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Paul Schultze-Naumburg


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Paul Schultze-Naumburg (1869-1949)

Rassen- und NS-Kulturtheoretiker

 

Das Torhaus der ehemaligen Saalecker Werkstätten mit der Burg Saaleck im Hintergrund (2005)

Ende des letzten Jahrhunderts erlebt Saaleck eine

Schultze-Naumburg-Renaissance.

Das "Engagement für den Schutz der Natur und der kulturellen Werte der Heimat" des Architekten, Kunsttheoretikers, Malers und NSDAP-Politikers, hebt Hans-Dieter Speck (Weißenfels) "als ein großes Verdienst“ hervor. Der Journalist berichtet im Jahr 2000 über die Aktivitäten zur Unterstützung des Projekts Saalecker Werkstätten: Das Arbeitsamt realisiert Arbeitsbeschaffungsmassnahmen (ABM-Stellen), die Stadt Bad Kösen fördert das Projekt, Presseberichte erscheinen, Aktivitäten im Bereich Forschung und Maßnahmen zum Denkmalschutz sind zu verzeicchnen.

Bereits am 3. September 2007 drängte sich der Süddeutschen Zeitung (SZ) die Schlussfolgerung auf:

"Der Umgang mit dem Vermächtnis des NS-Architekten Paul Schultze-Naumburg entwickelt sich zum Skandal."

 

Zu den Saalecker -Werkstätten

"Stünde hier eine Initiative am Anfang, würde man ihr Nachholbedarf in wissenschaftlicher Aufarbeitung und musealer Präsentation zubilligen. Aus dem Staunen aber kommt nicht heraus, wer erfährt, dass die Stiftung und ihr Förderverein Öko-Werkstatt an der Finne seit 1999 Empfänger öffentlicher Zuwendungen in Höhe von mindestens einer Viertel Million Euro ist, von privaten Spenden und solchen aus der lokalen Wirtschaft nicht zu reden. Seit 2002 ist sie Eigentümerin des Architektenhauses, während die Stadt das übrige Grundstück mit Haupthaus, Nebengebäuden und Garten bei einer Auktion an Privatleute verkauft hat."

Günter Kowa: Die Schatten von Saaleck. In den Fängen eines Hobby-Historikers. In: Süddeutsche Zeitung, 3. September 2007

 

Die Lotto-Gesellschaft Sachsen-Anhalt unterstützt auf Anraten des Magdeburger Kultusministeriums die Einrichtung eines Archivs mit 5 000 Euro.

"Der Eindruck von Rumpelkammern im Haus",

berichtet Günter Kowa (SZ),

"deutet nicht gerade auf den Aufbau einer Forschungs-, Mahn- oder Gedenkstätte, die diese Bezeichnung verdiente". "Welches schlüssige Konzept für den Umgang mit dieser historisch aufgeladenen Stätte verfolgt wird, ist nicht zu erkennen."

 

 

Biographisches

Der aus Almrich bei Naumburg stammende Paul Schultze-Naumburg war ein grässlicher Rassentheoretiker und exponierter Ideologe der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Er trägt geistig-moralische Mitverantwortung für die Judenvernichtung. Als Mitglied des Sachverständigenbeirats für Bevölkerungs- und Rassenpolitik unterstützte er die Bevölkerungspolitik des Nationalsozialismus. Sein Vorsitzender, Hans Friedrich Karl Günther (1891-1968), seit 1930 Professor für Sozialanthropologie an der Universität Jena, berechnet, dass 52 Prozent der deutschen Bevölkerung nicht der nordischen Rasse zugehörig und damit ”minder erwünscht” seien. Dies beschwöre die potentielle Gefahr der Zerstörung der Volksgemeinschaft herauf (vgl. Stock 2004, 125).

Ein Freund sagt über Paul Schultze-Naumburg:

„Er ist weder ein Psychologe, noch ein Menschenkenner, aber eine ausgesprochene Führernatur.“

Die Führernatur ist der Sohn des Porträtmalers Gustav Adolf Schultze, der seit 1863 in der Neugasse, der heutigen Lindenstraße 4, ein Fotoatelier besaß.

