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Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands - SAP-Widerstand
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„Die linken Zwischengruppen haben im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine weit bedeutendere Rolle gespielt, als es ihrem tatsächlichen numerischen Anteil an der Arbeiterbewegung entsprach. Diese lag vor allem an ihrer Anfangs geringen Polizeibekanntheit, ihrer Struktur als hochqualifizierte Kaderorganisationen und ihrem Verzicht auf massenhafte Außenagitation.

Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD bzw. SAP), der Stärke nach die bedeutendste der Linken Zwischengruppen, hatte ihre Schwerpunkte in Berlin und Mitteldeutschland ….

Während Mitte der dreißiger Jahre nach einer zeitgenössischen internen Lageeinschätzung noch 4000 bis 5000 SAP-Illegale im Reich gearbeitet, gelangen der Gestapo ab diesem Zeitpunkt die entscheidenden Einbrüche. 1937 verfügte die SAP noch über drei funktionierende Gebietsorganisationen, Mannheim und im Raum Hamburg ….“

Helmut Mehringer: Sozialistischer Widerstand. In: Lexikon des deutschen Widerstandes, 1994

 

 

 

Die SAP-Widerstandsgruppe Naumburg

Karl Possögel (Jahrgang 1916) bereitet sich im Frühjahr 1947 in Leipzig auf sein Studium der Sozialwissenschaften vor. Gewissenhaft spart er seine Essenvorräte für Pfingsten auf. Dann ist es soweit. Seine Wirtin bringt ihn zur Bahn. Er fährt nach Naumburg. Schnell findet er in die Kleine Wenzelsstraße 9. Nach der gewohnt innigen Begrüßung durch seine Mutter Anna packt er seine Essenvorräte aus und legt sich sofort ins Bett. Er kränkelt. Ihn plagen Schmerzen. Vielleicht eine Grippe, denkt er. Am dritten Feiertag sagt er seiner Mutter, dass es nicht besser wird. Sie bringt ihn mit einem kurzerhand organisierten Auto ins Krankenhaus von Naumburg. Der Chefarzt der Inneren diagnostiziert nach dem Röntgen eine Lungen- und Rippenfellentzündung. Sofort verlegt man ihn in eine Baracke auf dem Gelände des Krankenhauses. Hier liegen viele Genesende, die sich irgendwie die Zeit vertreiben und den Kranken mit ihrem Lärm stören. Auf Wunsch der Mutter erhält Karl ein Krankenzimmer im Haupthaus. Zwar wärmt sich dieses durch die Sonneneinstrahlung stark auf, doch liegt er hier wenigstens allein und kommt zur ersehnten Ruhe.

 

Krankenhaus von Naumburg,
Hauptgebäude (2006)

 

 

 


Schul- und Lehrzeit von Karl Possögel

Viele Tage wacht Anna im Krankenhaus am Bett ihres Sohnes. Wenn er schläft, wandern ihre Gedanken durch die gemeinsamen Lebensjahre ….

Ihr Karl soll unbedingt ab der 6. Klasse die Mittelschule besuchen. Ein schwerer Kampf. Denn nach Ansicht des Rektors sollen Arbeiterkinder einen Handwerkerberuf erlernen und brauchen dazu keine höhere Schulbildung. Wie froh ist sie, als ihr Sohn das erste Jahr des Mittelschulunterrichts mit dem fünften Platz von 40 Schülern abschließt. Mit Stolz denkt sie an sein Zeugnis der mittleren Reife. Klassenbester!

1927 trennt sie sich von ihrem Mann Franz. Damals sieht das Scheidungsrecht noch eine „Schuldfeststellung“ vom Gericht vor. Anna betont, dass sie „schuldlos“ geschieden ist. Franz sprach oft und reichlich dem Alkohol zu. Zwei Söhne sind zu versorgen und ihr Weg ins Leben zu begleiten. Der jüngste, Hans, kommt 1935 aus der Schule. In einem Opelbetrieb erhält er eine Lehrstelle als Kaufmann mit einem Entgelt von 5 Reichsmark im ersten, 10 Reichsmark im zweiten und 20 Reichsmark im dritten Lehrjahr.

Von Monat zu Monat tariert Anna ihr Haushaltsbudget aus. Eines Tages bittet Karl, die Schule eher verlassen zu dürfen. Vier Jahre Grundschule, sechs Jahre Mittelschule und dann die Berufsausbildung ohne jede Beihilfe stellten für die Familie wirtschaftlich eine enorme Belastung dar, argumentiert er gegenüber der Mutter. Doch sie bittet ihn eindringlich, durchzuhalten. Sie wusste nur zu gut, welche sozialen Chancen Bildung eröffnen kann. Karl trägt zudem mit kleinen Artikeln für die Zeitung zur Aufbesserung der Haushaltskasse bei. Als wäre es gestern, hört sie, wie des Nachts die Schreibmaschine klapperte ….

Anna mit ihrem Sohn Karl **

 

1931 beginnt er bei der Buchdruckerei Lippert & Co. GmbH (Bahnhofstraße 24) ein Volontariat. Karl verfügt über gute Sprachkenntnisse in Französisch und Englisch. Im Betrieb lernt er den „Zünder“ (Franz Neubert, KPD) kennen. Karl kann seine ablehnende Haltung gegenüber den Nationalsozialisten schlecht verbergen. Bald beschuldigt ihn der Direktor kommunistischer Tätigkeit, und so muss er den Betrieb verlassen. „Wer damals auf der linken Seite stand, hatte alle als Feinde gegen sich.“ (Anna) Und wer seine Stellung verliert, der bekommt nicht so schnell wieder eine, weiss Anna nur zu gut. Gerichtlich zwingen sie die Firma, ihm ein Arbeitszeugnis auszustellen.

