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Tausendmarkschein-Winter

 

"Im Gerichtsgefängnis zu Naumburg hat ein Mann jenen ominösen angeblichen Selbstmord begangen, der sich in braunen Haftzellen immer wieder ereignet. Dieser Mann hat ganz ohne Zweifel für das Dritte Reich eine ähnliche Rolle gespielt, wie sie Johannes der Täufer in der Welt der Bibel zukommt. Er war", erinnert der Neue Vorwärts (SPD) am 15. November 1936, "der direkte Vorläufer des Herren und Messias! Gustav Winter hiess der Mann."

Zur Lage von Großjena bei Naumburg an der Saale

Viele hörten von seinen Eskapaden. Im kollektiven Gedächtnis der Region überlebte bis heute manche Anekdote. Aber ansonsten wissen wir wenig bis nichts über ihn. Woher auch? Stadt- und Regionalgeschichte kümmerten sich bisher nicht um den Tausendmarkschein-Winter. Allgemein bekannt ist, dass er am 13. März 1932 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Deutschen Volksbundes "Wahrheit und Recht" zur Wahl für das Amt des Reichspräsidenten kandidierte. An seinem Wohnort Großjena votierten 15 Wähler für ihn, 97 für Duesterberg (Stahlhelm + Kyffhäuser-Bund), 26 für Hindenburg (SPD, DVP, DStP, Zentrum, BVP), 225 für Hitler (NSDAP) und 8 für Thälmann (KPD). Im Reich summierte sich die Zahl der Winter-Enthusiasten auf 111 470, was 0,3 Prozent aller abgegebenen Stimmen entspricht.

 

Taylorisieren Sie! Verdienen sie das Vierfache.

Gustav Winter, am 11. Mai 1882 in Magdeburg geboren, von Beruf Schriftsetzer, probierte sich in vielen Berufen aus. Nach dem Krieg war er als Wirschaftsberater, sogenannter Betriebsanwalt, Direktor einer Kleinbühne, Publizist, Kriminalreporter bei der Leipziger Abendzeitung, Freizeit-Forscher und Filmproduzent auf Kredit tätig.1920 erschien in Leipzig im S. Hirzel Verlag die Schrift:

Der Taylorismus.
Handbuch der wissenschaftlichen Betriebs-
und Arbeitsweise für die Arbeitenden
aller Klassen, Stände und Berufe.

Sein Autor Gustav Winter bewarb sie am 17. Juni 1919 im Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Vorwärts mit dem Slogan:

Taylorisieren Sie!
Sie verdienen das Vierfache.

Auf der deutschen Industrie lag nach dem Weltkrieg ein enormer Kostendruck, was das ökonomische Bedürfnis nach Rationalisierung steigerte. Anfang der 20er Jahre boten sich zur Modernisierung der Produktion neue Verfahren und Methoden an. In den Vereinigten Staaten von Amerika zerlegte, atomisierte und normierte Ingenieur Frederick Winslow Taylor (1856-1915) industrielle Arbeitsabläufe, reorganisierte mit Stopp-Uhr, Typung und Pensumsystem die Produktion. Und die Manager schickten sich an, als gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Grossproduktion die rationalisierte, geregelte und institutionalisierte Akkumulation der Kapitalgesellschaften die individualistische Gewinnmacherei ablöste, in den Industrie-Unternehmen das Ruder zu übernehmen. Das verbesserte die Produktivität der Arbeit und die Löhne der Arbeiter erhöhten sich spürbar. Ein gewisser Wladimir Iljitsch Lenin blieb skeptisch. Der Taylorismus vollendet Die Versklavung des Menschen durch die Maschine, teilt er seine Bedenken am 13. März 1913 über die Prawda in Sankt Petersburg mit. - Der Krieg war vorbei. die Produzenten an Kriegsverhältnisse, Disziplin und Unterordnung gewöhnt. Trostloser als im Krieg, mochten viele es sich zunächst ausgemalt haben, konnte es im Taylor-System auch nicht zugehen. Aber es traf auch nicht so viele. Die Zahl dieser Arbeitsplätze betrug Ende der zwanziger Jahre in Deutschland schätzungsweise zwischen 50 000 und 100 000.

Waren einst "Dampf, Elektrizität und Spinnmaschine", wie Marx in seiner Rede zur Jahresfeier der People`s Paper am 14. April 1956 in London betonte, "Revolutionäre von viel gefährlicherem Charakter als selbst die Bürger Barbes, Raspail und Blanqui", dann heissen jetzt die neuen Umstürzler: Fliessband, Serienproduktion und Principles of Scientific Management. Gustav Winter suchte ihre Gesellschaft und widmete ihnen 1920 das Buch Der Taylorismus. Ein Trendsetter, über einhunderttausendmal verkauft. Ein beachtliches Ergebnis, in Zeiten von Unruhen und wirtschaftlicher Not. Genauer besehen, nimmt sich beim Autor aber vieles nicht so revolutionär aus, wie man es erwartet. Er fragt: "Ist der Hauptberuf des Weibes nicht der, Frau und Mutter zu sein?" Durch die berufliche Bildung der Frau würde seiner Ansicht nach eine starke Konkurrenz für den Mann grossgezogen, die den Kampf ums Dasein weiter erschwert. Ungeachtet solcher eingebauten Elemente der Anti-Modernen, zählt Winters Schrift zur überbetrieblichen Rationalisierungsbewegung der zwanziger Jahre. Mit dem praktischen "Lehrbuch für Praktikanten, Ingenieure und Betriebsleiter, Gewerkschaftsführer und Arbeiter", wie er das Buch seinerzeit im Vorwärts ankündigte, gerierte er sich als Promotor des Taylorismus-Systems und schmückte sich mit dem Titel "Betriebsanwalt". Trotzdem bot ihn die Tätigkeit als Taylorismus-Inspektor beim vorhandenen Niveau der Produktion und Dominanz der chemischen Industrie im Umfeld von Grossjena keine sichere Einkommensperspektive.

Etwas anders erscheint sein Engagement in der Schrift Der falsche Messias Henry Ford. Nun ist der amerikanische Industrieunternehmer kein Wohltäter, sondern wie es 1924 in der Ankündigung der Illustrierte(n) Motorzeitung aus München heisst, ein "genialer Ausbeuter und rücksichtloser Geschäftsmann, den die deutschen Industriellen und Arbeiter gleichermassen fürchten müssen".

 

Der Deutsche Volksbund "Wahrheit und Recht"

Wahrscheinlich um 1920 übersiedelt Gustav Winter in sein Haus am Hang eines Hügels bei Großjena. Hier setzt er die in Norddeutschland begonnen Experimente fort und plant die Umwälzung der agrarischen Produktionsweise, wozu er eine magnetische Versuchsanlage installiert, um den Nachweis zu erbringen, dass die Erträge im Pflanzenanbau unter Ausnutzung des Erdmagnetismus ohne Anwendung von künstlichen Dünger deutlich gesteigert werden können. 1925 beginnt der Schlusskampf gegen die Reichsbank. Unter seinen Namen erscheinen eine beachtliche Zahl von Schriften, Aufsätzen und Artikeln, die eine notwendige und, wie sich herausstellte, zugleich verführerische Einkommensquelle darstellen.

Blick nach Großjena,
Weinberge, mit ehemaligen Wohnhaus von Gustav Winter (2007)

Im April 1925, als er den Offenbarungseid leisten musste, besaß er, wie Landgerichtsdirektor Franke im Juni 1929 während des Revisions-Prozesses am Leipziger Landgericht feststellte, noch ganze drei Hemden, zwei Anzüge und sechs Kragen, die er sein eigen nennen konnte. Dank des Volksbundes "Wahrheit und Recht" verbesserte sich rasch seine wirtschaftliche Lage. 1927 beträgt sein Jahreseinkommen laut Selbstauskunft 50 000 Reichsmark. Weitere 160 000 Reichsmark bewahrte die Bank für ihn auf. Winter ist verheiratet und hat zwei Söhne.

 

Von 1924/25 gab Gustav Winter ohne grossen Erfolg die Zeitschrift Der Diktator heraus. Dann rückten immer mehr die Folgen der Inflation, die Frage der Aufwertung und der Schlusskampf mit der Reichsbank in den Vordergrund. Eine bewegte Zeit beginnt. Am 16. Juli 1925 verabschiedet der Reichstag das Gesetz über die Aufwertung von Hypotheken und anderen Ansprüchen und das Gesetz über die Ablösung öffentlicher Anleihen. Zwar regelten sie die Aufwertung der Vermögensanlagen neu, aber es stellte die Initiativen, Gruppen und Vereine der Inflationsgeschädigten nicht zufrieden. Gustav Winter will unbedingt die rot gestempelten alten Tausendmarkscheine - mit den auf ihn befindlichen Einlösungsvermerk von der Reichsbank - gewechselt oder aufgewertet haben. Hierzu gründet er 1926 den

Deutschen Volksbund "Wahrheit und Recht".

Bald eilt ihn der Ruf des Aufwertungs-Rebellen voraus.

 

 

Die Reichsbank warnt

Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht spielt am 26. April 1926 im Brief an das Reichswirtschaftsministerium - ohne jedoch den Namen zu nennen - auf Gustav Winter an. "Er warnt davor, seine Forderungen zu erfüllen. Denn allein von den braunen Tausendern mit dem Datum 30. April 1910 sind etwa 128 Milliarden nicht wieder zur Reichsbank zurückgelangt. Folglich müsste die Reichsbank nur für diese Tausender 128 Milliarden Reichsmark zahlen, "was natürlich den sofortigen Zusammenbruch der neuen Währung bedeuten würde".

 

.... die Flammenzeichen rauchen!

Als Führer des Volksbundes "Wahrheit und Recht" sieht sich Gustav Winter ein um das andere Mal in eine weltgeschichtlichen Situation versetzt. Er versucht allen Ernstes den patriotischen Geist und Elan der Befreiungskriege von 1813/15 für den Schlusskampf mit der Reichsbank zu aktivieren und gibt die Losung aus:

Frisch auf, mein Volk,
die Flammenzeichen rauchen!.

Dieser Vers aus dem Gedicht Aufruf vom Mitglied des Lützowschen Freikorps Theodor Körner (1791-1813) war ein Signal zum Kampf gegen Napoleon. Was genau die Flammenzeichen beim Aufwertungs-Rebellen bedeuten, muss noch geklärt werden.

In einigen Städten entstehen dem Deutschen Volksbund "Wahrheit und Recht" angegliederte Verbände. 1927 beziffert das Münchhausen-Talent die Gesamtmitgliederzahl auf drei Millionen. Als Bundesführer zeichnet er mit:

"Sieghaft wie immer trotz allem
und Treudeutsch Euer G. Winter".

