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Ruhrkrise
und die Wahlen 1924/25

 

Ende Oktober 1922 müssen die meisten Bürger der Stadt die öffentliche Brotversorgung in Anspruch nehmen. Die Marken dafür teilt ein Büro in der Reichskrone aus. Ausgenommen sind Alleinstehende und Haushaltsvorstände mit einem steuerlichen Jahreseinkommen (1921) von über 30 000 Mark. Bei letzterer Gruppe werden für jede im Haushalt zu verpflegende Person zuzüglich 15 000 Mark berücksichtigt.

Teilansicht vom Marktplatz in Naumburg. Links das Rathaus. Um 1933

Postkarte. Fotograf und Hersteller unbekannt.

Der nunmehr fast beendete Um- und Ausbau des Rathauses wird immer teurer. Es stellte sich heraus, dass die geplanten 800 000 Mark für die Instandsetzung der Innenräume nicht ausreichen. `Verschwendungssucht`, raunen sich die Bürger zu. Am 7. Juli 1922 liegt den Stadtverordneten ein Antrag auf einen weiteren Zuschuss in Höhe von 80 000 Mark vor. Der Bau- und Finanzausschuss empfiehlt, was er schon öfter tat, die Nachbewilligung. Damit summieren sich die Nachbewilligungen auf 600 000 Mark. Ursprünglich sollte der äussere Putz und die Reparatur des Daches 200 000 Mark kosten. Tatsächlich wurden es dann 500 000 Mark. Man hat den Eindruck, äussern einige Stadtverordnete, als ob die Stadt in Geld schwimmt. Die Stadtverwaltung gibt zuviel Geld aus, schimpft man in Arbeiterkreisen. (Vgl. StaVerSit)

In Anbetracht ihrer Notlage erhalten ab 1. Juli 1922 von der Stadtverwaltung Naumburg 218 Alters- und Invaliden-, 7 Witwen- und 27 Waisenrentner eine Renterhöhung. Die Massnahmen gewährleisten weiter, dass das Jahreseinkommen von Notstandsrentnern nicht unter 4000 Mark und das von Witwenrentner nicht unter 2700 Mark sinkt. Bei den Waisenrentnern wird die Untergrenze auf 1500 Mark pro Jahr festgelegt. Bei denjenigen Rentenempfängern, die noch andere Einkommensquelle besitzen, bleibt es bei einem Jahreseinkommen von 3000 Mark. (StaVerSit)

Walter Hege [1, 2] zeigt im Januar 1923 auf Volksschulabenden mit Lichtbildern die Schönheiten des Naumburger Doms und nennt seine Vorträge Beseelte Steine. Zusammen mit dem Pädagogen und Sozialdemokraten Alfred Reichwein (1898-1944) organisiert er im Sommer 1924 die Naumburgwoche, um die mittelalterliche Baukunst den interessierten Bürgern näherzubringen. Umsonst, es gehen zu wenige Anmeldungen ein.

Wenzelsstrasse, Naumburg,
um 1925

Postkarte. Fotograf und Hersteller unbekannt.

Ein schwerer Hagel sucht am 5. Mai 1923 die Region heim. Im August wird unter idealen Wetterbedingungen die Ernte eingebracht. Am 21. August rollt das Radrennen Rund um Naumburg.

Gegenüber den drei Kasernen in Weissenfelserstrasse 57 befinden sich die Gebäude des ehemaligen Artillerie-Depots. Anfang Mai 1924 erwerben die Autowerke Peter und Moritz die etwa 100 Meter langen und 18 Meter breiten Wagenhäuser.

In Naumburg, Burg, Erfurt, Eisenach, Mühlhausen, Stendal und Schleusingen treten die Bauarbeiter in den Streik. Am 17. April 1924 wird er beendet. Als Stundenlohn vereinbarte man bei Verhandlungen in Halle für die Provinz Sachsen und Anhalt 60 Pfennig.

Reichskrone, Naumburg,
um 1935

Postkarte. Fotograf und Hersteller unbekannt.

Die Reichskrone ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, was einer kleinen Mitteilung, die zugleich etwas über die politische Stimmung in der Stadt verrät, zu entnehmen ist:

"Herr [Kaufmann Friedrich] Hagemann - Decksoffizier a. D.- verhandelt wegen Verkaufs der Schaubühne mit Ausländern.
(Tzschecho-Slowaken!)"

Ab 9. Juli 1924 verkehrt erstmals neunmal am Tag der Omnibus auf der Personen-Kraftwagen-Verkehrs-Linie Naumburg - Bad Kösen - Saaleck. Die Fahrzeit beträgt vierzig Minuten.

In diesem Jahr zählt man in der Stadt Naumburg 29.375 Einwohner. Bis 1933 wird die Stadtbevölkerung noch um 7 Prozent anwachsen.

 

 

Ruhrkrise

Ab Mitte Januar 1923 steht das politische Naumburg im Zeichen der Ruhrkrise. Französische und belgische Truppen besetzen am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet. Die Franzosen sichern sich damit 72 Prozent der Steinkohleförderung, 54 Prozent der Roheisenherstellung und 53 Prozent der Rohstahlproduktion ihrer deutschen Konkurrenten. Die Kohlezechendirektoren, darunter Fritz Thyssen und Generaldirektor Tengelmann, werden von ihnen gefangen genommen und vor ein Kriegsgericht gestellt.

Den politischen Hintergrund für die Ruhrbesetzung bildet das Scheitern der Verhandlungen über den Aufbau eines lothringisch-rheinisch-westfälischen Montantrusts. Mehr Anlass als Ursache waren hingegen die Rückstände der Cuno-Regierung bei der Zahlung der Reparationsleistungen mit 2 Millionen Tonnen Kohle und Koks, 130 000 Telegrafenstangen und 20 000 Raummeter Holz.

