Arbeitslosigkeit in Naumburg
 
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Otto Grunert,
Vorsitzender der SPD-Ortsgruppe Naumburg (Saale):

"So grinst uns höhnend die kapitalistische Wirtschaftsordnung an. Sinnlos. Auf der einen Seite Brachliegen von Millionen von Arbeitshänden, Leerlauf der Betriebe, auf der anderen Seite Fehlen des Allernotwendigsten für breite Volksschichten."

Aus: Willkommen zum Fest der Arbeit.
Fest der Arbeit in Naumburg a. S..
Sonnabend, den 26. Juli bis Sonntag, den 3. August 1930

 

 

 

Erwerbslosigkeit, Arbeitspolitik und Alltag -
1914 bis 1945 in Naumburg an der Saale

 

Gliederung
Arbeitsnachweis 1910Kriegsbeginn 1914Franzosentod
ErwerbslosenhilfeOrigin. Arbeitsloseninit.Arbeitsnachweis
Mittelaufbringungsver.Krisenfürsorge 1926AVAVG 1927
Rücktritt der SPDUnhaltbare ZuständeFest der Arbeit 1930
Arbeitsmarktreform.Eine Chance für ...!Öffentliche Meinung
Die TippelbruederProteste und DebattenKlägliche Umzüge
Haushalt & Arbeitslo.Ihr sollt euch .... NSDAP-Vers.
SchicksalsfrageSchwarzarbeitFAD
Der Jude brachte ...ArbeitsschlachtVom FAD zum RAD
Entmodernisierung  
   
Notizen, Informationen, Tabellen
Massendemobilis.Überwachung mit SAErwerbslosendemo
AbwanderungArbeitsnachweisges.Einkommensarten
Statistik 1926 - 1937ZuständeResign. u. Verzw.
1933 Arbeitsamt MeldestellenArbeitsförderung
VerwaltungMahraun / Schiele ....Arbeitslager
SchlägereiFAD Landjugendh.Stadtverordnete
-Veränderungen FrauenbildEhegattensplitting
ProjekteHauswirtschaftsjahrVerweigerung ...
KampagnenArbeitslosenstatistikUnterstützungssätze
Theodor Leipart  

 

 

Die soziale Lage ist wie beim Untergang der Titanic im Jahr 1912: Für 2 200 Passagiere gibt es in den Rettungsbooten nur 1 200 Plätze. Besonders heftig grassiert die Erwerbslosigkeit unter den Arbeitern und Handwerkern, weshalb der Mitteldeutsche Handwerkerbund Ende August 1932 an Reichskanzler Franz von Papen telegraphiert:

" .... Andauernde Arbeitslosigkeit hat furchtbares Elend und bitterste Not in weiten Kreisen des Handwerks und Gewerbes hervorgerufen. Verzweiflung und Erregung greifen immer mehr Platz. In letzter Stunde fordern wir nochmals ausreichende Berücksichtigung des gewerblichen Mittelstandes beim kommenden Wirtschaftsprogramm, da alsbaldige Arbeitsbeschaffung einzige Hoffnung."

Aber am schlimmsten trifft es, das wird oft vergessen, die Zeitarbeiter, Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, verheirateten Arbeiterinnen, Heimarbeiter und Jugendlichen unter 21 Jahren. Schon vor 1929 besaßen sie keinen Anspruch auf Krisenfürsorge.

 

1910  nach oben

Die erste Nachricht über eine städtische und planmäßig arbeitende institutionalisierte Arbeitsvermittlung in Naumburg liegt [mir] für 1910 vor. Am Abend des 17. Oktober erörtert im großen Ratskellersaal Helmuth Carl Ernst August Freiherr von Schele (1858-1922), Landrat des Kreises Naumburg, mit den städtischen Körperschaften und Behörden sowie Vertretern des Magistrats der Stadt Bad Kösen und anderer Ortschaften die Einführung eines

Arbeitsnachweises.

Eingeladen sind ausserdem Vertreter der Geistlichkeit, Frauenvereine, Arbeiterorganisationen und Unternehmer. Nachfragende aus der Umgebung und Wanderarbeiter liefen bisher die Herberge zur Heimat auf der Neuengüter (Strasse) an, die ihnen bei der Arbeitsvermittlung half. Nunmehr sollen auch Frauen, speziell als Hauspersonal, und einheimische Arbeiter vermittelt werden. "Die arbeitsscheuen Elemente allerdings", weiss Doktor Dermietzel (Magdeburg) zu berichten, "vermeiden solche Orte mit Arbeitsnachweisen, während die Arbeitswilligen sie aufsuchen."

Die Leitung des Arbeitsnachweises übernimmt ein paritätischer, aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern zusammengesetzter Ausschuss, dessen Hauptaufgabe darin besteht, die Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Kreisgebiet einzudämmen.

Das Merkblatt für die schulentlassene Jugend zu Naumburg a.S. aus dem Jahre 1914 stellt die didaktische Frage:

"Ich habe keine Arbeit. Wo finde ich welche?"

und antwortet:

"Arbeitsnachweis Neuengüter Nr. 16. Der Vorsitzende jedes Jugendvereins, sowie der des Ortsausschusses für Jugendpflege, Herr Stadtrat Dr. Broche, erteilt Ihnen hierin auch Rat."

Das Schreiben wird mit den Konfirmanden besprochen und den zuziehenden jungen Leuten überreicht.

 

Krieg  nach oben

Mit der deutschen Kriegserklärung an Russland am 1. August 1914 beginnt die Umstellung auf die Kriegswirtschaft. Vorübergehend schnellt die Arbeitslosigkeit nach oben. Obwohl bereits 28 Prozent der Beschäftigten zur Armee einberufen, steigt sie im Reich von 2,7 Prozent im Juli 1914 auf 22,7 Prozent im September 1914, um im Dezember desselben Jahres wieder auf 7,2 Prozent abzusinken. (Vgl. Umbreit 103f.) Auf die Garnisonsstadt Naumburg wirkt sich das kaum aus. Denn die Rekrutierung der Soldaten, Bereitstellung ihrer Ausrüstung und Pflege der Verletzten für die Armee in den Lazaretten erfordern erhebliche zivile Arbeitsleistungen. Ausserdem ist die gewerbliche Produktion der Stadt nur schwach mit der nationalen Industrie verflochten. Doch machen die kriegsbedingten makroökonomischen Krisenerscheinungen um Naumburg keinen Bogen. Die Truppentransporte beinträchtigen stark den gesamten zivilen Verkehr, was hohe volkswirtschaftliche Verluste nach sich zieht und zur Verknappung von Waren führt. Sofort setzen Preistreibereien und Wucher ein, worauf die Regierung mit dem Höchstpreisgesetz vom 4. August 1914 antwortet. Es entfällt der Goldstandard, der Zwang die Währung durch Gold zu decken, was die Inflationsgefahr erhöht. Bereits im Dezember 1914 mangelt es an Brotgetreide. Während des gesamten Krieges ist die landwirtschaftliche Produktion rückläufig. Massenhafte Zwangsschlachtungen finden statt. Deutsche Seehäfen werden blockiert, wodurch der Außenhandel schweren Schaden nimmt.

 

Franzosentod  nach oben

Aufbau und Erweiterung der Kriegsindustrie im Raum Halle-Leipzig-Merseburg veränderte die Struktur der Industrie und damit auch das Arbeitsangebot für die Arbeitnehmer in Naumburg.

Leuna-Werk um 1928

Hatte der Bahnreisende auf der Strecke von Berlin nach Frankfurt am Main die Stadt Merseburg passiert, konnte er in der Landschaft bald ein riesiges technisches Aggregat bestaunen: Das Ungeheuer synthetisiert Ammoniak, Ausgangsstoff für die Produktion von Düngemitteln und Sprengstoff. Die erste Versuchsanlage dieser Art ging 1911 in Ludwigshafen in Betrieb. Zwei Jahre später folgte im Werk Oppau der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) die grosstechnische Realisierung mit dem Haber-Bosch-Verfahren. Am 14. August 1914 ruft Kaiser Wilhelm II. das deutsche Volk zu den Waffen. Nach vier Wochen Bewegungskrieg an der Marne beginnt im September 1914 zwischen der 1. und 2. Deutschen Armee und den alliierten Verbänden ein dreieinhalbjähriger Stellungskrieg. An einem Tag verschiessen die Truppen so viel Munition wie im gesamten Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Die Entente blockierte die Lieferung von Chilesalpeter nach Deutschland. Ebenso drohten Blei und Kupfer zur Herstellung der Granaten auszugehen. "Die belgische Salpeterbeute änderte den Sachverhalt so wenig," erläutert rückblickend Fritz Haber den Offizieren des Reichswehrministeriums am 11. November 1920, "dass im Herbst des Jahres 1914 der absolute Zwang, den Krieg im Frühjahr 1915 zu beenden, jedem Sachverständigen vor Augen stand." Die Militärs traten deshalb im September `14  zur Konferenz zusammen, um über einen Ausweg zu beraten. Im Oktober gibt Carl Bosch das Salpeterversprechen und entwickelt ein grosstechnisches Verfahren zur Herstellung von Salpetersäure aus Ammoniak. 1916 begann auf Drängen des Kriegsministeriums die BASF südlich der Stadt Merseburg, nahe der Dörfer Leuna und Spergau, mit dem Bau des Werkes. Am 29. April 1917 verliess nach elfmonatiger Bauzeit der erste Kesselwagen mit der Aufschrift

Franzosentod

das Ammoniakwerk Merseburg, wie das Unternehmen zu dieser Zeit hiess. Zum 1. Oktober 1918 arbeiten hier etwa 14 500 Personen. Am 1. März 1921 sind es bereits 22 958. (Leuna 1997, 60) Täglich fahren hunderte ArbeitnehmerInnen mit der Bahn von Naumburg nach Leuna zur Arbeit. Während des Krieges übernehmen Frauen Männerarbeiten.

Laut geheimen Lagebericht des Sicherheitsdienstes der SS vom 20. Februar 1941 arbeiten 2 100 Männer und 500 Frauen aus Naumburg auswärts, die meisten davon in Leuna.

 

 

1918  nach oben

Der Krieg ist zu Ende. Die Massendemobilisierung setzt ein. Millionen fluten in den Arbeitsmarkt. Im Reich steigt die Arbeitslosigkeit von 1,2 (1918), 3,7 (1919) auf 3,8 Prozent (1920). Darin sind die berufslosen Soldaten und Landflüchtigen grösstenteils nicht erfasst.

"Schier ungeheures", lässt 1919 der Offiziersstellvertreter und ehemalige Kompanieführer Karl Waase von der in Naumburg stationierten Ersatz Radfahrer-Kompanie anklingen, "ist von den einzelnen Jägerformationen des Magdeburger Jägerbataillons geleistet worden." Doch was die Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere an Heldentaten für das Vaterland auch vollbrachten, jetzt drohen ihnen die Arbeitslosigkeit und der berufliche Abstieg. Das verstärkt die ohnehin vorhandene antirepublikanische Stimmung in der Stadt.

"Der Arbeitslosigkeit nach dem Krieg", fordert der bekannte Gewerkschaftsfunktionär Paul Umbreit (1868-1932), "ist im Wege der Arbeitsbeschaffung und Bereitstellung öffentlicher Arbeiten und Aufträge entgegenzuwirken." (1918, 1333) Dafür hat die Stadt aber keine ausreichenden finanziellen Mittel. Trotzdem muss sie die Eingliederung der arbeitslosen Soldaten und Offiziere in den Arbeitsmarkt übernehmen oder doch zumindestens unterstützen. Diverse Massnahmen lindern ihr Schicksal.

"Um die Zukunft der aktiven Unteroffiziere" vom Jägerbataillon 4, Artillerieregiment 55 und 80, Artilleriedepot, Bezirkskommando und Kadettenanstalt sicherzustellen, richtet man in Naumburg am 1. April 1919 eine Garnisonsschule mit 11 Klassen für Militäranwärter und Kapitulanten ein. Erster Vorsitzender des Garnisons-Schulausschusses ist Major Wiesner. Auf ihn folgt Major Riemann und dann Karl Waase. (Vgl. Waase 1920, 118)

 

Im Arbeitsbataillon von Hauptmann Joseph Aumann sammelten sich Reichswehrleute und Kriegsgefangene, Rückwanderer und Arbeitslose. Der Spaten bringt uns Rettung, nicht das Schwert, ist sein Motto. 500 000 junge Männer und ebenso viele Mädchen wollten ihre wirtschaftliche Existenz mit der Kultivierung von Ödland sichern. "Den Lohn sollten sie dem Reich auf 30 Jahre stunden, um ihn mit 50 Jahren als Rente ausgezahlt zu bekommen. Die Inflation jagte Aumanns Freikorps schliesslich in die Luft."

(Arbeitsdienst 1950, 25)

Neue Weg zur Linderung des Arbeitslosigkeit werden beschritten, berichtet der ehemalige Naumburger Lehrer und Kreisjugendpfleger von Merseburg (1928) Karl Hemprich 1925 in Für und wider das Arbeitsdienstjahr und was nun?.

Das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 leistete den entscheidenden Beitrag zur Integration der Kriegsheimkehrer in den Arbeitsmarkt. Es sichert allen aus den Heeresdienst heimkehrenden Arbeitnehmern zu, sofort nach Meldung in die Arbeitsstelle wieder einzutreten, die sie vor dem Krieg inne hatten. (Vgl. SLA, Punkt 4)

In der deutschen Wirtschaft kriselt es. Zwischen den Sektoren der Volkswirtschaft bestehen krasse Disproportionen. Die Verteilung der Arbeitskräfte in den Hauptproduktionszweigen entspricht nicht den ökonomischen Erfordernissen. Während es in der Landwirtschaft an Arbeitskräften mangelt, sind gleichzeitig viele Städte übervölkert.

Die Neue Zeit versucht im April 1920 (Seite 83) die Bürger darauf einzustellen: "Hundertausende Arbeiter aus Industrie und Handel sind und bleiben vermutlich noch lange Zeit arbeitslos und müssen auf Kosten der Allgemeinheit erhalten werden ...."

Im Bergbau und auf dem Land herrscht grosse Not an Arbeitskräften. Als eine Reaktion darauf entsteht die Artamanenbewegung, die Doktor Georg Schiele aus Naumburg aktiv unterstützt.

"Es ist also nur eine Frage der Zeit", prophezeit das Reichsamt für wirtschaftliche Demobilisation und Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, "dass die Städte wirtschaftlich einfach nicht mehr unterhalten werden können."

"Die Gefahr der Hungersnot ist greifbar nahe …",

warnt die Behörde.

Im März 1919 treibt die Regierung noch eine andere Sorge um, den sie im Aufruf zur Mitarbeit an der wirtschaftlichen Gesundung des deutschen Volkskörper so öffentlich macht: "Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die Arbeitslosen stets die unzufriedensten Elemente unter der Arbeiterschaft darstellen und leicht für den extremsten Radikalismus gewonnen werden können."

 

 

 

Im Arbeitsnachweis registrierte Arbeitslose
Naumburg (Saale)
1918 - 1922

 

 

männliche
Personen

weibliche
Personen
   

Januar 1918

37

11

Februar 1918

46

36

Dezember 1918

234

17

   

Januar 1920

326

34

  

August 1921

 
  Arbeitslos gemeldet
210
190
offene Stellen
188
58
besetzt
145
8
  

Mai 1922

insgesamt 214
   

November 1922

141

14


Quelle: Arbeitsnachweis Naumburg

 

 

 

Verordnung über die Erwerbslosenhilfe (1918)  nach oben

Der Rat der Volksbeauftragten erlässt am 12. November 1918 die

Verordnung über die Erwerbslosenhilfe.

Nun darf die Erwerbslosenhilfe in den Städten und Gemeinden nicht den Rechtsstatus und Charakter der Armenpflege tragen. Arbeitslose haben einen Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung. Zuständig für die Erwerbslosenfürsorge ist die Gemeinde (§ 5, 1). Ihre Fürsorge gedeiht nur arbeitsfähigen und arbeitswilligen Personen über 14 Jahre an (§ 6). An den Kosten beteiligen sich das Reich mit 6/12, die Länder mit 4/12 und die Gemeinden mit 2/12 der Gesamtsumme. Weibliche Personen werden nur unterstützt, wenn sie auf Erwerbstätigkeit angewiesen sind (§ 7, 1). Die Weiterzahlung der Krankenkassenbeiträge ist der Gemeinde zur Entscheidung freigestellt (§ 9, 19). Eigene und fremde Vorsorge, Rentenbezüge, Spargroschen und dergleichen dürfen auf die von der Gemeinde zu gewährenden Beihilfe nur insoweit angerechnet werden, als die Erwerbslosenunterstützung und sonstige Unterstützungen sowie Rentenbezüge zusammen den vierfachen Ortslohn übersteigen (§ 12). Es sind Fürsorgeausschüsse zu errichten, denen Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer in gleicher Zahl angehören (§ 13, 1).

Alte Luisen-Schule in der Seilergasse 6/10. Erster Sitz des städtischen öffentlichen Arbeitsnachweises für die weiblichen Arbeitskräfte

Um das Ganze kümmern sich der Städtische öffentliche Arbeitsnachweis und das Berufsamt. Der für die Männer lässt sich in der Neuengüter 16 nieder. Der für die weiblichen Arbeitskräfte befindet sich im Verwaltungsgebäude der Stadt Seilergasse 6/10.

Am 13. November 1918 veröffentlicht der Magistrat von Naumburg seine Order. Mit der Ankündigung Städtischer öffentlicher Arbeitsnachweis erfahren die Arbeitgeber, dass sie ab jetzt jede freie Stelle dem Arbeitsnachweis melden müssen. Nachdrücklich werden sie aufgefordert, den Bedarf an männlichen und weiblichen Arbeitskräften in Landwirtschaft, Familienbetrieben, kaufmännischen Betrieben und bei Handwerken mitzuteilen.

Im vierten Nachtrag zur Verordnung über die Änderung der Erwerbslosenfürsorge vom 15. Januar 1919 betont das Ministerium des Inneren die Arbeitspflicht der Erwerbslosen, auch wenn das Angebot außerhalb des Berufes oder Wohnortes liegt. Nach der Verordnung ist die Gemeinde verpflichtet, die Unterstützung zu streichen, wenn der Erwerbslose die Arbeit nicht annimmt. Im Fall der Arbeitsaufnahme ausserhalb des Wohnortes, konnte die Gemeinde sozusagen als Kostenausgleich einen Zuschlag für den Unterhalt der Familie bezahlen.

"Am Arbeitsnachweis ist der Arbeitslose durch Vertrauensleute," instruiert die Volksstimme (Magdeburg) im Februar 1919 ihre Leser, "die er selbst wählt, zu beteiligen." Dies war angebracht, denn bei den Arbeitslosen, so erzählen es die Archivunterlagen, bestehen Vorbehalte. Stadtverordnete von der USPD wirken auf deren Überwindung hin. Sie können gute Argumente vortragen:

Der Arbeitsnachweis schickt die Arbeitssuchenden nur zu Firmen, die nach Tarif zahlen.

Zugleich tut die Stadt ihrerseits Einiges, um den Arbeitslosen zu helfen. Sie bietet ihnen, zum Beispiel beim Kanalbau vom neuen Krankenhaus bis zur Hallischen Straße, zu den üblichen Konditionen Arbeit an. Niemand musste auswärts arbeiten gehen.

Die Arbeitslosigkeit steigt durch die Leuna-Aussperrungen im Sommer 1921 leicht an.

 

 

 

[Abschrift]   nach oben

Jena, den 13. Juni 1921

"Werte Genossen!
Für Montag, den 20. Juni haben auf Beschluss des Reichsausschusses in allen Orten Erwerbslosendemonstrationen stattzufinden. Die Züge werden vor das Rathaus und an den Sitz des Gewerkschaftskartells geführt, deren Vertreter öffentlich zu einer Erklärung gezwungen werden müssen, was sie zur Verwirklichung der 10 Forderungen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (A.D.G.B.) zu tun gedenken, vor den Demonstranten haben die Erwerbslosenräte das Arbeitslosenelend eingehend zu behandeln.

…Mit revolutionärem Gruß.
Die Kreisleitung.
Im Auftrag gezeichnet Wolf.

Stempel:
Erwerbslosenzentrale Grossthüringen, Sitz Jena."

 

 

 

Eine originelle Arbeitsloseninitiative  nach oben

Fünfundzwanzig junge Handwerker, Lehrer, Gesellen, Gelernte und Ungelernte - "Burschen und Mädchen aus bürgerlichen Kreisen, bestes Material an Lebenskraft und Idealismus", meldet im Oktober 1920 Die Tat, Monatszeitschrift für Politik und Kultur, sind mit Friedrich Muck-Lamberty auf Wanderung.

Motiv aus Unter der Linde. Tanzspiele und Volkswaisen gespielt und gesungen von der Neuen Schar. Alexander Duncker Verlag, Weimar 1922

Wie ein Feuerschweif (Pfarrer Adam Ritzhaupt) ziehen sie als Neue Schar im Sommer 1920 tanzend, singend und schwingend durch Franken und Thüringen. "Es sind alles Arbeitslose", teilt Eugen Diederichs am 21. Februar 1921 seiner Exzellenz dem Herrn Kultusminister Wehnert in Altenburg mit. "Ich erkenne es hoch als ein positives Verdienst von Muck an," würdigt der Verleger aus Jena das Unterfangen, "dass er es fertig gebracht hat,

diesen Arbeitslosen nicht nur Brot,
sondern auch Heimat zu geben,

und das ist ein plus zu seiner religiösen Schwärmerei." "Ich kann auch aus mehrfachen persönlichen Eindrücken behaupten, es ist eine wirklich Gemeinschaft vorhanden, und nicht etwa zusammengelaufenes Gesindel, oder unklare, einem magischen Zauber Mucks erliegende Menschen. Es wird dort positiv nicht nur wirtschaftlich, sondern auch innerlich menschlich etwas erarbeitet, was der ganzen Jugendbewegung zugutekommt, trotz allen Abstrichen, die man machen muss, weil niemand unter ihnen da ist, der ein festes Ziel vor sich sieht."

Anfang November 1920 endet die Expedition der Neuen Schar auf der Leuchtenburg bei Kahla und sie wandelt sich von der Spiel- zur Handwerkerschar. Darüber berichtet Karl Wilker (1880-1985) im Januar 1921 in Junge Menschen. Die Spiel- und Tanz-Company versuchte das schöne Leben mit der Arbeit auszusöhnen und lebte die - vielleicht - originellste und kreativste Arbeitsloseninitiative, die Deutschland je gesehen hat.

Im Frühsommer 1921 lässt sich Friedrich Muck-Lamberty in Naumburg (Saale) nieder, strebt, getreu seiner Maxime Ein Mann ist man erst, wenn man etwas kann, wenn man zu schaffen vermag und Eigener ist, nach wirtschaftlicher Sicherheit und Wohlstand.

 

 

Der Arbeitsnachweis (1922)  nach oben

Kaiser-Wilhelm-Platz mit Blick zu den Salztoren und dem Schwurgerichtsgebäude - etwa um 1900 (Bild digital bearbeitet)
Salztore (2005)

Im Sommer 1921 zieht der Arbeitsnachweis von der alten Luisenschule in das Salztor um. Im August 1921 sind 210 männliche und 10 weibliche Personen als erwerbslos registriert. Dem stehen -  statistisch gesehen - 188 offene Stellen für Männer und 58 für Frauen gegenüber.

Mit dem Arbeitsnachweisgesetz vom 22. Juli 1922 wird in allen deutschen Ländern der Öffentliche Arbeitsnachweisinstalliert. Der öffentliche Arbeitsnachweis ist eine Einrichtung der Stadtverwaltung, die sich am Kaiser-Wilhelm-Platz 1 institutionalisiert. Ihr Verwaltungsrat besteht neben dem Vorsitzenden aus je vier Arbeitnehmern und Arbeitergebern. Gemäß der

Satzung für den öffentlichen
Arbeitszeitnachweis Naumburg an der Saale
(1922)

übernimmt dieser folgende Aufgaben: Arbeitsvermittlung, Wanderfürsorge, Arbeitsbeschaffung, Unterstützung von Arbeitslosen, Wahrnehmung von Aufsichtsfunktionen gegenüber Gewerbebetrieben, Berufsberatung, Beobachtung des Arbeitsmarktes und statistische Erfassung der Arbeitsgesuche, offener Stellen, Streiks und Aussperrungen.

Finanzielle Unterstützung erhalten von der Behörde diejenigen Arbeitslosen, die mindestens eine dreimonatige krankenversicherungspflichtige Tätigkeit nachweisen können. Jugendliche ohne Lehrstelle sind nicht berechtigt Leistungen zu beantragen.

Die Stadtverordnetenversammlung Naumburg beschließt am Freitag, den 7. Juli 1922 die Erhöhung der 218 Alters- und Invaliden-, 7 Witwen- und 27 Waisenrenten. Ziel ist den Notstandsrentnern eine Jahreseinkommen von 4 000, den Witwen- und Waisenrentnern von 2 700 beziehungsweise 1 500 Mark pro Jahr zu garantieren. Bei Nebeneinkünften aus der Arbeitstätigkeit bleibt es bei einem Jahreseinkommen von 3 000 und bei Witwenrentnern bei 2 100 Mark im Jahr.

 

 

Arbeitsnachweisgesetz
vom 22. Juli 1922  
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§ 40
Die Vermittlung hat unparteiisch und ohne Rücksicht auf die Zugehörigkeit zu einer Vereinigung zu erfolgen. Sie hat dahin zu wirken, dass freie Stellen durch möglichst geeignete Arbeitskräfte besetzt werden. Dabei sind einerseits die besonderen Verhältnisse der freien Arbeitsplätze, andererseits die berufliche und körperliche Eignung sowie die persönlichen und Familienverhältnisse und die Dauer der Arbeitslosigkeit des Bewerbers zu berücksichtigen, soweit die Lage des Arbeitsmarktes es gestattet.

§ 41
Soweit ein Tarifvertrag besteht, hat der öffentliche Arbeitsnachweis die Vermittlung beteiligter Arbeitnehmer an beteiligte Arbeitgeber, sofern ihm die Beteiligung bekannt, ist, nur zu tariflichen zulässigen Bedingungen vorzunehmen.

 

 

 

Mittelaufbringungs-Verordnung (1923)  nach oben

Laut Mittelaufbringungs-Verordnung vom 15. Oktober 1923 müssen nunmehr die Beiträge zur Finanzierung der Erwerbslosenfürsorge für die krankenversicherungspflichtig Beschäftigten je zur Hälfte von den Arbeitnehmern und ihren Arbeitgebern aufgebracht werden, deren Summe zunächst auf 20 Prozent des Krankenversicherungsbeitrags festgeschrieben ist. Etwa ein Fünftel der Kosten müssen die Gemeinden übernehmen.

Am 11. September 1923 beraten die Stadtverordneten über die Folgen der Hyperinflation und die Auswirkung auf die Arbeitslosen und Ernährungslage. Stadtrat Nikolai treibt es die Sorgenfalten ins Gesicht, wenn er daran denkt, dass es Bürger gibt, die bereits über ein halbes Jahr ohne Arbeit sind. Die Stadt ist an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen. Über die fortwährende Entwertung der Zuschläge für die etwa 400 Klein- und 450 Sozialrentnern sowie 300 Vollerwerbslosen sind die Abgeordneten in großer Sorge. Infolgedessen weist der Haushalt eine Unterdeckung von 200 Milliarden Mark auf. Der Magistrat stellt für Fälle besonderer Not 30 Millionen Mark bereit. Das örtliche Gewerkschaftskartell fordert weitere Wirtschaftshilfe und die Bereitstellung von Notstandsarbeiten.


Neubau der Windmühlenstrasse
im August 1926

Quelle: Deutschland Städtebau

Über die Arbeitslosigkeit sollen Notstandsarbeiten, wie die Pflasterung Neidschützer Straße und Herstellung des Flemminger Weges mit 400 Meter Fahrbahn, hinweghelfen. Als Maurerstundenlohn zahlt die Stadt im November 2 000 000 Mark. Die Baumaßnahmen am Moritzplatz stocken. Beim Um- und Ausbau der Reichskrone - die NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer später eine Rattenburg nennt - sind, findet die Stadt heraus, dass drei nicht Ortsansässige beschäftigt sind. Sie werden im November 1923 entlassen.

Naumburg hat zu viele Arbeitslose, als das ihre soziale Existenz durch die Stadt gesichert werden kann. Die Stadt kommt an ihre Leistungsgrenze, warnt Stadtrat Nikolai. Zuletzt waren die Unterstützungssätze pro Erwerbslosen auf 2 300 000 Mark, für die Ehefrauen auf 800 000 Mark und für jedes Kind auf 600 000 Mark je Tag festgesetzt. Im Vergleich dazu sind die Lebensmittel zu teuer. Deshalb sollen in Abstimmung mit Arbeitgebern, Vertretern der Landwirtschaft und Gewerkschaften Vereinbarungen getroffen werden, um sie deutlich billiger besorgen zu können. Die Stadt kann allenfalls die Versorgung mit Winterkartoffeln sicherstellen. Sie kommt nicht um eine drastische Erhöhung der Gewerbesteuer, des Gemeindezuschlages zur Steuer vom Grundvermögen und eine 70-fache Erhöhung der Wohnungsbauabgabe herum.