 

Anmerkung: Karl Possögel tritt 1934 der SS bei. Dazu heißt es im Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle vom Juni 1935: "Weiter befand sich unter den Hochverrätern ein SS-Mann, Schriftsetzer von Beruf, der in die SS lediglich zum Zwecke der Zersetzung eingetreten war." (Stapo 1933k 452)

 

Durch Vermittlung des Vaters Franz führt ihn sein Berufsweg zur Zeitschrift Recht und Wahrheit des Geldaufwertungsschwindlers Gustav Winter in Großjena. Für 30 Reichsmark monatlich arbeitet er als literarischer Mitarbeiter. „Nachts waren dort Saufgelage der [Marine-] Brigade Ehrhard und der Nazis.“ (Anna Possögel) In Winters Haus war nur ein Faktotum, keine Frau. „Wenn junge Mädchen zur Hausarbeit angenommen wurden, bemächtigten sich beide Söhne dieser. Somit bleiben keine jungen Mädchen bei dem Rechtsanwalt Winter“, weiß Anna und duldet nicht, dass Karl noch länger dort arbeitet. Ein Bekannter hilft, Karl bei Groh & Co. an der Marienmauer als Schriftsetzerlehrling unterzubringen.

Karl hustet gequält. Anna wischt seine Lippen mit einem feuchten Waschlappen ab. Erst im März dieses Jahres erhielt er per Telegramm von der Leipziger Universität die Zulassung zum Studium. Ihr Sohn, ein Student! Er muss gesund werden …

 


Anna ist gegen den Nationalsozialismus

 

Die SAP wurde am 4. Oktober 1931 gegründet und war eine Abspaltung von der SPD. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur schlossen sich die Mitglieder der SAP (D) in den Westzonen nach einem Gespräch zwischen Kurt Schumacher (SPD) und Otto Brenner (SAPD) der SPD an. Die Mitglieder in der sowjetischen Zone, wie Klaus Zweiling oder Edith Baumann, schlossen sich der KPD beziehungsweise dann der SED an.

 

Als Schneiderin und Vertreterin für Aachener Stoffe konfektioniert Anna einen ansehnlichen und zufriedenen Kundenstamm. Mit den Einnahmen aus den durchaus reichlichen Aufträgen kann der tägliche Lebensunterhalt bestritten werden. Stolz zahlt sie die Beiträge für ihre Partei (SAP), weil sie weiß, viele ihrer Genossinnen und Genossen befinden sich bereits in den Klauen der Nazis. Ihre Familien müssen unterstützt werden. Über Solidarität braucht Anna keine Vorträge, sie verfügt über ein tiefes soziales Empfinden. Von 1928 bis zur nationalen Erhebung ist sie Mitglied des Bundes der Kinderfreunde.

Als die SPD 1928 die Panzerkreuzerkredite bewilligte, erinnert sich Anna, traten wir zur illegalen SAP über.

Längere Zeit vor der ersten Verhaftung fällt ihr auf, dass hinter ihr in weitem Abstand Agenten der Gestapo gehen. Sie sorgt sich vor allem um Karl. Sie will nicht mit den Behörden der Stadt in Konflikt geraten, damit es keine Schwierigkeiten mit ihrem Gewerbeschein gibt.

Die Staatspolizeistelle Halle informiert im Juni 1935 die Prinz-Albrecht-Straße 8 (Geheime Staatspolizeiamt Berlin):

„Gegen die hier bekannten SAP-Gruppen in Naumburg … wird sofort nach Abschluss der Wittenberger Aktion eingeschritten“ (Stapo 1933k 452).

„Meine Arbeitgeber waren ein Berliner Ehepaar, Halbjuden. Eines Tages wurden sie auf das hiesige Rathaus bestellt. Die Konkurrenz übte Rache. Unsere Kunden waren sehr zufrieden u. das sprach sich in der Stadt herum, so konnte mir die Stadt nichts anhaben.“ (Anna Possögel)

Nach getaner Arbeit gönnt sich Anna Possögel sonntags einen Spaziergang durch die Stadt. Es muss 1933 oder 1934 gewesen sein, erinnert sie sich, als durch unsere Straßen „sich Kolonnen uniformierter S. A. Männer“ schoben. „Wie die Pilze aus der Erde waren die Nazi Horden gewachsen. Ich sah es mit Schrecken, denn das ganze mußte ja zum Krieg hinführen.“

 

SA marschiert, Naumburg, Holzmarkt 1937

 

Noch im Sommer 1934 wandern viele Druckschriften von Hand zu Hand. Etliche davon werden im Ausland gedruckt. „Der Vorwärts“, „Das Tribunal“, „Das Banner“, und die „Information“. Karl empfängt die Schriften von Genossen Römer und gibt sie an Vertraute weiter.

„Der Führer der Ortsgruppe,“

Max Römer *

heißt es hierzu im Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle für August 1935,

„die seit Aushebung der illegalen SAP in Leipzig Anfang des Jahres keine Bindung zu anderen Ortsgruppen hatte, war ein gewisser Max Römer, ein Angestellter beim Finanzamt, der bereits zur legalen Zeit die Ortsgruppe Naumburg geleitet hatte.“ (Stapo 1933l 478)

Anna Possögel leistet politische Aufklärungsarbeit.

„Wir taten alles gegen die Hitlermacht!“

- wird sie später sagen.

