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Gustav Winter
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Betriebsanwalt i.R.
Gustav Winter
(1882-1936)

 

 

 

 

 

Für seine Freunde:
Er ist es wirklich! Hei lewet noch immer!
 *

* Der Orga-Urkult Erdmagneto-Kultur. Dreifach gesunde Ernte auf allen Böden ohne jede Düngung und Fachpflege. Herausgegeben in den Jahren des Heils 1935. Verlag Wahrheit und Recht, G. Winter, Grossjena bei Naumburg (Saale)

 

 

 

 

Vom Orga-Urkult und dem großen Betrug

Der Orga-Kult machte Gustav Winter aus Grossjena in den 30er Jahren international bekannt. Am 5. November 1935 sendet der Betriebsanwalt in Ruhe an den Reichskanzler Adolf Hitler in Berlin einen Brief und legt sein Buch

Der Orga-Urkult (Erdmagnetokultur)

dem Hinweis bei:

"Der Unterzeichnete gestattet sich hierfür unter Hinweis auf verschiedene Aufrufe seitens der hohen Reichsregierung zur Mitarbeit jedes Einzelnen am Wiederaufbau Deutschlands beiliegende Abhandlung zur gefälligen Einsicht vorzulegen und nachstehendes Angebot zu machen." (Orga-Kult)

Orga heisst lebendige Höchstspannung der Organismen und ist eine Eigenschaft aller Organismen. "Urkult ist", erklärt Gustav Winter, "die umgekehrte, aber richtige Bezeichnung für Kultur" (1935). Der Effekt des Orga-Urkult - gesunde Ernte auf allen Böden ohne jede Düngung und Fachpflege - beruht auf der Beobachtung, dass in der Umgebung von in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Eisenbahnschienen oder Eisendrähten, ein verstärktes Wachstum von Pflanzen zu verzeichnen ist. Die Wirkung des Erdmagnetismus für die Steigerung der Pflanzenproduktion versucht Winter durch spezielle Versuchsanordnungen in Großjena (bei Naumburg / Saale) nachzuweisen und auszunutzen. Für diese Methode wirbt er beim Führer des Deutschen Reiches mit den Worten:

"Der Autor ist der Entdecker und Erfinder des in den Buche geschilderten Orga-Kultes, der zunächst für die deutsche Landwirtschaft höchstleistend nutzbar gemacht werden kann. Schon bei Antritt der Regierung des Herrn Reichskanzlers und Reichspräsidenten hat der Autor seine Sache der Regierung angeboten, jedoch keinerlei Antwort erhalten, was er auf den Drang der Geschäfte der neuen Regierung zurückführte. Die widrigen Umstände und das ungünstig veränderte Klima in den letzten Jahren und andre Hemmungen lassen jedoch heute das Problem der gesicherten Volksernährung außerordentlich aktuell und dringend erscheinen. Der Autor bietet deshalb der Reichsregierung von neuem den Erwerb der Entdeckung und Erfindung als Monopol zu den denkbar günstigsten Bedingungen an. Wenn die hohe Reichsregierung die Erfindung annimmt und die Lizenz bzw. das Nutzungsrecht kostenlos an die deutschen Bauern, Gärtner und Siedler abgibt, so würde der Autor nur ein Drittel seiner persönlich aufgewendeten Kosten (von über dreihunderttausend Reichsmark), also eine einmalige Abfindung für die Gesamtlizenz in Höhe von 100 000 RM [Reichsmark] beanspruchen.

Die Sache selbst ist, soweit dies heute möglich, in dem überreichten Buche dargestellt. Für die Richtigkeit des darin Dargestellten können jederzeit die angedeuteten Zeugen genannt werden. Bei schnellster Annahme der Erfindung wäre ein sofortige Prüfung noch in diesem Jahre möglich bzw. einzuleiten …." (Orga-Kult)

 

Als Führer des Deutschen Volksbundes Wahrheit und Recht

Zur Lage von Grossjena bei Naumburg (Saale)
 
Blick nach Großjena,
Weinberge, mit ehemaligen Wohnhaus von Gustav Winter (2007)

Gustav Winter wurde am 11. Mai 1882 in Magdeburg geboren. Seit den 20er Jahren lebt er in Großjena bei Naumburg als Schriftsteller, Publizist und Freizeit-Forscher.