Vor Weihnachten 1923 wenden sich die Arbeitslosen mit einer Eingabe an die Stadtverordnetenversammlung. Ihre Zahl stieg inzwischen auf 1 100 bis 1 200. Der wöchentliche Unterstützungsbetrag liegt je nach der Anzahl der im Haushalt lebenden Personen zwischen 2,30 bis 7,80 Mark pro Tag. Zur Linderung ihrer Not benötigen sie Kohlen, Kartoffeln, Milch für die Kinder und werdenden Mütter sowie Kleidung und Schuhwerk. Die Stadtverordneten beschliessen die Zuteilung von je 1/2 Zentner Kohle für die betroffenen Haushalte. Dazu gibt es für jeden ein zusätzliches Brot, für Familien mit zwei Kindern ein weiteres Brot.

Mit den

Bestimmungen über die öffentlichen Notstandsarbeiten
vom 30. April 1925

zieht ab 1. Mai ein neues Regime der Förderung der Notstandsarbeiten ein. Die bisher rekrutierten ausgesteuerten Erwerbslosen sind davon ausgeschlossen. Innerhalb eines Jahres dürfen Notstandsarbeiter maximal sechs Monate beschäftigt werden.

 

 

Arbeitslosigkeit in Naumburg (Saale)
15. Juni 1926

 

 

Haupt-
unterstützungs-
empfänger

Zuschlags-
Empfänger
Notstands-
arbeiter
    

Gesamt [Arbeitsamtsbezirk]

795
1024
87

davon Naumburg

563
677
70


Quelle: Bericht Juni 1926

 

 

 

Krisenfürsorge  nach oben

 

Arbeitsamt Naumburg
Nordstraße 13
nach oben

 

 
Nordstraße 13 (2005)

 

Der Arbeitsamtsbezirk Naumburg gliedert sich in folgende sechs Meldestellen:

Stand Ende 1929.
In Klammern die Einwohnerzahl.

Meldestelle Naumburg
unter anderem mit den Orten Altenburg (1453), Droitzen (142), Gieckau (155), Mertendorf (642), Wettaburg und Herrenmühle (120), Wetterscheidt (78), Possenhain (478)

Meldestelle Bibra
unter anderem mit den Orten Bernsdorf (194), Billroda (399), Burkersroda (309), Dietrichsroda (106), Kahlwinkel (280), Pleismar (190), Saubach (856), Steinbach (255), Tauhardt (180)

Meldestelle Eckartsberga
unter anderem mit den Orten Auerstedt (596), Braunroda (254), Burgheßler (234), Klosterhäseler (306), Tromsdorf (244), Burgholzhausen (224), Marienthal (172), Herrengosserstedt (610)

Meldestelle Freyburg (Unstrut)
unter anderem mit den Orten Balgstädt (600), Branderoda (350), Dobichau (200), Eulau (230), Goseck (530), Gröst (900), Markröhlitz (576), Müncheroda (112), Nissmitz (171), Pödelist (355), Schleberoda (180), Städten (123), Zscheiplitz (193)

Meldestelle Bad Kösen
unter anderem mit den Orten Benndorf (145), Kukulau (39), Fränkenau (65), Hassenhausen (389), Kleinheringen (105), Kreipitzsch (67), Lengefeld (620), Niedermöllern (207), Obermöllern (220), Punschrau (264), Pforta (495), Rehehausen (230), Saaleck (312), Taugwitz (140)

Meldestelle Laucha
unter anderem mit den Orten Bergwinkel (270), Burgscheidungen (300), Gleina (611), Golzen (160), Kirchscheidungen (480), Plössnitz (72), Tröbsdorf (272), Weischütz (229)

Meldestelle Wiehe
unter anderem mit den Orten Donndorf (81), Allerstedt (530), Kleinröda (137), Memleben (669), Wohlmirstedt (500), Zeisdorf (166)

nach oben

 

Mitte 1926 umfasst der Arbeitsnachweis Naumburg im Regierungsbezirk Merseburg 60 Gemeinden des Stadt- und Landkreises Naumburg sowie die Stadt Eckartsberga nebst 22 Landgemeinden. Die Behörde führt für jeden Arbeitslosen eine Akte. Darin wird die Berechnung des Arbeitslosengeldes unter Berücksichtigung eventueller Nebeneinnahmen und die gesetzliche Krankenversicherung nachgewiesen sowie die Unterstützungsfrist festgelegt.

In der Stadt Naumburg erhalten der Neubau des Bauernweges, der Ausbau der Jenaer Straße und die Gewinnung von Straßenbaumaterial in Altenburg im Rahmen der Notstandarbeiten eine Grundförderung. Die Pflichtarbeit wird an drei Tagen zu je fünf Stunden durchgeführt. Für drei Bezirke mit 112 Beschäftigte Arbeitern für 59 Kurzarbeiter ein Tag wöchentlich wird eine Kurzarbeiterunterstützung gezahlt.

"Die Entwicklung der Arbeitsmarktlage lässt noch keine Besserung erwarten," schließt der Bericht vom 25. Juni 1926. "Die vereinzelten Abgänge werden durch Zugänge wieder ausgeglichen."

Mit dem

Gesetz zur Krisenfürsorge für Erwerbslose

vom 21. November 1926 erhalten die Langzeitarbeitslosen über die 52. Woche hinaus eine unbegrenzte Krisenunterstützung. Finanziert wird sie zu drei Viertel durch das Reich und zu einem Viertel durch die Gemeinden.

 

 

AVAVG (1927)  nach oben

Ein Meilenstein auf dem Weg zur institutionalisierten Arbeitsmarktsteuerung und Versorgung der Arbeitslosen stellt das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (AVAVG) vom 16. Juli 1927 beziehungsweise vom 12. Oktober 1929 dar. Es brachte einen Paradigmenwechsel in der Finanzierung, Betreuung der Arbeitslosen (Kru, Alu, Wolu) und Arbeitsweise der Institutionen. An die Stelle des Fürsorgeprinzips tritt das Versicherungsprinzip. Funktion, Struktur und Aufgaben der Arbeitsämter ändern sich grundlegend. Die Kommunen und Länder werden in die neue Reichsanstalt für Arbeit eingegliedert. Auf allen drei Ebenen (Reich, Land, Kommune) bestehen Selbstverwaltungsorgane. Der Verwaltungsausschuss des Arbeitsamtes setzt sich aus dem Vorsitzenden des Arbeitsamtes, den Vertretern von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und den öffentlichen Körperschaften zusammen.

1927 wird die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (RAfAuA) als eine Institution des öffentlichen Rechts gegründet. 1931/32 betreut sie rund 4,8 Millionen Arbeitslose. (Vgl. Reichsanstalt)

Wer als Lohnarbeiter oder Angestellter unfreiwillig arbeitslos wurde, zugleich arbeitswillig und -fähig ist, erhält nach dem AVAVG 26 Wochen Arbeitslosenunterstützung (Alu). Einen Rechtsanspruch hatte aber nur, wer vorher mindestens 26 Wochen innerhalb zwölf Monaten versicherungspflichtig beschäftigt gewesen war. Die Höhe der Alu setzt sich aus der Hauptunterstützung und Familienzuschlägen zusammen. Grundlage für die Berechnung bildet das Einkommen der letzten drei Monate. Beträge aus eigner Vorsorgeleistung und die Verwertung von Besitz, wenn Härten zu befürchten waren, bleiben unberücksichtigt. Eine Verlängerung der Auszahlung bis auf 39 Wochen ist in Abhängigkeit von der regionalen Arbeitsmarktlage möglich. Danach, oder wenn der Erwerbslose die Anwartschaftszeit für die Alu nicht erfüllte, erhielt er individuell gestaffelt für maximal 29 Wochen die steuerfinanzierte Krisenunterstützung (Kru) beziehen.

 

Verwaltungsausschuss
des Arbeitsamtes Naumburg
September 1931 
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Vorsitzender des geschäftsführenden Ausschusses des Arbeitsamtes Naumburg
Dr. Müller

Arbeitsamtsdirektor
Dr. Jentzsch

Behördenvertreter
Stadtrat Keiner, Naumburg
Stellvertretender Bürgermeister Schäfer, Freyburg
Landrat Dr. Karl Leopold Deines, Naumburg
Stellvertreter Landrat Pöhlmann, Kölleda
Stadtrat Grunert, Naumburg
Landrat Wandersleb, Querfurt
Direktor Frankenberg, Stadtwerke Naumburg

Arbeitgebervertreter
Geschäftsführer Heinrich Meyerhoff, Naumburg, Hallesche Straße 4
Geschäftsführer Schettler, Querfurt
Stellvertreter Kurt Herrnleben, Naumburg, Weißenfelser Straße
Maurermeister Franz Löser, Naumburg, Peter-Paul-Str. 22
Stellvertreter Heinrich Gehlfuss, Naumburg, Windmühlenstraße
Kaufmann Schäfer, Naumburg
Domänenpächter Dr. Artur Wolter, Kukulau

Arbeitnehmervertreter
Gewerkschaftsangestellter Gottfried Rublack, Naumburg
Stellvertreter, Angestellter Walter Brathuhn, Naumburg, Roßbacher Str. 50
Gewerkschaftsangestellter Max Macht, Naumburg, Mägdestieg 3
Stellvertreter, Sekretärin Hedwig Loebell, Kaiser-Friedrich-Straße 4
Maurer Max Rauchbach, Naumburg
Buchhalter Gröbe, Naumburg
Werkmeister König, Naumburg

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Jugendliche Erwerbslose unter 21 Jahren und Empfänger der Kru müssen zusätzlich zur untertariflichen Entlohnung Pflichtarbeit leisten.

Voraussetzung für den Erhalt der finanziellen Leistung sind Arbeitsfähigkeit, die Verfügbarkeit von mindestens 30 Wochenstunden, Arbeitswilligkeit (nach Prüfung!) und Bedürftigkeit. 1931 überwachten die Arbeitsämter auf Arbeitsbereitschaft, Arbeitsfähigkeit und tatsächliche Arbeitslosigkeit ständig etwa 4,1 Millionen unterstützte Arbeitslose einschließlich der Wohlfahrtserwerbslosen. (Nach Reichsanstalt)

Nach Ablauf der Kru konnte der Erwerbslose Wohlfahrtsunterstützung (Wolu) von der Kommune erhalten.

 

 

Rücktritt der SPD-Regierung (1930)  nach oben

"Arbeitslosigkeit wird in erster Linie durch Vermittlung von Arbeit verhütet," heißt es im § 131 des AVAVG. Angesichts der Wirtschaftslage war dies reine Illusion.

"Das System der Arbeitslosenversicherung war auf maximal 800 000 Hauptunterstützungsberech-
tigte angelegt, diese Berechnungsgrundlage erwies sich schon 1929, beim Einsetzen der Depression, als Illusion und sollte sich vor allem auf die kommunalen Finanzen der folgenden Jahre verhängnisvoll auswirken." (Benz 1968, 323)

Bereits im März 1929 steht die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung vor dem Zusammenbruch. Wären nicht ein Bankenkonsortium mit einem Kredit eingesprungen, dann hätten die Beiträge noch für ganze 800 000 Empfänger ausgereicht.

Trotz der 5 Millionen Arbeitslosen im Februar 1930 besteht die SPD auf eine Einlösung der Verpflichtungen des Reiches aus dem AVAVG. Sie will die Erhöhung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung auf 3,75 Prozent begrenzen. Über den Streit um die Erhöhung um 0,5 Prozent auf 4 Prozent zerbricht am 27. März 1930 die Große Koalition (SPD, Zentrum, BVP, DVP, DDP). Mit dem Kabinett Müller tritt die letzte demokratisch legitimierte Regierung der Weimarer Republik zurück.

Das Brüning-Kabinett, seit 31. März 1930 im Amt, verordnet am 1. August 1930 per Notverordnung den Abbau der Arbeitslosenversicherung. Der Volksbote (Zeitz) vom 5. August 1980 nennt sie Stockschläge auf den Magen, "um nun mit faschistischen Methoden den hungernden Arbeitslosen das enger schnallen des Hungerriemens zu diktieren".

  • Für die Feststellung der Unterstützungshöhe ist in Zukunft nicht mehr die jeweilige Lohngruppe massgebend, sondern lediglich die Höhe des Grundlohns.

  • Die Versicherten, die nicht 18 Monate vor der ersten Arbeitslosenmeldung 52 Wochen eine versicherungspflichtige Beschäftigung nachweisen können, erhalten nur noch eine verringerte Zuwendung.

  • "Danach sinken die Lohnklassen von 11 auf 9, von 9 und 10 auf 8, von 8 auf 7, von 7 auf 6."

  • Geringfügig Beschäftigte, wöchentliche Arbeitszeiten bis 30 Stunden, erhalten überhaupt keine Unterstützung mehr.

  • Arbeitslose, die das 17. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, erhalten nur Unterstützung, wenn ihnen kein familienrechtlich begründeter Beistand zusteht. (Vgl. Die Zustände)

Von den 6 Reichsmark Hauptunterstützung in der untersten Lohnklasse nach 52 wöchiger Anwartschaft, kommentieren, selbst bürgerliche Zeitungen, könne niemand Leben. Aber die bürgerlichen Parteien stimmten dem Leistungsabbau zu. "Und sie trifft deshalb auch die volle Verantwortung an diesem Sozialverbrechen an den Arbeitslosen, die ihnen dafür am 14. September  die wohlverdiente Quittung geben müssen durch den sozialdemokratischen Stimmzettel." (Sozialverbrechen)

Die Strategie des kleineren Übels (Duldungspolitik) der Sozialdemokratie gegenüber dem Brüning-Kabinett (31.3.1930 bis 9.10.1931) kostet ihr viel Autorität, sah sie sich doch gezwungen die schlimmsten Not- und Sparmassnahmen, die von ihren Wählern überwiegend leidenschaftlich abgelehnt wurden, zu tolerieren.

"Sollten die geplanten Verschlechterungen abgewendet werden", hob Eugen Wallbaum (SPD) auf einer gut besuchten und aufregenden Massengewerkschaftsversammlung im Juli 1930 in Naumburg (Saale) hervor, "sei eine kampfbereite Arbeiterklasse notwendig." Bei dieser Gelegenheit präsentiert Walter Höhne (KPD) "die russischen Verhältnisse" in der Arbeitslosenfrage "als vorbildlich", was auf heftigen Widerspruch bei den Sozialdemokraten (Gottfried Rublack, Eugen Wallbaum) stösst.

 

Unhaltbare Zustände (Rublack 1 2 3)  nach oben

Am Montagabend, den 27. Januar 1930 diskutieren Gewerkschaftsmitglieder auf einer öffentlichen Versammlung im Hotel Zur Post (Lindenring 34) über die Zustände im Naumburger Arbeitsamt. Wie fast nicht anders zu erwarten, beginnt die Versammlung mit einer lautstarken Auseinandersetzung. Ein Nichtgewerkschafter soll den Saal verlassen, was schließlich nur mit polizeilicher Hilfe gelingt. Dann nimmt Versammlungsleiter Gottfried Rublack (7.2.1881-19.3.1962) das Wort. Die Novellierung des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (AVAVG) bietet reichlich Diskussionsstoff. Der Redner thematisiert den Rückschritt bei der Versorgung der Arbeitslosen, die neuen Wartezeiten und Sperrfristen. Diese Bestimmungen, stellt er fest, werden "durch unsoziales Empfinden der Arbeitsämter" verschärft. Im hohen Personaleinsatz und der vergleichsweisen fürstlichen Entlohnung der Mitarbeiter des Naumburger Arbeitsamt, erblickt der SPD-Mann "unhaltbare Zustände".

 

Personalkosten
Arbeitsamt Naumburg 1931

Besoldung und Vergütung  50 700 RM
Löhne der Arbeiter und
Rechnerfrauen  5 650 RM
Besoldung und Vergütung
von Zusatzkräften  10 200 RM
Entschädigung der Gemeinde
für Zusatzkräfte  1 000 RM
Entschädigung an versetzte
Angestellte  500 RM
Fahrtkosten für versetzte
und auswärts Beschäftigte  70 RM 

Summe der Ausgaben  68 120 RM

(Vgl. Arbeitsamt Naumburg,
10. September 1931)

 

Die Aufgaben des Amtes nehmen gegenwärtig neun Personen wahr. In Kürze sollen fünf weitere Mitarbeiter hinzukommen. Ein unerhört großer Beamtenapparat leistet bei fast ebenso hohen Arbeitslosenzahlen - nach damaliger Sichtweise - das Gleiche wie die frühere Verwaltung des Arbeitsnachweises am Salztor. Anregungen und Beschwerden erledigt der Leiter des Arbeitsamtes in selbstherrlicher Weise. Er und die Arbeitgeber zeigten bei den Sitzungen des Verwaltungsausschusses bisher nur wenig soziales Empfinden. 1930 beträgt der Haushalt des Arbeitsamtes 133 000 Reichsmark (RM) und deckt damit die Gehälter und Verwaltungskosten. Der Leiter des Arbeitsamtes bezieht ein Jahresgehalt von 9 000 RM plus diverser Zuschläge. Eine Reihe von Angestellten erhalten 6 660 RM und in Abstufungen bis zu 3 200 RM, Hilfskräfte mindestens 1 800 RM. Eine Sachbearbeiterin hat mehr als einhundert Personen zu betreuen. Auch die Entschädigung des Chauffeurs mit 4 100 RM plus Wohnung ist unzeitgemäß. (Vgl. Gewerkschaften 1930)

Das Naumburger Arbeitsamt schikaniert weiter, erlässt brutale Verhaltensmaßnahmen und missachtet die Rechte des Arbeitslosen. Besonders die berüchtigte Frau Charlotte Kern und der Arbeitsamtsdirektor Pfeiffer, ziehen den Zorn vieler Arbeitsloser auf sich. Selbst bürgerliche Vertreter des Verwaltungs-Ausschusses erheben warnend die Stimme.

Erneut sprechen die Mitglieder des Ortsausschusses des ADGB auf einer Versammlung Anfang Juli darüber. Zum ersten Mal tauchen Nachrichten über das Fest der Arbeit (siehe unten) auf, welches die Gewerkschaft organisieren will. Dann berichtet Gottfried Rublack, Vorsitzender des Ortausschusses des ADGB, "über Maximen, die in Naumburger Arbeitsamt angewendet werden, und die nur als Schikane und Rechtlosmachung der Arbeitslosen bezeichnet werden können. Der Vorsitzende [des Arbeitsamtes] masse sich eine Willkürherrschaft an, wie so wohl kaum in einem zweiten Arbeitsamt bestehen dürfte. Aus diesem Grunde sei es auch erklärlich, dass bei jeder Kleinigkeit die Polizei gerufen werde." Die Haltung vom Chef des Arbeitsamtes charakterisiert Gottfried Rublack als "reaktionär".

"Wie gearbeitet wird, zeigt, dass auf Grund einer Anweisung der Sohn des Rittergutsbesitzer Braun, Besitzer der prunkvollen Villa in Naumburg, Ecke Bürgergartenstrasse, die Arbeitslosenunterstützung in voller Höhe erhielt, während in einem anderen Falle der Sohn eines Kleinbauern wegen Nichtangabe des Landbesitzes der Staatsanwaltschaft ausgeliefert wurde und Kollegen mit einigen Morgen Pachtland empfindliche Beträge von der Arbeitslosenversicherung abgezogen erhielten." Genosse Rauchbach (SPD) berichtete von weiteren Fällen, die im Spruchausschuss zu Bedenken Anlass gegeben hatten. "Kollege Weinert, gab eine Reihe von Erlebnissen zum Besten, die die Heiterkeit der Delegierten auslöste." Ein weitere Kollege berichtet über die Missstände. Das Verhalten gegenüber den Arbeitslosen wurde als "herausfordernd" charakterisiert, was ebenso krass bei den Personalangelegenheiten des Amtes hervortrat. Man registriert Verstöße gegen die Tarifverträge und gröbliche Verletzung des Betriebsrätegesetzes durch den Leiter des Arbeitsamtes. Es wurde beschlossen, eine grosse öffentliche Gewerkschaftsversammlung einzuberufen. (Vgl. Unglaubliche)

Sie findet dann am 21. Juli 1930 im Saal vom Hotel Zur Post (Lindenring 34) statt. Thema sind also erneut die anhaltenden Missstände beim Naumburger Arbeitsamt. "Der Massenbesuch", resümiert der Volksbote (Zeitz), "ist ein niederschmetternder Beweis dafür, dass es die Naumburger Arbeiterschaft satt hat, noch länger die unglaublichen Methoden des Herrn Pfeiffer und seiner Trabanten zu ertragen." Gottfried Rublack, Vorsitzender des Ortsaussschusses des ADGB, leitet die Versammlung. Im einleitenden Referat erörtert er das AVAG (Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung) und die von der Regierung Brüning geplanten Verschlechterungen. Dann kommt er auf die Probleme in Naumburger Arbeitsamt zu sprechen. Die Qualifikation des Amtsleiters Pfeiffer erscheint ihm mehr als fraglich. Ein besonders dunkles Kapital ist sein Verhältnis zur Mitarbeiterin Charlotte Kern. "Während der Kernschen Hochkonjunktur ist es für die Arbeitslosen ein Glücksumstand gewesen, den Herrn Direktor einmal im Amte anzutreffen." Rublack fordert die entsprechenden Stellen auf, die Naumburger Zustände zu untersuchen. Die Betriebsvertretung der Gewerkschaft sollte hinzugezogen werden. Als erster meldet sich in der Diskussion Kommunist König, seines Zeichen Quasselist (Volksbote), zu Wort. Zur Erhellung der Probleme trägt er nichts bei. Dann spricht Walter Höhne, ebenfalls KPD, in auffällig zurückhaltender Weise. "Er konnte es [aber] nicht unterlassen, die russischen Verhältnisse als vorbildlich hinzustellen und begründete das damit, das er Gelegenheit gehabt habe, in einer vierwöchigen Studienreise die Verhältnisse oberflächlich kennen zu lernen".

"Gen. Wallbaum [SPD], Angestellter des Arbeitsamtes, ging unter lebhafter Zustimmung der Versammlung auf die Ausführungen der KP-Redner belehrend ein. Treffend kennzeichnete er das verbrecherische Verhalten derjenigen, die die Arbeiterschaft in zwei Lager gespalten haben. Er wies nach, dass damit den Grosskapitalismus die Waffen in die Hand gegeben worden seien, gegen die Sozialgesetzgebung Sturm zu laufen. Dann ging der Redner auf die der Regierung Müller von kommunistischer Seite gemachten Vorwürfe ein. Es war ihm ein Leichtes, die Unhaltbarkeit der gemachten Vorwürfe nachzuweisen. Den Unterschied der Arbeitslosenversicherung in ihrer jetzigen Gestalt gegenüber der geplanten Reform der Bürgerblockregierung zeigte [der] Redner in Aufzählung anhand sogenannter Reformvorschläge. In überzeugender Weise ging er auf die Stellung der Sozialdemokratischen Partei in dieser Frage ein, und unter demonstrativem Beifall konnte er feststellen, dass die Arbeiterklasse gerade der sozialdemokratischen Tatkraft es zu verdanken habe, wenn die Sozialgesetzgebung und damit das Arbeitslosenversicherungsgesetz in erträglicher Form im Interesse der Arbeiterschaft sich habe erhalten lassen. Sollten die geplanten Verschlechterungen abgewendet werden, sei eine einige kampfbereite Arbeiterklasse notwendig. Die Arbeiterschaft habe es in der Hand, die Sozialgesetze für sich erträglich zu gestalten. Sie habe es auch in der Hand, schon unter dem derzeitigen System sich Einfluss und Geltung zu verschaffen und jede willkürliche Maßnahme abzuwenden. Als Angestellte des Arbeitsamtes müsse er es aus begreiflichen Gründen ablehnen, auch nur ein Wort zu der geübten Kritik zu sagen, geschweige sich für oder gegen dieselbe einzusetzen. 90 Prozent der Versammlungsleiterteilnehmer seien ja aus eigener Anschauung als derzeitige oder frühere Erwerbslosenunterstützungsempfänger in der Lage, sich eine Meinung über ein gerechtes oder ungerechtes Verfahren zu bilden. Feststellen müsse er aber, das sich gerade hier deutlich gezeigt habe, dass der Unverstand der Massen einen erheblichen Teil der Schuld an all den Auswirkungen trage. Immer wieder bewahrheitet sich das Wort unserer großen Führer aus der Gründungsgeschichte der Sozialdemokratischen Partei: Der Feind, den wir am tiefsten hassen, der uns umlagert schwarz und dicht, das ist der Unverstand der Massen, den nur des Geistes Schwert durchbricht. Darum lasst Wissen unter die Proleten kommen und in Einmütigkeit den Kampf gegen die Reaktion und Kapitalismus aufnehmen. Dann wird sich bald zeigen, dass die Arbeiterklasse eine unbesiegbare Stärke hat, dann werden sich auch keine Elemente mehr finden, die in ihrer Unwissenheit und Verblendung unter jenem politischen Gesindel der Hakenkreuzler ihre Zuflucht suchen. Gehen wir die nächsten acht Wochen einig, mutig, trotzig und mit Begeisterung in den Kampf, dann wird schon der 14. September zeigen, dass die Arbeiterschaft der Fels ist, auf dem der Staat der Zukunft gebaut wird!" Darauf folgte minutenlanger demonstrativer Beifall. (Siehe auch: Die Zustände beim Naumburger Arbeitsamt.  nach oben)

Im Schlusswort erörtert Gottfried Rublack (SPD) den Verlauf der Versammlung und kündigt das Fest der Arbeit an.

 

 

Fest der Arbeit in Naumburg a. S..  nach oben

Just in dem Moment als die bezahlte Erwerbsarbeit ausgeht, organisiert das Sozialistische Kultur-Kartell, der ADGB-Ortsausschuss und die SPD-Ortsgruppe vom 26. Juli bis 3. August 1930 ein Fest der Arbeit. Darin eingebunden ist eine Turn- und Sportfest. Offiziell trägt es den etwas umständlichen Namen: 14. Bezirksfest des 4. Bezirks im 5. Kreis des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB) vom 26. und 27. Juli 1930.

Viele Gruppen, einschließlich KPD und Rote Sportler, die vom Volksboten (Zeitz) - ausnahmsweise - Lob für ihr Auftreten während des Festes ernten, leisten eine enorme Organisationsarbeit. Bald standen sie vor der Frage, wie die vielen hundert Gäste aus der Umgebung in Naumburg übernachten können. Als Standquartiere wählt man die Gartenlaube (Gartenstraße), den Rosengarten (Michaelisstraße) und das Hotel Zur Post (Lindenring) aus. Natürlich stellen die Sympathisanten der Linken für die auswärtigen Teilnehmer Solidaritätsquartiere bereit.

Zur Verpflegung der Teilnehmer (des Bezirks-Turnfestes) waren der Arbeiterwohlfahrt leihweise 800 Essensbehälter versprochen worden. Im letzten Augenblick zieht der Lieferant mit nichtiger Begründung die Zusage zurück. Trotzdem will die Arbeiterwohlfahrt die Massenspeisung absichern. Das Organisationskomitee bittet alle Teilnehmer ein Essgeschirr mitzubringen und appelliert an sie:

"Genossinnen und Genossen! Zeigt auch in diesem Fall, dass ihr durch die Eigenhilfe versteht, euch über alle Schikanen der Naumburger Hurrapatrioten hinwegzuhelfen. An eurem eisernen Willen muss jeder Plan der Reaktion zuschanden werden!" (Turnfest)

Schliesslich hilft der Konsumverein mit Tassen aus. Der Morgenkaffee mit Brötchen plus Mittagessen kostet 30 Pfennig. Die Erbsensuppe aus der Feldküche schmeckte köstlich. Nach Sport und Spiel tauschten die Sportenthusiasten ihre Erfahrungen aus, wie sie persönlich und ihre Familie mit der schrecklichen Krise fertig werden. Bei den Teilnehmern fand das Fest guten Anklang.

Im Programm, ein sechzehnseitiges Dokument im Schulheftformat, sind alle Veranstaltungen zum Fest der Arbeit aufgelistet.