"Französische Eisenbahner im Ruhrgebiet.
(Zeichnung von E[duard]  Thöny [1866-1950]"
"Ein Glück, dass wir zum Zerstören hier sind, und nicht zum Organisieren!" Aus: Simplicissimus. 27. Jahrgang, Nummer 47, München, den 19. Februar 1923, Seite 656

Gegen die Besetzung kommt es zu scharfen öffentlichen Protesten.

Aus einigen Städten der Sowjetunion hört man von Solidaritätskundgebungen. Das Zentralrussische Exekutivkomitee protestiert gegen die „Vergewaltigung der Selbstbestimmung des deutschen Volkes“. Das Rheingebiet erhält Getreide und Geldspenden.

Die deutsche Regierung fordert zum passiven Widerstand gegenüber den Besatzern auf. Reichswehr und andere organisierte Gruppen führen mit Sprengstoffanschlägen einen begrenzten Krieg gegen die Besatzer. Es kommt zu Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. In Essen schiessen die Franzosen am 13. April 1923 mit Maschinengewehren auf die Arbeiter. 48 Todesopfer sind zu beklagen.

 

Reaktionen in Naumburg

Ein

"Rechtsbruch des Westens"

sei die Ruhrbesetzung, formuliert am 13. Januar 1923 Vorsteher Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) den mehrheitsfähigen Standpunkt der Stadtverordnetensitzung. Das Naumburger Tageblatt veröffentlicht die Solidaritätsspenden der Bevölkerung. Auf dem Markt findet

am 18. Januar 1923

unter dem Motto:

„Keiner, der sein Vaterland lieb hat
und abkommen kann, darf fehlen!“

eine Protestkundgebung statt.

Die Ruhrkrise greift tief in den Alltag der Bürger ein. Aufgrund der „Gewaltmaßnahmen der Gegner“ wird ein Verbot aller „Tanzlustbarkeiten“ erlassen. Übertretungen ahndet das Polizeistrafgesetzbuch. 11 Uhr abends beginnt die Polizeistunde.

Das Naumburger Gewerkschaftskartell lädt für den

18. Januar 1923
zur Volksversammlung in den Ratskeller ein.

In der Diskussion fordert Kaufmann Friedrich Hagemann (Jägerplatz 69) vom Bürger-Wirtschaftsblock die Arbeiterschaft auf, einen nationalen Standpunkt einzunehmen. Und ein Justizsekretär setzt noch drauf: "Stinnes ist ein Mann von deutscher Art." Dies, stellt sich bald heraus, teilt die Mehrheit der Arbeiter nicht, weshalb unter dem Aufruf die Unterschrift von SPD, KPD und dem örtlichen Gewerkschaftskartell fehlt. Sie begreifen den Konflikt als Ausdruck der Konkurrenz zwischen der deutschen und französischen Großindustrie. Für sie bedeutet die Ruhrkrise zunehmende Kriegsgefahr.

"Wie der letzte Krieg verloren wurde, so könne auch ein neuer nichts Gutes bringen."

So war ihre Meinung!

Zum Ende der Versammlung trägt Walter Fieker (KPD) noch eine Entschließung vor. Sie verurteilt die Gewaltbereitschaft der Franzosen und überbringt den Kommunisten in Frankreich die besten Kampfesgrüsse. Wie kaum anders zu erwarten, lehnen das die meisten Teilnehmer ab.

 

 

Protest gegen die Revisionspolitik
und die zwei Nationalstandpunkte

Über die Volksversammlung vom 18. Januar 1923 im Ratskeller äussert drei Tage später das Naumburger Tageblatt: Kein Nationalstandpunkt, wohl aber Propaganda für die Kommunistische Partei. Ganz so war es nicht. Wie sich herausstellte, gab es offenbar zwei Nationalstandpunkte. Der eine lautet: Wir Deutschen stehen allein in der Welt. Wir sind umzingelt. Uns lauert der Fanzose auf. Fremde Mächte legen die Hand an die Gurgel des deutschen Volkes. Der andere, den eine nicht unerhebliche Zahl der Bürger bekundet heisst: Lasst uns miteinander im Frieden leben. Bauen wir die Feindseligkeiten gegenüber Frankreich ab. Freilich war das mit der Revisionspolitik unvereinbar.

Deutlich traten bei dieser Versammlung die politischen Gegensätze in der Stadtgesellschaft hervor. Erfreulich war, dass auf dieser Volksversammlung Bürger aus allen sozialen Schichten und Klassen der Stadtgesellschaft in einen Dialog traten. Eine politische Kultur, die sich bald verflüchtigt.

 

Wir Deutschen stehen jetzt in der Welt allein.

Die kleine politische Initiative der Linken kontert die Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) mit einer Einladung an den Reichstagsabgeordneten Professor Martin Spahn (1875-1945). Er unterzeichnete am 4. Oktober 1914 den Aufruf An die Kulturwelt, der jede Kriegsschuld Deutschlands leugnete und wieder aller Tatsachen behauptete: "Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben." 1921 wechselte er von der Zentrumspartei zur Deutschnationalen Partei. Oberlandesgerichtsrat Doktor Fritze eröffnet

am 22. Januar 1923

die Versammlung im Ratskellersaal. Der "Vorkämpfer des nationalen Gedankens" erhält das Wort. Ihm ist, als ob die Zeit, spricht der Professor für Geschichte an der Universität Köln (1920-1940), des Erfüllens und Zurückweichens vorbei ist. Die alte Feindschaft zu Frankreich lebt wieder auf. Denn:

"Wir müssen darauf gefasst sein, dass der Franzose noch weiter und tiefer ins Land einfallen wird, wir müssen darauf gefasst sein, dass er seine Truppen vorwärts führen wird, auch von der Ostseite her, wo der Pole und Tscheche schon auf der Lauer liegt."