1927 gründet er den Deutschen Volksbund Wahrheit und Recht und gibt mit seiner Redaktion die gleichnamige Wochenzeitung heraus. Winter verfasst unter dem Synonym Platon viele Artikel, die ein politischer Duktus prägt: "Deutschlands Elend wurzelt gerade darin, dass es heute nur noch so wenig wahrhaft deutsche Männer und Frauen gibt." (WuR 24.4.1931, 3) Seine Mitteilungen an die Mitglieder zeichnet er mit

"Sieghaft wie immer trotz allem und Treudeutsch Euer G. Winter".

Der Volksbund verspricht die Aufwertung der entwerteten Vorkriegsbanknoten und führt den Kampf um eine Inflationsentschädigung. 1927 zählt er nach eigenen Angaben etwa drei Millionen Mitglieder. Sein Programm fasst ihr Führer mit den Worten zusammen:

"Zeigt dem Volke, wie es durch die Bonzen in allen politischen Parteien belogen und betrogen wird so lange, bis der ganze elende, heuchlerische Parlamentarismus zusammengekracht ist und der Weg frei wird für eine vernunftgemäße, überparteiliche Diktatur seitens eines ehrlichen Volksführers in Deutschland." (WuR 24.4.1931, 3)

Tausendmarkschein-Winter kandidiert am 13. März 1932 zur Reichspräsidentenwahl und erhält 111 470 (0,3 Prozent) Stimmen. Zum zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl am 10. April 1932 tritt er nicht mehr an und richtet in dieser Angelegenheit aus der Haftanstalt in Bautzen am 20. März 1932 folgendes öffentliches Schreiben an den Reichswahlleiter:

Es wird mir vertraulich mitgeteilt, daß die fanatischsten meiner Anhänger beabsichtigen; unter allen Umständen eine neue Kandidatur meinerseits für den zweiten Wahlgang durchzusetzen. Ich erkläre deshalb generell, daß ich aus staatspolitischen Gründen nicht wieder kandidiere. Schon die erste Kandidatur war ja, weil an sich unbedeutend und nicht störend, nur als eine Vertrauensdemonstration eines Teiles meiner Anhänger zu betrachten, die die meisten in der politischen Betätigung nicht beeinträchtigt hat.

Mit ausgezeichneter Hochachtung!
Betriebsanwalt Gustav Winter,
Großjena,
Sächsische Gefangenen Anstalt I." (Winter 12.4.1932)

Am 16. Dezember 1935 wird der Betriebswirt nach einer Hausdurchsuchung in Großjena in Schutzhaft genommen. Im Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle vom November 1935 ist dazu festgehalten:

"Die zu gleicher Zeit in zentraler Bearbeitung durch die Stapo Halle in größtem Ausmaße geführten Erhebungen gegen Funktionäre und Anhänger Winters in Bayern, Dresden, Berlin und anderen Orten haben bisher umfangreiches Beweismaterial erbracht; u. a. konnten größere Mengen Devisen und Schriften sichergestellt werden." (Stapo 1933m 542)

Der Festgenommene steht unter dem Verdacht der Missachtung des Gesetzes gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen vom 20. Dezember 1934. Im März 1936 meldet die Staatspolizei Halle:

"Winter und seine Anhänger versuchten, den verbotenen Volksbund erneut aufzubauen zu dem Zweck, zumindest den Einsatz Winters an maßgeblicher Stelle in der Regierung zu erzwingen. Bei dieser Gelegenheit ist es auch zu weiteren strafbaren Handlungen wie Betrug, Verletzung der Devisenbestimmungen und des Heimtücke-Gesetzes gekommen." (Stapo 1933n)

Gegen ihn und 4 seiner Anhänger in München und Dresden wurde am 25.3.1936 Haftbefehl erlassen. Am 26. Oktober 1936 beginnt der Prozess vor dem Sondergericht in Halle. Vier Tage später melden die Bremer Nachrichten mit dem Weserkurier seinen Selbstmord. Im Sterbe Nebenregister 1936 des Standesamtes Halle dokumentiert der Polizeipräsident der Stadt mit seiner Unterschrift am 4. November 1936:

"daß Gustav Winter im Alter von vierundfünfzig Jahren in Halle, Kleine Steinstraße 7, am 31. Oktober 1936, vormittags 7 Uhr, tot aufgefunden worden sei."

Noch können wir uns keine Vorstellung über die Hintergründe seiner Verhaftung im Jahr 1936 machen, weil zu wenig über sein Leben wissen.

 

 

Devoli - Kampfmaschine gegen das internationale Finanzkapital oder Hugenberg-Kutsche?