 

 

Programm
Fest der Arbeit vom 26. Juli bis 3. August
und
14. Bezirksfest des 4. Bezirks im 5. Kreis des Arbeiter- Turn- und Sportbundes vom 26. Juli bis 27. Juli 1930 in Naumburg an der Saale

 

Sonnabend 26. Juli
15 Uhr Empfang der auswärtigen Sportgruppen auf dem Bahnhof Naumburg

Übergabe der Quartiernachricht im Hotel Zur Post für alle Teilnehmer

16 Uhr Treffen (Stellen) auf der Vogelwiese

18 Uhr Stafette Quer durch Naumburg

Auf dem Schützen-, Friedrichs-, Geschützexerzier- und Jägerplatz sowie der Vogelwiese Ausscheidungsspiele in Faust-, Hand-, Raff-, Fuß- und Schlagball.

19.30 Uhr Festabend im Theatersaal Reichskrone

 

Sonntag 27. Juli
6 Uhr Weckruf durch den Spielmannszug

Ab 7.30 Uhr turnerische und leichtathletische Wettkämpfe auf der Vogelwiese

Fortsetzung der Ausscheidungsspiele in Fuß-, Hand- Raff- und Faustball auf den verschiedenen Sportplätzen der Stadt

8 bis 11 Uhr Schwimmvorführungen aller Art in Kaisers-Badeanstalt bei Rossbach. Schwimmsport, Figurenreigen, Faltbootregatta

9 Uhr Großes Arbeiterschachturnier im Konzertsaal Hotel Zur Post mit über 100 Spielern aus Leipzig, Jena, Erfurt und Apolda

11 Uhr Großes Konzert auf dem Marktplatz mit dem Bezirksbläserkorps und -spielmannszug

Fußball und Handball auf den NBC-Plätzen, der Artillerie- und Jägerkaserne, Lehmgrube, organisiert vom sozialistischen Kultur-Kartell Naumburg

11 bis 12 Uhr Konzert auf dem Marktplatz mit den Bezirks-Bläser und Bezirks-Spielmannskorps

11 bis 13 Uhr Speisung in der Städtischen Speiseanstalt und auf weiteren drei Stellplätzen

13 Uhr Stellen zum Festumzug; Treffen auf verschiedenen Stellplätzen:
Weißenfels (Vogelwiese)
Teuchern (Mittelschule)
Zeitz (Spechart-Siedlung)

Bildung des Hauptfestzuges und Marsch zur Vogelwiese
15 Uhr gemeinsame Massenübungen

Entscheidungsspiele im Fuß-, Hand- und Raffball.

Freie Turnerschaft Zeitz und Turnerbund Zeitz zeigen Sondervorführungen am Hohen Pferd.

18 Uhr Fußballendspiel um die Festmeisterschaft

 

Dienstag 29. Juli
Große öffentliche Frauendemonstration und Proletarischer Filmabend
im Hotel Zur Post

 

Freitag 1. August
Lieder-Abend im Bürgergarten
Mit dem Arbeiter-Sänger und Frauenchor sowie dem Gesangverein Gutenberg unter Leitung des Liedermeisters Paul Sachse

 

Sonntag 3. August
11 Uhr Kundgebung mit Reichstagsabgeordneten Franz Künstler in der Reichskrone

14 Uhr Demonstrationszug der Gewerkschaften

Tag der Jugend und Kinder
unter Leitung der SAJ und der Kinderfreunde
Volkstänze, Spiele der Kinder, 14 Uhr Umzug durch die Stadt

(Zusammenstellung durch den Autor des Beitrags.)

 

 

Das Programmheft enthält Grußworte vom Vorsitzenden des Arbeiter-Sportkartells Willy Wipprecht und ADGB-Ortsvorsitzenden Gottfried Rublack. Kurt Löwenstein erörtert Die gemeinsame Aufgabe der sozialistischen Kulturorganisation und O. Rockstroh aus Zeitz Die Bedeutung der Arbeitersängerbewegung im Rahmen der sozialistischen Kulturarbeit. Unter

Willkommen zum Fest der Arbeit!

erklärt SPD-Stadtrat Otto Grunert:

"Die kapitalistische Wirtschaft ist nicht mehr imstande, die ungeheuren Produktivkräfte in den Dienst zu stellen. Neue Maschinen ersetzen immer mehr den Bedarf fleißiger Hände. Größer und größer wird die Zahl der zwangsweise Feiernden; diese bedeutet sinkenden Lebensstandard breiter Schichten, bedeutet Hunger.

So grinst uns höhnend die kapitalistische Wirtschaftsordnung an. Sinnlos. Auf der einen Seite Brachliegen von Millionen von Arbeitshänden, Leerlauf der Betriebe, auf der anderen Seite Fehlen des Allernotwendigsten für breite Volksschichten."

Und doch war das Fest der Arbeit, verglichen mit dem was nach 1933 kam, nicht politisch militant oder aufdringlich angelegt. Man trieb Sport, sang Lieder oder sass fröhlich zusammen. Politische Agitation trat in den Hintergrund - es ging nicht darum, jemanden politisch zu bekehren oder auszugrenzen. Mit ein wenig Toleranz hätten Interessierte aus dem bürgerlichen Spektrum durchaus teilnehmen können. Taten sie aber nicht. Mit den Roten wollten viele Naumburger nichts zu tun haben.

Es sollte ein Fest der klassenbewußten Arbeiter (Grunert) sein. Das rief sofort die Spießer und Hurra-Patrioten auf den Plan. Bürgermeister Karl Roloff stören die roten Fahnen. Seine Amtszeit läuft am 27. Februar 1931 aus. Zwei Tage vor dem Fest stand seine Neuwahl an. Er wird mit 20 Stimmen auf zwölf Jahre wieder gewählt. 6 Stimmzettel sind unbeschrieben; die kommunistische Fraktion enthält sich der Stimme.

Den Auftritt der Roten Sportler während dem Fest der Arbeit auf dem Naumburger Markt bezeichnet der gegenüber der KPD kritisch eingestellte Volksbote (Zeitz) als
einen grossen Erfolg.

"Auch der alte Graf im Barte [gemeint ist Arthur von Posadowsky-Wehner], dem die Errungenschaften der Republik arg im Magen liegen, und der von den Hurrapatrioten in Ermangelung jugendfrischer Kräfte immer noch als Paradepferd benutzt, hat mit seiner Massnahme, den Arbeiterturnern aus den gewaltigen Domwaldungen im Gegensatz zu den hiesigen Gepflogenheiten das Grün zum ausschmücken zu verweigern, nur in die Nesseln gesetzt. Der Festplatz wird in üppigen Grün prangen. Unsere findigen Genossen suchten sofort nach anderen Bezugsquellen, und mit Hilfe unseres Kreistagsabgeordneten Römer (Rossbach) gelang es, anderweitig das notwendige Grün zu beschaffen." (Verboten)

 

 

Arbeitsmarktreformen  nach oben

Mit dem Erlass des Reichsarbeitsministeriums vom 11. Oktober 1930 ändern sich die Modalitäten für die Auszahlung der Krisenunterstützung (KRU). Sie wird jetzt längstens 32 Wochen gezahlt. Für Arbeitslose über 40 Jahre kann das Arbeitsamt dies bis 45 Wochen verlängern, wenn es die Arbeitsmarktlage erfordert. Dafür sollen die Empfänger jetzt stärker zur Pflichtarbeit herangezogen werden.

Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern gewähren diese nunmehr den Angehörigen aller Berufsgruppen. Jeder ausgesteuerte Arbeitslose erhält nach Wegfall seines Arbeitslosengeldes und bei Vorliegen der Bedürftigkeit ohne weiteres Krisenunterstützung. Für Gemeinden unter 10 000 Einwohner sind die Berufsgruppen im Erlass definiert, die Anspruch auf die KRU haben. Dazu gehören zum Beispiel ArbeiterInnen der Glasindustrie, der Holz und Schnitzindustrie. Von dieser Form der sozialen Unterstützung bleiben ausgeschlossen die ArbeiterInnen der Landwirtschaft, Arbeitslose unter 21 Jahre, Hausmädchen und weiterhin diejenigen, die in den letzten 2 Jahren keine 52 Wochen versicherungspflichtige Beschäftigung nachweisen können.

Unter der Losung Preussen schafft Arbeit legt im Oktober 1930 der preußische Ministerpräsident Otto Braun (1872-1955) dem Reichskanzler folgende Massnahmen vor:

Erstens. Mit Einführung eines neunten Schuljahres würde der Arbeitskräftemarkt kurzfristig um 250 000 Personen reduziert. Eine Einstellung neuer Lehrkräfte wäre nicht notwendig, weil die Schülerzahlen insgesamt rückläufig sind.

Zweitens. Ein Verbot der Wanderarbeiter, die in keinem Falle mehr zugelassen werden sollen." Damit könnten "110 000 deutschen Arbeitslosen Arbeit verschafft und dem unerträglichen Zustand eine Ende bereitet werden, dass bei einer deutschen Arbeitslosigkeit von fast 3 Millionen Menschen über 100 000 Arbeitsplätze wieder von Ausländern eingenommen werden." (Volksstimme, Magdeburg 26.10.1930)

Drittens. Solange nicht die vierzig Stundenwoche eingeführt ist, dürfen keine Entlassungen vorgenommen werden.

 

 

Fast jeden Montag schwingt sich Schuster Erich König (Marienstrasse 20) von der Kommunistischen Partei auf die Brüstung der Umzäunung vor dem Arbeitsamt Naumburg und hält eine Vorlesung aus dem "Klassenkampf" (Organ der Bezirksleitung der KPD Halle). Sie besteht fast immer in Wüsten Schimpfereien auf die Sozialfaschisten. "Nur einige Stehbrüder, die sich vom Arbeitsamt nicht trennen können, zählen zu der königlichen Kundschaft und begeistern sich an dessen wüsten Schimpfereien." Aber die meisten gehen vorbei oder wenden sich ab.

(Nach Komödienspielerei 1930)

 

Mit der 1. Notverordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen vom 1. Dezember 1930 steigen die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung auf 6,5 Prozent.

Einen tiefen Eingriff in die soziale Lage vollzieht die 2. Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen vom 5. Juni 1931. Zur Begründung legt der Reichskanzler legt dar, dass der katastrophale Abzug der Devisen nicht anders zu verhindern sei. Angesichts der "deutschen Notlage" sei "ein anderer Weg" nicht möglich, betont der Reichsarbeitsminister. "Um ein größeres Unglück zu verhindern", hebt der Reichsminister für Finanzen hervor, ist kein anderer Ausweg möglich. An diesen Determinismus glaubt Theodor Leipart (ADGB) nicht, weshalb er erklärt: Die Notverordnung von 5. Juni 1931 führt ins Chaos. Bei In-Kraft-treten am 1. Juli 1931 werden von ihr etwa 10 Millionen Menschen betroffen sein. Die Arbeitslosenfürsorge für die Saisonarbeiter wird um 50 Prozent in ihren Bezügen herabgesetzt. Als äußerst gefährlich schätzt der Gewerkschaftsmann die Herausnahme der Jugendlichen aus der Betreuung ein. Eine sehr unsoziale Maßnahme sei ebenso die Aufhebung der Lohnsteuerrückerstattung. Viel böses Blut bringt die Bestimmung über die Kürzung der Bezüge der behördlichen Angestellten bei Ländern und Gemeinden. (Vgl. Leipart 1931) Vorgesehen ist eine Senkung der Renten für Invalide und Kriegsgeschädigte sowie der Unterstützungssätze für Arbeitslose um 6,3 bis 14,3 Prozent.

Theodor Leipart spricht sich für die Einberufung des Reichstages aus. Dies schaffe ein Ventil für (die zu erwartenden) Unruhen. Gibt man den Unzufriedenen keine Möglichkeit, "würden sie unfehlbar zu den radikalen Parteien, und zwar zu den Kommunisten, abwandern".

Mit der Brüningschen-Notverordnung vom 5. Juni 1931 kommen also noch mehr Erwerbslose in Bedrängnis. Unbestechlich zieht der Volksbote (Zeitz) einen Tag vor In-Kraft-treten Bilanz:

"Noch unmöglicher ist die Regelung der Unterstützung bei sogenannten Saisonarbeitern. Obwohl praktisch der früher gewohnte Begriff des Saisonarbeiters infolge der Wirtschaftskrise überhaupt fast völlig verloren ging, soll für mehr als ein Drittel aller Unterstützungsbezieher die Unterstützung noch weit über das .... Maß hinaus verkürzt werden."

"Vom 1. Juli bzw. für die bisherigen Bezieher vom 13. Juli dieses Jahres an soll allen Arbeitslosen die Unterstützung ungeheuerlich gekürzt werden," [siehe 1  2], schreibt der Volksbote (Zeitz) am 30. Juni 1931. Und weiter:

"Die Regelung der Arbeitslosenversorgung durch die Notverordnung ist von außerordentlicher Härte. Dies gilt sowohl von der völlig sinnlosen Beseitigung der neunwöchigen Schutzfrist für die Facharbeiter wie von der Einführung der Pflichtarbeit für alle Arbeitslosen und der Beseitigung der bisherigen Schranken für die Pflichtarbeit. Das gilt ebenso für die Wiedereinführung der Bestimmung, dass die Lohnklasse sich nicht aus den letzten 26 sondern aus den letzten 13 Wochen berechnet. Diese 13wöchige Berechnungsperiode war früher eine sehr vernünftige Regelung. Heute führt man sie nur deshalb wieder ein, weil dadurch immer die letzten Lohnsenkungen auch die Lohnklasse senken.

….

Kleinlich ist die Bestimmung, dass verheiratete Frauen nur unterstützt werden können, wenn ihre "Bedürftigkeit" feststeht, obwohl der gleiche Zweck schon bisher weitgehend durch den § 75a und durch Anrechnung des Einkommens des Ehegatten erreicht wurde.

….

Kleinlich und kurzsichtig ist die Bestimmung, wonach Krisenunterstützung zurückgezahlt werden muß. Kein Mensch glaubt, dass von den Millionen armer Teufel, die mehr als ein halbes und oft mehr als ein Jahr arbeitslos sind, je die Krisenunterstützung zurückgezahlt wird oder werden kann."

 

Zunächst erhalten Arbeitslose für 26 Wochen Stütze. Am 14. Juni 1932 senkt eine weitere Notverordnung den Leistungsanspruch auf 6 Wochen. Danach springt die Krisenfürsorge ein. Im Anschluss erfolgt allenfalls die Zahlung einer Wohlfahrtsunterstützung.

Aus den Notverordnungen resultieren für die betroffenen Haushalte schwere finanzielle, wirtschaftliche und soziale Einschränkungen.

Karl Bauer, geboren 1921: "Die Situation wurde für uns Kinder immer schlimmer. Wo der Vater fehlte oder wo er arbeitslos war, wurden in den Schulen für diese Kinder Quäkerspeise ausgegeben."

Dora Dammert um 1929: "Bei jeder Wanderung wurde der Rucksack mit Tagesproviant mitgenommen. So brauchten nur Getränke bezahlt zu werden. Geld war damals schon knapp. Die Schulentlassung fiel in die Zeit, wo Nachkriegsbelastung, der Putsch in Naumburg und Inflation vorüber waren. Aber es war etwas anderes da, was die Menschen bedrückte, die große Arbeitslosigkeit für viele Jahre. Ja - auch die kannte man damals schon."

Frau Meissner aus der Burgstraße 40, 1958: "Als die Massenentlassungen begannen, flog auch mein Mann auf die Strasse. Vom Mai 1931 - März 1935 war mein Mann ohne Erwerb und mit 10,90 M Unterstützung die Woche mussten wir unsere Leben fristen. Ab und zu gelang es, eine Gelegenheitsarbeit zu erwischen. Durch die jahrelange Arbeitslosigkeit gerieten wir in grosse Not. Er war aktives Mitglied der KPD. Die Machtübernahme durch Hitler veranlasste meinen Mann, sein Bewusstsein noch mehr zu stärken."

Nicht selten nutzt man die wirtschaftliche Notlage der Arbeitslosen für unlautere Zwecke aus, berichtet der Volksbote (Zeitz). "Mit den schofelsten Mitteln werden die guten Spieler aus der Fußballabteilung von VfL 88 herausgelockt. So ist es diesen Elementen in der letzten Zeit gelungen, 6 Spieler, jetzt erst wieder den Torwart, herauszulocken. Die wirtschaftliche Notlage wird dazu benutzt, um zum Ziele zu kommen. Den lange auf der Straße Liegenden wird durch maßgebliche Mitglieder Arbeit verschafft, sobald sie im Verein [Fußballclub] 05 spielen." (Stärkt)   nach oben

Die Erwerbslosigkeit erschwert die Gestaltung eines sinnerfüllten Alltagsleben der betroffenen Personen und Familien, berührt tief ihren Stolz und die Selbstachtung. Davon erzählt auch die Nachricht von Kriminalsekretär Scholz am 8. Oktober 1931.

"Die Polizeiverwaltung [Naumburg]
Kriminal-Abteilung

Mir ist vertraulich mitgeteilt worden, dass die Mitglieder des Erwerbslosenrates - Mitglieder der KPD - die Wohlfahrtsunterstützungsempfänger am Freitag, d. 9.10.1931, bei den Auszahlungen veranlassen wollen, die Annahme der Unterstützungen zu verweigern, falls eine Herabsetzung der Unterstützungssätze erfolgen sollte.

Naumburg a/S., den 8. Oktober 31.

Scholz
Kriminal-Sekretär"
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Franz braucht eine Chance!  nach oben

Blick in Richtung
Große Neustraße 3 (2006)

Franz Feller, Große Neustraße 3, erhält vom Dietrich-Plan Kenntnis und wendet sich am 18. November 1931 mit einem Brief an die Stadtverwaltung. Mit liebevoller und gediegener Handschrift setzt er folgende Worte:

"Unterzeichneter, welcher sich gerne eine neue Existenz durch eine Klein=Siedlung schaffen möchte, erlaubt sich auf diesem Wege eine höfliche Anfrage zu richten. 36 Jahre alt, habe ich zwei Jungen im Alter von 10 u. 11 Jahren und [bin] längere Zeit ohne Arbeit. Beziehe jetzt Wohlfahrts-Unterstützung, und möchte mir durch oben erwähntes einen Erwerb für mich und meine Familie schaffen. Ist es möglich, daß mir die Stadt 1 - 2 Morgen Land in Pacht, oder evtl. zum Kauf überlassen kann? Das Geld hierfür könnte ich von Verwandtschaftlicher Seite wohl bekommen, wenn mir zu einer Arbeitsmöglichkeit dadurch verholfen würde. Den Plan hat ich mir so gedacht, dass ich vor allen Dingen Klein=Vieh halte, in der Hauptsache Kaninchen, welche ich heute schon im kleinen züchte, des weiteren Hühner, und was sonst dazu gehört. Möchte dann auch an Ort u. Stelle durch eigene Kraft mir in 1-2 Jahren ein Wohnhäuschen errichten, u. mir einen kleinen Obstgarten zulegen. Hierdurch hoffe ich, für mich und die Familie eine Arbeitsmöglichkeit zu schaffen, und ich würde doch damit auch innerhalb eines Jahres keiner Unterstützung mehr bedürfen. Vor allem haben wir alle gute Veranlagung zu so einer Arbeit, und mir selbst. Die Bearbeitung eines Landes und auch das halten von Kleinvieh [ist mir] nicht fremd. Habe außerdem noch eine Schwiegermutter bei mir, welche aus der Landwirtschaft stammt, und mir mit Rat und Tat zur Seite stünde. Ich hoffe keine unmögliche Anfrage gestellt zu haben, erwarte in diesem Sinne Ihre geschätzte Nachricht und verbleibe

Hochachtungsvoll
Franz Feller."

In diesem Brief äussern sich die typischen Sorgen und sozialen Hoffnungen eines Werkmannes, spiegelt sich die Lage der arbeitenden Klasse in Naumburg. Die Demütigung durch Arbeitslosigkeit hinterließ im Denken und Fühlen tiefe Spuren. Deutlich zu spüren, die tiefe Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben. Franz Feller kann mit seiner Familie für ein wirtschaftlich sicheres Leben gewaltige soziale Kräfte mobilisieren.
Aber er braucht eine Chance!
Er ist sechsunddreißig Jahre alt.
Er hat eine Frau und zwei Kinder.
Franz kann nicht länger warten!

 

 

Öffentliche Meinung, Einstellungen und Haltungen  nach oben

Schon immer diskutiert der Bürger auf dem Markt, am Stammtisch, in den Gassen oder diversen Küchenkabinetten über die Arbeitswilligkeit des Arbeitslosen. Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) befürwortet 1919 als Konservativer die Einführung der Arbeitslosenversicherung. Er besteht darauf: "… dem eine seinen Kräften angemessen Arbeit zugwiesen wird" muss "auch gezwungen" werden, "diese Arbeit zu leisten … und wenn er diese Arbeitsleistung abweist, dann muss ihm die Arbeitslosenunterstützung entzogen werden." (Nationalversammlung 14.2.1919, 84)

Während der Weltwirtschaftskrise 1929/32 zirkulieren in der Naumburger Öffentlichkeit verstärkt Begriffe wie "Arbeitswillige", "Arbeitslager" und "Freiwilliger Arbeitsdienst" (FAD), womit das sozialökonomische Problem der gesellschaftlich verursachten Verhinderung von Arbeit in der Öffentlichkeit hemmungslos verleugnet wird. Vierzig

Arbeitswillige

nehmen im ersten geschlossene Arbeitslager im Grochlitzer Gries (Naumburg) im Oktober 1932 ihren Arbeitsdienst auf, hieß es damals in öffentlichen Mitteilungen. Arbeitswillige? Eine Verhöhnung für tausende Naumburger, die in der Wirtschaftskrise 1929/32 unverschuldet ihre Arbeit verloren hatten.  nach oben

 

Die öffentliche Meinung zum Arbeitslosen ignoriert gerne Tatsachen, wendet sich lieber Gerüchten und Klatsch zu. Den Verantwortlichen kommt das oft nicht ungelegen, verdeckt es doch ihre eigene Hilflosigkeit, sprich den Rückzug auf die Verwaltung. Ein Beispiel geben 1926 die Stadtverordneten von Naumburg:

"Stadtverordneter Manthey [SPD] habe [im April 1926] da gesagt, es komme mitunter vor, dass Leute, die erwerbslos werden, sich krankschreiben lassen, ohne es zu sein. Nach Stadtv. Neuberts Meinung sind diese Menschen so zermürbt, dass sie wirklich krank sind, und daher dürfe man nicht solche Aussprüche tun, als simuliere Jemand. Stadtv. Manthey hat in der Praxis verschiedentlich Erfahrungen gemacht. So kam es vor, dass krank Gemeldete zum Tanzen gingen, ein Herzkranker hat dann sogar eine Flasche Wein im Ratskeller getrunken." (Neuordnung)

 

Stadtteil von Bad Kösen

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Zwei Ereignisse im Nachbarort Bad Kösen geben weiteren Aufschluss über Einstellungen und Vorurteile gegenüber den Erwerbslosen. Im Sommer 1931, erinnert sich Bürgermeister Max Schuster (Eckartsbergaer Straße 9) ein Jahr später, kam er gegen Ende der dritten Nachmittagsstunde auf dem Wege zum Rathaus (Lindenstraße 9) des kleinen Kurstädtchens an einem Erdhaufen mit zwei Schaufeln vorbei. Als er seinen Weg fortsetzte, traf er unweit davon auf den städtischen Arbeiter Oskar Grau (Eckartsbergaer Straße 8), welcher ihm die Namen der zwei Pflichtarbeiter nannte. Er vergisst nicht hinzuzufügen: `Das war schon öfter Geschehen.´ Der Stadtobere beauftragte ihn, die Schaufeln bei der Polizei (!) sicherzustellen. Als die Pflichtarbeiter zurückkehrten, die nach dem Bericht in der Arbeitslosenzeitung von 1932 lediglich ihre Notdurft erledigten, fanden sie die Schaufeln nicht am Platz vor. Sie kümmerten sich nicht weiter darum und beendeten ihre Arbeit. Das erscheint vielleicht belanglos. Aber darin eingeschlossen ist ein Kommunikationsvorgang mit symbolischer Bedeutung eingeschlossen. Mit Abgabe der Schaufeln bei der Polizei bringt der Bürgermeister zum Ausdruck, dass er die Handlungsweise (und Arbeit?) der zwei Pflichtarbeiter nicht billigt. Bei denen erzeugt das ärgerliche Gefühle, bringt sie in eine Abwehrhaltung, weshalb sie die Arbeit an diesem Tag nicht wieder aufnehmen. - Darüber berichtet im März 1932 die Handzeitung Der Arbeitslose (Nummer 10) aus Halle unter der Überschrift

"Bürgermeister Schuster schikaniert weiter".


Max Schuster, geboren am 17. April 1875 in Bad Kösen, seit 6. Mai 1930 Bürgermeister in Bad Kösen

Daraufhin stellt Max Schuster gegen den Redakteur der Arbeitslosenzeitung wegen Beleidigung und Verbreitung unwahrer Tatsachen einen Strafantrag. Für den 6. Dezember 1932, dies ist die letzte Nachricht dazu, wird der Zeitungsmann Paul Bantau aus Halle wegen "Beleidigung" vor das Amtsgericht Naumburg (Markt 7, Zimmer 24) geladen.

Der zweite Zwischenfall ereignet sich im Herbst 1931 ebenfalls in Bad Kösen.

"Hugo Christel, ein Arbeiter, war erwerbslos. So wurde er gezwungen, Arbeitslosenunterstützung zu beziehen und Gelegenheitsarbeiten für den Rat der Stadt Kösen zu verrichten,"

erzählt Gottfried Kormann im Buch Vom heldenhaften Klassenkampf der Arbeiter Bad Kösens (1954). Sie geht so weiter:

"Bei einer solchen Arbeit erlitt er [Hugo Christel] einen Unfall. Als er daraufhin beim ehemaligen Bürgermeister Schuster mit der Bitte um Gewähr einer Invalidenrente vorsprach, lehnte das Stadtoberhaupt eine solche Rente ab und schlug ihn mit seinem Spazierstock. Christel hat daraufhin den Bürgermeister in Notwehr verhauen. Beim Amtsgericht Naumburg kam es zum Prozess. Ohne den wahren Sachverhalt gründlich zu untersuchen, erklärte der Staatsanwalt, ein typischer Vertreter der Klassenjustiz: Unsere Aufgabe ist es, die Staatsbeamten vor allen Subjekten zu schützen. Der Arbeiter Christel verdient die höchste Strafe!

Bürgermeister Schuster sagte vor Gericht bewusst falsch aus. Plötzlich behauptet er, er habe den Arbeiter niemals geschlagen. Christel wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Verzweifelt in seiner Ohnmacht vor der kapitalistischen Staatsmaschinerie beging er Selbstmord.

Seine Genossen von der Ortsgruppe der KPD schrieb er einen aufklärenden Brief. Da er in der Zelle keine Tinte besitzt, öffnet er sich die Pulsader und schrieb mit seinem eigenen Blut.

Seine Beerdigung in Bad Kösen wurde zu einer machtvollen Demonstration gegen die Mörder. Mitglieder des antifaschistischen Kampfbundes aus Freyburg, Naumburg, Laucha und anderen Orten fanden sich in Bad Kösen ein. Im Demonstrationszug marschierten diszipliniert, ruhig und überlegen über Tausend organisierte Antifaschisten". (Kormann 57-58)

Grüne Gasse (2010)
Borlachstrasse (2010)

Lindenstrasse mit Rathaus,
rechts (2010)

Folgendes war geschehen? Bürgermeister Max Schuster tritt am 6. Oktober 1931, gegen 3 Uhr, aus dem Friseurgeschäft Schauerte (Karl Schauer, Grüne Gasse 4) und will in die Borlachstraße gehen. Da trifft er auf Hugo Christel, der ihn urplötzlich, mehrfach und heftig mit einem harten Gegenstand, was wahrscheinlich ein Schlagring war, auf den Kopf und linken Arm schlägt. - Ein warmer Blutstrahl läuft über seinen Rücken. Eine Kopfader ist getroffen. Mit einer Hand gelingt es ihm, den Wütigen an der Kehle zu fassen und sich schließlich zu befreien. Dann bricht er auf der Straße zusammen. Maurermeister Erich Oberländer (Borlachstraße 45) bringt ihn zum nächsten Arzt, Dr. med. Erich Blenkle (Lindestraße 9). "Dieser Vorfall hat in der Bürgerschaft allgemeines Mitleid erweckt", berichtet das Naumburger Tageblatt am 7. Oktober 1931, "zumal der Bürgermeister sich großer Beliebtheit erfreute." (Vgl. Max Schuster, Überfall 7.10.1931, Vorladung von Bantau 6.12.1932)

Schon am Tag darauf verhaftet die Polizei den Arbeiter Hugo Christel, geboren am 12. Februar 1901 in Schulpforta.