Gustav Winter will mit dem Volksbund in die Reichspolitik eingreifen. So wirft er vor Wahlen mal diese oder jene politisch konkurrierende Losung, also radikal rechte und radikal linke, in die Öffentlichkeit, was einen chaotischen Eindruck hinterlässt. Er will damit demonstrieren, dass die ausschlaggebenden Stimmen vom Deutschen Volksbund "Wahrheit und Recht" kommen. Zum 4. Deutschen Reichstag dient der Volksblock der Inflationsgeschädigten seine Kandidaten an. Was läge näher, als dass der Volksbund sich dieser Wählervereinigung anschließt. Doch Winter unterstützt ihn nicht und preist zur Reichstagswahl am 20. Mai 1928 für die Teutschen Gaue nördlich des Mains die Listen 5 und 10, für Bayern noch die Liste Sahr und Genossen an. "Seine Schafe sollte eben niemand außer ihm scheren!!" (LVZ 29.10.1928)

 

Zum Ärger der Parteien

Der Deutsche Volksbund "Wahrheit und Recht" rannte nicht als einziger gegen die Geldpolitik des Staates an, sondern war nur einer unter vielen Aufwertungs- und Sparer-Initiativen. Beliebt waren sie bei den Politikern nicht. Vielmehr reagierten die großen Parteien nervös, registriert 1928 Carl von Ossietzky, "wenn jemand an ihrer Majestät rütteln möchte". "Diese Gruppen wirtschaftlich Geschädigter, deren einziges Band die Enttäuschung ist, sollten durch Mittel der Gesetzgebung, durch völlig verfassungswidrige Mittel kaputt gemacht werden. ….

Es handelt sich nicht darum, ob diese schnell improvisierten Parteichen nützlich oder sympathisch sind."

Carl von Ossietzky berührte, "wie sehr alle großen Parteien plötzlich einig sind, wenn sich Außenseiter melden, die vor den großen Herren keinen Respekt haben."

 

Der grosse Held
der kleinen Leute

Gustav Winter (1882-1936)
in seiner Lieblingspose

Unter der Leitung von Gustav Winter erscheint ab 1926 die

Wochenschrift für Wiederaufbau
und Ausbau der deutschen Wirtschaft

Wahrheit und Recht.

Im Schlusskampf mit der Reichsbank nimmt sie die Inflationsidioten, das Bonzentum, die verfreimauerte Presse und ekelhaft Hörigen des internationalen Grosskapitals unter Dauerfeuer. Das Überparteiliche Kampforgan für das gesamte arbeitende und denkende deutsche Volk der Aufwertungsbewegung fordert 1931:

Nieder mit Bonzentum und Freimaurerei!
Weiter feuern! Nicht nachlassen!

"Bald ward Gustav Winter, nicht zuletzt durch seine forschen Auftritte,

Der grosse Held
der kleinen Leute 
(Hans Bauer 1928).

Das hielt ihn nicht davon ab, Kampagnen gegen die Inflationsidioten zum monetären Massenbetrug auszugestalten. So war er, titelt zum 17. September 1928 die AZ am Abend in München,

Der einzige,
der von den "Rotgestempelten" leben konnte
.

 

Der verrückte Winter?

Fraglos wusste Gustav Winter den Schlusskampf gegen die Reichsbank aufregend und öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Der Obervertrauensmann der Inflationsgeschädigten plante, organisierte, publizierte, agitierte, reüssierte, intervenierte, provozierte - die Inflationsidioten - und finanzierte, einmal sogar erstaunliche 100 000 Reichsmark, kassierte und betrog.

Gustav Winter (1882-1936). Zeichnung

Und er fühlte sich verfolgt. Dazu trugen die Polizei- oder Kriminalbeamten bei, die an den öffentlichen Zusammenkünften teilnahmen und sie beobachteten. Dem Verfolgungsgefühl erlegen, zog er in einer Gläubiger-Versammlung die Schreckschusspistole heraus, knallte damit in den Saal und rief:

"Mir soll nur einer kommen!
Der erste Schuss geht in die Luft,
der zweite sitzt!"

Der  v e r r ü c k t e  Winter, wie ihn viele nannten, lobte Benito Mussolini und zieht die Scheide- und Stresemänner durch den Kakao. Verrückt? - Dies hätten die Bürger - hoffentlich - ausgehalten. Zudem könnte man einem Münchhausen-Nachfolger Heiteres und Komisches abgewinnen. Doch den Baron kann er nicht beerben. Vielmehr sind seine Aktivitäten in der Aufwertungs-Bewegung, was er nie verhehlte, mit einer antidemokratischen Haltung vergesellschaftet und puren nationalistischem Denken durchzogen. Die

Winter-Bewegung,

beseelt von der Sehnsucht nach dem Führer, ist eine Strömung in der antidemokratischen Rechten und flankiert die nationalsozialistische Bewegung. Unverblümt heisst es im April 1931 in Wahrheit und Recht:

Wir "sind nun einmal die
natürlichen Gegner des heutigen Systems."

Auf dem Weg ins Gefängnis ruft er 1931 seinen Sympathisanten zu:

"Zeigt dem Volke, wie es durch seine Bonzen in allen politischen Parteien belogen und betrogen wird so lange, bis der ganze elende, heuchlerische Parlamentarismus zusammengekracht ist und der Weg frei wird für eine vernunftgemäße, überparteiliche Diktatur seitens eines ehrlichen Volksführers in Deutschland." (WuR 24.4.1931, 3)

Aus gutem Grund tauften ihn die SPD-Genossen auf den Namen "brauner Betriebsanwalt".

 

Weihnachten habt ihr euer Geld!

Als Folge des Krieges kommt es in der Bevölkerung zu einer enormen Verschiebung im Besitz von Eigentum und Vermögen. Aus angesehenen Bürgern machte die Hyperinflation gescheiterte Existenzen. Nicht selten verloren sie achtzig bis neunzig Prozent ihres Geldvermögens. Einige mussten die herrschaftliche Wohnung mit einem kleinen Zimmerchen tauschen. Viele stürzten ins bodenlose, schlugen sich schwere soziale Verletzungen.

Überhaupt stand die Geldpolitik der Regierung nicht im hohen Ansehen. So beklagte Graf Arthur von Posadowsky-Wehner (Naumburg) in Vorfeld der zweiten Beratung zum Aufwertungsgesetz am 10. Juli 1925 im Reichstag: "Es ist ein Grundfehler der Aufwertungsgesetzgebung, dass sie die rechtlichen, sozialen und politischen Gesichtspunkte völlig außer Acht gelassen hat. Von staatsmännischem Geist spürt man in ihr keinen Hauch." (Nach Keil 1925)

Unter diesen Gegebenheiten konnte sich der Deutsche Volksbund "Wahrheit und Recht" ohne grosse Mühe aus dem Heer der sozial Deprivierten eines gewissen Zulaufs erfreuen.

"Jetzt bereist Gustav", eröffnet Anfang 1926 Hans Bauer im Grazer Arbeiterwille dem Leser, "mit seinem Aufwertungsvortrag ganz Deutschland und hat brechendvolle Säle. Der Eintritt beträgt 50 Pfennig. Aber das ist nicht das Geschäft, sondern dies, dass er seinen verbitterten Plüschgarnitur-Kleinbürgern glaubhaft zu machen versteht, dass der Beitritt zu seiner Organisation der Reichsbankgläubiger dem Aufwertungsgedanken auf die Beine hilft."

Weihnachten seid ihr wieder zu Hause,

versprach im August 1914 Kaiser Wilhelm II. seinen Soldaten. Im Herbst 1926 gelobte Gustav Winter seinen Jüngern in Dresden:

Weihnachten habt ihr euer Geld.

 

Torre di Venere ist überall

Die Ungereimtheiten wollten die Aufwertungsschafe nicht bemerken. Wie hypnotisierte und willenslose Geschöpfe traben sie ihm nach. Mit Bekenner- und Führersehnsucht und, was Historiker Ernst Borkowsky den Deutschen bereits 1914 attestierte, grosser Glaubensstärke. Es fehlte nur noch, dass sie ihn küssten, so wie Mario unter Hypnose, in der Annahme es sei die Geliebte, den hässlichen Zauberer Cipolla. Das Publikum des Grand Hotels im fiktiven Torre di Venere war verführbar, süchtig nach dem berauschenden Erlebnis, so wie die am 6. April 1926 im Hofjäger von Magdeburg um Gustav Winter versammelten Vorkriegsgeldbesitzer, die an das Aufwertungswunder glaubten. Während die Novelle Mario und der Zauberer (1930) eine von "Ärger, Gereiztheit, Überspannung" (Mann) geprägte Atmosphäre spiegelt, herrscht bei den Winter-Versammlungen eine gehobene, dynamische und aktivistische Stimmung. Der Taschenspieler und Hypnotiseur Cavaliere Cipolla war ein unangenehmer Typ. "Es war greulich," hinterliess uns Thomas Mann als Beschreibung, "wie der Betrüger sich lieblich machte, die schiefen Schultern kokett verdrehte, die Beutelaugen schmachten liess und in süsslichen Lächeln seine splittrigen Zähne zeigte." Dagegen vereinte der Betriebsanwalt aus Grossjena das Charisma eines Sozialrebellen mit den des Taylorismusinspektors und der Ausstrahlung eines Börsengurus. "Wo Winter auftrat, wurde er bejubelt." (Lechter 1929) Seine Anhänger liebten und verehrten ihn abgöttisch. Über 20 000 Protestbriefe sandten sie an das Schöffengericht in Leipzig, wo er sich 1928 wegen Betrugsverdacht verantworten musste. Als er im Juli 1929 nach Abschluss der Revisionsverhandlung das Leipziger Gerichtsgebäude verliess, schenkte ihm eine bald siebzigjährige Frau einen Strauss roter Rosen. Ausserdem umjubelte ihn eine Menge seiner Anhänger. Drei Jahre später sammelten die Winter-Hörigen 35 000 Unterschriften, damit ihr Führer zur Präsidentenwahl kandidieren konnte.

Rückblickend erscheint weniger Gustav Winter als der "gefährliche Mann", umso mehr jedoch sein gläubiges Publikum und die von Bekenner- und Führersehnsucht animierte Anhängerschaft. "Warum sollen die Leute, wenn sie an die Aufwertung glauben," argumentiert 1932 der Sozialdemokratische Pressedienst, "nicht auch an die sogenannten Protokolle der Weisen des Zions glauben, an die dümmste antisemitische Fälschung, die es gibt. .... Steht der glaube an Hitlers Versprechungen und Phrasen im Grunde genommen nicht auf der gleichen Stufe, wie der Glaube an die Weisen von Zion oder an die rotgestempelten Tausendmarkscheine?"

 

Die Leute sind viel dümmer, als sie glauben

 

Gustav Winter

geboren am 11. Mai 1882 in Magdeburg

1920: Der Taylorismus.
Handbuch der wissenschaftlichen Betriebs-
und Arbeitsweise für die Arbeitenden
aller Klassen, Stände und Berufe.