 
  
 

Devoli als Wanderkino. Auf der Filmleinwand steht geschrieben: Der deutsche Volksbund "Wahrheit und Recht" ist die größte Organisation
des ganzen Deutsche Volkes.

  
  
 
  
 
Panzer-Propaganda-Wagen
  
  
 
  
 
Die Antwort der Gegner
  

Für den Kampf gegen die Macht des internationalen Kapitals und die Bonzen benutzt Gustav Winter, so seine Worte, ein großartiges Mittel, ein billiges und wirksames Propagandainstrument, den

Devoli.

Der Name gehört 1927 der Firma Deutsche Volkslichtspiele (Devoli). Ihr Hauptsitz mit den Film- und Tonstudios sowie Lager-, Material-, Verpackungs- und Verwaltungsräumen befindet sich im früheren Garnisonslazarett (Nordstraße) auf dem Spechsart.

Winter meint mit der Kampfmaschine ein Wanderkino. Die Schöpfer des Propaganda-Mobils montierten auf ausgedienten Panzerautos Kinoprojektoren mit Projektionswänden. Damit kann man überall hinfahren und Kino machen, ruft Winter mit kindischer Freude aus. Als Erfinder des Film-Panzerwagen-Geschwaders gelten Adelbert Karl Werner Graf von der Schulenburg (Burgscheidungen) und der ehemalige Hofschauspieler am Sächsisch-Meiningschen Hoftheater (1907-1914) Erich Claudius (1889-1940), der am 3. August 1927 die Deutschen Volkslichtspiele GmbH (Devoli) mit Sitz im ehemaligen Garnisonslazarett (Nordstraße) gründet.

Nach Aussage von Gustav Winter finanziert der Graf die Panzer-Propaganda-Wagen mit 800 000 Mark. Das ist wahrscheinlich übertrieben. Insgesamt sind es 360 000 Mark, von denen etwa 160 000 Mark in die Devoli-Wagen flossen. Die Filmautomobile sind eine Weltneuheit. Doch sehen die Linksparteien in diesen Propaganda-Maschinen nicht eine Geheimwaffe, sondern eine Hugenberg-Kutsche. Aber die regierenden Koalitionsparteien streichen der Firma Devoli die Aufträge. Nach sechs Monaten folgt der Konkurs. Die Lagerung und Entsorgung der Propaganda-Tanks erfolgt in Naumburg. Gustav Winter erfährt davon. Für so etwas hat der Winter Geld, teilt er mit und wirbt um weitere Geldgeber. Die Tanks werden aufgemotzt. Die Projektionsfläche für das Kinobild wird vergrößert, Lautsprecher werden montiert. Technisch gesehen, können nun alle Filme gezeigt werden. Auch Benito Mussolini (1883-1945) besitzt so einen Panzer-Propaganda-Wagen, teilt der Führer des Volksbundes stolz mit.

Winter sieht in den Propaganda-Kampfmaschinen eine Waffe gegen das internationale Finanzkapital und zur Beseitigung der zersetzenden und verhetzenden Bonzenherrschaft in den Parteien und Organisationen in allen Ländern. (WuR 22.2.1929, 10) "Musste das Kinopublikum sich bisher die ekelhaften Hetz- und Zersetzfilme amerikanischen Ursprungs einfach gefallen lassen, weil weder gute Filme greifbar, noch Kinos frei waren, so vermögen wir heute mit unserer Devoli Wandel zu schaffen; Wir bringen das Gute vor das Volk." (WuR 22.2.1929, 10) Damit können jetzt endlich nationale Kinoproduktionen gezeigt werden, die nach Beseitigung der friedensstörenden Verträge (Versailles, Dawespakt) der Völkerverständigung dienen sollen.

Philanthropa - 15. Februar 1929

Organisiert und geführt wird der Kampf gegen Überfremdung und Monopolherrschaft durch die Zentrale der am 25. Februar 1929 gegründeten die Filmgesellschaft Philanthropa, internationales Kultur-Film-Propaganda-Institut E. Linke & Co. Kommanditgesellschaft (Leipzig). Edmund Linke aus Leipzig und Gustav Winter aus Großjena stehen ihr als Geschäftsführer vor. Wer will, teilt man öffentlich mit, kann auch für 100 Mark Anteile an der Firma kaufen. Direktor E. Linke ist dem Cineasten als Produzent und Regisseur von Satan Diktator (Leipzig 1919) und Orientfieber (Leipzig 1923) bekannt. Das Manifest von "Philanthropa Kulturfilm" formuliert die Geschäfts-Philosophie:

"Wir spucken den internationalen Hetzern wiederum in die Suppe, wir stellten schon längst den amerikanischen Hetzfilmen eine scharfe Gegenpropaganda und europäische Friedensfilme gegenüber (italienische, deutsche, französische, schwedische!) und werden dafür sorgen, dass statt Zersetzung der Staaten von Europas - die Vereinigten Staaten von Europa entstehen, ob nun die Herren beamteten Diplomaten Europas dies heute schon völlig begreifen oder nicht."

