Die Wahlen 1932

Siehe auch: Deutschnationale, Konsum, Wirtschaftskrise, Armut, Erwerbslosigkeit, Wohnungslage

 

Eine Woche vor dem ersten Wahlgang zu den Reichspräsidentenwahlen am 13. März 1932 mobilisiert die Eiserne Front ihre Anhänger. Von der Gaststätte Zur Post marschiert der Propagandazug mit Musik stadtauswärts. Er trommelt für die SPD, die zusammen mit der Deutschnationalen Partei den Kandidaten Hindenburg unterstützt. In Vorbereitung der Präsidentenwahlen entstand aus SPD, DVP, DStP, Zentrum und BVP der Hindenburgblock.

Vier Tage später zündet Chefredakteur Erich Behnke von der KPD-Tageszeitung Klassenkampf (Halle) im Schützenhaus seine rhetorischen Brandraketen gegen Hindenburg und wirbt für Ernst Thälmann (KPD).

 

 

Erich Behnke (10. 8.1893 - 16.11.1977) wurde als Sohn eines Schlossers in Berlin geboren und absolvierte eine kaufmännische Lehre. 1910 Mitglied der Gewerkschaft. Seit 1912 Mitarbeit in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Weltkriegsteilnehmer. 1920 Beitritt zur KPD. Ab 1926/27 Sekretär des KPD-Unterbezirks Bitterfeld. 1924-1933 Stadtverordneter in Wittenberg und Halle. Von 1927 bis zu seiner Verhaftung im April 1933 Redakteur der KPD-Zeitung Klassenkampf. 1937 Haft im KZ Lichtenburg.

 

 

 

"....eine lebensgefährliche Formel" (Carl von Ossietzky)
Zum ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl

Der SPD-Vorstand erteilt mit dem Aufruf vom 27. Februar 1932 dem Wähler die Direktive:

Schlagt Hitler!
Darum wählt Hindenburg!

 

Von wannen kommt den Herren dieser Wissenschaft?

"Man muss festhalten: die Stimme für Thälmann bedeutet kein Vertrauensvotum für die Kommunistische Partei und kein Höchstmaß von Erwartungen. Linkspolitik heißt, die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampfe steht. Thälmann ist der einzige, alles andre ist mehr oder weniger nuancierte Reaktion. Das erleichtert die Wahl.

Die Sozialdemokraten sagen: Hindenburg bedeutet Kampf gegen den Faschismus. Von wannen kommt den Herren dieser Wissenschaft? Der Kandidat betont nur seine Überparteilichkeit, in Sturmzeiten eine lebensgefährliche Formel."

Carl von Ossietzky: Gang eins. Die Weltbühne. Berlin, 1. März 1932

 

"Ich wähle Hindenburg!", offenbart Preussens sozialdemokratischer Ministerpräsident Otto Braun am 10. März 1932 im Vorwärts (Berlin) zur gefälligen Nachahmung. Hitler ist für ihn ein politischer Abenteurer. "Demgegenüber Hindenburg. Die Verkörperung von Ruhe und Stetigkeit, von Mannestreue und hingebender Pflichterfüllung für das Volksganze ….. der bewiesen hat, dass sich alle auf ihn verlassen können, die Deutschland vor dem Chaos bewahren und …. aus dem jetzigen Wirtschaftselend wieder aufwärts führen wollen." Carl von Ossietzky fragt in der Weltbühne im sarkastischen Unterton nach:

"Ist der Herr Reichspräsident überhaupt davon unterrichtet, daß er der Kandidat der Sozialisten ist?"

Die KPD warnt:

Wer Hindenburg wählt, der wählt Hitler, wer Hitler wählt, der wählt Krieg!

Die Harzburger Front war zerfallen, DNVP und Stahlhelm unterstützen Hitler bei der Reichspräsidentenwahl nicht mehr. Als Kandidaten präsentieren sie den in Naumburg beliebten Stahlhelmführer Theodor Duesterberg.

Am 12. März antwortet die NSDAP-Kreisleitung Naumburg öffentlich:

"Schluss jetzt!
Alles wählt Adolf Hitler."
"Keine Stimme für Duesterberg."

Deutschlandweit bewegen sich am 13. März 1932 86 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne. In Naumburg Stadt beziehungsweise Wahlkreis Merseburg erhalten Paul von Hindenburg 49,6 / 33,1, Adolf Hitler 30,2 / 31,5 und Ernst Thälmann 13,2 / 23,2 Prozent der Stimmen.

Von den 19 457 Wahlbürgern in Naumburg entscheiden sich 5 110 für den gemeinsamen Kandidaten von Stahlhelm und Kyffhäuserbund Theodor Duesterberg. 5 742 kreuzen Hindenburg (SPD, DVP, DStP, Zentrum) an. Gustav Winter aus Großjena erhält 48 Stimmen.

 

Ergebnisse der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 in Naumburg (Stadt)
           
           
Duesterberg
Hindenburg
Hitler
Thälmann
Winter
zersplittert
5 110
5 742
6 478
2 127
48
155

 

"Im Ganzen ist also in der Stadt Naumburg seit 1930 eine ganz erhebliche Verschiebung nach rechts eingetreten," beurteilt die Stadtzeitung die Entscheidung der Bürger, "jedenfalls zeigt das Ergebnis, dass trotz der stärkeren Wahlbeteiligung die Sozialdemokraten und Mittelparteien bedeutend zurückgegangen sind."

Die Zahl der Hitler-Wähler stieg in Naumburg von 5 902 Personen zur Reichstagswahl 1930 auf 6 478 im März 1932. Der Zuspruch für die KPD sank im gleichen Zeitraum von 2 268 auf 2 127 Wähler.

Zur Reichstagswahl 1930 hätte der Hindenburg-Block etwa 7 300 Stimmen erhalten. Am 13. März waren es lediglich 5 742. Das deutschnational ausgerichtete Naumburger Tageblatt ist zufrieden und stellt zwei Tage nach der Wahl heraus:

"Bei der Sozialdemokratie hat sich eine durch Jahrzehnte geübte Parteidisziplin zweifellos gut bewährt. Die Sozialdemokratie hat bewiesen, dass sie politische Schwenkungen größten Ausmaßes nahezu mühelos durchführen kann."

"Die Sozialdemokraten haben für Hindenburg gestimmt, weil die Partei es so befahl." Und trotzdem müssen wir all diesen glücklichen Menschen, fordert Carl von Ossietzky am 22. März 1932 eine Denkaufgabe zumuten:

"Die verschiedenen Teilnehmer des Hindenburgblocks [SPD, DVP, DStP, Zentrum, BVP, Kyffhäuserbund] müssen jetzt endlich erklären, was sie eigentlich wollen."

"Wer hat gesiegt? Darauf hat es inzwischen noch keine Antwort gegeben", schreibt Carl von Ossietzky am 22. März 1932 in der Weltbühne. "Die Hindenburger feiern und haben keine Lust, sich von Skeptikern den Ausblick in eine wolkenlose Zukunft vermiesen zu lassen. Und am lautesten jubilieren wieder die Etappenschweine der politischen Linken, die sich seit September Dreißig still verhielten und sich in ihren freundlichen Winterquartieren schon eine neue Fahne nähen ließen, um sie beim Herannahen der fascistischen Truppen aufzuziehen. Heute tun sie so, als hätten sie alles allein gemacht."

 

Zweiter Wahlgang der Präsidentenwahlen

Keiner der Kandidaten erreichte am 13. März die absolute Mehrheit, weshalb ein weiterer Wahlgang notwendig wurde. Freilich hatten die Sozialdemokraten dem alten Marschall einen gewaltigen Vorsprung gesichert. Am 10. April verbesserte er sein Ergebnis auf 53,1 (49,2) Prozent. Adolf Hitler erreicht 36,7 (30,1) Prozent. Ernst Thälmann erhält mit 10,2 (13,2) Prozent diesmal deutlich weniger Stimmen als am 13. März.

Nach ihrer Zusammenarbeit im Hindenburg-Block, erklärt noch im April 1932 der Vorsitzende des hiesigen Kreisvereins der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) in Vorbereitung der Preussenwahl die SPD [ 1, 2, 3, 4] zum Hauptfeind.

 

 

Ein Duell zwischen Republik und Facismus:
Die Wahlen zum Preußischen Landtag

Zur Preussenwahl im April 1932.