Experimente mit "magnetischen Kohl" in Norddeutschland

Umzug von Leipzig nach Großjena bei Naumburg

1924: Der falsche Messias Henry Ford. Ein Alarmsignal für das gesamte deutsche Volk. Leipzig

1924: Gustav Winter: Der falsche Messias Henry Ford. Ein Alarmsignal für das geamte deutsche Volk. Verlag Freie Meinung, Leipzig

1926: Mein Schlußkampf mit der Reichsbank und ihren heimlichen Helfern!
Leipzig, Hainstr. 23, Selbstverlag

1925: Herausgeber der Wochenschrift für Wiederaufbau und den Ausbau der deutschen Wirtschaft Wahrheit und Recht

etwa 1926:
Gründung des Deutschen Volksbundes Wahrheit und Recht

1926/27: Dokumentarfilm Bahn frei - der Völkerfrieden kommt!. Schwarz-weiss, stumm, 2835 Meter

1927: Der grosse Betrug - der Inflation und Deflation, Verlag Wahrheit und Recht, Leipzig

1928: Wahrheit und Recht über den Betrug mit den "Rotgestempelten", Nordholz, Kreis Lehe, Verlag "Wahrheit u. Recht"

3. Oktober 1928:
Beginn des Betrugs-Prozesses gegen Gustav Winter am Schöffengericht in Leipzig

8. November 1928: Verurteilung wegen fortgesetzten Betrugs zu einem Jahr drei Monate Gefängnis und 20 000 Reichsmark Strafe

1928/29: Aktivitäten
um die Deutschen Volkslichtspiele GmbH (Devoli) - gegründet am 3. August 1927. Auf Winters Initiative hin Überleitung in Deutsche Volksbund Lichtspiele

25. Februar 1929: Gründung von Philanthropa, internationales Kultur-Film-Propaganda-Institut E. Linke & Co. Kommanditgesellschaft (Leipzig)

11. Juli 1929: 6. Grosse Strafkammer des Leipziger Landgerichts erklärt das Urteil von 1928 gegen Winter für gültig

15. Februar 1930:
Gustav Winter trifft auf der Generalversammlung der Aktionäre der Reichsbank mit dessen Präsidenten Hjalmar Schacht zusammen

Mai 1931: Ehefrau Anna stirbt nach vierjährigen Magenkrebsleiden

Platon [= Gustav Winter]: Die Freimaurerei als Zerstörerin Deutschlands und Europas. Was steht dahinter? Verlag "Wahrheit und Recht", Leipzig 1931

1932: Winter im Gefängnis

13. März 1932:
kandidiert zur Wahl des Reichspräsidenten

Orga-Kult Kampagne

1931: Die Freimaurerei als Zerstörerin Deutschlands und Europas. Großjena bei Naumburg, Verlag "Wahrheit und Recht"

1933: Die Rettung Deutschlands ohne neues Geld. Verlag Wahrheit und Recht, Gustav Winter. Großjena bei Naumburg

5. November 1935:
Brief an Adolf Hitler

16. Dezember 1935:
Verhaftung

Sondergerichtsprozess in Halle

31. Oktober 1936 - Tod von Gustav Winter

 

Auf Versammlungen in Berlin, Zittau, Mannheim, Breslau, Dresden, Leipzig, Köln, Elberfeld, Krefeld und vielen anderen Städten warb der Betriebsanwalt aus Großjena für den Volksbund und die Aufwertung um 100 Prozent. Bei ihrer Vorbereitung tauchten manchmal Schwierigkeiten auf. Es kreiste die Nachricht umher, Reichsbankpräsident Doktor Hjalmar Schacht unterbreitet den Inhabern der alten deutschen Reichsbanknoten ein Vergleichsangebot von 66 2/3 Prozent. So stand es auch in Köln auf einem Winter-Plakat geschrieben. Einige trauten dieser Botschaft nicht und fragten sich, war es vielleicht doch ein Angebot  a n  Doktor Schacht? Ein Bürger versuchte Winter hierzu eine Klarstellung zu entlocken, scheiterte aber. Kurz darauf kam er als Referent zu einer Aufwertungs-Versammlung in die Stadt. Sollte man jetzt vielleicht mit ihm sprechen können? Dazu kommt es nicht, denn Winter führte sich wie ein Diktator auf und warnte die Dissidenten:

"Wer sich erlaubt, mir zu widersprechen, wird an die Luft gesetzt. Ich mache sofort von meinem Hausrecht Gebrauch."

Für die Ausführung seiner Befehle hatte er immer eine Leibgarde zur Hand. "Die Leute, die ihm widersprachen," berichtete die Leipziger Volkszeitung (LVZ) am 11. Oktober 1929 vom Winter-Prozess, "wurden als Reichsbankspitzel verschrien und in seiner Zeitschrift "Wahrheit und Recht" heruntergerissen." Als Mann der Ordnung, sorgte er zunächst für viel Unordnung. Wo und wann er immer eintraf, ging es hoch her. In Hamburg musste die Staatsmacht zur Gewährleistung elementarer Formen von Ordnung Sicherheit eine Sipo-Kommando mit 1000 Mann einsetzen.

Von einer dieser Winter-Versammlung nahm die AZ am Abend in München Witterung auf. Am 1. März 1927 benachrichtigte sie die Leser: "Wegen Irreführung der gutgläubigen Massen" verbietet die Polizei das Treffen.

Selbstbewusst verkündet er dem Gericht 1928: "Mein Bild hängt auf jeden Bahnhof". Einige Monate später, im Revisionsverfahren, das war Juli 1929 in Leipzig, erklärte er vor Gericht:

Ein Drittel, ja die Hälfte aller Deutschen
sind meine Anhänger
.

Wenn Winter den Saal betrat, standen die Gäste auf, jubelten und klatschten. Ihm war an der Aufwertung des Geldes und an der eigenen Höherstufung gelegen. Seine Brust dekorierte er mit allen möglichen Auszeichnungen. Vor dem Gericht in Leipzig klärte sich, dass es alles Ehrenzeichen von nationalistischen Klubs und Vereinen waren.

Immer wieder dachte sich der Führer des Deutschen Volksbundes "Wahrheit und Recht" phantastische Geschichten aus. Zum Beispiel: "Jetzt kommt Frankreich. Die Kanonen sind schon auf der anderen Seite des Rheins aufgefahren. Wenn Deutschland jetzt die alten Noten nicht aufwertet, so kommen die Franzosen nach Deutschland, um die Aufwertung zu erzwingen." Derartiges purzelte Gustav Winter nur so aus dem Kopf, was ihm nicht die geringsten Gewissensbisse bereitete. Wie gesagt, 1926 schwor er seinen Gläubigern Stein und Bein, dass das Geld Weihnachten ausgezahlt wird. Als das nicht geschah, sprach ihn ein Mitstreiter auf die Ungeheuerlichkeit des Schwindels an, worauf er geantwortetet haben soll:

"Die Leute sind viel dümmer, als sie glauben. Wenn ich nicht mit einer saudicken Lüge komme, so halte ich die Leute nicht zusammen." (LVZ 17.10.1928)

Nach der Rede feierten sie ihn ab. Mitunter trugen sie ihn auf Schultern durch den Saal und er rief: S i e g ! S i e g ! Die Bühne war, erklärte ein Zeuge im Gerichtsprozess 1928, mit Blumen und Lorbeerbäumen geschmückt und mittendrin stand eine Winter-Büste. Darüber strahlte die aufgehende Sonne von Wahrheit und Recht. Als er einmal in Dresden seinen Vortrag beendet hatte, erzählte Winter, kamen Mitglieder des Deutschen Offiziersbundes und der deutschen Fürstenhäuser gerannt, um ihm die Hand zu schütteln.

Alles in allem ideale Bedingungen, um auf dem Gebiet der Volksverdummung epochale Leistungen zu erbringen.

 

Winters Munitionslieferanten

Dass eine Bewegung gegen die Geldpolitik der Regierung entstanden war, kann freilich nicht allein Winters Redetalent oder dem Engagement desVolksbundes zugerechnet werden. Vielmehr forderten gewisse Politiker durch ihre Worte gegen die Arbeits- und Brotlosen, "deren kein Kartätschenprinz sich zu schämen brauchte" (Lewinsohn), Widerstand und Renitenz niederer Art, aber auch den Protest der Anständigen heraus. So verstieg sich beispielsweise der Reichsbankpräsident und spätere Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht am 14. Februar 1930 in der Rede zur Schaffermahlzeit im Bremer Haus der Schifffahrt zu der Leistung: ".... wir haben nirgends mehr das Gefühl in der Bevölkerung, dass der Einzelne für sein Schicksal verantwortlich ist, dass der Einzelne kämpft und ringt und sich einsetzen muss, wenn er etwas im Leben erreichen will. Unser Ideal in Deutschland ist

das Ideal des Sozialrentners,

der mit dem Augenblick, wo er in die Wiege gelegt wird, sämtliche Versorgungsscheine, einschließlich der Sterbeklasse mitbekommt. Wir fühlen uns nicht als Bürger des Staats, sondern wir fühlen uns als Wohlfahrtsempfänger ...."

Die Schaffer spendeten reichlich Beifalll.

Hingegen erkannte die Vossische Zeitung am 16. Februar 1930 in der Schacht-Rede nur eine "schlechte Wirkung des sicheren Reichtums". Laut Leipziger Volkszeitung vom 17. Februar 1930 lag das Jahreseinkommen des Reichsbankdirektors bei einer halben Million Reichsmark. Dafür wetterte er schon mal gegen die erwerblosen Proleten und Hilfebedürftigen, legte "der öffentlichen Hand kräftige Handschellen" an, half wacker den Hohenzollern bei der Abfindung und beschuldigt im Buch die "Stabilisierung der Mark" Beamte der Banque de France des Raubes, des Einbruchs und der Fälschung (Lewinsohn). "Durch eine falsche Politik" hat er, moniert Rudolf Hilferding (SPD) am 3. Dezember 1927 vor dem Reichstag, die Schwächung des deutschen Kapitalmarktes zu verantworten.

Nicht nur Hajalmar Schacht lieferte der Winter-Bewegung von Zeit zu Zeit die Munition für den Schlusskampf frei Haus.

 

Der große Betrug

1927 erscheint von Gustav Winter

Der große Betrug -
der Inflation und Deflation
,

eine Kampf- und Aufklärungsschrift des Deutschen Volksbundes "Wahrheit und Recht".

Wie eine Lawine rollte die Inflation über Deutschland hinweg, erklärt der Wirtschaftsexperte aus Großjena. Sie vernichtete gewaltige Werte und Güter. Schuld sind die dunklen Kräfte Rathenau, Erzberger, Scheidemann und ihre Vorder- und Hintermänner. Schuld ist Hjalmar Schacht (1877-1970), der mit den Worten zitiert, dass sich die wirtschaftlich Geschulten auf Kosten der Unwissenden bereicherten. Gleichzeitig wirkt er maßgeblich an der künstlichen Verlängerung der Inflation mit. Noch im Frühjahr 1923, meint Gustav Winter, wäre es mit guten Willen möglich gewesen, die Inflation zu stoppen. Einige hundert Millionen Goldmark reichten aus, um das Übel zu beheben. Aber nein, der wahnwitzige und ehrgeizige Streber Hjalmar Schacht - erst Reichswährungskommissar und dann ab 22. Dezember 1923 Präsident der Reichsbank - ruiniert alles planmäßig, indem er die Papiermark durch Einführung der Rentenmark ab 15. November 1923 saniert. Zunächst besteht diese neben der alten Papiermark. Dann wird sie bei der Reichsbank zum Kurs von 1 Billion Papiermark = 1 Rentenmark = 1 Reichsmark umgetauscht. Als Gewinner sieht er das internationale Finanzkapital und das Reich, die Länder und Gemeinden, die nun frei von Schulden sind. Eigentlich erwartete man Steuererleichterungen. Aber, im Gegenteil, dem Volk werden weitere Kosten aufgebürdet. Virtuos jongliert Winter mit den Begriffen "Versailler Diktat", "Inflation", "Deflation", "Dawes-Plan", "Wirtschaftsniedergang", "Volksverrat" und "Volksbetrug". Zu oft gleitet er in theatralische Vorwürfe gegenüber dem Reichsbankpräsidenten ab. Diktion und Sprache seiner Argumentation erinnern mehr an die heutige Yellow-Press als an soliden politischen Journalismus.