Außerdem nennt er in Almrich ein Anwesen sein Eigen. Hier erblickt sein jüngster Sohn Paul am 10. Juni 1869 das Licht der Welt. Um Verwechslungen mit seinen Mitschülern auszuschließen, erhält er vom Vater, geboren 1825 in Naumburg, den Zusatznamen Naumburg.

 

Paul Schultze-Naumburg (1869-1949)

 

Nach Absolvierung des Realgymnasiums besucht er die Kunstgewerbeschule und dann die Kunstakademie in Karlsruhe. Seine Lehrer waren Ernst Schurth, Theodor Poeckh. Ab 1891 war er Meisterschüler bei Ferdinand Keller. Nach dem Studium zieht es ihn nach München. Mit seiner ersten Frau Ernestine, geborene Maack, gründet er hier 1894 in der Theresienstrasse 75 eine Mal- und Zeichenschule. Über München findet er 1901 nach Saaleck. Im gleichen Jahr beruft ihn der Großherzog von Sachsen-Weimar zum Professor mit Lehrauftrag für Maltechnik an die Akademie in Weimar.

1900 erwirbt er das große Grundstück in Saaleck mit Wald. Das Haupthaus entsteht ab 1902. Haus, Garten, Terrasse und Nebengebäude sind nach Gutsherrenart gestaltet und verraten den Geist und die Lebensart seines Bauherren.

 

Saalecker Werkstätten

Ehemaliges Wohnhaus von Paul Schultze-Naumburg in Saaleck (2005)

1901 gründet Schultze-Naumburg die Schulwerkstätten Saaleck. (Vgl. Borrmann 2004) Mit dabei sind der Maler Ludwig

Bartning (1869-1956) und Georg Pappert (1903-1904). Zunächst stellt man Möbel im Jugendstildesign her. Auf Anregung von Fritz Kögel entstehen 1904 die Saalecker Werkstätten G.m.b.H. Bis zum Krieg nimmt das Unternehmen mit Zweigniederlassungen in Berlin, Köln und Essen eine solide Entwicklung. 1910 hat es siebzig Beschäftigte und besteht bis 1930. Seine Mitarbeiter befassen sich mit der Ausführung von Bauten, dem Anlegen von Gärten und Parks sowie der Gestaltung von Inneneinrichtungen. (Vgl. ebenda 105) Saaleck verkörpert gleichsam seinen Willen zur Reform, der

Zusammenführung von Kunst und Handwerk. Doch sind seine künstlerischen Ambitionen bereits in dieser Zeit mit großer Umsicht zu bewerten. Früh zeigt sich sein Hang zum Eigentlichen, Normalen, Natürlichen und Deutschen. Der experimentellen Kunst und dem Impressionismus steht er ablehnend bis feindlich gegenüber.

 

Erinnerungen von Walter Hege


Blick vom Himmelreich zum ehemaligen Wohnsitz von Paul Schultze-Naumburg in Saaleck (2005)

 

„Gegenüber der Rudelsburg und Saaleckburg war das hoch am Kalkberge des Saalebogens gelegene Ausflugslokal „Himmelreich“. …. Hier war ein landschaftlich herrliches Fleckchen. Der Blick schweifte weit über die Wiesen, die tief unten, von der den Himmel dunkel spiegelnden Saale am Fuße des Felsens begrenzt wurden, zum Dörfchen Saaleck, zur Saaleckburg und zur Rudelsburg. … Manchmal erzählte Petrus [der Wirt vom „Himmelreich“] von den verrückten Malern dort unten in Saaleck. Dort hatte der neumodische Professor Schultze seine Malschule. Alle liefen barfuß in Sandalen und Reformkleidung herum. Das hatte auf mich großen Eindruck gemacht. Ja, so ein Maler, ein Kunstmaler wollte ich auch gern werden, und ich zeichnete ins Fremdenbuch vom Himmelreich die Rudelsburg. Darauf war Petrus stolz und sagte: „Da brauche ich die Verrückten da unten nicht!“ Doch ich wußte, die da unten hatten vielleicht außer ihrem großen Talent auch Geld. So wehte auch von da ein leichter Kunsthauch zu mir und hinterließ eine unbewußte Sehnsucht.“

(Hege 1998)

 

Es sei dahingestellt, ob die Architekturgeschichte seine „Kulturarbeiten“ (Band II, 1902: „praktische Benutzbarkeit des Gartens als Erweiterung des Hauses“, Garten als Aufenthaltsort und seine Einteilung in geometrische Räume) positiver beurteilen kann.

