Domgymnasium
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Domgymnasium Naumburg


Eugen Diederichs (1867-1930) aus Jena, Herausgeber der Monatsschrift Die Tat (1913) und Mentor des Serakreises, verdankt dem Domgymnasium die Grundlagen seiner geistigen Persönlichkeit, schreibt er 1927 an die Domschule Naumburg. Dabei war er kein Musterschüler. "Ich war," notiert der Verleger über sich 1927 (8), "kein tatkräftiger Junge, ganz verträumt und daher auch kein fleissiger Schüler. Zweimal blieb ich Sitzen, brauchte vor der Versetzung in der Regel Nachhilfestunden und kam meistens als Letzter mit."

Ein anderer ehemaliger Schüler, der königlich preußische Finanzminister Oskar Hergt (1869-1967), Abgang 1887, teilt am 11. August 1917 Professor Flemming in Naumburg (Saale) mit: "Was ich im Leben habe erreichen können, verdanke ich nicht zum wenigsten dem geistigen Rüstzeuge, mit dem ich auf der von Ihnen geleiteten Bildungsstätte ausgestattet worden bin, und den Anregungen, die mir die Kameradschaft mit einer großen Zahl von tüchtigen Altersgenossen gegeben hat."

Der Konservative war bis 1924 Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei und stand der parlamentarischen Demokratie ablehnend gegenüber (vgl. Hofmann 166 f.).

Mit dem Zeugnis der Reife der Königlichen Prüfungs-Kommission verlässt Walter Model (1991, 380) am 24. Februar 1909 das Domgymnasium um Offizier zu werden. Aus ihm wird ein Weltanschauungskrieger und treuer Hitler-Anhänger. Noch Ende März 1945 will er als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B "mit mathematischer Sicherheit siegen".

Karte von Eugen Diederichs an die
Domschule Naumburg.

Quelle: Archiv der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz

Weitere interessante Details im Aufsatz:
Erich Viehöfer: Der Verleger Eugen Diederichs und Naumburg". Saale-Unstrut-Jahrbuch, 3 (1998),
Naumburg 1998, Seite 94-104

Am 31. August 1930 feierte das Naumburger Domgymnasium seinen 900. Jahrestag. Es ist „eine Traditionsschule, wie sie im Buche steht. Im Jahre 1030 als bischöfliche Lateinschule für künftige Kleriker gegründet…. “ (Kirsche) Unter dem Reformdruck der Nachkriegsjahre kämpft die Schule um ihr überleben. Am 11. Mai 1920 finden in den Räumen des Domkapitels Verhandlungen über ihre schwierige finanzielle Lage statt. Weil die Stadt nicht die notwendigen Zuschüsse aufbringen kann, soll Ostern 1921 mit dem Abbau der Schule begonnen werden. Zur Abwendung dieser Gefahr verfasst Lehrer Karl Hedicke ein Positionspapier, wo er feststellt:

"Die gute Haltung der Schüler ist überall anerkannt. Vergehen gegen die Disziplin sind selten ...."

Sie stammen "aus den Kreisen der geistlichen, Beamten und Rechtsanwälte, der Ärzte und Lehrer, der Gutsbesitzer und Fabrikanten, für die alle das Domgymnasium als humanistische Anstalt allein in Betracht kommt." Ganz ähnlich äussert sich dazu 2006 Hans Gert Kirsche:

"Die Schülerpopulation .... war ähnlich zusammengesetzt wie an der Encke-Schule. Es kamen allenfalls noch ein paar Auswärtige aus der ländlichen Umgebung dazu: Söhne von Pfarrern, Landärzten, Gutsbesitzern."

Ebenso interessant, wie er die Konkurrenz zu anderen Schulen der Stadt wahrnahm:

"Selbstverständlich blickten wir auf unsere Mitschüler vom städtischen Realgymnasium mit ihren roten Mützen im Vollgefühl unserer Überlegenheit herab, obwohl die sogar auch einen Latein-Zweig hatten. Aber was waren schon die paar Jährchen, die diese neumodische Konkurrenz aufzuweisen hatte, gegen 900 Jahre und gegen Griechisch? Immerhin blieben diese (gegenseitigen) Animositäten meist unartikuliert, zu Handgreiflichkeiten kam es nie.“ (Kirsche 2006)

Durch einen Wegfall der Schule könnte, warnt der Lehrer Hedicke 1920 in seinem Positionspapier, die Umgebung bestimmten Schaden nehmen. Städte und Ortschaften wie Weißenfels, Bad Kösen, Camburg, Eckartsberga, Freiburg, Laucha und Bibra und Osterfeld zogen mindestens seit der Reformationszeit ihren Vorteil aus der Tätigkeit der Schule. Im langjährigen Durchschnitt sind etwa ein Drittel der Schüler von auswärts. Die Gesamtschülerzahl beträgt 1917/18: 194 und 1920/21: 240.