 

Vor Gericht in Leipzig

Am 19. September 1928 trompeten die "Innsbrucker Nachrichten" hinaus:

Riesenbetrugsprozess in Deutschland.

Der Führer des Volksbundes "Wahrheit und Recht" muss sich ab 3. Oktober 1928 vor dem Schöffengericht in Leipzig verantworten. Nicht weil er das Volk erregte, was oft genug vorkam und die Presse immer gerne aufgriff, sondern der Verdacht auf Betrug an den Mitgliedern aufkam. Er soll die Einnahmen aus dem Verkauf von Broschüren nicht regelkonform an den Volksbund abgeführt haben. Deshalb musste der Aufwertungs-Kämpfer vor Gericht, dass über zwanzig Tage verhandelte. Wegen der chronischen Gallenerkrankung des Angeklagten, musste gelegentlich ein Termin ausfallen.

Allein bis zum 9. Verhandlungstag erschienen 43 Zeugen. Wenn Winter das Wort erteilt wurde, hörte man, worüber der Vorsitzende natürlich verärgert, aus dem Publikum immer mal wieder Zustimmungsbekundungen.

Als erstes greift das Gericht zur Broschüre "Aufwertung zu 100 Prozent". Dann folgt "Mein Schlusskampf mit der Reichsbank und ihre heimlichen Helfer". Jeden Zweifel des Richters und Staatsanwalts, hält der Gerichtsreporter fest, wehrt er mit der Gewandtheit eines begabten Redners ab. An einem weiteren Tag befasst sich das Gericht mit der Schrift "Der grosse Betrug".

Dann ging es, wie Gustav Winter in einem Brief schrieb, um das prima Geschäft mit den Schriften, also um die merkantile Seite der Propaganda des Volksbundes. Allein 1926/27 setzte er 600 000 Druckschriften ab (Bauer 1928). Nimmt man einen Verkaufspreis von 1 Mark und Selbstkosten von 30 Pfennige pro Exemplar an, ergibt dies Brutto-Einnahmen in Höhe von 420 000 Reichsmark. Der Staatsanwalt kalkulierte gar mit nur 10 Pfennigen Selbstkosten pro Stück.

Wie man es immer rechnete, es kam heraus, dass er nicht alle Einnahmen aus dem Verkauf von Broschüren an die Organisation abführte, sondern in die eigene Tasche steckte. Weitere Einkünfte erzielte er durch seine Auftritte für den Volksbund. Je Vortrag in einer Aufwertungs-Versammlung erhielt er zunächst 50 Reichsmark nebst Unkosten für Reise und Verpflegung. Später waren es sogar 10 Prozent der Bruttoeinnahmen des jeweiligen Abends.

Überdies genügte die Buchhaltung des Volksbundes nicht den elementaren und allgemein anerkannten Anforderungen. Trotzdem gestaltete sich die Beweisaufnahme für die Staatsanwaltschaft schwieriger als gedacht. Der Angeklagte übernahm, was nicht geleugnet, von den ihn unterstellten Verbänden des Volksbundes in Dortmund und Leipzig die Kasse, was damit begründet wurde, dass ihre Arbeit keine Aussicht auf Erfolg versprach. Ausserdem musste Winter, so seine Rede, viele Kosten der Bewegung übernehmen. (WuR 24.4.1931, 17)

Irgendwann "kamen die Gläubiger aus Hamburg angezottelt, die nach Leipzig geeilt waren, um ihre diversen Hände für Winter in das bekannte Feuer zu legen." Es existierte kaum eine gute Eigenschaft, unterrichtete darüber am 25. Oktober 1928 die Leipziger Volkszeitung (LVZ) ihre Leser, die der Angeklagte nicht in ausgiebiger Weise besass. Ein erhebender Anblick, kommentierte das Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes weiter, wie der Reihe nach ein Milcharbeiter, ein Kaufmann und ein Staatsarbeiter auf die Frage des Vorsitzenden nach dem Ziel der Bewegung die Hacken knallend zusammenschlugen und im germanischen Heldentenor erklärten:

"Die Errettung des deutschen Volkes
und der deutschen Heimat aus tiefster Not"!

Immer wieder brach beim Angeklagten das Imponiergehabe durch. Im Flugblatt Nummer 1, "das bald zur Verlesung kam, empfahl "Winter die Beteiligung seines Bundes an der Industrie und die Gründung einer Goldmarkbank." Angeblich waren schon zehn deutsche Grossfilme fertiggestellt. Zehn weitere sollen in Arbeit sein. "Die Anklage stellte hier fest, dass die Propagierung dieser Unternehmen nur dazu dienen sollten, Winter die Taschen zu füllen und nicht wie Winter behauptet, den Interessen seiner Anhänger." (LVZ 5.10.1928)

Am 19. Verhandlungstag spitzte sich die Lage im Saal zu, weil die Staatsanwaltschaft seinen Film Bahn frei, der Völkerfrieden kommt! als wichtiges Beweismittel ansah, aber die Richter beschlossen, diesen nicht aufzuführen. Daraufhin warf ihnen Gustav Winter Justizmord vor. Der Vorsitzende wies dies zurück und bat, sich zur Beschlussfassung zurückzuziehen. Nach kurzer Beratung erschien das Gericht wieder und verurteilte den Angeklagten wegen ungebührlichen Verhalten zu drei Tage Haft. Dies blieb, erklärte nach Vollzug der Angeklagte öffentlich, nicht ohne erzieherische Wirkung. Zum Zeichen der Sühne stellte er dem "Stahlhlem" und "Rot-Front" eine grössere Summe Geld zur Verfügung.

Ansich war die Erhebung von unberechtigten Ansprüchen nicht strafbar. "Die Rechtslage änderte sich aber", worauf am 1. November 1936 die Bremer Nachrichten aus Anlass des Todes von Gustav Winter verweisen, "als durch die Entscheidung des Reichsgerichts vom 20. Mai 1926 die Aufwertungsansprüche endgültig als haltlos festgestellt wurden. Nun lag Winter schief, schwindelt aber weiter." - Es sei dahingestellt, ob die Undurchführbarkeit der Aufwertung von Reichsbanknoten nicht bereits in Ansehung von Paragraph 3 des Bankgesetz vom 30. August 1924 gegeben war, worauf Hjalmar Schacht im Brief vom 26. April 1926 an den Reichswirtschaftsminister hinwies. Ungeachtet der anhaltenden schweren parlamentarischen Kämpfe um die Geld- und Finanzpolitik der Republik, war dem informierten politischen Bürger damit klar, dass die Besitzer von Bargeld keine Aufwertung mehr erwarten konnten. Eine Einsicht, der sich der Deutsche Volksbund Wahrheit und Recht verschloss. Vielmehr bemächtigt sich nun, wie Doktor Rudolf Schetter (1880-1967) registrierte, die Aufwertungs-Bewegung immer mehr zugespitzter Losungen, wie Raubzug des Staates gegen das Sparkapital, großer Volksbetrug oder Vernichtung von Gläubigerrechten auf. In seiner Rede vom 10. Juli 1925 wies der Reichstagsabgeordnete des Zentrums darauf hin, dass diese Maßlosigkeiten und Schlagworte den Initiativen im Kampf um das Recht "unendlich geschadet" haben.

"Wenn ich für das Volk schreibe," rechtfertigte er seine aufgeschäumte Darstellungsweise zu Beginn des Leipziger Prozesses, "so muss ich mich hart und großsprecherisch ausdrücken, sonst verstehen sie mich nicht." (LVZ 6.10.1928)

Jedenfalls musste das Gericht alle Informationen prüfen, die der Angeklagte oft eloquent in seine phantastische Erzählungen einbaute. Über 14 000 Briefe liefen bei ihm in Grossjena täglich ein, entfuhr es seinem Munde. Ausserdem sollte in Leipzig für Wahrheit und Recht ein extra Postamt eingerichtet werden. Dazu wurde der Zeuge Postinspektor Wolf vom Postamt C 1 Leipzig befragt, der sich jedoch nicht daran erinnerte, je mit dem Angeklagten darüber gesprochen zu haben. Angeblich arbeitete er täglich 20 Stunden. Trotz grossem Fleiss und Eifer, liegen noch 80 000 Zuschriften ungeöffnet in seinem Zimmer. (LVZ 16.10.1928)

Am 9. Verhandlungstag tischte er dem Schöffengericht folgende Geschichte auf: Die Reichsbank erteilte ihm die Erlaubnis zum Prägen von Goldstücken. Ihm gefiel aber der Adler nicht, weshalb er jetzt seinen Kopf aufbringen werde. (LVZ 16.10.1928)

Das Gericht brachte Gustav Winter aus einer seiner Broschüren Folgendes zu Gehör: "So ist es mit gelungen, durch innereuropäische Verhandlungen die Anerkennung unserer Forderungen im Ausland zu erhalten, so dass sie als Wechsel diskontiert werden." Auf die Nachfrage vom Vorsitzenden, ob er eine Börse nennen kann, die mit ihm verhandelt hat, fiel er in Schweigen.

Geschickt nutzte der Propagandist Winter die allgemeine Unübersichtlichkeit aus, die in der Aufwertungs-Frage herrschte. "Die dritte Steuerverordnung vom 14. Februar 1924 und das Aufwertungsgesetz vom 19. Juli ist in seinen Bestimmungen ausserordentlich verwickelt und vielfach unklar", kritisiert 1928 der ehemalige Staatsminister, Staatssekretär des Inneren und Stellvertreter des Reichskanzlers Graf Arthur von Posadowsky-Wehner. Die Undurchschaubarkeit der Verhältnisse begünstigte Manipulationen verschiedener Art. Zum anderen suchten gerade deshalb viele Gläubiger Anlehnung und Hilfe beim Deutschen Volksbund Wahrheit und Recht. Ihr Bundesführer war der damit verbundenen Verantwortung nicht gewachsen.

Am 8. November 1928 verurteilte das Schöffengericht Gustav Winter wegen Betrugs zu einem Jahr drei Monate Gefängnis und 20 000 Reichsmark Strafe. Es kam nicht umhin, ihn als einen der größten Aufwertungsschwindler zu bezeichnen. "Die Dreistigkeit und Skrupellosigkeit, mit der er vorgegangen sei, um sich und seiner Familie eine sorgenfreie Existenz zu schaffen," kommentierte am Tag darauf die Münchner AZ am Abend, "müsse als strafverschärfend angesehen werden."

Zum Abschluss des Prozesses war dem Vorwärts (SPD) aus Berlin wichtig mitzuteilen, wie der Aufwertungs-Rebell seine Gläubiger einschätzte. Dies "gehe aus seinen eigenen mit zynischer Offenheit dargelegten Ausführungen hervor, als er sagte, er müsse den Leuten, die dümmer seien als dumm, mit grossen Lügen als Bluff kommen."

Davon unbeeindruckt überschütten die Aufwertungsgläubigen Winter und Verteidiger nach der Urteilsverkündung mit Blumen. Vor der Tür des Gerichtsgebäudes, empfingen ihn die Getreuen mit:

"Unser großer Führer,
er lebe hoch!"