Nach dem Krieg bringt die Liberal Demokratische Partei Deutschland dem ehemaligen Bürgermeister Vorwürfe der Kösener Parteileitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands mit "verleumderischen Angaben" zur Kenntnis. Daraufhin klärt Max Schuster am 13. Februar 1947 den Bürgermeister von Bad Kösen per Brief in über das Tatmotiv von Hugo Christel auf:

"Seine Mutter hätte von mir als Fürsorgeempfängerin eine Aufforderung erhalten, Pflichtarbeit zu leisten, andernfalls ihr die Unterstützung entzogen würde. Dies hätte ihn [Christel] so erbost, daß er mir eins auswischen wollte. Andere Gründe hat Ch. bei der Vernehmung nicht angegeben." (Schuster 1947)

Christel wählt am 8. Januar 1932 im Gefängnis von Naumburg (Roonplatz 5) den Freitod. Seine Beerdigung erregt in und um Bad Kösen einige Aufmerksamkeit. Auf Grund einer Vielzahl von Anreisenden, fühlte sich der Gendarmerieobermeister der Sachlage anscheinend nicht gewachsen und hat von sich aus, also ohne mein Zutun, schreibt Max Schuster, ein Landjägerkommando befohlen.

Wichtige Umstände und Motive des Handelns der Akteure, also speziell die zur Persönlichkeit von Hugo Christel, sind nicht sicher überliefert. Dies setzt der Interpretation der Ereignisse enge Grenzen. Immerhin vermitteln diese zwei Episoden aus der Nachbarstadt Bad Kösen einen Eindruck von den sozialpsychologischen und politischen Spannungen, wie sie die Erwerbslosigkeit hervorbringt.

 

 

Die Tippelbrüder  nach oben

"Die Bettelei ist eine Landplage", seufzt 1933 der Naumburger Kirchenbote. Mit zunehmender Arbeitslosigkeit ziehen immer mehr umher. Es sind die Walz- und Tippelbrüder, "den man in den Herbergen oder auf den Jugendtagen hier und da trifft", berichtet der beliebte Lehrer und weithin bekannte Sozialpfleger Karl Hemprich (1925, 8) [12]

Otto Quante:
Der Unentwegte.

Aus: Georg Speitel: Otto Quante. Festschrift zu seinem 100. Geburtstage mit einem Werkverzeichnis von Klaus Marowsky, Kunstverein Minden e.V., 1976, Seite 23

Paul Sattelmacher 
(Naumburg) ist mit Otto Quante befreundet.

"Die Kirschpflücker", wie sie im Sommer gerne nach Naumburg zur Ernte kamen, "waren meist Handwerksburschen und noch mehr Tippelbrüder", notierte Walter Hege (1893-1955) in seinen Jugenderinnerungen. "Gestrandete Menschen," nennt er sie, "die einst bessere Tage gesehen hatten, Kerle die sich gegenseitig bestahlen, ein buntes Kaleidoskop menschlicher Schicksale."

Friedrich Muck-Lamberty lernte die Walzbrüder anders kennen. Es waren Menschen, die "trotz aller Ungebundenheit des äusseren Lebens ein einfaches starkes Leben führten, und sich schulten für die weitere Lebensarbeit," erzählt er 1929 in Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest (9).

Vater Hemprich (1925) sieht den Tippelbruder als Teil der Jugendbewegung. "Die Lebenserneuerung sucht er [allerdings] nicht im Ganzen der Kultur", so seine tiefsinnige Kritik, "sondern in einem Teile, den er für das Ganze hält."

Es gab Zeiten in Deutschland, da wurde es nicht als etwas Besonderes angesehen, wenn ein junger Mann an der Tür nach etwas Essen fragte. In der Gabe von einem Stück Brot für den Fremden sah man etwas Selbstverständliches. Er war ja auf Wanderschaft. Oft rückte der Familienvater dazu noch einen Groschen heraus. "Meine Mutter zum Beispiel", vergisst der Christrevolutionär, Organisator des Stosstrupps vom Sommer 1920 (Lisa Tezner) und Piscator-Schauspieler Harry Wilde (1889-1978) [1, 234] nicht, "stellte jeden Mittag einen Teller mehr auf den Tisch, obwohl wir sehr arm waren. Wenn jemand darüber lachte, pflegte sie zu sagen, der an meine Tür klopfte, könnte Christus sein, denn in ihrer Vorstellung war auch Christus auf Wanderschaft gegangen." Nach dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise kam dies ausser Brauch. Nun zogen tausende über die Landstrassen. Schätzungen sprachen von bis zu zwei Millionen Jugendlichen, die ohne Arbeit und von der Erwerbslosenfürsorge ausgesteuert, durch die Not zu Hause auf die Strasse getrieben. (Vgl. Wilde 268)

Doch die öffentliche Meinung tendiert nicht zu Karl Hemprich und Friedrich Muck-Lamberty, sie schlägt die Gegenrichtung ein und stigmatisiert den Tippelbrüder als asozial. Bald nach der Machtergreifung stellt sich heraus, dass die ordnungspolitischen Vorstellungen der Träger der freien Wohlfahrtspflege mit dem des NS-Regimes übereinstimmen. Schon 1933 finden Razzien gegen Bettler und Landstreicher statt. Das begrüssen am 12./13. Oktober 1933 in Goslar auf ihrer Tagung der Deutsche Herbergsverein, der Gesamtverband der deutschen Verpflegungsstationen und der Zentralvorstand deutscher Arbeiterkolonien. Pastor Paul G. Braune, Geschäftsführer des Herbergsvereins, befürwortet gar, dass "notorische Trinker", "berufsmäßige Bettler" und

"krankhafte Wanderer"

zwangsweise im Konzentrationslager untergebracht werden. (Vgl. Schmuhl 1987, 169/170)

Eugen Kogon (1903-1987) beschreibt ihr Schicksal in Der SS-Staat - Das System der deutschen Konzentrationslager: "Neben wirklichen Landstreichern, Speckjägern, kleinen Taschendieben und Jahrmarktgaunern, notorischen Säufern, Zuhältern und Alimentendrückebergern gab es unter den [im Konzentrationslager Buchenwald] als asozial Verhafteten auch genug Leute, denen nichts anderes vorzuwerfen war, als dass sie etwa zweimal zur Arbeit zu spät gekommen waren oder unberechtigt Urlaub genommen, ohne Genehmigung des Arbeitsamtes den Arbeitsplatz gewechselt, ihr nationalsozialistisches Dienstmädchen schlecht behandelt, als Eintänzer ihr Brot verdienten hatten, und was dergleichen Vergehen mehr waren." (Kogon 1974, 47/48)

Im Vergleich dazu herrschte in der Weimarer Republik eine tolerante Atmosphäre und humaner Haltung. Trotzdem bestanden gegenüber den Vagabunden - auch in sozialistischen und kommunistischen Kreisen - Vorbehalte, wie sie beispielsweise an den öffentlichen Reaktionen zur Verabredung der Tippelbrüder am 6. Juli 1926 vor der Wiener Stephanskirche zwecks Besprechung ihrer Angelegenheiten abzulesen war. Eine sozialistische Tageszeitung reagiert auf den Treff des Weltbundes der Tippler mit der Warnung:

"Seien wir nur ruhig vorsichtig gegen die Tippologen, die aus irgendwelchen Gründen ewig auf der Landstraße liegen und überall schnorren".

Herberge zur Heimat,
Neuengüter (2006)

Im August 1921 fanden 59 Männer in der Wanderer-Arbeitsstätte mit 138 Verpflegungstagen kostenlose Aufnahme. Beherbergt wurden weiter 282 Selbstzahler und Arbeitsgesellen an 1187 Nächten. (Nach Arbeitsnachweis 12.9.1921)

Im Krieg werden hier Kriegsgefangene untergebracht.

Wanderer, Vagabunden, Obdachlose oder Hausierer finden in der Herberge zur Heimat (Neuengüter) eine Unterkunft. [zurück] Die besteht seit etwa 1880. Neben der Reinigung des Hauses, übernehmen die Bewohner das Kochen eines einfachen Essen. Sie beschaffen Holz für die Heizung und bauen auf dem zum Haus gehörenden Acker Kartoffeln und Gemüse an. Für die Kosten kommt der Staat mit einem Zuschuss von einer Reichsmark pro Übernachtung auf. 2 232 Wanderer finden 1932 in der Herberge zur Heimat der christlichen Nächstenliebe. Mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit und der Einführung des Reichsarbeitsdienstes sinkt 1934 die Zahl der Wanderer bereits auf 817. Für eine Vagabundenkultur ist im System des Nationalsozialismus kein Platz. Wildes Wandern außerhalb der Hitlerjugend ist unerwünscht. Alle, die diesen rigiden Lebensvorstellungen partout nicht folgen wollen, sind asozial und müssen mit Diskriminierung und Repressionen rechnen.

 

 

Proteste und Debatten  nach oben

Vollbild
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Gegen die Wirtschafts-, Spar- und Arbeitsmarktpolitik finden Protestaktionen und Demonstrationen statt. Die Stadtverordneten debattieren über die systemische Umgestaltung der Arbeitslosenversorgung und -vermittlung, Bewältigung der Wirtschaftskrise, Haushaltspolitik und Kürzung der Unterstützungssätze für Arbeitslose durch die Präsidialkabinette Brüning, Papen und Schleicher. In ihren Beschlüssen spiegeln sich die politischen Machtverhältnisse der Stadt und die Grundpositionen der hier vertretenen Parteien wieder.

In der Stadtverordnetensitzung vom 24. Januar 1929 stellt Walter Fieker (KPD) den Antrag auf Übernahme der Elternbeiträge für die Kinderbewahranstalt. Zur Anerkennung seiner Dringlichkeit findet er keine 2/3 Mehrheit.

 

Mitglieder der
Stadtverordnetenversammlung
Naumburg

nach den Kommunalwahlen
vom 17. November 1929

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DNVP
Landwirt Moritz Starke
Malermeister Karl Reinsberger
Diplom-Ingenieur Erich Spindler
Bäckermeister Paul Lisker
Kaufmann Ernst Hochstein
Photograph E. Classen

Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft
Rechnungsrevisor Kurt Zschernitz
Architekt Gustav Menzel
Böttchermeister Karl Wehner

NSDAP
Kaufmann Heinrich Hacker
Reichsbahnassistent Rudolf Müller
Kaufmann Georg Schmidt
Postschaffner Walter Schmöller
Wachtmeister Ernst Rudloff

SPD
Tischler Otto Grunert
Lehrer Friedrich Blüthgen
Schriftsetzer Wilhelm Schwencke
Angestellter Karl Marien
(Lehrer Max Buchheim)
Postschaffner Walter Rauchbach

Wirtschaftspartei
Stadtrat Georg Paul
Ingenieur Julius Eix
Kaufmann Kurt Allstedt
Schuhmachermeister Otto Keil

KPD
Lagerhalter Walter Fieker
Schriftsetzer Franz Neubert
Schlosser Walter Höhne

Haus- und Grundbesitzer
Hausbesitzer Fritz Hagemann
Justizoberrentmeister
Ewald Petschick
Turnlehrer Friedrich Banse

Mieterliste
Verwaltungsoberinspektor i.R.
Adolf Lehmann
(Uhrmachermeister Otto Hardt)

 

Die Veränderungen bis zu den nächsten Stadtverordnetenwahlen
am 12. März 1933
siehe nächste Übersicht unten.


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Ein Jahr später dasselbe Problem. Karl Marien (SPD) möchte, so sein Antrag in der öffentlichen Stadtverordnetenversammlung am 30. Januar 1930, dass jeder ausgesteuerte Arbeitslose von der Stadt kostenlos ein Zentner Kohle und zwei Zentner Kartoffeln erhält. So beschloss es seinerzeit der Magistrat. Der will diesen aber nicht realisieren, weil die zuständigen Ausschüsse aufgrund der finanziellen Lage der Stadt die Streichung empfehlen. Dies führt zu einer heftigen Kontroverse über die "Sonderunterstützung der ausgesteuerten Erwerbslosen". Marien kämpft weiter, denn die Betroffenen befinden sich in großer Not. Der Stadtverordnete Walter Höhne (KPD) macht den Vorschlag, die Preise für Strom und Gas nach dem Einkommen zu staffeln. So könnte die Stadt zusätzliche Einnahmen erzielen und die Erwerbslosen unterstützen. Aber vor allem, betont der kommunistische Stadtverordnete, müssen Erwerbsmöglichkeiten geschaffen werden. Wir empfinden mit den Arbeitslosen, antwortet Bürgermeister Roloff, aber die Sonderunterstützung kann aus finanziellen Gründen nicht bereitgestellt werden. Hierzu müsste erst eine Deckung vorhanden sein. Stadtverordneter Friedrich Blüthgen (SPD) stellt dann den Antrag, für die Dauererwerbslosen einmalig 15 000 Reichsmark auszuschütten. Auch dies wird mit der gleichen Begründung vom Magistrat zurückgewiesen. Stadtverordneter Hacker von der NSDAP will eine Ankündigungssteuer für ausländische Geschäftsleute sowie die Faschingssteuer einführen und plädiert für die Aufhebung der Steuerfreiheit der Konsumvereine. Bürgermeister Roloff hält diesen Weg für ungeeignet. In Frage kommt nur eine Erhöhung der Gewerbe- und Grundvermögenssteuer. Dagegen spricht sich aber Abgeordneter Hagemann von den Haus- und Grundbesitzern aus. Er prophezeit, dass dies ein Schlag ins Wasser wird. Weil sämtliche Anträge abgelehnt werden, kommt es nach der Abstimmung zu Pfiffen und Unruhe. Stadtvorsteher Eix (Wirtschaftspartei) droht die Räumung des Saales an. Dann beraten die Stadträte doch weiter.

 

 

Arbeitslosigkeit Naumburg Stadt  nach oben  


 
Arbeitslosen-
Unterstützung
Wohlfahrts-
erwerbslose
Krisenunter-
stützungs-
empfänger

Arbeitslosenquote

     
  09.1929*
362
   79
46
105 ohne Unterstützung
  Januar 1930
 
1 739
 

 auf 1.000 Einwohner 50,4

  31.5.1931
 
1 438
 

 auf 1.000 Einwohner 56,1

  30.11.1932
 
1 372
 

 auf 1.000 Einwohner 45,8

  31.12.1932
 
1 399
 

 auf 1.000 Einwohner 46,6

 
  1931
2 367
2 436
1 260

 Arbeitslosenquote 59,3 %

  1. März   1932
  972
3 548
  835

 Arbeitslosenquote 60,5 %

  1. Juni 1932
1 267
4 053
2 289

 Arbeitslosenquote 59,3 %

     
 Gemeldete Arbeitslose
im Arbeitsamtsbezirk Naumburg
  
Männer
Frauen
 
Jan. 1933
4772
4350
422
 
Aug. 1933
3328
2991
337
 
Aug. 1934
1452
315
  

 

* Es steht ein starker Anstieg durch Entlassungen in Leuna, in der Maschinefabrik List und die Stilllegung der Freyburger Kalksteinwerke bevor.

Arbeitslosenquote = (Empfänger von Arbeitslosenunterstützung + Wohlfahrtserwerbslose + Krisenunterstützungsempfänger): Anzahl der Beschäftigten (Juni 1933)

Unterschiedliche Zahlenangaben erklären sich aus den verschiedenen methodischen Ansätzen zur Registrierung ("Arbeitsamtsbezirk", "Stadtkreis") und der Berechnung der Arbeitslosenquote.

Zur Erklärung des dreigliedrigen Arbeitslosen-Unterstützungssystems siehe Zur Geschichte der Arbeitslosigkeit, Arbeitslosenversorgung und -vermittlung, 16. Juli 1927

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Am 5. März 1930 rufen die Zentralkomitees der Kommunistischen Parteien von Deutschland, Frankreich und England die Arbeiterschaft in allen Ländern gegen die Weltarbeitslosigkeit auf. Es soll ein "Weltmarsch der Hungerarmee" (Die Rote Fahne, 6.3.1930) werden. Der "Massensturm gegen den Hunger!" fällt, international wie national bescheiden aus, meldet die Volksstimme (Magdeburg) am nächsten Tag. "Nicht einen Demonstrationszug brachten die Kommunisten zustande." Allerdings steht in der derselben Mitteilung geschrieben, dass in Halle-Ammendorf versucht wurde Demonstrationszüge zusammenzustellen, wogegen aber die Polizei einschritt. Beim Zusammenstoss mit den Kommunisten gab es zwei Tote: Paul Orlick (Döllnitz) und Karl Fröder (Ammendorf) (Leidigkeit/Hermann 1979, 328). Ein Beamter, erklärt der Polizeibericht, musste, als er einen in Gefahr befindlichen Kameraden beisprang, von der Waffe Gebrauch machen.


Klägliche Umzüge,
die nur auf die Lachmuskeln wirken  
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Der Welterwerbslosentag [1931] wurde in Naumburg durch eine KP-Demonstration begangen. Von den mehr als 4 000 Erwerbslosen des Naumburger Bezirks hatten sich aus Naumburg und der weiteren Umgebung ganze 117 Teilnehmer zusammengefunden. Wie die Interessen der Arbeiterschaft durch die KP. gewahrt werden, dafür gaben die Kapisten ein treffendes Anschauungsbild. Die Demonstration wurde von dem vor einigen Wochen wegen Unterschlagung von Arbeitergeldern zu 3 Monaten Gefängnis verurteilten Dathe [richtig: Thate] geführt, den unmittelbar das Werbeplakat der Roten Hilfe folgte. (Wie symbolisch!)

Naumburg mit Markt (vor 1945)

Auf dem Markt hatten sich eine Anzahl Neugieriger eingefunden, die den Prophetenworten eines [Erich ?] Königs, [Adolf] Schuster und [Walter] Höhne lauschten. Die Neugierigen erlebten eine Enttäuschung, da die Redner nichts weiter als die alte kommunistische Walze, und dabei noch in einer recht holprigen Weise, herunterleierten. Die Redner wie die ganze Kundgebung selbst wird man wohl den Arbeitern und Erwerbslosen gezeigt haben, dass die Moskauer die letzten sind, die den Erwerbslosen irgendwie Hilfe bringen können. Darüber täuscht auch die wüste Hetze gegen die SP. [SPD] nicht hinweg. Dass die Demonstration der KP. mehr und mehr als Komödien von den politischen Gegnern angesehen werden, geht daraus hervor, dass die Neugier auf dem Marktplatz zum grössten Teil aus Hakenkreuz und Stahlhelmleuten bestanden, die, mit ihrem Hakenkreuz und Stahlhelm geschmückt, sich über die gehaltenen Brandreden lustig machten. Selbst der Stadtverordnete Hagemann hatte sich auf dem Marktplatz eingefunden. Ob er mitdemonstrieren oder nur Zaungast sein wollte, konnte man nicht feststellen.

Der Umzug wurde durch ein Polizeiaufgebot begleitet, was manchen Heißsporn zur Anödung der Polizei Veranlassung gab. Ein Versuch, ein verbotenes Lied zu singen, wurde von der Polizei sofort unterbunden. Es genügte eine leise Warnung, um die revolutionären Kapedisten zu lammfrommen Spaziergängern zu machen. Durch solche kläglichen Umzüge, die nur auf die Lachmuskeln wirken, kann den Erwerbslosen in keiner Weise geholfen werden! Die Arbeiterschaft kann ihren Belangen nur in einer geschlossenen, einheitlichen und dadurch machtvollen Organisation Geltung verschaffen, wie sie die freien Gewerkschaften darstellen!

Die KP. marschiert. "Volksbote", Zeitz, den 17. Juli 1931

 

 

Immer noch Proteste und Debatten

Unter Tagesordnungspunkt 4 stellt die KPD-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung

am 27. August 1931

den Antrag, für die Erwerbslosen ein unentgeltliches Mittagsessen und die kostenlose Benutzung des Volksbrausebades einzuführen sowie die Kosten für Haushaltsgas und elektrisches Licht zu übernehmen. Ebenso soll ein beabsichtigter Lohnabbau von vier Prozent nicht durchgeführt werden. Ein Arbeitersportplatz im Rahmen der Arbeitsbeschaffung soll erbaut werden, schlägt die Fraktion vor. Das alles kann sich nicht durchsetzen.

Interessanterweise gab es für die Arbeitslosen in Zeitz und Weißenfels höhere Zuwendungen als es die allgemeinen Richtsätze vorsahen, was auf Grund der Zusammensetzung des Stadtparlaments in Naumburg nicht möglich war zu beschließen.

Am 8. Oktober 1931

fordert die KPD-Fraktion erneut, den Klein- und Sozialrentnern die Miet-, Strom- und Gasverbrauchskosten zu bezahlen, und ausserdem jeweils 25 Zentner Kartoffeln sowie ein Kohlendeputat und 30 bis 40 Reichsmark für Winterbekleidung zur Verfügung zu stellen. Der Antrag wird wieder abgelehnt, weil die Stadt sich immer mehr verschuldet, obwohl die Stadtverordnetenversammlung erst am 25. Juni 1931 beschlossen hatte, die Bier-, Getränke- und Hundesteuer sowie des Wassergeld zu erhöhen.

Die Stadtverordnetenversammlung am 8. Oktober 1931 steht im Zeichen der Preussischen Notverordnung vom 12. September 1931. Sie verlangt von der Stadtverwaltung Kürzungen bei den Gehältern von Gemeindebeschäftigten durch Verzögerung des Aufrückens in Dienstalterstufen und bei den Bezügen der ausserplanmäßigen Beamten. Ausserdem sollen Zulagen gestrichen werden. Die KPD-Stadtratsfraktion stellt den Antrag, dass die Sozial- und Kleinrentner kostenlos Kartoffeln und Kohlen erhalten.

 

Stadtverordnetenversammlung
Naumburg
1930
nach den Kommunalwahlen
vom 17. November 1929

mit den Veränderungen bis
März 1933

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DNVP
Kaufmann Kurt Allstedt
Cramer
Ingenieur Julius Eix
Dr. Martin Grüneisen
Kaufmann Ernst Hochstein
Schumacher Otto Keil
Bäckermeister Paul Lisker
Malermeister Karl Reinsberger (Vorsteher)
Postschaffner
Gustav
Schulze
Landwirt Moritz Starke

Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft
Rechnungsrevisor
Kurt Zschernitz
Architekt Gustav Menzel
Böttchermeister Karl Wehner

NSDAP
Buchhalter Paul Gotter
Reichsbahnassistent
Rudolf Müller
Wachtmeister Ernst Rudloff
Kaufmann Georg Schmidt
Postschaffner
Walter Schmöller

SPD
Tischler Otto Grunert
Lehrer Friedrich Blüthgen
Schriftsetzer
Wilhelm Schwencke
Angestellter Karl Marien
Postschaffner
Walter Rauchbach

Wirtschaftspartei
Stadtrat Georg Paul
Ingenieur Julius Eix
Kaufmann Kurt Allstedt
Schuhmachermeister Otto Keil

KPD
Maurer Emil Rößling
Schriftsetzer Franz Neubert
Schlosser Walter Höhne

Haus- und Grundbesitzer
Hausbesitzer Fritz Hagemann
Justizoberrentmeister
Ewald Petschick
Turnlehrer Friedrich Banse

Mieterliste
Uhrmachermeister Otto Hardt

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Im Vorfeld der Versammlung tagte der Finanzausschuss und plädiert für die Aussetzung der Notverordnung. Er stützt sich auf die Entschliessung der Mitgliederversammlung des Internationalen Bundes der Opfer des Krieges und der Arbeit, Ortsgruppe Naumburg, der Einspruch gegen die geplante zwölfprozentige Kürzung der Zusatzrente bei gleichzeitiger Belassung der Gehälter und Pensionen erhebt. Der Ausschuss überweist den Vorschlag zur Entscheidung an die Stadtverordnetenversammlung.

Hingegen greift die KPD-Fraktion die Forderung vom Kampfausschuss der Mieter und Erwerbslosen auf: Winterbeihilfe für die Erwerbslosen, Übernahme der Miete und Kosten für die Versorgung mit Wasser, Strom, Kohlen, Kartoffeln, etwas Winterkleidung sowie eine Extrahilfe von 75 Reichsmark pro Person.

"Die Kommunisten", kommentiert der Volksbote (Zeitz) am 30. Oktober1931, "hatten einen reichlichen Wunschzettel der Versammlung unterbreitet, Forderungen, deren Erfüllung den Notleidenden zu wünschen wäre, die aber bei der allgemeinen Finanznot undurchführbar sind. Das wissen die Kommunisten genau, aber gerade dieser Umstand ist Wasser auf ihre Mühlen, um die nötige Demonstration auf Kosten der Ärmsten der Armen machen zu können."

Doch die Anträge zur Erwerbslosenfrage gelangen nicht zur Entscheidung. Dagegen erhebt Walter Höhne (KPD) Einspruch. Sie sollen nicht an den Magistrat überwiesen werden.

Neubert von der KPD will die Versorgung der Sozial- und Kleinrentner genauso durchgeführt haben wie im letzten Jahr.

"Die Forderungen," berichtet der Volksbote, "lösten eine ausgedehnte Aussprache aus, bei der es zu einer Verbrüderung zwischen den Nazis und Kozis kam. Ein Geschehen, das bei den objektiv Denkenden nicht Wunder nimmt, da beide Parteien ja von der Sensationshascherei ihr Dasein fristen. Zwischen den Ausführungen Neubert [KPD], Höhne [KPD] und Hacker [NSDAP] war ein Unterschied nicht zu merken." Tatsächlich griff Heinrich Hacker (NSDAP) den Antrag der Kommunisten auf und stimmt ihnen zu. Er ergänzt den Vorschlag dahingehend, dass die Gehälter bei den Spitzen des Verwaltungskörpers abgebaut werden sollen.

Stadtrat Otto Grunert (SPD) "spricht der KPD. das Recht ab, im Namen der Erwerbslosen zu reden. Ausserdem dürfe man nicht vergessen, dass es auch anderen Volkskreisen, z. B. den Wohlfahrtsunterstützungsempfängern, schlechte gehe. Die Gemeindepolitik werde heute in so weitgehendem Maße durch Reich und Staat bestimmt, dass die Kommune in der Bewilligung derartiger Mittel sehr beschränkt sei." (Erwerbslosenfrage) "Er wies nach, dass mit den überspannten Anträgen der KP. den Erwerbslosen und Wohlfahrtsempfängern ein recht schlechter Dienst erwiesen werde. Seine Partei ist für praktische und durchführbare Hilfe," kommentiert der Volksbote (Zeitz) weiter, "wodurch die Erwerbslosen und Wohlfahrtsempfänger die erreichbare Hilfe zuteil werde."

Walter Höhne (KPD) wirft Otto Grunert vor, er habe eine antibolschewistische Rede gehalten und die Sozialdemokraten treiben eine arbeiterfeindliche Politik. Otto Grunert (SPD) entgegnet: "Den Befürchtungen der Kommunisten gegenüber könne er sagen, dass ein 12-prozentiger Abbau der Zusatzrente für Naumburg vorläufig nicht in Frage kommt." Dies unterstützt der Stadtverordnete Moritz Starke von der DNVP. Seiner Meinung nach kann man davon vorläufig absehen. Seine Partei stimmt sogar der Nichtdurchführung der preußischen Notverordnung zu.

Mehrheitlich votieren die Stadtverordneten gegen die Annahme der Notverordnung, wissen aber, dass sie trotzdem irgendwann durchgeführt werden muss.

 

  
    

Die lächelnde Linse. Zeitgeschichtliche Bilderchronik des Wahren Jacob. Der Wahre Jacob, Berlin 1930, Nummer 4,
Seite 3.   Vollbild

   

 

Jeder 15. Einwohner von Bad Kösen lebt im Februar 1931 von der Fürsorgeunterstützung. Das sind 226 Personen. Hinzu kommen die Erwerbslosen und Krisenunter-stützungsempfänger. Im Oktober 1932 erhält jeder 6. Einwohner dieser Gemeinde Fürsorgeunter-stützung. Das sind 481 Personen. Für Arbeitsbeschaffungsmassnahmen fehlt oft das Geld. Dementsprechend verärgert reagiert die Öffentlichkeit auf die Verschwendung und den unzweckmäßigen Einsatz öffentlicher Gelder. In ihrem Namen lästert der Wahre Jacob 1930:

"Rührend geradezu war die begeisterte Anteilnahme breiter Schichten der Bevölkerung sowohl an der Verwirklichung des Korpsheimes [in Bad Kösen], als auch an der Erhaltung der Burgruinen [in Saaleck - 12],"

"Scharen von Wohnungssuchenden sah man zu dem Korpsdiener der Saxonia ziehen," persifliert die bekannte Satirezeitschrift den Missbrauch von staatlichen Ressourcen, "um ihr Scherflein zum Erwerb der bitter notwendigen Erholungsstätte der akademischen Jugend beizusteuern. Ebenso hatten die Erwerbslosen, volles Verständnis für die Restauration der sagenumwobenen Burgruinen an der Saale hellem Strande."