Dadurch wird überall, doch "zunächst aber in Deutschland Wahrheit und Recht zum Siege kommen" (WuR 22.2.1929, 13).

Intendiertes, aber nicht ausgesprochenes Ziel der Kulturkampfgruppe bleibt die Aufführung des nicht zugelassenen Films

Der große Betrug,

was dann erst 1931 vor Gericht in Leipzig geschieht.

 

Der Prozess 1931 in Leipzig

Bericht in "Wahrheit und Recht" (Vollbild)

Im Sommer 1931 kommt es vor dem Schöffengericht Leipzig zum Prozess gegen Gustav Winter. In den Morgenstunden des 19. April soll er in Großjena durch zwei Landjäger verhaften werden. Auf Grund einer erkennbaren Erkrankung ziehen sie ohne ihn wieder ab. Drei Tage später stellt sich der Führer des Volksbundes freiwillig der Polizei.

Über Wahrheit und Recht, Ausgabe 24. April 1931, wendet sich Gustav Winter persönlich an seine Anhänger. "Die Stunde hat nun doch geschlagen", schreibt er, "in der ich als der Führer des Deutschen Volksbundes Wahrheit und Recht bis auf weiteres von Euch allen fort und für alle,

für unseren gerechten Kampf gegen die Volksbetrüger ins Gefängnis gehen muss."

Am 5. Mai 1931 wendet er sich erneut aus der Untersuchungshaft über sein Überparteiliches Kampforgan für das gesamte arbeitenden und denkende deutsche Volk an seine Anhänger. Danach soll er gegen eine Notverordnung verstoßen haben. Jenseits aller dubiosen Aktivitäten des Betriebsanwalts gewinnt man allerdings den Eindruck, dass seine Aktivitäten bestimmten politischen Kreisen nicht passen. Darauf spielte Wahrheit und Recht bereits am 12. September 1929 mit der ironischen Schlagzeile an:

"Werft Winter ins Gefängnis -
Er hat das Volk erregt - - !"

1926 verfasste er die Schrift Mein Schlußkampf mit der Reichsbank und ihren heimlichen Helfern!. Damit nicht genug. Am 2. Januar 1931 stellte er beim Oberreichsanwalt beim Reichsgericht Leipzig Strafanzeige gegen Unbekannt, die wörtlich lautet:

"Stafanzeige gegen Unbekannt wegen Urkundenfälschung und Betrug, begangen 1924 im amt, gegenüber dem Reichsrat, dem Reichstag und dem Volke, betreffend die Bewertung der alten Roten der Reichsbank."

Nun soll er mundtot gemacht werden, schreibt er an seine Kampfgenossen (WuR 22.5.1931, 1).

Der Prozess gegen den Führer des Kampfes gegen das Bonzentum, den Versailler Vertrag, die Inflationsidioten und die Freimaurer dauert über 24 Tage. Im Verlauf der Verhandlung kommt es zur Verlesung einiger seiner Aufsätze aus Wahrheit und Recht und finanzieller Vorgänge. Die Bremer Nachrichten geben am 27. Oktober 1936 das Geschehene wie folgt wieder:

"Winter hatte sich zum Anwalt der kleinen Leute gemacht, die im Besitz von rotgestempelten Vorkriegsbanknoten waren. Es war ihm gelungen, jahrelang von den Beiträgen der Banknoteninhaber zu leben, die er in einem Verein Deutscher Volksbund für Wahrheit und Recht zusammengeschlossen hat. Solange man hoffen konnte, einen Aufwertungsprozess zu gewinnen, war gegen dieses Treiben nicht aufzukommen. Denn die Erhebung von unberechtigten Ansprüchen ist nicht strafbar. Die Rechtslage änderte sich aber, als durch Entscheidung des Reichsgerichts vom 20. Mai 1926 die Aufwertungsansprüche endgültig als haltlos festgestellt wurden."