Volksstimme, Magdeburg, den 19.04.1932, Seite 3. Name des Zeichners unbekannt.

Als dritten Gang im

"Duell zwischen Republik
und Facismus" bzeichnet Carl von Ossietzky die bevorstehenden Wahlen zum Preussischen Landtag
am 24. April 1932.

Zwölf Tage vor dem Wahltermin rückt Heinrich Bachmann (1903-1945) aus Halle (Saale) zur Versammlung der NSDAP-Ortsgruppe Naumburg an. Mit harten und öfter unsachlichen Angriffen attackiert er die SPD, z. B: "Das Volk hat genug von 13 Jahren sozialdemokratischer Politik. Die Bilanz ergibt ein erschütterndes Bild: Ein ausgehungertes Arbeitertum, der Mittelstand zugrunde gerichtet, die Landwirtschaft durch Steuerbolschewismus enteignet." Der Gaubetriebszellenobmann und Kreisvorsteher des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes (DHV) im Kreis Halle-Wittenberg kündigt an: "Am 24. April wird abgerechnet; dann werden mit der Vorherrschaft der SPD auch jene Beamte ohne berufliche Vorbildung" verschwinden.

Für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) spricht am 20. April in Naumburg Bruno Doehring (1879-1961), Prediger am Berliner Dom, Erfinder der Weltkriegspredigt und Vertreter der Dolchstoßlegende, auf einer öffentlichen Kundgebung.

Am Wahltag wählen von 18 441 N a u m b u r g e r n  8 521 die NSDAP. Das waren 2 619 Stimmen mehr als 1930 zu den Reichstagswahlen und 6 483 mehr als 1928 bei den Landtagswahlen. Ihr prozentualer Anteil an den Gesamtstimmen erhöhte sich damit von 6,3 Prozent im Jahr 1928 auf 46,2 Prozent im Jahr 1932.

Von den Deutschnationalen und Teilen des liberalen Bürgertums liefen viele zu den Nationalsozialisten über. I n  P r e u s s e n stieg ihr Stimmenanteil im gleichen Zeitraum von 1,84 auf 36,67 Prozent. Allerdings scheiterte die Bewerbung des Naumburger NSDAP-Kreisleiters Friedrich Uebelhoer im Wahlkreis 11 (Merseburg) um ein Landtagsmandat.

Auf  L a n d e s e b e n e  beträgt der Verlust der SPD im Vergleich zu den letzten Landtagswahlen rund 790 000 Stimmen, während die KPD 63 700 und NSDAP 7 744 000 Wahlzettel für sich mehr auszählen konnten. I n  N a u m b u r g  sinkt die Zustimmung für die SPD und KPD im gleichen Zeitraum von 19 auf 15,4 Prozent beziehungsweise von 11,7 auf 9,7 Prozent. Ob des Triumphs der NSDAP, bedeutet das Wahlergebnis eine aller ernsteste Mahnung an die Arbeiterparteien, ihre Politik neu auszurichten und die Fehler zu korrigieren.

 

 

Zu den Ergebnissen
der Landtagswahlen in Preussen am 24. April 1932

unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Naumburg

 
 
DNVP
NSDAP
SPD
KPD
SAP
DVP
Zent.
WP
DDP
Andere
Gesamt
                 
DStP
   

Ergebnisse Landtagswahlen Preussen 1928 und 1932 in Prozent

   20.5.28
    [Prozent] 

17,38
1,84
29,00
11,87
 
8,5
14,53
4,51
4,40

Wahlbe.: 76,39%
Wähler: 19213054

   24.4.32
    [Prozent]

6,98
36,67
21,19
12,89
 
1,50
15,28
0,87
1,51

Wahlbe.: 82,10%
Wähler: 22192987

                     
Sitzverteilung nach Landtagswahlen Preussen 1928 und 1932
   20.5.1928
82
6
137
56
 
40
68
21
22
450 Sitze zu vergeben
   24.4.1932
31
162
94
57
 
7
67
 
2
423 Sitze zu vergeben
                       
 Ergebnisse Reichstagswahlen 14. September 1930 - Naumburg Stadt

  14.9.1930

3437
5902
3149
2268
 
1131
269
1534
447
714
18851

   Prozent

18,2
31,3
16,7
12,0
 
6,0
1,4
8,1
2,4
3,8
100
                       
 Ergebnisse Landtagswahlen Preussen 1928 und 1932 - Naumburg Stadt

   20.5.28

4677
1038
3150
1939
VR
1743
210
2523
807
Vnb
16598
     Prozent
28,2
6,3
19,0
11,7
2,9
10,5
1,3
15,2
4,9
0,2
100
                       

   24.4.32

3920
8521
2844
1795
62
447
260
72
251
269
18441
     Prozent
21,3
46,2
15,4
9,7
0,3
2,4
1,4
0,4
1,4
1,5
100
                       
 Ergebnisse Landtagswahlen Preussen 24. April 1932- Naumburg Land

  24.4.1932

1690
6148
1236
749
44
101
31
51
63
207
10320

   Prozent

16,4
59,6
12,0
7,3
0,4
1,0
0,3
0,5
0,6
2,0
100

 

BVP - Bayerische Volkspartei
DDP - Deutsche Demokratische Partei
DStP - Deutsche Staatspartei (bis November 1930 Deutsche Demokratische Partei)
DNVP - Deutschnationale Volkspartei
DVP - Deutsche Volkspartei
DtLV - Deutsches Landvolk
NSDAP - Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
RP - Reichspartei
SAP - Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands
SPD - Sozialdemokratische Partei Deutschlands
KPD - Kommunistische Partei
WP - Wirtschaftspartei
Zentrum - Deutsche Zentrumspartei

 

I m  L a n d  sank bei dieser Wahl die Zustimmung zur Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) von 17,4 auf 7 Prozent und in Naumburg von 28,2 (4677) auf 21,3 (3920) Prozent.

Die ausschlaggebende politische Ursache der SPD-Wahlniederlage in Preussen war ihre Tolerierung der Brüning-Politik mit den Notverordnungen und der Deflationspolitik zu Lasten der Lohn- und Gehaltsabhängigen. Ein nicht intendierter Effekt der sozialdemokratischen Politik bestand darin, dass sie die sozialen Gegensätze verschärfte und den Rechtsradikalen in die Hände spielte. Auf jedem Fall schwächte es die Gewerkschaften. Eine Massenbewegung gegen die Notverordnungen konnte (und sollte) nicht entstehen. Wahrscheinlich unterstützte, wofür es zumindest verschiedene Hinweise gibt, die Mehrheit der Naumburger Sozialdemokraten diesen Kurs. Ihre Parteiführung behauptete, die Demokratie durch Unterstützung Brünings retten zu wollen. Aber sie "verkennt dabei", notiert Carl von Ossietzky im Anschluss an den SPD Parteitag vom 31. Mai bis 5. Juni 1931 in Leipzig, "dass die Demokratie unter Brüning zur Fiktion, das Parlament zur Attrappe geworden ist".

Das Wahlergebnis vom 24. April definierte nicht nur den Verlust an politischen Einfluss der SPD, sondern ebenso exakt die Grenzen der KPD, die trotz Steigerung des Stimmenanteils von 11,87 Prozent (2 237 160) auf 12,89 Prozent (2 845 306 Stimmen) eine erschreckende Unfähigkeit offenbarte, von der Tolerierungspolitik und dem Rechts-Reformismus enttäuschten Teile der Arbeiterschaft für sich zu gewinnen.

Nun sind die Kommunisten das geworden, analysierte Carl von Ossietzky am 3. Mai 1932 die Wahlergebnisse, "wovon der alte Liberalismus und seine durch eine erfolglose Nacht mit dem Jungdo kompromittierte Witwe, die Staatspartei, lebenslang geträumt haben: der dritte, auf den es ankommt.

Die parlamentarische Zukunft
Preussens hängt von den Kommunisten ab."

Tatsächlich wäre eine parlamentarische Mehrheitsbildung in folgender Weise möglich gewesen: 94 SPD  + 67 Zentrum + 2 DDP/DStP = 163 Sitze. 163 + 57 KPD = 220 Sitze.