Die Emigrantenblättchen und andere illegale politische Schriften legt sie zum Beispiel in ihre Modezeitungen, die sie auch wegen der beigelegten Schnittmusterbogen bezieht. Ein Telegrafist, der schon lange zu diesem Kreis gehört, sagt ihr eines Tages:

„Ich bin kein Arbeiter mehr, sondern Beamter.“

„Viele aus dem Volk versprachen sich von Hitler goldene Berge und bei jeder Gelegenheit schrien diese `Heil Hitler`.“ (Anna Possögel)

Die Tage vergehen an Karls Krankenbett. Eine deutliche Besserung tritt nicht ein. An einem Abend bittet er seine Mutter: Gehe zu Genossen Brechling [Mittelschullehrer Richard Brechling, geboren 31. Juli 1894, Camburger Straße 2 a, später Schönburger Straße 14, um 1939 Konrektor der Städtischen Mittelschule für Knaben und Mädchen, Eupener Straße 1b] „und sage ihm, er soll schweigen.“ „Genosse Brechling schweigt“, beruhigt die Mutter ihren fiebernden Sohn. Er beklopft die Wände. In dem Moment, als die Mutter sich umdreht und eine Flasche Selters zum Kühlen in das kalte Wasser stellt, schneidet er sich die Halsader durch. In Windeseile bringen ihn die Schwestern auf den Operationstisch. Karl überlebt. Am nächsten Tag erklärt er seiner Mutter, er wähnte sich wieder in Buchenwald zu sein. Sie tut alles, um ihrem kranken Sohn eine Freude zu machen. Zum ersten Mal nach vielen Tagen schläft Karl wieder.

Als ihre Partei in die Illegalität muss, bringt Anna vorsichtshalber die verbotenen politischen Schriften in ein Stallgebäude im Garten, das gegenüber dem Naumburger Gefängnis liegt. Ihr Haus ist rein, und das gibt ihr ein beruhigendes Gefühl. Sorge macht nur, dass ab und an Briefe vom SAP-Vorstand kommen, dem sie und ihr Sohn angehören. Das könnte vielleicht jemand beobachten oder entdecken. Sie ahnt nicht, dass sie bereits ins Visier der Staatspolizei geraten ist.

Annas Gesicht bekommt tiefe Falten, wenn sie an den Tag denkt als sie nichts ahnend über den Markplatz ging und ihrem Sohn in Begleitung der Polizei begegnete. Entsetzliche Angst überfällt sie. Karl ist bedrückt. Er darf sie nicht ansprechen.

 


Verhaftung

Blick in die Kleine Wenzelsstraße (2006)

 

Karl war an diesem Tag, dem 20. August 1935, von der Arbeit weg bei der Firma Groh an der Marienmauer verhaftet und ins Rathaus gebracht worden. Am Tag darauf wurden weitere Mitglieder der SAP-Widerstandsgruppe Naumburg (Pieper, Lehmann, Krause) verhaftet. „Ich ging über den Marktplatz ohne zu wissen das Karl vor der Frühstückspause verhaftet war“, schreibt Anna Possögel in ihren Erinnerungen „Vor der Verhaftung“. „Eine entsetzliche Angst überfiel mich als ich meinen geliebten Sohn Karl in solcher Lage sah. Leichenblaß war sein Gesicht als er mich sah. Und er durfte nichts zu mir sprechen. Ich ging nach Hause um einen Ausweg zu suchen.“ Gab es den noch? In ihrer Wohnung, Kleine Wenzelsstraße 9, war schon die Hausdurchsuchung im Gange.

 

 

Bericht von Vater Franz Possögel über die Verhaftung seines Sohns Karl:

„Am 5. Juni 1935 wurde meine ganze Familie verhaftet. Es erschienen drei Gestapobeamte aus Berlin und zwei aus Naumburg. Sie durchwühlten die ganze Wohnung und beschlagnahmten meine sämtlichen Bücher und Zeitschriften, auch meines Sohnes Sachen verschonten sie nicht. Ob sie Waffen bei uns vermutet hatten? Während man meine Frau und meinen Sohn Karl in Haft behielt, wurde ich entlassen, doch am nächsten Tag schon wieder geholt. Es war verraten worden, daß noch eine Kiste mit Flug-schriften in einem außerhalb meiner Wohnung befindlichen Raum untergestellt worden war. In der Nacht hatte ich aber alles, was politisch war, beiseite geschafft. Diese Kiste und einen Stapel alter Zeitschriften transportierten sie weg. Man ließ mich wieder frei. Einer von der Gestapo rief mir hinterher: `Dich alten Fuchs werden wir schon noch fangen.` Von dieser Zeit an war ich unter Polizeiaufsicht gestellt.“

(Bericht von Franz Possögel, geboren am 23. September 1879, Sohn des Ziegeldeckers Friedrich Possögel Naumburg, Vater vom im Russwurm-Prozess Mitangeklagten Karl Possögel. - Nach Possögel 1962)

 

 

Zum öffnen der Wohnung bedient sich die Polizei ihres geschiedenen Mannes Franz, aus dem Autohaus, der sie aufschließen muss. Alle Schränke und Schubladen reißen die Stapo-Leute auf. Alles fliegt auf den Fußboden. Als Corpus delicti findet das Kommando das „Kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels unter einem Bücherstapel. Auch Kriminalsekretär Paul Scholz ist wieder mal zugegen.

 

Kriminalsekretär Paul Scholz,
geboren am 13. September 1891, war seit 1919 als Polizeibeamter im städtischen Dienst. 1926 absolvierte er einen achtwöchigen Notlehrgang der „Schutzpolizei“ beim Polizeipräsidium in Berlin, wo er die Grundlagen der Spurensicherung erlernte. Als Beamter der Ortspolizeibehörde nahm er Stapo Aufgaben wahr.

 

Schließlich sagt er zu Anna: „Ziehen Sie sich an.“ Er führt sie in sein Dienstzimmer im Rathaus. Da sitz ihr Sohn auf einem Stuhl mit dem Gesicht zur Wand, umgeben von einer Meute Stapo-Leute aus Halle. Sie scheuen keine Schmähung. Nun wendet sich die Stapo mit ihren Brutalo-Manieren Anna zu: „Du Kommunistenhure“, “du Bolschewistendirne!“, „mit wem hast du unter einer Decke gesteckt? Wie heißen die Halunken? Willst du uns wohl Antwort geben!“ Als Anna gar antwortet, dass ihr der Arzt am Vorabend geraten hat, sich einer Operation zu unterziehen, verhöhnen sie die Stapo-Leute: „Du wirst schon noch arbeiten lernen und dich daran gewöhnen, trockenes Brot zu essen.“ Das Verhör verläuft ergebnislos.