Und die Internationalen sowieso. Da bricht sie wieder auf, die

gefahrvolle  M i t t e l l a g e  Deutschlands

in Europa. Eine geo-ideologische Konstruktion, die immer gut für die Bildung eines Angst- und Bedrohungsgefühl. Geschickt formatiert es der Referent zu einem neuen historischen Optimismus, aus dem das Bewusstsein von neuen Siegen und Heldentaten aufsteigt. Was für eine vortreffliche politisch-moralische Zuarbeit für die Revisionspolitik! Von diesen Ambitionen getrieben, betreibt Martin Spahn dann Weltpolitik, erörtert das Wiedererstarken der Türkei, den bolschewistischen Umbruch (1917), die europäischen Interessen Frankreichs, die Erschliessung des deutschen Absatzmarktes durch die Amerikaner, um dann den politischen Lehrsatz zu formulieren:

"Wir Deutschen stehen jetzt in der Welt allein."

Was hilft da noch? Ein Wille, ein "neuer Hauch von Kampfwissen, der uns mächtig macht und Widerstand gibt". Und deshalb, schliesst der Referent, stehen wir hinter der Regierung Cuno.

 

Aufruf zur Ruhrhilfe

Am 23. Januar 1923 protestiert Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) aus Anlass der Eröffnung der Stadtverordnetensitzung

„gegen den schweren Rechtsbruch
der Feinde im Westen“.

In der Presse erscheint am Tag darauf der

Aufruf an alle Bewohner Naumburg Stadt
und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe!

Darin heisst es: "Der kriegerische Einbruch französischer und belgischer Truppen in das friedliche, ungeschützte deutsche Arbeitszentrum trifft unser ganzes Volk. Gegenwehr erfordert Opfer von jedermann. Rücksichtslose Requisitionen steigern, die Knappschaft der Lebensmittel zu bitterster Not. .... Nur wirklich reichlich Gaben können wirksam helfen." - Die Erklärung unterzeichneten der Allgemeine Arbeitergeberverband (Siebold), Richterbund Naumburg (Kosok), Naumburger Anwaltsverein, Naumburger Ärzteverein (Grüneisen), Verein der Oberlandesgerichtsanwälte, Gewerkschaftsbund der Angestellten (Wirth), Naumburger Beamtenbund (Meyerhoff, Ortskartell), Arbeitgeberverband der Kammindustrie (Müller), Land- und fortwirtschaftlicher Arbeitgeberverband Naumburg-Camburg (Tippe), Landrat (von Deines) und Oberbürgermeister (Dietrich).

In der Stadtverordnetensitzung am

6. März 1923

dominieren zwei Themen: Die Arbeitslosenfrage und die Ruhr-Hilfe. Ausserdem wird Friedrich Blüthgen (Lützowstraße 17) als Ersatz für Ernst Heinrich Bethge in die SPD-Fraktion eingeführt.

Die Stadt will sich laut einer Vorlage an der Ruhrhilfe mit einer Million Reichsmark beteiligen. Ein Stadtverordneter sieht darin eine Möglichkeit, etwas gegen die Erwerbslosigkeit zu tun. Denn wenn das dort schiefgehe, wächst die Beschäftigungslosigkeit in ganz Deutschland.

Steinweg (2006)

Otto Grunert (Steinweg 14) von der SPD wendet sich gegen die chauvinistische Art und Weise wie die Rechtsparteien die Ruhrhilfe betreiben. Er unterstützt zwar die Vorlage, hält jedoch dagegen:

„… die Arbeiter wollten nicht für den deutschen Kapitalisten die Kastanien aus dem Feuer holen.“

Seine Parteifreunde schließen sich diesem Standpunkt an.

Damit übertrat der SPD-Ortsverband wiedermal die vom Berliner Parteivorstand gezogene Kompromisslinie, die zwischen der Anerkennung der Ruhrpolitik des Herrn Cuno und der offenen, konsequenten Kampfansage schwankte.

Stadtverordneter Bley meint hingegen, dass die eine Million vor Ort bleiben müsse. Dieses Geld muß für die Arbeitslosen in Naumburg eingesetzt werden, fordert der KPD-Abgeordnete.

Während der Ruhrkrise erstarkt und verfestigt sich in Naumburg der militante Nationalismus. "In der [Wahlver-] Versammlung der Nationalsozialisten", heisst es in einem öffentlichen Bericht vom 2. Dezember 1924, "ist wohl jeder gepackt worden von dem Sehnen nach nationaler Einheit und Freiheit."

 

Politische Krise

"Deutsche und französische Besetzung
(Zeichnungen von Wilhelm Schulz [1865-1952])"
"(1923). General Laignelot in Recklinghausen: "Die Bevölkerung ist uns vollständig gleichgültig. Wenn sie sich nicht meinen Willen beugt, dann werde ich zu immer schärferen Massregeln greifen, bis sie mir aus der Hand frisst."" Aus: Simplicissimus. 27. Jahrgang, Nummer 49, München, den 5. März 1923, Seite 885

Wilhelm Cuno (1876-1933) war am 14. November 1922 ohne vorherige Wahl durch den Reichspräsidenten der Republik zum Reichskanzler ernannt worden. Ihm steht die SPD reservierter gegenüber als dem einstigen Koalitionspartner Joseph Wirth (Zentrum). Die Ruhrkrise zerrüttet endgültig die Währung. Es beginnt die Zeit der Hyperinflation oder der galoppierenden Inflation. Streiks greifen um sich. Am 12. August 1923 tritt der ehemalige HAPAG-Direktor als Reichskanzler zurück. Tags darauf führt Gustav Stresemann (1879-1929) die Regierung. Bei den nächsten Wahlen macht die DVP Reklame, sie hat Ordnung nach Sachsen und Thüringen gebracht, den Beginn für die Freiheit an Ruhr und Rhein gelegt. Zunächst setzt die Koalition von DVP, SPD, Zentrum und DDP den Kurs des Widerstandes gegen die Franzosen fort, bis alle grosse Parteien, ausser der DNVP, am 24. September 1923 den Vorschlag über die Beendigung des passiven Widerstands im Rheinland zustimmen.