 

Der Reformer

Aber der Reformer interessiert sich nicht  für den Arbeiterwohnungsbau und die Bedürfnisse des kleinen Mittelstandes. Selbst als Natur- und Heimatschützer lehnt er den modernen Arbeiterwohnungsbau ab. Seine puristischen Formen gehören einer vergangenen Zeit an. Villa Ithaka in Weimar - 1906/07, Neobarock mit Steildach, Biberschwanzdeckung, Kalkmörtelputz, mit vor der Hauptfront angesetztem wuchtigem zweigeschossigem Turm - können nicht ernstlich mit den Bauten eines Henry Clemens van de Velde (1863-1957) oder Walter Gropius (1883-1969) konkurrieren. - Adolf Behne (1885-1948) spricht 1930 von einer Hakenkreuz-Ästhetik.

Freilich ist Schulze-Naumburg als Architekt vor dem Ersten Weltkrieg gefragt. Seine Formen finden Anklang bei einer elitären und privilegierten Oberschicht, beim Großbürgertum und Adel. Er entwirft die Gutsanlage Marienthal (1912-1914) und Schloss Cäcilienhof (1913-1917) bei Potsdam. In seinem Palast am Jungfernsee halten die Alliierten Siegermächte 1945 Gericht über Deutschland.

Und dennoch haftet dem Architekten aus Saaleck noch in den zwanziger Jahren das Image des Modernen an, wie wir den Erinnenrungen Walter Hege (Naumburg) entnehmen können. Als Direktor der Weimarer Kunsthochschule beruft er ihn im Juli 1930 zum Leiter der Abteilung Lichtbildkunst. 1928 gründete Paul Schultze-Naumburg in Saaleck einen Zusammenschluss konservativer Architekten, den Block, der sich gegen das moderne Bauen wendet.

Rauschende Feste verkünden weithin ins Saaletal von der Hochstimmung der NSDAP-Prominenz in der Villa auf dem Felsen. Walter Darré (1895-1953), später Vorsitzender der Reichsführergemeinschaft der vereinigten landwirtschaftlichen Verbände und Reichsbauernführer (1933), schreibt während seines Aufenthaltes in Saaleck an seinem programmatischen Buch „Neuadel aus Blut und Boden“ (München 1930), das ihn weithin bekannt macht. (Vgl. Borrmann 2004) Seine Idee der Hegehöfe führt direkt zur NS-Erbhofgesetzgebung.

 


Gäste von
Paul Schultze-Naumburg (Auswahl)

1930

15.12. bis 1.01., 19.01. bis 10.02., 09. bis 15.07.
Hans F. K. Günther

04.01. bis 02.06. Richard Walter Darré

März Adolf Hitler

10.06. Hermann Göring, Joseph Goebbels, Wilhelm Frick, Richard Walter Darré, Alfred Rosenberg

16.07., 02.09. Wilhelm Frick

1931

26.07. Heinrich Himmler

18. bis 20.08. Hans F. K. Günther

08.09. Adolf Hitler und Wilhelm Frick

04.11. Hans F. K. Günther

27.11. bis 08.12. Dr. Richard Walter Darré und Frau

1932

31.04. bis 01.05. Saalecker Tagung des nordischen Ringes

26.05. Kulturtagung in Saaleck mit Wilhelm Frick

 

Hitler beauftragt den Diplomkolonialwirt durch Vermittlung von Schultze-Naumburg am 6. März 1930 mit der Ausarbeitung eines Agrarprogramms für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Als Reichsernährungsminister stattet er mit seiner Gattin am 20. Oktober 1933 Naumburg und Umgebung einen Besuch ab.

