswege zur Stadt und bekämpft die Plünderer. Schulkinder dürfen nach 5 Uhr abends nicht mehr auf der Strasse sein. Jugendliche unter 18 Jahren sollen nach der Arbeit sofort nach Hause gehen und die Wohnung nicht mehr verlassen. Alle Bürger sollen ihrer normalen Arbeit nachgehen.

Mit Beschluss vom 3. Dezember 1918 bestimmt der ASR, dass sämtliche im Privatbesitz befindlichen Waffen am 5. und 6. Dezember von 8 bis 12 Uhr im Artilleriedepot Weissenfelser Straße abzugeben sind. Nach der Wahl schritt man gemeinsam zur Kundgebung auf den Markt, wo Bernhard Düwell (USPD) eine Ansprache hält.

 

Auf dem Marktplatz findet am Freitag (15.11.) eine Soldaten-Versammlung statt. Nachmittags ziehen Tausende durch die Stadt. Am Marientor spricht ein USPD-Mann zu den Bürgern.

 

Schwarzes Roß
(vielleicht um 1925)

Am Sonnabend, den 16. November drängen viele Bürger zur Versammlung des Naumburger Lehrerrats in das Schwarze Roß. Der Saal kann nicht alle aufnehmen, die gekommen sind. Ernst Heinrich Bethge, Studienrat Flemming, Lehrer Fischer, Seminarlehrer Bonitz und andere wollen eine Volkshochschule gründen. Der Lehrerrat steht dem Arbeiter-Soldaten-Rat für alle Fragen der Volksbildung zur Verfügung. Zugleich erstrebt in den gegenwärtigen Wandlungsprozessen um eine gebührende Stellung der Kopfarbeiter, die Artikulierung schulpolitischer und staatspolitischer Ziele.

 

Am 23. November

tagt die

Arbeitsgemeinschaft der Bürger,

kurz Bürgerversammlung, im Saal der Reichskrone. Schon eine Stunde vorher gibt es nur noch Stehplätze. Versammlungsleiter Justizrat Ludwig Wallach (Charlottenstrasse 1 E) eröffnet die Versammlung und begrüsst, dass das Bürgertum aus seinem Schlaf erwacht ist. Es folgt die Einführungsrede von Rechtsanwalt Paul Herrmann. Zur Diskussion sprechen unter anderen Roehl, General der Artillerie a. D., Lehrer Ernst Heinrich Bethge, Pfarrer und Stadtverordnete. Schliesslich verabschiedet die Versammlung eine für Naumburger Verhältnisse beachtliche Entschliessung:

„Die Bürgerschaft Naumburgs ist mit der derzeitigen Reichsregierung und der Mehrzahl der Arbeiter- und Soldatenräte [ASR] einig in dem Bestreben, mit tunlichster Beschleunigung die Einberufung einer aus allgemeinen Wahlen des Volkes gebildeten Nationalversammlung vorzubereiten, die über die Neugestaltung Deutschlands auf demokratischer Grundlage beschließt und den endgültigen Frieden mit unseren Feinden, Ruhe und Gesetzlichkeit im Inneren herstellt.“ (Bildung 1918)

Die Text verfassten Buchbinderobermeister Alexander Schmidt (Große Marienstraße 11), Schneiderobermeister Schmidt, Kunstglaser Müller, Straßenbahnschaffner Gotthilf Ehrlich und Frau (Große Marienstraße 32), Lehrer Richard Trost (Hallische Straße 58), Oberpostschaffner August Barmann (Eckhardtstraße 3 E), Bäckermeister Otto Teutsch (Große Salzstraße 31 E), Tischlermeister Karl Neuber (Michaelisstraße 91 E), Rektor Zahn, Magistratssekretär Hoppe, Gärtnereibesitzer Alwin Löther (Weißenfelserstraße 5 E), Malermeister Gustav Müller und Kaufmann Victor Artes (Herrenstraße 19).

Doch die Ziele werden vom nationalkonservativen, völkischen und nationalprotestantischen Bürgermilieu bald aufgegeben und durch die DNVP, Wehrwolf, Jungdo und Stahlhelm neu formartiert.

Im Frühsommer 1919 schlägt die politische Stimmung in der Stadt um. Ab 1. Dezember 1918 erhöht das Kriegsernährungsamt per Weisung die Mehlration um 40 Gramm.

Aber nur die Wiederbelebung des freien Marktes kann die Nahrungsmittel hereinlocken, mit den wir die Hungermonate überstehen können, prophezeit der deutschnationale Politiker Georg Schiele (Naumburg) unter dem Motto "Marktfreiheit und Freizügigkeit!" im Naumburger Tageblatt vom 19. Februar 1919.

Ausserdem können die Bürger jetzt ohne Bezugsschein wieder Scheuer- und Taschentücher, Manschetten, Korsette, Schlafsachen für Männer, ungefütterte Bettüberdecken, Spielwaren, Spitzenstoffe, Tülle, Gürtel, Gamaschen, Herrenwesten und Matratzen kaufen. Bett- und Badewäsche wurde bisher nur für Kranke, Wöchnerinnen und Säuglinge ausgegeben. In Ausnahmenfällen gab es noch Hand- und Geschirrtücher, die jetzt wieder jeder frei erwerben kann. Frauen und Mädchen erhalten bis 8. Januar 1919 zwei Bezugsscheine für Oberkleidung. Der eine gilt für Fertigware oder Stoff. Auf den anderen erhalten sie einen Mantel. Zusätzlich kann auf Antrag ein Knaben- oder Herrenwintermantel gewährt werden.

Zum 2. Dezember 1918 wird das Tanzverbot aufgehoben.

Für die Beamten gibt es vor Weihnachten schnell noch eine Teuerungszulage.

"Draußen liegen noch Massen von Kartoffeln und unzählige Massen von Zuckerrüben. Wir müssen wieder an die Arbeit. Aber wie?", rätselt Doktor Georg Schiele in der Reichskrone am 2. Dezember. Der Kaiser im Exil, die Krieger des totalen Krieges nutzlos und der Sieger von Tannenberg sprachlos. Keiner vermochte die Zivilgesellschaft aufzurütteln. Da proklamiert der Arbeiter- und Soldatenrat:

Sozialismus ist Arbeit.

Die sozialistische Idee mobilisiert erhebliche Teile der Bevölkerung.

Am 5. Dezember beschliesst die Stadtverordnetensitzung den Aufbau einer kommunalen Erwerbslosenfürsorge. Für die Ausführung von Notstandsarbeiten in der Seilerhohle, Camburger Straße, zur Ausbesserung des Flemminger Weges und für den Abbruch des alten Brennofens an der Halleschen Straße stellt sie 50 000 Reichsmark zur Verfügung.

 

 

Heimkehr.
Die Toten des Krieges fielen doch nicht umsonst?  nach oben

Als erster Trupp kehrt am 14. November das aktive Feldbataillon Jäger 4 nach Naumburg zurück. In dasselbe gehen nach ihrer Auflösung die Reserve-Jägerbataillone 4 und 21 über. (Vgl. Waase 16)

"Bei der Rückkehr unserer tapferen Volksgenossen, die in schweren Kämpfen vier Jahre ihr mit ihrem Leben die Heimat geschützt [!] haben, ersuchen wir", ruft der Arbeiter- und Soldatenrat am 23. November 1918 die Bürgerschaft auf, "die .... Häuser durch Flaggen zu schmücken. Dabei sind besonders rote Fahnen zu benutzen. Wo nur die preußische und deutsche Flagge zur Verfügung steht, wird gebeten, diese Fahnen mit roten Schleifen zeitgemäß zu kennzeichnen."

"Nach 50 Monaten ist es Euch vergönnt," begrüsst der Magistrat die heimkehrenden Soldaten am 26. November 1918, "wieder in Eurer Familie, die des Vaters und Sohnes so lange entbehren musste, dauernd heimkehren. Die Freude der Eurigen ist auch die unsere! … Seid willkommen in Eurer alten Garnison Naumburg! Ihr kehrt in ein neues Vaterland zurück. Von Grund auf haben sich die Verhältnisse gewandelt, Altes ist gestürzt, Neues soll aufgebaut werden." Vergleichsweise klug gesetzte Worte. Politisch deutlich einsichtsvoller als die Ansprache an die Heimkehrenden Truppen von Friedrich Ebert (1918, 94 f.) vor dem Brandenburger Tor am 10. Dezember 1918, wo er sagt:

"Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat Euch überwunden. Erst als die Übermacht der Gegner an Menschen und Material immer drückender wurde, haben wir den Kampf aufgehoben …. Erhobenen Hauptes dürft Ihr zurückkehren."

Kein Feind hat sie überwunden? Ungeschlagen? Erhobenen Hauptes? Nach Gaskrieg und Verdun, den vielen Toten und den Fehlentscheidungen der Generalstabsstrategen?

Was sollen die Repräsentanten auch sagen? Wir haben uns geirrt. Der Platz an der Sonne war schon besetzt. Ob der Singularität der Ereignisse versagen alle bisher im Alltag gebräuchlichen Pattern. Die soziale Lage der Kriegsteilnehmer ist deutlich schwieriger, als es die öffentliche (An-) Sprache vermittelt. Über das Kriegsleid spricht die Stadt nicht gern. Verantwortliche fürchten einen Schock, der Unrechenbares mit sich bringt, die staatsbürgerliche Loyalität erodiert. Insoweit ähnelt die Situation der nach 1945, als man lange Zeit hinweg froh war, dass an die Verbrechen der Nationalsozialisten im unmittelbaren Lebensumfeld niemand rührte, brächte es doch nicht nur zusätzliche Unruhe, Ängste, sondern unerwünschte Fragen nach der moralischen Mitverantwortung hervor. Die Verhältnisse sind eh schon fragil.

Jedenfalls steigt das Gefühl des Unbesiegten zu einer der wichtigsten sozialpsychologischen Tatsachen der Nachkriegszeit empor. "Wenn wir auch nicht so wiederkamen," artikuliert 1919 der in Naumburg stationierte Karl Waase die soldatische Bewusstseinslage, "wie wir es uns einst beim Auszug ins Feld erträumt und gedacht, wenn wir auch nicht als Sieger heimkehrten,

als Unbesiegte fühlen wir uns vom 4. Jägerbataillon."

Viele Naumburger geben sich dem Zauber von der Unbesiegbarkeit der deutschen Truppen hin. Es entlastete von der Frage, ob der Krieg nicht ganz umsonst gewesen war.

Ernst von Salomon (1902-1972), der im Januar 1922 in Naumburg (Saale) an der Befreiung von Ludwig Dithmar massgeblich beteiligt, erzählt in Die Geächteten (1930, 23-27) über die schmerzliche Desillusionierung der Bürger und die aufkommende Entfremdung zwischen ihnen und der Truppe: "In der Mitte des Dezember [1918] rückten die Frontruppen in die Stadt. Es war nur eine Division; sie kam aus der Gegend von Verdun. Auf den Bürgersteigen drängte sich die Menge. Einzelne Häuser zeigten schüchtern die schwarz-weiss-roten Fahnen. ....

Wir standen und warteten auf die Besten der Nation. ....

Die Toten des Krieges fielen doch nicht umsonst,
das durfte ja nicht sein, das war unmöglich. ....

Die Soldaten marschieren .... Keine Fahne. Kein Zeichen des Sieges. Nun kamen schon die Bagagewagen. Das war ein ganzes Regiment. ....

Und wie ich diese tödlich entschlossenen Gesichter [bei der heimkehrenden Truppe] sah, diese harten wie aus Holz zurechtgehackten Gesichter, diese Augen, die fremd an der Menge vorbeisahen, fremd unverbunden, feindlich - ja, feindlich - da wusste ich, da überfiel es mich, da erstarrte ich

- - das war ja alles ganz, ganz anders,
das war ja alles gar nicht so,
wie wir es dachten, wir alle,

die wir hier standen, wie ich es dachte, jetzt und die ganzen Jahre hindurch, das musste ja alles ganz anders gewesen sein. Was wussten wir denn? Was wußten wir denn von diesen da? Von der Front? Von unseren Soldaten? Nichts, nichts, nichts wußten wir.

O Gott, dies war entsetzlich.
Das war ja alles gar nicht wahr; was hatte man uns erzählt?
Man hatte uns ja belogen, das waren nicht unsere Feldgrauen,
unsere Helden, unsere Beschützer der Heimat ....

Sie gehörten nicht zu uns, sie gehörten nicht zu den Roten .... Welch ein ungeheuerlicher Irrtum war es, der es vermochte, uns vier Jahre lang glauben zu machen, wir gehörten zueinander, welch ein Irrtum, der jetzt zerbrach."

Oft leiden die Unbesiegten unter kriegsbedingten traumatischen Erlebnissen, Ängsten und psychischen Störungen, müssen mit körperlichen Verletzungen, Verstümmelungen und Einschränkungen leben. Kriegerfrauen erhalten von der Stadt im städtischen Verwaltungsgebäude Seilergasse 6/10 monatlich eine Familienunterstützung. Was wurde aber aus ihren Lebensplänen und Träumen? 1081 Gefallene (Friedrich Hoppe) und Vermisste hinterlassen Kinder, die geliebte Frau, Eltern, Geschwister und Freunde. In den Rumpffamilien treten bei den Zöglingen bisher nicht gekannte Störungen im Sozialverhalten auf. Alkoholismus und Geschlechtskrankheiten, oft mit prekären Lebensverhältnissen vergesellschaftet, weiten sich stark aus.

Am 20. Dezember kehren weitere Truppen aus dem Feindesland zurück. Der Kommandeur des Reserve-Jägerbataillons-Nr. 4 besteht darauf, die auf dem Rathaus wehende rote Fahne einzuholen. Andernfalls will er auf den Aufmarsch zu Ehren für die heimkehrenden Soldaten und Offiziere auf dem Markt verzichten. Prompt erklärt der Arbeiter- und Soldatenrat:

"Die Fahne ist nach Beendigung der Feierlichkeiten sofort wieder gehisst worden und bleibt gehisst. Wir warnen aber nochmals dringend vor Unbesonnenheiten, die nur zu Blutvergießen führen könnten, da wir mit großer Schärfe gegen jeden Versuch, die Fahne herabzuholen, einschreiten werden. Nach einem Befehl des Kriegsministeriums ist die Beflaggung öffentlicher Gebäude mit der roten Fahne zulässig. - Die Fahne wird bewacht." (21.12.1918)

Im Januar 1918 verschlägt es Georg Schiele (Naumburg) zum Vortrag in den Bund der Kriegsgeschädigten. "Wenn ich auf die heranwachsende Jugend sehe," sinniert das Mitglied der Vaterlandspartei hinter dem Pult, "so lege ich mir die Frage vor, werdet ihr auch wieder zu Hunderttausenden geopfert werden müssen". Aus dem Publikum schallt es zurück:

"Wir wollen keinen Krieg wieder!"

In weiten Teilen der Bevölkerung bildet sich, wie beim Bergarbeiterstreik in Zeitz am 1. März 1919 oder im März 1920 bei der Reaktion der Kapp-Gegner in Naumburg und Bad Kösen zu beobachten, gegen die Reichswehr, Freikorps und Freiwilligen (Schwarze Reichswehr), eng vergesellschaftet mit der Desillusionierung über die wilhelminische Politik, eine Antihaltung heraus.

 

Landesjägerkorps, Reichswehr, Freiwilligen Verbände  zurück

Der Versailler Vertrag sieht eine Reduzierung der Berufsarmee auf 100 000 Mann mit höchstens 4 000 Offizieren vor. Von November 1918 bis zur Entlassung der Kadetten am 9. März 1920 bilden Demobilisierung, Mobilisierung (Aufbau von Freiwilligenverbände), Umbau der Reichswehr und Aufbau der Einwohnerwehr ein schwer zu entwirrendes Knäuel von Ereignissen.

Naumburger Tageblatt, 15. März 1919

Anfang Januar 1919 rufen die Mitglieder des ASR vom Feldartillerieregiment 55 Hauptmann Freiherr von Hiller und Unteroffizier Schleitzer die Männer von Naumburg auf, in ihre Einheit einzutreten. Zwei Batterien sind für die Division des Generals von Reitzenstein aufzustellen. Bedingung hierfür ist, die Gehorsamkeit gegenüber den Vorgesetzten. Neben freier Verpflegung und Kleidung gibt es mindestens 30 Reichsmark Sold pro Monat. Ihre Aufgabe besteht in der Stützung der Regierung.

Bereits im Januar 1919 gingen vom Bataillon 35 Mann zum Ostschutz Korps Lützow und 220 Mann zum Bataillon Kirchheim die an den Kämpfen um Sarne, Sarnekow, Gründorf Wiesenach und Neudorf beteiligt. (Vgl. Waase 117)

Major Freiherr von Seebach entlässt am 9. März 1920 beim Appell vor der Anstalt die Kadetten. Am 1. Juni 1919 werden alle Mannschaften des in Naumburg stationierten Magdeburgischen Jägerbataillons Nr. 4 entlassen. Die Organisation des Rück- und Umbaus der Einheit übernimmt eine Abwicklungsstelle. Vielen entlassene Berufssoldaten und -offiziere verlieren durch die Massendemobilisierung ihre Einkünfte.

Im Januar 1919 übernimmt das Landesjägerkorps unter dem Kommando Generalmajor Georg Maercker den Schutz der Nationalversammlung in Weimar. Ab April ist die Einheit im Regierungsbezirk Merseburg und Ost-Thüringen als Sicherungs- und Unterkunftsgebiet stationiert. Der Stab bleibt im Belvedere (Weimar). Im Juni reorganisiert sich die Einheit als Reichswehrbrigade XVI. Die Auswahl der Offiziere und Mannschaften ist "unter Rücksicht auf etwaige geplante Ereignisse getroffen worden" (Brammer 1920b, 8).

Am 6. März 1919 verabschiedet der Reichstag das Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr. Paragraph zwei ordnet die Zusammenfassung bereits bestehender Freiwilligenverbände, ihre Anwerbung und Eingliederung in die Reichswehr an.

Das Freiwilligen-Landesjäger-Korps (F.L.K.), dann Reichswehrbrigade XVI., sucht ab Februar / März 1919 zum Schutze der Heimatstadt Zeitfreiwillige. Hauptmann a. D. Max Jüttner (Naumburg), der bald als Kreisrat für die Einwohnerwehren der Kreise Naumburg Stadt, Land und Eckartsberga von sich reden macht, stellt im März 1919 "zum Schutz des Vaterlandes" (Karl Waase) einen Zeitfreiwilligenverband aus aktiven Unteroffizieren und Bürgern auf.

Im April 1919 rekrutiert das Freiwillige Landes-Jäger-Korps sein Personal aus den höheren Klassen der Naumburger Schulen. Unter den Domschülern wirbt es um Dienstfreiwillige mit der Drohung:

"Die Gefahr wächst von Stunde zu Stunde!
Spartakus holt zum letzten Schlage aus!".

Naumburger Tageblatt,
18. März 1919

Das F.L.K. fordert in einem Schreiben an die Schulleitungen die Schüler der Untersekunda [10.Klasse], Obersekunda [11. Klasse], Unterprima [12. Klasse] und Oberprima [13. Klasse] zum Beitritt auf. Die Oberlehrer unterstützen dies. Von den Eltern muss eine schriftliche Einwilligungserklärung vorliegen. In Berlin erfolgt die Einstellungsuntersuchung. Geboten wird eine dreimonatige Ausbildung, freie Unterkunft, Bekleidung und mobile Verpflegung plus eine Tageszulage von 5 Mark. Die erste Abteilung soll bis zum 10. Mai 1919 "in Höhe von 500 bis 1000 Mann" einberufen werden. Sie dient zur "Aufrechterhaltung der Ordnung" im Lande und "gegebenenfalls auch zum Grenzschutz". "Nur wenn jeder der, der die Waffe tragen kann, jetzt treu zur Heimat und Regierung steht, kann den schweren Gefahren, die unser Vaterland, von allen Seiten bedräuen, wirksam entgegentreten werden." [FLK, 1919]

Angst vor Spartakus? Die Naumburger Spartakus-Gruppe zählte nur ganz wenige Mitglieder. Meist kamen sie aus der SPD oder USPD. Ihre politische Organisations- und Mobilisierungskraft ist vernachlässigbar. Von ihr gingen keine Gewaltakte aus. Jedenfalls sind keine derartigen Ereignisse dokumentiert und in den nachgewiesenen Quellen gibt es dafür keine indirekten Hinweise. Und trotzdem warnt das Naumburger Tageblatt: "Spartakus holt zum letzten Schlage aus! Beschirmt Eure Frauen und Kinder! Schützt Haus und Herd, verteidigt Eure Zukunft!" Die Angst vor dem Bolschewismus soll Zeitfreiwillige in die Kasernen treiben.

In Wahrheit ging es nicht um Spartacus, zumindest nicht in Naumburg. Die arbeiterfeindliche Rechte (Wehe Dir, wehe Dir, du Arbeiterschwein) besteht auf der Subalternität des Werkmanns, fürchtet Streiks wegen der Sozialisierungsfrage und Hungerrevolten. Ausserdem hofft sie mit Aufstellung von paramilitärischen Einheiten, die im Versailler Vertrag festgelegten Obergrenzen für militärische Truppen umgehen zu können. Das ist vom 5. bis 16. Juli 1920 im belgischen Kurort Spa auf der Konferenz der Alliierten Gegenstand der Erörterungen. Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung, versucht den Militärs der Entente die Notwendigkeit der Beibehaltung der schweren Artillerie mit der Begründung plausibel zu machen, dass die moralische Wirkung auf die Aufständischen unersetzlich sei. Über den Blutdurst war der britische General Morgan höchst erstaunt. (Vgl. Seeckt) Die Alliierten beschliessen die Entwaffnung Deutschlands, was nicht im Interesse der gewaltbereiten revisionistischen Rechten liegt. In einer Note von Anfang Dezember 1920 an General Charles Nollet, Vorsitzender der Interalliierten Kontrollkommission (IMKK) für das Landheer, betont die deutsche Regierung, dass die Selbstschutzorganisationen keinen militärischen Charakter tragen und deshalb nicht unter den Versailler Vertrag fallen. Ihre Aufgabe besteht lediglich in der Niederwerfung der Räteherrschaft nach bolschewistischer Art.

