Das Wahljahr 1932
 
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Das Wahljahr 1932

 

"....eine lebensgefährliche Formel" (Carl von Ossietzky)
Erster Wahlgang der Präsidentenwahlen

Eine Woche vor dem ersten Wahlgang zu den Präsidentschaftswahlen am 13. März 1932 mobilisiert die Eiserne Front ihre Anhänger. Von der Gaststätte Zur Post (Lindenring) marschiert der Propagandazug mit Musik stadtauswärts. Er wirbt für die SPD, die zusammen mit der Deutschnationalen Partei den Kandidaten Hindenburg unterstützt. Praktisch war in Vorbereitung der Präsidentenwahlen ein Wahlbündnis zwischen der SPD und DNVP entstanden.

Vier Tage später zündet im Schützenhaus von Naumburg der Chefredakteur der (KPD) Tageszeitung Klassenkampf (Halle) Erich Behnke seine rhetorischen Brandraketen gegen Hindenburg.

 

Von wannen kommt den Herren dieser Wissenschaft?

"Man muss festhalten: die Stimme für Thälmann bedeutet kein Vertrauensvotum für die Kommunistische Partei und kein Höchstmaß von Erwartungen. Linkspolitik heißt, die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampfe steht. Thälmann ist der einzige, alles andre ist mehr oder weniger nuancierte Reaktion. Das erleichtert die Wahl.

Die Sozialdemokraten sagen: Hindenburg bedeutet Kampf gegen den Faschismus. Von wannen kommt den Herren dieser Wissenschaft? Der Kandidat betont nur seine Überparteilichkeit, in Sturmzeiten eine lebensgefährliche Formel."

Carl von Ossietzky: Gang eins. Die Weltbühne. Berlin, 1. März 1932

 

Die KPD warnt:

Wer Hindenburg wählt, der wählt Hitler, wer Hitler wählt, der wählt Krieg!

Umgekehrt hört es der Wähler von der SPD. Sein Vorstand erteilt im Aufruf vom 27. Februar 1932 dem Wähler die Direktive:

Schlagt Hitler!
Darum wählt Hindenburg!

KPD- Kandidat Ernst Thälmann, hält die SPD dagegen, hat nicht die geringste Chance.

"Wer für Thälmann stimmt
wählt Hitler",

instruiert am 3. März 1932 der Lübecker Volksbote die Wähler.

Die Harzburger Front war zerfallen. In Naumburg präsentiert der Stahlhelm den hier beliebten Stahlhelmführer Theodor Duesterberg als eigenen Kandidaten. Wahlpolitisch brachte das für die Region zusätzliche Schwierigkeiten.

Zu den Präsidentenwahlen am 13. März 1932 bewegen sich deutschlandweit 86 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne. In Naumburg Stadt beziehungsweise Wahlkreis Merseburg erhalten Paul von Hindenburg 49,6 / 33,1, Adolf Hitler 30,2 / 31,5 und Ernst Thälmann 13,2 / 23,2 Prozent der Stimmen.

Von 19 457 Wahlbürgern entscheiden sich 5 110 für den gemeinsamen Kandidaten von Stahlhelm und Kyffhäuserbund Theodor Duesterberg. 5 742 kreuzen Hindenburg an. 1930 hätte das Hindenburg-Wahlbündnis (DNVP, SPD, DStP, Zentrum, DVP, Stahlhelm) etwa 7 300 Stimmen erhalten. Die Zahl der Hitler-Wähler steigt von 5 902 Personen im Jahr 1930 auf 6 478 im März 1932. Der Zuspruch für die KPD sinkt im gleichen Zeitraum von 2 268 auf 2 127 Wähler. (Tabelle)

"Im ganzen ist also in der Stadt Naumburg seit 1930 eine ganz erhebliche Verschiebung nach rechts eingetreten," folgert die Stadtzeitung aus den Wahlzahlen, "jedenfalls zeigt das Ergebnis, dass trotz der stärkeren Wahlbeteiligung die Sozialdemokraten und Mittelparteien bedeutend zurückgegangen sind."

Wer hat gewonnen, fragt Carl v. Ossietzky nach der ersten Etappe der Präsidentenwahlen am 22. März 1932 in der Weltbühne. Darauf gab es noch keine Antwort. Die Hindenburger feiern. "Und am lautesten jubilieren wieder die Etappenschweine der politischen Linken, die sich seit September Dreissig still verhielten und sich in ihren freundlichen Winterquartieren schon eine neue Fahne nähen ließen, um sie beim herannahmen der facistischen Truppen aufzuziehen."

 

 

Zweiter Wahlgang der Präsidentenwahlen

Im März `32 erreicht kein Kandidat die absolute Mehrheit, weshalb ein weiterer Wahlgang notwendig wird. Aber die Sozialdemokratie hatte den alten Marschall einen gewaltigen Vorsprung gesichert.

Im zweiten Wahlgang am 10. April verbessert Hindenburg sein Ergebnis auf 53,1 (49,2) Prozent. Adolf Hitler erreicht 36,7 (30,1) Prozent. Ernst Thälmann erhält mit 10,2 (13,2) Prozent diesmal deutlich weniger Stimmen als am 13. März.

 

Ein Duell zwischen Republik und Facismus:
Die Wahlen zum Preußischen Landtag

Zur Preussenwahl im April 1932.

Volksstimme, Magdeburg, den 19.04.1932, Seite 3. Name des Zeichners unbekannt.

"Die Preussenwahl, das ist der dritte Gang, der wichtigste, in dem Duell zwischen Republik und Facismus." Unter diesem Gesichtpunkt erörtert Carl Ossietzky am 22. März 1932 die bevorstehenden Wahlen zum preussischen Landtag am 24. April 1932.

Zwölf Tage vor dem Wahltermin rückt Heinrich Bachmann (1903-1945) aus Halle (Saale) zur Versammlung der NSDAP-Ortsgruppe Naumburg und eröffnet mit harten Angriffen auf die SPD den Wahlkampf: "Das Volk hat genug von 13 Jahren sozialdemokratischer Politik. Die Bilanz ergibt ein erschütterndes Bild: Ein ausgehungertes Arbeitertum, der Mittelstand zugrunde gerichtet, die Landwirtschaft durch Steuerbolschewismus enteignet." "Am 24. April wird abgerechnet; dann werden mit der Vorherrschaft der SPD auch jene Beamte ohne berufliche Vorbildung" verschwinden, verspricht der Gaubetriebszellenobmann und Kreisvorsteher des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes (DHV) im Kreis Halle-Wittenberg.