Der Führer des Deutschen Volksbundes für Wahrheit und Recht soll illegal Geld angehäuft haben. Vom Gericht erfahren wir, dass es aus der Privatisierung von Geld stammt! Er hatte "Ende vorigen Jahres in seinem Zeitbild Wiederaufbau 1931 begonnen, in großen Zügen einen Plan für die Rettung Deutschlands aufzuzeigen, hat es aber schnellstens aus taktischer Vorsicht wieder eingestellt. Man erinnert sich daran, dass W. dabei der Reichsbank insofern neuen Krieg ansagte, als er sie gewissermaßen ausschaltete und an Stelle des Währungsgeldes zunächst eigene Inhaberschuldverschreibungen mit Leistungsversprechen auf Goldwert lautend, die aber Tauschmittel waren, seitens seiner Privatbank setzen wollte. … Das heißt, dass sie [die Personen um Gustav Winter] in einem Winkel Deutschlands

tatsächlich das Geld (der Reichsbank) abgeschafft

und überflüssig gemacht haben und daß an dessen Stelle … eine Art Privatgeld rollt."

Auf die Vorhaltungen des Gerichts kontert der Verteidiger: Mein Mandant tat dies zum Wohle des Volksbundes. Er fordert dazu auf, das Anwesen in Großjena in Augenschein zu nehmen.

Mitteilung über den Tod von Anna Winter in "Wahrheit und Recht"

Das Geld fließt, betont er, nämlich in die Experimente mit den kostenlosen erdmagnetischen Kulturen. Der Gemeinde- und Amtsvorsteher von Großjena könnte bezeugen, dass die Erträge mit dieser Methode um das Drei- bis Fünffache gesteigert wurden.

Gelegentlich fällt auch ein Verhandlungstag aufgrund seiner langjährigen Gallenerkrankung aus. Tatsächlich hat er einiges zu verkraften. Erst im Mai 1931 starb nach einem vierjährigen Magenkrebsleiden seine Ehefrau und die Bundesmutter Anna Winter.

Während des Prozesses in Leipzig tritt auch der Senatspräsident am Reichsgericht Dr. Lobe, seines Zeichens Fraktionsführer der Volksrechtspartei im Reichstag, auf. Er kommt schnell zum Kern der Sache, Den großen Betrug, wie es Winter nennt. Für die eingetauschten neuen Geldscheine auf Rentenmarkbasis ab 1923 möchte der Angeklagte die nachträgliche Aufwertung erreichen. Er strebt einen Schadenersatz für den Wertverlust beim Umtausch an. Dr. Lobe sagt, das Reichsgericht hat hier anders und eindeutig entschieden. Ein Schadensersatz ist definitiv ausgeschlossen. Dies muss jeder Realpolitiker zur Kenntnis nehmen oder er tut unrecht. Etwas im Widerspruch dazu steht die vom Gericht positiv bewertete und akzeptierte juristische Erwägung, dass dem Angeklagten die Rechtmäßigkeit seiner Ziele nicht abzusprechen ist, was Direktor Linke mit seiner Aussage über den selbstlosen Einsatz von Gustav Winter für den Volksbund bezeugt und so die Milde des Urteils - ein Jahr und drei Monaten Gefängnis - erklärbar ist.

Blick nach Großjena, Weinberge,
mit dem Haus von Gustav Winter (2007)

"Betriebsanwalt Gustav Winter," meldet das Naumburg Tageblatt am 1. Oktober 1931,

"dessen Verurteilung wegen Betrugs zu einem Jahre drei Monate Gefängnis schon seit Jahr und Tag rechtskräftig geworden ist, konnte bisher den Strafantritt immer vermeiden, da er erklärte, infolge eines Leidens nicht haftfähig zu sein und dies auch mit ärztlichen Zeugnissen belegte. Vor kurzer Zeit erschien er aus dem gleichen Grunde auch nicht in einer Berufungsverhandlung, in der er sich wegen Steuerhinterziehung verantworten sollte. Auch hier hatte er ein ärztliches Zeugnis eingeschickt und blieb in seinem Landhaus in Großjena. Das Gericht ordnete aber eine Untersuchung durch den Kreisarzt an, der Winter für verhandlungsfähig erklärte. Nunmehr wollte man Winter auch seine Strafe antreten lassen und er wurde in Leipzig zum Strafantritt vorgeführt."

Wie sein Schreiben an den Reichswahlleiter am 20. März 1932 bezeugt, verbüsst Gustav Winter seine Haft in der Sächsischen Gefangenen Anstalt I (Bautzen).