 

Heimatschutzbund

1904 übernimmt Schultze-Naumburg auf Initiative vom Botaniker Dr.  Hugo Conwentz (1855-1922) und von dem durch die Vertonung der Eichendorff-Gedichte bekannten Musikprofessor Ernst Rudorff (1840-1916) bis 1913 den Vorsitz gegründeten Heimatschutzbundes. Er richtet sich gegen die Profitgier und die „Vergnügungssucht auf Kosten der Natur“. Die Begriffe „Heimat-“ und „Naturschutz“ denkt Ernst Rudorff (1840-1914) vor. Als Vorsitzender des Vereins hat Schultze-Naumburg wesentlichen Anteil an der Institutionalisierung des Umwelt- und Naturschutzes-Gedankens.

Vermittels der in den zwanziger Jahren in den populären Volkshochschulen verankerten Deutschen Heimatschule diffundiert der Naturschutz - die „Grünen Ideen“ - in die Gesellschaft. In Naumburg existiert seit Jahren ein National-politisches Kolleg mit 60 bis 70 Teilnehmern, bei dem Theodor Scheffer wiederholt Gastredner ist. (Vgl. Reimers)

Der Heimatschutzbund, ab 1937 Deutscher Heimatbund, schafft mit seiner Tätigkeit ein Problembewusstsein und die Anregung für das Naturschutzgesetz von 1935. Naturschutzgesetz, Reichstierschutzgesetz, Reichsjagdgesetz und das Gesetz gegen Waldverwüstung finden bei Hitlers Ministern Hermann Göring, Walter Darrè, Rudolf Heß und Fritz Todt eifrige Befürworter. Und Alwin Seifert (1890-1972), später Pionier der Bewegung Gärtner ohne Gift, ist für den Natur- und Umweltschutz beim Reichsautobahnbau zuständig. Das Naturschutzgesetz wird 1976 vom Bundesnaturschutzgesetz (Novellierung 1986) abgelöst.

 

Als nationalsozialistischer Kulturpolitiker

1928 publiziert Paul Schultze-Naumburg

Kunst und Rasse,

eine Programmschrift der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Den Arier erhebt er auf Grund seiner anthropologischen Überlegenheit zum Kulturträger. „Das Leben und Werden unserer Kultur drückt sich aus im Ringen und Kämpfen zweier Rassen …“ Eine jede Art zieht es zum eigenen Blut, schreibt er, die deutsche Seele ward nun nicht mehr durch Talent, Anlage oder Schicksal bestimmt, sondern durch ihr Erbgut.

Kultur entsteht aus der Rasse, dem Boden, eben aus einer überindividuellen Leistung. „Auch der Mensch hätte einen Reinecke [-Fuchs] sehr nötig, der unerbittlich den Schlechten reißt...“ Den Werken der Moderne stellt er die Fotos von psychisch Kranken und Behinderten gegenüber. Es ist die Schablone für die Schandausstellung Entartete Kunst am 19. Juli 1937 im Hofgartengebäude in München.

1930 tritt Paul Schultze-Naumburg in die NSDAP ein. Von 1932 bis 1945 gehört er der NSDAP-Fraktion im Reichstag an und übernimmt Aufgaben eines Sachverständigen für Bau- und Bildende Kunst.