Von 18 851 Naumburger Wahlbürgern geben 8 521 ihre Stimme der NSDAP. Das sind 2 619 mehr als zu den Reichstagswahlen am 14. September 1930. Allerdings scheitert die Bewerbung des Naumburger NSDAP-Kreisleiters Friedrich Uebelhoer im Wahlkreis 11 (Merseburg) um ein Landtagsmandat.

SPD und KPD verschlechtern sich bei dieser Wahl von 3 149 auf 2 844 beziehungsweise von 2 268 auf 1 795 Stimmen. Die DNVP gewinnt etwa zehn Prozent dazu. DVP (447), Wirtschaftspartei (72) und Staatspartei (251) finden in Naumburg nur ganz geringe Unterstützung.

 

 

 

Zu den Ergebnissen der Landtagswahlen am 24. April 1932

Naumburg Stadt und Naumburg Land
im Vergleich mit den Reichstagswahlen vom 14. September 1930


 
DNVP
NSDAP
SPD
KPD
SAP
DVP
Zent.
WP
DStP
Andere
Gesamt
            

Stadt 14.9.
1930

3437
5902
3149
2268
 
1131
269
1534
447
714
18851

 

18,2
31,3
16,7
12,0
 
6,0
1,4
8,1
2,4
3,8
100
            

Stadt 24.4.
1932

3920
8521
2844
1795
62
447
260
72
251
269
18441

Prozent

21,3
46,2
15,4
9,7
0,3
2,4
1,4
0,4
1,4
1,5
100
            

Nmb.-Land

1690
6148
1236
749
44
101
31
51
63
207
10320

Prozent

16,4
59,6
12,0
7,3
0,4
1,0
0,3
0,5
0,6
2,0
100

 

Abkürzungen: WP - Wirtschaftspartei, DStP - Deutsche Staatspartei (bis November 1930 Deutsche Demokratische Partei), Zent. - Zentrum

 

 

 

 

Zum Verhältnis
von Nationalsozialisten und Deutschnationalen

Den DNVP-Wahlkampf `32 in Naumburg führt der Vorsitzende des Kreisvereins der Deutschnationalen Volkspartei Doktor Wolfgang Schöbel (Herrenstraße 2). Das Amt übernahm er erst am 10. Juli 1931 von Oberlandesgerichtsrat Kosack.

Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ist eine antisemitische und -sozialistische Organisation, die über eine mächtige Propagandamaschine verfügt (Stichwort: Alfred von Hugenberg). Gemäss ihren Grundsätzen bekennt sie sich aus Anlass der Wahlen zum Preußischen Landtag am 20. Mai 1928 zur "monarchistischen Staatsform", weil sie der "Eigenart" und "geschichtlichen Entwicklung Deutschlands" entspricht. (Vgl. Grundsätze) Die "nationale Opposition" (Hugenberg in Stettin, September 1931) ist mit Georg Schiele in Naumburg parlamentarisch, personell und organisatorisch stark vertreten.

Zusammen mit der NSDAP fischen die Deutschnationalen bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 in Naumburg 71,5 Prozent der Stimmen ab. Nach der Kommunalwahl am 12. März 1933 regiert der nationalsozialistisch-deutschnationale Machtblock die Stadt. Immer wieder erreicht die DNVP bei den Reichstags- und Landtagswahlen in Naumburg (Saale) ein weit über dem Durchschnittswert des Landes liegendes Ergebnis:

Reichstagswahlen 4. Mai 1924
DNVP: Naumburg Stadt 31 Prozent, Reich 19,5 Prozent.

Reichstagswahlen 7. Dezember 1924
DNVP: Naumburg Stadt 40,4 Prozent, Reich 20,5 Prozent.

Landtagswahlen Preussen 7. Dezember 1924
Naumburg Stadt: 43,5 Prozent.

Reichstagswahlen 20. Mai 1928
DNVP: Naumburg Stadt 28,2 Prozent, Reich 14,2 Prozent.

Reichstagswahlen 31. Juli 1932
DNVP: Naumburg Stadt 19,7 Prozent, Reich 5,9 Prozent.

Reichstagswahlen 6. November 1932
DNVP: Naumburg Stadt 31,1 Prozent, Reich: 8,8 Prozent.

 

In Naumburg führt den Wahlkampf für die Nationalsozialistische Partei Deutschlands Friedrich Uebelhoer.

Im Stadtleben demonstrieren DNVP und NSDAP einen hohen Grad der Übereinstimmung auf. "Deshalb rufe er", so Doktor Friedrich Everling (1891-1958) von der DNVP auf einer Versammlung am 14. April 1932 in Naumburg, "auch den Nationalsozialisten zu, die ja mit den Deutschnationalen in der Harzburger Front ständen, man solle aufhören, gegeneinander zu stehen. Sie allein könnten es nicht schaffen." (Schöbel/Everling)

Oberleutnant a. D. von Loewenfeld wechselt auf der NSDAP-Versammlung im April 1932 von der DNVP zur Hitlerpartei über. "Seit dem November 1918 sei er Gegner des Systems," verbreitet ein Zeitungsbericht. "Im Jahre 1920 habe er sich nach dem Ausscheiden aus dem Heeresdienst der Deutschnationalen Volkspartei angeschlossen, die damals den gesunden deutschen Kern bildet. Da dieser Partei aber der Führer gefehlt habe, habe sie versagt und dem Dawesplan zur Annahme verholfen. Als Hindenburg dann die Führung übernahm, sei er der Partei wieder beigetreten. … Er wisse, daß sich noch eine große Zahl guter Deutscher in der DNVP befänden ..." (NSDAP 23.4.1932)

Bereits das Programm der DNVP von 1924 offenbart essentielle Gemeinsamkeiten mit der NSDAP. Beide Parteien wollen - "zur Wehrhaftmachung" - die Aufrüstung. Deshalb ist es notwendig, eine Jugend mit dem Opfermut von 1914 zu erziehen. Hierzu fordern sie den "wahrhaft deutschen Geschichtsunterricht" (DNVP) und meinen damit die Dolchstoßlegende, das Narrativ von den Novemberverbrechern, alles was zur Diskriminierung der Republik geeignet ist. Deutschnationale und Nationalsozialisten streben die Revision der Grenzen an. Ein halbes Jahr nach der Machtübernahme, weihen der Stahlhelm und die Nationalsozialisten im Bürgergarten das Langemarck-Denkmal ein. In Saaleck widmet am 29. Oktober 1933 die extreme Rechte den Mördern des deutschen Außenministers Walter Rathenau einen Gedenkstein.