Mit Einführung der Rentenmark am 15. November
1923 gelingt der Reichsregierung die Stabilisierung der Währung.

Am 3. Oktober tritt die Regierung zurück. Reichspräsident Friedrich Ebert betraut Stresemann erneut mit der Regierungsbildung. Am 23. November 1923 verliert er im Reichstag die Abstimmung über die Vertrauensfrage, welche die SPD aufgrund des unterschiedlichen Verhaltens der Reichsregierung gegenüber Bayern und Sachsen beantragt hatte.

 

Auf dem Hintergrund der sozialen und ökonomischen Lage, kann man darin ein Zeichen für die tief gestörte Beziehung zwischen Bürgern und Parteien sehen.

 

 

 

Überblick

Kabinett Stresemann I, 13. August 1923 bis 3. Oktober 1923: SPD, Zentrum, DVP, DDP, parteilos.

Kabinett Stresemann II, 6. Oktober 1923 bis 23. November 1923: Zentrum, SPD, DDP, DVP, parteilos.

Kabinett Marx I, 30. November 1923 bis 26. Mai 1924: Zentrum, DDP, DVP, BVP, parteilos.

Kabinett Marx II, 3. Juni 1924 bis 15. Dezember 1924: Zentrum, DVP, DDP, parteilos.

Kabinett Luther I, 15. Januar 1925 bis 5. Dezember 1925: DNVP, Zentrum, DVP, DDP, BVP, parteilos.

 

 

 

 

Die Wahlen zum Reichstag
und der Preußischen Gemeinderäte
am 4. Mai 1924

Den Kampf am 4. Mai 1924 um die Abgeordnetenmandaten des Reichstages charakterisierte Hugo Heimann (1859-1950) als durch die Aufwertungsfrage bestimmt. Durchaus verständlich, denn im Jahr zuvor entwertete die Hyperinflation die Sparguthaben und Geldanlagen. Gläubiger fielen oft in Armut und verfluchten das Unrecht, das ihnen widerfahren. Hingegen erfreuten sich die Schuldner und Sachwertbesitzer nicht selten eines kolossalen Vermögenszuwachses. Viele der Geschädigten hofften auf eine Korrektur, weshalb allein die Losung "volle Aufwertung" die Emotionen hochschwappen liess. Es begann, was Gustav Winter den Schlusskampf mit der Reichsbank nennt.

Landgerichtsrat Lohmeyer eröffnete am Mittwoch, den 23. April 1924, um 20 Uhr, im Ratskeller die Versammlung der Deutschen Volkspartei (DVP). Sie war nicht gut besucht. Als Redner ist Landtagsabgeordneter Doktor Friedrich August Pinkerneil bestellt, der sich, wie kann es anders sein, auf die Zustände an Rhein und Ruhr sowie den Versailler Vertrag kapriziert. Die Schlüsselfrage hieß für ihn: "Wie kriegen wir aber Rhein und Ruhr frei?". "Der Wille am Festhalten am deutschen Vaterlande ist heute stärker denn je." Dies ist eine manipulative Darstellung der öffentlichen Meinung, die kaschiert, dass sie sich in

zwei Nationalstandpunkte

teilt. Den Referenten bekümmert die Rentenmark, die das deutsche Volk groß gehungert. "Die Rentenmark war ein grosser Schachzug gegen Frankreich." "Vorerst gilt es für das deutsche Volk, sich im Inneren fest zusammenzuschliessen bevor es weitergehen kann. Marxismus und Klassenkampf müssen wir überwinden."

 

Vier Tage vor der Reichstagswahl um 8 Uhr abends bringt DNVP-Ortsvorsitzender Oberlandesgerichtsrat Doktor Fritze im Ratskeller von Naumburg das deutschnationale Propaganda-Grossgeschütz

Theodor Duesterberg

in Stellung. Am 11. Mai 1924 wird er auf dem Deutschen Tag die Einweihungsrede am Moltke-Denkmal in Halle halten. Danach legt er die Funktion als Geschäftsführer der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) von Halle-Merseburg nieder und übernimmt die Aufgaben als Führer vom Stahlhelm Landesverband Mitteldeutschland und Vorsitzender der Vereinigten Vaterländischen Verbände des Bezirkes Halle a. d. S.. In Naumburg kürt er heute den Kampf gegen die Unterjochung und Fremdbestimmung zur wichtigsten Frage der Mai-Wahlen. Das ist nur möglich, betonte der Oberstleutnant ausser Dienst,

wenn wir uns die Wehrhaftmachung
unseres Volkes nicht nehmen
lassen.

Was für ein famoses Vorgehen! Nicht der wirtschaftliche Ruin von Millionen Bürgern und soziale Verfall grosser Bereiche der Gesellschaft infolge Hyperinflation und Geldpolitik bereitete Sorgen, sondern die Pflege alter Feindschaften. Dazu kredenzte Duesterberg dem herzenden Publikum eine weitere Torheit aus dem deutschnationalen Geschichtsbuch: "Das Staatssystem muss zu einem jeden Volke passen, für uns passt das parlamentarische System nicht." Na dann, so der ihm zugeneigte Bürger, sollten wir jetzt die Politiker wählen, von denen wir am ehesten die Demontage der Demokratie erwarten können.