 

 

In der Untersuchungshaftanstalt

Aber „Korduan“ hatte bereits geredet. Der Verräter „ist von Beruf Friseur. Er kannte den jungen Possögel und verkehrte in der Wohnung der Mutter, der Angeklagten Possögel, erwies ihr Gefälligkeiten, schnitt ihr die Haare usw. …“ (Kammergericht 1936)

Die Staatspolizeistelle Halle berichtet im Juni 1935 an die Prinz-Albrecht-Straße 8: „Sie seit längerer Zeit angekündigte Aktion gegen die noch immer illegal arbeitende Ortsgruppe der SAP in Naumburg wurde nunmehr durchgeführt. Sämtliche 9 Festgenommenen waren geständig, illegales Druckschriftenmaterial erhalten und weiterverbreitet zu haben. Nur 4 von ihnen konnte nachgewiesen werden, daß sie auch Beiträge gezahlt haben.“ (Stapo 1933 k 452).

Dann bringt Kriminalsekretär Scholz Anna in das Polizeigefängnis am Bauhof. „Brutal stieß er mich in die Zelle, die ich nicht verlassen durfte,“ erinnert sich Anna. An den folgenden Tagen holen die Wachleute die zierliche Schneiderin immer wieder zum Verhör in das Rathaus. Der Polizist, der sie vom Bauhof zur Stadtverwaltung bringt, „war anständig“, schreibt Anna Possögel. Denn er lässt sie allein über den Markt laufen. Was prasselte bei den Verhören nicht alles an Drohungen, Ermahnungen und Beschimpfungen auf sie hernieder. Sie kam, wie sie sich erinnert, drei Tage nach ihrer Verhaftung mit einer Reihe von Auflagen wieder frei. Beim Verlassen des Bauhofs vernimmt sie einen Pfiff - das war ihr Karl!

Am zweiten Tag nach der Krise schläft ihr Karl endlich fest. So viele Schwierigkeiten überwanden sie bereits gemeinsam. Karl, d u  m u s s t  wieder gesund werden, kreist es in ihrem Kopf.

Acht Wochen sind seit der Verhaftung von Karl vergangen. Da trifft Anna einen Kollegen von Karl. Sie erzählt ihm, was geschehen ist, worauf er die Tränen nicht zurückhalten kann. Ebenso leidet Karls Bruder Hans unter der Trennung. Der fand gerade in einem Opelbetrieb eine Lehrstelle für 5 RM monatlich.

Anna schneidert wieder und geht ihren täglichen Verrichtungen nach. Bis der berüchtigte Kriminalinspektor Paul Scholz von der Ortspolizeibehörde Naumburg an ihrer Wohnungstür erscheint. Er heißt sie das Fenster zu schließen. Sie muss zur Vernehmung ins Amtsgericht. Scholz verschließt die Wohnungstür und behält die Schlüssel, was nichts Gutes bedeutet. Der Kriminalbeamte belastet sie als einziger Zeuge mit allen möglichen Lügen. Anna empört sich darüber. Das reizt Scholz auf Äußerste. Er beeidigt seine Aussagen und führt sie in sein Dienstzimmer im Rathaus. Anna verspürt Übelkeit. Sie ist der Ohnmacht nah. Sie ist krank, wie ihr Arzt feststellt. In

Begleitung des Kriminalinspektors geht es zum Klosett. Zurück im Dienstzimmer, fühlt sie sich immer noch schwach. Qualvoll hört sie, wie die Stenotypistin den Haftbefehl mit der Schreibmaschine auf rotes Papier hämmert. Dann kommt sie in eine Zelle im Gerichtsgefängnis, wo bereits die übrigen Mitglieder der Widerstandsgruppe einsitzen. Auch „Karl befand sich mit den anderen Genossen im Naumburger, Gerichtsgefängnis Roonplatz 5. Mit einem Schwerverbrecher in einer Zelle.“ (Anna Possögel) - Laut dem Gerichtsurteil wurde Anna Possögel am 17. Oktober 1935 in Untersuchungshaft genommen (vgl. Kammergericht 1936).

Blick zur Untersuchungshaftanstalt und Strafgerichtsgefängnis Naumburg (2004), früher Roonplatz 5: Hauptgebäude mit 147 und ein Anbau mit 76 Zellen für Gefangene, bebauter Raum 9 108 Quadratmeter, Erbaut 1860, 1879 und 1905.

Mattes Licht dringt durch die verschmutzten Scheiben. Die Wände der Zelle sind mit obszönen Kritzeleien versehen. Die Wäsche für die Nacht ist aus gröbstem Sackleinen und mit vielen Flicken versehen. Anna kann nicht schlafen. Deutlich vernimmt sie jede halbe Stunde den Rundgang der Wächter mit den Hunden um das Gebäude. Beim Widerhall der harten Schritte an der Gefängnismauer überkommt sie das Grauen. Zu ebener Erde liegt sie unruhig in der Zelle.

Nach einigen Wochen führt man sie dem Gefängnisdirektor vor. Einen Stuhl bekommt sie nicht angeboten. Sie fühlt sich noch immer schwach und leidet unter leichter Übelkeit. Schließlich bemerkt der Direktor, wie es um sie steht. Sie darf sich setzen. Auf das Brüllen kann er jedoch nicht verzichten: „Warum sind Sie hier? Was haben Sie gemacht?“ „Nichts“, antwortet Anna. Von Zorn erfüllt, schreit er: In Berlin wird man Ihnen sagen, was Sie gemacht haben; morgen gehen Sie auf Transport.