 

 

Winter und die Inflation

Als Beweismittel im Leipziger-Prozess (1931) kommt der für die breite Öffentlichkeit produzierte Film

Der große Betrug

zur Vorführung. Ein Thema was Gustav Winter schon lange fesselt. Was die Zuschauer in diesem Film erwartet, wissen wir aus seiner Aufklärungsschrift

Der große Betrug - der Inflation und Deflation,

die 1927 im hauseigenen Verlag Wahrheit und Recht erschien. Die Inflation kam wie eine Lawine über Deutschland, erklärt uns der Wirtschaftsexperte aus Großjena. Sie vernichtet gewaltige Werte und Güter. Schuld sind die dunklen Kräfte Rathenau, Erzberger, Scheidemann und ihre Vorder- und Hintermänner. Schuld ist Hjalmar Schacht (1877-1970). Er wird mit den Worten zitiert, dass sich die wirtschaftlich Geschulten auf Kosten der Unwissenden bereicherten. Gleichzeitig wirkt er maßgeblich an der künstlichen Verlängerung der Inflation mit. Bereits im Frühjahr 1923 hätte man mit guten Willen die Inflation stoppen können, meint Gustav Winter. Einige hundert Millionen Goldmark reichen aus, um das Übel zu beheben. Aber nein, der wahnwitzige und ehrgeizige Streber Hjalmar Schacht - seit Herbst 1923 Reichswährungskommissar - ruiniert alles planmäßig, indem er die Papiermark durch Einführung der Rentenmark ab 15. November 1923 saniert.

Gustav Winter (1882-1936) in seiner Lieblingspose (1927)

Zunächst besteht diese neben der alten Papiermark. Dann wird sie bei der Reichsbank zu einem Kurs von 1 Billion Papiermark = 1 Rentenmark = 1 Reichsmark umgetauscht. Der Wertverlust des Geldes beherrscht ab nun das Leben von Gustav Winter. Ihn bewegt, dass die Bürger die großen Verlierer der Inflation sind. Als Gewinner sieht er das internationale Finanzkapital; und auch das Reich, die Länder und Gemeinden, die nun schuldenfrei sind. Eigentlich werden nun Steuererleichterungen erwartet. Aber, im Gegenteil, dem Volk werden weitere Kosten aufgebürdet.

Die Inflation bewegt die Bürger. Und so konnte sich der Betriebswirt eines Publikums gewiss sein. Virtuos jongliert er mit den Begriffen "Versailler Diktat", "Inflation", "Deflation", "Dawes-Pakt", "Wirtschaftsniedergang", "Volksverrat" und "Volksbetrug". Zu oft gleitet er in theatralische Vorwürfe gegenüber dem Reichsbankpräsidenten ab. Diktion und Sprache seiner Argumentation erinnern mehr an die heutige Yellow-Press als an soliden politischen Journalismus.

Doch um Missverständnisse vorzubeugen: Es geht hier lediglich um eine erste Annäherung an Gustav Winter unter dem Aspekt der regionalen Politik- und Sozialgeschichte. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung liegt es mir vollkommen fern, eine einseitige oder voreilige Bewertung zum Gesamtschaffen von Gustav Winter abzugeben. Das betrifft besonders seine Schrift

Der Taylorismus (1920).

Gegenstand dieser betriebswirtschaftlichen Untersuchung ist das Verhältnis von technischen Fortschritt (Mechanisierung der Produktion, Fliessbandarbeit) und Humanisierung der Produktionsarbeit (Monotonie, Intellektualisierung, Standardisierung der Handlungs- und Bewegungsabläufe). Eine historisch gesehen bemerkenswerte Schrift.

Aber im Kontext

Der große Betrug

liefert der Betriebsanwalt keine subtile politökonomische Analyse. So sind wir gezwungen die aufgeworfenen Fragen zu Ende zu denken.