 

Friedrich Muck-Lamberty meldet sich im April 1931 in der Stadtzeitung zum Thema Arbeitslosigkeit zu Wort. Er will die Misere der Arbeitslosenschulungen durch forcierte Eigeninitiative überwinden. "Kleine Erziehungsanstalten sollen sich entwickeln können." Selbsthilfegemeinschaften müssen entstehen. Alle sollen daran mitwirken. Entscheidend ist, die Notlage anzuerkennen. "Wer sich nicht für das Ganze einzusetzen vermag, soll geächtet werden und unbeachtet bleiben." "Es werden keine besseren Zeiten kommen, wenn wir nicht selbst durch schöpferische und verbindende Kräfte diese besseren Zeiten schaffen. Nicht durch Schimpfen, nicht durch Herunterreißen, auch nicht durch blinde Wut, sondern durch klare Arbeit und durch Könnungsvermögen ist es nur möglich, einen schäbigen Zustand zu ändern und schlechte zehrende und lehrende Kräfte abzustossen, die gesunden Sinne zu mobilisieren." Die Voraussetzung für alles ist "Hilfsbereitschaft und gegenseitige Achtung".

Muck übt heftige Kritik an den Parteien. Sie ".... und Vergnügungsbünde haben sich wenig um die Entwicklung des einzelnen Mitgliedes gekümmert. Man hat an der menschlichen und völkischen Entwicklung des Einzelnen kein Interesse. Parteiinteresse ist mitschuldig, dass wir heute einen unschöpferischen Menschenhaufen haben, statt überall selbstständige und verantwortliche Menschen."

 

 

Stadthaushalt und Arbeitslosigkeit  nach oben

Von 1930 bis 1932 drückt die Brüningsche Sparpolitik dem Haushalt der Stadt ihren Stempel auf. Das Land Preußen erlässt 1931 eine Anstellungssperre für Lehrer an den öffentlichen Schulen. Aber hauptsächlich von den Hilfeempfängern in besonderen Lebenslagen, den chronisch Kranken, Geschädigten, Sozialrentnern, Arbeitslosen, Kriegsversehrten und ihren Hinterbliebenen, Tagelöhnern und Geringverdienern fordert die Regierung weitere Opfer ab.

Keine Stadt kann auf Dauer einen so hohen Anteil von Wohlfahrtserwerbslosen finanzieren, wie ihn Naumburg zu verzeichnen hat, nämlich 471 oder 50,4 auf 1 000 Einwohner zum 31. Mai 1932. Zum Vergleich: Zeitz 77,5, Erfurt 54,1 oder Stendal 31,5. Im Landkreis Naumburg sind es 471 Wohlfahrtserwerbslose oder 30,1 auf 1000 Einwohner.

Die Kosten für Wohlfahrtserwerbslosen (Langzeitarbeitslose) trägt die Gemeinde und belastet schwer den Stadthaushalt. Immer wieder entstehen deshalb im Haushalt Fehlbeträge. Im Juni 1931 muss die Stadt 244 922 Reichsmark ausgleichen, weil die Ausgaben für die Wohlfahrtserwerbslosen den Etat um 461 628 Reichsmark überschritten haben. Inzwischen sind bei den Schulen schon 75 000 Reichsmark eingespart, womit der Fehlbetrag etwas verringert werden konnte. Eine Anhebung der Realsteuern ist aus gesetzlichen Gründen ausgeschlossen. So bleibt nur die Einführung von Steuern aus den Notverordnungen, weshalb der Magistrat zum 1. Juli 1931 beschliesst: 1. Erhöhung des Wassergeldes von 3 auf 4 ½ des Gebäude Steuernutzungswertes. 2. Die Verdopplung der Biersteuer; für Einfachbier 5,00, Schankbier 7,50, Vollbier 10,00 und Starkbier 15,00 Reichsmark je Hektoliter. 3. Anhebung der Getränkesteuer. 4. Erhöhung der Hundesteuer um ein Drittel.

Einkommensarten in Naumburg 1930

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Die Gehälter der Beamten und Lehrer der Stadt sollen um weitere 5 bis 8 Prozent gekürzt werden.

Sparkassen-Überschüsse und die Erlöse aus der Auflösung (Verkauf) des Weinbetriebes für gemeinnützige Zwecke verwendet werden.

Über die Magistrats-Vorlage bricht eine lange Debatte los. Die Nationalsozialisten lehnen die Steuererhöhung ab, weil sie das gegenwärtige System mit allen Mittel beseitigen wollen. Doch auch die meisten anderen Stadtverordneten sind nicht zur Annahme der Gesamtvorlage zu bewegen. Dann wird eben der Regierungspräsident zum 1. Juli 1931 die Steuern einführen. Im leicht süffisanten Unterton stichelt das Naumburger Tageblatt: "Die Stadtverordneten lehnen neue Steuern ab - aber sie werden trotzdem kommen."

In der Region sieht es nicht anders aus. Am Freitag, den

28. November 1930,

tagt der Kreistag von Naumburg. Der KPD-Abgeordnete Hermann Firchau (Bad Kösen) bringt einen Antrag zur Unterstützung der Ausgesteuerten ein. Verheiratete sollen aus der Gemeindekasse zum 15. Dezember (1930) 45 Reichsmark und Ledige 25 Reichsmark erhalten. Die Notwendigkeit solcher Stützungsmaßnahmen wird nicht bezweifelt, doch muss trotzdem eine Bedürftigkeitsprüfung erfolgen, meinen andere Abgeordnete. Außerdem entstehen weitere Mehrbelastungen für den Haushalt. Bisher müssen 37 Prozent Kreissteuern erhoben werden. Dann wären es sogar 80 bis 90 Prozent. Wie lange soll man das Durchhalten? Landrat Doktor Karl Leopold Deines macht geltend, daß der Vorschlag zu spät komme. Ein Beschluss wird nicht gefasst.

 

Die Resignierten
Die Ungebrochenen
Die Verzweifelten
Die Apathischen

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Marienthal hat 1 486 Einwohner und liegt 30 Kilometer vor Wien. 1929 meldet die hiesige Textilfabrik Konkurs an. Von 478 Haushalten werden in 367 die Hauptverdiener arbeitslos. Den Resignierten (48 Prozent), den Absturzexistenzen, mit ihren unlösbaren sozialen und familiären Problemen bietet sich keine Perspektive. Ohne jede Erwartung an die Zukunft, ohne Fantasie und ohne Lebensplan verbringen sie ihre Tage. Gerade mal so führen sie ihren Haushalt und pflegen ihre Kinder. Die Ungebrochenen (16 Prozent) halten mit Lebenslust ihren Rhythmus aufrecht, und bemühen sich aktiv um Arbeit. Die Verzweifelten (11 Prozent) erblicken darin nur vergebliche Mühe. Sie sind außerstande sich Arbeit zu suchen. Ihr Leben findet in der schönen Vergangenheit statt. Weder Pläne, noch irgendwelche Hoffnungen hegen die Apathischen (25 Prozent). In der Umgebung einer unrationellen Haushaltsführung siechen sie dahin und vernachlässigen ihre Kinder.

Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal (1931). Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1974

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Jetzt ist guter Rat teuer. Viele besitzen nicht mehr das Nötigste zum Leben. Im Nachbarort Bad Kösen leben 226 Personen von der Fürsorgeunterstützung. "Dazu kommen eine große Zahl Erwerbsloser und Krisen-, Unterstützungsempfänger. Es ist keinesfalls damit zu rechnen, dass die nächste Zeit eine Entlastung bringen wird …", schätzt die hiesige Stadtverwaltung. Im Februar und Oktober 1932 wendet sie sich an "Alle Einwohner, die noch nach ihrem Einkommens- und Vermögensverhältnissen in der Lage sind, die herzliche und dringende Bitte nach besten Kräften mitzuhelfen und Spenden zu geben. Im Besonderen sind

abgelegte Kleidungsstücke,
sowie Schuhwerk

für Männer, Frauen und Kinder erwünscht." Offenbar treffen den Bürger die Einschränkungen, Behinderungen und Mangelsituationen ganz unterschiedlich, was auffällig mit der Zugehörigkeit zur sozialen Klasse und Berufsgruppe korreliert.

1929 stellt die Stadt die Seuchenbaracke in Schönburger Strasse, einige Räume der Kaserne in der Weissenfelser Strasse und das frühere Patronenhaus (25 Schlafgelegenheiten) als Obdachlosenunterkünfte zu Verfügung. 1932 bestehen ausserdem die Obdachlosenheime im Auengrund. Für Resozialisierung von Obdachlosen plant der Magistrat im Mai 1929 die Errichtung von 16 Wohnungen auf dem Grundstück Ecke Hallesche Strasse/Weinbergstrasse. Vorgesehen ist der Bau von zwei Häusern zu je acht Wohnungen. Der Mietzins für eine Wohnung soll 20 Reichsmark betragen.

In der Sitzung am 27. Mai 1930 diskutieren die Stadtverordneten über die Vorlage "Forderung der Neubautätigkeit", die von der kommunistischen Fraktion eingebracht wurde. Durch gezielte Investitionen soll der Wohnungsmangel und die Arbeitslosigkeit gemindert werden. Hierzu fordert sie von der Reichsregierung einen ausreichenden Staatskredit, den der Magistrat bei ihr eintreiben soll. Die Mehrheit der Stadtverordneten stimmt für die Annahme des KPD-Antrages. Im Verlauf der Diskussion verweist Neubert (KPD) darauf, dass bereits im Vorjahr beschlossen wurde, dass die Hauszinssteuer zur Wohnungsbautätigkeit zu verwenden sei. Wie sich herausstellte, wurde sie aber für andere Zwecke eingesetzt. Fritz Hagemann (Haus- und Grundbesitzer) wies im Namen seiner Partei strikt jede Verantwortung zurück. Otto Grunert (SPD) macht darauf aufmerksam, dass viele Antragsteller die erste Hypothek nicht aufbringen können, weshalb das an die Gemeinde zugewiesene Geld nicht ausgelöst werden kann.

 

"Erwerbslosigkeit der Heranwachsenden Kinder kann in einer Familie geradezu wie ein Sprengstoff wirken. Die Jugendlichen selbst fühlen sich infolge der erzwungenen Untätigkeit und infolge des Mangels an verantwortlicher Arbeit, die ihnen durch das stete Zu Hause sitzen müssen besonders eindringlich vor Augen geführt werden, in der täglichen Gemeinschaft ihrer Familie nicht sehr wohl und geben diesen Gefühlen oft in jugendlich ungestümer Weise Ausdruck, was notwendig zu Auseinandersetzungen mit den Eltern führen muß."

Eltern und Erwerbslose Jugend. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 24. April 1931

 

Zur Verbesserung der Einnahmesituation der kommunalen Haushalte führt die Brüning- Regierung per Notverordnung vom 26. Juli 1930 die Bürgersteuer ein. Die Stadt rechnet mit Mehreinnahmen in Höhe von 75 000 Reichsmark. Den Rest des Ausgabenüberhangs muss durch Einnahmen aus der Erhöhung der Realsteuern erbracht werden. Schon zweimal lehnten die Abgeordneten eine entsprechende Steuervorlage des Magistrats ab. Am 28. November 1930, liegt sie dem Stadtparlament erneut vor. Zum Ende des Monats muss die Vorlage beschlossen sein, damit die Steuer durch die Finanzämter eingezogen werden kann. Andernfalls entstehen der Stadt zusätzliche Erhebungskosten. Der Finanzausschuss nahm die Vorlage 138 zur Einführung der Bürgersteuer bereits an. Nun müssen die Stadtverordneten entscheiden. Es kommt zu heftigen Diskussionen. Blüthgen (SPD) lehnt die Bürgersteuer ab, weil sie die "breiten Massen" belaste. Neubert (KPD) spricht von einer Diktatursteuer. Schmöller (NSDAP) weist den Antrag für die Fraktion der NSDAP ebenfalls zurück. Wortführer Starke (DNVP) erreicht aber die Zustimmung der übrigen Parteien. So kann die Bürgersteuer fristgerecht gegen die Stimmen von Nationalsozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten beschlossen werden.

Durch die stark steigende Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen stolpert der Stadthaushalt in die nächste Krise. In der Debatte zum Haushaltsplan 1932 stellt die Stadtverordnetensitzung am 28. April 1932 gegenüber der Etataufstellung vom 15. November 1931 ein Mehrbedarf von 260 000 Reichsmark fest. Zum Ausgleich könnte sie auf einen Reichszuschusses in Höhe von 128 000 Reichsmark zurückgreifen. Aber diesen erhält die Stadt nur dann zugewiesen, wenn sie die Gemeindebiersteuer mit mindestens 10 Prozent des Kleinhandelspreises und die Bürgersteuer mit mindestens dem Dreifachen des Landessatzes erhebt. Die Stadt kann auf den Reichszuschuss nicht verzichten.

 

 

Ihr sollt euch allesamt was schämen,
von den armen Staat noch Geld zu nehmen! 
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Kurt Tucholsky Die freie Wirtschaft, 1930

Der Reichspräsident erlässt am 14. Juli 1932 die Notverordnung

Maßnahmen zur Erhaltung der Arbeitslosenhilfe und der Sozialversicherung sowie Erleichterung der Wohlfahrtslasten der Gemeinden.

Sie verfügt Rentenkürzungen, drastische Einschnitte in die Kriegsopferversorgung und unterminiert weiter das Unterstützungssystem für Arbeitslose. Die drei Systeme Arbeitslosenunterstützung (Alu), Krisenunterstützung (Kru), Wohlfahrtsunterstützung (Wolu) werden angeglichen. Die Alu wird maximal 6 Wochen gezahlt. Es sind wahrscheinlich weniger als 10 Prozent, die sie ausgezahlt bekommen. Die Kru nähert sich der Wohlfahrtsunterstützung an, die eine Art Armenhilfe, und wird trotzdem noch um 10 Prozent gekürzt. - Aus den Einsparungen der Arbeitslosenversicherung will die Papen Regierung die Gemeinden im Reich mit 672 Millionen Reichsmark unterstützen.

Die soziale Lage der Stadt ist kritisch. Eine Entspannung der Konflikte zeichnet sich nicht ab. Die Stadtverordnetenversammlung debattiert vor allem über die Senkung der Erwerblosenunterstützung um 23 Prozent und Wohlfahrtsunterstützung um 15 Prozent sowie die Frage, dass die Gemeinden über dessen Höhe (weiterhin) selbst entscheiden. Stadtverordneter Malermeister Karl Reinsberger (DNVP) eröffnet die

Stadtverordnetensitzung am 23. Juni 1932.

Zunächst befasst sich die Versammlung mit den Strassenbaukosten für die Anlieger (Eigentümer) von Grundstücken, der Festlegung eines Einheitspreises für Kanal- und Beleuchtungskosten, dem Nachtrag zur Vergnügungssteuerordnung und der Umgestaltung des Kaiser-Friedrich-Platzes (Heinrich-von-Stephan-Platz). Dann stehen verschiedene Anträge zur Behandlung an.

Die KPD-Fraktion fordert die Auflösung des Stadtparlaments, weil es nicht mehr der politischen Willensbildung der Bürger Ausdruck verleiht und der Eingemeindung von Almrich nicht Rechnung trägt. Gegen die Stimmen von KPD und NSDAP wird der Antrag abgelehnt.

Zum Wohlfahrtsetat beantragt die SPD-Fraktion von der vorgesehenen Herabsetzung der Unterstützungssätze abzusehen. Ebenso soll der Mindestverbrauch von Elektroenergie für die Haushalte reduziert werden. Erwerbslose sollen, so schlägt sie vor, an bestimmten Wochentagen Freikarten für das Volksbad erhalten. Nach einer Diskussion über die Geschäftsordnung, erfolgt die Ablehnung der Dringlichkeit des Antrags.

Arbeitslosenstatistik Naumburg 1926 bis 1937
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Dann entbrennt eine lange und heftige Debatte zur Erwerbslosenfrage. Die kommunistischen Stadtverordneten werfen den bürgerlichen Parteien vor, sich nicht um die Arbeitslosen zu kümmern. Anwesende Gäste unterstützen dies mit lautstarken Zwischenrufen. Stadtverordneter Hagemann (Haus- und Grundbesitzer) antwortet darauf, die bürgerlichen Parteien hätten sehr wohl etwas für die Erwerbslosen übrig, aber sie müssten in erster Linie dafür sorgen, daß die städtischen Finanzen in Ordnung kämen. Emil Rößling (KPD) widerspricht heftig. Vorsteher Reinsberger (DNVP) ruft ihn zur Ordnung und droht damit die Gästetribüne räumen zu lassen. Stadtverordneter Schmöller (NSDAP) unterstützt die Forderungen der kommunistischen Abgeordneten. Die Sitzung muss unterbrochen werden. Der Finanzausschuss zieht sich zur Beratung zurück.

Anlass für die Debatte bietet das Arbeitsbeschaffungsprogramm der KPD-Fraktion. Der Magistrat möge es zur Kenntnis nehmen und unterstützen, insistierte der Bauarbeiterverband. Die Kommunisten fordern die Übernahme der Kosten für Schuhreparaturen und Arzneimittel bei Arbeitslosen und lehnen sich dabei an die Beschlüsse des Erwerbslosenrates Naumburg an. Ebenso appellieren die Erwerbslosen an die Stadtverordnetenversammlung, die Maßnahmen des Magistrats zurückzuziehen, weil die Arbeitslosen nicht mehr in der Lage sind ihre Miete zu zahlen oder gar ihre Familie zu ernähren. (Vgl. Tribüne) Nach Beendigung der Sitzungspause werden die Anträge auf völlige Übernahme der Kosten für Schuhreparaturen und Arzneimittel gegen die Stimmen der Nationalsozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten abgelehnt. Aber die Stadt übernimmt sechzig beziehungsweise fünfundachtzig Prozent der Ausgaben. Bei Ausführung einer Nebenbeschäftigung durch die Arbeitslosen soll ein Drittel des Lohnes nicht auf die Unterstützungszahlung angerechnet werden.



Materielle Lage und
psychische Befindlichkeit

Aus der Untersuchung
Die Arbeitslosen von Marienthal


Haltungsgruppe

Einkommen pro Monat
und Konsumeinheit
[in Schilling]

Ungebrochenen

33,94

Resignierten

30,18

Gebrochenen

21,85


Hans Zeisl: Zur Soziographie der Arbeitslosigkeit. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 1933, 69, Seite 96 bis 105

"Ein Antrag der SPD, denjenigen Kindern die aus Mangel an Kleidung und Schuhwerk das Kirschfest nicht mitfeiern können, durch Gewährung von Unterstützung die Teilnahme zu ermöglichen, wird angenommen." (Protokolle 1927-1933)

 

Bei der außerordentlichen

Stadtverordnetensitzung am 25. August 1932

prallen die unterschiedlichen Standpunkte zur Erwerbslosenfrage erneut aufeinander. Energisch wendet sich die sozialdemokratische Fraktion gegen die geplante Herabsetzung der Unterstützungsrichtsätze für die Arbeitslosen. Sie fordert, es sollen die im Etat 1931 festgelegten Beträge weiter gelten. Mehr noch, die alten Richtsätze der gehobenen Fürsorge sollen um 5 Reichsmark angehoben werden. Mietzuschüsse sollen gezahlt werden. Außerdem fordern drei Sozialdemokraten, die Kommunisten zogen ihre Unterstützung zurück, Unterstützung für Schuhe, Kleidung, die Abgabe eines kostenlosen Frühstücks und Mittagessens für schulpflichtige Kinder unterstützungsberechtigter Personen sowie die kostenlose Gewährung von einem halben Liter Milch für Kleinkinder der Unterstützungsempfänger.

Die Erhöhung der alten Richtsätze wird abgelehnt.

Die Bewilligung der Mietzuschüsse wird abgelehnt.

Gegebenenfalls können aber vom Wohlfahrtsamt dringliche Anträge von Fall zu Fall geprüft werden.

Eine allgemeine Abgabe von kostenlosen Frühstück und Mittagessen wird abgelehnt.

Die Bereitstellung von Kleidung kann nach Prüfung der Notwendigkeit durch das Wohlfahrtsamt erfolgen. Sie wird allerdings auf die gezahlte Unterstützung angerechnet.

Erneut fordert die KPD-Fraktion die vollständige Übernahme der Kosten für Schuhreparaturen und Arzneimittel, was aber mehrheitlich abgelehnt wird. Es bleibt bei den schon beschlossenen Massnahmen auf der Stadtverordnetenversammlung vom 23. Juni 1932.


Arbeitslosigkeit im benachbarten Arbeitsamtsbezirk Weissenfels
28. Februar 1931

Hauptamt Weissenfels

6284

Nebenkasse in Teuchern

1608

Nebenkasse in Theissen

1102

Nebenkasse in Hohenmölsen

1264

Nebenkasse in Osterfeld

1013
  

Die Versammlung nimmt nun zum Vorschlag der Sozialdemokraten vom 23. Juni 1932 Stellung, die Richtsätze für die Arbeitslosenunterstützung vom 1. April 1932 weiter beizubehalten. Bei Aufhebung des hierzu am 4. Juli 1932 getroffenen Beschlusses und die (Weiter-) Zahlung der bisherigen Richtsätze ab 1. September 1932, müssten dafür ab 1. Oktober 1932 bei der Grundvermögenssteuer statt 100 Prozent 200 Prozent, bei der Gewerbesteuer statt 300 Prozent 500 Prozent und bei der Bürgersteuer auf das ganze Jahr gerechnet, statt 200 Prozent 400 Prozent erhoben werden. (Vgl. Stadtverordnetensitzung 25.8.1932)

Die Notverordnung vom 16. Juni 1932 sieht eine Senkung der Unterstützungssätze für die Arbeitslosen vor. Der Finanzausschuss, teilt der Berichterstatter mit, hat beschlossen die alten Richtsätze noch bis 3. August bestehen zu lassen. Ab 22. August werden neue Unterstützungssätze gezahlt.

 

 

Absenkung der Unterstützungssätze für Naumburger Arbeitslose
ab 22. August 1932
[pro Arbeitswoche]  in RM (Reichsmark)

Grundlage: Notverordnung vom 16. Juni 1932
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Allein-
stehende


RM

mit unterstützungsberechtigten Personen
 
mit 1
mit 2
mit 3
mit 4
mit 5
mit 6
  
 
RM
RM
RM
RM
RM
RM
        
   alte Sätze
7,25
11,00
12,85
14,70
16,50
18,40
20,25
        
   neue Sätze
6,15
9,35
10,91
12,50
14,50
15,65
17,20
        

Aus:  Ausserordentliche Stadtverordnetensitzung über Erwerbslosenfragen.
In: "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. August 1932


 

Damit wird die Wohlfahrtsunterstützung für die Arbeitslosen drastisch gesenkt. Sie beträgt für Alleinstehende in Naumburg ab 1. April 1932 7 Reichsmark und ab 22. August 1932 6,15 Reichsmark pro Woche. Mit drei unterstützungsberechtigten Angehörigen erhält der Erwerbslose 12,50 (früher 14,70) Reichsmark und mit einem weiteren 14,00 (früher 16,50) Reichsmark pro Woche.

 

Mitteilung des "Naumburger Tageblatts", 3./4. September 1932

 

Ausserdem beschließt die Stadtverordnetenversammlung die Steuern für Grundvermögen und Gewerbe sowie die Bürgersteuern ab 1. Oktober 1932 drastisch anzuheben. Zum Beispiel bei der Grundvermögenssteuer von den geplanten 160 auf 290 Prozent. Das ist notwendig, sagt Bürgermeister Karl Roloff, weil die Stadt im letzten halben Jahr eine drastische Minderung der Steuereinnahmen zu verzeichnen hat. Aber trotz der Steuererhöhungen kann der Haushalt nicht als ausgeglichen gelten. Auch darüber entspannt sich eine kontroverse Debatte. Lehrer Friedrich Blüthgen (Lützowstraße 17) meint für die SPD, dass in dieser Situation im Interesse der Menschen Schulden gemacht werden müssten! Die nachfolgenden Generationen müssen diese eben tilgen.

Die Atmosphäre zwischen der Abgeordneten der verschiedenen politischen Lager ist auf das äusserste gespannt. Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen über die Finanzierung der Orgel der St. Wenzelskirche. Franz Neubert (Schriftsetzer, Windmühlenstraße 6a, KPD) sieht darin Ausgaben für unproduktive Zwecke, was insbesondere bei den religiös denkenden Abgeordneten zu Protesten führt. Emil Rößling (Maurer, KPD) äußert:

"Schicken sie einen Arbeitslosen
mit der Ziehharmonika hinein."

Merkwürdig, die Wohnung des Lagerführers bei der Reichsbahn und KPD-Stadtverordneten im Weingarten 19 soll, obwohl die Familie immer pünktlich ihre Miete zahlte, am 22. September 1932 geräumt werden. Fünfzehn Polizeibeamte und ein Gerichtsvollzieher laufen auf. Vielleicht lagen nur persönliche Unverträglichkeiten mit dem Hauswirt vor? Oder gab es politische Gründe? Genossen, Freunde und Bürger verhindern die Räumung. Das war damals Stadtgespräch.


Blick in den Weingarten (2005)

 

Ferner wirft in der Stadtverordnetensitzung am 25. August 1932 der NSDAP-Abgeordnete Georg Schmidt (Kaufmann, Dechantengrund 3) den Linken vor, dass sie keinen Ausweg aus der wirtschaftlichen Not wüssten. Die Unterstützungssätze charakterisiert er aber als "menschenunwürdig". Sie sind nun einmal das Ergebnis der Notverordnungen. Erlassen hat sie eine Regierung, argumentiert Schmidt weiter, die die Linke (SPD) toleriert. Er bekennt sich zu dem Grundsatz:

"Der Staat hat die Pflicht, Arbeit zu schaffen."


Theodor Leipart
(1867-1947)
zur Frage der Arbeitslosigkeit
a
uf einer Gewerkschaftsversammlung am 9. September 1932 in Berlin.

Seit 1921 ist er Vorsitzender des ADGB.

Am 2. Mai 1933 nehmen ihn die Nationalsozialisten in Schutzhaft.

Hier hören

Format: mp3, Dauer: 3:01 Minuten

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Damit meint er vor allem die Schaffung des Freiwilligen Arbeitsdienstes für 27 Wochen mit Lohn. Dafür sollen die alten, vor der Notverordnung in Kraft befindlichen Richtsätze zwei Monate weiter gezahlt werden. Wilhelm Schwencke von der SPD-Fraktion wendet sich entschieden gegen den Zusatzantrag der NSDAP-Fraktion, weil der Freiwillige Arbeitsdienst keine beruflichen Perspektiven bietet. Zudem besteht die Gefahr der Dequalifizierung der Arbeitskraft. Auch eine Enttarifierung von bezahlten Arbeiten in gleichen oder ähnlichen Arbeitsmarktsegmenten ist zu befürchten. Mit dem Arbeitslosenversicherungsgesetz von 1927 besteht sowieso schon für Arbeitslose mit Krisenunterstützung unter 21 Jahren die Pflicht zur untertariflichen Arbeit.

Stadtbaurat Schröter plädiert für die Arbeitspflicht.

Der Antrag der NSDAP wird mit sechzehn gegen acht Stimmen angenommen. Dies widerspricht eigentlich der Notverordnung vom 5. Juni 1931 mit der Ergänzung zu den Bestimmungen über die wertschaffende Arbeitslosenfürsorge zum Paragraf 139a des AVAVG (Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung) von 1927, wonach nur ein gemeinnütziger und freiwilliger Arbeitsdienst (FAD) durchgeführt werden darf. Trotzdem haben an deren Durchführung die Kommunen ein gesteigertes Interesse, weil die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung die Förderung und Finanzierung des FAD übernimmt.

 

 

Am Arbeitsamt ist es wiederholt zu Schlägereien zwischen politisch Andersgesinnten gekommen. Erst am letzten Donnerstag soll einem Nationalsozialisten ein Nasenbein zertrümmert worden sein.

Heute ist wieder Auszahlung und zwar von 15 bis 17 Uhr. Um Tätlichkeiten zu verhindern, ist eine Sonderstreife von 3 Beamten für die Zeit von 14.45 Uhr bis 17.15 Uhr nach dem Arbeitsamt zu kommandieren.
….
Naumburg a. S., den 3. März 1932

D. Obgm. als OPBeh.
I.V. Roloff


(
Abschrift nach Roloff 3.3.1932)

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Erwerbslosenversammlung der NSDAP  nach oben

Für Mittwochabend [den 27. Juli 1932] hatten die Nazis [der NSDAP-Ortsgruppe Naumburg] zu einer Erwerbslosenversammlung eingeladen. Die bekannte Hallesche Dreckschleuder [Heinrich] Bachmann [Anmerkung 1] war als Redner angekündigt, der auf die Erwerbslosen losgelassen werden sollte. Um den Nazi-Betrug nicht ungehört verhallen zu lassen, rief der gemeinsame Erwerbslosenausschuss der SP., KP. und SPD. die Erwerbslosen auf, die Versammlung in Massen zu besuchen. Mehr als 1 000 Erwerbslose folgten dem Ruf des gemeinsamen Erwerbslosenausschusses und erschienen pünktlich in der Versammlung, so daß diese schon lange vor Beginn polizeilich geschlossen werden musste. Hunderte von Erwerbslosen konnten keinen Zutritt mehr finden, obwohl die Versammlung auf beide Ratskellersäle ausgedehnt war. Die Nazis waren sichtlich verdattert, und die Hallesche Revolverschnauze fand sich bei seinen Ausführungen in dem vorgeschriebenen Konzept nicht zurecht, so daß die Ausführungen nur ein kunterbuntes, blödes durcheinander waren.