 

In die gleiche Kerbe schlägt, angeführt von

Lokomotivführer Richard Gläsel (Wiesenstraße 3),

der Völkisch-soziale Block (VSB). Er wirbt mit Sprüchen wie:

"Das ist die Mission unserer Bewegung:

Hakenkreuz oder Sowjetstern!

Internationale Weltdespotie oder das Heilige Reich deutscher Nation!
Ein Deutschland muss geschmiedet werden von denen, die weder
Bürger noch Proletarier sein wollen, sondern nur Deutsche!
Wir sind die Bewegung, die noch jugendfrisch ist, die in ihrem
Glauben nur eines kennt:

Deutschland den Deutschen!

Wir lehren euch nicht vornehme, bürgerlich, gedämpft, nicht national
zu sein mit Mäßigkeit,

sondern deutsch zu sein mit heiss verzehrender Glut!

An alle Volksgenossen ergeht unser Ruf!
Werktätiges Volk am Pfluge und am Amboss, Offiziere und
Soldaten der alten stolzen Armee, Beamte, ihr berufene Diener des
Staates und ihr alle, die ihr Schaffende und nicht Raffende seid, hört
unsere Mahnung,

reicht Euch die Hände."

 

Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) antwortet.

"Die Völkischen verlangen einen neuen Krieg."

Gerichtet an den Bürger, fragt sie weiter:

"Wie werden wir ein einig Volk?

Nicht durch eine zügellose Hetze gegen politisch Andersdenkende.

Nicht dadurch, dass wir fortwährend zwei Drittel des eigenen Volkes als nicht national beschimpfen.

Nicht dadurch, dass wir die Jugend erziehen zur Rohheit und Maulheldentum und sie vorzeitig in den politischen Kampf hineinziehen.

Nicht dadurch, dass wir über mangelnde Staatsautorität jammern und gleichzeitig auf Schritt und Tritt die Vertreter des Staates lächerlich machen.

Nicht dadurch, dass wir in einer Notzeit den Kampf gegen die Republik entbrennen lassen und von der Wiedergutmachung des alten Kaiserreichs schwärmen."

Am 4. Mai plädieren durch Stimmabgabe 549 Naumburger für diesen Weg. Für den Völkisch-sozialen Block votierten hingegen 4.328 Bürger.

 

Zum 27. März lädt der VSB (Völkisch-soziale Block) zur Versammlung ins Schützenhaus ein und verkündet: Wir wollen nicht länger dem ausländischen Kapital dienen. Deshalb soll ihm der mühelose Zugang zum Ertrag deutscher Arbeit abgeschnitten werden.

Was der Völkisch-soziale Block begonnen, führt

Georg Schiele

von der Deutschnationalen Partei fort. Er kündigte am 28. April 1924 im Schützenhaus von Naumburg

"Das Ende der Erfüllungspolitik"

an. In einem zweistündigen Vortrag stellte er, "mit grösster Objektivität und Sachlichkeit", Zitat Naumburger Tageblatt, die Reparationsfrage dar. Die Ausführungen, die grossen Anklang fanden, gliederten sich in die Abschnitte:

Wirtschaft = Durch Opfer zur Freiheit
Innenpolitik = Ihr habt ja keine Macht
Aussenpolitik = Ihr habt ja keine Waffen.

 

Obwohl diese Reichstagswahl allgemein oft als "Inflationswahl" bezeichnet, mieden eigentümlicherweise die Wahlkämpfer der Parteien in Naumburg das Thema Hyperinflation, Aufwertung und Geldpolitik allzugern. Warum? Gekonnte Ausweichmanöver? Der Hang zur Bequemlichkeit bei arrivierten Politikern?

Im Rückblick entsteht der Eindruck, dass die Annahme der Sachverständigenvorschläge durch die Reparationskommission am 17. April 1924 in Paris, die tags darauf der Vorwärts (SPD) als

"vielleicht das größte politische Ereignis
seit dem Friedensschluss"

kommentierte, den Parteien nicht ungelegen kam. Denn die finanziellen, sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Folgen der Hyperinflation waren längst nicht austherapiert. Millionen litten unter schweren sozialen Blessuren, die ihnen die Geldentwertung und -politik zugefügt hatte. So konnte eine "öffentliche Debatte" über die Sachverständigenvorschläge gut von den materiell-finanziellen Sorgen der Brüger ablenken. Natürlich ist die Haltung der Parteien zum Beschluss der Reparationskommission vom 17. April 1924 unterschiedlich. SPD und bürgerliche Mittelparteien wollen in kürzester Frist die Gesetze und Verordnungen herausbringen, um den neuen Mechanismus der Reparationszahlungen in Gang zu setzen. Hingegen wüteten Völkische, Kommunisten und Deutschnationale gegen Aussenminister Stresemann und das Kabinett Marx I (30. November 1923 bis 26. Mai 1924).

Wenn aufgrund der Wahlergebnisse eine neue Regierung zustande kommt, die das von den Vorgängern gegebene Wort nicht hält, wird, prophezeit der oben zitierte Vorwärts (SPD), ein neuer Sturm gegen das Deutsche Reich losbrechen.

Hergt, der Vorsitzende der Deutschnationalen Volkspartei, versicherte dem Wahlvolk, dass er bei Regierungseintritt die Erfüllungspolitik beendet.