Was wäre passiert, wenn Kommunisten und die Sozialdemokraten zusammengearbeitet hätten? Wie reagierten darauf die bürgerlichen Kreise? Immerhin kündigte doch die KPD am 24. August 1930 in der Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes an, die Schmarotzer, Grossindustriellen, Junker und bürgerlichen Politiker mit "eisernen proletarischen Besen" hinwegzufegen. Ist es von daher verständlich, warum sich die SPD im Landtag der Zusammenarbeit mit der KPD verweigerte, nimmt aber damit andererseits einen republikanischen Kandidat für das Amt des Landtagspräsidenten jede Chance. So gelangte Hanns Kerl von der NSDAP auf diesen Posten. Noch pittoresker erscheint das Verbot der SPD-Zeitung Vorwärts durch den preussischen Innenminister Carl Severing (SPD). Als die KPD im Landtag den Antrag auf Wiederzulassung stellte, enthielt sich die SPD der Stimme. (Vgl. Fischer)

Man kann es drehen und wenden wie man will, die Ergebnisse der `32er Preussen-Wahl sollten die Sozialdemokraten und Kommunisten als letzte Möglichkeit zur politischen Kurskorrektur begreifen. Besonders ihr Verhältnis zueinander mussten sie neu bestimmen. Carl von Ossietzky mahnte:

"Ich frage euch Sozialdemokraten und Kommunisten: - werdet ihr morgen überhaupt noch Gelegenheit zur Aussprache haben? Wird man euch das morgen noch erlauben?"

In Verbindung mit den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 1932 stellte sich die Frage, wie der Hindenburg-Block mit seinem Kandidaten, der weder Demokrat noch Republikaner, der Krise des Parlamentarismus etwas entgegensetzen wollte, wenn er sich doch als "Sinnbild der Volksgemeinschaft" verstand und ähnlich wie Hitler in Göttingen die "Überwindung des Parteiengeistes" ankündigte.

 

 

Zum Wahlkampf
von Nationalsozialisten und Deutschnationalen

Den DNVP-Wahlkampf `32 in Naumburg führt der Vorsitzende des Kreisvereins der Deutschnationalen Volkspartei Doktor Wolfgang Schöbel (Herrenstraße 2). Das Amt übernahm er erst am 10. Juli 1931 von Oberlandesgerichtsrat Kosack.

Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ist eine antisemitische und -sozialistische Organisation, die über eine mächtige Propagandamaschine verfügt (Stichwort Alfred Hugenberg). Gemäss ihren Grundsätzen bekennt sie sich aus Anlass der Wahlen zum Preußischen Landtag am 20. Mai 1928 zur "monarchistischen Staatsform", weil sie der "Eigenart" und "geschichtlichen Entwicklung Deutschlands" entspricht. (Vgl. Grundsätze) Die "nationale Opposition" (Hugenberg in Stettin, September 1931) ist mit Georg Schiele in Naumburg parlamentarisch, personell und organisatorisch stark vertreten.

Zusammen mit der NSDAP fischen die Deutschnationalen bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 in Naumburg 71,5 Prozent der Stimmen ab. Nach der Kommunalwahl am 12. März 1933 regiert der nationalsozialistisch-deutschnationale Machtblock die Stadt. Immer wieder erreicht die DNVP bei den Reichstags- und Landtagswahlen in Naumburg (Saale) ein weit über dem Durchschnittswert des Landes liegendes Ergebnis:

Reichstagswahlen 4. Mai 1924
DNVP: Naumburg Stadt 31 Prozent, Reich 19,5 Prozent.

Reichstagswahlen 7. Dezember 1924
DNVP: Naumburg Stadt 40,4 Prozent, Reich 20,5 Prozent.

Landtagswahlen Preussen 7. Dezember 1924
Naumburg Stadt: 43,5 Prozent.

Reichstagswahlen 20. Mai 1928
DNVP: Naumburg Stadt 28,2 Prozent, Reich 14,2 Prozent.

Reichstagswahlen 31. Juli 1932
DNVP: Naumburg Stadt 19,7 Prozent, Reich 5,9 Prozent.

Reichstagswahlen 6. November 1932
DNVP: Naumburg Stadt 31,1 Prozent, Reich: 8,8 Prozent.

Dem Bürger wird auf der Vollversammlung des Stahlhelms am 6. Februar 1928 eingebläut: "Wer als nationaler Mann oder Frau nicht wählen geht, ist ein Verräter an unserem Vaterland!"

 

Den Wahlkampf für die Nationalsozialistische Partei Deutschlands in Naumburg führt Friedrich Uebelhoer.

Im Stadtleben demonstrieren DNVP und NSDAP einen hohen Grad der Übereinstimmung. "Deshalb rufe er", so Doktor Friedrich Everling (1891-1958) von der DNVP auf einer Versammlung am 14. April 1932 in Naumburg, "auch den Nationalsozialisten zu, die ja mit den Deutschnationalen in der Harzburger Front ständen, man solle aufhören, gegeneinander zu stehen. Sie allein könnten es nicht schaffen." (Schöbel/Everling)

Oberleutnant a. D. von Loewenfeld wechselt auf der NSDAP-Versammlung im April 1932 von der DNVP zur Hitlerpartei über. "Seit dem November 1918 sei er Gegner des Systems," verbreitet ein Zeitungsbericht. "Im Jahre 1920 habe er sich nach dem Ausscheiden aus dem Heeresdienst der Deutschnationalen Volkspartei angeschlossen, die damals den gesunden deutschen Kern bildet. Da dieser Partei aber der Führer gefehlt habe, habe sie versagt und dem Dawesplan zur Annahme verholfen. Als Hindenburg dann die Führung übernahm, sei er der Partei wieder beigetreten. … Er wisse, daß sich noch eine große Zahl guter Deutscher in der DNVP befänden ..." (NSDAP 23.4.1932)

Bereits das Programm der DNVP von 1924 offenbart essentielle Gemeinsamkeiten mit der NSDAP. Beide Parteien wollen die "Wehrhaftmachung" in den Dienst der Aufrüstung stellen, weshalb es notwendig, eine Jugend mit dem Opfermut von 1914 zu erziehen. Hierzu fordern sie den "wahrhaft deutschen Geschichtsunterricht" (DNVP) mit Dolchstoßlegende, moralisch-politischer Aburteilung der Novemberverbrecher und was sonst noch zur Diskriminierung der Republik geeignet ist. Deutschnationale und Nationalsozialisten streben die Revision der Grenzen an. Ein halbes Jahr nach der Machtübernahme, weihen der Stahlhelm und die Nationalsozialisten im Bürgergarten das Langemarck-Denkmal ein. In Saaleck widmet am 29. Oktober 1933 die extreme Rechte den Mördern des deutschen Außenministers Walter Rathenau einen Gedenkstein.

 

 


Gemeinsamkeiten und Unterschiede
von NSDAP und DNVP
im Wahlkampf 1932
in Naumburg an der Saale


     DNVP
                   NSDAP


G   e   m   e   i   n   s   a   m   k   e   i   t   e  n

 

 

Wir brauchen ein wehrhaftes Volk! Die Aufrüstung Deutschlands ist eine Frage der Ehre und Notwehr!

 

Weg mit dem Versailler Vertrag, Rüstung

 

"Die Polen sind nicht fähig, Länder zu regieren und zur Blüte zu bringen."

 

Revision der östlichen Grenzen

 

Wahrhaft deutscher Geschichtsunterricht im Sinne von Paul Hindenburg, Erich Ludendorff und Wolfgang Kapp

 

Dolchstoßlegende
Novemberverbrecher

 

Hauptgegner: SPD, KPD (Arbeiterbewegung)

 

Hauptgegner: SPD, KPD (Arbeiterbewegung)

antisemitische Tendenzen

 

antisemitisches Programm

 

 

monarchistisch - Hindenburg als Ersatzmonarch

 

Abschaffung der Parteien (Hitlers Göttinger Rede 21.7.1932), Führerprinzip, antidemokratisch

 

"Lasst die alten Fahnen wehen. Deutsch-National bringt Auferstehen."

 

Politik der nationalen Erhebung

 

Indirekte Anerkennung der Klassenstruktur

 

Volksgemeinschaftsideologie

 

Kampagne "ehrlicher Staat"
Ein Volk, ein Gott, ein Vaterland.