 

 


Gemeinsamkeiten und Unterschiede
von NSDAP und DNVP
im Wahlkampf 1932
in Naumburg an der Saale


     DNVP
                   NSDAP


G   e   m   e   i   n   s   a   m   k   e   i   t   e  n

 

 

Wir brauchen ein wehrhaftes Volk! Die Aufrüstung Deutschlands ist eine Frage der Ehre und Notwehr!

 

Weg mit dem Versailler Vertrag, Rüstung

 

"Die Polen sind nicht fähig, Länder zu regieren und zur Blüte zu bringen."

 

Revision der östlichen Grenzen

 

Wahrhaft deutscher Geschichtsunterricht im Sinne von Paul Hindenburg, Erich Ludendorff und Wolfgang Kapp

 

Dolchstoßlegende
Novemberverbrecher

 

Hauptgegner: SPD, KPD (Arbeiterbewegung)

 

Hauptgegner: SPD, KPD (Arbeiterbewegung)

antisemitische Tendenzen

 

antisemitisches Programm

 

 

monarchistisch - Hindenburg als Ersatzmonarch

 

Abschaffung der Parteien (Hitlers Göttinger Rede 21.7.1932), Führerprinzip, antidemokratisch

 

"Lasst die alten Fahnen wehen. Deutsch-National bringt Auferstehen."

 

Politik der nationalen Erhebung

 

Volksgemeinschaftsideologie

 

Volksgemeinschaftsideologie

 

Kampagne "ehrlicher Staat"

 

gegen die Weimarer Republik

 

Befreiung Deutschlands von inneren und äusserer Knechtschaft - wider den "Erfüllungsgehilfen" in der Regierung

 

gegen die "Erfüllungspolitik"

 

Distanz gegenüber dem Völkerbund

 

Ablehnung des Völkerbundes


U   n   t   e   r   s   c   h   i   e   d   e

 

Selbstbild: konservativ

 

Selbstbild: modern

 

stolzes Bürgertum

 

Pflege der nationalen Arbeiterschaft

 

 

Profitinteressen

 

Volksgemeinschaft
"Gemeinschaftsinteressen"

 

"Kapital etwas an sich sehr Ehrliches." Kapital ist Ersparnis.

 

kritisiert den spekulativen Charakter des Kapitals

 

Monarchistisch bis Parteienherrschaft - insgesamt unklare Vorstellungen


NSDAP-Alleinherrschaft

 

freier Markt

 

Ablehnung des liberal-kapitalistischen Denkens

Weg vom Staatssozialismus

 

Markt mit Lenkungsfunktion gegenüber der Großwirtschaft

 

 

sozial, aber nicht sozialistisch

 

nationaler Sozialismus

 

Mit der Gleichheit geht alle Wirtschaft und Gerechtigkeit zum Teufel.

 

Interessenausgleich über die Volksgemeinschaft

keine Begrenzung der Einkommen

 

Herabsetzung der öffentlichen Spitzengehälter und Selbstbeschränkung beim Einkommen

 

 

Zur NSDAP: "Unsere Kameraden."

 

 

Zur DNVP: "Ihr fehlt die Staatsidee!"

 

 

"Jeder wird betreut, von der Wiege bis zur Bahre. Danach ist das Verantwortungsbewusstsein des Menschen zerstört."

 

Wohlstand des Volkes.

 

 

Der gemeinsame Gegner

Für die NSDAP und DNVP ist die SPD der Hauptfeind.

Die Deutschnationalen und Nationalsozialisten eint der Kampf gegen die Arbeiterparteien, den Marxismus und Pazifismus. Sie möchten, wie NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer (25.7.1932) sagt:

"dem marxistischen System das Genick brechen".

"Es ist schwer für die Sozialdemokratie," behauptet der DNVP-Ortsvorsitzende von Naumburg Doktor phil. nat. Wolfgang Schöbel (4.7.1931), "die Massen darüber hinwegzutäuschen, dass ihre Regierung das Volk in Not und Elend geführt hat und noch führt."

"Was nützen Waffen, wenn der Geist verfehlt, der sie richtig führen kann. Und dieser Geist wird heute planmäßig zersetzt: Marxismus, Materialismus, Pazifismus werden eingesetzt zur körperlichen und geistigen Vernichtung. Das Ende davon muß sein: Der Ausverkauf Deutschlands. Politisch und wirtschaftlich." (NSDAP-Versammlung 21.2.1930)

"Tiefste Empörung herrschte überall über das Verbot der SA. und SS.", äußert sich der DNVP-Landtagsabgeordnete Dr. Everling auf einer Versammlung am 14. April 1932 in den Ratskellersälen vor seinen Parteifreunden. "Aus Kameradschaft spreche er den Nationalsozialisten sein tiefstes Bedauern über das Vorgehen der Regierung aus." (Schöbel/Everling) Doktor Schöbel, Vorsitzender des DNVP-Kreisvereins Naumburg, charakterisiert in seiner Begrüßungsrede zur Kundgebung in den Ratskellersälen am 20. April 1932 die von der Presse aufgestellte Behauptung, dass deutschnationale Minister sich in einigen Ländern für ein SA- und SS-Verbot eingesetzt haben, als Wahllüge. (Vgl. Schöbel/Doehring)


Keine sozialistischen Experimente

Kein Raum für sozialistische Experimente, wir müssen zurück zur Privatwirtschaft, lautet die Maxime der DNVP 1932. (Vgl. DNVP 25.7.1932) "Unser Hauptkampf gilt dem volksverderbenden Sozialismus. Wir alle haben genug vom Marxismus, der Lehre des Juden Marx, vom Klassenkampf, vom Internationalismus." (DNVP 31.10.1932) Das ist die Gegenreaktion auf gewachsene Zustimmung zur Arbeiterbewegung der Stadt. Für ihre sozialen Forderungen zeigen die Deutschnationalen kein Verständnis. Den in den letzten 13 Jahren herrschenden Staatssozialismus, wie sie nicht müde werden zu wiederholen, lehnen sie ab. Wörtlich:

"Heute sind wir zum Fürsorgestaat herabgesunken. Jeder wird betreut von der Wiege bis zur Bahre. Dadurch ist das Verantwortungsgefühl des einzelnen Menschen zerstört." (DNVP 25.7.1932)

Wie denn das? Ein Fürsorgestaat mit Mangel an Fleisch, Eiern und Fisch, mit Lebensmittelkarten, Hamsterfahrten, Schlange stehen, grassierendem Hunger, epidemischer Tuberkulose, mit Hyperinflation und Massenerwerbslosigkeit? Zeigen die Bilder von Otto Dix, George Grosz, Käthe Kollwitz, Otto Nagel oder Heinrich Zille etwa das Leben in einem Sozialstaat?