Im März 1930 bildet sich auf Initiative der "Deutsche Kunstgesellschaft Dresden" in Weimar ein Führer-Rat der vereinigten Deutschen Kunst- und Kulturverbände. 17 selbstständige Organisationen schliessen sich zum Kampfbund für deutsche Kultur zusammen. Ein Führer-Rat gibt die Zeitschrift "Bildkunst" heraus. Ihre wichtigsten Mitarbeiter sind Paul Schultze-Naumburg, Alfred Rosenberg, Hans F. K. Günther und der Karlsruher Professor Hans Adolf Blüher und trommeln gegen den Kulturbolschewismus. (Vgl. Brenner 19)

Nach den Wahlen zum thüringischen Landtag am 8. Dezember 1929 etabliert sich in Weimar eine rechtsbürgerlich-nationalsozialistische Regierung (NSDAP 11,29 %, Deutsche Volkspartei 8,83 %, Reichspartei des deutschen Mittelstandes 9,58 %, Landbund 16,43 %, Deutschnationale Volkspartei 3,97 %). Wilhelm Frick übernimmt am 23. Januar 1930 das Amt des thüringischen Staatsministers für Inneres und Volksbildung. Es beginnt der "Kampf gegen die marxistische Verelendung" (Frick 29.3.1930), gegen "die heimtückisch Propaganda, die das Judentum für die Abtreibung der Leibesfrucht" treibt und die "Zersetzung und Entartung" von Kunst und Kultur. "Größtes Aufsehen erregte", dass Frick der thüringischen "Jugend wieder beten lehrte" (Fabricius 17-19). "Im Westen nicht Neues" von Erich Maria Remarque wird aus den Schulen eliminiert. Im Amtsblatt des Thüringischen Ministeriums für Volksbildung erscheint am 22. April 1930 der Erlaß IV C II/771, Nr. 53

"Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum".

Er wendet sich gegen fremdrassigen Einflüsse auf "allen kulturellen Gebieten", "die die sittlichen Kräfte des deutschen Volkstums" unterwühlen, also gegen die Jazzband- und Schlagzeug-Musik, Negertänze, Negergesänge, Negerstücke, alles was "dem deutschen Kulturempfinden ins Gesicht" schlägt. Einen ähnlicher Erlass ist von 1928 aus Naumburg (Saale) bekannt. Das Volksbildungsministeriums will alles tun, heisst es jetzt aus Weimar, "um in positivem Sinn deutsche Kunst, deutsche Kultur und deutsches Volkstum zu erhalten, zu fördern und zu stärken". Der Erlass ist also eine Art Programm für die Kultur- und Kunstpolitik des Landes. Im zweiten Teil gibt der Minister bekannt, dass die "seit 1. April 1930 von Professor Schultze-Naumburg geleiteten Vereinigten Kunstlehranstalten (Hochschule für Baukunst, bildende Kunst und Handwerk) in Weimar" "richtunggebend und zu einem Mittelpunkt deutscher Kultur werden" sollen. Etwa 29 Lehrer werden entlassen. Im Werkstattgebäude lässt der Kämpfer gegen das jüdisch-bolschewistische Flachdach während der Semesterferien im Oktober 1930 die Wandgemälde und Reliefs des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer (1888-1943) entfernen, wofür ihn der Deutsche Künstlerbund noch vor Machtantritt der Nazis als Mitglied ausschliesst. Das Bauhaus war bereits 1925 von Weimar nach Dessau vertrieben worden.

Nach dem Ende der Baum-Frick-Regierung am 22. April 1931 setzen die Anhänger der nationalsozialistischen Kulturpolitik zunehmend auf den Rosenbergschen Kampfbund für deutsche Kultur (KdfK). Die aus den Ämtern entlassenen völkisch-nationalen Wortführer H. S. Ziegler, Rassedogmatiker Hanno Konopath und Hans F. K. Günther unternehmen nach dem Beispiel von Alfred Rosenberg und der Baubolschewismus-Redner ausgedehnte Propagandareisen. Die Zahl der Mitglieder und Anhänger des KdfK wächst. Schultze-Naumburgs Vortrag Der Kampf um die Kunst am 30. Januar 1931 im Auditorium der Technischen Hochschule München muss auf Grund des Zuspruchs einen Monat später im Theatersaal des Hotels Union wiederholt werden. Seinen Zorn zieht die künstlerische Moderne auf sich. Nach Klärungsprozessen mit der NSDAP wird der anti-marxistisch-kommunistische Kurs des Kampfbundes für deutsche Kultur zum entscheidenden integrierenden Moment dieser Organisation. (Vgl. Brenner 18 bis 20) 1934 wird der KdfK aufgelöst. Aus ihm geht die NS-Kulturgemeinde hervor, die auch in Naumburg sehr aktiv ist.