 

gegen die Weimarer Republik mit Kampf gegen die Bonzen

 

Befreiung Deutschlands von inneren und äusserer Knechtschaft - wider den "Erfüllungsgehilfen" in der Regierung

 

gegen die "Erfüllungspolitik"

 

Distanz gegenüber dem Völkerbund

 

Ablehnung des Völkerbundes


U   n   t   e   r   s   c   h   i   e   d   e

 

Selbstbild: konservativ

 

Selbstbild: modern

 

stolzes Bürgertum

 

Pflege der nationalen Arbeiterschaft

 

 

Profitinteressen

 

Volksgemeinschaft
"Gemeinschaftsinteressen"

 

"Kapital etwas an sich sehr Ehrliches." Kapital ist Ersparnis.

 

kritisiert den spekulativen Charakter des Kapitals

 

Monarchistisch bis Parteienherrschaft - insgesamt unklare Vorstellungen


NSDAP-Alleinherrschaft

 

freier Markt

 

Ablehnung des liberal-kapitalistischen Denkens

Weg vom Staatssozialismus

 

Markt mit Lenkungsfunktion gegenüber der Großwirtschaft

 

 

sozial, aber nicht sozialistisch

 

nationaler Sozialismus

 

Mit der Gleichheit geht alle Wirtschaft und Gerechtigkeit zum Teufel.

 

Interessenausgleich
über die Staat

keine Begrenzung der Einkommen

 

Herabsetzung der öffentlichen Spitzengehälter und Selbstbeschränkung beim Einkommen

 

 

Zur NSDAP: "Unsere Kameraden."

 

 

Zur DNVP: "Ihr fehlt die Staatsidee!"

 

 

"Jeder wird betreut, von der Wiege bis zur Bahre. Danach ist das Verantwortungsbewusstsein des Menschen zerstört."

 

Wohlstand des Volkes.

 

 

Der gemeinsame Gegner

Für die NSDAP und DNVP ist die SPD und natürlich KPD der Hauptfeind.

Die Deutschnationalen und Nationalsozialisten eint der Kampf gegen die Arbeiterparteien, den Marxismus und Pazifismus. Sie möchten, wie NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer (25.7.1932) sagt:

"dem marxistischen System das Genick brechen".

"Es ist schwer für die Sozialdemokratie," behauptet der DNVP-Ortsvorsitzende von Naumburg Doktor phil. nat. Wolfgang Schöbel (4.7.1931), "die Massen darüber hinwegzutäuschen, dass ihre Regierung das Volk in Not und Elend geführt hat und noch führt."

"Was nützen Waffen, wenn der Geist verfehlt, der sie richtig führen kann. Und dieser Geist wird heute planmäßig zersetzt: Marxismus, Materialismus, Pazifismus werden eingesetzt zur körperlichen und geistigen Vernichtung. Das Ende davon muß sein: Der Ausverkauf Deutschlands. Politisch und wirtschaftlich." (NSDAP-Versammlung 21.2.1930)

"Tiefste Empörung herrschte überall über das Verbot der SA. und SS.", äußert sich der DNVP-Landtagsabgeordnete Dr. Everling auf einer Versammlung am 14. April 1932 in den Ratskellersälen vor seinen Parteifreunden. "Aus Kameradschaft spreche er den Nationalsozialisten sein tiefstes Bedauern über das Vorgehen der Regierung aus." (Schöbel/Everling) Doktor Schöbel, Vorsitzender des DNVP-Kreisvereins Naumburg, charakterisiert in seiner Begrüßungsrede zur Kundgebung in den Ratskellersälen am 20. April 1932 die von der Presse aufgestellte Behauptung, dass deutschnationale Minister sich in einigen Ländern für ein SA- und SS-Verbot eingesetzt haben, als Wahllüge. (Vgl. Schöbel/Doehring)


Keine sozialistischen Experimente

Kein Raum für sozialistische Experimente, wir müssen zurück zur Privatwirtschaft, lautet die Maxime der DNVP 1932. (Vgl. DNVP 25.7.1932) "Unser Hauptkampf gilt dem volksverderbenden Sozialismus. Wir alle haben genug vom Marxismus, der Lehre des Juden Marx, vom Klassenkampf, vom Internationalismus." (DNVP 31.10.1932) Das ist die Gegenreaktion auf gewachsene Zustimmung zur Arbeiterbewegung der Stadt. Für ihre sozialen Forderungen zeigen die Deutschnationalen kein Verständnis. Den in den letzten 13 Jahren herrschenden Staatssozialismus, wie sie nicht müde werden zu wiederholen, lehnen sie ab. Wörtlich:

"Heute sind wir zum Fürsorgestaat herabgesunken. Jeder wird betreut von der Wiege bis zur Bahre. Dadurch ist das Verantwortungsgefühl des einzelnen Menschen zerstört." (DNVP 25.7.1932)

Wie denn das? Ein Fürsorgestaat mit Mangel an Fleisch, Eiern und Fisch, mit Lebensmittelkarten, Hamsterfahrten, Schlange stehen, grassierendem Hunger, epidemischer Tuberkulose, mit Hyperinflation und Massenerwerbslosigkeit? Zeigen die Bilder von Otto Dix, George Grosz, Käthe Kollwitz, Otto Nagel oder Heinrich Zille etwa das Leben im Paradies?

 

Sorgen der Hausbesitzer

"In dem jetzigen angeblich privatwirtschaftlichen System wird statt der früheren Grundvermögenssteuer der Gemeinden von 100 Prozent eine staatliche Grundvermögenssteuer von 100 Prozent erhoben, wozu ein staatlicher Zuschlag … " und so weiter und sofort. "Durch alles dies ist der Zustand geschaffen, daß der Hausbesitzer durchschnittlich 82 Prozent der gesamten Mieten an den Staat abführen muß, ehe er etwas für die Arbeiten zur Erhaltung und Verbesserung seines Hauses ausgeben kann."

(Aus einer DNVP-Wahlversammlung 1932 in Naumburg, DNVP 25.7.1932)

 

Die "immer teuerer werden Sozialmaßnahmen" ruinieren den Staat, sagen die Deutschnationalen. "Ihr solltet euch allesamt was schämen, von den armen Staat noch Geld zu nehmen!", karikiert 1930 Kurt Tucholsky in Die freie Wirtschaft diese Politik.

Worauf die Deutschnationalen mit dem Staatssozialismus verweisen, sind die in der Weimarer Republik stark gestiegenen Sozialleistungen. Der Personenkreis für den Empfang von Leistungen erhöhte sich in der Stadt Naumburg von 1913 0,8 Prozent auf 1932 17,3 Prozent. (Vgl. Einkommen)

Schon aus taktischen Gründen weist die NSDAP Naumburg den Sozialismus-Vorwurf seitens der Deutschnationalen energisch zurück, obwohl sie ihn dann in der Erklärung vom 23. Juli 1932 selbst wieder gebraucht. Ihr Spiel mit dem Begriff dient demagogischen Zwecken. In der Erwiderung setzt die NSDAP sich klar von der Hugenberg-Partei ab, wenn sie ihr vorwirft, "soziale Taten" könne sie nicht vollbringen, weil ihr der "soziale Geist" fehlt. Tatsächlich geht die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei mit der Arbeiterschaft anders um als die Deutschnationalen. Paradigmatisch hierfür Uebelhoers Sätze von 1924 in Naumburg:

"Die gebildete Schicht hat ein schweres Versäumnis wieder gutzumachen: Sie vergaß früher, daß es einen vierten Stand gab. Sie kannte nicht die Seele des deutschen Arbeiters. So konnte der deutsche Arbeiter nur allzu leicht eine Beute der jüdischen Umarmung werden." (24.11.1925)

Zugleich ermahnte er damals das Naumburger Bildungsbürgertum, sich endlich mit der Bewegung zu befassen.