Anwerbungsaktion
Naumburger Tageblatt
, 31. Mai 1919

Auf Befehl des Volksbeauftragten für Heer und Marine Gustav Noske (SPD) gehen die meist rechtsradikal ausgerichteten militärischen Einheiten und Freiwilligenverbände gegen Streikende, Aufständische und militärisch agierende Kapp-Gegner brutal vor. "Sie bildeten eine seltsame Koalition, eine Koalition von Sozialdemokraten und - Nazis", urteilt Sebastian Haffner in Die deutsche Revolution 1918/19 (184). "Und beide Partner dieser unnatürlichen Koalition haben später keine Lust gehabt zuzugeben, was sie getan hatten: die Sozialdemokraten, dass sie die Vorgänger und Vorbilder der späteren SA und SS rekrutierten und die künftigen Nazis auf ihre eigenen Leute losließen; die Nazis, dass sie sich von den Sozialdemokraten anwerben ließen und unter sozialdemokratischen Patronat Blut lecken lernten. Wessen alle Beteiligten sich schämen, wird von der Geschichte gern totgeschwiegen."

Unter dem Kommando von Major Meyn kommt am 21. Oktober 1919 das Landesjägerkorps (Reichswehrbrigade XVI) nach Naumburg in Garnison. Es umfasst die Jägerbatterie, Maschinengewehr- und Radfahrerkompanie, Abteilung Jäger zu Pferde, Nachrichtenabteilung, den Preußischen Panzerzug 29 und Unteroffiziersschule (die am 15. Oktober 1919 aufgelöst). Die Truppen beziehen in der Radfahrer-, Maschinengewehr-, Alten Jäger- und Artilleriekaserne Quartier (Bilder). (Vgl. Waase 118)

Ende Oktober 1919 kommt das Landesjägerkorps / Einheiten der Reichswehrbrigade XVI in der Stadt Suhl zum Einsatz. Arbeiter hatten dort die Gewehrfabrik gestürmt. Die Führung der militärischen Gegenaktion übernimmt die Reichswehrbrigade XI aus Kassel unter Generalmajor Landauer. Von ihr erhalten die Naumburger den Auftrag nach Suhl einzurücken. Drei Infanterie-Kompanien und je eine Maschinengewehr- und Radfahrer-Kompanie sowie eine Schwadron und eine Batterie marschieren in der Nacht vom 27./28. Oktober vom Bahnhof Ilmenau über den unzugänglichen frühwinterlichen Thüringer Wald in das thüringische Städtchen ein. "Das brave Jägerbataillon hatte mit dem schwierigen Nachtmarsch auf vereister Gebirgsstraße eine sehr anerkennenswerte Leistung vollbracht", lobt hernach ihr Kommandeur die Truppe. Maercker befiehlt die Waffenabgabe, muss aber feststellen: "Nicht ein Gewehr wurde abgegeben." Am 10. November 1919 treffen die Truppen wieder in Naumburg ein.

 

Gründung einer neuen konservativen Partei  nach oben

Der militärische Zusammenbruch, das Versagen der monarchistischen Elite und Scheitern der Vaterlandspartei brachte die Konservativen in eine äusserst missliche Lage. Irgendwie müssen sie da schnell herausfinden, denn es stehen die Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 bevor. Die Vertreter aller konservativen Parteien des Stadt- und Landkreises Naumburg treffen sich am Nachmittag des 2. Dezember 1918 im Schwarzen Ross und beschliessen die Auflösung ihrer Vereinigungen, um sofort der DNVP beizutreten. Einen wichtigen Impuls hierfür gab der DNVP-Gründungsaufruf vom 24. November 1918. Darin heisst es: "Wir sind bereit und entschlossen, auf dem Boden jeder Staatsform mitzuarbeiten, in der Recht und Ordnung herrschen. Gegen jede Diktatur einer einzelnen Bevölkerungsgruppe verwahren wir uns."

Doktor Georg Wilhelm Schiele
(1868-1932)

Abends ruft das konservative Bürgertum - Nationalliberale, Nationalkonservative, Freikonservative, Völkische, Alldeutsche - erneut zur politischen Versammlung in die Reichskrone. Als Hauptredner ist Georg Schiele bestellt. Eigentlich passt das nicht so recht, denn als Herausgeber der Naumburger Briefe ist er für radikale Positionen bekannt. Jetzt kommt es aber auf die Vereinigung der verschiedensten konservativen Strömungen an. Der Vertreter des völkischen Flügels referiert zum Thema:

Was erwarten wir von der Nationalversammlung?

Von ihr erwarten wir, führt er aus, dass sie die Entscheidung darüber geben wird, welchen Weg das deutsche Volk einschlägt. Dabei lautet die Gretchen-Frage: "Führen wir eine neue Wirtschaftsordnung ein, eine sozialistische, wie die Sozialdemokraten es wollen, oder kehren wir zurück zu der alten, freiheitlichen, liberalen bewährten Wirtschaftsordnung." Kann man mit der sogenannten Sozialisierung die Menschen besser satt machen, oder kann man das besser mit einer liberalen Wirtschaftsordnung? Für Schiele ist klar, die Ziele der Wirtschaftspolitik lauten: Freier Handel, offene Märkte und Überwindung der Kriegswirtschaft (mit ihren 35 000 Verordnungen, wie er gerne feststellt). "In Deutschland wird erst dann wieder jedermann genug zu essen haben, wenn man den freien Handel wieder in sein Recht setzt". Für diese Wirtschaftspolitik bedarf es der "Wiederherstellung der Ordnung".

Der Vorsitzende der Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei Naumburg Doktor Jebsen dankt ihm für die Rede und erteilt dem nächsten Redner das Wort.

General ausser Dienst Maximilian von Roehl (1853-1922) informiert die Anwesenden über die bereits am Nachmittag im Schwarzen Ross gegründete Ortsgruppe der DNVP. Vorsitzender ist Dr. med. Jebsen und Stellvertreter Divisionspfarrer Merensky. Der Frauenbund und die Kolonialgesellschaft sollen sich ebenfalls anschliessen, fordert er. Unter Bravorufen stellt Georg Schiele fest: "Wir brauchen hierzulande nicht auf die Herren Wortführer aus Berlin zu warten. Wir können diese Verschmelzungen selbst vornehmen." "Denn die besonnenen Sozialdemokraten brauchen sich zur Seite ein starkes Bürgertum, sonst werden sie sich der Umsturz-Minderheit auf der Linken nicht erwehren können."

Geht es nach ihm, dann sind die Deutschnationalen und Nationalliberalen willkommen. Ein Zusammengehen mit der Deutschen Volkspartei (DVP) erscheint dann für unmöglich. Denn "Diese Partei ist international orientiert. Außerdem aber erklärt sie, und das ist das Gefährliche, dass die Zeit herbeigekommen ist für eine neue Wirtschaftsordnung." Daraus zieht Schiele die Schlussfolgerung: "Mit dieser Partei [der DVP] kann das Bürgertum nicht gehen, wenn es sich nicht selbst aufgibt."

Arthur Graf von Posadowsky-Wehner stellt dies nicht zufrieden. Er möchte die Vereinigung aller bürgerlichen Kräfte.

Was nun folgt, war nicht zu erwarten. Julius Hildebrandt (Naumburg) erwidert kritisch auf die Rede von Georg Schiele:

Die „Deutsche Vaterlandspartei, die in der Führung mit der konservativen Partei identisch gewesen sei und der sich auch die Nationalliberalen angeschlossen gehabt hätten, sei diejenige Partei gewesen, die Deutschland an den Rand des Abgrundes gebracht hätte.“ Diese Parteien

"haben verbrecherisch gehandelt,

weil sie die alte Regierung stützten". "Das deutsche Volk habe niemals in einem Rechtsstaat gelebt, sondern nur ein kleiner Teil davon, die anderen hätten geseufzt. Durch den Umsturz würde dies anders werden".

Georg Schiele antwortet darauf:

"Wir behalten die Überzeugung, daß wir die Angegriffenen sind, also nur einen Verteidigungskrieg führten."

 

DNVP
Ortsgruppe Naumburg

1919-1933

Vorsitzende

In der Anfangszeit: Rechtsanwalt Loewe als Stellvertreter, später Stahlhelm

OLGRat Dr. Fritze

Georg Wilhelm Schiele
(Friedensstraße 7E)

Oberlandesgerichtsrat Wilhelm Kosack (Hochstraße 19)

Dr. phil. nat. Wolfgang Schöbel, Apotheker und Nahrungsmittelchemiker, (Herrenstraße 2, Lorbeerbaum-Apotheke).

Geschäftsführerin
Eva Roth

Parteibüro
Bürgergartenpromenade 2 und später
Burgstraße 8

 

Am 6. Januar 1919 erlässt die Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei Naumburg einen Aufruf, unterzeichnet von Doktor med. Jebsen als ersten Vorsitzenden, Professor Thümen als zweiten Vorsitzenden, Rechtsanwalt Kröber, Oberstleutnant von Olearoius, Oberlandesgerichtsrat Doktor Fritze, Divisionspfarrer Merensky, Rechtsanwalt Bindewald, Studienrat Flemming, Archidiakon Müller und Rechtsanwalt Burkhardt. Sie alle unterstützen die Idee einer freien Volksregierung, die von der Nationalversammlung gewählt wird, und versprechen:

"Für die Zukunft lehnen wir den Umsturz ab, wollen aber fleißig arbeiten an jeden nötigen Fortschritt und an jeder nützlichen Besserung die den Weg der Ordnung gehen."

Ihr Motto heisst, gleiches Recht für alle, "ob reich ob arm, ob hoch-, ob wohl-, oder ob einfach geboren" und "verlangen Ehre und Schutz für redliche Arbeit, ob mit dem Spaten, mit dem Hammer, oder mit der Feder. Dabei besonderen Schutz für die wirtschaftlichen Schwächeren …." Ganz offensichtlich wollen die Initiatoren besonders die Arbeiterschaft ansprechen und gehen damit einen Weg, den der ehemalige Naumburger Bürgermeister Emil Kraatz (1914, 350) in seinen Memoiren bereits vorschlug: "Je schärfer sich die Gegensätze bilden, desto dringender tritt an uns die Aufgabe heran, der sozialen Versöhnung die Wege zu ebenen." Analysiert man die Wahlergebnisse der Stadtverordnetenwahl vom 2. März 1919, dann könnte das ansatzweise gelungen sein.

Ihr Versprechen, Umsturzaktivitäten aufzugeben, hält die DNVP nicht. Wolfgang Kapp putscht am 13. März 1920 mit Unterstützung von Georg Schiele aus Naumburg gegen die Regierung.

Im konservativen städtischen Bürgertum herrscht tiefe Unzufriedenheit mit der Republik und ihren Modernisierungseifer. Die Abdankung von Wilhelm II. hat es nicht verdaut und misstraut der marxistischen [SPD] Regierung. In diesem Fahrwasser rudert Archidiakon G. Müller (Bismarckplatz 2) mit der Erklärung des Bund(es) deutscher Männer und Frauen zum Schutze der persönlichen Freiheit und des Lebens Wilhelm II., die er im Frühjahr 1919 abgibt:

"Begreift, dass die Ehre des deutschen Volkes besudelt wird, wenn Euer ehemaliger Landesvater [der Kaiser], nur um die Rachegier belogener Völker zu befriedigen, zum Gespött der Welt vor einen Richterstuhl gezerrt wird."

In die gleiche Kerbe schlägt Georg Schiele am 2. Dezember 1918 auf der öffentlichen Versammlung in der Reichskrone: "Wir haben das Gefühl, dass hier nicht eine Niederlage der Massen, sondern vielmehr eine Niederlage der Ehre des deutschen Volkes geschehen ist".

Einen Tag nach dem Aufruf vom 6. Januar folgt eine weitere öffentliche Erklärung der DNVP-Ortsgruppe: "Es muss einmal gesagt werden, welche Folgen der so hoch gepriesene Umsturz bewirkt hat":

"Wo ist nun der Verständigungsfrieden ohne Annexionen? Wo ist überhaupt Frieden? Nicht einmal Ruhe und Frieden ist im Inneren; statt dessen Unzufriedenheit, Zerrissenheit, Unordnung, Willkürherrschaft, Klassenherrschaft, Hunger! Statt Frieden verstärkte Hungerblockade und schärfere Einschnürung Deutschlands."

"Man überliefert das ganze Deutsche Reich den Feinden, und wir stehen jedem Einbruch, jeder Gebietsbesetzung vollständig wehrlos gegenüber. Elsaß-Lothringen ist fort …"

Wo sind unsere Kolonien, wo unsere Flotte? Wo unsere Eisenbahnwagen, wo unsere Kraftwagen?

Für die recht unterschiedlichen politischen Statements gibt es eine einfache Erklärung: Die Deutschnationale Volkspartei war weniger eine Partei, denn eine Sammlungsbewegung aus Deutschnationalen, Deutschkonservativen, Freikonservativen, Nationalliberalen, Deutschvölkischen und Alldeutschen.

 

 

Kriegsschuldfrage  nach oben

Die Kriegsschuldfrage nimmt an Fahrt auf als die Siegermächte mit Artikel 231 des Versailler Vertrags Deutschland zur Anerkennung der Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zwingen. Tatsächlich spricht der berühmte Paragraph des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 nicht von Schuld oder Alleinschuld. Als Schlüsselbegriffe fungieren "Urheber" und "aufgezwungener Krieg".

Besonders die Deutschnationale Partei und Vaterländischen Verbände nutzen die Schuldfrage immer wieder für Wahlkämpfe und Kampagnen. "Wir lehnen es, .... ab," äussert Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) am 14. Februar 1919 (82) vor der Nationalversammlung seinen Unmut, "die Schuld des Krieges auf Deutschland zu schieben." Georg Schiele (Naumburg) besteht darauf: "Wir behalten die Überzeugung, daß wir die Angegriffenen sind, also nur einen Verteidigungskrieg führten." Und so bleibt es viele Jahre. Unter der Losung Deutschnational kämpft für Schwarz-Weiss-Rot! streitet der Wahlaufruf der Deutschnationalen Volkspartei vom November 1924 gegen die Lüge von Deutschlands Kriegsschuld. Theodor Duesterberg erklärt 1931 (12), dass der Stahlhelm beabsichtigte die Kriegsschuldfrage durch ein Volksbegehren voranzutreiben, was er dann aber wegen aussenpolitischer Rücksichtnahme verwirft.

Paul von Hindenburg überfällt am 18. September 1927 zur Einweihung des Tannenberg-Denkmals die Welt erneut mit dem Spruch:

"Deutschland ist nicht Schuld am Weltkriege …"

Bezirksgruppenführer Kamerad Kurt Rissmann (Freyburg, Hohe Strasse 19, 1930) verbreitet das Propagandwerk zum Wehrwolf-Werbeabend am 12. Dezember 1927 in Hassenhausen bei Bad Kösen und führt aus: "Ein Aufatmen ging durch alle Nationaldenkenden. Jetzt ist der Anstoss gegeben, jetzt wird doch unsere Regierung endlich ihrer Pflicht bewusst sein, endlich wird sich das deutsche Volk ermannen, da es uns unser Führer zuruft, die Schmach zu tilgen, die auf uns lastet, das Lügengebäude einzureissen, auf dem alle Verträge und Lasten ruhen, die man uns aufgebürdet hat und unter denen wir zusammenbrechen müssen." (Wehrwolf 1927)

Durch den allgemeinen Unmut über den Versailler Vertrag erhält das deutschnationale Geschichtsdenken und der wilhelminische Hurra-Patriotismus enormen Auftrieb. Karl Kautsky Wie der Weltkrieg entstand (1919) blieb eine Marginalie. Alsbald wagte kaum ein Naumburger öffentlich die Frage nach der deutschen Kriegsschuld und den Kriegsverbrechen ausserhalb der nationalen Voreingenommenheit zu stellen. Zugleich diffundieren verstärkt alte, revitalisierte Ideen von der russischen Gefahr (Georg Schiele, Naumburg) und die Forderung nach Revision der Ost-Grenzen in breite Schichten der Bevölkerung.

Durch die ausgeprägte allegemeine nationale Voreingenommenheit gegenüber der Kriegsschuldfrage diffundiert die Lüge in den Aufbau des demokratischen Staates. In der Wahlkabine hinterlässt ein Naumburger bei den Stadtverordnetenwahlen am 4. Mai 1924 auf einem Zettel die Botschaft:

"Vor dem Kriege viele Lüge. Im Kriege sehr viele Lüge.
Nach dem Krieg alles Lügen!"

Jahrzehntelang versagte die deutsche Öffentlichkeit in der Kriegsschuldfrage. Einen Durchbruch bringt erst das Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirchen vom 19. Oktober 1945, was einen selbstkritischen Zugang zur Kriegsschuldfrage und die nationale Voreingenommenheit überwinden kann. Der denkwürdige historische Satz lautet: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden.

 

 

Ortsgruppe der DDP  nach oben

 

Deutsche Demokratische Partei

1. Vorsitzender Justizrat Wallach, 2. Vorsitzender Dr. Kurth, Schriftführer Rechtsanwalt Patzschke, Schatzmeister Buchdruckereibesitzer Hünsch

Vorsitzender
Doktor Röhl, Grochlitzer Straße 38
(etwa 1920 und um 1930)

Schulrat Bonitz, Jägerplatz 38
(um 1926)

Schriftführer
Rechtsanwalt Doktor Holländer (um 1920/21)

Schriftführer und Kassierer
Konrektor Drebes (1931)

Parteibüro
Burgstraße 67 (?)

Versammlungsort
Kaffeehaus Furcht (1930/31)



Die Demokraten wollen das neue Deutschland nicht mehr als Klassenstaat, sondern als Volksstaat. Besonders das Potenzial aus der Fortschrittlichen Volkspartei sucht seine politische Heimat und gründet am 18. Dezember in der Reichskrone die Ortsgruppe der Deutschen Demokratischen Partei. Landtagsabgeordneter Carl Delius (1874-1953) aus Halle sagt in seiner Ansprache: "Daß das monarchische System so schnell bei uns zusammenbrechen würde, habe niemand geglaubt; war doch bis vor kurzer Zeit die große Mehrheit des Volkes, bis in die Reihen der Rechtssozialisten hinein, durchaus monarchisch." (Demokratische 1918)

Aktiv wirbt Rechtsanwalt Doktor Otto Holländer abends 1/2 8 Uhr am 25. Januar 1919 im Gasthaus Zur Tanne für die Durchführung der Nationalwahlen.

Die Deutsche Demokratische Partei erhält bei den ersten Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 in Naumburg 30,2 Prozent aller abgegebenen Stimmen.

 

 

USPD-Ortsgruppe  nach oben

Am 7. November 1919 gründen die USPD-Anhänger im Zum Goldenen Stiefel (Jacobsgasse 1) ihre Ortsgruppe. Vorsitzender wird Leopold Heinrich, Stellvertreter Bauarbeiter Otto Fischer (Weingarten 26), Schriftführer Schwarz. Die Kassierung übernimmt der Arbeiter Moritz Sörensen (Steinweg 6). Der legendäre Louis Knauer (geboren 18.11.1844) soll dabei gewesen sein.

Weitere bekannte Mitglieder der USPD waren: Leopold Heinrich, Ernst Arthur Albrecht, Karl Bley, Fritz Burkhardt, Hans Falk, Paul Kynast, Paul HeeseEmil Rößling, Max Pilz, Kurt Schoder, Hugo Schwarz, Rudolf Weidner, Otto Wolf, Anton Schmidt (Vorsitzender), Max Hildebrandt, Max Moritz und Eugen Wallbaum.

Die Naumburger wählen am 2. März 1919 die USPD-Mitglieder Buchhändler Paul Heese (Michaelisstraße 82), Maler Leopold Heinrich (Dompredigergasse 16), Dekorationsmaler Hugo Schwarz (Dompredigergasse 16) und Hausfrau Marie Wolf (Moritzstraße 48) in die Stadtverordnetenversammlung.

Im Kapp-Putsch (1920) nimmt die Ortsgruppe der USPD aktiv am Kampf für die Republik teil. Im Oktober 1920 steht die USPD vor der Spaltung. Erneut sind ihre Mitglieder aktiv beim Leuna-Aufstand (1921) dabei.

 

Zur USPD

Zwanzig Abgeordnete der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) stimmten am 21. Dezember 1915 im Reichstag gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite, was am 24. März 1916 den Ausschluss aus der Fraktion nach sich zieht. Unter dem Namen Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft (SAG) gründen sie eine eigene Fraktion. In ihr sind marxistisch orientierte Abgeordnete und Reformisten, wie Hugo Haase oder Eduard Bernstein, vertreten. Bis 1917 wuchs diese innerparteiliche Opposition auf 45 Abgeordnete an.

Vom 6. bis 8. April 1917 lädt die SAG zum Treffen der sozialdemokratischen Opposition in das Volkshaus in Gotha ein. Aus dem SPD Unterbezirk Naumburg-Zeitz-Weissenfels reist niemand an. Wie schon auf der Bezirkskonferenz ist aus dieser Region niemand vertreten.

 

Zumindest von 1918 bis 1920 geniesst die USPD-Ortsgruppe in der Stadt hohes Ansehen. Bei den Wahlen zum deutschen Reichstag am 6. Juni 1920 erhält sie in Naumburg enorme 24,5 (Deutschland: 17,9), die KPD 0,6 und die SPD 12,5 Prozent (Deutschland: 21,6 Prozent) der Stimmen. Dieses Ergebnis widerspiegelt ihre klare und aktive Haltung zum Kapp-Putsch. Unvergessen bleibt ihr Einsatz für die Sozialisierungsfrage und Arbeiterräte, wenn es auch nicht von Erfolg gekrönt war. Ihre Bemühen um die "Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zu allen Nationen" spricht die Friedenssehnsucht der Bürger an. Sie will die "sofortige Einsetzung eines Staatsgerichtshofes, der die Schuldigen am Weltkrieg und an der Verhinderung eines zeitigen Friedens zu Verantwortung zu ziehen hat."