 

Sorgen der Hausbesitzer

"In dem jetzigen angeblich privatwirtschaftlichen System wird statt der früheren Grundvermögenssteuer der Gemeinden von 100 Prozent eine staatliche Grundvermögenssteuer von 100 Prozent erhoben, wozu ein staatlicher Zuschlag … " und so weiter und sofort. "Durch alles dies ist der Zustand geschaffen, daß der Hausbesitzer durchschnittlich 82 Prozent der gesamten Mieten an den Staat abführen muß, ehe er etwas für die Arbeiten zur Erhaltung und Verbesserung seines Hauses ausgeben kann."

(Aus einer DNVP-Wahlversammlung 1932 in Naumburg, DNVP 25.7.1932)

 

Die "immer teuerer werden Sozialmaßnahmen" ruinieren den Staat, sagen die Deutschnationalen. "Ihr sollte euch allesamt was schämen, von den armen Staat noch Geld zu nehmen!", karikiert 1930 Kurt Tucholsky in Die freie Wirtschaft diese Politik.

Worauf die Deutschnationalen mit dem Staatssozialismus verweisen, sind die in der Weimarer Republik stark gestiegenen Sozialleistungen. Der Personenkreis für den Empfang von Leistungen erhöhte sich in der Stadt Naumburg von 1913 0,8 Prozent auf 1932 17,3 Prozent. (Vgl. Einkommen)

Schon aus taktischen Gründen weist die NSDAP Naumburg den Sozialismus-Vorwurf seitens der Deutschnationalen energisch zurück, obwohl sie ihn dann in der Erklärung vom 23. Juli 1932 selbst wieder gebraucht. Ihr Spiel mit dem Begriff dient demagogischen Zwecken. In der Erwiderung setzt die NSDAP sich klar von der Hugenberg-Partei ab, wenn sie ihr vorwirft, "soziale Taten" könne sie nicht vollbringen, weil ihr der "soziale Geist" fehlt. Tatsächlich geht die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei mit der Arbeiterschaft anders um als die Deutschnationalen. Paradigmatisch hierfür Uebelhoers Sätze von 1924 in Naumburg:

"Die gebildete Schicht hat ein schweres Versäumnis wieder gutzumachen: Sie vergaß früher, daß es einen vierten Stand gab. Sie kannte nicht die Seele des deutschen Arbeiters. So konnte der deutsche Arbeiter nur allzu leicht eine Beute der jüdischen Umarmung werden." (24.11.1925)

Zugleich mahne er damals das Naumburger Bildungsbürgertum, sich endlich mit der Bewegung zu befassen.

Mit dem Sozialismus kommt letztlich die Frage nach dem Privateigentum und der Wirtschaftsform auf. Dazu nehmen die Naumburger Nationalsozialisten eine klare Haltung ein. In der Presseerklärung der NSDAP-Kreisleitung Naumburg vom 23. Juli 1932 teilen sie mit: "Aus unserem Schrifttum geht klar hervor, daß wir nicht die kollektivistische Wirtschaftsreform in der Hand des Staates unter Ausschaltung des selbständigen Unternehmertums aus dem Mittelstand wollen. Gerade weil wir Sozialisten sind, treten wir für die Aufrechterhaltung des Privateigentums ein. Denn ohne Privateigentumsrecht gibt es kein Streben, keine freie Entfaltung der im Volk vorhandenen schöpferischen Kräfte und Persönlichkeitswerte. Wir lehnen als wahre Sozialisten den Gedanken der Gleichmacherei als volkswirtschaftlichen Wahnsinn mit aller Entschiedenheit ab. Wir treten für unbedingte soziale Gerechtigkeit ein. Unser Grundsatz lautet nicht, Alles gehört allen, und Eigentum ist Diebstahl, sondern: `Jedem das Seine`, d.h. jedem das, was ihm auf Grund seiner im Interesse des Volksganzen gelegenen Leistungen gebührt. Der Nationalsozialismus ist schroffster Gegner einer marxistischen Sozialisierung …" (Uebelhoer 23.7.1932)

 

 

Der Preussenschlag

Am 1. Juni 1932 übernimmt Franz von Papen (1879-1969) das Amt des Reichskanzlers von Heinrich Brüning. Drei Tage später gibt er die Auflösung des Reichstages bekannt und spricht von der Misswirtschaft der Parlamentsdemokratie. Das ist der Übergang von parlamentarischen zu autoritären, diktatorisch-faschistischen Verhältnissen.

Plakat Der Arbeiter im Reich des Hakenkreuzes! - Darum wählt Liste 1 Sozialdemokraten! Reichstagswahl 31. Juli 1932. Künstler: Karl Geiss.

Zusammen mit der Gewerkschaft und sympathisierenden Bürgern protestieren am 6. Juli in Naumburg die Linken

Gegen den Terror der braunen System-Armee Hitlers, gegen Entdemokratisierung, Sozialabbau und Arbeitslosigkeit.

In der Nacht vom 8. zum 9. Juli (1932) überfallen die Nazis den Spechsart-Konsum. Die Haus- und Grundbesitzer umwirbt die NSDAP und ruft für den 22. Juli eine Versammlung in den Ratskeller ein. Doktor Hans Fabricius (1891-1945) referiert zur Frage:

Unser Stellung zur Hausbesitzerfrage und zum Berufsbeamtentum.