Doktor Oskar Hergt wurde am 22. Oktober 1869 in Naumburg (Saale) als Sohn von Frau Klara Hergt, Mädchenname "Teichgräber", und Kaufmann Gustav Hergt geboren. Nach Absolvierung des Domgymnasiums studiert er in München, Würzburg und Berlin Rechtswissenschaften. Anschliessend ging es zügig der Karriereleiter hinauf: Gerichtsreferendar, Assessor, Amtsrichter, Verwaltungsbeamter im preussischen Finanzministerium, Geheimer Finanzrat, Geheimer Oberfinanzrat und 1917/18 preußischer Finanzminister. Seine politische Lage-Beurteilung erregte öfter öffentliche Aufmerksamkeit. Zum Beispiel als er am 16. Januar 1918 im Preussischen Abgeordnetenhaus ausklingelte:

"Da wird von der amerikanischen Gefahr geredet. Meine Herren, beruhigen' Sie sich: die Amerikaner können nicht fliegen und nicht schwimmen. Sie werden nie über das große Wasser kommen."

Es war nur so, die Amerikaner waren bereits im Juni 1917 mit mehr als 10 000 Soldaten in Frankreich angelandet. "Hergt war, seit er dieses grosse Wort gelassen ausgesprochen hatte, der Liebling der Rechten." (Fischart)

1922 kommt er mit einem angeblich für subversive Zwecke gebildeten geheimen DNVP-Fonds zur Vorbereitung eines Aufstandes der radikalen Rechten ins Gerede (Heydeloff 1984, 385). Im Wahlkampf macht der Jurist gerne deutschvölkische Avancen und angelt mit fremdenfeindlichen Sprüchen nach Stimmen. Nach der Inflation versprach er den Rentnern eine Aufwertung der Altersbezüge, besann sich aber als Reichsjustizminister (1927/1928) nicht mehr darauf.

Was war von seinem Versprechen zu halten, die Erfüllungspolitik zu beenden? Im Wahlkampf wurde wohl keine völkische und deutschnationale Rede gehalten, beobachtete Hugo Heimann (1926, 12, 26), in der den gespannt aufhorchenden Massen nicht die weitgehende Versprechungen gemacht, ja, "volle Aufwertung" zugesichert wurde. Speziell die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) erklärte, dass sie am Tage der Machtübernahme umgehend Aufwertungsentwürfe in den Reichstag einbringen würde. In den ersten Märztagen 1924 stellte sie sogar den Antrag, die Steuernotverordnung zum 31. März aufzuheben. Im Regierungs-Programm äusserte die DNVP den Willen, zur Erfüllungspolitik eine Verständigung zu erreichen. Als die Wahl vorbei, überlegte es sich Hergt noch mal. Nun hiess es, was wir den Bürgern vor der Wahl sagten, darf nicht ernst genommen werden. Dies nimmt am 8. August 1924 die Volksstimme (Magdeburg) zum Anlass, um den Leser auseinanderzusetzen:

Hergt garantiert ein Zweites Versailles.

Daher ist es ein Verbrechen am deutschen Volke, um noch einmal den Vorwärts (Berlin) vom 17. April 1924 zu zitieren, unter solchen Umständen für Parteien zu stimmen, die die angebahnte Verständigung zerschlagen.

Aber das hatten wohl nur wenige gelesen. Mit einem Punkt Vorsprung vor der DNVP rettet sich die SPD mit 20,5 Prozent ins Ziel. 1920 waren es 1,4 Prozent mehr.

 

Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) wirbt mit dem Spruch: Die Hausfrau endlich wieder lacht, / Wer hat Befreiung ihr gebracht / Von Geld und Lebensmitteljagd? / Die Rentenmark von unserm Schacht! [1234] 3,2 Prozent der Wähler unterstützen dies am 4. Mai mit ihrer Stimme. In Naumburg sind es ein paar Zehntel mehr.

 

Wähler entscheidet Euch! Stinnesdiktatur oder Diktatur des Proletariats?

KPD-Werbung zur Reichstagswahl Mai 1924.
Plakat etwa 71,8 mal 92,6 Zentimeter. Sie durfte nicht öffentlich angebracht werden. Friedrichstadt-Druckerei, Berlin. Nach Helmut F. Pfanner (2008, 41) kommt als Grafiker Karl Jacob Hirsch (1892-1952) in Frage.

Links im Hintergrund steht der bösartig wirkende Kapitalist Hugo Stinnes. Wer das zu decodieren wusste, konnte darin die Anklage gegen die Geldpolitik à la 3. Steuernotverordnung vom 14. Februar 1924 zugunsten des Grosskapitals erkennen. Links vor dem bedrohlichen Schwarzen Mann, ist Hans von Seeckt zu sehen. Als Inhaber der Exekutivgewalt zur Sicherung des Reiches gegen innere Unruhen vom 8. November 1923 bis 28. Februar 1924, erliess er am 23. November 1923 ein reichsweites Verbot von NSDAP, DVFP und KPD. Rechts neben ihm Wilhelm Groener, eine Anspielung auf den Ebert-Groener-Pakt 1919. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) leckt ihre Stiefel. An den Beinen der Generäle reckt freudig Gustav von Kahr (BVP) die Arme in die Höhe.

Auf der rechten Bildseite eine Gruppe bewaffneter Arbeiter. Sie wirkt nicht angriffslustig. Man beachte ihre zurückhaltende Körperhaltung und die Ausrichtung der Gewehrläufe. Sie strahlt aber Selbstbewusstsein aus und suggeriert, dass militärische Gewalt in politische Kraft, sprich Fortschritt, übersetzt werden kann. Wenn die Revolution Ausbeutung und Unterdrückung abschafft, lehrt die Parabel von Bertolt Brechts Die Maßnahme (1930), ist Gewalt - ein letztes Mal? - legitiem. In dieser Geschichtsperspektive ist der Tod des Feindes nicht nur im Krieg gerechtfertigt.