Bei so viel Sympathiebekundungen aus der deutschnationalen Szene, hiess es jetzt: weitermachen. Es folgte der Skandal um die Deutschen Volksbund - Lichtspiele (1929). Dann die Affäre um den Dokumentarfilm Der grosse Betrug. 1930 bläst in der Reichsbank der Wintersturm. Zwei Jahre später kandidiert er für das Amt des Reichspräsidenten. Schliesslich wirbt Winter 1935 bei Adolf Hitler für den magnetischen Kohl.

Das Urteil wegen Betrugs an seinen Mitgliedern empfand er immer als ungerecht. Nie, argumentiert er im Vorwort zu

Die Freimaurerei
als Zerstörerin Deutschlands und Europas
 (1931),

hatte sich ein einziger Geschädigter gemeldet. Vielmehr war die "Hetze" gegen ihn planmäßig organisiert. "Als wirkende Organisation erwies sich endlich: die geheime Oberleitung der internationalen Freimaurerei."

Sein Rechtsanwalt legte gegen das Urteil vom 8. November 1928 Widerspruch ein. Einige Monate später begann vor der 6. Grossen Strafkammer des Leipziger Landgerichts der Revisionsprozess. Der Staatsanwalt hegte Zweifel, ob der Angeklagte überhaupt rot gestempelte Tausendmarkscheine besitzt. Daraufhin unterbreitete Winter den Vorschlag, worauf der Richter einging, die rot gestempelten Reichsbanknoten umgehend beizubringen. Die Verhandlung wurde unterbrochen. Winter konnte nach Grossjena reisen. Am nächsten Morgen, Mittwoch, den 5. Juni 1929, fuhr er, was in der Stadt einige Aufmerksamkeit erregte, mit seinem Panzerauto vor. Gleich nach Eröffnung der Sitzung übergab er dem Gericht einen Lederkoffer mit Geldscheinen, dass sich sofort von seinem Inhalt überzeugte. Neben grün gestempelten, fand es in der Hauptsache eine Unmenge von rot gestempelten Tausendmarkscheine.

Nach vielen Sitzungen bestätigte am 11. Juli 1929 der Richterspruch das Urteil von 1928 und verwarf damit die Berufung auf Kosten des Angeklagten. Eine Strafmilderung auszusprechen, kam für das Gericht nicht in Frage, weil der Verurteilte seine Betrügereien fortsetzte. Vielmehr stellte es erneut fest, dass der Bundesführer von Wahrheit und Recht seine Gefährten über die realen Möglichkeiten einer Aufwertung planmässig täuschte, obwohl er recht gut wusste, dass dies nicht mehr möglich war.

 

Der grosse Betrug und
die Filmgesellschaft Philanthropa

Gustav Winter produziert den Film

Bahn frei, der Völkerfriede kommt,

der 1927 erscheint. Anklang findet er nicht. Mit der Geste des tragisch-verkannten Genies, registriert die Leipziger Volkszeitung am 25. Oktober 1928, beklagte er sich über die erbitterte Feindschaft der Kinounternehmer. Statt seinen Film aufzuführen, spielen sie wochenlang soziale Zersetzungsprodukte wie den Potemkin von Sergei Eisenstein.

Das Belgard-Polizner Kreisblatt warnt am 28. Dezember 1929 vor den Wanderredner Gustav Winter und verweist auf das Leipziger Gerichtsurteil vom 11. Juli 1929. Ungeachtet dessen, scheint er seine Tätigkeit, die zur Bestrafung geführt hat, weiter fortzusetzen, wozu neuerdings der von ihm produzierte Dokumentarfilm

Der große Betrug

aufgeführt werden soll. Bereits im Betrugs-Prozess von 1928 verweigerte das Leipziger Schöffengericht die Aufführung des Films im Gerichtssaal, betrachtete ihn aber als Beweis für die informationellen Manipulationen, die er oft vornahm. Das Kreisblatt veröffentlicht ein Schreiben des Landrats von Belgard an der Persante (Woiwodschaft Westpommern). Darin heisst es, dass für eine Genehmigung der Filmveranstaltung bisher nicht nachgesucht worden ist. Mit einer Zulassung, hebt der Runderlass des Ministeriums des Inneren vom 10. Dezember 1929 hervor, ist nach dem, was bisher bekannt geworden ist, gemäß den gesetzlichen Bestimmungen kaum zu rechnen. Der Landrat, ersucht die Bürger, gegen jede unerlaubte Vorführung des Films einzuschreiten. Die Behörden befürchten, dass Gustav Winter versuchen wird, diesen trotz Verbot aufzuführen.

Philanthropa - 15. Februar 1929

Denn Philanthropa, Kultur-Film-Gemeinde deutsche Städte e.V., verkaufte bereits Filmpässe, ohne die Gegenleistung garantieren zu können.

Die Organisation ist ein Ableger der Philanthropa - Internationales Kultur-Film-Propaganda-Institut E. Linke & Co. Kommanditgesellschaft (Leipzig). Sie wurde am 25. Februar 1929 gegründet. Gustav Winter und E. Linke (Leipzig) zeichnen als Geschäftsführer. Direktor E. Linke ist dem Cineasten als Produzent und Regisseur von Satan Diktator (Leipzig 1919) und Orientfieber (Leipzig 1923) bekannt. Wer will, teilt man öffentlich mit, kann auch für 100 Reichsmark Anteile an Philanthropa kaufen.

Die Filmgesellschaft organisiert und führt den Kampf gegen Überfremdung und Monopolherrschaft. Zur Geschäfts-Philosophie heisst es:

"Wir spucken den internationalen Hetzern wiederum in die Suppe, wir stellten schon längst den amerikanischen Hetzfilmen eine scharfe Gegenpropaganda und europäische Friedensfilme gegenüber (italienische, deutsche, französische, schwedische!) und werden dafür sorgen, dass statt Zersetzung der Staaten von Europas - die Vereinigten Staaten von Europa entstehen, ob nun die Herren beamteten Diplomaten Europas dies heute schon völlig begreifen oder nicht."

Dadurch wird überall, doch "zunächst aber in Deutschland Wahrheit und Recht zum Siege kommen" (WuR 22.2.1929, 13).

Intendiertes Ziel der Kulturkampfgruppe blieb, die Aufführung des nicht zugelassenen Films Der grosse Betrug.

 

Kampfmaschine gegen das internationale
Finanzkapital oder Hugenberg-Kutsche?

1928/29 mischte der moderne Heiland (Leipziger Volkszeitung) in Naumburg bei der Ertüchtigung von

Panzer-Propagandawagen

mit.

Ein großartiges, billiges und wirksames Propagandainstrument im Kampf gegen die Macht des internationalen Kapitals und die Bonzen erblickt Gustav Winter in der

Devoli.

Gegründet wurden die Deutschen Volkslichtspiele GmbH am 3. August 1927 unter Drangabe von 800 000 Reichsmark, die Adelbert Karl Werner Graf von der Schulenburg (Burgscheidungen) und der ehemalige Hofschauspieler am Sächsisch-Meiningschen Hoftheater (1907-1914) Erich Claudius (1889-1940) aufbrachten. Ihre Film- und Tonstudios sowie Lager-, Material-, Verpackungs- und Verwaltungsräume befinden sich in Naumburg im früheren Garnisonslazarett (Nordstraße) auf dem Spechsart.

Winter meint mit Devoli nicht die Firma Deutsche Volkslichtspiele, sondern die mit gleichen Namen ausgestatteten

Propaganda-Kampfmaschinen,

eine Art Propaganda-Mobil. Konstrukteure montierten 1927 auf ausgedienten Panzerautos Kinoprojektoren mit Projektionswänden. Für die Arbeiterparteien war es schlicht eine Hugenberg-Kutsche.

Damit kann man, ruft Winter mit kindischer Freude aus, überall hinfahren und Kino machen. "Musste das Kinopublikum sich bisher die ekelhaften Hetz- und Zersetzfilme amerikanischen Ursprungs einfach gefallen lassen, weil weder gute Filme greifbar, noch Kinos frei waren, so vermögen wir heute mit unserer Devoli Wandel zu schaffen; Wir bringen das Gute vor das Volk." (WuR 22.2.1929, 10) Endlich können jetzt, gibt er seiner Hoffnung Ausdruck, nationale Kinoproduktionen gezeigt werden, die nach Beseitigung der friedensstörenden Verträge (Versailles, Dawespakt) der Völkerverständigung dienen sollen. Nach sechs Monaten, im März 1928 folgt der Konkurs.

Wahrheit und Recht erzählt am 22. Februar 1929 die Devoli-Geschichte so zu Ende:

"Der Gegenschlag der Koalitionsparteien gelang, die Firmen zogen ihre Aufträge zurück, die "Devoli" wurde für den Filmbezug boykottiert, die Polizeibehörden wurden gegen sie mobil gemacht und nach rund sechs Monaten war dieses ungeheuerliche und gefürchtete Kampfinstrument - zerschlagen? - ach wo - nur außer Gefecht gesetzt. Wohl kam die Firma in Konkurs und alles lag brach - große liquide Werte lagen illiquid auf einem Lagerplatz in - Naumburg an der Saale - ausgerechnet dort, wo unser Führer jetzt sein Domizil aufgestellt hat."

Es war geplant, die Propaganda-Tanks in Naumburg zu entsorgen. Als der Kämpfer gegen das internationale Finanzkapital davon erfährt, posaunt er aus:

Für so etwas hat der Winter Geld.

Die Tanks werden leicht rekonstruiert, die Projektionsflächen für das Kinobild vergrössert und mit Lautsprecher ausgestattet. Jetzt können alle Filme vorgeführt werden. Auch Benito Mussolini (1883-1945) besitzt, protzt der Bundesführer, so einen Panzer-Propaganda-Wagen.

"Die Devoli ist in unserer Hand!", triumphiert die Zeitschrift Wahrheit und Recht am 22. Februar 1929. Die Devoli heisst jetzt:

Deutsche Volksbund - Lichtspiele.

Allmählich versiegen dann die Nachrichten.