In der USPD war in weiten Kreisen anerkannt, dass Sozialismus ohne Demokratie zum Bolschewismus führt. Allerdings lehnte sie eine Regierungskoalition mit den bürgerlichen Parteien strikt ab. Ein Regierungseintritt hätte das Gewicht der SPD enorm erhöhen können. Gemeinsam könnte sie zu einer wirklichen Krisenbekämpfungspolitik finden. So war - vielleicht - die einzige Möglichkeit der Bildung einer Links-Regierung vergeben worden. Mit dem Parteitag der Spaltung im Volkspark von Halle im Oktober 1920 sinkt ihr Stern.

 

 

Gründung der KPD  nach oben

Im Dezember oder Januar 1918/19 konstituiert sich eine KPD-Parteigruppe (Spartakusgruppe). Andere Quellen verlegen die Gründung der KPD-Ortsgruppe in den Februar 1919 zum Restaurant Feldschlösschen (Spechsart 108). Ihre Mitglieder und Anhänger wollen an den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 mehrheitlich nicht teilnehmen.

Die Februar-Versammlung wählt Willy Wipprecht zum ersten Vorsitzenden. Als Kassierer assistieren ihn Karl Mühlhahn und als Schriftführer Schlosser Alfred Götz (Jägerstraße 50, 1939). Artur Römer (Naumburg) stellt das 1969 in Frage, wenn er einwendet: „In einem Artikel der L.D.Z. [Liberal Demokratische Zeitung] vom 4.1.69 wird behauptet, daß eine Gründung der Ortsgruppe der K.P.D. im Februar 1919 stattgefunden hätte. Dieses stimmt mit den Tatsachen nicht überein. Wohl bestand zu dieser Zeit eine kleine Gruppe von 11 Mann, darunter die Genossen Wipprecht, wohnhaft Kleine Neugasse, Söhrensen Weingarten, Fischer, Willy …. berg [unlesbar], Rudolf Römer und andere Angehörige des Spartakusbundes, aber von einer Gründung einer Ortsgruppe der KPD kann keine Rede sein.“

Strukturbildungsprozess

Offenbar herrschte ein mächtiges Tohuwabohu. Man kann die damalige als Strukturbildungsprozess durch Vereinigung (mit der USPD), Ausdifferenzierung (von Anarchisten) und Trennung (von der KAPD) beschreiben.

VKPD

Auf dem 6. (Berliner-) Parteitag vom 4. bis 7. Dezember 1920 vereinigten sich USPD (349 Delegierte) und KPD (136 Delegierte) zur Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD). Mit 60 000 Mitgliedern war der Bezirk Halle der stärkste Verband. Im Raum Zeitz-Weissenfels verfügte die USPD über gut funktionierende Organisationsstrukturen und eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Mitgliedern. Aus der Vereinigung mit der USPD ergibt sich eine enorme kommunalpolitische Stärkung der Kommunistischen Partei.

Franz Neubert (KPD)

Die VKPD-Ortsgruppe Naumburg beruft zum 6. Juli 1921, 20 Uhr, in den Ratskeller eine Versammlung zur Moskauer- und Amsterdamer Gewerkschafts-Internationalen ein. Der Zünder, Franz Neubert (1878-1942) aus der Windmühlenstraße, vor 1914 in der  SPD aktiv, leitet sie.

KAPD

Dreissig Jahre später schreibt Eugen Wallbaum (Naumburg): Die KPD wurde "aber im gleichen Jahr durch innerparteiliche Auseinandersetzungen zerschlagen", löste sich in KAPD und Anarchisten auf.

Am 4./5. April 1920 gründet sich die KAPD mit etwa 20 000 Mitgliedern aus. Sie bezeichnet das Verhalten der KPD im Kapp-Putsch als opportunistisch. Ein Anlass für die Bildung der KAPD bildetet der Streit über die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919. KPD-Vorsitzender Paul Levi (1883-1930) setzte im Oktober 1919 auf dem Heidelberger Parteitag durch, dass die Parteigruppen an den Wahlen teilnehmen. Eine Reihe von Bezirksorganisationen und Gruppen, die die Wende zum Parlamentarismus nicht mitmachen wollten, wurden ausgeschlossen. Im Parlament sah die KAPD einen Gegner der Arbeiterklasse. Eine Mitarbeit in den Gewerkschaften hielt sie für nur schwer möglich, wenn nicht für ausgeschlossen.

KPD und KAPD basieren auf unterschiedlichen Organisationskonzepten. Erstere wird als Partei neuen Typus (Lenin) zentralistisch geleitet. Die andere ist autonom, spontan, operaismo und superrevolutionär organisiert. Sie trennte ihre politisch gegensätzliche Haltung zum Massenstreik und bewaffneten Kampf.

Ohne vorher die Mitgliedschaft zu fragen, beantragt die KAPD bei der Kommunistischen Internationale (Komintern) beizutreten, wandte sich aber gleichzeitig gegen den Spartakusbund, dessen Wirken ihrer Meinung nach nicht im Einklang mit den Prinzipien der 3. Internationale steht, weshalb sie ein Zusammengehen mit der VKPD ablehnte. Im Juli 1920 reist August Merges (1870-1945) gemeinsam mit Otto Rühle (1874-1943) zum 2. Weltkongress der Komintern nach Moskau und verhandelten dort über die Aufnahme der KAPD in die 3. Internationale. Die hält jedoch zwei kommunistische Organisationen in einem Land für untragbar, weshalb die "Doppelherrschaft" beendet werden muss, fordert sie. Auf dem 3. Kongress der Komintern vom 22. Juni bis 13. Juli 1921 äußerte die Delegation der KAPD erneut Kritik an deren Tätigkeit. Die wiederum konfrontierte sie mit dem Ultimatum innerhalb von zwei bis drei Monaten, die Verschmelzung mit der VKPD zu vollziehen. Andernfalls droht der Ausschluss. Darauf verkündet die KAPD auf ihrem Außerordentlichen Kongress vom 11. bis 14. September 1921 einstimmig den sofortigen Austritt aus dem Zusammenschluss der kommunistischen Parteien. Besonders aktiv ist die KAPD mit Max Hölz und Karl Plättner beim Leuna-Aufstand 1921. Auch in Naumburg hat sie Mitglieder. Ihre Spuren verlieren sich allmählich, wie die Partei in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

KPD

1921 ist die KPD im Landtag der Provinz Sachsen mit 19 Sitzen (17,3 Prozent), die SPD mit 25 Sitzen (22,7 Prozent) und die USPD mit 12 Sitzen (10,9 Prozent) vertreten. Im Raum Halle-Merseburg stellt die KPD eine beachtliche politische Kraft dar. Mit 23 374 Mitgliedern, von denen 2 811 Frauen waren, gehört die Bezirksleitung 1922 neben Brandenburg und dem Bezirk Wasserkante zu den zahlenmässig am stärksten Organisationen. (Vgl. KPD) Die genaue Mitgliederzahl der KPD-Ortsgruppe Naumburg (Gruppenbild) ist (mir) nicht bekannt. Die gesichteten Angaben in den Unterlagen der Ortspolizeibehörde Naumburg sind aus verschiedenen Gründen nicht verlässlich. Schätzungsweise verfügt die KPD-Ortsgruppe Naumburg (Saale) 1920/21 über 40 Mitglieder. "Die Naumburger Ortsgruppe war etwa 30 Mitglieder stark", stellt Oberstaatsanwalt Lautz am 29. April 1935 in seiner Anklageschrift im Prozess gegen Georg Faber und Genossen (vgl. Lautz) fest. Im Bereich Sport und Kultur sowie ausgewählten Arbeitervereinen besteht eine beachtliche Sympathisantenszene. Am 20. Mai 1928 sind wieder Reichstagswahlen. An den vorbereitenden Versammlungen der KPD beteiligen sich viele Bürger, was von einem erheblichen politischen Interesse zeugt.

Seit dem 1. April 1931 bildet die KPD-Ortsgruppe Naumburg einen selbstständigen Unterbezirk in der Bezirksorganisation Halle-Merseburg. Vorher gehörte sie zum Unterbezirk Naumburg-Zeitz-Weißenfels.

Für die Kandidaten der KPD-Ortsgruppe Naumburg stimmen bei der Stadtverordnetenwahl 1924 11,4 Prozent der Bürger. 1929 bestätigt die Aussenseiterpartei ihr Ergebnis. Bei den Stadtverordnetenwahlen am 12. März 1933 votieren 10 Prozent für sie.

Vor etwa fünf Jahrzehnten stellte man in der Regionalliteratur die Gründung der KPD als das wichtigste Revolutionsereignis von 1918 heraus. Mit den hier dargestellten politischen Bewegungen ist dies zu überdenken:

Erstens. Die Spartakisten und KPD verfügten zu diesem Zeitpunkt nicht näherungsweise über die Organisationskraft, Strategiefähigkeit und den politischen Einfluss wie die USPD und SPD.

Zweitens. Aus der überhöhten Darstellung der (V)KPD und KAPD folgt oft die Unterschätzung der Tätigkeit anderer Arbeiter-Organisationen, zum Beispiel der FAUD. Dies leistet der Fehleinschätzung anderer Formen und Prinzipien der politischen Organisation Vorschub, was sich auf die Strategie und Taktik des politischen Kampfes gegen den Faschismus negativ auswirkte.

Drittens. Eine Überschätzung der KPD geht oft damit einher, dass die sozialstrukturellen und rasant ablaufenden politischen Differenzierungsprozesse im städtischen Bürgertum nicht die notwendige Aufmerksamkeit erfahren.

Obwohl der militaristisch, völkisch-nationalkonservative gesinnte Doktor Georg Schiele (siehe 12) das politische Klima der Stadt und das Bürgertum entscheidend prägt, kann man die politische Welt Naumburgs außerhalb der Links-Bewegung nicht darauf reduzieren.

Die KPD-Mitglieder arbeiten, abgesehen vom Verhältnis zur SPD, in der Kommune konstruktiv mit, stärken die sozialen Rechte der ArbeiterInnen, übernehmen viele gemeinnützige Aufgaben (wie zum Beispiel Sportplatzbau), organisieren Sport- und Kulturveranstaltungen und wenden sich leidenschaftlich gegen den Faschismus.

 

 

Zur Sicherheitslage in der Stadt  nach oben

In den zurückliegenden 20 Jahren nahmen in Deutschland die Zahl der Streiks zu. Die an ihr beteiligten Personen betrugen: 1899: 96 459, 1904: 279 817, 1909: 327 593, 1914: 252 557, 1919: 1 938 354 (einschliesslich der Ausgesperrten). Im Jahr 1906 wurden 16 246 Betriebe durch Streiks zum Stillstand gebracht. 1919 sind es 32 825. (Vgl. Streik 1+2) Naumburgs gewerbliche Industrie ist nur schwach entwickelt. Trotzdem sind übergreifende Auswirkungen dieser Streiks auf die etwa 25 500 Einwohner (1910) zählende Stadt zu registrieren. Viele Bürger finden als Lohnarbeiter oder Angestellte in den mit der Eisenbahn gut erreichbaren Städten und Ortschaften der näheren Umgebung (Weißenfels, Leuna, Zeitz, Merseburg, Halle) Arbeit.

Magistrat und Bürgermeister beunruhigen die Streiks. Sie befürchten damit einhergehende gewalttätige Auseinandersetzungen und ernste Versorgungsprobleme.

Bürgermeister Karl Roloff berichtet am 5. September 1919 an das Reichsamt für Inneres: "Gleich nach Ausbruch der Revolution erbaten wir vom Soldatenrat ein etwa 50 Mann starkes Kommando mit Führern. Diese Mannschaften sollten nach unseren Anweisungen die besonders bedrohten Stadtteile, Nahrungsmittel-, Kohlen- und andere Niederlagen von Gebrauchsgegenständen durch regelmäßige Aussendung von Patrouillen und Aufstellung von Posten sichern.

Das Kommando erfüllte seine Aufgaben nicht. Die durch die Revolution bei den Truppenteilen verursachte Unordnung und Disziplinlosigkeiten hatte zur Folge, dass das militärische Sicherheitskommando sich fortgesetzt verringerte und in seinen Mitglieder ständig wechselte, so daß es schließlich wirksamen Schutz nicht mehr bot."

Am 19. Dezember 1918 beschliesst der Magistrat von Naumburg eine Verstärkung der Exekutive durch Militärpolizisten, die Einrichtung von Revierwachen und die Gründung von drei Polizeiagentenstellen. Für jeden der 44 ausgesuchten und zum Polizeidienst geeigneten Männer will der Magistrat eine Mehrlöhnung von 3 Reichsmark bieten, wenn sie beritten und ständig zur Verfügung stehen. Die Anwerbung erfolgt zu einem Monatsgehalt von 275 bis 300 Reichsmark und ohne Rücksicht auf die politische Gesinnung. Der Soldatenrat stellt das Kommando. Tatsächlich erhält die Polizei zusätzlich dreißig Militärpolizisten zu Fuß, sechs Berittene und eine Verstärkung mit zwei Kontrolleuren. Die Stadt wird in zwei Polizeibezirke und neun Reviere mit selbstständigen Wachen eingeteilt. (Vgl. Reichsamt)

Wiederum war der Erfolg nicht von Dauer, wie im Bericht von Bürgermeister Roloff zu lesen ist:

"Die zur Verfügung gestellten im bürgerlichen Leben organisierten Mannschaften haben dem Sicherheitsdienst, von Ausnahmen abgesehen, gute Dienste geleistet und sich im allgemeinen als zuverlässig erwiesen, solange politisch von keiner Seite auf sie eingewirkt wurde. Ihre Zuverlässigkeit zeigte sich u.a. auch darin, dass sie auch gegen ihre Kameraden von der Wachkompanie eingeschritten, wenn diese als Sicherheitsposten Einbruchdiebstähle oder andere Vergehen gegen das Eigentum verübten.

Später machten sich aber die politischen Einwirkungen auf diese Leute namentlich von linker radikaler Seite - die auch hier, obgleich vollständig in der Minderheit, nach der Gesamtführung strebte - so bedenklich bemerkbar, dass auch mit diesem Kommando eine polizeiliche Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte.

Diese zeigte sich besonders beim Generalstreik im Februar [1919]."

Bürgermeister Karl Roloff übermittelt am 21. Mai 1919 dem Reichsamt des Inneren seine Sorgen:

"Nach der Durchführung der beabsichtigten Verringerung der bisherigen militärischen Sicherheitskräfte haben wir hier wieder mit der Gefahr zu rechnen, dass die in den benachbarten Kreisen stark vertretenen regierungsfeindlichen, linksradikalen Elemente Putschversuche hierher unternehmen."

"Diese unsere vorbeugende Maßnahmen [Gründung der Einwohnerwehr] haben bewirkt, dass auch hier beabsichtigte Unruhen, Plünderungen und andere Gewalttätigkeiten bisher unterblieben sind."

Natürlich gibt es mit der Einhaltung von Ordnung und Sicherheit etwas Schwierigkeiten. 1913 registrierte man in Naumburg 1 100 Verbrechen, Vergehen und Übertretungen gegen Personen, das Eigentum sowie die öffentliche Ordnung und Sittlichkeit. Vom 1. August 1918 bis 1. August 1919 sind es 1 555. (Nach Roloff 5.9.1919) Angesichts der zerbrochenen Familien, der sich verschlechternden Versorgung mit Nahrungsmitteln und Heizmaterial sowie einsetzenden Arbeitslosigkeit, sind dies andererseits wirklich keine aufregenden Zahlen, zumal sie die Normabweichung vom Verbrechen bis zur einfachen Übertretung widerspiegeln. Eine politisch motivierte Kriminalität existiert in Naumburg jedenfalls nicht.

Aber vielleicht war alles ganz anders? - Erinnern sich Arthur Dietrich und Karl Roloff etwa an die Ereignisse vor einem Jahr in Halle (Saale)? In der 50 Kilometer nördlich von Naumburg gelegenen Grossstadt plünderte die Menge Geschäftsstrassen und ganze Warenhäuser aus. Noske-Spitzel, konnte man in der Volksstimme (Magdeburg) am 5. März 1919 lesen, wurden schwer misshandelt und Offiziere von Zivilisten verhaftet. Fürchtet Bürgermeister Karl Roloff eine Wiederholung in seiner Stadt?

Im März / April 1919 beginnt die Stadt mit dem Aufbau einer Bürgerwehr.

Als Reaktion auf den Bergarbeiterstreik und die latenten Unruhen marschierte die Truppe des monarchistisch gesinnten Georg Maercker in Halle ein und verhängt den Belagerungszustand. Ergebnis: 29 Tote und 67 Verletzte. In seinem Buch vom Kaiserheer zur Reichswehr (1921) räumt der kommandierende General ein:

"Es war ein ausschliesslich politischer Streik". (128)

Die Ziele waren nach Maercker Arbeiterdemokratie, Mitbestimmungsrechte und Beseitigung der Industrieherren.

Konnte die Aktionseinheit von Reichswehr und Regierung wirklich eine stabile und akzeptable innere Sicherheitslage schaffen? Die Verfassung verspricht, dass in der Demokratie gesellschaftliche Konflikte politisch gelöst werden. Trotzdem unterzeichnen Ebert (Reichspräsident), Bauer (Reichskanzler) und Noske (Reichswehrminister) nach dem Blutbad am 13. Januar 1920 an den Demonstranten vor dem Reichstag die Verordnung des Reichspräsidenten auf Grund des Artikels 48 Abs. 2 der Reichsverfassung über Preußen und die Norddeutsche Staaten.

 

 

Die ersten Wahlen zur Nationalversammlung  nach oben

Am Sonntag, den 12. Januar 1919 zieht ein Demonstrationszug für die sozialistische Republik durch Naumburg. "Es war ein ansehnlicher, wenn auch nicht gerade überwältigender Zug", berichtet die Zeitung am nächsten Tag. Seine Teilnehmer trafen sich gegen 2 Uhr nachmittags auf dem Artillerie-Platz / Kaiser-Friedrich-Platz (Heinrich-von-Stephanplatz). Bald wälzt sich die Menschenkolonne von der Marienpromenade durch die Jacobsstraße auf den Markt zu. Vornan läuft die Jägerkapelle, dann folgt der Arbeiter- und Soldatenrat, dahinter die Bürger, und am Ende die Artillerie-Kapelle. Mitgeführte Transparente tragen die Aufschrift:

Für die sozialistische Republik!

oder

Wir wollen Arbeit! Ruhe und Ordnung!

Auf dem Marktplatz angekommen, geht es über die Salzstrasse, Michaelisstrasse, Neuengüter, dann vorbei am Dom, weiter über den Steinweg, obere Lindenstrasse, Fischstrasse, Marienstrasse - wieder zum Ausgangspunkt zurück. Die Manifestation für die Republik organisierte das örtliche Gewerkschaftskartell. Vom Marktbrunnen hält der Vorsitzende des Soldatenrates Oberjäger Bruno Tillwichs ein kurzes Plädoyer für den Sozialismus. Der Kapitalismus muss bekämpft werden, sagt er. Der Sozialismus bietet allen ein auskömmliches Leben. Dann dankt er den Teilnehmern für ihren Einsatz zugunsten der Republik und endet mit einem Hoch auf die sozialistische Republik. Es folgt eine kurze Ansprache vom Vorsitzenden des Arbeiterrates, der jetzt Fernschild heisst.


Deutschnationale
Volkspartei (1919)

Plakat 41 x 61 Zentimeter.
Druck/Verlag: Kunstanstalt Leopold
Krantz Berlin.

Für den 19. Januar 1919 sind Wahlen zur Nationalversammlung angekündigt. Erstmals in der Stadtgeschichte dürfen Frauen an die Wahlurne treten. Mehrere Parteien ringen um die neue Wählergruppe. Besonders die Sozialdemokraten unterstützen die emanzipativen Bestrebungen der Frauen.

Im Gegensatz dazu prägte eine kürzlich stattgefundene Versammlung des Deutschen Vereins für das höhere Mädchenschulwesen das Motto:

Der Feminismus bedeutet
den Untergang des deutschen Volkes.

Ein Vorstandsmitglied des Haus- und Grundbesitzervereins äussert im Wahlkampf:

"Ihr gehört hinter den Kochtopf,
aber nicht in das Stadtverordneten-Kollegium."

Nicht viel anders sagte es vor etwa vier Jahren der langjährige Oberbürgermeister Emil Kraatz (1914, 450):

"Nicht die Politisierung, sondern die Nationalisierung der Frau, nicht ihr Heraustreten in die Öffentlichkeit, sondern ihre bessere Ausrüstung zur Wahrnehmung des nationalen Charakters von Haus und Familie ist es, was wir brauchen."

Genau in diesem Sinne verfährt man am Sonnabend, den 4. Januar 1919. Nachdem Justizrat Wallach die Anwesenden in der Reichskrone zur öffentlichen Bürgerversammlung begrüßte, referiert der Senatspräsident Richard Altsmann (Buchholzstrasse 8) vom Oberlandesgericht zum Thema:

"Die gegenwärtige Lage und die Pflicht der Frauen".

Seine Forderung:

"Keinem Spartacusmann, keinem Unabhängigen, darf die deutsche Frau ihre Stimme geben, auch keinem Mehrheitssozialisten; sie muß einer bürgerlichen Partei sich anschließen."

Die Kraatzsche-Altsmann Linie findet reichlich Beifall.

"Deutsche Männer, deutsche Frauen!
Unser Stimmzettel beginnt mit dem Namen Posadowsky!"

Arthur Graf von Posadowsky-Wehner kandidiert für die DNVP als Abgeordneter der Nationalversammlung. Am Abend des 15. Januar 1919 referiert er in der Reichskrone am Bismarckplatz Über die heutige Lage und die Aufgaben der Zukunft.

Die KPD beschliesst auf ihrem Gründungsparteitag vom 30. Dezember bis 1. Januar 1919 in Berlin gegen die Stimmen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den Boykott der Wahlen zur Nationalversammlung.