 

Als Ideologe und
Weltanschauungsproduzent der Nationalsozialisten

"Die Frage lag nahe: Was ist denn das eigentlich Ausschlaggebende für die Gestalt der Kunst?", fragt Paul Schultze-Naumburg in

Rassengebundene Kunst (1934).

Seine Antwort:

"Ein nordischer Mensch empfindet und wertet anders als ein ostischer Mensch, oder als ein Jude." (10) "Wenn man die Kunst Deutschlands wirklich erkennen will, so kann man dies nur, indem man sich über die rassischen Elemente der Bevölkerung und ihren Anteil an den jeweiligen Kunstleistungen klar wird. Denn deutlich spiegelt sich in ihr der Ideengehalt und die seelische Grundstimmung der einzelnen deutschen Rassen ab." (20)

Die Zukunft Deutschlands fordert deshalb eine "Aufnordung".

"Neben der Auslese, die in den Rassen eines Volkes stattfindet, wird natürlich von ausschlaggebender Bedeutung, aus welchen Rassen sich ein Volksstamm zusammensetzt und welche Rasse in ihm die Führung hat." (16)

"Bei allen Büchern fällt auf, dass sie sich in Stil und inhaltlichen Schwerpunkten an eine durchschnittliche gebildete Leserschaft, an Laien und Dilettanten wenden. Schultze-Naumburg scheint hiermit auch seine Abneigung gegenüber einer theorie- und wissenschaftslastigen Behandlung kultureller Fragen betonen zu wollen." (Aurich / Wiesmaier 28) Dies gilt besonders für die kulturpolitische und rassepflegerische Schrift

Nordische Schönheit,

die er 1937 veröffentlicht. "Je freier sich die Zuchtwahl auswirken kann", fordert er, "um so mehr muss eine Auslese der Wohlgearteten und eine Ausmerze der Übelgearteten bei der Fortpflanzung vor sich gehen." (10) Das Ausmerzen ist die Achse seines Schönheitsbegriffs. Er will die "Hinaufzüchtung des Geschlechts" (9) und verknüpft die Kunst mit Züchtung, Auslese und Rasse. Als Vorbedingungen dieser Schönheit gilt "Gesundheit und Frische, die sich unverkennbar im Erscheinungsbilde kundtun" (10). Kranke und Behinderte sind damit ausgegrenzt. "Höchste Schönheit kann nur mit Rassereinheit verbunden einhergehen." (22) Wo eine Zuchtwahl stattfindet "muss eine gemeinsame Physiognomie des Volkes entstehen". Um diesen Aussagen Gewicht zu verleihen, stützt sich die Nordische Schönheit auf pseudohistorische Exkurse. Die "germanischen Völker" merzten (angeblich) "Verkrüppelte, Feige, Faule und Schädlinge verschiedener Art" aus, weil "…. körperlich Behinderte infolge der täglichen harten Anforderungen des Alltags überhaupt nicht mitkommen" konnten. "… sie verkamen, wodurch ihr Volk vor der Vererbung ungeeigneten Erbgutes geschützt wurde". Das "artfremde Christentum" hat mit der Lehre von der "Gleichheit aller Menschen", Weltentsagung und Jenseits die "sittlichen Grundgedankens des Germanentums" zerstört. (10/11)

 

1933 verlegt der 64-jährige seinen Wohnsitz von Saaleck nach Weimar.

Wilhelm Frick, 1929 als Abgeordneter der nationalsozialistischen Partei Thüringens in den Reichstag gewählt, nach 1933 Hitlers Innenminister, ehelicht am 12. März 1934 die Geschiedene Margarete Schultze-Naumburg (1896-1960).

Beim Umbau der Nürnberger Oper kommt es 1935 zum Zerwürfnis mit Hitler.

Paul Schultze-Naumburg stirbt am 19. Mai 1949 in Jena.