Anfang 1923 steht der Dollar zur Mark im Verhältnis 1: 20 000 steht. Bis Ende des Jahres wächst der Dollarwert auf 4,2 Billionen Mark. Diese rasant einsetzende Geldmengenvermehrung hat ihre Ursachen in den Staatsdefiziten und Außenhandelsschulden und begann eigentlich, wenn auch langsam, gleich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Die Regierung hätte sofort mit der Neubewertung des Geldes, also einer Währungsreform reagieren müssen. Das geschah aber nicht. Die herrschende politisch Klasse wird dies wahrscheinlich mit der Revolution (1918), den Kapp-Putsch (1920) und Leuna-Aufstand (1921) entschuldigen. Auf jeden Fall wäre es eine vordringliche politische Aufgabe gewesen. Denn durch den hohen Anteil der Staatsausgaben zur Finanzierung des Krieges gerät jede Volkswirtschaft aus dem Gleichgewicht. Der Anteil der Rüstungsausgaben am Nettoprodukt steigt von etwa 14 Prozent bei Beginn des Krieges auf 32 Prozent im Jahr 1918. In den USA beträgt er 1918 lediglich 13 Prozent. Als Folge dessen kommt es zu einem starken Rückgang des internationalen Handels und damit zur Unterbrechung der Rohstoff- und Nahrungsmittellieferungen. Viele Industriebetriebe stellen während der Ruhrkrise 1923 ihre Poduktion ein. Trotzdem müssen aber die Geldkreisläufe am Leben erhalten werden, damit die Bürger ihr tägliches Leben organisieren können. Folglich drehen sich die Geldpressen noch schneller. Schliesslich galoppiert die Inflation. Schließlich muss der Kampf an der Ruhr eingestellt werden. Betroffen von der Inflation sind nicht mehr allein das geldsparende Bürgertum, sondern die Löhne der Arbeiter. Gewinner sind der Staat, die Grundbesitzer und Industriellen - also alle, die sich entschulden konnten.

Die Regierung hofft, sich den Reparationsleistungen gegenüber England und Frankreich mittels Hyperinflation entziehen zu können. Tatsächlich kommt es mit dem Londoner Schuldenabkommen (1924) und dem Locarno-Vertrag (1925) zu neuen politischen und finanziellen Regelungen. Deutschland verzichtet endgültig auf Elsass-Lothringen, dafür gibt es Sicherheiten für die Westgrenze. Mit der Sowjetunion entwickelt sich eine militärische Zusammenarbeit, natürlich streng geheim. Die Schuldlasten Deutschlands gegenüber Frankreich und England werden herabgesetzt, die wiederum ihre Kriegskredite bei den Amerikanern tilgen müssen. Von den USA erhält Deutschland von 1924 bis 1929 hingegen Kredite in gut doppelter Höhe, wie an Reparationsleistungen zu erbringen ist. Die wirtschaftliche Leistung, besonders der Export steigt. Doch im Inland hinkt die Nachfrage auf Grund einer restriktiven Lohnpolitik stark hinterher. So bauen sich bereits während Prosperitätsphase - den berühmten Goldenen Jahre - in der deutschen Industrie erhebliche Überkapazitäten auf.

Am 25. Oktober 1929 kommt es an der New Yorker Börse zu einem Kurssturz von bis 90 Prozent. Das Ausland zieht aus Deutschland das Kapital ab. Nach dem Schwarzen Freitag fließen die Kreditenicht mehr. Viele Unternehmen gehen bankrott, die Produktion sinkt weiter. Die Arbeitslosenzahl steigt auf Rekordhöhe. Nun ergreift die deutsche Regierung zum zweiten Mal die Chance, sich der Reparationszahlungen zu entledigen. Nun aber nicht durch Nutzung der Masseninflation, sondern durch eine Deflationspolitik. Deutschland rechnet sich arm, um zahlungsunfähig zu werden. Tatsächlich erfolgt mit dem Hoover-Moratorium (1931) die Einstellung aller politischen Zahlungen im wirtschaftlichen Kreisverkehr Amerika-Deutschland-England-Frankreich. In Lausanne (1932) verzichtet Frankreich dann auf alle weiteren Zahlungen von Deutschland. Innenpolitisch nimmt man dafür eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe in Kauf! Ein Umstand, der oft wenig beachtet wird und der, gleich von welchem politischen Lager aus man dies betrachtet, tiefe Zweifel am Politikkonzept der Herrschenden aufkommen läst. Wir zeichneten die Folgen für Naumburg bereits mit der Wirtschaftskrise und der Erwerbslosigkeit nach. Devisenflüchtlinge wie Paul Herrmann leisten ihren speziellen Beitrag zur Schwächung der regionalen Wirtschafts- beziehungsweise Geldkreisläufe.

Mit der praktizierten Sparpolitik wehrt sich Heinrich Brüning (1885-1970) tapfer und mit typisch deutscher Borniertheit gegen John Maynard Keynes`s Treatise on Money (1930). Obwohl im Frühjahr 1932 schon über 6 Millionen Arbeitslose und ein Preissturz von 35 Prozent zu verzeichnen sind, rühmt sich der Reichskanzler dieser Politik, während sich die Deflationskrise zuspitzt.