Doch zunächst ist zehn Minuten Pause. Alle Gefangenen müssen auf den Hof und immer in der Runde laufen. Damit ist Anna körperlich überfordert. Geschwächt durch einen erlittenen Blutverlust, bricht sie zusammen. Noch mehr zehren die Sorgen um ihren Sohn an ihr. Als “faules Kommunistenschwein“ wird sie durch die Wachhabenden beschimpft und dann wieder zurück in die Zelle gejagt.

Am anderen Morgen stellen die Aufseher eine Marschkolonne zusammen. Neben ihr eine Landstreicherin mit struppigen Haaren. Die schmächtige Frau gehörte früher einer Schaustellertruppe an. Zu uns zwei Frauen kamen noch ungefähr 30 Politische/Männer. „Ich sah aber meinen lieben Sohn Karl nicht“, schreibt Anna später nieder. Dann kamen noch drei Männer aus Pforta. Sie waren wegen Homosexualverbrechens verhaftet worden. „Es war eine große Schande über die Lehrer und Schüler der nationalpolitischen Erziehungsanstalt gekommen, so wurden viele Verhaftungen dieser Intellektuellen vorgenommen.“ (Anna Possögel)

Mit großem Polizeiaufgebot geht der Marsch vom Polizeigefängnis am Roonplatz zum Bahnhof. Ein Naziwächter schreit Anna in verächtlicher Stimmlage nach:

„Aha, Rosa Luxemburg.“

Im ersten Moment empört über diese Frechheit, wird ihr beim Nachdenken klar: Die Rosa ist mein Vorbild. Mit Haltung schreitet sie mit der Kolonne durch die Stadt dem Bahnhof entgegen, wo ein Gefangenenzug, gekennzeichnet mit grauen Fahnen, auf sie wartet. In kleinen, niedrigen und vergitterten Abteilen mit anderen Frauen eingepfercht, erfolgt der Transport nach Halle.

Ein SS-Kommando holt sie vom Bahnhof mit der Grünen Minna ab. Im Polizei-präsidium von Halle erwarten sie wieder erbärmliche Schreie, besonders abends. „Die SS-Männer schlugen die politischen Häftlinge, ein paar hätten die Internationale angestimmt. So ging es alle Tage, die schweren Rollkommandos ratterten im Hof, u[nd] immer mehr politische Gefangene wurden eingeliefert.“ (Anna Possögel) Viele Treppen nach oben unterm Dach werden sie eingesperrt. Die Politischen gehören meist der KPD an. Aber auch Zeugen Jehovas und die Schwestern vom Heiligen Herzen aus Konstanz am Bodensee sind unter den Gefangenen. Bei den Frauen und Mädchen sind die Kriminellen in der Überzahl. Wenn sich Anna recht erinnert, blieb sie etwa acht Tage im Polizeipräsidium von Halle.

Am Morgen des 2. Dezember 1935 verbringt man Anna zusammen mit anderen Häftlingen, wieder mit einem Gefangenenzug, in das Frauengefängnis Berlin, Barnimstraße. Ihr Rechtsbeistand verhält sich anständig zu ihr. Sie hat noch Hoffnung, dass ihre Strafe nicht so hoch ausfallen wird. Denn sie kann sich eine längere Haft überhaupt nicht vorstellen. Aber sie weiß nicht, dass ihr Anwalt so gut wie nichts ausrichten kann.

 

Der Prozess in Berlin                                      

Im Gerichtsgefängnis zu Naumburg erhält der Maurer Erich Russwurm, Siedlungshof 7, Mitglied der SPD seit 1930, für den 23. Dezember 1935 eine Vorladung vor den 5. Strafsenat des Kammergerichts im Kriminalgerichtsgebäude in Berlin-Moabit, Turmstraße 91.

 

Berlin-Moabit, Turmstraße 91 (historisch)

 

Am 23. Dezember 1935 führt man alle Gefangenen durch einen langen unterirdischen Gang zur Verhandlung in das Kriminalgerichtsgebäude (Berlin-Moabit, Turmstraße 91). In einer Reihe hintereinander betreten der Verwaltungsgehilfe Max Römer, der Maurer Erich Russwurm (Siedlungshof 7), der Tischler Werner Krause (Siedlungshof 26), der Bürogehilfe Adolf Pieper (Weinbergweg 9), der Arbeiter Reinhold Lehmann (Flemminger Str. 20) und der neunzehnjährige Schriftsetzerlehrling Karl Possögel mit seiner Mutter (Kleine Wenzelsstraße 9) den Gerichtssaal im Erdgeschoss, Zimmer 172. Anna sitzt hinter ihrem Sohn. Pünktlich erscheinen die „grausamen Hitlerjuristen“, „höhnisch grinsend sahen diese wohlgenährten, gut frisierten Nazirichter“ (Anna Possögel) auf sie herab.

Blick zum Reußenplatz
vom St. Wenzel (2005)

 

Den Angeklagten wird zur Last gelegt, „in Naumburg und anderen Orten in den Jahren 1933/35 das hochverräterische Unternehmen, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt, die Verfassung des Reiches zu ändern, vorbereitet zu haben, und zwar indem die Tat darauf gerichtet war, zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen oder aufrecht zu erhalten.“ (Kammergericht 1936)

 

Rudolf Agricola (1900-1985), Handelslehrer, 1924 bis 1931 Stadtverordneter der SPD in Zeitz, 1931 bis 1933 SAP, 1933 Entlassung aus dem Schuldienst, Sommer 1933 Übertritt zur KPD und erste Verhaftung (September), April 1935 Verurteilung zu 8 Jahren Haft wegen Hochverrat, nach 1945 Beitritt zur SED, 1951-1953 Rektor der Universität Halle, Botschafter der DDR in Finnland und Professor an der Universität Greifswald.