 

Wir wollen die Werte des Humanismus bewahren und verbessert an die nachfolgenden Generationen übergeben. Wie uns das Werk von Paul Schultze-Naumburg dabei helfen kann, vermag ich nicht zu erkennen, denn es ist von Rassismus, Kulturchauvinismus, Intoleranz und überheblichen Nationalismus durchsetzt. Der Vergessenheit muss er nicht anheimfallen. Wer uns vor nutzlosen Wegen warnt, sagt Heinrich Heine, leistet uns einen ebenso guten Dienst wie derjenige, der uns den rechten Weg anzeigt.

 

 

Aurich, Jordi Coll; Simon Wiesmaier: Paul Schultze-Naumburg und seine Zeit. Technische Universität Berlin, Architektur, Umwelt und Gesellschaft, Fachgebiet für Architekturtheorie. Der junge Corbousier und der Städtebau. Seminar bei Dr. Christoph Schnoor. Abgabe am 22. April 2003

Bartin, Ludwig: Paul Schultze-Naumburg. Ein Pionier der deutschen Kulturarbeit. München 1929

Behne, Adolf: Karl Scheffler und das Kronprinzenpalais. In: Die Weltbühne, XXVI Jahrgang, Nummer 24, 10. Juni 1930, Seite 882-883

Borrmann, Norbert: Paul Schultze-Naumburg (1869-1949). Verlag Richard Bacht GmbH, Essen 1989

Borrmann, Norbert: Paul Schultze-Naumburg , die "Saalecker Werkstätten" und der Saalecker Kreis. In: Deutsche Erinnerungslandschaften. Rudelsburg - Saaleck - Kyffhäuser, Heimatbund Thüringen e.V., Landesheimatbund Sachsen-Anhalt, Halle 2004, Seite 73 ff.

Brenner, Hildegard: Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963

Fabricius, Hans: Dr. Frick. Ein Lebensbild des Reichsministers des Inneren. Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin 1938

Fabricius, Hans, referiert am 22. Juli 1932 im Ratskeller für die NSDAP über: Unsere Stellung zur Hausbesitzerfrage und zum Berufsbeamtentum.

Hege, Walter: Jugenderinnerungen. In: Der junge Walter Hege. Erinnerungen. Herausgegeben von Siegfried Wagner mit Textbeiträgen von Walter Hege, Kai Aghte, Ursula Diettrich-Wagner und Dr. Walter Weiße. Saale Druck Naumburg, Naumburg 1998

Kowa, Günter: Die Schatten von Saaleck. In den Fängen eines Hobby-Historikers. "Süddeutsche Zeitung", München, den 3. September 2007

Reimers, Bettina Irina: Die Neue Richtung der Erwachsenenbildung in Thüringen 1919-1933. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Sozialwissenschaften in der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 2000

Schultze-Naumburg, Paul: Kunst und Kunstpflege. Eugen Diederichs Leipzig 1901

Schultze-Naumburg, Paul: Das bürgerliche Haus. Bechhold Verlag, Frankfurt a. M. 1927

Schultze-Naumburg, Paul: Kunst und Rasse. J. F. Lehmanns Verlag, München 1928

Schultze-Naumburg, Paul: Rassengebundene Kunst. Erfurt 1934

Schultze-Naumburg, Paul: Nordische Schönheit. Ihr Wunschbild im Leben und in der Kunst. J. F. Lehmann Verlag, München 1937

Speck, Hans-Dieter: Die Saalecker Werkstätten im Spiegel der Presse. In: Saalecker Werkstätten, Schriftenreihe Band 2, Dezember 2000, Seite 52 ff.

Stock, Clemens Augustinus: "… das Schöne und Gute in Menschengeschlechtern-zu verleiblichen". Hans F. K. Günthers Buch "Plato als Hüter des Lebens". Werkkritik und historische Einordnung. Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Aus dem Institut für Geschichte der Medizin, Düsseldorf, Direktor: Priv.-Doz. Jörg Vögele, 2004


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005.
Aktualisiert:
21. September 2008


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