 

Betrug oder Plan?

Um es klar und deutlich zu sagen: Die Verarmung vieler Naumburger Bürger in den Jahren 1929 bis 1933 erhält mit dem Schwarzen Freitag (1929) an der New Yorker Börse einen wichtigen Impuls. Doch die tiefen Ursachen für die heimische Wirtschaftskrise liegen in den Modernisierungsdefiziten der deutschen Politik. Das bezeichnet Gustav Winter als Der große Betrug. Aber das trifft insofern nicht zu, weil dieser Plan - die Politik mit der Inflation - von Anfang an Gegenstand der deutschen Revisionspolitik war! Und diese findet große Zustimmung in breiten Kreisen der Öffentlichkeit: bei der Zentrumspartei, bei den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten sowie bei - - - Gustav Winter aus Großjena. In der Systemzeit war sein Aufbegehren gegen die Bonzen, Freimaurer und Inflationsidioten für die Gegner der Weimarer Republik opportun. Doch nach 1933 braucht man solche Unruheherde nicht, zumal sein persönlicher Intimfeind Hjalmar Schacht inzwischen zum Reichswirtschaftsminister (30. Juli 1934) und dann zum Generalbevollmächtigten für die Kriegswirtschaft (Mai 1935 bis November 1937) aufstieg.

Keiner braucht den Deutschen Volksbund für Wahrheit und Recht. Er ist ein Störfaktor. Wie stellte doch die Stapo 1936 fest:

"Winter und seine Anhänger versuchten, den verbotenen Volksbund erneut aufzubauen zu dem Zweck, zumindest den Einsatz Winters an maßgeblicher Stelle in der Regierung zu erzwingen.... "

Dabei hatte er so auf den Führer gewartet ....

 

 

"Betriebsanwalt" Gustav Winter zur Strafverfügung vorgeführt. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 1. Oktober 1931

Bremer Nachrichten mit Weser-Kurier  vom 1. November 1936. Staatsarchiv Bremen der Freien Hansestadt Bremen

Bremer Nachrichten mit Weser-Kurier  vom 27. Oktober 1936. Staatsarchiv Bremen der Freien Hansestadt Bremen

[Orga-Urkult ] Platon [Pseudonym für Gustav Winter]: Der Orga-Urkult Erdmagneto-Kultur. Dreifach gesunde Ernte auf allen Böden ohne jede Düngung und Fachpflege. Herausgegeben in den Jahren des Heils 1935. Verlag Wahrheit und Recht, G. Winter, Grossjena bei Naumburg (Saale)

[Orga-Kult] Bundesarchiv Berlin, R 2 (Reichsfinanzministerium) 18 339

Philanthropa Kulturfilm, Gemeindeblatt. Leipzig, Jahrgang 1, Nummer 2, 28. Juni 1929

Standesamt Halle. Sterbe Nebenregister, Jahrgang 1936. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Rep. C 131 II, Sterberegister Nr. 1952, Nr. 2802

[Stapo 1933m] Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle für Dezember 1935. In: Die Lagebe-richte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936. Herausgegeben von Hermann-J. Rupieper und Alexander Sperk, Band 2: Regierungsbezirk Merseburg, mdv, Mit-teldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2004, Seite 533 ff.

[Stapo 1933n] Aus dem Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle für März 1936. In: Die Lageberichte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936. Herausgegeben von Hermann-J. Rupieper und Alexander Sperk, Band 2: Regierungsbezirk Merseburg, mdv, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2004, Seite 640 ff.

Winter, Gustav: Die Rettung Deutschlands ohne Geld neues Geld. Verlag Wahrheit und Recht. Inhaber

Winter, Gustav: Der Orga-Urkult - Dreifache gesunde Ernte auf allen Boeden ohne jede Düngung und Fachpflege (1935). Verlag Wahrheit und Recht

[Winter, Gustav] Die Weltbühne. Wochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. XXVIII. Jahrgang, 12. April 1932 Nummer 15, Seite 575-576

[WuR] Wahrheit und Recht, Wochenzeitschrift für den Wiederaufbau und Ausbau der deutschen Wirtschaft, Großjena bei Naumburg, Leipzig, verschiedene Ausgaben

Autor:
Detlef Belau
Geschrieben: 2007. Aktualisiert:
18. Juli 2011
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