Noch einmal taucht ein Devoli-Panzerauto am 5. Juni 1929 in Leipzig, Eisenstrasse, auf: "Gegen halb 9 Uhr fuhr am Gerichtsgebäude ein eigenartig geformtes, gelbgestrichenes Auto vor, das eine Art Panzerwagen darstellen sollte. Die Panzerwände waren allerdings dünn, die Nieten um so grösser. Das Aussehen eines Panzerwagens war jedoch recht gut imitiert. Gesteuert wurde der Wagen von zwei jungen Leute, die Reichswehrähnliche Uniformen trugen. Ihre Schirmmützen waren an der Stirnseite mit Eichenkränzen verziert. An Stelle der Konkarde war ein grosses lateinisches "W" angebracht, was wahrscheinlich "Wintergarde" bedeuten sollte. Bald darauf entstieg Winter einem Privatauto, öffnete die Tür und entnahm dem Wappen eine grosse braune Ledertasche. Darin waren die Tausendmarkscheine. Winter wollte eben unbedingt auch in diesem Prozess eine "Sensation" haben. Aus diesem Grunde inszenierte er einen theatermässigen Auftritt vor dem Gerichtsgebäude. Damit der "historische Augenblick" der Nachwelt erhalten bleibe, hatte er einen Filmoperateur mitgebracht, als ein Polizeibeamter den "Panzerwagen" untersuchen wollte. Ein besserer Dienst konnte Winter kaum erwiesen werden. Das passte ihm in den Filmstreifen: Die Polizei gegen ihn in Aktion. Zu allem hatte sich Publikum eingefunden, Winters Reklamebedürfnis war also befriedigt und darüber hinaus der Ernst der Gerichtsverhandlung herabgewürdigt." (Winter "Panzerautos")

 

Wintersturm
in der Generalversammlung der Reichsbank
Leipziger Volkszeitung, 18. Februar 1930

Gustav Winter wusste, er konnte seinen Hauptfeind, die Reichsbank, nicht zu Verhandlungen zwingen. Was aber tun? Schacht stand der Aktionärsversammlung der Reichsbank vor. Damit sich die Tür zu ihr öffnete, musste man nur deren Aktien erwerben, womit Winter nicht viel Zeit verlor. Dann kündigte er an:

"Die Wahrheit wird gesagt,
auch wenn sie für mich gefährlich ist." (WuR 24.4.1931)

Er wird krank. Trotz "Haft- und Verhandlungsunfähigkeit", erklärt das Redaktionsmiglied von Wahrheit und Recht Leonidas, nimmt der Bundesführer unter "denkbar grössten gesundheitlichen Vorsichtsmassnahmen"

am 15. Februar 1930

den Weg nach Berlin. Vier Mann postiert der Aufwertungs-Heilige mit schweren Knüppeln am Eingang zum Reichsbankgebäude. Mit ".... bleichen Gesichtern und schlotternden Knien drückten sich die Herren Aktionäre und die Mitglieder des Direktoriums an ihnen vorbei", registrierte der schwierige Teilnehmer aus Großjena genüsslich. Typisch, dieses erotische Verhältnis zur Gewalt.

 

Als 1928 die Presse deutschlandweit über den mehrere Wochen währenden Winterprozess in Leipzig berichtete, landete am 5. November 1928 in der Redaktion des Lübecker Volksboten ein Brief an. Er war unterzeichnet mit:

"Ein treudeutsches Mitglied und Anhänger
unseres Führers Gustav Winter
sowie Abonnent seines Blattes "Wahrheit und Recht"".

Zunächst kritisiert der Leser das "elende Gekläffe" der Zeitungsschreiber und beklagt deren "Gemeinheiten" gegenüber Gustav Winter. Wegen der "fabelhaften Verlogenheit", hält er es für angebracht, das "Blättchen" in "Lübecker Volksbetrüger" umzubenennen. Vom Standpunkt der Meinungsfreiheit muss man dies akzeptieren. Vergeblich sucht man jedoch in seinem Brief eine Widerlegung einzelner Aussagen der Zeitung oder Gegendarstellung betreffender Ereignisse. Im Vergleich zu dem, was noch kommt, ist das alles nicht so wichtig. Viele Größeres und Schlimmeres kündigt sich an. Zunächst vergisst der Autor nicht den Hinweis unterzubringen, dass wir es im Fall Gustav Winter mit einem "Deutschen anderer Art und Gesinnung als Ihres gleichen zu tun" haben, um dann die Drohung anzuhängen:

"Jammern Sie nicht, wenn einer von uns Sie Bursche gelegentlich einmal über die Barriere ziehen und Ihnen den - anscheinend angeborenen Idiotismus liebevoll am lebendigen Leibe auskurieren - dann aber auch "Mister", ist`s zu spät, ein Testament zu machen!"

Ein leichter Hang zur Gewalt und nahezu permanente Kraftmeyerei ist typisch für den politischen Stil der Winter-Bewegung.

 

In der Reichsbank schreiten die Ereignisse voran. Gustav Winter erschien zur Generalversammlung als Vertreter von 202 Stimmen und forderte die Ausschüttung einer Dividende von 20 Prozent. Schacht verabreichte ihn, erinnern die Bremer Nachrichten, 1. November 1936, eine kalte Dusche. "Jetzt kam Leben in die Bude!", als der echt deutsche Mann und Führer selbstlosester Art, wie ihn seine Anhänger nannten, bei Gelegenheit einer Aufwertungs-Versammlung den Anwesenden Stolz auseinander. "Während sonst immer nur etwa fünfzehn oder weniger Aktionäre anwesend waren und die Zusammenkünfte in einem ruhigen Geplätscher verliefen, erschienen diesmal, als ich einzog, sechzig bis siebzig, darunter prominente Finanziers des In- und Auslands." Die erschienenen Herren sollten lediglich den

Entwurf eines neuen Bankgesetzes

zustimmen, den Wirtschaftsminister Robert Schmidt (SPD) bereits am 3. Februar 1930 in einer Ministerbesprechung folgendermassen erläuterte:

Das Reich will im neuen Bankgesetz die Gewinnverteilung so regeln, daß ihm ein wesentlich größerer Anteil am Gewinn zukommt als bisher. Die Reichsbank beabsichtigt, den Anteilseignern auf vier Reichsbankanteilen einen Gratisanteil und zwei Gratisaktien der Golddiskontbank zuzugestehen, wenn sie sich mit der Neuregelung der Gewinnverteilung einverstanden erklären und auf weitere Ansprüche verzichten.

Das war nicht unproblematisch und veranlasste den Bundesleiter des Volksbundes Wahrheit und Recht in der Generalversammlung der Reichsbank zu Einwürfen und Anfragen. Obwohl es laut Geschäftsordnung unzulässig ist, wollte er einen Misstrauensantrag gegen den Reichsbankpräsidenten stellen. Die Diskussion wurde lebhaft und zeitweise stürmisch. Wie gewohnt fallen starke Worte.

Robert Schmidt (1864-1943) muss so etwas geahnt haben, als er in der besagten Ministerbesprechung zum Bankgesetz - also vor der Generalversammlung - einräumte:

"Es sei zu befürchten, daß eine derartige Regelung in der deutschen Öffentlichkeit stark angegriffen werden würde. Andererseits müsse vermieden werden, durch eine zu ungünstige Behandlung der Anteilseigner den Kredit der Reichsbank im Ausland zu schädigen."

 

Natürlich stiess die Reichsbank mit ihren finanzpolitischen Massnahmen, die insgesamt nicht leicht zu durchschauen waren, bei Experten und Kennern der Geldpolitik auf Kritik. Es war besonders die generöse Art der Gewinnverteilung durch Hjalmar Schacht, die auf entschiedene Ablehnung stiess. Bereits mit dem ersten Bankgesetz von 1924, legt 1930 Richard Lewinsohn (1894-1968) ausführlich dar, sorgte der Reichsbankpräsident für seine Aktionäre, was ihn zum Liebling der Banken und Börsen machte. Obwohl die auf Tausendmark lautenden Anteile der Havensteinschen Reichsbank gegen Ende der Inflation nur noch mit zwölf Goldmark bewertet wurden, gab Schacht für zwei alte Anteile einen neuen Reichsbankanteil aus. Während die Inhaber von Reichsbanktausendern, gleichviel ob sie grün oder rot gestempelt waren, nicht einen Pfennig erhielten, konnten die Anteilseigner der alten Reichsbank für ihre entwerteten 1000-Mark-Anteilscheine sich neue über 500 Reichsmark abholen.

Und es sollte noch besser kommen.

Als Hjalmar Schacht vor Monaten sein neues Bankstatut den Reparationsgläubigern in Paris vorlegte, munkelten die Eingeweihten, dass die neue Regelung den Kurs für Reichsbankanteile auf 310 Prozent treiben könnte. Die Börse war skeptisch. Doch die Spekulanten rochen den Braten, und sprunghaft gingen die Kurse in die Höhe. Als das Gesetz verkündet wurde, hielt sich der Börsenkurs bereits bei 315. "Die alten Anteilbesitzer erhielten also für dasselbe Papier, das am Ende der Inflation noch 12 Goldmark wert war, und das Schacht ihnen für 500 Reichsmark abgenommen hatte, über 1500 Mark." (Lewinsohn 1930)

 

Im Rückblick auf diese Reichsbanksitzung erkennt die Wochenschrift Wahrheit und Recht auf "gewalttätige Aktionäre" und sprach vom "Verrat am Volke". Es kann aber keine Rede davon sein, was das Sensationsmagazin der Aufwertungsbewegung aus Grossjena am 24. April 1931 grossspurig den Lesern verkündet:

"Unsere Rechte sind gewahrt; der neue Kampf ist im Gange, des Führers Fesseln bedeuten ein Nichts."

 

 

Winter in Haft

Bericht in "Wahrheit und Recht" (Vollbild)

Zwei Landjäger wollen ihn am Morgen des 19. April 1931 in Großjena verhaften. Wegen einer erkennbaren Erkrankung, ziehen sie unerledigter Dinge wieder ab. Drei Tage später stellt er sich freiwillig der Polizei. Über Wahrheit und Recht wendet er sich am 24. April an seine Gefolgschaft:

"Die Stunde hat nun doch geschlagen in der ich als der Führer des Deutschen Volksbundes Wahrheit und Recht bis auf weiteres von Euch allen fort und für alle, für unseren gerechten Kampf gegen die Volksbetrüger ins Gefängnis gehen muss."

Sie wollen ihn mundtot machen, prangerte Wahrheit und Recht (22.5.1931) an. In der Ausgabe vom 24. April 1931 eröffnete Gustav Winter seinen Anhängern, dass die Wochenschrift ihr erscheinen einstellt, weil er ins Gefängnis muss.

Ausserdem macht dem Volksbund die Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen vom 28. März 1931 das Leben schwer. Beispielsweise könnte § 10, 1 eine Handhabe gegen seine Umtriebe bieten, wo es heißt: "Plakate und Flugblätter, deren Inhalt geeignet ist, die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu gefährden, können polizeilich beschlagnahmt und eingezogen werden."

Mitteilung über den Tod von Anna Winter in "Wahrheit und Recht"

Gustav Winter muss einen heftigen Schicksalsschlag verkraften. Im Mai 1931 starb nach einem vierjährigen Magenkrebsleiden seine Ehefrau und die Bundesmutter Anna Winter. Zur Beerdigung erschien er in Kapitänsuniform.

"Betriebsanwalt Gustav Winter," meldet das Naumburg Tageblatt am 1. Oktober 1931, "dessen Verurteilung wegen Betrugs zu einem Jahre drei Monate Gefängnis schon seit Jahr und Tag rechtskräftig geworden ist, konnte bisher den Strafantritt immer vermeiden, da er erklärte, infolge eines Leidens nicht haftfähig zu sein und dies auch mit ärztlichen Zeugnissen belegte. Vor kurzer Zeit erschien er aus dem gleichen Grunde auch nicht in einer Berufungsverhandlung, in der er sich wegen Steuerhinterziehung verantworten sollte. Auch hier hatte er ein ärztliches Zeugnis eingeschickt und blieb in seinem Landhaus in Großjena. Das Gericht ordnete aber eine Untersuchung durch den Kreisarzt an, der Winter für verhandlungsfähig erklärte. Nunmehr wollte man Winter auch seine Strafe antreten lassen und er wurde in Leipzig zum Strafantritt vorgeführt."

Schliesslich verbüsst er die Haft in der Sächsischen Gefangenen Anstalt I - Bautzen. Ende Mai 1932 wird er auf dem Wege eines Gnadenaktes entlassen.