Mit dem Sozialismus kommt letztlich die Frage nach dem Privateigentum und der Wirtschaftsform auf. Dazu nehmen die Naumburger Nationalsozialisten eine klare Haltung ein. In der Presseerklärung der NSDAP-Kreisleitung Naumburg vom 23. Juli 1932 teilen sie mit: "Aus unserem Schrifttum geht klar hervor, daß wir nicht die kollektivistische Wirtschaftsreform in der Hand des Staates unter Ausschaltung des selbständigen Unternehmertums aus dem Mittelstand wollen. Gerade weil wir Sozialisten sind, treten wir für die Aufrechterhaltung des Privateigentums ein. Denn ohne Privateigentumsrecht gibt es kein Streben, keine freie Entfaltung der im Volk vorhandenen schöpferischen Kräfte und Persönlichkeitswerte. Wir lehnen als wahre Sozialisten den Gedanken der Gleichmacherei als volkswirtschaftlichen Wahnsinn mit aller Entschiedenheit ab. Wir treten für unbedingte soziale Gerechtigkeit ein. Unser Grundsatz lautet nicht, Alles gehört allen, und Eigentum ist Diebstahl, sondern: `Jedem das Seine`, d.h. jedem das, was ihm auf Grund seiner im Interesse des Volksganzen gelegenen Leistungen gebührt. Der Nationalsozialismus ist schroffster Gegner einer marxistischen Sozialisierung …"

 

 

Reichstagswahlen am 31. Juli

Am 1. Juni 1932 übernimmt Franz von Papen (1879-1969) das Amt des Reichskanzlers von Heinrich Brüning. Drei Tage später gibt er die Auflösung des Reichstages bekannt und spricht von der Misswirtschaft der Parlamentsdemokratie. Das deutet auf den Übergang von parlamentarischen zu autoritären, diktatorisch-faschistischen Verhältnissen. Besonders ist hervorzuheben, dass ein Teil der demokratischen und fortschrittlichen der Kräfte der Stadt dies erkannten. Zusammen mit der Gewerkschaft und sympathisierenden Bürgern protestieren sie am 6. Juli

Gegen den Terror der braunen System-Armee Hitlers, gegen Entdemokratisierung, Sozialabbau und Arbeitslosigkeit.

In der Nacht vom 8. zum 9. Juli (1932) überfallen die Nazis den Spechsart-Konsum. Erneut wirken SPD, Reichsbanner, KPD, Anarchisten und andere zusammen. Es scheint alles nicht zu nützen. Ein deterministischer Fluch liegt über der Stadt.

Am Montag, den 25. Juli 1932, bitten die Deutschnationalen zur Wahlkampf-Veranstaltung in den Ratskeller. Doktor Georg Schiele (Naumburg) ist wegen Krankheit verhindert. Sein Freund Pfarrer Gottfried Traub (1869-1956) springt ein. Die Rede beginnt mit dem Hinweis auf die jüngsten Ereignisse:

"Ich komme gerade aus Berlin. Der alte Stall ist dort ausgemistet worden. Was wir so oft gewünscht, ist geschehen. Severing [Preußischer Innenminister, SPD], Grzesinski [Polizeipräsident von Berlin, SPD] und Konsorten [Otto Braun, Ministerpräsident] sind verschwunden."

Was die Deutschnationalen hier so überschwänglich feiern, ist der Preussenschlag. Franz von Papen setzte am 20. Juli die Regierung in Preussen ab und rief mit der Begründung, dass die "öffentliche Sicherheit und Ordnung" gefährdet sei, den Ausnahmezustand für Berlin und Brandenburg aus.

Obwohl die NSDAP bei den Landtagswahlen am 24. April 1932 viele Stimmen gewann, reichte es nicht zur Mehrheit. Das konnte für sie, wie Carl von Ossitzky im Mai 1932 vermutet, nur als Anreiz wirken, "den Sturm so bald wie möglich wieder aufzunehmen." Dazu bot sich ihnen der Altonaer Blutsonntag vom  17. Juli an. Bei einem Werbemarsch der NSDAP durch die Stadt sterben 18 Menschen und drei Polizisten erleiden Verletzungen. Bereits sechs Tage vor dem Putsch unterzeichnete Reichspräsident Hindenburg eine undatierte Notverordnung, die Franz von Papen als Wortführer des rechten Flügels der Zentrumspartei zum Reichskommissar für Preußen bestimmt.

Vier Tage vor dem Putsch befasste sich der SPD-Parteivorstand mit der politischen Lage. Otto Wels vom Parteivorstand, Franz Künstler von der Berliner Parteiorganisation, Theodor Leipart als ADGB-Vorsitzender und Karl Höltermann, Vorsitzender des Reichsbanners, überfiel auf der Sitzungsrunde am 20. Juli ein lähmender Schock. Ihre jahrelange Erziehung zu nüchternen Realpolitikern hemmte ihre Entschlusskraft. (Vgl. SPD 139) Obwohl die preussische Polizei nach dem Urteil von Wilhelm Hoegner (1887-1980) durch Zehntausende erprobter Reichsbannerleute verstärkt werden müssen, wird die rote Festung Preussen preisgegeben. "Aber die deutsche Sozialdemokratie besaß schon damals nicht mehr die Kraft zu einer entschlossenen Tat, es reichte gerade noch zu einer kraftmeierischen Geste. …." (Hoegner 32 f).

"Der Ausgang des 20. Juli 1932 [Preussenschlag] hat Nazis und Papenregierung zuversichtlich gemacht!" (Albert Grzesinski)

 

Plakat Der Arbeiter im Reich des Hakenkreuzes! - Darum wählt Liste 1 Sozialdemokraten! Reichstagswahl 31. Juli 1932. Künstler: Karl Geiss.

Regierungsrat Doktor Hans Fabrcius (1891-1945), ab November 1932 Geschäftsführer der NSDAP-Reichstagsfraktion, spricht am 22. Juli 1932, abends 8.30 Uhr im Ratskeller von Naumburg über

Unsere Stellung zur
Hausbesitzerfrage und zum Berufsbeamtentum
.

 

Mahnend hebt der Bund Königin Luise die Stimme: Deutschland steht mit den Reichstagswahlen vor einer "schicksalsschweren Entscheidung". Ihre Führerin Frau Ziegler ruft zum 28. Juli abends alle Bürger zur Besprechung der wichtigen nationalen Belange in den Saal des Kuchenhauses, um ihnen zu erklären, "dass einzig und allein die Rechtsparteien für die Kameradinnen in Betracht kämen, denn die Linke hätte zwar Friede - Freiheit - Brot versprochen, doch lehrten die Zustände unter der schwarz-roten Regierung, dass wir uns im Gegenteil immer mehr von Friede, Freiheit und Brot entfernten." Wehrwolf und Stahlhelm treiben eine ganz ähnliche Wahlpropaganda.

 

 

Naumburger Tageblatt. Naumburg, den 27. Juli 1932

 

 

Am 29. Juli abends 7 Uhr bittet die NSDAP-Ortsgruppe Naumburg auf den Sportplatz am Ostbahnhof zur Kundgebung. Prinz August Wilhelm von Preussen (1887-1948) spricht über:

Preußen - Deutschlands Rettung durch Adolf Hitler.

Der Vorverkauf der Eintrittskarten zum Preis von 2 bis 0,50 Reichsmark erfolgt in der Nationalsozialistischen Bücherstube am Steinweg 11. Ab 5 Uhr beginnt der Einlass. Zur Unterhaltung spielt die NS-Kapelle.

 


Wahlen zum Deutschen Reichstag 1932

Naumburg Stadt

 

 
31. Juli
6. November
 
Naumburg
Reich
Naumburg
Reich
 
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent
NSDAP
8834
45,9
37,4
6005
32,8
33,1
DNVP
3797
19,7
5,9
5697
31,1
8,8
SPD
2915
15,2
21,6
2851
15,6
20,4
KPD
2590
13,5
14,6
2697
14,7
16,9
DVP
414
2,2
1,2

553

3,0
1,9

Zentrum

320
1,7
12,5
314
1,7
11,9
DDP / DStP
172
0,9
1,0
146
0,8
1,0
WP
59
0,3
       

RP

     
10
0,1
 

BVP

   
3,2
   
3,1
Christlich-Soziale
62
0,3
 
30
0,2
 
DtLV
2
   
3
   
Andere
74
0,4
2,6
   
2,9
   
100
100
 
99,5
100
 
19240
   
18306
   

Wahlbeteiligung

89 Prozent

 
84 Prozent
 

 

BVP - Bayerische Volkspartei
DDP - Deutsche Demokratische Partei
DStP - Deutsche Staatspartei
DNVP - Deutschnationale Volkspartei
DVP - Deutsche Volkspartei
DtLV - Deutsches Landvolk
NSDAP - Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
RP - Reichspartei
SPD - Sozialdemokratische Partei Deutschlands
KPD - Kommunistische Partei Deutschlands
WP - Wirtschaftspartei
Zentrum - Deutsche Zentrumspartei

 

Zum Wahlergebnis.

"Ein Vergleich der Reichstagswahlen für die Stadt Naumburg vom 14. September 1930 und 31. Juli 1932 ergibt folgendes Bild:

DNVP: 18,2 / 19,7,
NSDAP: 31,3 / 45,9,
SPD: 16,7 / 15,2  und
KPD: 12,0 / 13,5 Prozent.