 

 

Übersicht Schülerzahlen Domgymnasium Naumburg

 

Schuljahr
Zahl der Sextaner
Zahl der Abiturienten
Einheimische
Auswärtige
Gesamtzahl
aus UII. abgegangen
       
1895/96
32
15
158
85
244
3
1901/01
37
11
169
99
268
3
1913/14
21
22
127
95
222
1
1917/18
42
10
108
86
194
0
1919/20
37
15
134
102
236
3

 

Anmerkung: Die Zahlenangabe für 1920 von Karl Hedicke (oben) und dieser Tabelle weichen geringfügig voreinander ab.

 

"Naumburg", argumentiert Karl Hedicke weiter gegen die geplante Schulschliessung, ist in erster Linie Juristen- und Beamtenstadt." Und die Bildung dieser Kreise beruht im Wesentlichen auf dem Besuch des humanistischen Gymnasiums. Sie schätzen es, zumal bereits mehrere Generationen Naumburger Familien die Schule absolvierten. Deshalb muss das Domgymnasium weiter bestehen bleiben.

„Trotz schwacher Kriegsjahrgänge, trotz Anfeindungen in der Systemzeit hat sich das Domgymnasium seine Schülerzahl in der Zeit von 1918 bis heute auf gleicher Höhe erhalten“, heißt es im Schuljahresbericht 1934/35. Von den 180 Jungen, die 1934 das neue Schuljahr am Domgymnasium beginnen, beenden es 177.

Bereits 1930 bezeichnete Wilhelm Schwencke (Naumburg, SPD) die Schule als

"nationalsozialistisch verseucht".

Hier formierte sich eine Gruppe des Nationalsozialistischen Schülerbundes.

Im Schuljahr1933/34 treten die Schüler verstärkt den nationalen Verbänden bei: 21 der SA und SS, 38 der HJ, 77 dem JV (Jungvolk) und 100 dem VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland). (vgl. Kaiser 1933/34)


Domschule Naumburg

 

 
Führer
Anteil in Prozent

Klasse 3

21

Klasse 4

27

Klasse 5

84

Klasse 6

59

Klasse 7

67

Klasse 8

50

 

Bericht über das Schuljahr 1938/39 am Domgymnasium Naumburg (Saale), Archiv der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz

 

1938/39 gehören die Domschüler praktisch geschlossen der HJ beziehungsweise dem JV an. Viele von ihnen übernehmen in diesen Organisationen Führungsaufgaben. Zum NSDAP-Parteitag vom 1. bis 4. September 1933 werden sechs Schüler als HJ-Mitglied beurlaubt und zur Führertagung des Stahlhelms in Hannover am 23. September 1933 werden acht Schüler delegiert. Für die Erfüllung derartiger außerschulischer Aufgaben benötigen dies Schüler im Durchschnitt zehn Stunden pro Woche. In den höheren Klassen geht es noch weit darüber hinaus.

"Der dadurch bedingte Zeit- und Kraftverlust musste sich entsprechend in der Mitarbeit und den Leistungen bemerkbar machen,"

heißt es im Schuljahresbericht des Domgymnasiums 1938/39. Außerdem nehmen etwa 20 Prozent der Schüler an politischen Schulungskursen teil, die ganz oder teilweise in die Unterrichtszeit fielen. Der dadurch bedingte Unterrichtsausfall betraf durchschnittlich acht Tage im Schuljahr.

Zumindest einen Teil der Kinder und Jugendlichen hielt die Politisierung des Schulbetriebs vom Lernen ab.

Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, bemühten sich die Schüler, eifrig und mit gutem Pflichtbewusstsein den Anforderungen gerecht zu werden. In oberen Klassen stand die häusliche Arbeit unter erheblichem Zeitmangel, die besonders solche Schüler betraf, die sich als Hitlerjugend-Führer betätigen oder besonderen Aufgaben, wie Segelfliegen oder Musik zuwandten.