 

Max Römer vom Reußplatz 11 ist der Leiter der Gruppe. 1934 trifft er sich mit Ferdinand Götze (Leipzig) und Müller (Leipzig) unter anderem am Gustav-Adolf-Denkmal in Lützen zur Absprache von antifaschistischen Aktionen. Ebenso bestehen Verbindungen mit Thiel (Leipzig) und Gerhard Seidel (Leipzig) zum Vertrieb illegaler Druckschriften. Im Sommer 1934 folgt ein Treffen mit Mitgliedern der Zeitzer KPD in Hohenleeden [Ortsbezeichnung im Wortlaut der Gerichtsschrift]. In Zeitz arbeitet er mit Dr. Rudolf Agricola und Karl Grunert (17.2.1906 in Zeitz geboren, KPD) zusammen. (Vgl. Kammergericht 1936)

Auf dem Reußenplatz (2005)

 

Stunde um Stunde verging mit endlosen Verhören.“ (Anna Possögel) Zu Anna Possögel stellt das Gericht im Urteil fest: „In ihren politischen Reden brachte die Angeklagte zum Ausdruck, daß es mit dem Dritten Reich bald aus sei und dann das Vierte Reich käme, und im fünften Reiche kämen sie an die Regierung. Diese Bekundung des Zeugen Korduan ist durchaus glaubwürdig. Sie passt zu dem Charakter der Angeklagten und entspricht dem Eindruck, den die Angeklagte in der Hauptverhandlung machte.“ (Kammergericht 1936)

 

 

Auszüge aus der Anklageschrift

Das Ziel der Aktivität dieser politischen Widerstandsgruppe war der Wiederaufbau der illegalen SAP in Naumburg. Die hochverräterischen Ziele dieser Partei sind gerichtsbekannt.

Zum Tathergang heißt es: „Der Angeschuldigte [Max Römer] verteilte die Druckschriften hauptsächlich an die Mitangeschuldigten Karl Possögel, Werner Krause, Reinhold Lehmann, Erich Russwurm und Adolf Pieper.

„Im Februar 1934 erhielt der Angeschuldigte nach seinen Angaben aus Leipzig einen Brief, in dem er aufgefordert wurde, an einem bestimmten Tag nach Lützen zu kommen. Als Ausweis befand sich in dem Brief die Hälfte eines Bildes, das der Angeschuldigte mitbringen sollte. Der Angeschuldigte, der sofort das Gefühl hatte, dass es sich um eine SAP-Angelegenheit handelte, fuhr nach Lützen. Und traf hier mit einem gewissen Müller und Götz zusammen, die der Leipziger SAP angehörten. Die Leipziger Genossen forderten nun den Angeschuldigten auf, in Naumburg eine illegale SAP-Gruppe zu bilden, und sagten ihm zu, Naumburg mit illegalen Druckschriften zu beliefern.

Nach etwa 4 - 6 Wochen traf der Angeschuldigte nochmals mit Müller und Götz vereinbarungsgemäß zusammen und erhielt von ihnen illegale Druckschriften. Bei diesem Treff wurde vereinbart, daß in Naumburg auch Mitgliedsbeiträge kassiert werden sollten.

Der Angeschuldigte ist dann nach seinen Angaben noch zweimal mit Müller und Götz in Lützen zusammengekommen. Der letzte Treff soll im Herbst 1934 stattgefunden haben. An Druckschriften hat der Angeschuldigte nach seinen Angaben einmal 6 und ein andermal 8 bis 10 Stück erhalten. …

In der Wohnung des Angeschuldigten fanden auch regelmäßige Zusammenkünfte statt, bei denen über die politische Lage gesprochen wurde.“

Zu Krause stellt der Ermittlungsbericht des Staatsanwalts fest:

„Werner Krause wurde im Jahre 1931 Mitglied des Reichsbanners. Während derselben Zeit war er auch Mitglied des Sportvereins „Vorwärts“ … Im Mai 1935 übernahm er den Posten des Kassierers und hatte bis August 1935 RM 8,- eingenommen. Während dieser Zeit zahlte er selbst 2,- RM an Beträgen.“

(Aus Gerichtsprozess Römer)

 

 

Gerade zwanzig Jahre alt ist Karl, der Jüngste unter den Angeklagten. Durch seine Aussage versucht er seine Mutter zu entlasten. Zweimal unterbricht der Richter die Verhandlungen. In der zweiten Pause erhalten die Angeklagten in einer Zelle etwas Suppe zu essen. Am späten Nachmittag wird das Urteil verkündet. Zwei Angeklagte spricht man frei, die anderen erhalten hohe Freiheitsstrafen. Entsetzt vernimmt Anna das Urteil zu ihrem geliebten Sohn. Karl stellt den Antrag diese Strafe in eine Gefängnisstrafe umzuwandeln. Vergebens. Nach dem Ende der Verhandlung können Mutter und Sohn im Gerichtssaal noch kurz miteinander sprechen und voneinander Abschied nehmen.


 

Gerichtsprozess am 23. Dezember 1935 vor dem 5. Strafsenat des Kammergerichts im Kriminalgerichtsgebäude in Berlin-Moabit, Turmstraße 91, gegen Max Römer und Genossen

Zusammengestellt aus der Anklageschrift vom 24. September 1935 und dem Urteil vor dem 5. Strafsenat des Kammergerichts im Kriminalgerichtsgebäude in Berlin-Moabit, Turmstraße 91, ausgefertigt am 3. Februar 1936.

Verwaltungsgehilfe Max Römer aus Naumburg an der Saale, Reußenplatz 11, geboren am 4. Februar 1902 in Naumburg, verheiratet, vier Jahre Zuchthaus, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Dauer von fünf Jahren.

Schriftsetzerlehrling Karl Possögel aus Naumburg an der Saale, Kleine Wenzelsstrße 9, geboren am 8. Dezember 1916 in Naumburg, ledig, drei Jahre Zuchthaus, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Dauer von fünf Jahren.

Maurer Erich Russwurm (Bild) aus Naumburg an der Saale, Siedlungshof 7, geboren am 21. Juli 1910 in Eisenach, ledig, zwei Jahre Zuchthaus.