 

 

 


Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919
und
zum Landtag am 26. Januar 1919

Naumburg (Saale)

 

 
Nationalversammlung
Landtag
 
Deutschland
Naumburg
Orte in der
Umgebung
Bad
Kösen
Naumburg
 
Sitze
Prozent
Prozent
Stimmen
Stimmen
Stimmen
Prozent
Stimmen
         

DNVP

44
10,3
21,8
3483
1602
558
24,8
3383

DVP

19
4,4
1,7
272
283
25
0,6
84

DDP

75
18,6
30,2
4820
1339
534
32,6
4444

Zentrum

91
19,7
1,1
183
6
3
 1,3
183

Andere

7
1,6
3,0
     

SPD

163
37,9
31,0
4948
1837
503
27,3
3720

USDP

22
7,6
11,2
1784
495
145
13,4
1833
 
421
  
15940
   
13647
 
Wahlbeteiligung
83,02 Prozent
 

 

 

An den Wahlen zur Nationalversammlung beteiligen sich in Naumburg 92 Prozent der Bürger.

Für die SPD können fünf Abgeordnete ihren Platz in der Nationalversammlung einnehmen: Fritz Kunert (1850-1931), Gustav Raute (1859-1946), Wilhelm Koenen (1886-1963), Bernhard Düwell (geboren 1891) und Anna Hübler (1876-1923). Als Wahlsieger (37,9 Prozent) bildet sie zusammen mit dem Zentrum und der DDP die Regierung. Auf die Weimarer Koalition ruhen grosse politische Hoffnungen. Und doch verliert sie bei den folgenden Wahlen deutlich an Zustimmung.

Die neue Regierung, 1919.
(Quelle unten) Vollbild

Ein überraschend gutes Wahlergebnis: 30,2 Prozent der Liste Emil Abderhalden (1877-1950) für die DDP. Die Partei gründeten Theodor Wolff, Max Weber, Alfred Weber und Hugo Preuß. Ihr gehören Persönlichkeiten wie Walter Rathenau und Erich Koch-Weser an. Im Juni 1919 wählen die Delegierten des 1. Parteitages Friedrich Naumann zum Vorsitzenden. Zuspruch erhielt die Deutsche Demokratische Partei besonders vom Bildungsbürgertum und den freien Berufen. Ihr gutes Wahlergebnis ist Ausdruck der Unterstützung der jungen Republik. Sie profitiert von den Hoffnungen und politischen Stimmung, die sich bald ändern sollte.

Hingegen erzielt die Deutsche Volkspartei (Vorsitzender: Oberpfarrer Neumann, Schriftführer: Referendar Märker, Kassenführer: Kaufmann Hegelin) unter dem Motto Von roten Ketten macht euch frei allein die Deutsche Volkspartei mit 1.7 Prozent ein bescheidenes Ergebnis.

 

 
Wahlergebnisse der Deutschen Volkspartei
   
 
Reichstagswahlen
   
 
Deutschland
Naumburg
 
[Prozent]
[Prozent]
   

19. Januar 1919

4,4
1,7

16. Juni 1920

14
32,9

4. Mai 1924

5,7
9,3

7. Dezember 1924

10,1
13,9

20. Mai 1928

8,7
10,5

31. Juli 1932

3,3
2,3

6. November 1932

1,9
3,19

5. März 1933

0,9
 
 

 

 

Vom Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) zum Vertrauensrat  nach oben

Am 1. Dezember gibt der Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) in Naumburg die Einführung des Achtstundentages bekannt. Auf der Versammlung am 25. Januar 1919 im Ratskeller protestiert der Jäger-Soldatenrat gegen die Herabsetzung als willenlose Werkzeuge in der Hand der Offiziere, wie es die Bestimmungen des Armeeverordnungsblattes Nr. 82 vorsehen.

 

Weimarer Verfassung

Artikel165

(1) Die Arbeiter und Angestellten sind dazu berufen, gleichberechtigt in Gemeinschaft mit den Unternehmern an der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie an der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der produktiven Kräfte mitzuwirken. ...

(2) Die Arbeiter und Angestellten erhalten zur Wahrnehmung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Interessen gesetzliche Vertretungen in Betriebsarbeiterräten sowie in nach Wirtschaftsgebieten gegliederten Bezirksarbeiterräten und in einem Reichsarbeiterrat.

....

(4) Sozialpolitische und wirtschaftspolitische Gesetzentwürfe von grundlegender Bedeutung sollen von der Reichsregierung vor ihrer Einbringung dem Reichswirtschaftsrat zur Begutachtung vorgelegt werden. Der Reichswirtschaftsrat hat das Recht, selbst solche Gesetzesvorlagen zu beantragen. Stimmt ihnen die Reichsregierung nicht zu, so hat sie trotzdem die Vorlage unter Darlegung ihres Standpunkts beim Reichstag einzubringen. Der Reichswirtschaftsrat kann die Vorlage durch eines seiner Mitglieder vor dem Reichstag vertreten lassen.

(5) Den Arbeiter- und Wirtschaftsräten können auf den ihnen überwiesenen Gebieten Kontroll- und Verwaltungsbefugnisse übertragen werden.


(6) ....

 

Vom 16. bis 21. Dezember 1918 tagt im Preußischen Abgeordnetenhaus zu Berlin der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte. Er spricht sich für die Nationalversammlung und gegen das Rätesystem aus, womit eine Vorentscheidung für die Linie von Friedrich Ebert gefallen ist.

Schon Mitte-Ende Dezember überschreitet die ASR-Bewegung ihren Zenit, was unterschiedliche Ursachen hat, also nicht nur ein Ergebnis des Reichskongresses der Arbeiter- und Soldatenrät ist.

(A) Der politische Gegner brandmarkt das Projekt als Bolschewismus oder Ausfluss der marxistischen Kapitalismuskritik. Die revolutionären Obleute setzen den 28. Juni 1916 als Referenzpunkt. Damals traten 55 000 Berliner in den Rüstungsbetrieben in den Streik. "Der Rätegedanke schlug, damals, aus den Verhältnissen geboren, in Deutschland seine ersten Wurzeln", bringt Richard Müller (1880-1943) 1918 zu Papier.

(B) Die Konservativen befürchten, dass das Rätesystem das Unternehmertum zerstört und die Wirtschaft desorgnisiert. Typisch hierfür die Klage von Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) am 27. März 1919 in der Nationalversammlung: "Die Arbeiter- und Soldatenräte greifen fortgesetzt in die lokale Verwaltung ein, sie tragen wesentlich zur Desorganisation der lokalen Verwaltung bei und erlauben sich die allergrössten Übergriffe."

(C) Die organisatorischen und inhaltlichen Vorbereitungen des Projekts erscheinen unzureichend. Oftmals überzeugen die Antworten der Promotoren der Arbeiter- und Soldatenräte Bewegung nicht. Die Apostel des Räteglaubens waren unfähig "eine wirkliche Organisation der Massen vorzubereiten" (Prager 1921, 24).

Grenzen werden sichtbar. Viele Aktivisten schrecken vor den Organisationsaufgaben, zum Beispiel in der Stadtverwaltung, zurück. Sie fühlen sich überfordert, sind darauf nicht vorbereitet. Schon der Versuch von Leopold Heinrich, das nationaldeutsch ausgerichtet Naumburger Tageblatt nach dem 10. November zu kontrollieren, scheitert nach drei bis vier Tagen. Den Akteuren des November 1918 mangelt es oft an der erforderlichen Schul- und Fachbildung. Diese Einsicht fällt manchen bis heute schwer. Vielleicht befürchtet man, dass daran unschöne Werturteile geheftet werden. Dem gesellschaftlichen Engagement und Mut eines Malers, Schneiders oder Schlossers tut es in Wahrheit aber keinen Abbruch.

(D) Von Gewerkschafts- und SPD-Führern erhält das Räteprojekt keine Unterstützung. Sie wittern in der dritten Organisationsform - neben den Gewerkschaften und Fabrikkomitees - eine Gefahr für ihre Macht, fürchten, dass sie zur Konkurrenz für die etablierten Betriebsgewerkschaften heranwachsen könnten. Tatsächlich agierten die von Richard Müller organisierten revolutionären Obleute unabhängig von den offiziellen Gewerkschaften und stellten alle bisher "gemachten Erfahrungen einfach auf den Kopf" (Müller). Nicht von ungefähr erteilt der ADGB-Vorsitzender Carl Legien, der im Krieg den Beschluss zum Streikverzicht unterstützte, Anfang Februar 1919 dem Rätesystem eine Absage. So kam es, dass nur ein Teil der Linken im Rätesystem ein Mittel zur Überwindung des kapitalistischen Klassenstaates und Verwirklichung des Sozialismus sahen.

(E) Seit dem Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5. Dezember 1916 ist das Verhältnis der Gewerkschaftsmitglieder zu ihren Funktionären an der Basis oft sehr angespannt, weil es ihnen unmöglich machte, unangenehme Gewerkschaftsführer durch neue zu ersetzen. Deshalb, so bringt Bernhard Düwell am 13. März 1919 der Nationalversammlung seine Einschätzung nah, besteht an der Basis das Verlangen, neue Organe damit zu beauftragen, um "einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Sozialisierung zu tun." Anders gesagt, die Sozialisierung trauten viele den Gewerkschaften nicht zu. Um es mit den Worten des Redners zu formulieren: "Die Arbeiterschaft gibt sich also in Bezug auf die Arbeit der Gewerkschaften nach dem Kriege, insbesondere aber im Interesse der Sozialisierung keinen Illusionen hin."

Nach den Wahlen zur Nationalversammlung gerät das Fortbestehen der ASR zur reinen Formsache. "In einer Berufsversammlung [im Februar in Naumburg] wurde angeregt, dass der Arbeiter- und Soldatenrat seine Auflösung beschliessen möge, da doch seine ursprünglicher Aufgabe, die Kontrolle der Behörden, jetzt erloschen sei, da wir eine ordentlich gewählte Nationalversammlung, Landesversammlung, und bald auch Stadtversammlung haben." (Generalstreik) Ende Februar erfolgt seine Umbildung in einen Vertrauensrat. Es kündigt sich das Ende der ASR an. Sie werden wieso überflüssig, wenn die Nationalversammlung am 19. Januar 1919 in Weimar ihre Tätigkeit aufnimmt, argumentiert die Regierung, und beabsichtigt, unterstützt vom Aufruf der Partei und SPD-Parlamentsfraktion am 1. März 1919, die Umwandlung der Arbeiterräte in Betriebsräte.

Gegen den Strom schwimmt die

Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte
des Bezirkes Merseburg
vom 4. bis 5. Februar 1919.

Unter den 250 bis 300 Teilnehmern Wilhelm Koenen (Halle), Bernhard Düwell (Zeitz) und Fred Oelssner (Weißenfels). "Es ist das absolute Recht der Revolution", paukt Düwell den Teilnehmern ein, "sich zu behaupten; sie darf sich nicht abmurksen lassen." "Die A.- und S.-Räte dürfen erst dann abtreten, wenn die Forderung der Revolution erfüllt sind." (Hallesches Volksblatt, 30. Januar 1919) Koenen referiert zur Sozialisierung der Großbetriebe. Zum Abschluss beschliesst die Konferenz die Richtlinie für die örtlichen Arbeiterräte, wo es heisst, "dass dem Bezirksarbeiter- und Soldatenrat alle verfügende und ausführende Gewalt für den Regierungsbezirk Merseburg zusteht." Daraus spricht Unverdrossenheit und Kampfeswille, aber auch Voluntarismus.


Am 23. März stehen in Naumburg die Wahlen zum Arbeiterrat an. Alle Frauen und Männer die über zwanzig Jahre alt sind und deren Jahreseinkommen nicht über 10 000 Mark liegt, können mitwirken. Das Wahlbüro der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) befindet sich den Räumen von Rechtsanwalt Patzschke am Topfmarkt 11. SPD, USPD und die bürgerlichen Parteien erstellen eigene Wahllisten. Die Bürgerlichen firmieren unter der Liste Brodengeier. Für sie kandidieren ein Bürgermeister, Amtsgerichtsdiener, Eisenbahnbeamter, Aufwärter am Kadettenhaus, Handlungsgehilfe, Postsekretär, Oberlehrer, Arbeiter und eine Lehrerin sowie der Eisenbahnschlosser Emil Brodengeier. Ihre Liste präsentiert den Namen eines Arbeiters. Das riecht für Otto Fischer (Naumburg) von der USPD nach Manipulation, weshalb er klarstellt:

"Seit wann sind die Beamten, vom Bürgermeister bis herunter zum Amtsgerichtsdiener, die berufenen Vertreter des werktätigen Volkes?"

Die Frage ist berechtigt, weil die soziale und ökonomische Lage der Beamten und Angestellten, bedingt durch ihre Herkunft, Bildung, Qualifikation und Einkommen, grundverschieden von denen der Arbeiter ist. Ihre Lebenslage, die Verfügbarkeit von ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital unterscheidet sie wesentlich von den Lohnabhängigen. Der Beamtendünkel fördert die Ausdifferenzierung des Habitus, der Riten und Manieren, was der Aussenabgrenzung dient. Das erleichtert die Verteidigung der Privilegien. Rechtsanwalt Paul Hermann zeichnet auf der Bürgerversammlung im November 1918 in der Reichskrone das Bild vom herrschenden Kastengeist und kritisiert, dass es die Regierung "an Verständnis für das Ringen der arbeitenden Klasse um soziale Befreiung" fehlen lassen hat. Ganz ähnlich artikuliert es am 21. Februar 1919 der Bauarbeiter Otto Fischer von den Unabhängigen im Aufruf Zur Arbeiterratswahl. Er befürchtet, dass sich die Mehrheit der Naumburger Wähler eher mit den Beamten als mit den Arbeitern identifizieren. "Diese Totengräber der Revolution sind es, die sich im Kampfe des Proletariats um politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung immer und überall entgegengestemmt haben, und wer da glaubt, von ihnen die Verwirklichung des Sozialismus zu erhoffen, auf den trifft das Wort zu:

`Nur die allergrößten Kälber - wählen ihre Metzger selber!`

Otto Fischer macht den tiefen Graben zwischen den Mehrheitssozialisten (SPD) - Liste August Winkler - und den Unabhängigen (USPD) - Liste Otto Fischer - sichtbar. Die Mehrheitssozialisten haben in diesem Fall das Recht verwirkt, die Interessen des Proletariats zu vertreten, denn mit ihrem gelegentlich des Generalstreiks erfolgten Austritt aus dem Arbeiterrat [Naumburg], den sie mit der Erklärung begründeten, daß sie diese Institution für überflüssig hielten, haben sie sich selbst gerichtet." (Otto Fischer 21.3.1919)

Nach Auszählung der Stimmen gelten in den Arbeiterrat von Naumburg als gewählt: Eisenbahnschlosser Emil Brodengeier (Markgrafenweg 7), Amtsgerichtsdiener Erich Ehrsam (Markt 7), Bürgermeister Karl Roloff (Bürgergartenpromenade 32), Technische Lehrerin Margarete Giesecke (Kirschberg 6), Eisenbahnbeamter Hans Friedrich (Blumenstraße 24), Schriftsetzer August Winkler (Steinweg 14), Schlosser Karl Marien (Große Fischstraße 26) und Bauarbeiter Otto Fischer (Weingarten 26). Sie wählen den Vorstand. Roloff wird Vorsitzender, Winkler 2. Vorsitzender und Fischer Schriftführer. Roloff! Er wird im März 1933 für Fritz Burkhardt, Paul Noack, Max Saupe und Gustav Thate Schutzhaft (KZ) anordnen.

Ein Erlass des sozialdemokratischen Regierungskommissars und kommissarischen Oberpräsidenten Otto Hörsing vom 18. Mai 1920 erklärt die Arbeiter- und Aktionsausschüsse für aufgelöst.

 

 

Betriebsrätegesetz  nach oben

Am Dienstag, den 13. Januar 1920 steht im Reichstag die Zweite Beratung des Gesetzesentwurfs der Betriebsräte (Drucksache Nr. 928) an. Eine Mitsprache bei der Kontrolle, Leitung oder Stilllegung der Produktion ist nicht vorgesehen, weil die Gegner der Sozialisierung die Auflösung des Unternehmertums fürchten. Der Gesetzesentwurf definiert nur wenige innerbetriebliche Mitsprachrechte: in sozialen Belangen, bei Einstellungen und Entlassungen. Für Aktionsgesellschaften regelte es die Entsendung von Vertretern in die Aufsichtsräte. Nicht alle wollen den Etikettenschwindel mitmachen, sie fordern die volle Mitbestimmung und umfassendere Kontrollrechte. Die Berliner USPD, Gewerkschaftsgliederungen und lokalen Räteorganisationen rufen zur Demonstration auf. Dagegen tat die SPD alles, um die Arbeiterschaft von der Demonstration abzuhalten. Aus Anlass der ersten Lesung des Betriebsrätegesetz protestieren an diesem Tag etwa 100 000 Bürger mit Hoch die Räteorganisation oder Her mit dem vollen Mitbestimmunsrecht vor dem Deutschen Reichstag. (Vgl. Weipert 18f.) Es könnten vielleicht auch wesentlich mehr Demonstranten gewesen sein.

Gegen 15.30 Uhr drängen Demonstranten am westlichen Eingang des Reichstages an. Es kommt zum Handgemenge. Insgesamt werden drei Hundertschaften Sicherheitspolizei (Sipo) eingesetzt. Die hält die Andrängenden mit Kolbenschlägen auf Distanz. Einige werden entwaffnet und geschlagen. Kleinere Polizeikommandos durchpflügen die Massen, müssen sich aber mit Verletzungen wieder zurückziehen. Ein Demonstrant feuert mit einer erbeuteten Waffe einen Schuss auf den Eingang des Reichstages. Umstehende entwaffnen ihn. Die grosse Mehrheit verhält sich gesittet. Inzwischen nehmen an der südlichen Seite des Gebäudes die Turbulenzen zu. Am hiesigen Ausgang II bekunden Demonstranten den Abgeordneten deutlich ihren Unmut über das Gesetz. Hugo Sinzheimer, ein Ideengeber der Regierung, wurde verhöhnt und der Sozialdemokrat Hugo Heimann bespuckt (Vgl. Weipert 21). Irgendwann schiesst die Sicherheitspolizei in die Menge und wirft Handgranaten. Ob nach Vorwarnung oder nicht, ist umstritten. Die Menge flüchtet. Noch lange schiessen die Uniformierten hinter den flüchtenden Demonstranten her. Reichskanzler Gustav Bauer gibt am nächten Tag in der Reichstagssitzung eine völlig andere Darstellung. Aber das Ergebnis bleibt: 42 Tote und etwa 105 Verletzte.

Ein Sturm des Parlaments, wie später behauptet, stand nie bevor. Obwohl der Zeitzer Volksbote darüber sachlich berichtet, wird er vom 19. Januar bis 6. Februar 1920 verboten. Nicht so der Lübecker Volksbote, der in seiner Ausgabe vom 14. Januar der Öffentlichkeit das Drehbuch für den

Sturm der "Unabhängigen" und Kommunisten auf das Reichstagsgebäude

liefert. Dagegen musste der "Polizeipräsident von Berlin, Eugen Ernst", "selbst zugeben, dass die Demonstranten lediglich in ruhiger Weise gegen das Betriebsrätegesetz Stellung nehmen wollten." (Leopoldt 150)

"Die Sicherheitspolizei war also keineswegs politisch neutral, sondern ganz im Gegenteil klar antidemokratisch eingestellt." (Weipert 29) So erwirbt sich die Sicherheitspolizei (Sipo), später in Schutzpolizei umbenannt, die dann auch in Naumburg (Saale) bis 1926 stationiert wird, in weiten Kreisen der politischen Arbeiterschaft einen elendigen Ruf. Arbeiter liefern der Sipo am 20./21. März 1920 auf dem Weg vom Weissenfelser Schloss nach Naumburg einen harten Kampf. Vier Tage zuvor war sie in der Stadt erneut mit grosser Brutalität gegen Bürger vorgegangen.

Am 18. Januar 1920 beschliesst die Nationalversammlung das Betriebsrätegesetz, das am 4. Februar 1920 in Kraft tritt. Den Arbeitern aller Betriebe wird ein Angestellten- und Arbeiterausschuss zugebilligt, der über die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse mitbestimmen kann. Das Gesetz "beraubte die Räte als revolutionäre Institutionen endgültig ihres wichtigsten Aktionsraumes, in veränderter Form existieren sie noch heute als Betriebsräte fort." Den 13. Januar betrachtet Axel Weipert (2012, 16) als Symbol für die "Verselbständigung jeglicher Repräsentierenden gegenüber den Repräsentierten".

 

 

Der mitteldeutsche Bergarbeiterstreik  nach oben

"Allgemein verlangte", beurteilt Adolf Leopoldt in der Rote(n) Chronik der Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg (1931, 146) die Lage, "die Arbeiterschaft nach Sozialisierung der Betriebe, die von den Regierenden oft genug in Aussicht gestellt wurde." "Die politischen Wogen schlugen im Februar [1919] besonders hoch, namentlich in Mitteldeutschland."

Aus dem mitteldeutschen Industrierevier dringt die Forderung zur Regierung, dass die Arbeiter- und Soldatenräte (ASR) weiter bestehen bleiben wollen. Telegramme und Briefe wechseln zwischen den Bezirksbergarbeiterrat und der Regierung hin und her. Ohne Ergebnis. Am 6. Februar gibt es einen weiteren Versuch in Weimar. Wieder ohne Erfolg. Das Gespräch am 9. Februar bei Reichswirtschaftsminister Rudolf Wissel (1869-1962) platzt. Am 13. und 14. Februar verhandeln in Weimar Reichsarbeitsminister Gustav Bauer (1870-1944) Bernhard Düwell und Wilhelm Koenen als Vertreter des Bergarbeiterverbandes Halle. Sie kommen überein, dass in den Betrieben entsprechende Betriebs-Ausschüsse (Betriebsräte) gewählt werden. Uneins bleibt man darüber, welches Gewicht die Stimmen des Betriebsrates bei Streitigkeiten mit der Betriebsleitung haben. Düwell und Koenen streben - nch Maercker in Vom Kaiserherr zur Reichswehr (128-130) - die "Vorherrschaft" der Arbeiter an. Die Halleschen Arbeiter verlangten die, dass die getroffenen Vereinbarungen bis zum 23. Februar 1919 Gesetz würden. Aus organisatorischen Gründen war das unmöglich. "Als deshalb die Forderungen abgelehnt wurden," stellt Maeccker fest, "traten auch die Halleschen Arbeiter am 25.2. in den Streik." Immerhin räumt der Freikorpsführer damit ein, dass essentielle politische Fragen die Unruhen auslösten, nämlich Grundfragen der Wirtschaftsdemokratie.