 

 

„Zu Michaelis 1935 gab es einen ganz neuen Stundenplan. Denn inzwischen war der Sonnabend zum “Staatsjugendtag” erklärt worden, der grundsätzlich unterrichtsfrei blieb, weil an diesem Wochentag alle Jungvolk- und Hitlerjugendmitglieder Dienst hatten. Wir anderen - das war zunächst noch etwa ein Drittel der Klasse - mussten dennoch in der Schule erscheinen, wo wir ein oder zwei Stunden “nationalpolitischen Unterricht” erhielten, gelegentlich wohl auch den Schulhof säubern oder ein Ballspiel veranstalten durften. Den nationalpolitischen Unterricht, der keine Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen hat (mit Gewißheit das übliche Bla-Bla über die schicksalhafte Wende in der Geschichte des deutschen Volkes, die Sendung des arischen deutschen Menschen in der Welt und die große Aufgabe, unserem geliebten Führer bei der nationalsozialistischen Neuwerdung des Reiches zu helfen), erteilte uns, in zackiger SA-Uniform, Studienrat Dr. Rudolph, bei dem wir sonst keinen Unterricht hatten. Er war mit meinem Vater in eine Klasse gegangen und schon als Schüler ein unerträglicher Streber gewesen. Ein waschechter Nazi war er wohl nicht, aber er wusste, wie man vorankommt. Prompt wurde er zwei Jahre später Direktor des Domgymnasiums in Merseburg.“

(Kirsche 2006)

 

 

Nicht wenige Schüler äussern auf diese oder jene Weise ihren Unmut über den sinnlosen Drill mit den alten Sprachen und der damit zwangsläufig verbundenen Zurücksetzung der naturwissenschaftlichen Fächer. Die Klasse 6 erhielt im Schuljahr 1938/39 190 Stunden Unterricht in Griechisch, 75 in Französisch und 151 in Latein; in Mathematik waren es hingegen nur 114 Stunden. An die Modernisierung der Schule bestanden unterschiedliche Erwartungen, wie es in einem Brief des Direktors vom 27. April 1940 zum Ausdruck kommt:

"Richard [Name geändert - D.B.] …. ist durchaus kein schlechter Schüler. Er ist sogar recht gut begabt, geistig regsam, hat grosses Interesse für Biologie und alle technischen Dinge, nicht vom rein praktischen Standpunkt, sondern aus Streben nach wirklicher Erkenntnis. Er hat sich aber in eine Abneigung gegen die alten Sprachen hineingearbeitet. Einmal interessieren sie ihn wenig, und zweitens hat sein Vater in wenig pädagogischer Weise sie ihm als für seine Ausbildung unnötig hingestellt. Der Vater, der bekannte …. der jetzt in Naumburg eine große Werkstatt für Holzarbeiten hat, ist ein eigenartiger Mensch und seine Kinder haben viel von ihm geerbt. Sie sind eigenwillig, in gewisser Weise empfindlich und lehnen sich gegen Zwang auf. Diese Anlagen sind durch die Behandlung des Vaters noch gesteigert worden. Im Elternhaus haben sie sehr viel Anregungen und hörten oft Dinge, die noch über ihren Horizont gehen. Dadurch ist besonders bei den Ältesten ein gewisser geistiger Hochmut erzeugt; er hat das Gefühl, nur das tun zu müssen, was ihn innerlich interessiert und der Sinn für diszipliniertes Arbeiten ist ihm abhanden gekommen oder noch nicht geweckt. Da ihm seine Klasse nicht passte, hat er es, wie mir die Mutter gestern sagte, darauf abgelegt, sitzen zu bleiben und dazu natürlich besonders die alten Sprachen benutzt."

 

Christian Wilhelm Flemming,

Anstaltsleiter (1909-1912) und Lehrer, geboren am 14. Januar 1854, evangelisch, Sohn eines Gasthofbesitzers in Neuflemmingen (bei Naumburg), Reifezeugnis vom Domgymnasium Naumburg am 21. März 1873, 1. April 1879 Dienstpflicht als Einjähriger-Freiwilliger in Erfurt, Leutnant der Reserve 11. Dezember 1880, 28. Januar 1878 erste Lehrerprüfung in Latein und Griechisch, Deutsch bis Oberstufe II, 9. Mai 1885 bis Oberstufe I, Beginn des Probejahrs Ostern 1879 mit einem Jahresgehalt von 1500 Mark, Beginn der Anstellung 1. April 1880, Charakterisierung als Professor vom 24. Juni 1899, Verleihung des Rates IV. Ranges am 10. August 1894, Oberlehrer seit 1. Oktober 1892, stellvertretender Direktor seit 28. Juni 1909, Heirat am 15. Mai 1880, zwei Kinder.