Auffällig ist die Steigerung der NSDAP. "Das Aufblühen der Nazis ist lediglich auf Kosten der bürgerlichen Parteien erfolgt", kommentiert der Volksbote (Zeitz). "So steht einwandfrei fest, daß die Mehrzahl der Naumburger Geschäftsleute unter den Fittichen der Nazis segeln, eine Tatsache, aus der die Arbeiterschaft die notwendige Schlussfolgerung ziehen muss."

Und weiter: "Das Ergebnis der Reichstagswahlen hat in Naumburg auf vielen Seiten eine große Enttäuschung gebracht. Alle Berechnungen haben sich als trügerisch erwiesen, ja namentlich die Prophezeiung, daß die Sozialdemokratie als bescheidener Überrest aus dem Wahlkampf hervorgehen würde. Daß unser Stimmenanteil sogar noch ein kleines Plus zeigt, dürfte die bitterste Enttäuschung für unsere Gegner sein." - Auf diese Weise übergeht die SPD-Zeitung für Zeitz, Weissenfels und Naumburg, dass ihre Partei für den 31. Juli das Rückspiel zum Preussenschlag angekündigt hatte, was sie unbedingt gewinnen wollte. Das gelang nicht. Im Reich wollten ihr nur 22 Prozent der Wähler die Regierung anvertrauen. Es war die Quittung für die Tolerierung der Brüningschen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Immer weniger Wähler brachten der Politik des kleinsten Übels Verständnis entgegen.

"Das Volk war der Seiltänzereien [der Tolerierungspolitik gegenüber Brüning] müde",

urteilt SPD-Reichstagsabgeordneter Wilhelm Hoegner (1887-1980). In Naumburg gründete sich eine SAP-Gruppe, was auf hartnäckige Auseinandersetzungen um diese Frage schliessen lässt.

Trotz der niederschmetternden politischen Bilanz der Wahlen vom 31. Juli schwingt sich der Volksbote zur Überschrift auf:

"Marxisten-Wahlerfolg in Kappstadt
Der Erfolg verzweifelter Schwindeleien!".

Richtig ist, dass die KPD [ 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 1112.] im Unterschied zur SPD ihr Wahlergebnis (12,0 / 13,5) verbessern konnte. Weiter liest die Redaktion aus dem Ergebnis heraus: "Die Wunschträume der Nazis, den Marxismus auszurotten, sind nicht nur unerfüllt geblieben; dieser Marxismus hat eine wesentliche Stärkung auch in dem reaktionären Naumburg erfahren; denn auch die KPD. hat, entgegen allen Erwartungen, den bei der Landtagswahl erlittenen Verlust nicht nur aufgeholt, sondern auch noch eine beträchtliche Zunahme erfahren."

Nichtsdestotrotz, ein Marxisten-Wahlerfolg war es nicht, schliesslich wollten die Arbeiterparteien die NSDAP zurückdrängen, was nicht gelang. Deutschlandweit erreichte die NSDAP bei den Juli-Wahlen mit 37 Prozent der Stimmen, in Naumburg sogar 45,9 Prozent, ihr bisher bestes Ergebnis. Den politischen Bürger überraschte das nicht, war er doch Augenzeuge des Aufschwungs der Hitler-Partei und ihres Wandels zur Volkspartei. Hitler bekommt vom Präsidenten den Posten des Vizekanzlers angeboten, will aber die Macht nicht teilen, und lehnt ab.

Im irreführenden Jubel über den "Marxisten-Wahlerfolg" deutet sich vorsichtig an, was wenig später den Arbeiterparteien mit zum Verhängnis wird, die Neigung zur Beschönigung der Wahlergebnisse und eigenen politischen Fehler.

Die Deutsche Volkspartei (DVP) erhielt am 20. Mai 1925 zur Reichstagswahl 10,5 Prozent der Stimmen. Bei den preussischen Landtagswahlen am 24. April 1932 waren es 2,4 Prozent. Jetzt - am 31. Juli - sind es in Naumburg nochmal 0,2 Prozent weniger, also 414 Bürger.

Einen katastrophalen Zusammenbruch, konstatiert der Volksbote (Zeitz) drei Tage nach der Wahl, erlebten die Naumburger Strategen Eix und Hagemann von der Wirtschaftspartei: Sie schrumpften auf die Stärke eines Pfeifenclubs zusammen.

 

 

Die Reichstagswahlen am 6. November 1932

Für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) spricht am 18. Oktober 1932 in Naumburg Doktor Erich Schmidt (1897-1952), Vorsitzender des sozialpolitischen Aussschusses seiner Partei und Reichstagsabgeordneter für diesen Wahlkreis. Das Ziel seiner Partei ist, so betont er, das schwarz-rote System zu stürzen. Er kritisiert die Hilflosigkeit der Regierung Brüning gegenüber der Arbeitslosigkeit, weshalb die Not der Bevölkerung unermesslich stieg. Papen war deshalb eine Erlösung. Seine herausragende Tat war die Beseitigung des schwarz-roten Systems in Preussen. Die Deutschnationalen führen den Kampf gegen volksverderbenden Marxismus des Juden Marx, weshalb der Redner die NSDAP kritisiert, die in diesem Wahlkampf wieder vom "deutschen Sozialismus" spricht. Die DNVP fordert Gleichberechtigung in den internationalen Beziehungen und besteht auf die Herstellung Deutschlands Wehrhaftigkeit.

Am 27. Oktober erscheint in Naumburg Ehrenoberbäckermeister Carl Rieseberg (1869-1950) aus Quedlinburg für die DNVP zum Wahlkampf . In seinem Vortrag wendet er sich besonders der wirtschaftlichen Not des Mittelstandes zu.

Plakat Gegen Hitler, Papen, Thälmann. Liste 2 Sozialdemokraten zur Reichstagswahl am 6. November 1932

Zur symbolischen Bedeutung der drei Pfeile siehe auch Eiserne Front.

 
Plakat Sozialdemokraten! Liste 2. Reichstagswahl 6. November 1932. Künstler: Otto Baumberger

"Die Bürgerkriegserklärung ist da", empört sich der Volksbote aus Zeitz am 5. November 1932. Gemeint war der Aufruf des deutschnationalen Naumburger Tageblatts zur Gewalt gegenüber den Linken:

"So muss es auch wieder in Deutschland sein und werden, dass man wieder weiß, dass es den gemeinsamen Feind gibt, und dass man weiss, wo dieser Feind steht. Er steht links und er muss heute und morgen nicht weniger bekämpft werden, als er all die Jahre hindurch und mit greifbarem Erfolg bekämpft worden ist. Wenn es darauf ankommt - und es kommt spätestens schon in der ersten Stunde des heraufdämmernden 7. November darauf an - dann

muss man Fäuste, Waffen und Entschlusskraft

wieder dahin wenden, wo der Feind steht."

Albert Bergholz (SPD) entgegnete darauf im Volksboten unter der Losung Klar zum Gefecht!:

"Der Feind steht rechts!"

Er fordert die Kommunisten auf, sich nicht zum Gaudium der Gegenrevolution im Bruderkampf zu verzetteln. Denn am 6. November fällt die Entscheidung:

Für Demokratie o d e r  Monarchie.

Für die Sozialpolitik, den sozial- und lohnpolitischen Wiederaufbau im Rahmen der Demokratie
o d e r
den sozialreaktionären Abbau der Unterstützungen und Gehälter.

Albert Bergholz appelliert, mit ihrem Stimmzettel entscheiden sie sich

für die Völkerverständigung und den Frieden
o d e r
für die Wiederaufrüstung und damit für den Krieg.

"Für jeden denkenden Menschen kann es in dieser schweren Entscheidungsschlacht nur eine Losung geben:

"Die Bahn frei zu machen für die sozialistische Planwirtschaft durch Eroberung der politischen Macht für das Arbeitervolk."

Am Abend schliessen die Wahllokale. Die reichsweite Auszählung der Stimmen ergibt für die KPD einen Anteil von 16,9 Prozent. Das bedeutet einen Zuwachs von 2,6 Prozent und brachte hundert  Mandate. Das sind elf Mandate mehr als bei den letzten Wahlen. Für sie stimmten vor allem die unzufriedenen Arbeiter. Im Herbst `32 kam es zu vielen Streiks. Einen Tag nach der November-Wahl endet der BVG-Streik.