Die Deutsche Verfassungsgeschichte (1978, Band V, 1099 bis 1101) erkennt darauf, dass der mitteldeutsche Bergarbeiterstreik vom Februar / März 1919 durch einen Aufruf der KPD-Zentrale angezettelt wurde. Zu sehen und zu greifen ist die

Konferenz der Bergarbeiter
des mitteldeutschen Industriereviers,

die am 23. Februar 1919 im Volkspark von Halle tagte. Es "war eine der wichtigsten" Konferenzen, resümiert das Weißenfelser Tageblatt am 25. Februar, "die die Bergarbeiter unseres Bezirkes je abgehalten haben." Sie fand in einer politisch äusserst angespannten Lage statt. Zwei Tage zuvor erschoss Anton Graf von Arco auf Valley (1897-1945) in München den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD). Erst im Januar fielen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht der Reaktion zum Opfer. Die Bergarbeiter sorgen sich wegen der "Verschleppung" (Verhaftung) von Leutnant Friedrich Ferchlandt, Mitglied des Halleschen Soldatenrates. Begeistert "begrüssen" sie "die Errichtung der sozialistischen Räterepublik Bayerns". Die Konferenz fordert die Sozialisierung der Kohleindustrie, Anerkennung der gewählten Betriebsräte, Zurückziehung der Regierungstruppen aus Gotha und Annullierung des Regierungs-Ministererlasses Armee-Verordnungsblatt No. 9 zur Auflösung der Arbeiter- und Soldaten-Räte. Sie will "die Verwirklichung der Demokratie durch sofortige Anerkennung der direkt und gemeinsam gewählten Betriebsräte der Arbeiter- und Angestellten und des sich darauf aufbauenden Bezirks-Bergarbeiter-Rates". In der Entschliessung künden sie an:

"Da alle Wege beschritten sind, die Forderungen der Bergarbeiter durchzusetzen, sie aber von der Regierung zurückgewiesen sind, gebrauchen wir die letzte furchtbare Waffe und erklären für Montag, den 24. Februar 1919 den Generalstreik."

Die Leitung des Streiks übernimmt der Bezirks-Bergarbeiterrat, zusammengesetzt aus je einem Vertreter des Bezirks-Arbeiter- und Soldatenrates, des Halleschen Arbeiter- und Soldatenrates, der Parteileitung des Sozialdemokratischen Vereins Halle-Saalkreis (USPD), des Metallarbeiterverbandes und des Eisenbahner-Verbandes. Entgegen seinem Willen bricht der Streik in Weissenfels und Zeitz bereits am 22. Februar los.

Von Halle-Merseburg greift der Streik auf Thüringen über. Es schliessen sich die Beschäftigten der Verkehrsbetriebe, Eisenbahn und Elektrizitätswerke an. Oft standen die Landarbeiter der grossen Güter nicht Abseits. Ebenso machen einige örtliche Gewerkschaftskartelle mit. Am 25. Februar folgen die Naumburger dem Ruf der Kohlekumpel.

 

Im Land verringert sich die Zahl der Schlachtschweine weit unter die Hälfte des Friedensbestandes und beim Rindvieh um 3 Millionen Stück. Der Milchertrag geht von 15,6 Milliarden Liter im Jahre 1916 auf 11,4 im Jahr 1918 zurück. Im gleichen Zeitraum sinkt die Butter-Produktion von 320 000 Tonnen auf 240 000 Tonnen. Anfang 1919 werden kaum 190 000 Tonnen erwartet. Auf Grund des Mangels an Rohfetten kann nicht ausreichend Margarine produziert und bereitgestellt werden. Die Kartoffelernte fiel schlecht aus. Ihre Verwendung für die Schnapsproduktion und Brotstreckung muss stark eingeschränkt werden. Bedingt durch die Blockade der Alliierten ist die Fischversorgung völlig unzureichend und nicht steigerbar. (Vgl. Hunger) Besonders ernst stellt sich die Ernährungslage in den Gross- und Industriestädten, wie Halle, Weißenfels und Zeitz dar. Kinder erhalten oft zu wenig und zu schlechte Nahrung.

Der Hunger vor der Tür. "Volksstimme", Magdeburg, den 6. März 1919

 

Der Streik kommt zur Unzeit. Vor der Tür steht der Hunger. Kraftwerke und Haushalte können nicht zuverlässig mit Kohle beliefert werden. Das Streikgebiet umfasst die Abbaugebiete Markkleeberg, Borna, Altenburg, Meuselwitz, Bitterfeld, Geiseltal, Merseburg und Querfurt. Ein Aufruf der Reichsregierung vom 1. März spricht von der Pflicht zur Arbeit und der Gefahr von Anarchie. "Da lautet das erste Gebot: An die Arbeit!"

Von einem Aufstand der Bergarbeiter, wie es die Deutsche Verfassungsgeschichte (1978, Band V, 1099 bis 1101) tut, kann man nicht sprechen. Der Streik wurde öffentlich vorbereitet, erfüllte demokratische Mindeststandards und war nicht mit anderen Formen Gewaltanwendung gegen den Staat kombiniert. Aber natürlich liegt er völlig quer zur Regierungspolitik. Heftiger Streit ist vorprogrammiert. "Im Braunkohlerevier bei Halle wird gestreikt", erregt die Volksstimme (Magdeburg) am 27. Februar 1919, "um den Sturz der Reichsregierung und die Beseitigung der Nationalversammlung zu erzielen."

"Diesem Treiben muss mit rücksichtsloser Strenge entgegengetreten werden."

Am 4. März 1919 repetiert die Zeitung noch einmal den Standpunkt der Regierung: "Der politische Massenstreik war als Kampfmittel der Entrechteten angebracht, solange die Arbeiter unter dem politischen Joche der Junker und Kapitalisten schmachteten. Seit den entscheidenden Novembertagen hat er seinen Sinn verloren. Seitdem herrscht politische Gleichheit und Demokratie. Seitdem besitzt die Arbeiterklasse andre Mittel, um ihren Willen in der Gesetzgebung zur Geltung zu bringen. Seitdem schneidet jeder politischer Massenstreik ins eigene Fleisch der Arbeiter."

Schliesslich verliert die Regierung die Geduld und schickt Truppen nach Halle (Saale) und Zeitz.

Gustav Noske erteilt am 25. Februar 1919 den "Befehl den mitteldeutschen Aufstand zu unterdrücken". Das war "angesichts der Gefahren, die sich aus den mitteldeutschen Unruhen für die in Weimar tagende Nationalversammlung ergaben" notwendig, rechtfertigt 1978 Ernst Rudolf Huber das Vorgehen.

Jedenfalls war die Situation sehr ernst. "Auch für Naumburg wurde in letzter Nacht", besagt eine Nachricht vom 1. März 1919, "die Ankunft von Spartakisten in Rechnung gezogen. Es sollen aus diesem Grunde Maschinengewehre auf dem Hauptbahnhof aufgefahren und Handgranaten bereit gelegt worden sein."

"Man wird nun endlich diesen unerhörten Zuständen, die nun schon glücklich zu einer Verschiebung der Zusammentritte der preussischen Landesversammlung auf unbestimmte Zeit geführt haben, ein Ende bereiten", gibt das Naumburger Tageblatt am 1. März 1919 unter der Rubrik Die Zustände in Mitteldeutschland seiner Hoffnung Ausdruck.

 

Halle

Am 1. März gegen 11.30 Uhr marschieren Maerckers Truppen mit 3 000 Mann in Halle ein. Ein zeitnah veröffentlichter Bericht über

Die Besetzung von Halle durch die Regierungstruppen

bringt einiges an das Tageslicht: Das Militär zieht von Halberstadt heran. "Die Regierungstruppen von Ammendorf her waren für Sonntag [2. März] gemeldet, trafen aber schon am Sonnabend abend ein und konnten so ungestört in die Stadt einziehen. Sie nahmen in der Charlottenschule Quartier. Als die letzten dort einziehen wollten, schrien die umstehenden Arbeiter "Haut ihn!", "Bezahlte Söldner" usw. Darauf warfen die Regierungstruppen Handgranaten unter die Arbeiter, die sich in die Strassen verteilten, und es kam zu Tumulten. In die Leipziger Strasse hinein schossen die Regierungstruppen mit Gasgranaten, etwa 15 Schuss, ein giftiges Reizgas. Gegen die Unabhängigen wurden an der Post fünf Maschinengewehre und zwei Geschütze aufgestellt.

Am Abend zwischen 7 und 8 Uhr rottete sich die Sicherheitswache in Halle zusammen und zog nach der Ulrichstraße, schlug mit den Gewehrkolben die Schaufenster ein und plünderte. Die Aufräumungsarbeiten wurden Sonntag [2. März] begonnen. Gegen diese Sicherheitsmannschaften mussten die Regierungstruppen Maschinengewehre anwenden. Als diese die Ulrichstraße bestrichen, räumten Sicherheitsmannschaften die Straße, einige Sicherheitsposten setzten sich aber an der Ecke der Gr. und Kl. Steinstraße fest und beschossen die Regierungstruppen an der Post. Die Regierungstruppen erwiderten lebhaft das Feuer der Angreifer, so dass etliche Passanten, die unbekümmert durch die Strassen gingen, angeschossen wurden, zwei Mann erhielten Bauchschüsse, zwei wurden leichter, einer schwer verwundet."

"Die Ruhe und Sicherheit des privaten und Staatseigentums war gesichert", schätzt die Streikleitung von Weißenfels am 4. März 1919 die Lage ein, "solange der Arbeiter- und Soldatenrat in Halle allein seine Funktion ausführen konnte."

Die Unruhen soll eine Kundgebung der USPD am 2. März mit Bruno Böttge (1891-1967) auf dem Marktplatz ausgelöst haben, die viele Tote und Verwundete fordert.

"125 Opfer in Halle!",

meldet das Naumburger Tageblatt am 10. März 1919.

"Der hallesche Pöbel plünderte und brandschatzte in der Innenstadt etwa 300 Geschäfte und verursachte dadurch einen Schaden in Höhe von ca. 12 Millionen Mark." Doch wer gehört zum Pöbel? Männer, die sich im Krieg für das Vaterland zum Krüppel schiessen lassen hatten, möchte man Frank Hirschinger (2005, 27) fragen. Oder etwa Bürger, die nach den Entbehrungen der Kriegsjahre auf eine bessere, demokratische Gesellschaft hofften? Vielleicht sogar in den Arbeiter- und Betriebsräten den Kern der Demokratisierung erblicken? War es die Hoffnung, wie es Adolf Leopoldt schildert, dass die Arbeiterschaft "allgemein" "nach Sozialisierung der Betriebe" verlangte? Waren es die Arbeitslosen, Deklassierten, Verzweifelten, von den Verhältnissen Geschundenen, die unter der vom Krieg zerrütteten Wirtschaft schwer zu leiden hatten?

Am 2. März wurde der Verbindungsoffizier des Preußischen Kriegsministeriums Oberst Robert von Klüber (1873-2. Mäz1919) Opfer eines "ruchlosen Spartakistenmord", berichtet umgehend das Naumburger Tageblatts. Der ehemalige Militärattaché in Brüssel, Den Haag, Paris und Chef des Generalstabs des IX. Armee-Korps war "auf offener Straße von Spartakisten überfallen" und "mit dem Knüppel halb tot geschlagen" in die Saale geworfen worden. Beim Versuch das Ufer wieder zu erlangen, "wurden dem unglücklichen Opfer" in "gemeinster Mordlust beide Hände abgehackt". So schlimm es auch war, "Die Tat und ihre abstossende Brutalität waren nicht typisch für den Widerstand gegen die Regierungstruppen." (Schumann 2001, 57)

Nach diesen Ereignissen soll Georg Maercker den USPD-Vormännern Wilhelm Koenen und Otto Kilian mitgeteilt haben, dass der Arbeiter- und Soldatenrat nicht mehr existieren.

 

Zeitz

Tags darauf reagiert der Bürgerausschuss der Stadt Zeitz auf den Streik mit ultimativen Gegenforderungen:

Sofortige Aufnahme der Arbeit in den Betrieben (besonders die zur Förderung der Kohle), Schutz der Arbeitswilligen, Herausgabe der beschlagnahmten Waffen, Sicherung der Pressefreiheit, Einzug der roten Fahnen von den öffentlichen Gebäuden, Auflösung des Arbeiter- und Soldatenrates und der Sicherheitskompanie sowie die Wiedereinsetzung der Polizei in ihre Aufgaben.

Ladenbesitzer, Apotheker und Handwerker verleihen den Forderungen mit einem Gegenstreik Nachdruck, "um dadurch die Spartakisten zu zwingen," wie die Volksstimme (Magdeburg) am 27. Februar 1919 erläutert, "von der Terrorisierung der Massen Abstand zu nehmen." Allerdings war der Ausstand weniger das Werk von Spartakisten und Bolschewisten als derjenigen, die an den Fortschritt glaubten: Sozialisierung der Bergwerke, Anerkennung der Betriebsräte in der Verfassung und Ausdehnung der Demokratie auf die Wirtschaft.

Louis Drechsler, Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates, warnt im Auftrag der Streikleitung den Magistrat der Stadt vor den Folgen. Zunächst reagiert der Bürgermeister nicht. Trotzdem folgen die Beschäftigten am 28. Februar dem Vorschlag des Magistrats ihre Arbeit im Elektrizitätswerk, Krankenhaus, Wasser- und Gaswerk und im Schlachthof sowie zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wieder aufzunehmen. Hingegen beenden die Beamten den Streik zunächst nicht.

 

Der SPD Unterbezirk Naumburg -Weissenfels-Zeitz zählte 1914: 6 389 und 1915: 3 358 Mitglieder.

 

Jetzt stehen in der 35 000 Einwohner zählenden Stadt alle Fabriken und Werkstätten still. Keine Kohle, kein Verkehr, keine Produktion.

Zeitz liegt 30 Kilometer südöstlich von Naumburg und ist seit dem 28. Juni 1900 mit Naumburg durch eine Eisenbahnlinie verbunden. Es ist eine Arbeiterstadt, sie ist stark industrialisiert. Mit der industriellen Braunkohleförderung, den Betrieb von Brikettfabriken und Kraftwerken entstanden viele Arbeitsplätze. Das begünstigt die Entstehung der Arbeiterbewegung. 18 235 Bürger stimmen am 16. Juni 1898 zu den Reichstagswahlen im Wahlbezirk Naumburg-Weißenfels-Zeitz für den Sozialdemokraten Thiele. Die beiden bürgerlichen Gegner erreichen zusammen lediglich 16 912 Stimmen. (Leopoldt 210) Adolph Hoffmann (SPD / USPD) kandidierte hier für den Reichstag (1904) und den preußischen Landtag (1908). 1889 nahm er am Gründungskongress der II. Internationalen in Paris teil. In Zeitz wirkten weitere bekannte Sozialisten, wie Paul Lenzer (SPD), Adolf Leopoldt (SPD), Bernhard Düwell (SPD / USPD), Albert Bergholz (USPD, SPD), Max Benkwitz (SPD, USPD, KPD) oder Rudolf Agricola (SPD / SAP).

Jetzt sind die Sozialdemokraten und Kommunisten im Unterbezirk Zeitz-Weißenfels-Naumburg organisiert. Die USPD zählt mehr als 10 000 Mitglieder.

 

Wahlergebnisse der Stadt Zeitz zur Nationalversammlung 1919
und zum Reichstag 1920 [Angaben in Prozent]
        
        
 
USPD
SPD
KPD
DNVP
DVP
DDP
Zentrum
        
1919
50,4
11.6
 
8,1
6,0
22,7
1,2
1920
52,6
7,3
1,7
14,3
14,3
8,9
6,7

 

"Von mir bekannten Orten nenne ich", schreibt Hans Bauer 1928 in der Weltbühne, "Weißenfels und Zeitz, wo es eine irgendwie in Betracht kommende rechtssozialistische Organisation so wenig gibt wie in Altenburg eine unabhängige. Grund: in Weißenfels und Zeitz ist der Volksbote unabhängig, in Altenburg ist das Volksblatt rechtssozialistisch."

Der Volksbote - offizielles Organ der Sozialdemokratie des Wahlkreises Naumburg, Weißenfels, Zeitz - erschien das erste Mal am 1. April 1890. Zunächst dreimal wöchentlich mit einer Auflage von 3000 bis 5000 Exemplare. Ihr erster verantwortlicher Redakteur und Herausgeber war von 1890 bis 1893 Adolph Hoffmann. Ab 1. Oktober 1890 wurde er nicht mehr Leipzig gedruckt. Adolph Hoffmann und Adolf Leopoldt zogen am 1. Oktober 1890 nach Zeitz, mieteten einen kleinen Laden am Neumarkt 38, indem die Redaktion Expedition und Buchhandel eingerichtet wurden. (Vgl. Bandur 14) 1920 zählt die Zeitung 16 000 Abonnenten. Weitere verantwortliche Redakteure waren Andreas Stroinski und Bernhard Düwell, dann Albert Bergholz (1919) und Paul Lenzner (1919), schliesslich Paul Franken (1924), der in Stalins Lager bei Workuta 1944 ermordet wird, Alfred Lowitzsch (1926) und P. W. Eissold (1930). In den Morgenstunden des 1. März durchsuchen Militär und Polizei in Zeitz die Redaktionsräume des Volksboten. Sie vermuten hier Waffen. Aber man fand keine. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte schürt die Stimmung gegen das Militär. ArbeiterInnen versammeln sich auf Plätzen und Straßen. Empört über den Einmarsch des Militärs, protestieren sie gegen die Besetzung der öffentlichen Ämter und Dienststellen. Es steigt die Kollisionsgefahr. Unter der Rubrik Die Streikbewegung im Reiche meldet am 5. März 1919 die sozialdemokratische Volksstimme aus Magdeburg: "Zeitz liegt infolge des Generalstreiks seit einer Woche völlig in Dunkelheit. Die gesamte Bürgerschaft ist in den Gegenstreik eingetreten. Am Montag kam zu es Schiessereien, bei denen ein Offizier und ein Matrose erschossen wurden, drei Unteroffiziere wurden schwer verwundet. Die Spartakisten verhafteten angesehene Bürger als Geisseln."

In letzter Zeit kam viel Militär in die Stadt, berichtet Adolph Leopoldt. Befehlshaber war ein General Buchholz, dem der Hauptmann von Winterfeldt unterstand. "Der Arbeiterrat hatte in Verhandlungen mit letzterem zugegeben, dass öffentliche und lebenswichtige Betriebe mit Militär besetzt werden können, doch sollte das aber ganz unauffällig vor sich gehen. Der Hauptmann hielt aber sein Wort nicht, er liess sogar Maschinengewehre an die betreffenden Stellen bringen. Das brachte die Arbeiterschaft in höchste Aufregung." Das Militär benimmt "sich unter der Führung eines Hauptmanns von Winterfeldt [in Zeitz] außerordentlich provozierend." (Leopoldt 147) So zieht es den wachsenden Widerwillen vieler Bürger auf sich. Die Arbeiter fühlen sich bedroht, insistiert der Arbeiter- und Soldatenrat beim Kommandeur Winterfeldt, worauf der geantwortet haben soll:

"Das ist gar nicht so schlimm, wenn es zum Blutvergießen kommen sollte; ich habe das in Berlin mitgemacht; wenn erst die Maschinengewehre einmal schnattern, wenn die Zeitzer Arbeiter mit den Schnauzen auf dem Pflaster liegen, dann sollen sie einmal sehen; ich bin auch mit den Berliner Arbeitern fertig geworden." (Düwell 29.7.1920)

In dieser äusserst angespannten sicherheitspolitischen Lage erschiesst Leutnant Schröder den Matrosen Kurt Lange. Das Ereignis strahlt auf die ganze Region aus und zieht den Landfriedensbruchprozess in Naumburg nach sich.

Am 1. März 1919 gegen 1 Uhr mittags tritt Leutnant Schröder aus der Gaststätte Zur Tulpe auf die Weissenfelser Strasse 1 und wendet den Schritt stadteinwärts zur Auebrücke, die grob geschätzt 500 Meter entfernt liegt. Bei dessen Überquerung seien fünf sechs Leute hinter ihm hergegangen, sagen 15 Monate später Zeugen beim Gerichtsprozess in Naumburg aus. Aus Richtung Stadt kommen ihnen auf der Brücke der Matrose Kurt Lange aus Zangenberg und ein Arbeiter entgegen.

Auebrücke in Zeitz. Oben um 1920. Die anderen zwei Fotos darunter wurden 2009 aufgenommen.

 

Siehe auch:

Tafeln erinnern an getöteten Matrosen und elf Kumpel
von Claudia Petasch

In: mz-web.de, Mitteldeutsche Zeitung, 1.März 2009

 

 

Am 13. August 1923 marschieren 10 000 Bergarbeiter von Theißen nach Zeitz. An der Auebrücke treffen sie auf die Schutzpolizei. Die Demonstranten rufen ihnen zu, sie sollen die Waffen wegwerfen und mitdemonstrieren. Schüsse. Neun Demonstranten sind tot und 30 verletzt. Zwei Bergarbeiter erliegen noch am selben Tag ihren Verletzungen.