Am 28. Februar 1924 wurde das seit 23. November vergangenen Jahres bestehende KPD-Verbot aufgehoben. Worauf konzentriert sich die Partei jetzt im Wahlkampf? Schon manchmal betete die KPD die Revolution herbei. Doch diesmal ist die soziale, politische und vor allem währungspolitische Lage wirklich prekär. Hugo Stinnes (DVP), auf dem Plakat Wähler entscheidet Euch! in, übergrosser, furchterrender Pose dargestellt, wendet sich am 9. November 1922 vor dem Reichswirtschaftsrat entschieden gegen den Versuch der Stabilisierung der Mark. Die Herausgabe der Goldschatzanweisung, wie es das Wirth-Kabinett am 10. November 1922 beschliesst, hält der Großindustrielle für nutzlos und schädlich. Die Lösung sieht er im Aufschub aller Leistungen an die Entente und die Einführung des Zehn-Stunden-Tages. Deshalb ist es keine Übertreibung zu sagen, dass die geldpolitischen Interessen der grossen Sachwertbesitzer eine existentielle Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft darstellten. Insoweit ist es nicht ohne Realitätssinn, wenn die KPD 1924 im Wahlkampf das Grosskapital als Bedrohung vorführt. Das sieht die SPD ähnlich. Im Vorwärts (Berlin) vom 10. November 1922 wirft sie Hugo Stinnes vor: "Er will unter keinen Umständen eine Stabilisierung der Mark ...." Es ist die Schwerindustrie, teilt das Zentralorgan der Sozialdemokratie am 20. April 1923 seine Beobachtungen mit, die seit langem auf eine Verschlechterung des Marktkurses hinarbeitet.

Angesichts dessen verwundert es zunächst ein wenig, dass die KPD-Naumburg die Folgen der Hyperinflation und unsozialen Geldpolitik nicht in den Mittelpunkt des Wahlkampfes stellt. Sie beschränkt sich, um eine Wählerentscheidung zu ihren Gunsten herbeizuführen, auf das Klassenkampfthema und den Widerstand gegen Rechts.

Die extreme Rechte verstand es, die missliche soziale Lage mittels Demagogie gegen die ansich pazifistische Weimarer Republik zu wenden. Anknüpfend an Lebensgefühle vom beengten Lebensraum und dem Volk ohne Raum (Hans Grimm 1926) erscheint ihnen die Expansion möglich. Der Naumburger Georg Schiele formuliert 1922 in Pax oeconomica die Ziele der R e a k ti o n:

"Wir werden in allen Ständen wieder aufhören sozialistisch, planwirtschaftlich, gemeinwirtschaftlich (im falschen Sinne) zu denken und wieder anfangen liberal, d.h. richtig ökonomisch zu denken."

Zwei Monate vor der ersten `24 Reichstagswahl konkretisiert der völkisch-nationale Vordenker in "Währungsverfall und Reparationen" (11) die Aufgaben:

"Also liebe Deutsche Arbeiterschaft und Industrie - ruhig Blut, zähe Arbeit, niedrige Löhne, niedrige Preise, und - Durchhalten, wie im Schützengraben ...." 

Ihre Zukunft stellten sich viele Arbeiter und Lohnabhängige anders vor, weshalb sie auf diese politische Richtung eine Antwort geben mussten. Allerdings fiel sie aus Anlass der Wahlen meist nicht überzeugend und eindeutig aus!

 

"Was für zwei Kerle haben sie mir da wieder auf den Rücken gesetzt!"

Simplicissimus, 12. Jahrgang. Nr. 7, Stuttgart, München, den 12. Mai 1924

Bei der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 müssen die Parteien der Weimarer Koalition DDP (-2,6%), Zentrum (-0,2%), SPD (-1,4%) und DVP (-4,5%) Stimmenverluste hinnehmen. Indess erringt die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung im ersten Ansturm von insgesamt 472 Sitzen zweiunddreißig Mandate. Die KPD zieht mit 62 Abgeordneten das erste Mal in den Reichstag ein. Offenkundig drängt sich dem Analysten flüchtig betrachtet eben jenes Bild auf, dass der Simplicissimus in seiner Ausgabe vom 12. Mai 1924 mit der Karikatur "Was für zwei Kerle ..." vorstellt: Auf der einen Seite die Demokraten, eingeschlossen die Deutschnationalen, und auf der anderen Seite die Feinde der Demokratie, vornan die KPD. Es entsteht das typische öffentliche Meinungsbild, dass nachgiebig mit der Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und ihre Verantwortung für die Wirtschafts- und Finanzpolitik (Alfred Hugenberg, Karl Helfferich, Oskar Hergt) umgeht. Nebenher behandelt es die Tätigkeit der Ortsgruppen der Kommunisten ziemlich stumpfsinnig. Exponierte Vertreter der DNVP pflegen weiter das Feindbild gegen den Westen, infizieren die Massen mit einer strategisch angelegten Russland-Phobie, untergraben den Verfassungsstaat, arbeiten im örtlichen Rahmen eng mit dem Stahlhelm und gegen Ende der 20er Jahre mit der NSDAP zusammen. Von einem übersteigerten und aggressiven deutschen Nationalismus geleitet, kehrt mit der DNVP verstärkt die Rassenfrage in den Alltag zurück. Bereits am 2. September 1921 auf dem DNVP-Parteitag in München erklärte Oskar Hergt den Delegierten, dass die Judenfrage eine Rassenfrage sei (Bernd 2004, 120). Unter der Losung:

Christlich Völkisch-National Sozial!

bedient der Wahlaufruf der DNVP vom 25. November 1924 massenwirksam völkische, nationalistische und antisozialistische Urinstinkte der Stadtbevölkerung.

Nach den Reichstagswahlen am 5. März 1933 übernimmt der nationalsozialistisch-deutschnationale Block die Macht. Bereits im Mai 1924 zieht er in Naumburg

58,5 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich.