 

Kandidat zu den Präsidentenwahlen

"Für Deutschlands Schwachbegabte und alle jene Zeitgenossen, die als Kinder zu heiss gebadet wurden," lästert am 13. März 1932 in München die Zeitung Der gerade Weg, "ist ein Sonderkandidat aufgestellt, der unserem jetzigen Wetter entsprechend eigentlich "Nachwinter" heissen müsste." Immerhin gewährten ihnen seine Anhänger zur Reichspräsidentenwahl problemlos die erforderlichen Unterstützungsunterschriften. Und er kann auf die Hilfe von Erich Ludendorff zählen (vgl. Pressedienst). Als ob das nicht peinlich genug war, sass der

Anwärter für das
höchste Amt des Staates

auch noch im Bautzener Gefängnis ein. Seit dem vergangenen Juni. Erst im April wird Gustav Winter wahrscheinlich nach Großjena zurückkehren können, teilt am 9. März 1932 Der Abend (Berlin) mit.

Die Wahlkommission zählt am 13. März für ihn nur 111 470 Stimmen (= 0,3 Prozent) aus. Sieben Tage später richtet Winter aus der Haftanstalt in Bautzen an den Reichswahlleiter folgendes öffentliches Schreiben:

"Es wird mir vertraulich mitgeteilt, daß die fanatischsten meiner Anhänger beabsichtigen; unter allen Umständen eine neue Kandidatur meinerseits für den zweiten Wahlgang durchzusetzen. Ich erkläre deshalb generell, daß ich aus staatspolitischen Gründen nicht wieder kandidiere. Schon die erste Kandidatur war ja, weil an sich unbedeutend und nicht störend, nur als eine Vertrauensdemonstration eines Teiles meiner Anhänger zu betrachten, die die meisten in der politischen Betätigung nicht beeinträchtigt hat.

Mit ausgezeichneter Hochachtung!
Betriebsanwalt Gustav Winter,
Großjena,
Sächsische Gefangenen Anstalt I." (Vertraulich)

Zum zweiten Wahlgang am 10. April 1932 tritt er nicht mehr an.

 

 

Magnetischer Kohl und Orga-Kult

Als die Vehikel in der bankrotten Devoli (Deutsche Volkslichtspiele Naumburg) verrotteten, die Rotgestempelten nicht mehr zum Gewinnmachen taugten, die Kandidatur zum Reichspräsidenten gescheitert, stürzte er sich mit neuen Elan auf den Orga-Kult. Mittels spezieller Experimente, immer ohne Anwendung von Düngemitteln, untersuchte Gustav Winter den Einfluss des Magnetismus auf Pflanzen und die Möglichkeit der Ertragssteigerung landwirtschaftlich genutzter Böden. Die ersten Versuche fanden in Nordholz bei Lehe statt. Erst die Kampagne in den 30er Jahren machte ihn aber national und international bekannt.

Am 5. November 1935 sendet er sein Buch

Der Orga-Urkult (Erdmagnetokultur)

mit folgendem Anliegen an Reichskanzler Adolf Hitler in Berlin:

"Der Unterzeichnete gestattet sich hierfür unter Hinweis auf verschiedene Aufrufe seitens der hohen Reichsregierung zur Mitarbeit jedes Einzelnen am Wiederaufbau Deutschlands beiliegende Abhandlung zur gefälligen Einsicht vorzulegen und nachstehendes Angebot zu machen."

Orga heisst lebendige Höchstspannung der Organismen und ist eine Eigenschaft aller Organismen. "Urkult ist", erklärt Gustav Winter, "die umgekehrte, aber richtige Bezeichnung für Kultur" (1935). Der Effekt des Orga-Urkult - gesunde Ernte auf allen Böden ohne jede Düngung und Fachpflege - beruht auf der Beobachtung, dass in der Umgebung von in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Eisenbahnschienen oder Eisendrähten, ein verstärktes Wachstum von Pflanzen zu verzeichnen ist.

Beim Führer des Deutschen Reiches wirbt er mit den Worten: "Der Autor ist der Entdecker und Erfinder des in dem Buche geschilderten Orga-Kultes, der zunächst für die deutsche Landwirtschaft höchstleistend nutzbar gemacht werden kann. Schon bei Antritt der Regierung des Herrn Reichskanzlers und Reichspräsidenten hat der Autor seine Sache der Regierung angeboten, jedoch keinerlei Antwort erhalten, was er auf den Drang der Geschäfte der neuen Regierung zurückführte. Die widrigen Umstände und das ungünstig veränderte Klima in den letzten Jahren und andre Hemmungen lassen jedoch heute das Problem der gesicherten Volksernährung außerordentlich aktuell und dringend erscheinen. Der Autor bietet deshalb der Reichsregierung von neuem den Erwerb der Entdeckung und Erfindung als Monopol zu den denkbar günstigsten Bedingungen an. Wenn die hohe Reichsregierung die Erfindung annimmt und die Lizenz bzw. das Nutzungsrecht kostenlos an die deutschen Bauern, Gärtner und Siedler abgibt, so würde der Autor nur ein Drittel seiner persönlich aufgewendeten Kosten (von über dreihunderttausend Reichsmark), also eine einmalige Abfindung für die Gesamtlizenz in Höhe von 100 000 RM [Reichsmark] beanspruchen.

Die Sache selbst ist, soweit dies heute möglich, in dem überreichten Buche dargestellt. Für die Richtigkeit des darin Dargestellten können jederzeit die angedeuteten Zeugen genannt werden. Bei schnellster Annahme der Erfindung wäre ein sofortige Prüfung noch in diesem Jahre möglich bzw. einzuleiten …." (Orga-Kult)

Diesmal war es kein Volksbetrug, was Gustav Winter 1935 anschob, sondern Staatsbetrug. Denn die Ergebnisse seiner Experimente zur Erdmagneto-Kultur waren einmal mehr erst im Februar 1935 öffentlich publiziert worden. Die Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz München überließ ihn im Jahre 1933 auf einem Versuchsgut Grundstücke, die er selbst auswählen und nach seinem Verfahren ausrüsten durfte. Er durchzog, berichtet die Frankfurter Zeitung am 7. Februar 1935 weiter, die Grundstücke mit 35 Zentimeter tiefen, ein Meter voneinander entfernten Gräben, in die er nach einer von ihm geheim gehaltenen Anordnung verzinkte Eisendrähte legte. Das Ergebnis war, dass die Erträge auf den mit Erdmagneto-Kultur behandelten Grundstücken bedeutend niedriger waren als bei der allgemein üblichen landwirtschaftlichen und gärtnerischen Anbauweise.

Die Zeitschrift für praktische Landwirtschaft und Heimatpflege, Der fortschrittliche Landwirt, berichtet 1937 Nachstehendes über Gustav Winters Experimente: Direktor Strobel von der Versuchsanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz in München, trat bei einem Prozess in Halle als Sachverständiger auf und bezeichnete den Orga-Kult "als laienhaft, oberflächlich und völlig wirr". Durch die Erdmagnetokultur stiegen die Erträge nicht an, sondern blieben um etwa ein Drittel hinter der allgemein üblichen Anbauweise zurück. Der Autor des Buches trickste, indem er sein Anbauland als unfruchtbar und steinig bezeichnete, um so seine Erfolge augenfälliger zu machen. Hingegen beurteilten die Fachleute die Qualität des Anbaulandes als sehr gut. "Würde die Wintersche Antidüngerpropaganda auch nur die Hälfte unserer deutschen Bauern überzeugen," sagte Strobel vor Gericht in Halle, "so ständen wir vor einer Ernährungskatastrophe."

 

Der Tod

Gemäß der Verordnung von 4. Februar 1933 werden in Sachsen sämtliche Druckschriften von Gustav Winter beschlagnahmt und eingezogen. Der Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle vom November 1935 hält dazu fest:

"Die zu gleicher Zeit in zentraler Bearbeitung durch die Stapo Halle in größtem Ausmaße geführten Erhebungen gegen Funktionäre und Anhänger Winters in Bayern, Dresden, Berlin und anderen Orten haben bisher umfangreiches Beweismaterial erbracht; u. a. konnten größere Mengen Devisen und Schriften sichergestellt werden." (Stapo 1933m, 542)

Betriebsanwalt i.R.
Gustav Winter
(1882-1936)

Der Festgenommene steht unter dem Verdacht der Missachtung des Gesetzes gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen vom 20. Dezember 1934.

 

Am 16. Dezember 1935 wird Gustav Winter nach einer Hausdurchsuchung in Großjena in Schutzhaft genommen. Im März 1936 meldet die Staatspolizei Halle:

"Winter und seine Anhänger versuchten, den verbotenen Volksbund erneut aufzubauen zu dem Zweck, zumindest den Einsatz Winters an maßgeblicher Stelle in der Regierung zu erzwingen. Bei dieser Gelegenheit ist es auch zu weiteren strafbaren Handlungen wie Betrug, Verletzung der Devisenbestimmungen und des Heimtücke-Gesetzes gekommen." (Stapo 1933n)

Gegen Gustav Winter und vier seiner Anhänger in München und Dresden wird am 25. März 1936 Haftbefehl erlassen. Der Prozess vor dem Sondergericht in Halle beginnt am 26. Oktober 1936, angeklagt zusammen mit weiteren sieben Personen wegen Verbrechen gegen das Gesetz über die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933. Vier Tage später melden die Bremer Nachrichten seinen Selbstmord. Der ungünstige Verlauf des Prozesses, mutmasst die Salzburger Chronik am 2. November 1936, dürfte die Ursache für den Selbstmord gewesen sein.

Im Sterbe Nebenregister 1936 des Standesamtes Halle dokumentiert der Polizeipräsident der Stadt mit seiner Unterschrift am 4. November 1936:

"daß Gustav Winter im Alter von vierundfünfzig Jahren in Halle, Kleine Steinstraße 7, am 31. Oktober 1936, vormittags 7 Uhr, tot aufgefunden worden sei."

Keiner braucht den Deutschen Volksbund für Wahrheit und Recht. Er ist ein Störfaktor. Wie stellte doch die Stapo 1936 fest:

"Winter und seine Anhänger versuchten, den verbotenen Volksbund erneut aufzubauen zu dem Zweck, zumindest den Einsatz Winters an maßgeblicher Stelle in der Regierung zu erzwingen.... "

"…. seine Kongenialität mit der Hitlerei", urteilt der Neue Vorwärts 1936, "hat ihm das Leben gekostet."

 

 

LVZ = Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes, Leipzig

WuR = Wahrheit und Recht. Wochenschrift für den Wiederaufbau und Ausbau der deutschen Wirtschaft, Leipzig

 

Aufwertungsapostel Winter. "Lübecker Volksbote. Tageszeitung für das arbeitende Volk." 1. Beilage, Nummer 26, Lübeck, den 9. November 1928

[Aufwertungsdebatte] Zweite Beratung des Aufwertungsgesetzes. 91. Sitzung, Freitag, den 10. Juli 1925. Verhandlungen Reichstages. III. Wahlperiode 1924. Band 386 Stenographische Bericht vom 12. Juni 1925 bis 17. Juli 1925. Druck und Verlag der Reichstagsdruckerei, Berlin 1925, Seite 2934 ff.