Tischler Werner Krause aus Naumburg an der Saale, Siedlungshof 26, geboren am 26. Juni 1911 in Naumburg, ledig, zwei Jahre Zuchthaus.

Bürogehilfe Adolf Pieper aus Naumburg an der Saale, Weinbergweg 9, geboren am 22. Dezember 1897 in Weißenfels, freigesprochen.

Arbeiter Reinhold Lehmann, aus Naumburg an der Saale, Flemminger Str. 20, geboren am 10. Januar 1892, freigesprochen.

Anna Possögel, geborene Pietscher, aus Naumburg an der Saale, Kleine Wenzelsstraße 9, geboren am 10. Juni 1890, ein Jahr und sechs Monate Gefängnis.

Das Urteil ist unterzeichnet von Kammergerichtsrat Dr. Taeniges als Vorsitzender und von den beisitzenden Richtern Kammergerichtsrat Dr. Crodel, Kammergerichtsrat Holtz, Amtsgerichtsrat Dr. Hückinghaus, Amtsgerichtsrat Dr. Randermann. Gerichtsassessor Imme als Beamter der Staatsanwaltschaft, Justizangestellter Beer als Urkundenbeamter der Geschäftsstelle.

Die Richter bemühten zur Urteilsbegründung [wieder] die §§ 80 Abs. II und §§ 83 Abs. I und II.

Die Anklageschrift vom 24. September ist unterzeichnet von Staatsanwalt Dr. Jung.

(Vgl. Kammergericht 1936)

 

 

Entlassung von Anna

Anna wird am 16. April 1937 aus der Strafanstalt Naumburg entlassen. Mit etwas mehr als 8 Reichsmark kommt sie wieder in das Hinterhaus in die Kleine Wenzelsstraße 9. Täglich muss sie sich beim Kriminalsekretär Scholz melden. Willkürlich bestimmt er bis auf die Minute die Meldezeit. Mit einem Meldezettel betritt sie sein Dienstzimmer. „Hinaus“, brüllt Scholz, „grüßen Sie mit Heil Hitler!“ Anna bleibt. Er lässt sie dafür lange warten. Dann macht er auf dem Meldezettel seine Eintragung und nennt den neuen Termin. So geht das ein gutes Jahr. Scholz droht sie wieder einzusperren, falls sie nicht mit „Heil Hitler“ grüße. Als das nicht fruchtet, verspricht er, sie dann von der Meldepflicht zu befreien. Sie macht es nicht. Karl wäre darüber allzu enttäuscht gewesen, denkt sie tief bewegt.

 


Karl in Buchenwald

Karl Possögel (Zeichnung, historisch)

 

Es ist Juli 1937, als sie die Genehmigung erhält, ihren Sohn im Gefangenenlager Elbregulierung Dessau-Roßlau zu besuchen. Ein und ein drei viertel Jahr sind vergangen, als sie das letzte Mal miteinander im Gerichtssaal sprachen. Nun trennt sie ein breiter Tisch aus dickem Holz. Neben ihr ein Wärter, der sie nicht aus den Augen lässt und dem kein Wort entgeht. Abgemagert und bleich sieht ihr Karl aus, denkt sie. Immer wieder unterbrechen starke Hustenanfälle seine Worte.

Dann berichtet er über seine Arbeit als Technischer Zeichner in einer unbeheizten Baracke. Zum Abschied tritt er hinter dem Tisch hervor und küsst seine Mutter heftig.

Noch zweimal darf Anna Possögel ihren Sohn besuchen. Schon glaubt sie, Karl werde im August 1938 entlassen. Doch die Nazis verschleppen ihn in das KZ Buchenwald, wo er bis zum August 1944 inhaftiert bleibt.

 

Aus dem Einlieferungsbuch
des Konzentrationslagers Buchenwald:

Nr. 5933, eingeliefert 8. September 1938, 18 Uhr, Karl Possögel, geboren 8. Dezember 1916 in Naumburg, Schriftsetzer, Naumburg, Kleine Wenzelsstraße 9, ledig, deutsch, von Halle zugeführt.

 

Karl wälzt sich vom Fieber geschüttelt in seinem Bett im Krankenhaus Naumburg (1947) hin und her. Seine Mutter ist bei ihm. Furchtbare Schmerzen peinigen ihn. „Mütterchen, wir müssen von hier weg“, spricht er im Trance. „Sie werden dich schlagen, und ich kann nicht sehen, dass man meine Mutter schlägt.“ Karl bittet sie um Papier mit Stift und kritzelt Zusammenhangloses darauf: „Ich bin ja hier ein Gefangener!“ Wenn die Mutter ihn beruhigen will, legt er seinen Finger auf den Mund. Dann schläft er wieder.

Fausthiebe, Rippenstöße und Fußtritte gehören in Buchenwald zum täglichen Umgang mit den Gefangenen. Die Arbeit im Steinbruch eine Tortur. Mit unsagbaren Anstrengungen bringt Karl die schweren Steine mit der Karre den steilen, ausgefahrenen Weg hinauf. Nur der Zusammenhalt mit den Genossen hilft, das Grauen zu überstehen. Beim Appell müssen die Männer mit dem roten Winkel zusehen, wie SS-Wachen über die Siege Hitlers jubeln. Je mehr Länder Deutschland unterjocht, desto mehr Ausländer internieren die Nazis in Buchenwald. Darunter sind Österreicher, Tschechen, Polen, Holländer, Franzosen, Dänen, Norweger und Jugoslawen. Um die Sommerwende 1942 erfahren sie vom Überfall Hitlers auf Russland. Was wird jetzt werden? Wieder verkünden im Lager Lautsprecher Meldungen von den deutschen Siegen. Als die Ostfront, der Vormarsch der Wehrmacht, zum Stehen kommt, tritt Stille ein. Stalingrad. Aber auch im Konzentrationslager ist der Winter 1941/42 außerordentlich hart.