Mahnend hebt der Bund Königin Luise die Stimme: Deutschland steht mit den Reichstagswahlen vor einer "schicksalsschweren Entscheidung". Ihre Führerin Frau Ziegler ruft zum 28. Juli abends alle Bürger zur Besprechung der wichtigen nationalen Belange in den Saal des Kuchenhauses. Hier erklärt sie, "dass einzig und allein die Rechtsparteien für die Kameradinnen in Betracht kämen, denn die Linke hätte zwar Friede - Freiheit - Brot versprochen, doch lehrten die Zustände unter der schwarz-roten Regierung, dass wir uns im Gegenteil immer mehr von Friede, Freiheit und Brot entfernten." Wehrwolf und Stahlhelm treiben die gleiche Wahlpropaganda.

Am 29. Juli abends 7 Uhr bittet die NSDAP-Ortsgruppe Naumburg auf den Sportplatz am Ostbahnhof zur Kundgebung. Prinz August Wilhelm von Preussen (1887-1948) spricht zum Thema:

Preußen - Deutschlands Rettung durch Adolf Hitler.

Der Vorverkauf der Eintrittskarten zum Preis von 2 bis 0,50 Reichsmark erfolgt in der Nationalsozialistischen Bücherstube am Steinweg 11. Ab 5 Uhr beginnt der Einlass. Zur Unterhaltung spielt die NS-Kapelle.

Am Montag, den 25. Juli 1932 laden die Deutschnationalen zur Wahlkampf-Veranstaltung in den Ratskeller. Doktor Georg Schiele (Naumburg) ist wegen Krankheit verhindert. Sein Freund Pfarrer Gottfried Traub (1869-1956) springt ein und eröffnet die Rede mit dem Hinweis auf die jüngsten Ereignisse:

"Ich komme gerade aus Berlin. Der alte Stall ist dort ausgemistet worden. Was wir so oft gewünscht, ist geschehen. Severing [Preußischer Innenminister, SPD], Grzesinski [Polizeipräsident von Berlin, SPD] und Konsorten [Otto Braun, Ministerpräsident] sind verschwunden." (Traub)

Es ist der Preussenschlag, den die Deutschnationalen hier überschwänglich feiern. Franz von Papen setzte am 20. Juli die Regierung in Preussen ab und rief mit der Begründung, dass die "öffentliche Sicherheit und Ordnung" gefährdet sei, den Ausnahmezustand für Berlin und Brandenburg aus.

Obwohl die NSDAP bei den Landtagswahlen am 24. April 1932 viele Stimmen gewann, reichte es nicht zur Mehrheit. Das konnte für sie, wie Carl von Ossitzky im Mai 1932 vermutet, nur als Anreiz wirken, "den Sturm so bald wie möglich wieder aufzunehmen." Dazu bot sich ihnen der Altonaer Blutsonntag vom  17. Juli an. Bei einem Werbemarsch der NSDAP durch die Stadt sterben 18 Menschen und drei Polizisten erleiden Verletzungen. Bereits sechs Tage vor dem Putsch unterzeichnete Reichspräsident Hindenburg eine undatierte Notverordnung, die Franz von Papen als Wortführer des rechten Flügels der Zentrumspartei zum Reichskommissar für Preußen bestimmt.

Vier Tage vor dem Putsch befasste sich der SPD-Parteivorstand mit der politischen Lage. Otto Wels vom Parteivorstand, Franz Künstler von der Berliner Parteiorganisation, Theodor Leipart als ADGB-Vorsitzender und Karl Höltermann, Vorsitzender des Reichsbanners, überfiel auf der Sitzungsrunde am 20. Juli ein lähmender Schock. Ihre jahrelange Erziehung zu nüchternen Realpolitikern hemmte ihre Entschlusskraft. (Vgl. SPD 139) Obwohl die preussische Polizei nach dem Urteil von Wilhelm Hoegner (1887-1980) durch Zehntausende erprobter Reichsbannerleute verstärkt werden müssen, wird die rote Festung Preussen preisgegeben. "Aber die deutsche Sozialdemokratie besaß schon damals nicht mehr die Kraft zu einer entschlossenen Tat, es reichte gerade noch zu einer kraftmeierischen Geste. …." (Hoegner 32 f).

 

 

Die Reichstagswahlen am 31. Juli

"Der Ausgang des 20. Juli 1932 [Preussenschlag] hat Nazis und Papenregierung zuversichtlich gemacht!" (Albert Grzesinski) Zur Reichstagswahl am 31. Juli 1932 will die SPD ihnen die gebührende Antwort erteilen. Das Vorhaben scheitert. Nur 22 Prozent der Wähler geben ihr die Stimme.

 


Wahlen zum Deutschen Reichstag 1932

Naumburg Stadt

 

 
31. Juli
6. November
 
Naumburg
Reich
Naumburg
Reich
 
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent
NSDAP
8834
45,9
37,4
6005
32,8
33,1
DNVP
3797
19,7
5,9
5697
31,1
8,8
SPD
2915
15,2
21,6
2851
15,6
20,4
KPD
2590
13,5
14,6
2697
14,7
16,9
DVP
414
2,2
1,2

553

3,0
1,9

Zentrum

320
1,7
12,5
314
1,7
11,9
DDP / DSt
172
0,9
1,0
146
0,8
1,0
WP
59
0,3
    

RP

   
10
0,1
 

BVP

  
3,2
  
3,1
Christlich-Soziale
62
0,3
 
30
0,2
 
Deutsches Landvolk
2
  
3
  
Andere
74
0,4
2,6
  
2,9
  
100
100
 
99,5
100
 
19240
  
18306
  

Wahlbeteiligung

89 Prozent

    

 

Anmerkungen zur DDP / DSt: Am 20. November 1918 konstituierte sich die Deutsche Demokratische Partei (Walter Rathenau, Hellmut von Gerlach, Theodor Wolff, Otto Gessler, Erich Koch-Weser). Sie stand der Räteorganisation offen gegenüber, wo hingegen sie den Versailler Vertrag strikt ablehnt. DDP geht im November 1930 in der Deutschen Staatspartei (DSt) auf. Ein namhafter Abgeordneter im Reichstag war Theodor Heuss (1884-1963). Im Preußischen Landtag vertrat Otto Nuschke (1883-1957) die Deutsche die Staatspartei (DSt) von 1918-1933.