Vgl. Christian Wilhelm Flemming

 

Im Curriculum unterscheidet sich die Schule deutlich von vergleichbaren anderen Einrichtungen. Die künstlerische und literarische Bildung erhält am Domgymnasium im Vergleich zu Wehrertüchtigung, Sport, Geländespielen und Sportwettkämpfen an der NAPOLA eine deutlich höhere Gewichtung. Gemeinsam ist der „nationalsozialistischen Schule“ aber, dass sie „auf drei Grundpfeilern“ „Deutsch, Geschichte und Biologie“ beruht. (Vgl. Auf dem Wege 1936)

Die Haltung der Lehrer des Domgymnasiums zum Nationalsozialismus stellt sich unterschiedlich dar. Studienassessor Anz wird im Mai 1934 an die NAPOLA Klosterschule Ilfeld berufen. Studienassessor Seele nimmt vom 4. bis 7. November 1934 an einem Lehrgang für Vererbungslehre im Lager Lützen teil. Studienrat Berger ist für die Zeit des Reichsparteitages der NSDAP in Nürnberg im September 1934 vom Unterricht beurlaubt. Schüler sind zu Führerlehrgängen der Hitlerjugend (HJ), Presse-Sonderlehrgängen, Gebietsführerschulungen der HJ, Luftschutzlehrgängen oder auch zum Reichsparteitag in Nürnberg freigestellt. (Vgl. Domschule Mai 1935)

Im Herbst 1937 wird der Bund der alten Domschüler dem Kreisring der NSDAP angeschlossen. (Vgl. BND NB 1938)

Am 15. Oktober 1932 ereilt den Schulleiter ein Unfall, der deshalb bis zum Jahresende in einem Gipsverband zubringen muss. In dieser Zeit übernimmt Studienrat Doktor Karl Hedicke seine Vertretung. Schliesslich beendet Professor Kaiser am 31. Mai 1935 seine Schullaufbahn, worüber die Nationalsozialisten nicht traurig waren. So berichtet ein ehemaliger Domschüler:

"Den Nazis war er ein Dorn im Auge, seiner eigenen unmissverständlichen Haltung wegen so gut wie wegen seines als, kulturbolschewistisch verfemten Bruders. Als er 1933 einen Unfall hatte, der ihn monatelang dienstunfähig machte, nahmen sie das als Vorwand, ihn 1934 vorzeitig zu pensionieren.“

„Er muss nicht nur ein brillanter Altphilologe gewesen sein, "sondern auch als Lehrer und Schulleiter eine Persönlichkeit von beeindruckendem Format." (Kirsche 2006)

Sein politisches Denken prägen deutschnationale Positionen. Gestützt wurde dieses weniger durch eine Affinität zum Nationalsozialismus als vom Preußen-Bild des Historikers Heinrich vom Treitschke (1834-1896).

 

 


Professor Dr. phil. Gottfried Bruno Kaiser,
geboren am 9. Oktober 1872 in Magdeburg, evangelisch, Sohn eines Kaufmanns, Reifezeugnis am 19. März 1890 in Magdeburg, W
ohnanschrift in Naumburg (Saale): Bürgergartenstrasse 16 (1939). Promotion zum Dr. phil. am 8. März 1895 an der Universität Halle-Wittenberg. Erste Lehramtsprüfung für die Fächer Lateinisch und Griechisch in den oberen Klassen am 25. Januar 1896 in Halle. 1. April 1896 Antritt des Seminarjahrs am König Wilhelm Gymnasium in Magdeburg. Beginn des Probejahrs am 1. April 1897. Dienst als einjähriger Freiwilliger beim Jenaer Infanterie-Regiment Nr. 94. Ab 1. Oktober 1899 Lehrer an der Landesschule Pforta. Ernennung zum Oberlehrer am 1. Oktober 1900. Ernennung zum Leutnant der Reserve Infanterie-Regiment 94 am 14. November 1901 in Jena. Beförderung zum Oberleutnant der Reserve am 20. Dezember 1912. Seit 1907 Lehrer in Schulpforta. Charakterisierung als Professor mit dem 8. Mai 1909. Jahresgehalt (1910) als Lehrer am Domgymnasium: 5 400 Mark. Ab 1. Dezember 1912 Direktor des Domgymnasiums. Einzug in die Armee am 20. August 1914. Eisernes Kreuz II. Klasse am 23. September 1915. Dienst bis (wahrscheinlich) 15. November 1917. Wieder Lehrer und Direktor des Domgymnasiums. Wendet sich 1929/30 aktiv gegen die Gründung des Nationalsozialistischen Schülerbundes an seiner Schule. Auf dem Weg von seiner Wohnung zur Domschule wird der Schulleiter am 15. Oktober 1932 beim Überqueren der Straße von einem Motorradfahrer angefahren und zieht sich dabei einen Bruch des linken Schenkelhalses zu. Erst im Februar 1933 kann er die Klinik im Rollstuhl verlassen und tritt am 31. Mai 1935 offiziell in den Ruhestand.