Viele Tag pflegt Anna jetzt ihren Sohn Karl im Krankenhaus Naumburg. Am Vorabend ihres Geburtstages soll sie nach Hause gehen, um die erforderlichen Dinge vorzubereiten. Vor zehn Uhr brauchst du nicht da zu sein, weil ich zum Röntgen muss, deutet er der Mutter beim Abschied.

Im September 44 kommandiert man Karl zum Strafbataillon 999. Am 18. März 1945 gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Dann kommt er mit dem Kriegsgefangenentransport nach Nordfrankreich und weiter nach England. Endlich erhält seine Mutter Nachricht vom Roten Kreuz: Karl lebt.

 


Heimkehr

Im schrecklich kalten Januar 1947 kehrt Karl nach Naumburg zurück. Auf dem Rücken trägt er einen Seesack. Darin ist sein ganzes Hab und Gut. Anna ist überglücklich. Nach einigen Tagen Erholung fährt er in der Kälte mit dem Fahrrad bis nach Kölleda und Magdeburg, um Essen zu beschaffen. Er engagiert sich politisch, spricht auf Versammlungen. Mit großem Elan bereitet er sich im Frühjahr 1947 auf sein Studium an der Universität Leipzig vor.

 

Zulassung zum Studium

 

Im Studentenrat arbeitet er mit. Jeden Montag früh fährt er nach Leipzig und kehrt am Sonnabend nach Naumburg zurück.

 

Der Tod von Karl

Als Anna, nachdem sie seit vielen Tagen wieder einmal zu Hause geschlafen hatte, am 10. Juni, dem Tag ihres siebenundfünfzigsten Geburtstages, wieder in das Krankenhaus Naumburg kommt, stehen der Arzt und der Verwalter des Krankenhauses vor dem Zimmer von Karl. Der Verwalter sagt: „Fassen Sie sich. Karl ist zusammengebrochen.“ Das war Viertel nach 10 Uhr. Anna sieht ihren Sohn tot auf dem Bett liegen.

Noch am selben Tag kommt der von Karl so verehrte Lehrer Richard Brechling ins Krankenhaus, um ihm ein Buch von Dostojewski zu bringen. Von der Krankenschwester erfährt er, dass Karl verstorben ist. Sogleich sucht er Anna zu Hause auf, trifft sie aber nicht an.

Die genauen Ursachen des Todes von Karl sind nicht geklärt. Ob es eine Embolie, Erschöpfung oder Kreislaufkollaps war, ist unklar.

„Nun hatte ich“, erinnert sich Anna, „die Sorge um Karls Bestattung.“ Familie Schmidt tröstet sie und hilft, wo sie nur kann.

An einem sonnigen Junitag 47 bettet man Karl auf dem Friedhof an der Weißenfelser Straße zu seiner letzten Ruhe. Vertreter des Ministeriums, Leipziger Studenten, Staatsangestellte, der Betriebsdirektor von Leuna, seine Freunde und Genossen sind erschienen. Ministerialdirektor Otto Kipp hält die Grabrede. Arbeiterchöre singen:

Ein Sohn des Volkes
wollte er sein und bleiben.

 

 

Einlieferungsbuch des Konzentrationslagers Buchenwald. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv, Weimar Buchenwald

[Gerichtsprozess Römer] Der Oberstaatsanwalt beim Kammergericht. 10.0.Js. 226/35. Berlin W 57, den 24. September 1935, Elholzstraße 32, Geheim. An den Herrn Vorsitzenden des 5. Strafsenats des Kammergerichts, Anklageschrift, Dokument, unveröffentlicht. Siehe auch: Kammergericht, Geschäftsnummer: 10. 0.Js. v. 91.35. 3. Februar 1936. Bundesarchiv Berlin, NJ 15.216 (auch zitiert als "Kammergericht 1936")

Possögel, Franz (geboren 23. September 1879): Auszug aus einem Brief vom 1. September 1962, Naumburg, unveröffentlicht

Possögel, Anna: Vor der Verhaftung [Aufzeichnungen]. Stiftung Gedenkstätten Bu-chenwald und Mittelbau-Dora, Archiv Weimar Buchenwald, 31/653

Possögel, Anna: Krankheit [Aufzeichnungen]. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv, Weimar Buchenwald, 31/653

Possögel, Anna: Bericht, handschriftlich. Unterzeichnet mit "Pampfer-Possögel", ohne Datum, nach 1947 geschrieben. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv Weimar Buchenwald, 31/653

[Possögel, zu Karl] Ein Kämpferschicksal. Dem Andenken unseres früh verstorbenen Genossen Karl Possögel gewidmet. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv Weimar Buchenwald, 31/653

[Stapo 1933k] Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle für Juni 1935. In: Die Lagebe-richte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936. Herausgegeben von Hermann-J. Rupieper und Alexander Sperk, Band 2: Regierungsbezirk Merseburg, mdv, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2004, Seite 445 ff.

[Stapo 1933l] Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle für August 1935. In: Die Lage-berichte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936. Herausgegeben von Hermann-J. Rupieper und Alexander Sperk, Band 2: Regierungsbezirk Merseburg, mdv, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2004, Seite 475 ff.

 

* Bild von Max Römer. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, K 6 VdN Halle, Nummer  4443, Blatt 34

** Ausschnitt, Anna Possögel mit ihrem Sohn Karl, unveröffentlichte Vorlage (ohne Angabe des Urhebers)

 

Ich bedanke mich für die freundliche Unterstützung durch das Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt Magdeburg bei der Suche und Überlassung des Bildes von Max Römer (Naumburg). - März 2012

Vielen Dank den MitarbeiternInnen des Archivs der Stitung Gedenkstätten Buchenwald und Dora für die Unterstützung dieses Projekts im Jahr 2006 und 2007.


Autor:
Detlef Belau

Geschrieben: August 2007.
Aktualisiert: 17. Juni 2008

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