15,6 Prozent der Wähler entscheiden sich für die SPD. Im Reich sank ihr Stimmenanteil von 21,6 Prozent im Juli `32 auf aktuell 20,4 Prozent.

Zusammen erhalten die Arbeiterparteien im Reich von 37,3 Prozent der Wahlbürger das Vertrauen ausgesprohen. Im Juli waren es 36,2 Prozent. In Naumburg verbessern sie ihr Ergebnis im gleichen Zeitraum von 28,7 auf 30,3 Prozent.

Hitler kommt sein koalitions-taktisch wirres politisches Spiel teuer zu stehen. Die NSDAP verliert im Vergleich zum Juli 4,5 Prozent der Stimmen, was etwa zwei Millionen Wähler oder 34 [35] Mandate entspricht. In Naumburg stimmten 32,8 Prozent der Wähler für die NSDAP. Das bedeutet gegenüber der Wahl am 31. Juli ein Minus von 13,1 Prozent.

Während die DNVP im Reich zwischen 5 bis 9 Prozent der Stimmen erhält, steigt ihr Anteil in der Stadt von 19,7 Prozent im Juli auf 31,1 Prozent im November `32 an. Der Volksbote (Zeitz) lokalisiert ihre Anhänger in feudalen Kreisen, womit die höfischen, aristokratischen und monarchistischen Wählerschichten gemeint sind. Mit Nachdruck artikuliert hier die streng nationale Familie ihren Machtanspruch.

 

32,8 Prozent der Wähler entschieden sich in Naumburg für die NSDAP. Gegenüber der Wahl am 31. Juli ergibt dies ein Minus von 13,1 Prozent. Nicht selten werden die Ergebnisse der November Wahl als Ausdruck einer tiefgreifenden und dauerhaften Schwächung der NSDAP interpretiert. Ihr Zenit ist überschritten und sie ist vom Weg zur Macht abgebracht, konnte man damals öfters so oder ganz ähnlich lesen. Manchen erschien die Wahl sogar als demokratischer Hoffnungsschimmer. "Der Stimmenrückgang der NSDAP galt als Indiz für die bevorstehende Auflösung dieser Partei." (Grebing 68) Diese Einschätzung stützt sich vorrangig auf die quantitative Auswertung von Wahlergebnissen und Bewegung von Parteistrukturen.

Vernachlässigt werden die qualitativen Entwicklungstendenzen der Gesellschaft.

Adolf Hitler kündigte bereits am 21. Juli 1932 in der Göttinger Rede die Auflösung der Parteien, also das Ende der Demokratie an. Die NSDAP im Streben nach staatlicher Alleinherrschaft, was vorhersehbar, nicht vor Terror und Gesetzlosigkeit zurückschrecken. Obwohl das alles öffentlich gut wahrnehmbar, ist kein Hauch von allgemeiner Empörung zu spüren. Beim Bürger nicht, beim Wahlkämpfer nicht.

Immer weniger Bürger vertrauen den bürgerlichen Parteien. Mit der Brüning-Politik sank das Vertrauen in die parlamentraische Demokratie. Die Krise des Parlamentarismus ist nicht überwunden. Ihre Popularität steigerten die NSDAP und DNVP nicht allein nur durch Wahlkampagnen und politisches Taktieren. Sie nutzten besonders geschickt die in der Bevölkerung weit vor 1933 entstandene antidemokratischen Gegenkultur.

Um 1930 führt die NSDAP-Propaganda den aggressiven Nationalismus mit der Rassenideologie zusammen. Sie nutzt hierfür den in der Bevölkerung vorhandenen Hang zur Rassenideologie für sich aus. Analog dasselbe trifft auf die in allen Schichten des Volkes verbreitete und grassierende Sehnsucht nach dem Führer zu. Es gelingt der NSDAP ihre Massenbasis auszuweiten. Sie entpuppt sich als sogenannte Volkspartei. Es wächst die Gefahr der Bildung eines nationalsozialistisch-deutschnationalen Machtblocks.

Im Bereich der Sozialpolitik, im Krankenhauswesen, der Altenpflege und Psychiatrie bestehen Tendenzen zum Sozialdarwinismus. Carl von Ossietzky fiel (am 3.1.1928) auf, dass es nicht gegen die Gesetze der Wohlanständigkeit verstiess, die Anlage von Volkssportplätzen oder die Errichtung von Tuberkuloseheilstätten als Luxus zu bezeichnen.

In der Kultur- und Kunstpolitik führt die völkisch-nationalistisch-deutschnationale Rechte einen harten Abwehrkampf gegen die Moderne.

Weite Bevölkerungskreise sind von einem militanten Nationalismus infiziert. Die vaterländischen Verbände schüren weiter den Hass auf den Westen. Mit ihrem Versprechen einer revisionistischen Politik, treiben sie den nationalsozialistisch-deutschnationalen Machtblock Wählerstimmen zu.

Die Deutschen Kolonialgesellschaft, Abteilung Naumburg, mit ihrem Vorsitzenden Korvettenkapitän a. D. Gutjahr feiert im Oktober 1932 ihr 50-jähriges Bestehen. Ihnen zugehörig oder doch zumindest nahestehend fühlten sich der Frauenbund mit der Vorsitzenden Frau Kapitän Hartog, sowie die Jugendgruppen "Hedwig von Wissmann" und "Rochus Schmidt". Gemeinsam fordern sie Deutschlands Kolonien zurück.

Trotz gewisser Zeichen der wirtschaftlichen Erholung, schreitet die Verelendung breiter Volksmassen fort. Betrachtet man den Verlauf und Inhalt der Stadtverordnetenversammlung vom 26. Juni, 28. August und 22. September 1932, gewinnt man erste Vorstellungen vom Ausmass der Wirtschaftskrise und ihren Folgen. Für 5 267 Personen muss per 1. März 1932 die Stadtverwaltung finanzielle Mittel zum Lebensunterhalt aufbringen. 40 Prozent der Bevölkerung der Stadt Naumburg bedürfen dringend öffentlicher Mittel zum Lebensunterhalt.

 

Arbeitslosengeld- und Unterstützungsempfänger
in Naumburg 1931 und 1932
     
 
1931
1. März 1932
     

Arbeitslosenunterstützungsempfänger

2 367
972

Krisenunterstützungsempfänger

1 260
835

Wohlfahrtserwerbslose

2 436
3 548

Sonstige Unterstützungsempfänger

504
745

Kleinrentner

434
384

Sozialrentner

834
690

Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene

5334
5 216
 
13 169
12 390


Quelle: Sprechende Zahlen
, 1932

 

Den nationalistischen, völkischen und alldeutschen Kräften gelang es, analysiert 1931 (7) Bernhard Düwel in Einheit der Aktion und Parteidisziplin, die Schuld an der tiefen Wirtschaftskrise auf die ausländischen Tributaussauger abzuwälzen. Brüllend bäumt sich der Löwe auf dem Denkmalsockel für die Gefallenen des Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) gegen Westen auf. In dieselbe Richtung trompetet am 11. Mai 1928 bei einer Wahlversammlung die Deutschnationale Volkspartei in Naumburg: "…. das Unglück kommt von unseren Feinden". Innerhalb dieses politischen Weltbildes konnte die Unzufriedenheit der Angestellten, Beamten, der vom Monopolkapitalismus in das Proletariat niedergedrückten Volksschichten, schlussfolgert Bernhard Düwell (*1891), gegen die ausländischen Tributzahlungen, Erfüllungspolitik und Demokratie, und damit zugleich gegen die Sozialdemokratie gelenkt werden. Verharrt man jedoch bei dieser Erklärung des Wahlverhaltens, dann besteht die Gefahr in Ökonomismus zu verfallen.

Die Demonstranten vom 6. Juli 1932, die Verteidiger des Spechsart-Konsums und Akteure "Klar zum Gefecht!" stemmen sich gegen den Nationalsozialismus und Faschismus. Albert Bergholz (SPD Unterbezirksleitung), Arthur Samter (KPD Naumburg), Wilhelm Schwenke (Reichsbanner Naumburg) und Otto Grunert (SPD Naumburg) versuchen, den "braunen Mordhorden" (Volksbote, Zeitz) den Weg zur Macht zu verlegen.