[Aufwertungsgesetz] Gesetz über die Aufwertung von Hypotheken und anderen Ansprüchen (Aufwertungsgesetz) vom 16. Juli 1925. Verlag Julius Springer, Berlin 1926

Bahn frei - der Völkerfrieden kommt! Deutschland 1926/1927, Dokumentarfilm, schwarz-weiss, stumm, 2835 Meter. Zensur: Jugendverbot.
Pädagogische Kulturfilm Ges. Althoff-Film-Comp (Leipzig). [Produzent: Gustav Winter] Filmportal.de. https://www.filmportal.de/film/bahn-frei-der-voelkerfrieden-kommt_cc3700db7e1e414493fb08fbc2845365

Bauer, Hans: Der grosse Held der kleinen Leute. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 9. Oktober 1928

Bauer, Hans: Ein moderner Alchimist. "Arbeiterwille. Organ des arbeitenden Volkes für Steiermark und Kärnten." Graz, den 24. Januar 1926

Betriebsanwalt Winter vor Gericht. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes".  1. Beilage zu Nummer 232, Leipzig, den 3. Oktober 1928

"Betriebsanwalt" Gustav Winter zur Strafverfügung vorgeführt. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 1. Oktober 1931

Borkowsky, Professor Ernst: Unser Heiliger Krieg. Mit 25 Bildern von Professor Walter Klemm, Emil Preetorius und Hans Baluschek. Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1914

Der "Tausend-Mark-Schein-Winter" vor dem Sondergericht. "Bremer Nachrichten mit Weser-Kurier". Bremen, den 27. Oktober 1936. (Staatsarchiv Bremen der Freien Hansestadt Bremen)

Der Diktator. Die Wochenschrift des ganzen deutschen Kulturvolkes. Diktator-Verlag, Leipzig, Bosestr. 3, Gustav Winter, erschienen 1924-1925

"Der einzige, der von den "Rotgestempelten" leben konnte". "AZ am Abend, 8- Uhr-Abendblatt. Allgemeine Zeitung." München den, 17. September 1928, Seite 1

"Der grosse Betrug". "Vorwärts. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 16. Dezember 1929

Der Prozeß gegen Winter. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 3. Beilage zu Nummer 234, Leipzig, den 5. Oktober 1928

Der Prozeß wird immer lustiger. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 2. Beilage zu Nummer 241, Leipzig, den 13. Oktober 1928

Der Tausendmarkscheinwinter. "Neuer Vorwärts. Sozialdemokratisches Wochenblatt". Berlin, den 19. Januar 1936

Der Winter-Prozeß. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 2. Beilage zu Nummer 237, Leipzig, den 9. Oktober 1928

Der Winter-Prozeß. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 2. Beilage zu Nummer 243, Leipzig, den 16. Oktober 1928

Der Winter-Prozeß. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 1. Beilage zu Nummer 247, Leipzig, den 20. Oktober 1928

Der Winter-Prozeß. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 1. Beilage zu Nummer 251, Leipzig, den 25. Oktober 1928

Der Winter-Prozeß. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 2. Beilage zu Nummer 254, Leipzig, den 29. Oktober 1928

Der Winter-Prozeß. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 1. Beilage zu Nummer 258, Leipzig, den 3. November 1928

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Die rotgestempelten Tausender. "Lübecker Volksbote. Tageszeitung das arbeitende Volk". Lübeck, den 4. Oktober 1930

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Die heutige Verhandlung. [Bericht über den Prozess gegen Gustav Winter] "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Werktätigen Volkes". 3. Beilage zu Nummer 234, Leipzig, den 5. Oktober 1928

[Diktator] Der "Diktator" Winter. "Leipziger Volkszeitung, Organ der Interessen des gesamten werktätigen Volkes". 3. Beilage zu Nummer 239. Leipzig, den 11. Oktober 1928

[Leserbrief] Ein treues Mitglied und Anhänger unseres Führers Gustav Winter sowie Abonnent seines Blattes "Wahrheit und Recht" [schreibt am 5. November 1928 an den "Lübecker Volksboten"]. In: "Lübecker Volksbote. Tageszeitung für das arbeitende Volk." 1. Beilage, Nummer 26 Lübeck, den 9. November 1928

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Nieder mit Bonzentum und Freimaurerei! "Wahrheit und Recht. Wochenschrift für den Wiederaufbau und Ausbau der deutschen Wirtschaft." Jahrgang 6, Nummer 21, Leipzig, den 22. Mai 1931, Seite 1

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Ossietzky, Carl von: Ist Schacht geeignet? Die Weltbühne, XXIV. Jahrgang, Nummer 48, Berlin, den 27. November 1928, Seite 797 bis 801

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Posadowsky-Wehner, Arthur Graf : Die Technik der Aufwertung. "Naumburger tageblatt", 5. Dezember 1928

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Rache an einem peinlichen Vorläufer! "Neuer Vorwärts. Sozialdemokratisches Wochenblatt". Karlsbad, den 15. November 1936

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Schacht, Hjalmar: Rede am 16. Februar 1930 zur Schaffermahlzeit im Bremer "Haus der Schifffahrt". In: Schacht verhöhnt die Armen. "Leipziger Volkszeitung, Organ der Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Mittwoch, den 17. Februar 1930, Seite 1

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Schluss im Prozess Winter. "AZ am Abend. 8-Uhr-Abendblatt. Allgemeine Zeitung." München, den 9. November 1929, Seite 3

Vor einem Riesenbetrugsprozess in Deutschland. "Innsbrucker Nachrichten. Unabhängige Tageszeitung mit Wochenbeilage und mit der illustrierten Monatsschrift "Bergland"". Innsbruck, den 19. September 1928

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Standesamt Halle. Sterbe Nebenregister, Jahrgang 1936. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Rep. C 131 II, Sterberegister Nr. 1952, Nr. 2802

[Stapo 1933m] Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle für Dezember 1935. In: Die Lageberichte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936. Herausgegeben von Hermann-J. Rupieper und Alexander Sperk, Band 2: Regierungsbezirk Merseburg, mdv, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2004, Seite 533 ff.

[Stapo 1933n] Aus dem Lagebericht der Staatspolizeistelle Halle für März 1936. In: Die Lageberichte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936. Herausgegeben von Hermann-J. Rupieper und Alexander Sperk, Band 2: Regierungsbezirk Merseburg, mdv, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2004, Seite 640 ff.

Unglück und Verbrechen. "Salzburger Chronik. Tagblatt mit der illustrierten Beilage "Österreichische Woche"". Salzburg, den 2. November 1936

Unsere "Devoli". In: "Wahrheit und Recht. Wochenzeitschrift für Wiederaufbau und Ausbau der deutschen Wirtschaft". Jahrgang 4, Nummer 8. Leipzig, den 22. Februar 1929, Seite 10ff.

Verbotene Aufwertungsversammlung. Ein Geschäftemacher. "AZ am Abend, 8-Uhr-Abendblatt. Allgemeine Zeitung." München den, 1. März 1927, Seite 3

Vergleich mit der Reichsbank oder ihre Verurteilung. "Wahrheit und Recht. Wochenschrift für den Wiederaufbau und Ausbau der deutschen Wirtschaft." Verlag "Wahrheit und Recht", Jahrgang 6, Nummer 17, Leipzig 24. April 1931, Seite 17

Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen. Vom 28. März 1931.

Vertraulich, generell und staatspolitische Gründe. "Die Weltbühne. Wochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft." XXVIII. Jahrgang, 12. April 1932 Nummer 15, Seite 575-576

Vor einem Riesenbetrugsprozess in Deutschland. "Innsbrucker Nachrichten". Innsbruck, den 19. September 1928

Wegen Betruges verurteilt. Schluss im Prozess Winter. "AZ am Abend, 8-Uhr-Abendblatt. Allgemeine Zeitung." München den, 9. November 1928, Seite 3

Winter, Gustav: Der Taylorismus. Handbuch der wissenschaftlichen Betriebs- und Arbeitsweise für die Arbeitenden aller Klassen, Stände und Berufe. Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1920

Winter, Gustav: Der falsche Messias Henry Ford. Ein Alarmsignal für das geamte deutsche Volk. Verlag Freie Meinung, Leipzig 1924

Winter, Gustav: Mein Schlußkampf mit der Reichsbank und ihren heimlichen Helfern! Leipzig, Hainstrasse 23, Selbstverlag, 1926

Winter, Gustav: Der grosse Betrug der Inflation und Deflation. Kampf und Aufklärungsschrift des deutschen Volksbundes "Wahrheit und Recht". Mitgliederzahl am 15. Februar 1927: 3 Millionen! Verlag von "Arbeit und Recht", Leipzig, Hainstrasse 23, Leipzig 1927

Winter, Gustav: Wahrheit und Recht über den Betrug mit den "Rotgestempelten". Nordholz, Kreis Lehe, Verlag "Wahrheit und Recht", um 1928

Winter, Gustav: "Bis auf Weiteres"!. Kampfgenossinnen und Kampfgenossen. "Wahrheit und Recht. Wochenschrift für den Wiederaufbau und Ausbau der deutschen Wirtschaft." Jahrgang 6, Nummer 17, Leipzig, den 24. April 1931, Seite 2

Winter, Gustav: In eigener Sache. "Wahrheit und Recht. Wochenschrift für den Wiederaufbau und Ausbau der deutschen Wirtschaft." Jahrgang 6, Nummer 20, Leipzig, den 15. Mai 1931, Seite 1

Winter, Gustav: Die Freimaurerei als Zerstörerin Deutschlands und Europas
Großjena bei Naumburg, Verlag "Wahrheit und Recht", 1931

Winter, Gustav: Die Rettung Deutschlands ohne neues Geld. Verlag "Wahrheit und Recht" G. Winter, Grossjena 1933

Winter, Gustav: Der Orga-Urkult - Dreifache gesunde Ernte auf allen Boeden ohne jede Düngung und Fachpflege. Verlag Wahrheit und Recht. Inhaber Gustav Winter, Großjena bei Naumburg,1935

Winter macht in Sensation. Fortsetzung des Winter Prozesses. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 5. Juni 1929

Winter mit den Grüngestempelten. "Leipziger Volkszeitung, Organ der Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 6. Jnui 1929

Winters Börsenintervention. "Leipziger Volkszeitung, Organ der Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 6. Oktober 1928, 3. Beilage zu Nummer 235

Winters "Panzerautos". "AZ am Abend, 8-Uhr-Abendblatt. Allgemeine Zeitung." München, den 7. Juni 1929

Winters 1 200 Arbeiter und Angestellte. "Leipziger Volkszeitung, Organ der Interessen des gesamten werktätigen Volkes". 2. Beilage zu Nummer 240, Leipzig, den 12. Oktober 1928

Winters "Spitz". "Leipziger Volkszeitung, Organ der Interessen des gesamten werktätigen Volkes". 3. Beilage zu Nummer 244, Leipzig, den 17. Oktober 1928

Wintersturm in der Generalversammlung der Reichsbank. "Leipziger Volkszeitung, Organ der Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 18. Februar 1930, 1. Beilage zu Nummer 41

Zwischenrufe [Reaktion auf die Rede von Hjalmar Schacht am 16. Februar 1930 zur Schaffermahlzeit im Bremer Haus der Schifffahrt]. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen". Berlin, den 16. Februar 1930

 

Autor:
Detlef Belau
Geschrieben: 2007. Aktualisiert:
18. Juli 2011
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