Er ist Autor vieler wichtiger Studien und Aufsätze zur Geschichte der Stadt Naumburg (Saale).

Professor Bruno Kaiser starb am 7. Dezember 1954 in Naumburg.



 

 

Als Nachfolger von Bruno Kaiser wählt die Schulbehörde Professor Otto Hermann Steche aus, der am 6. Januar 1936 seine Tätigkeit beginnt. Ein Schüler erinnert sich daran:

„Auch der neue Direktor Steche .... verdankte seine Karriere natürlich der Partei. Er trug einen doppelten Doktor und sogar einen Professorentitel stolz vor sich her und war zuvor Direktor der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (vulgo, Napola’) in Ilfeld gewesen. Da er Biologe war (womit er die neue Heils- und Grundwissenschaft der rassenwahnsinnigen Nazis vertrat), wäre er in normalen Zeiten nie und nimmer Leiter des weitaus ältesten humanistischen Gymnasiums im Lande geworden, das bisher immer nur Altsprachler von Rang zu Direktoren gehabt hatte. In der kurzen Zeit, die ich noch Domschüler blieb, habe ich nicht mehr als nur flüchtige Eindrücke von ihm gewonnen. Er war ein schwerer Mann mit kahlem Rundschädel, dem die bombastische braune Parteiuniform der so genannten Goldfasanen, in der er zu seiner Amtseinführung erschien, ein geradezu brutales Aussehen verlieh, und trat mit einer lärmenden Selbstgefälligkeit auf, die zu den urbanen Gelehrtenmanieren seines Vorgängers Bruno Kaiser in auffallendem Kontrast stand.“ (Kirsche 2006)

Ein anderer ehemaliger Schüler des Domgymnasiums merkte sich:

„Er wurde … 1945 als Nazigröße und als Verfasser des Lehrbuches der Biologie (S. 92: “auch andere Völker Europas haben Anteil an diesem gemeinsamen Ahnenerbe; sie sind uns also verwandt. Völker mit anderem Ahnenerbe gelten als uns blutsfremd, auch wenn sie zwischen uns wohnen und unsere Sprache sprechen, wie die Juden.”) aus dem Schuldienst entlassen. An seine Stelle trat Direktor Behne ….“ (Gatzen)

Otto Hermann Steche wird am 12. Oktober 1879 in Leipzig geboren und wächst zusammen mit vier Geschwistern in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf. Der Vater ist Kaufmann. Als Schuljunge entdeckt er sein starkes Interesse für die Naturforschung. Charles Darwin und Ernst Haeckel gehören zu seiner Lieblingslektüre. Bald befriedigt ihn der schulische Unterricht nicht mehr.

 

Professor Steche erste Reihe links

 

1898 beginnt Steche in Freiburg im Breisgau sein Medizinstudium mit dem Schwerpunkt Anatomie und Physiologie, das er 1903 in Marburg abschließt. Eine Weltreise treibt den jungen Naturforscher nach Nordamerika, Japan und China. Ihn beschäftigen zoologischen Studien an Korallenriffen. Über Singapur, Ceylon (Sri Lanka) und den Suezkanal kehrt er nach Deutschland zurück. In Leipzig schliesst er mit Anna von Hase, die Tochter eines Geheimrates, den Bund fürs Leben. Dies erleichtert ihm den Zugang zu universitären Kreisen der Stadt und der Welt des Buchhandels. Im Frühjahr 1909 gelingt die Habilitation am Zoologischen Institut der Universität Leipzig mit dem Thema der leuchtenden Fische für Brehms Tierleben. Hier hält Steche ab 1914 Vorlesungen. Ostern 1916 wechselt der Forscher an das Institut für Zoologie der Universität Frankfurt am Main, welches ihn 1916 zum ordentlichen Professor beruft.

1918 wird seine Frau Opfer der grassierenden Grippe-Epidemie.