 

Als sie auf gleicher Höhe sind, sagt Lange: "Der mag nun auch sein blaues Band abmachen, dass er nicht als Offizier erkannt wird." Außerdem sollen beide den Offizier vom 97. Infanterieregiment aufgefordert haben, den offen zur Schau gestellten Armeerevolver abzulegen. Durch die Waffenschau fühlten sich die Streikenden provoziert. Aber dem Leutnant missfällt die Aufforderung. Jedenfalls denkt er nicht daran seine Pistole abzulegen. Schnell beginnt ein Handgemenge. "Er hielt die Menge durch die Drohung mit dem Revolver ab und wandte sich dann zur Flucht. Der Matrose folgte ihm und stellte ihm ein Bein, so dass er zu Fall kam. Als der Matrose auf ihn lag, gab Schröder einen Schuss ab, der den Matrosen tödlich traf." Darauf fallen die anderen über ihn her. Der Offizier flüchtet durch den Mühlgraben. Kugeln jagen hinter ihm her. Die Menge schreit: Schlagt den Hund Tod! Schwimmend erreicht der Gejagte das andere Ufer. Einige Bürger helfen ihn an Land. Aber die aufgebrachte Meute stellt den Fliehenden erneut. Wegen des toten Kurt Lange herrscht große Aufregung. "Der Garnisonspfarrer der die Menge beruhigen wollte, wurde blutig geschlagen." Aus dem Tumult führt die Witwe Martha Stempel, geborene Koettnitz, den Verletzten in ihre Wohnung Wasservorstadt 17a. Darauf versammelt sich vor ihrem Haus schnell eine Menschenmenge und fordert die Herausgabe des Leutnants. "Der Hund muss runter", schallt es von der Strasse. "Die Bewohner konnten, da die Türen eingeschlagen und die Fenster zertrümmert wurden, sich dem Verlangen der Menge nicht länger widersetzen", berichtet Justizminister Doktor Heinze am 27. Januar 1921 im Deutschen Reichstag, "und lieferten den nur mit einem Hemd bekleideten Leutnant in einer Decke gehüllt aus." Dann laden sie ihn auf einen Handwagen. Unter dem Johlen der Menge bewegt sich der Tross durch die Wasservorstadt. "Unterwegs wurde er fortgesetzt angespien und mit Stöcken, Fäusten und Eisenstäben geschlagen." Warum diese Fahrt erfolgte, ist umstritten. Später behaupten einige vor Gericht, sie wollten den Verletzten ins Krankenhaus bringen. Bald darauf warf die Menge den Wagen um.

"Der Matrose Dieht schleppte den noch lebenden Leutnant über das Pflaster, legt ihn an die Bordschwelle, nahm einen gewissen Max Keil den Karabiner ab, liess die Menge zurücktreten, und schoss aus 5 Schritt Entfernung den Leutnant in den Kopf." (Heinze) "Es war wiederum ein ganz übles, wahrscheinlich ein bezahltes Subjekt," stellt Bernhard Düwell in seiner Rede vor dem Reichstag fest, "ein Landstreicher, ein notorisch wiederholt vorbestrafter Landstreicher, der dem Naumburger Staatsanwalt als Kron- und Schwurzeuge diente, auf Grund dessen Aussage dann das ungeheuerliche Urteil gefällt wurde."

Der Wendische Berg in Zeitz mit Standseilbahn (eingeweiht 1877, außerbetrieb seit 1959)

Bald darauf kommt es zur Erstürmung der Untermühle und Entwaffnung des dort stationierten Militärs. Und trotzdem wollte die Empörung noch immer nicht abkühlen. Weitere Aktionen folgen.

Die Leiche von Leutnant Schröder mit einer schweren Kopfverletzung findet man am Wendischen Berg. Darüber verhandelt und richtet das Naumburger Schwurgericht vom 30. Mai bis 3. Juli 1920 im Zeitzer Landfriedensbruchprozess. Er wühlt die politische Öffentlichkeit der Region auf. Selbst der Reichstag befasst sich damit.

Noch ein weiterer Fall erregt die Gemüter, wie Adolf Leopoldt (vgl. 149) berichtet. Am 16. Oktober 1919 erhielt ein Arbeiter fünf Jahre, zwei weitere drei Jahre und weitere zwei je 2 ½ Jahre Zuchthaus. Sie hatten während des Generalstreiks im Februar / März auf dem Markt von Zeitz den Stiefsohn des Bürgermeisters von Zeitz, welcher in einem Haufen Arbeiter erkannt und als Spitzel angesehen wurde, gewaltsam in die Rathaustür hineingeschoben.

Naumburg

 

Gewerkschaftskartell
Naumburg

Vorsitzender
Gustav Flöhl
Michaelisstraße 28

Schriftführer
Walter Keil
Moritzberg 1

Kassierer
Franz Schilling
Reußenplatz 4

 

Am 25. Februar verkünden Aushänge in den Strassen von Naumburg den Generalstreik. Seine Leitung obliegt dem Tischler Gustav Flöhl. Noch am selben Tag fordert Landrat Hellmuth Carl Ernst August Freiherr von Schele die ihm unterstellten öffentlichen Institutionen auf in den Abwehrstreik zu treten, falls die allgemeine Arbeitsniederlegung nicht bis nächsten Tag um 12 Uhr Mittag beendet wird. Apotheken schliessen, Ärzte legen die Tätigkeit nieder. Post- und Zollamt, Oberlandes-, Land- und Amtsgericht verriegeln ihre Türen. Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk stellen den Betrieb ein. Alles, wie sie ausdrücklich feststellen, zur Unterstützung der Regierung Ebert-Scheidemann. Eh der Entschluss der Bürger- und Beamtenschaft zum Gegenstreik voll zur Wirkung kommt, spricht sich am Mittwochnachmittag die Mehrheit der Mitglieder einer Versammlung des Gewerkschaftskartells nach einer zweistündigen Diskussion in der Reichskrone für den Abbruch des Streiks aus. Vornan Versammlungsleiter Gustav Flöhl (SPD, Schriftsetzer) und Maurer Rauchbach. Vergeblich setzt sich Maler Leopold Heinrich für die Fortführung ein. "Wenn doch der Generalstreik aufhören soll," sagt er, "so streiken wir eben weiter für das Fortbestehen des Arbeiterrates!" Aber für einen politischen Streik, erhält er zur Antwort, wird kein Geld aus den Gewerkschaftskassen bezahlt. Es droht das Ende der Solidarität! Deshalb eilt am 27. Februar Fred Oelßner (1903-1977) vom Bezirksarbeiterrat Merseburg zu den Naumburger Sorgenkindern. In einer öffentlichen Versammlung der USPD in der Reichskrone will er klären, warum die Mehrheitssozialisten (Gustav Flöhl, Michaelisstraße 28, Ernst Heinrich Bethge, Bürgergartenpromenade 9, Otto Teichmann, Peter-Paul-Straße 14) vom Streik abfielen. Die Sache spricht für sich: In der Abstimmung unterlag der USPD Flügel (Paul Hesse, Michaelisstraße 82, Leopold Heinrich, Dompredigergasse 16 und Hugo Schwarz, Dompredigergasse 16) den Mehrheitssozialisten. Oelßner hält dieses Vorgehen für nicht opportun. Er fordert das Aus für die "säbelrasselnde Gesellschaft samt Hindenburg". Es bleibt beim Beschluss, den Streik zu beenden.


Volksstimme, Magdeburg, den 7. März 1919

"Es war bekanntlich im März 1919 in Mitteldeutschland aus der Erregung darüber, dass die damalige Regierung wie schon so häufig ihr Wort gebrochen hatte, indem sie die Sozialisierung, die sie versprochen hatte, zwar an den Strassenecken plakatierte, aber keine Miene zur Durchführung machte, zu einem Generalstreik gekommen." (Bernhard Düwell, Nationalversammlung, 29. Juli 1920)

Die Mehrheit der Bergleute im Revier Meuselwitz-Altenburg beschliesst die Wiederaufnahme der Arbeit, meldet die Volksstimme aus Magdeburg am 5. März 1919. Andere Nachrichten nennen den 7. März als Tag der Beendigung des Streiks.

Am 7. und 8. März 1919 berät die Nationalversammlung über das Sozialisierungsgesetz. Nach Auffassung des SPD Abgeordneten Otto Hue (1868-1922) befinden wir uns damit an einem Wendepunkt unserer Wirtschaftsgeschichte (22. Sitzung, 7. März). Und die Magdeburger Volksstimme meldet: Die Sozialisierung ist da!

Mit den Stimmen der sozialdemokratischen Partei und Deutschen Demokratischen Partei, aber gegen die Konservativen, beschliesst am 23. März 1919 die Nationalversammlung das Gesetz über die Kohlenwirtschaft. Es stellt die Kohlesyndikate unter Kontrolle eines 60zig-köpfigen Reichskohlenrates, wo die Arbeitnehmer lediglich mit 22 Sitzen vertreten sind. Zumindest nimmt es den Protesten allmählich die Schärfe, schien es doch so, als wenn man den Forderungen der Linken entgegenkommt, in deren politischen Bewusstsein die Sozialisierung eng mit der Vergesellschaftung der Produktion assoziiert.

 

 

Fortschritt - Stagnation - Abbruch. Wer
macht die Geschichte? Revolution oder Reform?  nach oben

 

An Kriegerdenkmalen mangelt es der Stadt nicht, aber an republikanischen Zeichen und Symbolen.

Kriegerdenkmale:

(1.) Am 11. Mai 1873 findet auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz (Kramerplatz) die Grundsteinlegung für die Germania zu Ehren Bismarcks Helden von 1870/71 statt. Der Korpus wird von Bildhauer Professor Julius Moser (Berlin) gestaltet.

(2.) 1909 weihen die Naumburger das Kaiser Wilhelm-Denkmal auf dem Moltke Platz (Wenzelsring) von Bildhauer Leo Koch (Plaue) ein. Die Stadt lässt es 1943 demontieren.

(3.) Mit der Inschrift "Es starben für König und Vaterland" erinnert seit 16. September 1906 in Altenburg (Almrich) ein Obelisk am Bornberg, ursprünglich am Mühlplatz platziert, an die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges.

(4.) Oberhalb der Saalhäuser auf den Höhen über der Saale grüssen bis heute die großen Eisernen Kreuze vom Fürst-Heinrich-Stein. Er wurde am 30. Oktober 1916 eingeweiht. Eine Gedenktafel "Aus Schützengrabensteinen im Kriegsjahr 1916, errichtet vom Jäger-Ersatzbataillon Nr. 4, zur Erinnerung an das vierzigjährige Chefjubiläum des Fürsten Heinrich Reuß - 13.9.1916" ist längst entfernt worden.

(5.) "Für uns starben im Weltkrieg 1914-1918" steht seit 25. November 1923 am Kriegerdenkmal in der Mitte von Altenburg (Almrich) als Inschrift.

(6.) Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung erfolgt am 1. Juli 1923 die Einweihung des Jägerdenkmals an der Bergstraße.

(7.+ 8.) Nach 1990 erhielten die Soldaten und Offiziere der Wehrmacht auf dem Friedhof (Weißenfelserstrasse) zwei Ehrenkreuze. Eines gilt "Dem Gedenken unserer Gefallenen - Artillerieregiment 14 - Naumburg Grimma Leipzig", das andere "Dem Gedenken unserer Gefallenen - Infanterieregiment 53 - Naumburg Weißenfels".

General Adelbert Lontschar (1885-1947), ehemals Infanterieregiment 53, ist an schweren Kriegsverbrechen beteiligt (vgl. Manoschek 52).

 

Ab November 1918 erfolgt die Umstellung des politischen Systems auf parlamentarischen Betrieb. Der demokratische Aufbruch ernüchtert am fehlendem Heizmaterial, Hunger und Einsatz der Freikorps gegen die Arbeiter. Die deutschnationale und nationalkonservative Elite pflegt weiter ihren wilhelminischen Geist (Klassenjustiz, Stahlhelm, Wehrwolf, Kolonialjugend) und organisiert eine antirepublikanische Oppositionsbewegung. Noch immer ölt das alte Personal die Staatsmaschine. Vier Jahre bewilligen die Patrioten die Kriegskredite, dann rufen sie die Revolution aus. Bei Bürgern wecken die Kostümwechsler (Eugen Prager 1921, 181) tiefes politisches Misstrauen. In der Reichswehr kommandieren weiter die alten Generäle. Die Justiz wird personell nicht reformiert. Rudolf Hilferding (1877-1941) formuliert 1934 in der Prager-Erklärung die Einsicht, dass die Übernahme des monarchistischen Machtapparats durch die SPD, der als Obrigkeitsstaat über Jahrzehnte den Bürger formte, ein schwerer Fehler war.

Trotzdem erlebten die Akteure den November `18 mit einem erhebenden demokratischen Gefühl, schien ihnen doch die politische und soziale Welt gestaltbar wie nie zuvor. Waren aber die Republikaner, Leopold Heinrich und Genossen, Otto Grunert oder der Arbeiter-Soldaten-Rat wirklich das Subjekt des Fortschritts? Oder war es etwa wieder eine Revolution von oben? Darauf deutet ein Gespräch am 29. September in Spa über die aussichtslose Lage der deutschen Armee zwischen Hindenburg und Ludendorff mit Oberst Wilhelm Heye und dem Staatsekretär im Auswärtigen Amt Hintze hin. "Der Staatsekretär hat später darüber berichtet, Ludendorf habe sich mit der Revolution von oben und Frieden einverstanden erklärt ...." (Griebel 373) "Der Sieg der parlamentarischen und demokratischen Institutionen war jedoch nicht die Folge eines revolutionären Ereignisses von unten," erläutert Fritz Fischer in Griff nach der Weltmacht (1967), "aus dem die westlichen Demokratien ihre innere Stärke bezogen, sondern die Frucht eines bewusst geplanten Revolution von oben, um der Revolution von unten den Wind aus den Segeln zu nehmen und gleichzeitig gegenüber den Siegermächten in eine möglichst günstige Verhandlungsposition zu kommen."

Liegt es an der verbreiteten Selbsttäuschung, wenn viele Bürger noch immer ein "gestörtes Verhältnis zu dieser größten Massenbewegung der Geschichte" (Kolb 123) haben? Jedenfalls erinnert sich die Stadt Naumburg offensichtlich nicht gern an die demokratische Umgestaltung in den Jahren 1918/1919. Bis heute verweist darauf kein Symbol, kein Ehrenname oder ein besonderer Ort des Gedenkens. Schimmert da noch immer die Ideologie von den Novemberverbrechern der Nationalsozialisten durch? "Als landes- und volksfremde Verderber in den Novembertagen des Jahres 1918 Schmach und Schande über das deutsche Vaterland brachten, da war es uns klar,

dass diese Schande und Schmach ausgelöscht werden müsse,

wollte die deutsche Geschichte ihren Sinn nicht verlieren", erklärt 1934 der NSDAP-Kreisleiter und Oberbürgermeister von Naumburg Friedrich Uebelhoer auf einer Kundgebung (vgl. Ihr habt kein Recht zur Kritik!).

Von Wir machen Revolution blieb wenig übrig. Doch immerhin mündet der November 1918 in eine demokratische Reformbewegung ein, dessen wichtigste Ergebnis die Weimarer Verfassung, das Wahlrecht für Frauen, die Abschaffung des preussischen Dreiklassenwahlrechts, der Achtstundentag, Schulreformen, die Einführung der öffentlichen Erwerbslosenfürsorge und das Betriebsrätegesetz (BRG) waren. Mancher Fortschritt kam auf wilhelminische Weise voran: Horche Untertan! Tausche Siegfrieden gegen Demokratie. So kündigte Kaiser Wilhelm II bereits Ostern 1917 die Abschaffung des preussischen Dreiklassenwahlrecht an, um die Proteste zu beschwichtigen, die nach Kürzung der Lebensmittelrationen am 23. März aufflammten. Es war ein Versprechen, dass erst eingelöst werden sollte, wenn das Volk den Krieg gewonnen.

Als ebenso ambivalent erwies sich das Legien-Stinnes-Abkommen zwischen Gewerkschaften und Unternehmer vom 15. November 1918. Darin anerkennen die Arbeitgeberverbände die Gewerkschaften (Punkt 1 der Vereinbarung) und regeln künftig die Arbeitsbedingungen in einer Kollektiv-Vereinbarung (= Punkt 6). Für jeden Betrieb mit über fünfzig Beschäftigte ist ein "Arbeiterausschuss" einzusetzen, heisst es im Punkt 7. Und Punkt 9 dekretiert: "Das Höchstmaß der täglichen Arbeitszeit wird für alle Betriebe auf 8 Stunden festgelegt." (Vgl. SLA) War es ein Entgegenkommen für den Verzicht der Gewerkschaften auf die Sozialisierung der Schlüsselindustrie? Bald wird die Arbeitszeitregelung ausgehöhlt. Die auf Grundlage des Ermächtigungsgesetzes erlassene Arbeitszeitverordnung vom 21. Dezember 1923 erlaubt die Mehrarbeit auf tariflichen Wege oder durch behördliche (!) Genehmigung. Zuvor waren in einigen Industriezweigen bereits längere Arbeitszeiten eingeführt worden.

Trotz der Fortschritte, die nach einem verlorenen Krieg errungen und von einer völlig zerrütteten Volkswirtschaft getragen werden mussten, kommt es dahin, dass in der Stadt mehr oder weniger alle unzufrieden waren: Das konservative Bürgertum schmerzte die Reformpolitik und der Verlust des Kaisers. Und die Linke befürchtete, dass die heroischen Ziele, wie sie einst im Erfurter Programms der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands von 1891 fixiert, endgültig im Orkus der Geschichte entschwinden.

 

 

Ein General als Stadtvorsteher  nach oben

Die Preußische Regierung löst auf dem Wege der Notverordnung die Stadtverordnetenversammlungen auf, wogegen die Gemeindevertreter am 13. Februar 1919 Protest anmelden. Es nützt nichts, am 2. März 1919 sind Neuwahlen. Durch den Umsturz des preußischen Gemeindewahlrechts geht die Angst vor dem

Gemeinde-Sozialismus

um. An die Stelle des Dreiklassenwahlrechts tritt die allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl. Wie bei den Wahlen zur Nationalversammlung nehmen nun auch die Frauen teil. Viele Bürger fürchten jetzt, der sozialdemokratischen Herrschaft ausgeliefert zu werden. Das nicht, nur das nicht, denkt der Naumburger, und erstimmt einen General zum Gemeindevorsteher.

Am 2. März können die Bürger zwischen vier Listen wählen. Die Liste Dietrich-Artes stellt der

Naumburger-Bürgerausschuss

auf, die von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und der Deutschnationalen Partei (DNVP) unterstützt wird. Die Wählervereinigung legt grossen Wert darauf, dass in ihr die verschiedenen Schichten und sozialen (Berufs-) Gruppen der Stadt vertreten sind, wie etwa Lehrerinnen- und Hausfrauenverein, Deutscher Frauenbund, Haus- und Grundbesitzerverein, Kaufleute, Postbeamte, Angestellte und Handlungsgehilfen. Ihr politisches Grossgeschütz heisst

Generalmajor Louis Schwarz
(Kaiser-Friedrich-Platz 1, heute etwa Heinrich-von-Stephan-Platz).

Für den Bürgerausschuss kandidieren: Dietrich, Schwarz, Doktor  Ehrhardt, Doktor Schulze, Wallach, Scholz, Schröder und andere. Sie wollen die Sozialdemokraten in der Stadtversammlung überstimmen und gleichzeitig einer gewissen Modernisierung Rechnung tragen.

Zum anderen organisiert sich die

Bürgerliche Ständevereinigung

mit Kaufmann Otto Starcke, Oberstleutnant Max Scheele, Domänenrat Bruno Becker, Oberbahnassistent Edmund Zerrener, Fabrikant Otto Walter und anderen.

Die Wahlzeitung des Naumburger Bürgerausschusses vom 2. März 1919 analysiert die Differenzen zwischen der Bürgerlichen Ständevereinigung (Starcke-Scheele-Liste) und dem Bürgerausschuss (Dietrich-Artes-Liste). Sie wirft den Ständischen vor sich nicht "ins Ganze zu schicken". Bei den Verhandlungen der Liste des Bürgerausschusses achtet man auf den Ausgleich der Interessen. Umgekehrt bemängeln die Ständischen den Traditionsabbruch bei der Aufstellung der Kandidaten in der Starcke-Scheele- Liste. Mit anderen Worten, ihnen geht der Austausch des Personals zu schnell. Deshalb entsteht keine Einheitsliste.

Beide Listen ängstigt eine Diktatur auf Kosten des notleidenden Bürgertums. Es gilt mit der Wahlentscheidung, um die Abwehr einer ernsten Gefahr. Auf dem Spiel stehen höchsten geistlichen und sittlichen Güter. Deshalb fordern sie:

Ablehnung jeder Verschärfung der laufenden Waffenstillstandsverhandlungen,

sofortige Freigabe der Kriegsgefangenen,

Aufhebung der Hungerblockade,

Rückgabe der Kolonien und

Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Deutschen.

 

Wahltag - ist Schicksalstag,

prophezeien die Bürgerlichen.

Den verheerenden Wirkungen des Gemeinde-Sozialismus kann nur durch den Block des Bürgertums ein schützender Damm entgegengesetzt werden,

propagieren ihre Anhänger und erringen damit 24 von 36 Sitzen in der Stadtverordnetenversammlung.

 


Stadtverordnetenwahlen in Naumburg (Saale) am 2. März 1919

Liste
Stimmen
Prozent
   

Dietrich-Artes

4 948
44,4

Starcke-Scheele

2 473
22,2

Winkler-Flöhl

2 489
22,3

Heese-Heinrich

1 239
11,1
 
11 149
100,0

 

DNVP, DDP
Zimmermeister Wilhelm Dietrich, Kaiser-Friedrich-Platz, Kaufmann Victor Artes, Herrenstraße 19,
Oberstleutnant Max Scheele, Breithauptstraße 11,
Kaufmann Otto Starcke, Große Marienstraße 36

SPD
Schriftsetzer August Winkler, Schönburger Straße 27
Tischler Gustav Flöh, Michaelisstraße 28

USPD
Buchhändler Paul Heese, Michaelisstraße 82
Maler Leopold Heinrich, Dompredigergasse 16

 

 

Nach dem verlorenen Krieg und den Revolutions-Tagen wählen 3 748 Bürger (gleich 33,4 Prozent) den Aufbruch, also die Kandidaten von SPD oder USPD.

Die Deutschnationalen erhalten 44 Prozent (4 948) aller abgegebenen Stimmen. Zusammen erhalten die Dietrich-Artes und Starcke-Scheele Liste 66,6 Prozent der Stimmen.