Die Versammlung war von einem prächtigen Kampfgeist erfüllt. Die Zwischenrufe, Proteste und sonstige Mitwirkung der Massenbesucher liessen erkennen, daß eine gereizte Stimmung durch die Provokation des Redners herrschte. Auch einzelne Beamte der Polizei zeigten eine recht gereizte Stimmung. Die ruhige und besonnene Auffassung, die Polizeimeister Thum und Weißenborn zeigten, haben es mit verhindert, daß die Versammlung ohne Störung verlief. Von Anfang an hatten es die Nazis auf eine Provokation abgesehen. Die aus dem ganzen Bezirk zusammengezogenen Honigkuchenmänner waren in Bereitschaft gestellt.

Gegen Hundert standen uniformiert in den Garderobenräumen hinter der Polizeikette bereit. Nach der Eröffnung kamen etwa 20 uniformierte Nazis in den Saal marschiert, die aber durch den Protest der Versammlung auf polizeiliche Anordnung wieder aus dem Saale gewiesen wurden. Inzwischen hatte sich ein Trupp von etwa 40 uniformierten SS-Leuten, ohne polizeiliche Kontrolle passiert zu haben, auf der Bühne hinter dem Vorhang postiert. Auf Verlangen der Versammlung musste auf polizeiliche Anordnung der Vorhang zurückgezogen werden. Hierdurch waren zum Gaudium der Versammlung die Honigkuchenmänner als Schauobjekt wie auf einer Abnormitätenbühne aufgestellt. Beim Erscheinen des bekannten Naziführers Staps [Anmerkung 2] wurde diesem in einem hundertstimmigen Sprechchor: "Jetzt kommt der Friedhofsrosenliebhaber" entgegengerufen, so daß er sich veranlasst sah, puterrot und beschämt fluchtartig den Saal zu verlassen.

In der erzwungenen Diskussion sprach vom Erwerbslosenausschuss ganz wirkungsvoll der Erwerbslose König, dann ein Monteur, der längere Zeit in Koburg gearbeitet hatte und treffend die dortigen Nazimethoden entlarvte. Trotz ungeheuren Protestes wurden diesem Redner das Wort entzogen. Als dritter nahm der Vorsitzende des Aktionsausschusses Fieker [zur Person] das Wort, dem man schon nach wenigen Sätzen das Wort entzog. Dadurch flog die Versammlung auf. Die Masse erhob sich von ihren Plätzen, und unter dem Gesang der Internationalen wurde die Versammlung verlassen. Nur die angezogenen Honigkuchenmänner mit etwa 10 bis 15 Zivilisten blieben zurück. Der Umstand, daß die Nazis bei der Eröffnung der Versammlung mit kräftigen Freiheit, und Rot-Front Rufen begrüßt wurden, hatte die Polizei veranlasst, daß große Ueberfallkommando der Schutzpolizei nach Naumburg zu rufen.

Nach Schluss der Versammlung füllte sich sofort der Markt von Menschen, während die Honigkuchenmänner wie Angsthasen unter dem Schutz der Polizei im "Ratskeller" verblieben.

Plötzlich ertönte das Kommando Straße frei! und schon wurden die Gummiknüppel in Bewegung gesetzt, eine Betätigung bei der sich bekannte Naumburger Polizeibeamte ein Gütchen taten. Schmerzensschreie und Grölen der Frauen und eine wilde Flucht belebte die nächtliche Stunde die am Marktplatz anliegenden Straßen. Wohltuend nahm sich das Verhalten der Schutzpolizei aus, die erst später, als die Menge teilweise in Aufregung gebracht worden war, von dem Gummiknüppel gebrauch machte. Zu Ansammlungen und Straßenräumungen kam es noch einmal vor dem Hufeisen [Marienstraße], Jakobsstraße und anderen Plätzen. Um 21.30 Uhr wurde allmählich Ruhe und dem Einwirken der Schutzformation gelang es, die Massen die unbehindert den Heimweg antreten zu lassen. Die Nazis wagten nur in geschlossenen Trupps, oder unter polizeilicher Deckung den Heimweg anzutreten. Die gefährlichsten Schläger wurden in Autos verladen und an ihren Wohnungen abgeliefert. Die Honigkuchenmänner wollten damit vortäuschen, als wären sie von den in der Versammlung aufs gemeinste beschimpften Erwerbslosen bedroht. Die Verbrecherkolonne hatte nämlich nicht geahnt, daß auf den Ruf der Führer sich etwa 1 000 Mann zur Versammlung einfinden würden! An der Besonnenheit und Energie der erwerbslosen Arbeiter ist das Vorhaben der Nazis zuschanden gemacht. Die endgültige Antwort wird ihnen am 31. Juli [zur Reichstagswahl] erteilt. Sie lautet:

Den Stimmzettel abgeben für Liste 1! [Anmerkung 3]

Volksbote, Zeitz, den 28. Juli 1932

 

 

1932: Arbeitsbeschaffung als Schicksalsfrage  nach oben

Die vorgezogenen Wahlen von 1930 bringen keine demokratische Mehrheit zustande. Der Reichspräsident ernennt den Zentrumspolitiker Heinrich Brüning zum Reichskanzler. Nun werden die Kanzler nicht mehr vom Reichstag gewählt. Und sie regieren großenteils mit Notverordnungen des Reichspräsidenten. Die vom 5. Juni 1931 bringt weitere Einschnitte und Zumutungen. Für die Gewerkschaften ist die Herabsetzung der Arbeitslosenfürsorge für die Saisonarbeiter um 50 von Hundert und die Herausnahme der Jugendlichen aus der Betreuung der Versicherung unzumutbar, legt Theodor Leipart (ADGB) in der Kabinettsitzung am 15. Juni 1931 dar. Er schätzt, daß 120 000 bis 150 000 Jugendliche den radikalen Gruppen in die Arme getrieben werden.

Dem Zentrumspolitiker Heinrich Brüning folgen Franz von Papen (1932), Kurt von Schleicher (1932/33) und Adolf Hitler (1933).

 

Für das Papen-Kabinett wird die Arbeitsbeschaffung - titelt das Naumburger Tageblatt am 19. August 1932 - zur

Schicksalsfrage.

Im Saale-Unstrut-Gebiet praktiziert man jetzt drei Hauptformen:

a) Die Verbindung der Normalarbeitsverhältnisse mit dem System der staatlichen Arbeitsmarktpolitik.

b) Die Förderung des Freiwilligen Arbeitsdienstes im Sinne der Richtlinien des Reichsministeriums.

c) Der Freiwillige Arbeitsdienst ohne Förderung durch die staatliche Arbeitsmarktpolitik für einen bestimmten idealen Zweck (zum Beispiel Ausbau der Segelflugstation in Laucha 1932).

"Ausdrucksformen der Arbeitsweise der neuen Reichsregierung sind das Arbeitsbeschaffungsprogramm und der Freiwillige Arbeitsdienst".

 

 

Freiwilliger Arbeitsdienst für junge Frauen im Jugendheim in der Barbarastraße

"Der Gedanke des freiwilligen Arbeitsdienstes ist nicht im Abflauen begriffen, wie seine Gegner behaupten; im Gegenteil: durch die Heranziehung auch der weiblichen jugendlichen Erwerbslosen wird seine Armee ständig erhöht." Der Reichsarbeitsminister "glaubt, daß der deutsche Arbeitsmarkt in Zukunft etwa 1 ½ Millionen Arbeitsdienstwillige fassen wird, was natürlich eine wesentliche Entlastung der Wohlfahrtspflege bedeutet."

"Das Leben im Jugendheim ist anders geregelt als im Arbeitsdienstlager der jungen Burschen in der Ostkaserne. Der Lagergedanke tritt zurück hinter der Idee des Heimes, das Mittelpunkt einer Familie ist. Das typisch Weibliche wird betont, der Drang zum hausfraulichen Wirken. … Es handelt es sich hier also um ein so genanntes offenes Lager."

(Freiwilliger Arbeitsdienst, 1.12.1932)

 

Ab Dezember 1932 setzen in der Stadt Naumburg (Saale) 20 junge Frauen in Nähstunden mit insgesamt 1 500 Tagewerken eine große Anzahl von Kleidungsstücken instand.  nach oben

Träger des Dienstes ist die Arbeitsgemeinschaft Winternothilfe Naumburg. Die Gesamtleitung liegt in den Händen der Ehefrau von Stadtrat Erich Keiner vom Deutschen Evangelischen Frauenbund und der Ehefrau von Bergrat Koch vom Reichsverband Deutscher Hausfrauenvereine, Ortsgruppe Naumburg.

Pionierarbeit in der Winterhilfe leistet das Naumburger Pfadfinderkorps.

In Grochlitz organisiert der Stahlhelm im Herbst 1932 ein geschlossenes Lager des freiwilligen Arbeitsdienstes.

Zum Ausbau eines 1020 Meter langen Feldweges zu einer Autostraße von Burgheßler nach Obermöllern richtet man im Oktober 1932 ein offenes Arbeitslager ein. Offen heisst, dass die 60 Arbeitswilligen zum Teil von anderen Ortschaften täglich anreisen und nicht im Lager übernachten müssen. Vor dem eigentlichen Beginn der Arbeit üben sich alle in Morgengymnastik. Mittags nehmen alle gemeinsam ihr warmes Essen ein. Ab und an finden Sportwettkämpfe und Geländeübungen sowie Vorträge über staatsbürgerliche Fragen statt. Die Dienstfreiwilligen verrichten ihre Arbeit zusammen mit 22 Gemeindearbeitern.

Das Arbeitersportkartell Naumburg setzt im Oktober 1932 ebenfalls 20 Arbeitslose, die 1 560 Tagewerke zum Bau eines Sportplatzes ableisten. In der landwirtschaftlichen Haushaltungsschule legen Arbeitslose einen Garten an. Unter Führung des Bundes der ehemaligen Bürger- und Mittelschüler wird ein Sportplatz gebaut. Weitere Projekte sind: das Schwimmbad und Landheim in Eckartsberga, der Sportplatz in Bad Bibra und die Straßenausbesserung bei Rossleben.

 

Dem gewerblichen Mittelstand von Naumburg bereitet die Schwarzarbeit grosse wirtschaftliche Sorgen. Am Vormittag des 30. Januar 1933 findet dazu im Ratskeller eine Kundgebung statt. Eingeladen hat der Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes. Kaufmann Schmidt legt dar, dass mit der Beseitigung der Schwarzarbeit ein nicht unerheblicher Teil der Arbeitslosen wieder in Beschäftigung gebracht werden kann. Denn - so der Kampfbundleiter -

45 bis 50 Prozent aller Handwerksarbeiten

werden als Schwarzarbeit vergeben. So gehen dem Staat hohe Steuereinnahmen verloren und der Mittelstand rutsch durch den Preisdruck ins Proletariat ab. Jetzt muss er zur Selbsthilfe schreiten. Er kann nicht mehr warten. Deshalb schlägt der Kampfbundleiter vor eine Zentralstelle in Naumburg zu schaffen, die zunächst erzieherisch, im Wiederholungsfalle aber auch abschreckend tätig werden soll.  nach oben

 

Zur Durchführung der Maßnahmen für ein Notwerk der Deutschen Jugend im Arbeitsamtsbezirk Naumburg treffen am 20. Januar 1933 die Vertreter der Kreis- und Kommunalverwaltung, der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege, der Geistlichkeit und Lehrerschaft, der Jugendorganisationen und wirtschaftliche Vereinigungen der Arbeitgeber mit dem Direktor des Arbeitsamtes Doktor Jentzsch zusammen. Die Idee entwickelten der Reichspräsident und die Reichsregierung, veröffentlicht in der Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1932. Die eingesetzten Mittel sind darauf gerichtet, die Jugend körperlich zu ertüchtigen und ihren Willen zur Selbsthilfe zu stärken. Berufskenntnisse und Fähigkeiten sollen vor der moralischen Überalterung bewahrt werden. Ungelernte erhalten die Möglichkeit an Bildungsmaßnahmen teilzunehmen. Für Mädchen sind Lehrgänge in Waschen, Plätten, Ausbessern, Kunststopfen und so weiter vorgesehen. (Vgl. Notwerk)

 

 

Freiwilliger Arbeitsdienst (FAD)  nach oben

 

Artur Mahraun und Georg Schiele  nach oben

Der Einführung des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) im Jahr 1932 ging eine langjährige öffentliche Diskussion voraus. Daran beteiligt waren unter anderem Artur Mahraun und Georg Schiele aus Naumburg.

Artur Mahraun (1890-1950), Führer des Jungdeutschen Ordens, 1920 aus der "Offizierskompanie Kassel" vom 83. Infanterieregiment zum Kampf gegen die Revolution hervorgegangen, veröffentlicht 1924 die Schrift Über die Einführung der allgemeinen gleichen Arbeitsdienstpflicht. Die Resonanz war gering. Trotzdem werden seine Thesen immer wieder aufgegriffen und gelten "für die Ideologie der Arbeitsdienstpflicht als repräsentativ" (Benz 1969, 319).

Im Jahr darauf publiziert Georg Schiele den Naumburger Brief (Heft 2) Freiwilliger Arbeitsdienst. Die Autoren ähneln sich in ihrer Herangehensweise. Schon immer, so ihre Denkweise, ging die Blüte der deutschen Mannschaft aus dem Kriegsdienst hervor, wo jeder Mann erlernte, nicht nur für sich selbst, sondern für das Vaterland zu sorgen. Mit dem Pariser Friedensvertrag (1919) wurde den Deutschen die Schule der Nation genommen. Diese Aufgabe der vaterländischen Erziehung soll jetzt der zweijährige Arbeitsdienst übernehmen und dabei eine produktive Mehrleistung erbringen. Beides zusammen nennt Mahraun Arbeits-Dienst-Pflicht. Schiele betont das mittlere Wort "Dienst", was den Geist der Sache bestimmen soll. Sowohl Sittliches wie Materielles, ist also nach Mahraun und Schiele im Arbeitsdienst zu leisten.

Über die Freiwilligkeit und Einbindung des Dienstes in den Markt, sprich Volkswirtschaft, sind sich die Autoren nicht einig. Der Hochmeister will den Arbeitsdienst vom Markt abtrennen, wo hingegen der DNVP-Führer bezweifelt, ob das überhaupt möglich ist. Schiele will, dass der Arbeitsdienst Bestandteil der freien Erwerbstätigkeit bleibt. Er soll Lohnarbeit sein. Wirtschafts- und Arbeitsleistungen kann man nicht in gleicherweise erzwingen wie Kampfleistungen im Krieg, trägt er 1925 (4) dezidiert vor und folgert: "Wir müssen uns hüten, den Arbeitsdienst kommissmässig zu machen. Darum muss es freiwilliger Arbeitsdienst sein", nicht aber Pflichtdienst, wie Mahraun es vorschlägt. Das ist mit List ausgesprochen. Denn Schiele geht davon aus, dass man heute ein freiwilligen Arbeitsheer nicht aufstellen kann. "Wir würden ja den ganzen

Schwamm der Unwilligen, Verfaulten,

wieder hereinbekommen. Diese würden von vornherein das Werk zersetzen. Ebenso warne ich dringend davor, die Idee des vaterländischen Arbeitsdienstes in der Form einer allgemeinen Heeresdienstpflicht zu pressen." Denn

"Was wir brauchen ist Auslese durch Freiwilligkeit, damit der Geist rein bleibt."

Im Kampf der Völker ist der Krieg nur eine Episode. "Entscheiden tut zwischen den Völkern der Wettkampf der Arbeit." "Der Rassenkampf wird ausgekämpft mit der einfachsten, treuesten Arbeit." (Georg Schiele 1925, 14f.)

Bei der kritischen Arbeiterbewegung stossen Arbeitsdienst und Arbeitslager auf Ablehnung.

Ernst Thälmann (Hamburg) kritisiert am 8. August 1930 an den Arbeitslagern: "Alle bürgerlichen Parteien versuchen, die junge Generation an sich zu fesseln. Sie sind es aber gerade, die die Jungen und Mädel von 17 bis 21 Jahren in die Arbeitszwangsjacke des Arbeitsdienstpflichtgesetzes stecken. Hier sollen sie von Staat 40 Pfennig je Tag bei freier Beköstigung erhalten und in den Dienst des kapitalistischen Staates eingespannt werden ....".

Für viele war der Arbeitsdienst lediglich eine Flucht vor der engen Erbärmlichkeit des Zuhauses, schildert Walter Eichelbaum, seine Erfahrungen als Lehrer im FAD-Lager Leipzig, alle nur getrieben etwas Geld in die Finger zu bekommen und wenn's am Ende nur für ein paar Zigaretten langte. "An diesem Stück proletarischer Wirklichkeit gehen alle FAD-Ideen und Ideologien zum Teufel."

 

Verordnung
über den freiwilligen Arbeitsdienst
(FAD)

Im Reichsanzeiger Nr. 166 erscheint die Verordnung über den freiwilligen Arbeitsdienst (FAD) vom 16. Juli 1932. Ihre Essentials lauten: Gemeinnützigkeit, körperliche und geistige Ertüchtigung des "jungen Deutschen" (Artikel 1), keine Beeinträchtigung der Stellen auf dem freien Arbeitsmarkt (Artikel  2), öffentliche Körperschaften als Träger der Massnahmen (Artikel 3), Eintritt begründet kein Arbeitsverhältnis (Artikel 4), zentrale Mittelbereitstellung (Artikel 5), Bevorzugung von Langzeitarbeitslosen, wie Krisenunterstützungsbezieher oder Wohlfahrtsarbeitslose (Artikel 6).

Der Funke, die Tageszeitung für Recht, Freiheit und Kultur / Internationaler Sozialistischer Kampf-Bund, erkennt in der Arbeitsdienstverordnung den Vorläufer des Arbeitszuchthauses.

Der Reichsarbeitsminister beziffert die Kosten für jeden Arbeitsdienstwilligen auf 1 000 Reichsmark pro Jahr. Natürlich wird die Einführung des FAD von einer enormen idelogischen Propaganda begleitet. Ganz verzückt expliziert die regionale Presse am 20. Oktober 1932, dass hier eine Gemeinschaftsethik herrscht. Es bildet sich "ein Neuer Lebensstil der kommenden Generationen, der alle parteipolitischen und konfessionellen Gegensätze überbrücken hilft". "Es wird selten soviel gelesen am Abend nach des Tages Last und Mühen wie im Freiwilligen Arbeitsdienst."

Der FAD steht vor allem Jugendlichen im Alter von 18 bis 25 Jahren offen. Als Träger derartiger Maßnahmen kommen Bau- und Forstbetriebe oder soziale Einrichtungen, zum Beispiel die Armenspeisung, in Frage. In jedem Fall muss eine juristische Person, die durch das Arbeitsamt (Naumburg) geprüft und bestätigt wurde, auftreten. Der Träger erhält pro Wochentag und Arbeitsdienstpflichtigen einen Unkostenzuschuss für Verpflegung, Unterkunft und kulturelle Betreuung in Höhe von 2 RM [Reichsmark]. Darin eingerechnet sind 0,30 RM Taschengeld pro Wochentag für den Teilnehmer. Alle Teilnehmer sind unfall- und sozialversichert. Die Kosten für Arbeits- und technische Geräte sowie Baumaterial muss der Träger übernehmen, weil dieser auch den Nutzen daraus zieht. Durch die Vorhaben dürfen keine regulären Arbeitsplätze bedroht werden. Die Ersatz-Arbeitsstellen sollen in der Regel im Freien liegen (Pflasterung des Kaiser-Friedrich-Platzes, heute Heinrich-von-Stephan-Platz). Die Dauer des Projekts darf 20 Wochen nicht unter- und bei volkswirtschaftlich wertvollen Vorhaben 40 Wochen nicht überschreiten. Nimmt der Arbeitslose wenigstens zwölf Wochen am Arbeitsdienst teil, erhält er für jeden Wochentag 1,50 Reichsmark gut geschrieben. Doch darf dieses Entgelt nur innerhalb von zwei Jahren, längstens aber 40 Wochen gewährt werden. Ebenso kann man es zum Erwerb einer Siedlerstelle einsetzen.

Es entstehen offene und geschlossene Arbeitslager. Ihre Teilnehmer sind praktisch Notstandsarbeiter, nur mit dem Unterschied, dass ihr Geld nicht von der Stadt, sondern vom Reich kommt. Davon macht die Kommune natürlich gerne Gebrauch, spart sie doch knappe Eigenmittel. Trotzdem lehnt Walter Höhne (KPD) in der Stadtverordnetensitzung am 18. August 1932 den Arbeitsdienst ab. "Stadtbaurat [Paul] Schröter versucht den Kommunisten das Wesen des freiwilligen Arbeitsdienstes klarzumachen", wird von dieser Diskussion berichtet und argumentiert weiter: "Lohndrückerei sei das keineswegs. Junge Leute bis zu 25 Jahren würden Beschäftigung finden. Es sei eine zusätzliche Arbeit, die nicht ausgeführt werden könne, wenn sie nach Tariflohn zu bezahlen sei. Dann unterbleibe sie eben. Die Errichtung eines Stadtbades sei in Vorbereitung und Besprechungen in Grundstücksfragen seien bereits im Gange. Es werde also wohl vorwärts gehen mit dieser Sache." - Das Freibad wurde nie gebaut, dafür aber das Langemarck-Denkmal und viele Kasernen.

 

Arbeitslager im Grochlitzer Gries  nach oben

Blick zum Grochlitzer Gries (2005)
Karte zur Lage des Grochlitzer Gries

Am 22. April 1932 stellt die NDSAP-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag zur Sanierung der Gerberlache. Sie stinkt fürchterlich, weshalb viele Spaziergänger den Weg an ihr vorbei zur Schönburg meiden. Im Sommer schwirren unerträglich viele Mücken umher und verleiden den Badespass.

Zur Sanierung der Gerberlache müssen mindestens 9 000 Kubikmeter Erde durch die Teilnehmer mit einfachsten technischen Mitteln von der Stromseite der Saale abgetragen und bewegt werden. Ihre fachlichen Instruktionen e rhalten sie vom Preußischen Wasseramt in Halle (Saale). Die Gesamtkosten der Maßnahme belaufen sich auf 7 950 Reichsmark und die Gesamtförderungssumme ist auf 7 200 Reichsmark festgesetzt. Als Träger der Massnahme erscheint in der Öffentlichkeit der Stahlhelm.

"Nicht die NSDAP", darauf beharrt der ehemalige 2.Bundesführer des Stahlhelms Theodor Duesterberg (1950, 43), "sondern der Stahlhelm war mit dem freiwilligen Arbeitsdienst bahnbrechend vorausgegangen." Ende 1932 betrieb er 300 bis 400 Arbeitsdienstlager mit 20 000 Jungstahlhelmern. Allein der Mitteldeutsche Landesverband verfügt über 56.

Der Träger der Massnahme soll unpolitisch sein, was man vom Naumburger Stahlhelm wirklich nicht annehmen konnte. Offiziell übernahm die Antragstellung wahrscheinlich der Magistrat von Namburg.

 

Barbara-Kaserne (1900),
Oststraße 26

 

Die Unterbringung der Teilnehmer des Arbeitslagers erfolgt im ehemaligen Wirtschaftsgebäude der Artilleriekaserne Oststrasse. Wochentags ist im Lager um fünf Uhr Wecken, dann eine halbe Stunde Körperertüchtigung. 6.15 Uhr geht es mit einem fröhlichen Soldatenlied auf den Lippen zur Arbeit. Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgt eine Stunde Pause. Der ausgeruhte Körper ist so gerüstet für den zweistündigen Wehrsport. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden.

In der dritten Märzwoche 1933 sind die Arbeiten abgeschlossen. Die Gerberlache existiert nicht mehr.

"Die vorzügliche Ausstattung des Stahlhelms Arbeitsdienstlagers in der Ostkaserne hat sich längst herumgesprochen", schreibt das Naumburger Tageblatt im November 1932. "Von nah und fern kommen Anhänger des Arbeitsdienstes, um dieses Musterlager zu sehen und zu lernen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit der Arbeitsdienst das werde, was er werden soll: Aufbaudienst an Volk und Vaterland."

 

Freiwilliger Arbeitsdienst
im Landjugendheim Eckartsberga 1932  
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Tagesraum im Landjugendheim Eckartsberga um 1930
(Fotograf unbekannt)

Weitsichtige Macher des Arbeitsdienstes erkennen die Schwächen des Projekts. Im Arbeitslager können bei den Jugendlichen Gefühle von Zwang, Eingespanntsein und Disziplinierung aufkommen, was die Durchführung unnötig erschwert. Deshalb soll in Praxis ein lebendiges Gemeinschaftswerk mit kameradschaftlichen Wettbewerb entstehen. Auf diesem Pfad wandelt der FAD im Landjugendheim Eckhartsberga [Lage]. Der Leiter Karl Hemprich [12] kombiniert den Arbeitsdienst mit der Jugendpflege und Volksschularbeit. Den Ablauf dokumentiert er in

Grundzüge des Lehrplanes für den Unterricht im freiwilligen Arbeitsdienst im Landjugendheim Eckartsberga in Thüringen.

Der erfahrene Lehrer betont, dass der Plan "nicht am grünen Tische, sondern in einer Praxis von 15 Fortbildungskursen für arbeitslose Jugendliche und einem freiwilligen Arbeitsdienste von 10 Wochen entstanden." Die Teilnehmer des Arbeitslagers erhalten zu folgenden Themenkomplexen Unterricht: "Der Mensch in der Heimat", "Der Mensch in der Wirtschaft" und "Die Lebensführung". Den Stoff erarbeiten die Lehrer im Unterrichtsgespräch zusammen mit den Schülern. "Dieses darf", warnt Karl Hemprich (1932) ,"natürlich nicht in eine öde Schwätzerei ausarten".

 

Landjugendheim Eckardtsberga
(Zeichner unbekannt)

 

Tagesplan

für den Freiwilligen Arbeitsdienst im Landjugendheim Eckartsberga 1932

7 Uhr Wecken
7-7 ½ Uhr Morgengymnastik
7 ½ - 8 Uhr Ankleiden, Waschen
8 Uhr Morgenfeier, Frühstück
8 ½ - 12 ½ Uhr Praktische Arbeit
13 Uhr Mittagessen
14 - 16 ¼ Uhr Praktische Arbeit
16 Uhr Kaffee
17 - 18 ½ Uhr Unterricht
19 Uhr Abendbrot
20 - 21 ½ Uhr Geselliges Beisammensein
22 Uhr Nachtruhe

Jede Woche finden ein Wandertag, eine Geländeübung und ein Nachmittag mit Kleinkaliberschiessen statt.

(Nach Hemprich 1932)

 

Im ersten Lagerdurchgang bauten die Teilnehmer ein Schwimmbad für den Eigenbedarf. Im zweiten Durchgang soll eine Sportanlage geschaffen werden. Unter der Obhut von Karl Hemprich fühlt sich keiner der 36 Jugendlichen wie im Arbeitslager. Der erfahrene Jugendpfleger führt den freiwilligen Arbeitsdienst im geschlossen Lager mit viel Ideen, Einfühlungsvermögen und pädagogischen Geschick. Im Landjugendheim herrscht im Herbst 1932 jenseits aller parteipolitischer Kämpfe Freude am Schaffen. Daran ändert der obligatorische Wehrsport wenig.

 

Kritik

Kritik und öffentliche Reputation des Arbeitsdienstes klaffen weit auseinander. Noch lange nach dem Krieg erfreut sich der FAD in weiten Kreisen der Bevölkerung grosser Beliebtheit. "In den FDP Akten liegt das Ergebnis einer Volksbefragung", berichtet Der Spiegel (Hamburg) am 11. Mai 1950. "Danach stimmten 61 Prozent der Befragten für einen Arbeitsdienst in Westdeutschland. 24 Prozent waren sogleich für einen Pflichtarbeitsdienst."