1923 legt Professor Steche in Gießen die Staatsexamensprüfung für das Höhere Lehramt ab. Auf dem Vogelsberg gründet er ein Landerziehungsheim, die Bergschule Hochwaldhausen, welche 1927 aufgelöst wird. Darauf folgt eine Anstellung in der Gaudigschule in Leipzig, ohne die Dozententätigkeit an der Universität Frankfurt aufzugeben (vgl. Steche 1936). Nach einer Zwischenstation als Leiter der NAPOLA in Ilfeld (Ostern 1934) ergeht zum 12. April 1937 seine Berufung zum kommissarischen Leiter der Anstalt (Direktor) des Domgymnasiums Naumburg.

Der Neue ist nicht schlechthin ein Schulbiologe, sondern ein Biologist und Anhänger der Rassenlehre der Nationalsozialisten, der genau weiß:

„Die nationalsozialistische Erziehung erstrebt die Formung des deutschen politischen Menschen.“ (Auf dem Wege 1936)

Im Biologiebuch für die Klassen 6 bis 8 lehrt er seinen Schülern:

"Viel bedeutungsvoller als diese doch immerhin einzeln auftretenden Mischungen ist für den Deutschen das biologische und kulturelle Verhältnis zum jüdischen Volke, dessen Angehörige schon jetzt seit Jahrhunderten als rassische Fremdkörper unter uns leben." (Steche 317).

Professor Steche stirbt am 30. August 1945, 7.30 Uhr, im Kriegsgefangenen Lazarett Treysa [Teil der Stadt Schwalmstadt], Abteilung Politische Gefangene, laut amtlicher Angabe an - Zitat - Allgemeiner Sepsis (Kreislaufstörung).

 

Am 6. August 1945 (Datum des Berichts) erfolgt die politische Überprüfung des Personals im Domgymnasium. Von Professor Steche, der am 15. Mai 1945 von amerikanischen Militärregierung verhaftet wurde, fehlt jede Nachricht. Der Regierungspräsident von Merseburg bestimmte bereits am 16. Juni 1945 Erich Behne als Schulleiter. Sein Stellvertreter ist Johannes Kegel.

 



Lehrer am Domgymnasium


 

Unterrichtsfächer
1.5.1925

 

29.7.1932

 

1.5.1945
6.8.1945


SD Professor Bruno Kaiser


Latein
Griechisch
  


 

 

Professor Otto Hermann Steche


Biologie
    


SR Dr. Karl Hedicke


Französisch
    


SR Johannes
Kegel
1.10.1910


Griechisch
Latein
  



SR Johannes Malchin
1.4.1911

Deutsch
Griechisch
Latein
Turnen
   


SR Dr. Arthur Vogler
15.11.1926
NSDAP seit 1937


Musik
Französisch
  

 

 


Ruhestand ab 1.9.1945


Rudolph Thiene-
mann
1.4.1915
NSDAP 1.5.1933


   


 


SR Dr. Artur Rudolph


     


SR Kurt Berger
1919



Mathematik
Physik
Biologie

    

OSR Erich Behne
1.10.1915


Latein
Relegion
Griechisch

   


SR Erich
Eller
1.4.1915


Deutsch
Geschchte
Erkunde
Latein

  



SR Walter Friedrich
1.4.1924,
NSDAP seit 1933


Mathematik
Physik
Erdkunde
  





SR Dr. Ernst Schröter
1930


Turnen
Deutsch
Latein
    


SR Hermann Reichhardt
1913

 

Magister
der
Theologie
    


OSL
Otto Scheibe
1.10.1927


Biologie
Zeichnen
   

 

Wilhelm Otto Güldenberg
NSDAP 1937,seit 1941 am DG


   

 




Fuhrmann


     


SR Haacke


   


 

 

Technisches Personal

 

Schreibhilfe
Edith Kramer (Buchholzstraße 12 a)


     


Hausmeisterin Anna Klapperstück (Domplatz 17)


     


Ida Jentzsch (Moritzwiesen)


     


Lina Püls (Hinterm Dom)

 

     


Erläuterungen: Name, Antritt des Lehramtes, Parteimitgliedschaft.

Abkürzungen der Titel SD - Studiendirektor, OSR - Oberstudienrat, SR - Studienrat

 

 

Die Lehrerkonferenz des Domgymnasiums beschliesst am 9. November 1945 die Unterrichtsfächer Religion und Geschichte vorläufig nicht mehr zu unterrichten.

 

Quellen: siehe.


Autor
Detlef Belau


Geschrieben: Oktober 2010. Aktualisiert:
28. Dezember 2010
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