Proportionen, die sich im Jahr 1933 ziemlich genau reproduzieren.

24 Bürgerliche sitzen in Stadtverordnetenversammlung neben 12 Sozialistischen Abgeordneten.

Auch in Naumburg scheint sich zu erfüllen, was als geflügeltes Wort durch das Reich geistert: Der Kaiser ging, die Generäle blieben. In ihrer ersten Sitzung am 27. März 1919 wählt die Stadtverordnetenversammlung Generalmajor Louis Schwarz (20.6.1848-13.8.1931) mit 20 von 36 möglichen Stimmen zum Stadtvorsteher. 6 Stimmzettel sind unbeschrieben. 10 Stimmen erhält Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5), den die Stadtverordneten in einem weiteren Wahlgang zum stellvertretenden Stadtvorsteher wählen. Erster Schriftführer wird Stadtverordneter Trost, zweiter Schriftführer Stadtverordneter Krautmann.

 

 

Das lumpige Spiel mit der Ehre der Nation  nach oben

Lebensmittel gibt es nur rationiert zu kaufen. Die Preise steigen und die Inflation nimmt Anlauf, um in der Ruhrkrise zum Galopp überzugehen. Am 28. Juni 1919 schliessen in Versailles die Entente-Mächte mit Deutschland einen Friedensvertrag. Bei den Verhandlungen zum Paragraf 231 im Wiedergutmachungsausschuss gab es das Verlangen, berichtet Felix von Dhuenen (1896-1939), die Stifterfiguren des Naumburger Domes als Ersatz für die Zerstörung der Kathedrale von Reims auszuliefern. Aber es dringen noch ganz andere Nachrichten zum Friedensvertrag in die Stadt. Sorge und Wut machen sich unter den Naumburger Stadtverordneten breit. Die Einsicht vom guten, weil einzig möglichen, für die Gesellschaft aber notwendigen Frieden, wie es im Kontext der Kriegsschuldfrage erörtert wurde, findet hier keinen Rückhalt. Tief empört übersenden sie am 13. Februar 1919 an die Nationalversammlung in Weimar den folgenden Beschluss:

"Bürgerschaft, Magistrat und Stadtverordnetenversammlung der Stadt Naumburg a. S. erheben flammenden Protest gegen die fortgesetzten Erpressungen, die die ungebändigte feindliche Rachsucht im Verlaufe der Waffenstillstandsverhandlungen am deutschen Volke verübt. Wir fordern die Ablehnung jeder weiteren Verschärfung der Waffenstillstandsbedingungen, da schon die jetzigen Bedingungen weit über das hinausgehen, was nach den Wilsonschen Grundsätzen dem deutschen Volke zugemutet werden kann.

Wir fordern sofortige Freigabe unserer Kriegsgefangenen, sofortige Aufhebung der Hungerblockade, uneingeschränkte Rückgabe unserer Kolonien und Anerkennung unseres Selbstbestimmungsrechtes.
….

Wir Deutschen sind am Ende unserer Geduld!  …" (Protest)

Die politische Stimmung schlägt um. Am Montag, den 14. Februar 1921 versammeln sich im Hindenburgsaal des Ratskellers die Anhänger der Deutschen Volkspartei. "Der Versailler Vertrag ist aufgebaut auf Betrug", redet Schulrat Friedrich Hoppe (1879-1959) auf die Anwesenden ein. "Wir hatten die Waffen niedergelegt, weil uns ein Frieden auf Grund der vierzehn Punkte Wilsons zugesagt war. Zu diesen Punkten gehört das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Wenn dieses durchgeführt worden wäre, gehörten die an Polen abgetretene Gebiete noch heute uns. Trotz des Elends, in dem wir uns befinden, haben wir einige Hoffnungsschimmer ....." Zunächst heißt es für die Beseitigung des Versailler Vertrages zu kämpfen. Wir wollen es immer wieder in die Welt hinausschreien:

"Weg mit dem Frieden von
Versailles!" (Lebhafter Beifall)

Aber, der Unmut über Versailles - Gebietsabtretungen, Entwaffnung, Reparationslasten, Abtretung der Kolonien - beschränkt sich nicht auf die sogenannten bürgerlichen Parteien.

Zornentbrannt tritt Bürgermeister Arthur Dietrich zur Naumburger Kundgebung gegen den Vernichtungsfrieden am 18. Mai 1919 auf dem Markt vor die Demonstranten und erklärt, die entehrenden Friedensbedingungen bedeuten "dauernde Schuldknechtschaft, Preisgabe unsere Ehre, Preisgabe der Zukunft und unserer Kinder".

"So tönt es durch ganz Deutschland von Nord zu Süd, von Ost zu West in tausenden Protestversammlungen aus vielen treuen deutschen Herzen. Unannehmbar", sagt General von Röhl in einer umjubelten Rede.

Arthur Graf von Posadowsky-Wehner verlangt: „Keine Klage, keine Anklage, keine Frage nach eigener oder fremder Schuld soll uns heute beschäftigen, wir wollen nur fragen: Warum ist dieser Friedensvertrag für uns unannehmbar!?

NSDAP-Landtagsabgeordneter Papenbrock aus Weimar trommelt am 23. März 1930 der NSDAP-Versammlung im Ratskellersaal: "Wir Nationalsozialisten zeigen ihr [der Jugend] schonungslos, warum wir heute

ein Raum ohne Ehre, ohne Recht, ohne Brot,
ohne Macht, ohne Zukunft

sind und prägen ihr immer und immer wieder ein, dass materielle Verluste ausgeglichen werden können, doch nie und nimmer der Verlust der Ewigkeitswerte der deutschen Seele. (Langandauernder Beifall)"

Die Position der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) war in dieser Frage ziemlich konstant. Das Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) rezitiert sie am 1. April 1933 in der Resolution Die Lage in Deutschland so: "Das Versailler System plünderte Deutschland aus und beugte die deutschen werktätigen Massen unter das Joch unerträglicher Ausbeutung, nicht bloß durch ihr eigenes Kapital, sondern auch durch das ausländische Kapital …."

Eine Erzählung ganz anderer Art entsteht im konservativen politischen Lager und diffundiert in das Alltagsbewusstsein des politischen Bürgers: Das Versailler-Diktat ist ungerecht und muss bekämpft werden, denn eine deutsche Kriegs- oder Alleinschuld gibt es nicht.

"Wir Deutschen stehen jetzt allein in der Welt", klagt Martin Spahn (1875-1945) am 22. Januar 1923 vor den Enthusiasten der Deutschnationalen Volkspartei Ortsgruppe Naumburg. Aber ehr- und wehrlos kann und mag er nicht leben - der Deutsche. So beginnt erneut das alte lumpige Spiel mit der Ehre der Nation, nur neu arrangiert.

Das Volk spieglt sich im Selbstbild von der "geknebelte(n), geknechtete(n) und verachtete(n) Nation". Jetzt muss sich nur noch das Gefühl der Erniedrigung ausbreiten. Und je tiefer der Nationalstolz sinkt, desto empfänglicher wird die deutsche Seele für Kränkungen. Dann ruft der Stolz nach Revanche.

Prompt treten die ersten Symptome einer massiven narzisstischen Kränkung hervor. Das Selbstbild von der geknebelten, geknechteten und verachteten Nation weckt die Aggressionstriebe. Aus der Zurücksetzung - wehrlos, allein, außerstande - erwächst die Frustration, quillt die Wut und Rachelust. Stahlhelm, Wehrwolf, Alldeutsche, Deutschnationale, Monarchisten und Nationalsozialisten lenken sie gegen die Entente-Mächte. Brüllend bäumt sich der in Stein gehauene sterbende Löwe vom Denkmal für die Gefallenen Kösener Senioren-Convents-Verbandes (KSCV) gegen den Westen auf.

 

 

Gegen Westen brüllt der Löwe  nach oben

Nahe der Rudelsburg manifestiert sich die epidemisch auftretende narzisstische Störung als Löwendenkmal. Es soll deutliche die Empörung der Deutschen gegen den Versailler Vertrag zum Ausdruck bringen (Vgl. Kutz 118).


  
     

Etwa 11 Wanderkilometer südwestlich von Naumburg (Saale), unweit der Rudelsburg, installiert die Firma Philipp Holzmann A.G. aus Frankfurt am Main das Löwendenkmal. Es ist 14 Meter lang und 10 Meter hoch. Daneben befinden sich Gedenktafeln. Den Platz stellt Oberst von Schönberg zur Verfügung. Die Anlage konzipierte Professor Blunck von der Technischen Hochschule Berlin Charlottenburg. Das Denkmal für die Gefallenen des Kösener Senioren-Convents-Verbandes (KSCV) schuf Professor Hermann Hosaeus (1875-1958).

 

Zur Einweihung des Mahnmals am 16. Oktober 1926 reisen 123 Korps aus Deutschland und Österreich an. Hier steht die studentische Kriegsgeneration zusammen, von der Papen beim Besuch in Naumburg im Juni 1933 sagen wird, dass ohne ihre Taten "das deutsche Volk schon 1919 im Bolschewismus versunken wäre." "Eine ernste Feier in trüber Stunde", nennt sie Zeitzeuge Walter Krieger (1930) von Bremensiae-Göttingen. Nicht nur das. Einige nutzten sie zur nationalistischen Propaganda. Grosse Aufmerksamkeit für den Bannerträger des Corps Borussia Bonn (1926) Prinz Wilhelm von Preussen (1906-1940). (Vgl. Kutz 119) Als Gäste sind die Rektoren der Universitäten aus Halle, Leipzig und Jena angereist. Zugegen ebenfalls der Reichstagsabgeordnete Richard Leutheusser (1867-1945), Landrat Deines, Kösens Bürgermeister Ciolek und Naumburgs Oberbürgermeister Dietrich. Staatsanwaltschaftsrat und Denkmal-Ausschuss-Vorsitzende Werner Meißner(1888-1962) vom Korps Rhenania Freiburg hält eine "kraftvolle" Gedächtnisrede und feuert in die Menge:

"Deutsche Korpsstudenten! Es ist an uns, zu wachen uns zu sorgen, dass dieser Staat nicht verkomme und verdorre."

Mit gesenkten Fahnen und im vollen Wichs stehen sie vor dem steinernen Löwen, gedenken der 2 360 im letzten Krieg gefallenen Korpsstudenten, "die dem Vaterland das Opfer ihres Lebens gebracht hatten, vergeblich für unsere Generation," wie Walter Krieger sagt, "nicht vergeblich, wie wir hoffen, für die, die nach uns kommen werden."

Vor ihnen bäumt sich der von einer feindlichen Lanze getroffene König der Tiere in Richtung Westen auf. Die Löwenfigur war durch den Künstler gegenüber den ersten Entwurf erheblich geändert worden,

"der Sterbende hat sich brüllend aufgerichtet und
zeigt seinen Gegnern ungebrochenen Kampfeswillen".

Das Löwen-Symbol versinnlicht die notwendige heroische nationale Anstrengung mit der die Kränkung therapiert und gerächt werden soll. Alle Redner mühen sich redlich um die Pathologisierung des nationalen Selbstwertgefühls, um hernach alle Deutschen aus dieser Erniedrigung befreien zu wollen. Sie schmieden das Siegfried-Schwert. Dazu bedarf es dringend neuer Helden und der Opferbereitschaft fürs Vaterland. Werner Meissner übernimmt mit seiner Rede die Formulierungsarbeit:

"Wenn wir dann vor dieses Heldenmal treten, so wird es uns immer wieder daran mahnen, dass die Idee des Vaterlandes erst durch den Opfertod tragfähig wird."

Jeder muss das Opfer als Voraussetzung für die Reinigung von der Schuld begreifen. Den Experten zur Generierung patriotischer Hochstimmung und deutscher Überlegenheitsphantasien, wie Oberst von Schönberg [12aus Kreipitzsch, Paul Schultze-Naumburg aus Saaleck, Lehrer Dr. Heinrich Lemcke oder Doktor Georg Schiele aus Naumburg, sollte das gelingen. Die Katharsis rückt näher, aufgebracht durch eine grosse geistige Strömung, die lehrt: Der Opfertod verbürgt den Deutschen eine große Zukunft. Jetzt muss Heldentum und Opferbereitschaft mit der Bereitschaft zum Sterben verkoppelt werden. Das übernimmt pflichtgemäss Oberst Scotti am Heldengedenktag 1938 auf der Vogelwiese als er an die Soldaten und Offiziere die Devise ausgibt:

Deutschland muss Leben und wenn wir sterben müssen!"

 

Bislang ist nicht zu erkennen," schreibt Justus H. Ulbricht 2004 (7), "ob die heutigen Corpsstudenten einen kritischen Umgang mit ihrem Erinnerungsort pflegen wollen oder sich erneut auf die nostalgisch-schwärmerische Verehrung und Nutzung der Denkmallandschaft Rudelsburg beschränken."

 

 

[Anfrage] Offene Anfrage an den Grafen Posadowsky. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 17. Januar 1919

[Aufruf] Ein Aufruf an die Bürger Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 11. November 1918

Aufruf der Deutschnationale Volkspartei vom 24. November 1918. In: Werner Liebe: Die Deutschnationale Volkspartei 1918 - 1924. Droste Verlag, Düsseldorf 1956, Seite 107 bis 108

Aufruf des Vorstandes der Deutschnationalen Volkspartei vom 27. Dezember 1918 (Richtlinien für die Wahl zur Nationalvbersammlung). In: Werner Liebe: Die Deutschnationale Volkspartei 1918 - 1924. Droste Verlag, Düsseldorf 1956, Seite 109 bis 112

Aufruf der deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 6. Januar 1919

Abbruch des Generalstreiks. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. Februar 1919

Abwehrstreik des Bürgertums. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. Februar 1919

Amtliche Bekanntmachung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 31. Dezember 1918

An die Bevölkerung und Soldaten von Naumburg und Umgebung. Der Arbeiter- und Soldatenrat Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. Dezember 1918

[ASR] Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte im Bezirk Merseburg. [Teil 1:] "Weissenfelser Tageblatt. Kreisblatt", Weissenfels, am 4. Februar 1919. [Teil 2:] "Weissenfelser Tageblatt. Kreisblatt", Weissenfels, am 5. Februar 1919.

[ASR] Amtliche Bekanntmachung des Arbeiter- und Soldatenrates. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. November 1933

Bandur, Gernot: Adolph Hoffmann. Freireligiöser, sozialistischer Verleger und Politiker. Herausgegeben von der humanistischen Akademie Berlin. Redaktion: Eckhard Müller, Berlin 2008

Bauer, Reichskanzler. Rede: Fortsetzung der zweiten Beratung des Gesetzesentwurfs der Betriebsräte (Drucksache Nr. 928). 136. Sitzung. Mittwoch, den 14. Januar 1920. Reichstagsprotokolle 1919/1920,6, Seite 4203ff. http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000015_00609.html

Bauer, Hans: Wie wird man Sozialist? "Die Weltbühne", Berlin, 28. Juli 1928, Nummer 30, Seite 87

[Bergarbeiterstreik 1919] Entschliessung der Konferenz der Bergarbeiter des mitteldeutschen Bergreviers an die Reichsregierung. "Weißenfelser Tageblatt", Weissenfels, Dienstag, am 25. Februar 1919

[Bergarbeiterstreik 1919] Generalstreik im mitteldeutschen Grubenbezirk. "Weißenfelser Tageblatt", Weißenfels, Dienstag, am 25. Februar 1919

[Bergarbeiterstreik 1919] Sagt Herr Oelsner die Wahrheit. [Stellungnahme der Streikleitung]. "Weißenfelser Tageblatt", Weißenfels, Dienstag, am 4. März 1919.

[Bergarbeiterstreik 1919] Die Besetzung von Halle durch die Regierungstruppen. "Weißenfelser Tageblatt", Weißenfels, Dienstag, am 4. März 1919. - Ebenso: "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. März 1919

Bericht über die Verhandlungen des III. (8.) Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale). Abgehalten in Leipzig vom 28. Januar bis 1. Februar 1923. Herausgegeben von der Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands. Vereinigung Internationaler Verlags-Anstalten, Berlin 1923

Bildung des Naumburger Bürgerausschusses. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1918

[Blüthgen] Gespräch mit Herrn Blüthgen, Naumburg, Lessingstraße 17. 25. August 1958, unveröffentlicht

Brecht, Bertolt: Die Massnahme. Kritische Ausgabe mit einer Spielanleitung von Reiner Steinweg. Edition Suhrkamp, Suhrkamp Verlag. Erste Auflage, Frankfurt am Main 1972

Boyens, Armin: Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 - Entstehung und Bedeutung. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. München, Jahrgang 19 (1971), Heft 4, Seite 374 bis 397

Borkowsky, Professor Ernst: Unser Heiliger Krieg. Mit 25 Bildern von Professor Walter Klemm, Emil Preetorius und Hans Baluschek. Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1914

Bouvier, Beatrix von: Fritz Drescher. In: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder. Herausgegeben von Karl Wilhelm Fricke, Peter Steinbach und Johannes Tuchel. Verlag C. H. Beck, München 2002, Seite 117 bis 121

[BRG] Zweite Beratung des Gesetzesentwurfs der Betriebsräte (Drucksache Nr. 928). 135. Sitzung. Dienstag, den 13. Januar 1920. Reichstagsprotokolle 1919/1920, 6, Seite 4196 bis 4202. http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000015_00602.html

Brosius, Hans: Der Anteil der deutschen Presse am Kampf um den deutschen Geist.
Schriften zur politischen Bildung. Reihe 7, Volkstum 15.
Beyer, Langensalza 1930

Brosius, Hans [Einnerungen an Lüttich] In: "Naumburger Tageblatt". 2. Beilage zum "Naumburger Tageblat" und zur Bad Kösener Allgemeine Zeitung. Naumburg, den 29. Juli 1939

Bülow, Fürst Bernhard von, Reichskanzler: Rede. Reichstagsprotokolle. 117. Sitzung, 14. November 1906. In: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. XI. Legislaturperiode. II. Session. 1905/1906, Fünfter Band. Von der 116. Sitzung am 13. November 1906 bis 140. (Schluss-) Sitzung am 13. Dezember 1906. Von Seite 3591 bis 4385. Druck und Verlag der Norddeutschen Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin 1906, Seite 3619 ff.

[Bund der Kriegsgeschädigten. Information über einen Vortrag von Dr. Georg Schiele] Militärische Sicherheiten. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. Januar 1918

[Bürger-Ausschuss] Öffentliche Versammlung. "Naumburger Tageblatt", den 7. Januar 1919

[Bürger-Versammlung] Die Bürgerversammlung in der Reichskrone. "Naumburger Tageblatt", den 20. November 1918
[Anmerkung: Schreibfehler beim Datum leider nicht ausgeschlossen.]

David, Eduard: Die Sozialdemokratie im Weltkrieg. Buchhandlung Paul Singer GmbH, Berlin 1915

Demokratische Volksversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. Dezember 1918

Der Friedensschluss als erstes Kriegsopfer ["Jaurès ist Tod und die Kosaken kommen!"]. "Volksstimme". Das sozialdemokratische Organ für den Regierungsbezirk Magdeburg, 4. August 1914

Der grosse Demonstrationszug. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 13. Januar 1919

Der Streik in Mitteldeutschland. "Volksstimme", Magdeburg, den 5. März 1919

Deutschnational kämpft für Schwarz-Weiss-Rot! "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 6. Dezember 1924

Die Zustände in Mitteldeutschland. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 1. März 1919

[Heinrich, Über Leopold] "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. August 1921

Krantz Berlin. Herausgeber: Friedrich Ebert Stiftung. Archiv, www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Die Errungenschaften der Revolution. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 7. Januar 1919

Dietrich, Arthur: Ansprache am 18. Mai 1919. In: Die Naumburger Kundgebung gegen den Vernichtungsfrieden. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 19. Mai 1919

Die Weihe des neuen Rudelsburgdenkmals. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. Oktober 1926

[]DNVP] Deutschnationale Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 7. Januar 1919

Dhuenen, Felix von: Der Naumburger Dom. Verlag Velhagen und Klasing, Bielefeld und Leipzig, 1939, Seite 9

[Drescher] Rede von Drescher (SPD) am 10. November 1918 in der "Reichskrone" [Naumburg]. Bericht. Wahl des Arbeiter- und Soldatenrates. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 11. November 1918

Duesterberg, Theodor: Stahlhelm-Politik. Ansprache des 2. Bundesführers Herrn Oberstleutnant a. D. Duesterberg am 2. Oktober 1931. Nationalclub von 1919 e.V. Hamburg, Nummer 3, 1931

[Düwell, Bernhard] Rede auf der Konferenz der A- und S-Räte im Bezirk Merseburg. "Weißenfelser Tageblatt", Weißenfels den, 4. Februar 1919

Düwell, Abgeordneter Bernhard, Verhandlungen des Deutschen Reichstages, Reichstagsprotokolle 1920, 13. Sitzung, Donnerstag, den 29. Juli 1920. http://www.reichstagsprotokolle.de

Düwell, Bernhard: Redebeitrag auf der 27. Sitzung der Nationalversammlung am 13. März 1919. Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Band 327. Stenographische Berichte. Druck und Verlag der Borddeutschen Buchdruckerei und Verlags-Anstalt. Berlin, Wilhelm Straße 32, Berlin 1920. Seite 774 bis 776. http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000011_00000.html

Ebert, Friedrich: Ansprache an die Heimkehrenden Truppen. 10. Dezember 1918. In: Politische Reden III. 1914.1915. Herausgegeben von Peter Wende unter Mitarbeit von Andreas Fahrmeir. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Mai 1994, Seite 94 bis 96

[EKKI] Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale.
Resolution: Die Lage in Deutschland. 1. April 1933

Ergebnis der Stadtverordnetenwahlen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 5. Mai 1924

[Erklärung] Gegen die Tyrannei! Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Die sozialdemokratische Fraktion der Nationalversammlung, Weimar den 1. März 1919. Abgedruckt in: Volksstimme, Sozialdemokratisches Organ für den Regierungsbezirk Magdeburg, Magdeburg, den 4. März 1919

125 Opfer in Halle!. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. März 1919

Eisenfeld, Bernd, Rainer Eppelmann, Karl Wilhelm Fricke, Peter Maser: Für Freiheit und Demokratie 40 Jahre Widerstand in der SBZ/DDR. Herausgeber: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Wissenschaftliche Dienste, ohne Jahresangabe

Erklärung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 21. Dezember 1918

Erinnerungen eines alten 55er an die Mobilmachung 1914. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 22. August 1933

Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschlands 1914/18. Athenäum / Droste Taschenbücher Geschichte. Athenäum Verlag 1977 (Nachdruck der Sonderausgabe von 1967), besonders Seite 558

Fischart, Oskar: Oskar Hergt. Die Weltbühne, XVIII Jahrgang, 26. Januar 1922, Nummer 4, Seite 85 bis 88

Fischer, Otto: Zur Arbeiterratswahl! "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 21. März 1919

[FLK, 1919] An die Schüler der Untersekunda, Obersekunda, Unterprima und Oberprima. Freiwilliges Landes-Jäger-Korps. Hauptmeldestelle: Berlin-Steglitz, Albrechtstraße 131. [1919] Originaldokument

Flemming, Jens: Konservatismus als "nationalrevolutionäre Bewegung": Konservative Kritik an der Deutschnationalen Volkspartei 1918-1933. In: Dirk Stegmann, Bernd-Jürgen Wendt, Peter-Christian Witt (Herausgeber): Deutscher Konservatismus im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert. Festschrift für Fritz Fischer zum 75. Geburtstag und zum 50. Doktorjubiläum. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1983, Seite 295 bis 331

Gegen die Tyrannei! "Volksstimme", Magdeburg, den 4. März 1919

Generalstreik in Mitteldeutschland. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. Februar 1919

[Generalstreik] Vom Generalstreik in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. Februar 1919

[Zum Generalstreik am 23.2.1919] Regierungstruppen nach Halle?. "Volksstimme", Magdeburg, den 27. Februar 1919

Griebel, Alexander: Das Jahr 1918 im Lichte neuer Publikationen. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, Jahrgang 6 (1958) Heft 4, Seite 361 ff.