Der Öffentlichkeit präsentiert man die Freiwilligen Arbeitslager als einen beispielhaften Erfolg. Mit Phrasen von der besonderen Form der produktiven Erwerbslosenfürsorge mogelt man sich an folgenden unbequemen Tatsachen dieser Arbeitsmarktpolitik vorbei:

Erstens. Bekanntlich ist Erwerbslosigkeit oft mit Armut und sozialer Chancenlosigkeit vergesellschaftet. Als Folge erodiert besonders bei den Betroffenen das Demokratie- und Rechtsbewusstseins oder es bricht eine Rebellion gegen eine Gesellschaft aus, die Bürgern das Recht auf Arbeit vorenthält. Eingedenk der sozialen und politischen Erfahrungen mit der Erwerbslosigkeit in der Weimarer Republik, fordert Walter Eucken 1952 in die Grundsätze der Wirtschaftspolitik (308): "Die Hauptsache muß als Hauptsache behandelt werden. Keine Wirtschaftspolitik ist in irgendeinem Staate auf die Dauer haltbar, die nicht länger andauernde Arbeitslosigkeit verhindert." Für die demokratische Gesellschaft ist deshalb die gezielte und wirksame Arbeitsförderung eine Pflicht. Dieses politische Ziel konnte das Arbeitslager in Grochlitz nicht erfüllen. Denn die damit verbundene erzieherische und staatsbürgerliche Aufgabe übernimmt der Stahlhelm, der - ohne jede Übertreibung - in Naumburg radikal deutschnational und republikfeindlich agiert, und dazu eng mit der örtlichen NSDAP (Friedrich Uebelhoer) zusammenarbeitet. Es war also, wenn auch bedeutende materielle Werte in der Infrastruktur der Stadt geschaffen wurden, kein Aufbaudienst an Volk und Vaterland.

Zweitens. Der Arbeitsdienst fördert nicht die Qualifikation von Werkmann und - frau. Es besteht die große Gefahr der Dequalifizierung des Facharbeiters und der Verlust an Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt.

Drittens. Arbeitsdienst und -förderung werden nicht als Instrument der aktiven Konjunktur- und Industriepolitik eingesetzt, sondern dienen der kapitalistischen Verwaltung von Arbeitslosigkeit unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise.

Viertens. Mit dem Aufbaudienst - und den immer wieder von der Politik eingebrachten ideologischen und national-politischen Erziehungszielen - kann WerkmannFrau sich tendenziell keine wirtschaftliche Existenz aufbauen, die eine stabile Familienversorgung und -kultur sowie Erziehung der Kinder ermöglicht.

 

Der Jude brachte die Arbeitslosigkeit  nach oben

Das "Aktionskomitee zur Abwehr der jüdischen Gräuel und Boykotthetze" (Naumburg) ruft für den 1. April, 8 Uhr abends zur Kundgebung gegen das Judentum auf. Tausende Naumburger strömen zum Markt. Der Kreiskampfbundleiter des gewerblichen Mittelstandes Martin Schmidt tritt an das Rednerpult: Der Jude ist an der Arbeitslosigkeit schuld, schallt es nun über den Platz. - Nicht etwa die schwere Wirtschaftskrise, die kontraproduktive Brüningsche Wirtschaftspolitik oder die Erosion des internationalen und deutschen Finanzsystems infolge des Ersten Weltkrieges sind Ursache der Massenarbeitslosigkeit und führten zur Verarmung breiter Volksschichten, wie der Magistrat 1928 Bilanz ziehen musste. Nein: Der Jude brachte die Arbeitslosigkeit! Eine nicht steigerungsfähige Indoktrinierung des politischen Bürgers ist erreicht. Tragisches, Komisches und Burleskes verbinden sich in den Worten des Kreiskampfbundleiters zu einer unheilvollen Mesalliance. Sie senkt die Toleranzschwelle der Öffentlichkeit gegenüber den Maßnahmen zur Unterdrückung der Juden bis zur Akzeptanz von Schikanen, Verfolgung, Deportation und Mord.

 

Die große Arbeitsschlacht  nach oben

Bei der Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 16. Juni 1933 registriert das Arbeitsamt Naumburg 6 352 Arbeitslose, darunter zwei leitende und 843 einfache Angestellte, 5 373 Arbeiter und 134 Hausangestellte.

Mit dem Konzept der produktiven Arbeitslosenfürsorge will Hitler-Regierung die Arbeitslosigkeit senken. Zunächst umfasst dies die Ausführung von Notstandsarbeiten, was die Zwangsverpflichtung von Arbeitslosen ermöglicht. Sie können hierzu weitab vom Heimatort in Lagern untergebracht werden. Bei Weigerung erfolgt der Entzug der finanziellen Unterstützung. Die Selbstverwaltung der Arbeitsämter wird beseitigt. Eine Mitbestimmung der Gewerkschaften sowie der Lohn- und Gehaltsabhängigen gibt es faktisch nicht mehr.

Am 1. Juni 1933 wird das Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit erlassen. Es ist ein Rahmengesetz und erlaubt der Reichsregierung Kredite oder Zuschüsse bis zu einer Gesamthöhe von 1 Milliarde Reichsmark auszureichen. Es beinhaltet:

1. Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung,

2. Gewährung von Steuervergünstigungen
(siehe Amtliche Erläuterungen zum Gesetz über Steuerfreiheit für Ersatzbeschaffungen des Reichsfinanzministeriums vom 22. Juli 1933),

3. Rückführung weiblicher Arbeitskräfte in die Hauswirtschaft und

4. Förderung von Eheschließungen.

(Siehe Durchführungsverordnung über die Gewährung von Ehestandskrediten vom 22. Juni 1933, Amtliche Richtlinien des Reichsfinanzministeriums zur Gewährung des Ehestandsdarlehens vom 12. Juli 1933, Zweite und dritte Durchführungsverordnung zur Gewährung des Ehestandsdarlehens vom 26. Juli 1933 beziehungsweise 22. August 1933.)

Oberbürgermeister Friedrich Uebelhoer nennt es beim Durchbruch des Spechartstollen am 24. Februar 1934

die große Arbeitsschlacht. nach oben

Wahrscheinlich entstammt die Sprachreglung der Schrift

"Die Arbeitsschlacht
der Reichsregierung" (Berlin 1934)

von Fritz Reinhardt. Tatsächlich sind in Naumburg schon einige Projekte auf den Weg gebracht worden: Ausbau der Reichskrone (mit der NSDAP-Kreisleitung), Spechsarttunnel (Kanalisation), Erschließungsarbeiten für die Kläranlage am Zuckerberg, Erweiterung des Wasserleitungsnetzes um das Birkenwäldchen (wo später die Stadtrandsiedlung entsteht), Kanalisation der Danziger Straße, Bau einer zweiten Steigleitung vom Almricher Wasserwerk zu den Hochbehältern, Reparaturarbeiten an Schornsteinen und Häusern sowie die Herrichtung des alten kaiserlichen Postamtes (Lindenring) als Telefonvermittlungszentrale. Dazu werden verstärkt Eigenheime errichtet (Fröbelstraße, Flemminger Weg, Parkstraße).

In und um Bad Kösen sind ab April 1933 im Rahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) etwa einhundert arbeitslose Jugendliche im Straßenbau tätig (Kukuklauer Strasse, Strasse von Fränkenau nach Möllern).

Im Februar 1934 finden 125 Wohlfahrtsempfänger Beschäftigung bei Notstandsarbeiten. Am Steinkreuzweg, oberhalb der Tennisplätze neben der Sandgrube, wird mit rund 30 Wohlfahrtsarbeitslosen-Geldempfängern, die 4 500 Kubikmeter Erdmassen bewegen, der

Großkampf gegen die deutsche Arbeitslosigkeit

geführt.

"Nur die aufopfernde Tätigkeit des Arbeitsamtsdirektors Dr. Nagel", informiert das Naumburger Tageblatt am 21. März 1934, "und seines Mitarbeiterstabes in Zusammenarbeit mit den zuständigen Landräten, Bürgermeistern und Gemeindevertretern ermöglichten diesen durchschlagenden Erfolg. Im März, April, Mai werden die Arbeitslosen mehr und mehr untergebracht. Wo es in unserem Orte nicht möglich ist, werden mit anderen Arbeitsämtern Verbindungen aufgenommen, um freie Arbeitsstellen zu besetzen, z.B. in Leuna, Halle, Dessau."

Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ergreift im August 1934 eine Kommission der Stadtverwaltung folgende Maßnahmen:

1. "Kampf" den Doppelverdienern,
2. Ausschaltung der Schwarzarbeit,
3. Ersatz weiblicher Arbeitskräfte,
    die sich nicht allein ernähren müssen,
4. vorrangige Berücksichtigung
    der Familienväter bei Neueinstellungen und
5. Aufstockung des Beschäftigtensockels in den Unternehmen um 15 Prozent durch einen Zuschuss vom Staat in Höhe von etwa 5 RM pro Woche und Arbeitnehmer.

Bereits die Brüningsche Notverordnung vom 30. Mai 1932 sah Massnahmen zur Verringerung des weiblichen Beamten im höheren Verwaltungsdienst vor. Am 22. Juni 1933 beschliesst die Stadtverordnetenversammlung von Naumburg:

"Sämtlichen Beamten und Angestellten, die sich noch im Dienst befinden, allen Empfängern von Ruhe- und Wartegeldern aus städtischen Mitteln ist es untersagt, irgendein anderes Einkommen aus Nebenbeschäftigung, gleich welcher Art zu beziehen. Der eigenen Tätigkeit ist gleichgestellt, die Tätigkeit der Ehefrau."

Die Hitler-Regierung und die Stadtverwaltung stehen unter einen enormen Erwartungsdruck. So greift man jede positive Nachricht auf. Im Frühjahr 1934 informiert eine Pressemeldung darüber, daß ein Chemie-Werk, womit wahrscheinlich Leuna gemeint ist, 7 000 bis 9 000 Arbeiter einstellen will. Wenig später wird dies als irreführend bezeichnet. Es handelt sich lediglich um 2 000 bis 3 000 Stellen.

 

Vom FAD zum RAD  nach oben

Die Nationalsozialisten knüpfen in der Arbeitsmarktpolitik an die Erfahrungen mit den offenen und geschlossenen Arbeitslagern der Papen-Regierung (1.6.1932-3.12.1932) an. Oberst a. D. Konstantin Hierl (1875-1955), Beauftragter der NSDAP für den Arbeitsdienst, fordert im Dezember 1932 die Einführung des Pflicht-Arbeitsdienstes. Seine Losung "Arbeitsdienst ist die Schule der Nation" knüpft an das Jungdeutsche Manifest (1927) von Artur Mahraun an.

Der ehemalige stellvertretende NSDAP-Gauleiter von Halle-Merseburg und jetzige Gauarbeitsführer Karl Simon (1885-1961) berichtet in Der Aufbau des A r b e i t s g a u e s  1 4  [Gau Halle-Merseburg] stolz, dass der

"Verein für freiwilligen Arbeitsdienst
im Regierungsbezirk Merseburg e.V.

- so hieß im damaligen System die Tarnung" - mit 317 Personen in das Jahr 1933 eintrat. Die ersten Arbeits-Versuchs-Lager der NSDAP wurden eröffnet: am 1. Oktober 1932 in Zeitz, am 14. November 1932 in Gruna, am 18. November 1932 in Radis und am 13. Dezember 1932 in Pratau.

Im Zeitzer-Lager waren damals etwa 60 bis 70 Personen. Am 16. Mai 1933 gliedert sich eine Gruppe aus Bad Kösen an. Mitte 1934 umfasst das Lager etwa 550 Personen, die in der Moritzburg untergebracht sind. Eine Gruppe ist zur Elsterregulierung bei Bornitz eingesetzt. Eine andere arbeitet bei den Wasserdörfern, die oft von Überschwemmungen betroffen sind. Weitere Lager existieren zu dieser Zeit in Freyburg an der Unstrut und in Laucha.

Die Notverordnung zum Freiwilligen Arbeitsdienst der Papen-Regierung, so stellt es Hans Wilhelm Scheidt (11) in einer Nationalpolitischen Aufklärungsschrift von 1935 dar, war eine Verwässerung. "Die Männer, welche sich die Brüning unterzeichnete Notverordnung ausgedacht hatten, hatten nicht das leiseste Gefühl für den Wert des ideellen Gehalts, der in der Arbeitslageridee steckte." (Scheidt)

Am 1. Mai 1933 beendet auf dem Tempelhofer Feld Adolf Hitler die öffentliche Diskussion zur Arbeitsdienstpflicht. Ganz Deutschland hört den Führer im Radio. Begleitet vom "größten Aufmarsch aller Zeiten!" (Berliner Morgenpost) verkündet er den Kurs der nationalsozialistischen Arbeitsmarktpolitik:

"Wir wollen, dass das deutsche Volk durch die Arbeitsdienstpflicht wieder erzogen wird und zu der Erkenntnis gelangt, dass Handarbeit nicht schändet, dass Handarbeit, genau wie jede andere Tätigkeit, dem zur Ehre gereicht, der sie treu erfüllt (Beifall)."

Obligatorisch die Attacke auf die "marxistische Welt", die in der Arbeitsdienstpflicht einen "Angriff gegen das Proletariat, ein Angriff gegen das Leben des Arbeiters" sieht.

Ende April 1933 wird der FAD aus der Verantwortung des Präsidenten des Arbeitsamtes Mitteldeutschland herausgelöst. Zuständig sind jetzt ein Bezirksführer (Generalmajor a. D. von Schickfuß und Neudorf) und ein Bezirkskommissar (Kapitänleutnant a. D. Ulrich).

Per 30. September 1933 erfolgt die Auflösung der Bezirksführungen. Nunmehr zeichnet für den FAD allein der nationalsozialistische Arbeitsdienst verantwortlich, der auch die Arbeitslager des Stahlhelms übernimmt. Der Arbeitsgau 14 (Merseburg) konstituiert sich mit seinem Führer Karl Simon (1885-1961) am 14. Oktober 1933.

Konstantin Hierl übernimmt am 3. Juli 1934 das Amt des Reichskommissars für den Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD). Das RAD-Führerkorps weist auch im Vergleich zu anderen Berufsgruppen eine "sehr starke institutionelle und organisatorische Bindung an den National- sozialismus" (Hansen 234) auf. Am 26. Juni 1935 wird per Gesetz der Reichsarbeitsdienst (RAD) eingeführt. Es waren "Freikorps de Arbeit!". Wie sie hatten die Arbeitslager "eine Idee" und ein "gemeinsames Erlebnis". "Dort ging es um die Ehre der Nation, hier um die Ehre der Arbeit." (Scheidt 10).

Am 13. Dezember 1934 wird das

Gesetz über den Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD)

erlassen.

 

Rede von
Konstantin Hierl

vom 9. Juni 1936 zum Ehrentag des Reichsarbeitsdienstes

5 Minuten und 27 Sekunden, mp3-Format, 4,1 Megabyt.

"Oberst a.D. Konstantin Hierl, seit 1929 Reichsorganisationsleiter II - bis 1927 hatte er zur engsten Umgebung Ludendorffs im Tannenbergbund gehört und war dann über Strasser in die NSDAP gekommen - war ein Anhänger der Arbeitsdienstpflicht." (Benz 1968)

 

"Der Arbeitsdienst muss ja seinem ganzen Wesen nach nationalsozialistisch sein", bestimmt der Reichskommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst Konstantin Hierlin seiner Rede am 9. Juni 1936 zum Ehrentag des Reichsarbeitsdienstes.

Der nunmehr reguläre sechsmonatige Dienst in vormilitärischer Form stellt eine Art Zwischenglied zwischen Hitlerjugend und Militärdienst dar. Beim Meldeamt 97, Große Fischstraße 23 (1939/40), kann sich jeder zwischen dem vollendeten 17. und vollendeten 25. Lebensjahr zum Ehrendienst am deutschen Volk bewerben. Die Frist hierfür läuft zehn Wochen vor der Einberufung ab. Arbeitsdiensttauglich ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft, deutsches oder artverwandtes Blut besitzt (!), gerichtlich nicht vorbestraft und unverheiratet ist, seine Lehrzeit beendet hat oder die Einwilligung der Lehrstelle für einen vorzeitigen Abschluss vorlegen kann. Mit Spaten und Ehre geht es zum sechs- bis zwölfmonatigen Pflichteinsatz. In der Regel erfolgt dieser in militärisch organisierten Lagern. Sie dienen der Herausbildung einer wahren deutschen Arbeitsauffassung. Der Staat leistet hier Erziehungsarbeit im Sinne der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Die Bezahlung liegt kaum über dem Arbeitslosengeld.

Beim Autobahnbau im Abschnitt Weißenfels sind im Februar 1935 zirka 2 000 Volksgenossen beschäftigt. Ihre Zahl steigt bis zur Fertigstellung dieses Abschnitts auf 5 000. Naumburger sind im Raum Königshofen (nahe Eisenberg) bei der Mitteldeutschen Tiefbaugesellschaft [Otto] Polensky und Dr. Rathjens (gegründet am 16. Juni 1922, aufgelöst am 18. Juli 1938), Kösener Straße 19 (1930), tätig. Sie verdienen 47 Pfennig je Arbeitsstunde. Für 40 Stunden sind dies 18,80 Reichsmark Brutto.

Trotzdem spielt der RAD bei der Senkung der Arbeitslosigkeit in Naumburg eine untergeordnete Rolle. Der Dienst für Mädchen kommt aus verschiedenen Gründen nicht über die Anfänge hinaus.

Das Arbeitsamt Naumburg wird am 1. September 1940 aufgelöst.

 

Arbeitsförderung

Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit stellt die Reichsregierung Oktober 1933 im Rahmen des Zweiten Gesetzes zur Minderung der Arbeitslosigkeit 500 Millionen Reichsmark für Instandsetzungs-, Ergänzungs- und Umbauarbeiten an Gebäuden zur Verfügung.

Zur regionalen Umsetzung der Maßnahmen gründet sich unter Leitung von Oberbürgermeister Friedrich Uebelhoer ein Kreisarbeitsausschuss. Ihm gehören unter anderen an: Innungsobermeister Gustav Wesemann (Kaiser-Wilhelms-Platz 16), Doktor Ing. Joachim Rathjens (Kösner Straße 19), Stadtrat Schmidt, Arbeitsamtsdirektor Doktor Nagel, Betriebszellenobmann Robert Leonhardt, ein Vertreter der Sparkasse und Bürgermeister Karl Roloff. Im "Interesse der Arbeitsbeschaffung" ruft dieses Gremium im Februar 1934 die Hausbesitzer unter Nutzung des Reichszuschusses zum Einbau von Spülklosetts auf.

 

"Warnung vor Abwanderung von Arbeitslosen" (1933)

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"Durch die Zeitungen gingen in letzter Zeit Mitteilungen, nach denen die Arbeitslosigkeit in einzelnen Arbeitsamtsbezirken vollständig beseitigt sei. Diese Ankündigungen sind für zahlreiche Arbeitslose ein Anreiz gewesen, in die Bezirke abzuwandern, in denen die Arbeitslosigkeit entweder stark herabgemindert oder ganz behoben ist. So haben sich teilweise ganze Trupps Arbeitsloser auf den Weg gemacht, um in die Arbeitsamtsbezirke abzuwandern, die ihnen auf Grund der Zeitungsmeldungen günstigere Aussichten auf Unterbringung boten.

Die Arbeitslosen müssen daher vor Zuwanderung in fremde Gebiete, in denen die Arbeitslosigkeit beseitigt ist, hiermit nachdrücklich gewarnt werden. Wenn wirklich in fremden Bezirken Arbeitskräfte benötigt werden sollten, dann gehen die Meldungen von offenen Stellen stets zuerst an die in Betracht kommenden Arbeitsämter, die noch Überschuß an Arbeitslosen haben.

Zur Zeit bestehen für Arbeitssuchende auch aus dem Arbeitsamtsbezirk Naumburg a. d. S. keine Unterbringungsmöglichkeiten in fremden Arbeitsamtsbezirken. Es besteht vielmehr die Aussicht, auch am Orte, wie im Arbeitsamtsbezirk Naumburg, durch Ingangsetzung weiterer Notstandsmaßnahmen noch eine beträchtliche Anzahl von Arbeitssuchenden in Lohn und Brot zu bringen."

(Warnung)

 

"Der Opferwille des einzelnen und das Fühlen und Denken als Volksgemeinschaft sollen dem Arbeitsbeschaffungsprogramm der nationalen Regierung das wichtigste Fundament sein." Dazu dachte sich die Reichsleitung der NSDAP eine Geldlotterie mit einem Höchstgewinn von 200 000 Reichsmark aus. Sie soll den Volksgenossen, "die seit Jahren vergeblich nach Arbeit suchen und denen das Wort Arbeitslohn bereits fremd geworden war, wieder in den Rhythmus der Arbeit" einschalten. (Vgl. Lotterie)

Die Bautätigkeit - Kasernenbau, privater und öffentlicher Wohnungsbau - belebt die wirtschaftliche Tätigkeit, führt zur Einstellung von Arbeitskräften.

Ein Bündel von Gesetzen segmentiert den Arbeitsmarkt der Lohn- und Gehaltsabhängigen zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Hierzu rechnen: Erstes Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit (1. Juni 1933), Gesetz über die Errichtung des Unternehmens Reichsautobahnen (27. Juni 1933), Gebäudeinstandsetzungsgesetz (21. September 1933), Steuersenkungen für Wohnungsbau und Landwirtschaft (21. September 1933) und Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (16. März 1935).

Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit (AOG) vom 20. Januar 1934 überträgt das Führerprinzip auf das Unternehmen. Es schafft die Betriebsräte ab, höhlt das Mitbestimmungsrecht aus und annulliert die Tarifverträge. Die Arbeitnehmer, die jetzt Gefolgschaft heissen, sind zum unbedingten Gehorsam verpflichtet, und zugleich von den eigentlichen betrieblichen Entscheidungsprozessen ausgeschaltet, stehen also zum Arbeitgeber - jetzt Betriebsführer - im Verhältnis der Hörigkeit. In Betrieben mit mindestens zwanzig Arbeitnehmern besteht lediglich ein sogenannter Vertrauensrat.

Mit dem Vierjahresplan implantiert der nationalsozialistische Staat 1938 den Arbeitszwang, beziehungsweise die Arbeitspflicht für jeden arbeitsfähigen Deutschen. Ein Verstoß dagegen konnte mit Geld- und Gefängnisstrafen geahndet werden.

"Mitte März 1933 haben wir",

berichtet der Oberbürgermeister Friedrich Uebelhoer am 27. Januar 1934,

"mit 2 166 Unterstützungsempfängern

den Höchststand erreicht. Seit dieser Zeit ist infolge der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eine rückläufige Bewegung zu beobachten. Am 23. November 1933 war die Zahl der Unterstützungsempfänger auf 1 760 gesunken." (Haushaltssatzung 1934, 21)

Aber noch sind die Naumburger Leuna-Arbeiter stark von der Arbeitslosigkeit betroffen.

 

Kontrolle und Überwachung der Arbeitslosen  nach oben

Das politische Misstrauen gegenüber den Arbeitslosen bleibt bestehen. Die Geheime Staatspolizei Berlin ordnet am 22. August 1933 für die Staatspolizeistellen eine

Überwachung der Arbeitsämter durch Polizeibeamte oder SA- bzw. SS-Leute

in Zivil an (vgl. Gestapo 22.8.1933).

 

Übungsfirmen

Im Allgemeinen scheitert die Integration der Arbeitslosen in Naumburg nicht an den sogenannten Vermittlungshemmnissen, sondern an fehlenden Arbeitsplätzen. In dieser Situation wecken bei den Verantwortlichen die Übungsfirmen besonderes Interesse. Sie erhöhen sofort statistisch die Zahl der Arbeitsplätze, ohne wirklich ein betriebswirtschaftlich fundiertes Arbeitsangebot darstellen zu können.

"Der Grundgedanke unserer jetzigen Wirtschaft ist und bleibt", heisst es 1934 in einen Bericht, "die Uebungsfirmen als Schulungsstätten nationalsozialistischer Wirtschaftsauffassung auszubauen und die darin erfassten Berufskameraden und -kameradinnen zu rechten Nationalsozialisten auf diesem Gebiet heranzubilden." (Übungsfirma) Finanziert werden sie durch das Arbeitsamt und zum Teil durch Verbände und Organisationen. Im Arbeitsamtsbezirk Naumburg sind Übungsfirmen im Bereich Textil-, Kolonial-, Landesproduktgross- und Eisenwarenhandels aktiv. Beispielsweise vertreibt die (Spiel-) Firma F.H. Rudolf Krister Kleider. Ihre Gefolgschaft erscheint nicht in der Arbeitslosenstatistik. So leisten sie einen Beitrag zum statistischen Erfolg der große Arbeitsschlacht.

Schwerer als die mit den Übungsfirmen einhergehende systemische Manipulation der Arbeitslosenstatistik, wiegt die Infantilisierung der Teilnehmer in einer Scheinbeschäftigung. Auf die Frage, wer das Unzumutbare, oft Nutzlose und Selbstzerstörerische aus freien Willen wählt, gibt der Reichsamtsleiter des Außenpolitischen Amtes (APA) der NSDAP Hans Scheidt 1935 (10) folgende Antwort:

"Sie hatten die Idee, zu arbeiten um der Arbeit willen, um der Kameradschaft willen und um Deutschlands willen, - und das Erlebnis der Arbeit selbst und der Schaffensfreude, die sie alle verband."

 

Ausländische Arbeitskräfte

Die Gruppe der ausländischen Arbeitskräfte stellt für Naumburg kein Problem dar. In der Stadt arbeiten per 14. Dezember 1933 neunzehn ausländische Bürger. Sie sind zum Beispiel beim Apotheker Dr. Emil Dencks (Markt 2), in der Privatklinik von Dr. Grüneisen, Facharzt für Chirurgie (Wenzelsring 8), oder beim Konditormeister Walter Furcht am Markt 3 angestellt.

 

Ehegattensplitting  nach oben

Von durchgreifender Wirkung auf dem Arbeitsmarkt ist die im selben Jahr (wieder) eingeführte gemeinschaftliche steuerliche Veranlagung der Ehepartner (Ehegattensplitting). Das Finanzamt teilt nach dem Splittingverfahren das Einkommen zu gleichen Teilen auf Mann und Frau auf. Das heißt, das zu versteuernde Einkommen eines Ehepaares wird aufgrund der bestehenden Steuerprogression mit einem Steuersatz belastet, der niedriger ist als der von einem Unverheirateten mit gleich hohem Einkommen. Ein Steuervorteil tritt für die Ehegemeinschaft nur dann ein, wenn die Einkommen ungleich verteilt sind. Der Unterschied kann gar nicht groß genug sein, um maximal Steuern zu sparen. Am einträglichsten ist es, wenn die Frau gar keine bezahlte Tätigkeit ausübt, womit dann ein wichtiges Ziel der nationalsozialistischen Beschäftigungspolitik erreicht wäre.

 

Wir brauchen jede Arbeitskraft

Der preußische und Reichsminister für Erziehung hebt mit dem 1. April 1935 den 1931 erlassenen Einstellungsstopp für Lehrer auf. An erster Stelle bei der Wiedereinstellung stehen die Kriegsgeschädigten. An zweiter Stelle berücksichtigt man die Frontkämpfer. Danach folgen die anderen Kriegsteilnehmer.

Im Mai 1937 meldet das Arbeitsamt der Saalestadt im Vergleich zum Vorjahr erneut einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen um 60 Prozent. Jetzt sind nur noch 645 Männer und 214 Frauen arbeitslos. Die Sandgruben, Kalksteinwerke, der Bibraer Steinbruchbetrieb, Ziegeleien und die Portlandzementfabrik in Bad Kösen suchen noch Arbeitskräfte. In Lützkendorf (1935) erbaut die Wintershall AG ein neues Hydrierwerk zur Benzinherstellung. In Tröglitz bei Zeitz verflüssigt die BRABAG (Braunkohle-Benzin AG) ab 1937 Kohle nach dem Bergius-Pier-Verfahren. Bauten für das Luftzeugamt in Kölleda und der Heeresnachrichtenschule in Halle werden errichtet. 1935 erweitert sich das Sprengstoffwerk Reinsdorf. In Naumburg geht 1935 das Heereszeugamt in Betrieb, wo 500 Personen eine feste Anstellung finden.

Im Sommer 1938 helfen in der Naumburger Landwirtschaft Italiener, Ungarn, Rumänen und Jugoslawen. Für 1939 liegt dem Arbeitsamt Naumburg eine Bedarfsmeldung in Höhe von 800 ausländischen Arbeitskräften vor.

"Wir brauchen jede Arbeitskraft", fleht die Mitteldeutschen National-Zeitung am 28. Januar 1938. Der Kampf gegen die Doppelverdiener muss ein Ende haben. Wir dürfen niemanden von der Arbeit ausschliessen, heisst es jetzt, denn der Industrie fehlt vor allem technisches Personal. Mittlerweile stellen die Leuna-Werke wieder viele ungelernte Arbeiter ein.