Anmerkungen zur DVP: Im Dezember 1918 gründete sich in Konkurrenz zur DDP und in Tradition der Nationalliberalen die Deutsche Volkspartei mit Persönlichkeiten wie Robert Friedberg, Paul Vogel, Otto Hugo und Gustav Stresemann. Im Grundsatz strebt die DVP eine Aussöhnung der Liberalen mit dem sozialen Gedanken an. In einem persönlichen Brief bietet 1931 ihr Vorsitzender Eduard Dingeldeys (1886-1942) Adolf Hitler "die Möglichkeit einer wirklichen Zusammenarbeit" an. Zu den Juli-Wahlen 1932 ging sie eine Listenverbindung mit der DNVP ein.

Anmerkungen zur KPD: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12.

Anmerkungen zur SPD: 1, 2, 3, 4.

Anmerkungen zum Zentrum: Das Zentrum oder die Deutsche Zentrumspartei gehen zurück auf einen Zusammenschluss von 58 Abgeordneten im Preußischen Landtag vom Dezember 1870. Sie stand in Opposition zur protestantischen Preußischen und Reichsregierung. Im Sitzungssaal des Parlaments saßen ihre Abgeordneten in der Mitte - im Zentrum - zwischen den Rechten und den Linken. Von November 1917 bis September 1918 stellte sie mit Georg von Hertling den Reichskanzler. Die Revolution von 1918 lehnte sie ab, befürworteten aber die am 9. November 1918 ausgerufene Republik. In den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 wurde sie mit 19,7 Prozent (91 Mandate) zweitstärkste Fraktion hinter der SPD. Sie bildete mit der SPD und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) die Weimarer Koalition. Sie gestaltete wesentlich die Politik der Weimarer Republik mit. Sie war zwischen 1920 und 1932 an allen Regierungen beteiligt. In den Wahlen am 5. März 1933 erreichte sie 11,2 Prozent der Stimmen. Im Juli 1933 löste sie sich selbst auf.



 

Unter der Überschrift

"Marxisten-Wahlerfolg in Kappstadt
Der Erfolg verzweifelter Schwindeleien!".

schreibt am 3. August 1932 der Volksbote (Zeitz):

"Das Ergebnis der Reichstagswahlen hat in Naumburg auf vielen Seiten eine große Enttäuschung gebracht. Alle Berechnungen haben sich als trügerisch erwiesen, ja namentlich die Prophezeiung, daß die Sozialdemokratie als bescheidener Überrest aus dem Wahlkampf hervorgehen würde. Daß unser Stimmenanteil sogar noch ein kleines Plus zeigt, dürfte die bitterste Enttäuschung für unsere Gegner sein."

"Die Wunschträume der Nazis, den Marxismus auszurotten, sind nicht nur unerfüllt geblieben; dieser Marxismus hat eine wesentliche Stärkung auch in dem reaktionären Naumburg erfahren; denn auch die KPD. hat, entgegen alle Erwartungen, den bei der Landtagswahlen erlittenen Verlust nicht nur aufgeholt, sondern auch noch eine beträchtliche Zunahme erfahren."

Hier deutet sich vorsichtig an, was wenig später den Arbeiterparteien zum Verhängnis wird, die Beschönigung der eigenen Fehler und die Neigung zur Unterschätzung der nationalsozialistischen Bewegung. Denn in Wahrheit waren die Wahlen vom 31. Juli 1932 kein Marxisten-Wahlerfolg.

Ein Vergleich der Zahlen Reichstagswahlen vom 14. September 1930 und 31. Juli 1932 für die Stadt Naumburg ergibt folgendes Bild: DNVP: 18,2 / 19,7, NSDAP: 31,3 / 45,9, SPD: 16,7 / 15,2, KPD: 12,0 / 13,5 Prozent.

Der Volksbote verschweigt, dass die SPD ihr strategisches Ziel, dass Rückspiel zum Preussenschlag zu gewinnen, nicht erreicht hat. Sie bezahlt damit den Preis für die Tolerierung der Brüningschen Wirtschafts- und Sozialpolitik (1930-1932). Für die Politik des kleinsten Übels bringen viele Wähler kein Verständnis auf.

"Das Volk war der Seiltänzereien [der Tolerierungspolitik gegenüber Brüning] müde",

urteilt SPD-Reichstagsabgeordneter Wilhelm Hoegner (1887-1980).

In Naumburg gründete sich eine SAP-Gruppe, was auf hartnäckige Auseinandersetzungen um diese Frage schliessen lässt.

Wohl konnte die KPD ihr Ergebnis im Somer 1932 verbessern (12,0 / 13,5 Prozent), aber für die NSDAP stimmten 45,9 Prozent der Wähler. Den politischen Bürger überraschte das nicht, war er doch Augenzeuge des Aufschwungs der Hitler-Partei und ihres Wandels zur Volkspartei.

Deutschlandweit erreicht die NSDAP bei den Juli-Wahlen mit 37 Prozent der Stimmen ihr bisher bestes Ergebnis. Hitler bekommt vom Präsidenten den Posten des Vizekanzlers angeboten. Er will die Macht nicht teilen und lehnt ab.

"Das Aufblühen der Nazis ist lediglich auf Kosten der bürgerlichen Parteien erfolgt," beobachtete der Volksbote (Zeitz). "So steht einwandfrei fest, daß die Mehrzahl der Naumburger Geschäftsleute unter den Fittichen der Nazis segeln, eine Tatsache, aus der die Arbeiterschaft die notwendige Schlussfolgerung ziehen muss."

Der Deutschen Volkspartei (DVP) gaben am 20. Mai 1925 aus Anlass der Reichstagswahlen 10,5 Prozent der Wähler ihre Stimme. Bei den Landtagswahlen am 24. April 1932 waren es nur noch 2,4 Prozent. Jetzt - am 31. Juli - sind es in Naumburg nur noch 2,2 Prozent, also 414 Bürger. Ein Symptom für den Niedergang des Liberalismus. Ob als Partei, sei hier nicht erörtert, aber als Geisteshaltung und Lebensprinzip der Toleranz, Offenheit und Fähigkeit zur konstruktiven Kritik an den Verhältnissen, hätte die Stadt des Liberalismus so dringend bedurft.

Einen "katastrophalen Zusammenbruch" erlebten am 31. Juli die Strategen Eix und Hagemann von der Wirtschaftspartei. Sie schrumpfen auf die Stärke eines Pfeifenclubs zusammen, erklärt der Volksbote (Zeitz, 3.8.1932).