Götz, Alfred: [Erinnerungen], handschriftlich, ohne Datum, etwa zwischen 1955 und 1970 geschrieben, unveröffentlicht

Haffner, Sebastian: Die deutsche Revolution 1918/19. Rowohlt Taschenbuchverlag, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2007

Handbuch der verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung, Weimar 1919. Biographische Notizen und Bilder, Herausgegeben vom Büro des Reichstages, Carl Heymann Verlag, Berlin 1919

Hauptakten der Polizeiverwaltung Naumburg, Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, Angefangen: 1919, Geschlossen: 1939, Stadtarchiv Naumburg, Signatur 8356

Heinze, Doktor Rudolf, Abgeordneter und Reichsjustizminister, Verhandlungen des Deutschen Reichstages. Reichstagsprotokolle 1920, 57. Sitzung, Mittwoch, den 27. Januar 1921, http://www.reichstagsprotokolle.de

Hirschinger, Frank: Gestapoagenten, Trotzkisten, Verräter. Kommunistische Parteisäuberungen in Sachsen-Anhalt 1918-1953, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005

Hoffmann, Adolph: Die zehn Gebote und die besitzende Klasse. A. Hoffmann`s Verlag, Berlin 1893

Holzbach, Heidrun: Das "System Hugenberg". Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1981

Hoppe, Friedrich: Naumburger Verlustliste. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 11. und 12. Mai 1920

Hoppe, Friedrich: Referat. In: Schulrat Hoppe über den Versailler Vertrag und den 20. Februar. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 16. Februar 1921

Hoppe, Friedrich: Naumburg im Weltkriege. In: Naumburger Heimatbilder. 1526 bis 1926. Verein für Heimatgeschichte. Verlag H. Siedling, Naumburg 1926, Seite 57 bis 59

Hoppe, Friedrich: Naumburger Geschichtszahlen. In: Heimatbuch des Vereins für Heimatgeschichte zu Naumburg a. S.. Bearbeitet von Friedrich Hoppe. Verlag H. Siedling, Naumburg 1926

Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte. Seit 1789. Band V. Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914 -1919. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart - Berlin - Köln - Main, 1978

"Ihr habt kein Recht zur Kritik!". "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 31. Mai 1934

Januarputsch 1920. Sturm der "Unabhängigen" und "Kommunisten" auf das Reichstagsgebäude. Verhängung des Belagerungszustandes über Norddeutschland. Lübecker Volksbote. Lübeck, den 14. Januar 1920

Kater, Fritz: An unserer Gewerkschaftsgenossen!. Die Einigkeit. Organ der freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften. Berlin, Sonnabend, den 8. August 1914

Kaufmann, Eberhard: Sterben in russischer Eiseskälte. 1943 Ende des Infanterieregiments 53. In: Burgenland-Journal, Heimatbeilage zum "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 30. November 2002, Seite 24

[Klüber] Der spartakistische Mord in Halle. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. März 1919

Könnemann, Erwin: Einwohnerwehren und Zeitfreiwilligenverbände. Ihre Funktion beim Aufbau eines neuen imperialistischen Militärsystems (November 1918 bis 1920), Deutscher Militärverlag, Berlin 1971

Kolb, Eberhard: Die steckengebliebene Revolution. In: Carola Stern und Heinrich August Winkler (Herausgeber): Wendepunkte der deutschen Geschichte. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2001, Seite 99 ff.

[Kommandogewalt] Vorläufige Reglung der Kommandogewalt und Stellung der Soldatenräte im Friedensheere. Berlin, den 19. Januar 1919, unterzeichnet von: Reinhardt (Der Kriegsminister), Göhre (Der Unterstaatssekretär), Max Cohen (Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte der deutschen sozialistischen Republik), Hermann Müller (Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte der deutschen sozialistischen Republik). In: Georg Maercker: Vom Kaiserheer zur Reichswehr. Geschichte des freiwilligen Landesjägerkorps. Zweite durchgesehene Auflage, Verlag von F. K. Koehler, Leipzig 1921, Anlage 5b

Kraatz, Emil: Aus dem Leben eines Bürgermeisters. Erinnerungen, Erfahrungen und Betrachtungen. Verlag Fr. Wilh. Grunow, Leipzig 1914

Kramer, Alan: "Greultaten". Zum Problem der deutschen Kriegsverbrechen in Belgien und Frankreich 1914. (Alan Kramer äussert sich distinguiert zur Verantwortung Deutschlands im Jahr 1914 und zum Problem der "Eigendynamik" ("hineinschlittern"). In: Krieg ohne Ende. Zeit Online, 27. Februar 2014. http://www.zeit.de/2014/10/erster-weltkrieg-joern-leonhard-alan-kramer)

Krieger, Walter: Kösen und die H.K.S.C.V. In: Bad Kösen. Heimatliche Geschichtsbilder. Herausgegeben vom Magistrat der Stadt Bad Kösen 1930, Seite 153 bis 163. (Bericht über die Einweihung des Löwen-Denkmals, Seite 162 bis 163.)

Kunert, Fritz, Abgeordneter: Rede. Reichstagsprotokolle 1920/24,1. Freitag, den 30. Juli 1920. http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_w1_bsb00000028_00430.html

Kutz, Rüdiger: Die Rudelsburg als Symbolort der Kösener Corpsstudenten. In: Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalt, Heft 23: Deutsche Erinnerungslandschaften Rudelsburg-Saaleck-Kyffhäuser. Protokollband der wissenschaftlichen Tagungen 14.-16-Juni 2002 in Bad Kösen und 13.-15. Juni 2013 in Bad Frankenhausen. Heimatbund Thüringen e.V., Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V. Halle 2004, Seite 103 bis 125

[Landsturm] Der Naumburger Landsturm rückt ins Feld. Ein alter Landsturmann erzählt: "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. August 1934

[Lautz] Der Generalstaatsanwalt bei dem Kammergericht. 10. 0.Js. 100/35. Berlin W 57, den 29. April 1935, Elholzstraße 32, An den Herrn Vorsitzenden des 5. Strafsenats des Kammergerichts, Anklageschrift B. [Prozess Georg Faber und Genossen], Unterzeichnet: "In Vertretung gez. Lautz, Oberstaatsanwalt Lautz". Dokument unveröffentlicht

Leidigkeit, Karl-Heinz / Jürgen Hermann: Auf leninistischem Kurs - Geschichte der KPD - Bezirksorganisation Halle-Merseburg bis 1933. Herausgegeben von der Bezirksleitung Halle der SED. Druckhaus "Freiheit", Halle 1979

Leopoldt, Adolf: Rote Chronik der Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg. Herausgeber SPD. Unterbezirk Zeitz-Weißenfels-Naumburg 1931

[Leuna] Kämpfendes Leuna (1916-1945). Die Geschichte des Kampfes der Leuna-Arbeiter. Teil I. 1. Halbband (1916-1933), Verlag Tribüne, Berlin 1961

Liebe, Werner: Die Deutschnationale Volkspartei 1918 - 1924. Droste Verlag, Düsseldorf 1956

Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914-1918. Zweite Auflage. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1936

[Lüttich] Als General Ludendorff mit dem Jägerbataillon 4 Lüttich stürmte. Die ersten Geschütze im Weltkrieg durch Naumburger Jäger erobert. Eindrucksvolle Erinnerungen der Hauptbeteiligten. "Naumburger Tageblatt". 2. Beilage zum "Naumburger Tageblatt" und zur Bad Kösener Allgemeine Zeitung. Naumburg, den 29. Juli 1939

Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Band 5, Berlin 1975, Seite 391

Henrichs, Willi: Gottfried Traub (1869-1956). Liberaler Theologe und extremer Nationalprotestant. hartmut spenner, waltrop 2001

[Hunger] Der Hunger vor der Tür. "Volksstimme", Magdeburg, den 6. März 1919

Maercker, Georg: Vom Kaiserheer zur Reichswehr. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Revolution. Verlag K. F. Koehler, Leipzig 1921

Manoschek, Walter: "Serbien ist judenfrei". Militärische Besatzungspolitik und Judenvernichtung in Serbien 1941/42. R. Oldenbourg Verlag, München 1993

[Mobilmachung] Aus Naumburgs ersten Mobilmachungstagen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 1. August 1933

Müller, Richard: Das Rätesystem in Deutschland. 1918

Müller, Richard: Was die Arbeiterräte wollen und sollen. Mit einem Vorwort von Ernst Däumig. Verlag "Der Arbeiter-Rat", Berlin SW 68, Druck von Mauter + Dimmick, Berlin SO 16, 1919

Nachrichten aus Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 13. Januar 1919

[Nachricht] Naumburg und Weissenfels. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 1. März 1919

Öffentliche Versammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 4. Dezember 1918

Ossietzky, Carl von: Die Heimkehr der Armee. Zum Waffenstillstandstage. In: Ossietzky. Eine Lesebuch für unsere Zeit. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1989, Seite 45-52

Papen, Franz: Rede, gehalten in Naumburg (Saale) am 11. Juni 1933. In: Franz von Papen: Das deutsche Gewissen, Reden zur nationalen Revolution. Neue Folge. Gerhard Stalling, Oldenburg 1933, Seite 59 bis 63

[Papenbrock, aus der Rede des Landtagsabgeordneten Papenbrock am 23. März 1930 im Ratskellersaal von Naumburg]. Nationalsozialistische Versammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. März 1930

Polizeiliche Auskunft. Zu Berichten an das Reichsamt des Inneren in Berlin. 21. Mai 1919. In: Hauptakten der Polizeiverwaltung Naumburg an der Saale. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Angefangen 1918. Geschlossen 1939, Rep. 8356

Polizeibericht vom 7. Juli 1921. Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg. Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit. Angefangen 1918. Geschlossen 1939, Stadtarchiv Naumburg, Archivsignatur 8356

[Polizeiverwaltung] Die Polizeiverwaltung. 22. April 1920. Unterzeichnet von Roloff [Bürgermeister]. In: Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg an der Saale. Massnahmen bei drohenden Unruhen. Angefangen 1919. Beendet 1921 (1933). Stadtarchiv Naumburg, Rep. 8355

Posadowsky-Wehner, Graf Arthur von: Gegen die Unterzeichnung des Friedensvertrages. 22. Juni 1919. In: Politische Reden III. 1914.1915. Herausgegeben von Peter Wende unter Mitarbeit von Andreas Fahrmeir. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Mai 1994, Seite 272 bis 287

Posadowsky-Wehner, Arthur Graf von: Rede in der Nationalversammlung. 7. Sitzung. Freitag, den 14. Februar 1919. Bayerische Staatsbibliothek, Münchner Digitalisierungszentrum, Digitale Bibliothek. Verhandlungen des Reichstages, Band 326, 1919/20, Seite 79 bis 88

Posadowsky-Wehner, Graf Arthur von: Rede. Reichstagsprotokolle 1919/20, 1. Nationalversammlung. 27. März 1919, Seite 836 bis 839
http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000011_00107.html

Prager, Eugen: Geschichte der USPD. Entstehung und Entwicklung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Verlagsgenossenschaft "Freiheit" G.m.b.H., Berlin 1921

[Prager Erklärung von 1934] Kampf und Ziel des revolutionären Sozialismus. Die Politik der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. In: Zeitschrift für Geschichtswissenchaften, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, XX (1972) Heft 7, Seite 860 ff.

Programm der USPD. "Volksbote", Zeitz, den 13. März 1919

[Protest] Naumburger Protest. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. Februar 1919

[Reichsamt] 1. Zu berichten an das Reichsamt des Inneren. Naumburg, am 21. Mai 1919. Unterschrift Roloff, Polizeiverwaltung Naumburg. Hauptakten der Polizeiverwaltung Naumburg an der Saale. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Angefangen 1918. Geschlossen 1939, Stadtarchiv Naumburg, Archivsignatur 8356

Richtlinie für die örtlichen Arbeiterräte [Beschlussder Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte des (Regierungs-) Bezirkes Merseburg]. In: "Weissenfelser Tageblatt. Kreisblatt", Weissenfels, am 5. Februar 1919.

Salomon, Ernst von: Die Geächteten. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1962 (besonders Seite 23-27)

Scheidemann, Philipp: Das neue Jahr 1915. In: Philipp Scheidemann: Memoiren eines Sozialdemokraten. Erster Band. Servus Verlag, Hamburg 2010, Seite 261f.

Scheidemann, Philipp: Das historische Versagen der SPD. Schriften aus dem Exil. Herausgegeben von Frank R. Reitzle. Mit einer Einleitung von Claus-Dieter Crohn. Zu Klampfen! Lüneburg 2002

Scheidemann, Philipp: Der Putsch Kapp-Ludendorff [ = Kapitel in: Philipp Scheidemann: Kritik der Deutschen Sozialdemokratie und ihrer Führung]. In: Das historische Versagen der SPD. Schriften aus dem Exil. Herausgegeben von Frank R. Reitzle. Mit einer Einleitung von Claus-Dieter Crohn. Zu Klampfen! Lüneburg 2002, Seite 141-150

Schiele, Georg Wilhelm: Die russische Gefahr (Februar 1915). In: Überseepolitik oder Kontinentalpolitik. J. F: Lehmann, München 1917, Seite 9 bis 12

Schiele, Georg: Rede. In: Öffentliche Versammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 2. Dezember 2016

Schiele, Georg Wilhelm: Rede in der Reichskrone von Naumburg am 2. Dezember 1918. In: Öffentliche Versammlung. " Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 4. Dezember 1918

Schulrat Hoppe über den Versailler Vertrag und den 20. Februar. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 16. Februar 1921

Scotti zum Heldengedenktag in Naumburg (Saale) am 13. März 1935. In: Naumburg gedachter seine toten Helden. "Mitteldeutsche National-Zeitung", Halle, den 14. März 1938

Seeckt von einem alten Soldaten. "Die Weltbühne", Berlin, 22. Jahrgang, 1926, Seite 55 ff

[SLA = Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918] Die Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Unternehmer. "Lübecker Volksbote", Lübeck den, 18. November 1918

Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg. Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit. Angefangen 1927. Geschlossen 1937, Stadtarchiv Naumburg, Archivsignatur 5617

[Spahn, Martin] Reichstagsabgeordneter Martin Spahn in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, am 25. Januar 1925

[Stadtverordnetenwahl] Generalstreik und Stadtverordnetenwahl. Wahlzeitung des Naumburger Bürgerausschusses herausgegeben aus Anlass der Stadtverordnetenwahl, Naumburg. Wahlsonntag, den 2. März 1919

Stolpe, Manfred: Otto Wels und die Verteidigung der Demokratie. Vortrag im Rahmen der Reihe "Profile des Parlaments" der Evangelischen Akademie zu Berlin am 14. Februar 2002, Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesprächskreis Geschichte Heft 45, Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung

[Streik] Die Streikbewegung im Reiche. "Volksstimme", Magdeburg, den 5. März 1919

Streiks und Aussperrungen in den Jahren 1917, 1918 und 1919. Statistik des Deutschen Reiches, Band 290. Statistisches Reichsamt, Verlag des Statistischen Reichsamtes, Berlin 1920

Die Thronrede [des Kaisers]. "Lübecker Volksbote", Lübeck, den 5. August 1914

[Umsturz] Ernste Gedanken für schwere Stunden. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 11. November 1918

Umsturzbewegung in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 12. November 1918

Ulbricht, Justus H.: Vorwort. In: Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalt, Heft 23: Deutsche Erinnerungslandschaften Rudelsburg-Saaleck-Kyffhäuser. Protokollband der wissenschaftlichen Tagungen 14.-16-Juni 2002 in Bad Kösen und 13.-15. Juni 2013 in Bad Frankenhausen. Heimatbund Thüringen e.V., Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V. Halle 2004, Seite 4 bis 8

"Unseren heimkehrenden Truppen zum Willkomm!". "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. November 1918

[USPD-Versammlung] Öffentliche Versammlung der USPD. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 28. Februar 1928

V. Zu berichten an den Herrn Regierungspräsidenten in Merseburg. Zur Verfügung 29. Juli 1919. Naumburg, den 5. September 1919 In: Hauptakten der Polizeiverwaltung Naumburg an der Saale. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Angefangen 1918. Geschlossen 1939. Stadtarchiv Naumburg, Rep. 8356

Voigt, Fritz [zur Naumburger Arbeiterbewegung], handschriftlich, [Naumburg am] 1. April 1957, unveröffentlicht

[Volksversammlung, 2. Dezember1918] Öffentliche Versammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 4. Dezember 1918

Vor 25 Jahren in Naumburg - Als die heimatlichen Regimenter ins Feld zogen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 1. August 1938

Waase, Karl: Die Naumburger Jäger im Weltkriege. Magdeburger Jägerbataillon Nr. 4 nebst allen zugehörigen Kriegsformationen. Verlag der Akademischen Buchhandlung, R. Max Lippold, Leipzig 1919

Wahl des Arbeiter- und Soldatenrates. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 11. November 1918

Was hat die Nationalversammlung geleistet? Ein Merkblatt für denkende Arbeiter und Arbeiterinnen, Angestellte und Beamte. Herausgegeben vom Bezirks-Verband Groß-Berlin U.S.P.D., Schickler Strasse 7 [1921]

Wahlaufruf der Deutschnationalen Volkspartei [1924]. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1924

Wahlzeitung des Naumburger Bürgerausschusses herausgegeben aus Anlass der Stadtverordnetenwahl, Naumburg. Wahlsonntag, den 2. März 1919

Weipert, Alex: Vor den Toren der Macht. Die Demonstration am 13. Januar 1920 vor dem Reichstag. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Mai 2012. II, NDZ-GmbH, Seite 16 bis 32

[Wallbaum-Dokument] Analyse der Stadt Naumburg. Naumburg, ohne Jahresangabe, wahrscheinlich um 1950, unveröffentlicht

[Wehrwolf 1927] Hassenhausen. Wehrwolf-Abend. "Naumburger Tageblatt", den 14. Dezember 1927

Wiedersehensfest und Denkmalsweihe A.S. Sonderbeilage der Nachrichten des Provinzialvereins ehemaliger Jäger und Schützen. Nummer 12, Halle a.S., den 1. August 1923

Wilhelm [II.]: An das deutsche Volk! In: "Lübecker Volksbote", Lübeck, den 6. August 1914

"Zeitzer Arbeiter schlagen den Kapp-Putsch nieder". Aus dem Franz-Mehring-Institut von einem Kollektiv der Abteilung Geschichte der Arbeiterbewegung. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, 9. Jahrgang, 1959/60, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe, Heft 2, Seite 205 bis 221

Zur Aufhebung des Generalstreiks in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. Februar 1919

Zur Lage im mitteldeutschen Braunkohlerevier. "Lübecker Volksbote". Organ der Interessen der werktätigen Bevölkerung. Mittwoch, den 26. Februar 1919

Zur Aufklärung. Wahlzeitung des Naumburger Bürgerausschusses herausgegeben aus Anlass der Stadtverordnetenwahl. Naumburg. Wahlsonntag, den 2. März 1919

Zur Vorbereitung des 40. Jahrestages der Novemberrevolution. "Freiheit" [Tageszeitung], Halle an der Saale, 9. August 1955

 

 

Bildnachweis

"Deutsche Frauen wacht auf! Tut Eure Pflicht...Helft retten. Wählt deutschnational." Druck/Verlag: Kunstanstalt Leopold Krantz, Berlin. In: Deutschnationale Volkspartei, Format des Originals 41 x 61 cm, Download-Ausstellung Frauen im Aufbruch - Politische Plakate. Archiv der sozialen Demokratie, Friedrich Ebert Stiftung. http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/downloads/modul1.htm, 2009

Mitglieder der neuen deutschen Regierung. Paul Göhre, Wilhelm Dittmann, Hugo Haase, Friedrich Ebert, Eduard David, Eduard Bernstein. Postkarte 1919. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv der sozialen Demokratie. Download-Angebote: Geschichte der Arbeiterbewegung und der SPD http://www.fes.de/archiv/usw.

 

Für Informationen zu den Vorgängen in Zeitz im Jahr 1919 danke ich Frau Sibylle Pentzek, Leiterin des Stadtarchivs Zeitz. 14. März 2012.

 


Autor:
Detlef Belau

Geschrieben: April 2005.
Letzte Änderung: 17. April 2012

 

zurück