 

Frauenbild  nach oben

 

Naumburg 1940

"Die meisten Eltern, deren Kinder jetzt in den kommenden Tagen die Schule verlassen, werden sich längst darüber klar geworden sein, was aus ihnen werden soll. … Auch für die Mädchen nicht minder schwer zu beantworten, wenn die Mütter, auf die es ja in diesem Falle in erster Linie ankommt, nur ein wenig weiter hinausdenken. Sie alle wollen, dass einmal eine tüchtige Hausfrau und Mutter, die ihr eigenes Hauswesen später einmal in Ordnung halten und ihren Kindern eine tüchtige Erzieherin werden kann …

Es wird gerade in unserer Zeit nicht möglich sein, alle jungen Mädchen, die nun die Schule verlassen, in eine handwerkliche oder kaufmännische Lehre zu geben, abgesehen davon, daß auch sie, wenn nicht vorher, so dann doch spätestens nach Ablauf ihrer Lehrzeit noch ihr Pflichtjahr in einem städtischen oder ländlichen Haushalt ableisten müssen."

(Frauen 1940)  nach oben

 

Der Direktor der Luisenschule Dr. Benno Liebers jubelt 1934:

"Die Gleichstellung der Geschlechter ist endlich aufgehoben. Die Mädchenbildung wird entsprechend den besonderen Aufgaben durchführt, die der Frau im nationalsozialistischen Staat zukommt."

Darum kümmern sich der BDM und die NS-Frauenschaft. Sie fordern:

Wir brauchen
Deutsche Hausfrauen
.

Zu diesem Zweck sollen die jungen Mädchen das Hauswirtschaftliche Jahr absolvieren. Die Führung übernehmen Reichsfrauenführerin Gertrud Schlotz-Klink (1902-1999), Reichsjugendführer Baldur von Schirach (1904-1974) und der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung / Arbeitslosenversicherung Doktor Friedrich Syrup (1881-1945) mit den ihnen unterstellten Ämtern. So gestalten sie auf ihre Weise den Arbeitsmarkt, der, wegen seiner Befehlsnatur und der bestehenden Ausgrenzungen, eigentlich keiner ist. Bei der NS-Frauenschaft oder dem Arbeitsamt müssen sich die Haushalte registrieren lassen und einer Eignungsprüfung unterziehen.  nach oben

Die Durchführung dieser Maßnahmen soll in einem nationalsozialistischen Haushalt erfolgen, empfiehlt das Mitteilungsblatt des Obergaus 15 Mittelland (Folge IV/35). Angeworben werden die Mädchen durch die NS-Frauenschaft. Oder die Eltern sprechen gemeinsam mit ihrer Tochter nach Abschluss der Schule beim Arbeitsamt vor.


BDM Ringführung

Elfriede Knabe
Eckhardstraße 28 (1935)

Hildegard York
Linsenberg 4a (1939)

Im Anlernjahr erfolgt die Betreuung durch den BDM. Die Hausfrau wiederum verpflichtet sich, das Mädel an Heimabenden und Wanderungen teilnehmen zu lassen und es mit einem kleinen, angemessenen Taschengeld auszustatten. Bei Beendigung der Tätigkeit erhält es ein Arbeitszeugnis. - Nach getaner Arbeit können sich die BDM-Mädchen vierzehn Tage lang in einem Heim in Eckartsberga mit einer Selbstbeteiligung von 4,20 Reichsmark erholen (1935).

 

Entmodernisierung  nach oben

Nach Hitlers Machtübernahme sinkt in Naumburg die Zahl der Erwerbslosen deutlich. Es ist das Ergebnis verschiedenster Massnahmen, wie: öffentliche Investitionen in die Infrastruktur (Abwasserentsorgung), Instandsetzung von Gebäuden, Strassen und Wegen, Anreize für die Modernisierung und den Neubau privater Wohnungen, Belebung des Arbeiterwohnungsbau (Stadtrandsiedlung am Sperlingsholz), Einrichtung von Arbeitslagern (FAD), Autobahnbau im Abschnitt Weissenfels (Reichsarbeitsdienst), Ausbildung in Übungsfirmen, Splittingverfahren oder Rückdrängung von Familien mit Doppelverdienern. Der Staatsapperat expandiert. Die Partei nebst gleichgeschalteten Organisationen bläht sich auf, wo so mancher eine Anstellung findet.

Der entscheidende Arbeitsbeschaffungseffekt resultiert aber aus der Militarisierung der Stadt. Viele Arbeitslose kommen beim Bau der Kasernen (Bilder) und dem Ausbau der Infrastruktur (Wege, Strassen, Telefonnetz, Elektroenergie, Gas, Bahnanschluss) unter. Ebenso trägt die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16. März 1935 wesentlich zur Senkung der Jugenderwerbslosigkeit bei.

"Im Krieg muss die Frau bäuerliche Arbeiten verrichten", fordert die Kreisfrauenschaftsleiterin Gertrud Paltzko.

Bild und Text aus: Naumburger Feldpostbriefe für unsere Soldaten im Felde. Herausgegeben von der Kreisleitung der NSDAP, Naumburg (Saale) [ohne Zeitangabe], wahrscheinlich Herbst 1941

Regionale und nationale Institutionen koordinieren die Operationen der grossen Arbeitsschlacht. Praktisch findet die Arbeitsvermittlung ohne gewerkschaftliche Mitbestimmung statt. Arbeitslose unterliegen einer verstärkten Kontrolle und Repression. Die nationalsozialistische Geschlechterpolitik erschwert den weiblichen Arbeitskräften den Zugang zur bezahlten gewerblichen Arbeit. Weibliche Schulententlassene werden in das Hauswirtschaftliche Jahr abgedrängt. Im Krieg ändert sich das wieder. Die NS-Propaganda stilisiert die Frau zur Kampfgefährtin des Mannes und muss jetzt in der Landwirtschaft oder im Leuna-Werk schwere körperliche Arbeiten übernehmen. Von gleicher politischer Provenienz wie die Geschlechterpolitik sind das Splittingverfahren und das Verbot der Doppelbeschäftigung von Beamten und Angestellten in der Stadtverwaltung.

Neue Berufsbilder eröffnen nach der Machtergreifung 1933 neue Karrierechancen. Jetzt kann man KZ-AufseherIn werden. "Um die Anstellung im KZ-Lager [Lichtenburg] habe sie sich lediglich beworben, um eine feste Anstellung zu erhalten", sagte die KZ-Aufseherin Gertrud Rabestein aus Naumburg 1948 vor Gericht.


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Anmerkung 1: Die Revolverschnauze war der NSDAP-Politiker Heinrich Bachmann (1903-1945), Mitglied im Verwaltungsrat der Mitteldeutschen Landesbank und Abgeordneter im Landtag von Preußen, dann bis 1945 Reichstagsabgeordneter. Ab Januar 1935 Vorsitzender der Gauarbeitskammer in Halle-Merseburg.  zurück

Anmerkung 2: Max Staps, geboren am 22. September 1896 in Eineborn (Kreis Stadtroda), Elektriker, ein Kind, verheiratet. Bestraft wegen Diebstahl und Unterschlagung (nach amtlichen Angaben von 1932).   zurück

Anmerkung 3: Liste 1: Sozialdemokratische Partei Deutschlands - Dr. Hertz, Peters, Bergholz, Schob   zurück

 

 

[Anträge] Sitzung der Stadtverordneten. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 30. Oktober 1931

Arbeiten der Notzeit zwischen Saale und Unstrut. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. Oktober 1932

[Arbeitsdienst] Genug fähige HJ Führer. Der Spiegel, Hamburg, 11. Mai 1950, Seite 24 bis 26

[Arbeitsamt Naumburg] Niederschrift über Geschäftsführenden Ausschuss des Arbeitsamtes Naumburg am Donnerstag, dem 10. September 1931. Akten des Landkreis Ausschusses Naumburg a. d. Saale, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Rep. C 50, Naumburg B, No. 346

Arbeitsamt Naumburg an der Saale. Nordstrasse 13. Brief an den Herrn 1. Bürgermeister der Stadt Naumburg als Ortspolizeibehörde vom 24. Februar 1933. In: Stadtarchiv Naumburg (Saale). Sonderakten Polizeiverwaltung Naumburg a. D. Saale, Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Angefangen 1920, Geschlossen 1937. Archivnummer 5617

Arbeitsbeschaffung höchstes Ziel. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. Januar 1933

[Arbeitslosentag] Grosse internationale Kommunistenpleite. Verpuffter Revolutionsklamauk. Neue Blutschuld - Tote in Halle - Zahlreiche Schwerverletzte. "Volksstimme", Magdeburg, den 8. März 1930

Der Arbeitslose. "Volksstimme", Sozialdemokratisches Organ für den Regierungsbezirk Magdeburg, Magdeburg, den 7. Februar 1919

Arbeitslosenversorgung in der Notverordnung. "Volksbote". Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg. Zeitz, Dienstag, den 30. Juni 1931

[Arbeitsnachweis Naumburg] Acta der Kreisauschüsse des Kreises Naumburg (Saale) 1918. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Rep. C 50 Naumburg, Nummer 343

[Arbeitsnachweis] Aus dem städtischen Arbeitsnachweise. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 12. September 1921

Aufruf zur Mitarbeit an der wirtschaftlichen Gesundung des deutschen Volkskörpers. Reichsamt für wirtschaftliche Demobilisation und Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, März 1919

[Aufruf] Vfg. Aufruf an die Bürgerschaft. Bekanntmachung an das Naumburger Tageblatt und zum Aushang. Stadtverwaltung Bad Kösen, 6. Februar 1932, Stadtarchiv Bad Kösen (2009)

[Aufruf] Vfg. 1. Bekanntmachung. Aufruf an die Bürgerschaft. Stadtverwaltung Bad Kösen, 12. Oktober 1932, Stadtarchiv der Stadt Bad Kösen (2009)

[Bantau, Paul] Vorladung von Paul Bantau aus Halle (Saale) vor das Amtsgericht in Bad Kösen für den 6. Dezember 1932, Stadtarchiv der Stadt Bad Kösen (2008)

Bauer, Karl (Herscheid, 1921-1938): Erinnerungen an Naumburg. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

[Bericht Juni 1926] Bericht über die Nachprüfung der unterstützenden Erwerbslosenfürsorge beim Arbeitsnachweis Naumburg, Regierungsbezirk Merseburg. Naumburg, den 15. Juni 1926. Stadtarchiv Naumburg, Sonderakten des Magistrats der Stadt Naumburg an der Saale. Rechnungen des Arbeitsnachweises, Band b, Vorakten: 32.35, Signatur 358

Benz, Wolfgang: Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 16 (1968), Heft 4, Seite 317 bis 346

[Braun, Otto] Brief des Preußischen Ministerpräsidenten Braun an den Reichskanzler (Bericht). "Volksstimme", Tageszeitung der sozialdemokratischen Partei im Regierungsbezirk Magdeburg, Magdeburg, den 26. Oktober 1930

Dammert, Dora, Naumburg (um 1929): Schulwege. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Die KP. marschiert. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 17. Juli 1931

Die lächelnde Linse. Zeitgeschichtliche Bilderchronik des Wahren Jacob. Der Wahre Jacob, Berlin 1930, Nummer 4, Seite 3

"Die Rote Fahne". Berlin, den 6. März 1930

Die Zustände beim Naumburger Arbeitsamt. Massenversammlung der Gewerkschaftsmitglieder. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 24. Juli 1930

Diederichs, Eugen: Die Neue Schar. "Die Tat". Monatszeitschrift für die Zukunft deutscher Kultur. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena, Oktober 1920, Seite 555 bis 556

Der Erwerbslose. [Zeitung] Kampforgan für die Interessen der Erwerbslosen, Kurz und Notstandsarbeiter. Halle a. d. Saale, Mitte März 1927 (fotografisch bearbeitet). Siehe auch: Stadtarchiv Naumburg (Saale). Sonderakten Polizeiverwaltung Naumburg a. D. Saale, Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Angefangen 1920, Geschlossen 1937. Archivnummer 5617

[Dermietzel] Zur Errichtung eines öffentlichen paritätischen Arbeitsnachweises. "Naumburger Kreisblatt", Naumburg, den 19. Oktober 1910

Deutschland Städtebau. Naumburg a. S. und Bad Kösen. Deutscher Architektur- und Industrie-Verlag, Berlin-Halensee, 1926

Die Naumburger Mitglieder für Einigkeit. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 14. Oktober 1931

Die Not des Naumburger Wirtschaftsgebietes. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 5. Dezember 1932

Duesterberg, Theodor: Der Stahlhelm und Hitler. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Müller. Wolfenbüttler Verlagsanstalt G.m.b.H, Wolfenbüttel und Hannover 1949

[Diederichs] Brief von Eugen Diederichs an Sr. Exzellenz dem Herrn Kultusminister Wehnert, Altenburg (S-A). Jena, den 21. Februar 1921. In: Junge Menschen. Blatt der deutschen Jugend. Stimme des neuen Jugendwillens. Herausgegeben von Dr. med. Knud Ahlborn / Walter Hammer. Verlag Junge Menschen, GmbH Hamburg. Johnsallee 54, 2. Jahrgang, Ende Februar 1921, Heft 4, Seite 59-60

Eucken, Walter: Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Francke AG. J. C. B. Mohr, Bern / Tübingen 1952

Eichelbaum, Walter: Freiwilliger Arbeitsdienst in Leipzig. In: Fritz Borinski, Horst Grimm, Edgar Winkler, Erich Wolf (Herausgeber): Jugend im politischen Protest. Der Leuchtenburgkreis 1923 - 1933 -1977. dipa Verlag, Frankfurt am Main 1977, Seite 200 bis 201 [Anmerkung: Der Autor wurde 1906 in Leipzig geboren, studierte Religionsphilosophie, Geschichte und Jura (1931), arbeitete an der Volkshochschule, war Gerichtsassessor (1938), Landgerichtsrat (1941) und 1945 im Fronteinsatz. Aus dem Krieg kehrte er nicht zurück.]

Ellinger, A.: Zur Sozialisierung des Bau und Wohnungswesen. In: Die Neue Zeit. Wochenschrift der Sozialdemokratie. 2. Band, Nummer 4. Ausgegeben am 4. April 1920, Seite 81 bis 87

Erwerbslosenfrage vor dem Stadtparlament. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 9. Oktober 1931

Fest der Arbeit in Naumburg a. S.. [Programm] Sonnabend, den 26. Juli bis Sonntag, den 3. August 1930

[Frauen] Wenn sich die Tore der Schule schließen. "Mitteldeutsche Nationalzeitung", Ausgabe Naumburg, Mittwoch, den 20. März 1940

Freiwilliger Arbeitsdienst für die Winternothilfe. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 17. Dezember 1932

Für Arbeit und Brot. [Plakat, fotografisch bearbeitet]. Siehe auch: Stadtarchiv Naumburg (Saale). Sonderakten Polizeiverwaltung Naumburg a. D. Saale, Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Angefangen 1920, Geschlossen 1937. Archivnummer 5617

Geheime Staatspolizei , Berlin, den 22. August 1933. An alle Staatspolizeistellen. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Rep. C 48, Ie, 1166

Gewerkschaften und Arbeitsamt. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 29. Januar 1930

Grunert, Otto: Willkommen zum Fest der Arbeit. Fest der Arbeit in Naumburg a. S..
Sonnabend, den 26. Juli bis Sonntag, den 3. August 1930

Haber, Fritz: Die Chemie des Krieges. Vortrag, gehalten vor den Offizieren des Reichswehrministeriums am 11. Oktober 1920. In: Fünf Vorträge. Aus den Jahren 1923 - 1923. Julius Springer Verlag, Berlin 1924; Seite 25 bis 41

Hansen, Michael: "Idealisten" und "gescheiterte Existenzen". Das Führerkorps des Reichsarbeitsdienstes. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie am Fachbereich III, der Universität Trier im Fach Geschichte Tag der mündlichen Prüfung: 26. April 2004

Hemprich, Karl: Der Mann in der Jugendbewegung. In: Karl Hemprich: Jugendbewegung und Jugendwohlfahrt. Verlag Friedrich Stollberg, Inhaber Ernst Schnelle Merseburg, ohne Jahr [wahrscheinlich 1925], Seite 8 ff.

Hemprich, Karl: Für und wider das Arbeitsdienstjahr und was nun?
Verlag Friedrich Stollberg (Inhaber Ernst Schnelle), Merseburg 1925

Hemprich, Karl: Grundzüge des Lehrplanes für den Unterricht im freiwilligen Arbeitsdienst im Landjugendheim Eckartsberga i. Thür. Landjugendheim, Eckartsberga 1932

Hitler, Adolf: Rede an das deutsche Volk. [Die Rede des Reichskanzlers auf dem Tempelhofer Feld]. In: "Berliner Morgenpost", Dienstag, den 2. März 1933, Seite 2 (Siehe auch: Wie Berlin den ersten Mai feierte. Der größte Aufmarsch aller Zeiten! "Berliner Morgenpost", Dienstag, den 2. März 1933, Dritte Beilage)

[HSOB] Hauhaltssatzung des Oberbürgermeisters von Naumburg (HSOB 1934), 27. Januar 1934, Stadtarchiv Naumburg

[Jugenderinnerungen] Walter Hege: Jugenderinnerungen. In: Siegfried Wagner (Herausgeber): Der junge Walter Hege. Erinnerungen. Mit Textbeiträgen von Walter Hege, Kai Agthe, Ursula Diettrich-Wagner und Dr. Walter Weiße. Saale Druck, Naumburg/Saale 1998, Seite 7 ff.

Kogon, Eugen: Der SS-Staat. Komet. Kindler Verlag Reinbek bei Hamburg 1974

Komödienspielerei vor dem Arbeitsamt. "Volksbote", Zeitz, den 6. November 1930

Kormann, Gottfried: Vom heldenhaften Klassenkampf der Arbeiter Bad Kösens. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung der Stadt. In: Bad Kösen. Ein Heimatbuch. Herausgegeben vom Rat der Stadt Bad Kösen, 1954, Seite 51 bis 61

Leidigkeit, Karl-Heinz / Jürgen Hermann: Auf leninistischem Kurs - Geschichte der KPD - Bezirksorganisation Halle-Merseburg bis 1933. Herausgegeben von der Bezirksleitung Halle der SED. Druckhaus "Freiheit", Halle 1979

Leipart, Theodor. Besprechung mit Gewerkschaftsvertretern im Kabinett Brüning am 15. Juni 1931. In: Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik - Die Kabinette Brüning I/II / Band 2 / Dokumente / Nr. 331 Besprechung mit Gewerkschaftsvertretern vom 15. Juni 1931, 12 Uhr / TOP [Notverordnung vom 5. Juni 1931; Einberufung des Reichstags], Seite 1194. http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/0000/bru/bru2p/kap1_1/kap2_79/para3_1.html

Leuna. Metamorphosen eines Chemiegiganten. (Autorenkollektiv). Verlag Janos Stekovics, Halle an der Saale 1997

Lotterie für Arbeitsbeschaffung. Wo ein Wille, da ist ein Weg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. Juli 1933

Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal (1931). Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1974

Massensturm gegen den Hunger. Morgen heraus! Der 6. März ein Kampftag. [Erklärung der Zentralkomitees der Kommunistischen Parteien Deutschlands, Frankreich und Englands.] "Die Rote Fahne". Berlin, den 5. März 1930

Massnahmen gegen die Arbeitslosigkeit in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 24. August 1934

Merkblatt für die schulentlassene Jugend zu Naumburg a. S.. In: Karl Hemprich: Handbuch und Wegweiser für die Arbeit in der Jugendpflege, Verlag A. W. Zickfeldt, Osterwieck (Harz) und Leipzig 1914, Seite 176 bis 178

Muck-Lamberty, Friedrich: Die Handwerkerschar von der Leuchtenburg. Vom jungen Glauben. Flugblätter der Neuen Schar und junger deutscher Menschen in Mitteldeutschland. 2. Blatt. [Erscheinungsort wahrscheinlich Naumburg an der Saale], 23. November 1921

Muck-Lamberty, Friedrich: Selbstschulung der Arbeitslosen - unter Mitarbeit der Wissenden und Lebendigen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 15. April 1931

[Nachricht 7.12.1932] NSDAP und Arbeitsdienst. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, en 7. Dezember 1932

"Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 13. September 1923

Neuordnung der Elektrizitätsverordnung vom Stadtverordneten-Kollegium beschlossen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. April 1926

Notwerk der deutschen Jugend in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 21. Januar 1933

Öffentliche Sitzung der Stadtverordnetenversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 31. Januar 1930

Preussen schafft Arbeit. "Volksstimme". Sozialdemokratisches Organ für den Regierungsbezirk Magdeburg, Magdeburg, 26. Oktober 1930 [Mitteilung über die Vorschläge von Ministerpräsident Otto Braun zur Senkung der Arbeitslosigkeit]

Roloff. Mitteilung vom 3. März 1932. Stadtarchiv Naumburg, Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg. Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit. Angefangen 1927. Geschlossen 1937, Archivsignatur 5617

[Protokolle 1927-1933] Protokolle der Stadtratsitzung der Stadt Naumburg 1927-1933. Stadtarchiv Naumburg

Protokoll der Stadtverordnetensitzung vom 22. Juni 1933. Seite 7 [Betrifft Arbeitsmarktpolitischer Beschluss zum Verbot sogenannter Doppeleinkommen von Beamten, Angestellten, Empfängern von Ruhe- und Wartegeldern der Stadtverwaltung Naumburg.] Stadtarchiv Naumburg

[Reichsanstalt] Sitzung des Verwaltungsrates der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung [kurz: Reichsanstalt für AuA] vom 17. Februar 1932. Nach Pressemittlung, Pressereferat der der Reichsanstalt Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung vom 18. Februar 1932. In: Akten des Kreis-Ausschusses des Landkreises Naumburg an der Saale. Betr.: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, C 50 Naumburg B, No. 346, Eröffnung der Arbeitsämter, Seite 284 bis 285

Reinhardt, Fritz: Die Arbeitsschlacht der Reichsregierung. Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin 1934

Satzung des Kreisausschusses des Kreises Naumburg a.S.. Ausführungen des Arbeitsnachweisgesetz vom 22. Juli 1922. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, C 50 Naumburg B, Nummer 344

Schaffung von Notwohnungen für Obdachlose. Stadtverordnetenvorlage Nr. 73. Der Magistrat, Dietrich, Naumburg, am 25. Mai 1929

Schiele, Georg: Die Schicksalsstunde der deutschen Landwirtschaft. In: Grenzboten. Heft 22, 1912, Seite 405 bis 414. Auch in: Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst (1841-1922). Zweites Vierteljahr, Deutscher Verlag, Berlin 1841-1921, Seite 405 bis 413

Scheidt, Hans Wilhelm: Der Arbeitsdienst. Eine Willensäußerung der deutschen Jugend. Nationalpolitische Aufklärungsschriften. Heft 6. 1941 (Erstausgabe 1935)

Schiele, Georg Wilhelm: Marktfreiheit und Freizügigkeit. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 19. Februar 1920

Schiele, Georg: Freiwilliger Arbeitsdienst im Limbacher Beispiel. Naumburger Briefe. Zur Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit sowohl in unserer Volkswirtschaft wie im Verkehr der Völker. Gegründet 1917. Neue Folge, Jahrgang 1925, Heft 2, Verlag Dr. Schiele, Naumburg a. d. Saale, Friedenstraße 7, Februar 1925

Schmuhl, Hans-Walter: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung "lebensunwerten Lebens", 1890-1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987

Scholz, Kriminal-Sekretär. Mitteilung vom 8. Oktober 1931. Stadtarchiv Naumburg, Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg. Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit. Angefangen 1927. Geschlossen 1937, Archivsignatur 5617

Schuster, Max: Verfügung. An den Oberstaatsanwalt von Naumburg am 9. Oktober 1931, Stadtarchiv Bad Kösen (2008)

Schuster, Max: Brief an den Bürgermeister von Bad Kösen, 1947, Stadtarchiv Bad Kösen (2008)

Simon, Karl [Mitglied des Reichstages]: Der Aufbau des Arbeitsgaues 14. In: Unser Arbeitsdienst im Arbeitsgau 14. Kampfgau Halle Merseburg ohne Jahresangabe, wahrscheinlich 1933

Sitzung der Stadtverordneten. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 30. Oktober 1930

[SLA = Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918] Die Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Unternehmer. "Lübecker Volksbote", Lübeck den, 18. November 1918

Sozialverbrechen an den Arbeitslosen. Wie die Hunger-Verordnung die Arbeitslosenversicherung sanieren soll. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 5. August 1930

Speitel, Georg: Otto Quante. Festschrift zu seinem 100. Geburtstage mit einem Werkverzeichnis von Klaus Marowsky, Kunstverein Minden e.V., 1976

[Stadtverordnetensitzung 18. August 1932] "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 19. August 1932

[Stadtverordnetensitzung 25. August 1932] Ausserordentliche Stadtverordnetensitzung über Erwerbslosenfragen.  "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. August 1932

Stärkt und stützt die Arbeiter-Turn-und-Sportbewegung. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg. Zeitz, Dienstag, den 21. April 1931

[Steuern] "Die Stadtverordneten lehnen neue Steuern ab - aber sie werden trotzdem kommen". "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. Juni 1931

Tarn, Thomas: Unsichtbare Arbeitslosigkeit. In: Die Weltbühne. XXVIII. Jahrgang, Nummer 38, 20. September 1932; Seite 440 bis 441

Thälmann, Ernst: Wir stürmen für Sowjetdeutschland! Rede in Hamburg am 8. August 1930. In: Hamburger Volkszeitung, 13. und 14. August 1930. In: Ernst Thälmann: Reden und Aufsätze zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Band 2. Auswahl aus den Jahren 1929 bis September 1930. Dietz Verlag, Berlin 1956, Seite 251 ff.

[Tribüne] Stadtparlament mit Tribünenlärm. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 24. Juni 1932

[Turnfest] Ein neuer Anschlag gegen das Bezirks-Turn-Fest. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 23. Juli 1930

Überfall auf Bürgermeister Schuster. "Naumburger Tagesblatt", Naumburg, den 7. Oktober 1931

[Übungsfirma] Ein Besuch bei der Firma F.H. Rudolf Krister. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 4. Oktober 1934

Umbreit, Paul: Der gewerkschaftliche Wiederaufbau nach dem Kriege. Verlag für Sozialwissenschaften GmbH, Berlin 1918

Unglaubliche Methoden beim hiesigen Arbeitsamt. Ortsausschusssitzung des ADGB. Rittergutsbesitzerssohn erhält volle Arbeitslosenunterstützung. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 10. Juli 1930

[Unternehmerverbände] Die Unternehmerverbände an den Reichsarbeitsminister. 22. August 1928. "Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik" online. Nr. 17, Die Unternehmerverbände an den Reichsarbeitsminister. 22. August 1928, Bundesarchiv, R 43 I /2033 , Bl. 266, 261 f., 264 f.

Verboten - Verweigert - Abgelehnt. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels. Naumburg, Zeitz, den 26. Juli 1930

Verordnung über Erwerbslosenfürsorge vom 13. November 1918

Vfg. Bekanntmachung an das Naumburger Tageblatt. Bad Kösen, Stadtverwaltung, Magistrat, 6. Februar 1931

Vfg. Bekanntmachung an das Naumburger Tageblatt. Bad Kösen, Stadtverwaltung, Magistrat, 12. Oktober 1932

Wallbaum, Eugen: Analyse der Stadt Naumburg. Naumburg, ohne Jahresangabe, unveröffentlicht, um 1950

Warnung vor Abwanderung von Arbeitslosen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 8. November 1933

Was wird aus unserem Mädel? "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. Februar 1934

Waase, Karl: Die Naumburger Jäger im Weltkriege. Magdeburger Jägerbataillon Nr. 4 nebst allen zugehörigen Kriegsformationen. Akademische Buchhandlung R. Max Lippold, Leipziger Verlagsbuchhandlung 1920 [Karl Waase war Offiziers-Stellvertreter und ehemaliger Kompanieführer der Ersatz-Radfahrer-Kompanie]

Wieder Straßen-Tumulte in Naumburg. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg, Zeitz, den 28. Juli 1932

Wilker, Karl: Auf der Leuchtenburg. Junge Menschen. Blatt der deutschen Jugend. Stimme des neuen Jugendwillens. Herausgegeben von Dr. med. Knud Ahlborn / Walter Hammer. Verlag Junge Menschen, GmbH Hamburg. Johnsallee 54, 2. Jahrgang, Ende Januar 1921, Heft 2, Seite 28

Wir brauchen jede Arbeitskraft. "Mitteldeutsche National-Zeitung", Naumburger Ausgabe, 28. Januar 1938

Zeisl, Hans: Zur Soziographie der Arbeitslosigkeit. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 1933, 69, Seite 96 bis 105

Autor: Detlef Belau

Geschrieben:
8. Juni 2010

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