 

 

Bergholz, Albert: Klar zu Gefecht! "Volksbote. Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weissenfels, Naumburg." Zeitz, den 5. November 1932

Braun, Otto: Ich wähle Hindenburg. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 10. März 1932

[BRIV] Nicht Hindenburg-Ausschuss - Nicht Eiserne Front. "BRIV. Organ des Bundes revolutionärer Industrie-Verbände". 5. Jahrgang, Nummer 4, Berlin, den 15. Februar 1932

Das amtliche Gesamtergebnis. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 15. März 1932

Der Stahlhelm und die kommenden Wahlen. (Vollversammlung zur Neuwahl des Führers der Stahlhelm Ortsgruppe Naumburg am 6. Februar 1928.) "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 28. Februar 1928

[DNVP] Der Abschluß des Naumburger Wahlkampfes. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 6. Dezember 1924

[DNVP] Deutschnational - vorwärts oder rückwärts? "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. April 1928

[DNVP] Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Juli 1932

[DNVP/NSDAP] Nationalsozialisten und Deutschnationale. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Juli 1932

[DNVP] Deutschnationale Wahlversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. Juli 1932

[DNVP] Volksfeind Sozialismus. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 31. Oktober 1932

Düwell, Bernhard: Einheit der Aktion und Parteidisziplin. E. Laubsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1931

Falter, Jürgen, Thomas Lindenberger und Siegfried Schumann: Wahlen und Abstimmung in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten 1919-1933. Verlag C.H. Beck, München 1986

Fischer, Nadja. Die Geschichte der sozialdemokratischen Parteipresse im Gebiet des heutigen Sachses-Anhaltes. In: Beiträge zur Geschichte der Sozialdemokratie in Sachsen-Anhalt. Herausgeber: SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, Historische Kommission: SPD-Geschichte in Sachsen-Anhalt. Heft 6, 2004, Seite 71ff.

Grebing, Helga: Gewerkschaftliches Verhalten in der politischen Krise der Jahre 1930-1933. 43. Jahrgang. Berlin 1933. In: Gewerkschafts-Zeitung. Organ des allgemeinen Gewerkschaftsbundes. Jahrgänge 1929-1933. Mit einem Anhang. Gewerkschaften in der Krise von Helga Gierbing, Michael Schneider und Klaus Schönhoven. Reprints der Sozialgeschichte bei J.H.W. Dietz, Nachfolger, Herausgeber Dieter Dowe

Grundsätze der Deutschnationalen Volkspartei [Wahlen zum Preußischen Landtag am 28. April 1928]. In: Handbuch für den Preußischen Landtag 1928. Ausgabe für die 3. Wahlperiode (von 1928 ab). Herausgegeben vom Büro des Preußischen Landtages. Berlin, Juli 1928. R. v. Decker`s Verlag, Berlin 1928, Seite 180 bis 191

Grzesinski, Albert, Brief an Otto Wels (Berlin). In: Erich Matthias: Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Das Ende der Parteien 1933. Veröffentlichung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Herausgegeben von Erich Matthias und Rudolf Morsey, Droste Verlag, Düsseldorf, Seite 226

Herlemann, Beatrix: Die Republikschutzorganisation "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", 1924 gegründet in Magdeburg. In: Beiträge zur Geschichte der Sozialdemokratie in Sachsen-Anhalt. Herausgeber: SPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, Historische Kommission: SPD-Geschichte in Sachsen-Anhalt: Vielfältig und einzigartig. 2004, Heft 2, Seite 11 ff.

Hofmann, Robert: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart. Piper Verlag, München Zürich 1993

Hoegner, Wilhelm: Flucht vor Hitler. Erinnerung an die Kapitulation der ersten deutschen Republik 1933. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1977

[Königin Luise-Bund] Der Ruf an den Bund Königin Luise. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 30. Juli 1932

Marxisten-Wahlerfolg in Kappstadt. Der Erfolg verzweifelter Schwindeleien! "Volksbote. Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weissenfels, Naumburg". Zeitz, den 3. August 1932

Müller, Hermann: Zur Reichstagswahl am 20.5.1928. Tondokumente aus der Zeit der Weimarer Republik

[NSDAP-KL] Adolf-Hitler-Werbung der NSDAP-Kreisleitung Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 12. März 1933

Nun drauf, schlagt die Faschisten! "Volksstimme. Tageszeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Regierungsbezirk Magdeburg". Sonnabend/Sonntag, Magdeburg, den 27./28. Februar 1932

Ossietzky, Carl von: Hindenburg sein Ruhm. Die Weltbühne. Berlin, 27. September 1927. In: Carl von Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1970, Seite 110 bis 114

Ossietzky, Carl von: Marinierte Millionen. Die Weltbühne. XXIV. Jahrgang, Nummer 1, Berlin, den 3. Januar 1928, Seite 1 bis 4

Ossietzky, Carl von: Wahlkampf: der Hindenburg-Block. Die Weltbühne. XXVI. Jahrgang, Nummer 34, Berlin, 19. August 1930, Seite 255 bis 260

Ossietzky, Carl von: Zum Leipziger Parteitag. Die Weltbühne. Berlin, den 2. Juni 1931. In: Carl von Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1970, Seite 222 bis 225

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Ossietzky, Carl von: Antisemiten. Die Weltbühne. Berlin, 19. Juli 1932. In: Carl von Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1970, Seite 292 bis 306

Papen, Franz von Regierungserklärung vom 4. Juni 1932. In: Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik” online. http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/0000/vpa/vpa1p/kap1_2/para2_7.html, 2009

[Papen, Rede] Deutschland verlangt wieder Platz an der Sonne. Reichskanzler von Papen über die Absichten seiner Regierung. Weg mit der Kriegsschuldlüge! Deutschland braucht Kolonien. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 29. Juli 1932

Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes. Proklamation des ZK der KPD vom 24. August 1930. In: Thälmann, Ernst: Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 2. Auswahl aus den Jahren November 1928 bis September 1930, Dietz Verlag, Berlin 1956, Seite 530ff.

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Dr. Schöbel [, Wolfgang]: Mitgliederversammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 10. Juli 1931. "Naumburger Tageblatt", Naumburg 14. Juli 1931

[Schöbel/Everling] Aus der Parteibewegung. Öffentliche Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 14. April 1932. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. April 1923

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Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot. Mitteldeutsche Wahlzeitung, Nummer 1, 22. November 1924, Seite 3

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[SPD] Susanne Miller / Heinrich Potthoff: Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentation. Verlag Neue Gesellschaft GmbH, Bonn 1983

Thälmann, Ernst: Wir stürmen für Sowjetdeutschland! Rede in Hamburg am 8. August 1930. Hamburger Volkszeitung, 13. und 14. August 1930. In: Ernst Thälmann: Reden und Aufsätze zur Geschchte der Arbeiterbewegung. Band 2. Auswahl aus den Jahren 1929 bis September 1930. Dietz Verlag, Berlin 1956, Seite 251 ff.

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Uebelhoer, Friedrich auf einer Wahlversammlung der Nationalsozialistischen Freiheitspartei am 13. November 1925. "Naumburger Tageblatt", 14. November 1925

[Uebelhoer, Presseerklärung] Nationalsozialisten und Deutschnationale. Unsere Antwort an die DNVP. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Juli 1932

Verhindert den Bürgerkrieg. "Volksbote. Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg". Zeitz, 5. November 1932

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[Wahlen] Wer für Thälmann stimmt wählt Hitler!. "Lübecker Volksbote. Tageszeitung für das arbeitende Volk". Lübeck, den 3. März 1932

[Wahlversammlung] Die 2. deutschnationale Wahlversammlung. Lehrer und Arbeiter als Redner: "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 16. Mai 1928

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Winkler, Heinrich August: Von Weimar zu Hitler. Die Arbeiterbewegung und das Scheitern der ersten deutschen Demokratie. Antrittsvorlesung. Humboldt-Universität zu Berlin, Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften, Institut für Geschichtswissenschaften, 28. April 1992

 

 

Bilder

Plakat Der Arbeiter im Reich des Hakenkreuzes! - Darum wählt Liste 1 Sozialdemokraten! Reichstagswahl 31. Juli 1932. Künstler: Karl Geiss. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat Gegen Hitler, Papen, Thälmann. Liste 2 Sozialdemokraten zur Reichstagswahl am 6. November 1932. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat Sozialdemokraten! Liste 2. Reichstagswahl 6. November 1932. Künstler: Otto Baumberger. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

 

Autor: Detlef Belau


Geschrieben:
7. Juni 2010