 

 

Die Reichstagswahlen am 6. November 1932

Im Herbst `32 kommt es zu vielen Streiks. Einen Tag nach der November-Wahl endet der BVG-Streik. Für die KPD erstimmen

am 6. November 1932 zu den Reichstagswahlen

die unzufriedenen Arbeiter 100 Mandate (16,9 Prozent). Das sind 11 Mandate mehr als bei den letzten Wahlen. Der Stimmenanteil der Arbeiterparteien steigt von 36,2 auf 37,2 Prozent an.

Die NSDAP verliert im Vergleich zum Juli 4,5 Prozent der Stimmen, was etwa zwei Millionen Wähler oder 34 [35] Mandate entspricht. Hitler kommt sein koalitions-taktisch wirres politisches Spiel teuer zu stehen.

 

 

Während die DNVP im Reich zwischen 5 bis 9 Prozent der Stimmen erhält, steigt ihr Anteil in der Stadt von 19,7 Prozent im Juli auf 31,1 Prozent im November `32 an. Die Deutschnationalen sammelten, wähnt der Volksbote (Zeitz), ihre Stimmen in feudalen Kreisen. Wahrscheinlich waren es weniger höfische, aristokratische oder monarchistische Gruppen, sondern vor allem die streng nationale Familie, die ihren Machtanspruch artikulierte.

Im November `32 entscheiden sich in Naumburg 32,8 Prozent der Wähler für die NSDAP, was im Vergleich zur Wahl am 31. Juli ein Minus von 13,1 Prozent bedeutet.

Nicht selten besteht die Ansicht, dass die November-Wahlen auf eine entscheidende und dauerhafte Schwächung der NSDAP hindeuten. Ihr Zenit ist überschritten und sie ist vom Weg zur Macht abgebracht, kann man so oder ganz ähnlich öfters lesen. Manchmal erscheint die November-Wahl von 1932 sogar als demokratischer Hoffnungsschimmer. All das basiert meist auf Wahlarithmetik und vernachlässsigt folgende Tendenzen:

1.) Die Verelendung breiter Volksmassen hält an. (Auch wenn sich volkswirtschaftlich Anzeichen eine Erholung zeigen.)

Plakat Gegen Hitler, Papen, Thälmann. Liste 2 Sozialdemokraten zur Reichstagswahl am 6. November 1932

Zur symbolischen Bedeutung der drei Pfeile siehe auch Eiserne Front.

 
Plakat Sozialdemokraten! Liste 2. Reichstagswahl 6. November 1932. Künstler: Otto Baumberger

2.) Immer weniger Bürger vertrauen den Parteien. Die Krise des Parlamentarismus, worüber 1931 der SPD-Parteitag befand, ist nicht überwunden.

Obwohl Adolf Hitler am 21. Juli 1932 in der Göttinger-Rede die Auflösung der Parteien ankündigt und somit für Jedermann ersichtlich war, dass dies das Ende der Demokratie einläutet, ist von Empörung nichts zu spüren. Wie wollte der Hindenburg-Block im Frühjahr `32 mit ihrem Kandidaten dem etwas entgegensetzen, wenn dieser sich als "Sinnbild der Volksgemeinschaft" verstand und selbst die "Überwindung des Parteiengeistes" ankündigte?

3.) Unentwegt schüren die vaterländischen Verbände - Stahlhelm, Alldeutscher Verband, Deutscher Kolonialverein, Nationalverband Deutscher Offiziere (N.D.O.), Wehrwolf, Bund Oberland, Jungdeutscher Orden, Bund Wiking, Deutscher Reichskriegerbund Kyffhäuser - den Hass auf den Westen.

4.) Etwa ab 1930 veredelt die NSDAP ihren aggressiv-militanten Nationalismus mit der Rassenideologie, weitet ihre Massenbasis aus und nimmt den Charakter einer Volkspartei an. So wächst die Gefahr der Formierung eines nationalsozialistisch-deutschnationalen-Machtblocks.

5.) Der nationalsozialistische Bewegung strebt nach staatlicher Alleinherrschaft unter Anwendung von Terror und Missachtung der humanistischen Traditionen des englischen Parlamentarismus und der europäischen Aufklärung. Sie gründet ihren Durchbruch zur Macht auf moralische Normen und Anschauungen, die in der deutschen Gesellschaft lange vor 1933 gewachsen und gepflegt wurden. Wenn von diesen kulturellen Wandlungen und die sie begleitende anomische Gesellschaftsmoral in Wahleinschätzungen völlig abstrahiert wird, können ihre Aussagen nur bedingt Geltung erlangen.

Reichstagswahlen am 5. März 1933

Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhält die NSDAP weder deutschlandweit noch in Naumburg die absolute Mehrheit. Sie kann also nicht allein regieren. Hitler musste mit der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot koalieren. Sie war am 11. Februar 1933 als Bündnis der Deutschnationalen Volkspartei mit dem Stahlhelm- und Landbund gegründet worden. Ihr Farbenspiel erinnert an das deutsche Kaiserreich (1871-1918) und bekundet demonstrativ die Abkehr vom Weimarer Parteienstaat. Im Reich erhält das Bündnis acht Prozent und in Naumburg enorme 26,8 Prozent der Stimmen.

 

 

Anmerkung: Erich Behnke (10. 8.1893 - 16.11.1977) wird als Sohn eines Schlossers in Berlin geboren und absolviert eine kaufmännische Lehre. 1910 Mitglied der Gewerkschaft. Seit 1912 Mitarbeit in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Weltkriegsteilnehmer. 1920 Beitritt zur KPD. Ab 1926/27 Sekretär des KPD-Unterbezirks Bitterfeld. 1924-1933 Stadtverordneter in Wittenberg und Halle. Von 1927 bis zu seiner Verhaftung im April 1933 Redakteur der KPD-Zeitung Klassenkampf. 1937 Haft im KZ Lichtenburg.  zurück

 

 

Aufruf der SPD zu den Reichspräsidentenwahlen. "Der Vorwärts", Berlin, den 27. Februar 1932

[DNVP] Der Abschluß des Naumburger Wahlkampfes. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 6. Dezember 1924

[DNVP] Deutschnational - vorwärts oder rückwärts? "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. April 1928

[DNVP] Öffentliche Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Juli 1932

[DNVP] Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Juli 1932

[DNVP/NSDAP] Nationalsozialisten und Deutschnationale. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Juli 1932

[DNVP] Deutschnationale Wahlversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. Juli 1932

[DNVP] Volksfeind Sozialismus. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 31. Oktober 1932

Falter, Jürgen, Thomas Lindenberger und Siegfried Schumann: Wahlen und Abstimmung in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten 1919-1933. Verlag C.H. Beck, München 1986

Grundsätze der Deutschnationalen Volkspartei [Wahlen zum Preußischen Landtag am 28. April 1928]. In: Handbuch für den Preußischen Landtag 1928. Ausgabe für die 3. Wahlperiode (von 1928 ab). Herausgegeben vom Büro des Preußischen Landtages. Berlin, Juli 1928. R. v. Decker`s Verlag, Berlin 1928, Seite 180 bis 191

Grzesinski, Albert, Brief an Otto Wels (Berlin). In: Erich Matthias: Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Das Ende der Parteien 1933. Veröffentlichung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Herausgegeben von Erich Matthias und Rudolf Morsey, Droste Verlag, Düsseldorf, Seite 226

Herlemann, Beatrix: Die Republikschutzorganisation "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", 1924 gegründet in Magdeburg. In: Beiträge zur Geschichte der Sozialdemokratie in Sachsen-Anhalt. Herausgeber: SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, Historische Kommission: SPD-Geschichte in Sachsen-Anhalt: Vielfältig und einzigartig. 2004, Heft 2, Seite 11 ff.

Hofmann, Robert: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart. Piper Verlag, München Zürich 1993

Hoegner, Wilhelm: Flucht vor Hitler. Erinnerung an die Kapitulation der ersten deutschen Republik 1933. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1977

[Königin Luise-Bund] Der Ruf an den Bund Königin Luise. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 30. Juli 1932

Marxisten-Wahlerfolg in Kappstadt. Der Erfolg verzweifelter Schwindeleien! "Volksbote", Zeitz, den 3. August 1932

Nun drauf, schlagt die Faschisten! "Volksstimme", Tageszeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Regierungsbezirk Magdeburg, Sonnabend/Sonntag, Magdeburg, den 27./28. Februar 1932

[Vorstand] Schlagt Hitler. Darum wählt Hindenburg. Der Vorstand der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands. "Volksstimme", Tageszeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Regierungsbezirk Magdeburg, Sonnabend/Sonntag, Magdeburg den 27./28 Februar 1932

Ossietzky, Carl von: Gang eins. Die Weltbühne. Berlin, 1. März 1932. In: Carl von Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1970, Seite 249 bis 255 [Zur bevorstehenden Präsidentenwahl am 13. März 1932]

Ossietzky, Carl von: Gang zwei. Die Weltbühne, 22. März 1932, Nummer 12, Seite 427 bis 431 [Zur Preussenwahl am 24.April 1932]

Ossietzky, Carl von: Ein runder Tisch wartet. Die Weltbühne. Berlin, 3. Mai 1932. In: Carl von Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1970, Seite 256 bis 261 [Zu den Ergebnissen der preussischen Landtagswahl am 24. April 1932]

Ossietzky, Carl von: Rechenschaft. Die Weltbühne, XXVIII Jahrgang, Nummer 19, 10. Mai 1932, Seite 689 bis 709. In: Carl von Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1970, Seite 262 bis 291

Ossietzky, Carl von: Antisemiten. Die Weltbühne. Berlin, 19. Juli 1932. In: Carl von Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1970, Seite 292 bis 306

Papen, Franz von Regierungserklärung vom 4. Juni 1932. In: Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik” online. http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/0000/vpa/vpa1p/kap1_2/para2_7.html, 2009

[Papen, Rede] Deutschland verlangt wieder Platz an der Sonne. Reichskanzler von Papen über die Absichten seiner Regierung. Weg mit der Kriegsschuldlüge! Deutschland braucht Kolonien. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 29. Juli 1932

Dr. Schöbel [, Wolfgang]: Mitgliederversammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 10. Juli 1931. "Naumburger Tageblatt", Naumburg 14. Juli 1931

[Schöbel/Everling] Aus der Parteibewegung. Öffentliche Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 14. April 1932. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. April 1923

[Schöbel/Doehring] Aus der Parteibewegung. Öffentliche Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 20. April 1932. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. April 1932

Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot. Mitteldeutsche Wahlzeitung, Nummer 1, 22. November 1924, Seite 3

[SPD] Susanne Miller / Heinrich Potthoff: Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentation. Verlag Neue Gesellschaft GmbH, Bonn 1983

[Traub] Aus der Parteibewegung. Versammlung der deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 28. Juli 1927

Uebelhoer, Friedrich auf einer Wahlversammlung der Nationalsozialistischen Freiheitspartei am 13. November 1925. "Naumburger Tageblatt", 14. November 1925

[Uebelhoer, Presseerklärung] Nationalsozialisten und Deutschnationale. Unsere Antwort an die DNVP. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Juli 1932

Versammlungsbericht der NSDAP. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 14. April 1932 NSDAP

Wahlaufruf. An das deutsche Volk! [Deutschnationale Volkspartei] In: Handbuch für den Preußischen Landtag. Ausgabe für die 3. Wahlperiode (von 1918 ab). Herausgegeben vom Büro des Preußischen Landtages. Berlin 1918. R. v. Deckers Verlag (G. Schenk), Berlin 1918, Seite 190 bis 192

[Wahlen] Wer für Thälmann stimmt wählt Hitler!. "Lübecker Volksbote", Lübeck, den 3. März 1932

Wie Naumburg wählte. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 14. März 1932

 

Siehe auch: Deutschnationale, Konsum, Wirtschaftskrise, Armut, Erwerbslosigkeit, Wohnungslage

 

 

Bilder

Plakat Der Arbeiter im Reich des Hakenkreuzes! - Darum wählt Liste 1 Sozialdemokraten! Reichstagswahl 31. Juli 1932. Künstler: Karl Geiss. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat Gegen Hitler, Papen, Thälmann. Liste 2 Sozialdemokraten zur Reichstagswahl am 6. November 1932. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat Sozialdemokraten! Liste 2. Reichstagswahl 6. November 1932. Künstler: Otto Baumberger. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Autor: Detlef Belau


Geschrieben:
7. Juni 2010

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