Deutschnationale und Völkische profitieren vom Sturm der nationalen Empörung vom Einmarsch der französisch-belgischen Truppen am 10. Januar 1923 ins Rheinland. Beide lehnen den Schmachparagraphen 231 des Versailler Vertrages ab, kritisieren den Londoner Zahlungsplan von Januar 1923 zur Erfüllung der Reperationsverpflichtungen Deutschlands und verachten die Erfüllungspolitik. Sie pflegen weiter das Feindbild gegen Frankreich, die Slawen und den Osten. Beide wollen die Wehrhaftmachung (Rüstungproduktion). Ihr innenpolitischer Hauptfeind sind die Marxisten (SPD) und Kommunisten (KPD). Ihnen ist eine gewisse Fremdenfeindlichkeit eigen. Innerhalb ihrer Parteien bestehen starke antisemitistische Tendenzen und ihte Mitglieder zeichnet oft eine abschätzige Haltung zur Demokratie aus.

Hingegen erhielten im Mai 1924 die

Träger der Verständigungspolitik
im Reich lediglich 20,5 Prozent der Stimmen.

Drei Tage später titelt die Leipziger Volkszeitung:

100 Sozialdemokraten im Reichstag.

Das ist nicht wenig, kaschiert jedoch, dass die SPD unter den Erwartungen ihrer Anhänger blieb. Auf dem "Vereinigungsparteitag" am 24. September 1922 in Nürnberg schloss sie sich mit der USPD zusammen. Und so durfte man eigentlich aus diesem Sektor Wähler erwarten, was aber so nicht eintraf. In Naumburg erreichten die Sozialdemokraten gar nur 10 Prozent der Wähler. Im Unterscheid dazu konnten sich die KPD deutlich verbessern. Bei den Reichstagswahlen am 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924 stimmen

2,1 - 12,5 - 9,0 Prozent der Wahlbürger für sie.

In der Naumburg Stadt waren es

0,6 - 12,5 - 10,6 Prozent.

Sie vermag, stellt sich bereits im Ergebnis der Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924 heraus, das Tempo nicht halten und erreicht in Stadt und Land ihr Leistungsplateau. Ein Fakt, der aus vielen Gründen unbedingt Beachtung verdient.

Im Unterschied zu dieser Einschätzung rufen die Kommentatoren der Presse sie gern zum Wahlsieger der Reichstagswahlen vom 4. Mai aus. Ein Sieger sieht anders aus. Hierzu hätte sie zusammen oder koordiniert mit den Sozialdemokraten und bürgerlich-demokratischen Kräften, den nationalsozialistisch-deutschnationalen Machtblock zurückdrängen müssen, was ihre Parteipolitik und die sozio-ökonomische Stellung ihrer Mitglieder in der Gesellschaft nicht zuliess. Vermisst man mit dieser Elle ihre Tätigkeit, kann man das ´24 Wahlergebnis unmöglich als Erfolg ansehen.

 



Ergebnisse der Reichstagswahlen in Naumburg (Saale)
am 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924

 

             
 
Dtl.
Dtl.
Dtl.
Naumburg
Naumburg
Naumburg
 
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
 
Prozent
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Stimmen
                   

DNVP

15,1
19,5
20,5
3271
20,9
31,0
4866
40,4
6798

VSB/
DVFP

 
6,6
3,0
   
27,5
4328
10,8
1816

DVP

13,9
9,2
10,1
5146
32,9
9,3
1457
13,9
2345

DDP

8,3
5,7
6,3
1187
7,6
3,5
549
5,6
941

Zentr.

13,6
13,4
13,7
161
1,0
1,2
191
1,2
209

BVP

4,4
3,2
3,7
           

SPD

21,9
20,5
26,0
1958
12,5
10,6
1661
14,4
2425

USPD

17,6
0,8
0,3
3826
24,5
0,7
107
   

KPD

2,1
12,6
9,0
86
0,6
12,5
1957
10,6
1776

Andere

3,1
8,5
7,5
   
1,1
175
3,1
548

DHP

1,1
               

MP

         
2,7
422
   

Wahlbtg.

79,2
77,4
78,8
           

 

                 
       
15635
100
100
15713
100
16826

 

Zur Reichstagswahl am 7.12.1924, Spalte "VSB/DVLF", Ergebnis (= 1816 Wähler) für Nationalsozialistische Freiheitspartei.

BVP- Bayerische Volkspartei
DHP - Deutsch Hannoversche Partei
DDP - Deutsche Demokratische Partei
DNVP - Deutschnationale Volkspartei
DVP - Deutsche Volkspartei
DVFP - Deutschvölkische Freiheitspartei
VSB - Völkisch-sozialer Block
MP - Mittelstandspartei
SPD - Sozialdemokratische Partei Deutschlands
USPD - Unabhängige Sozialdemokratische Partei
KPD - Kommunistische Partei Deutschlands
WP - Wirtschaftspartei
Zentrum - Deutsche Zentrumspartei (Vertreter des politischen Katholizismus)

 

 

Aufschlussreich für die Entwicklung der Weimarer Republik ist das Abschneiden des Zentrums. Im Gegensatz zu den Völkischen und Deutschnationalen, war es bereit die demokratischen Grundlagen der Weimarer Republik zu festigen. Von 1919 bis 1932 war die Partei an allen Regierungen beteiligt und stellte fünfmal den Reichskanzler. Dennoch schneidet sie in Naumburg extrem schlecht ab. Nur 1,2 Prozent der Naumburger Bürger geben ihm die Stimme. Gewiss beeinflusst dies die konfessionelle Struktur der Stadt und die Bedürfnisse der sich ausdifferenzierenden Wählerschaft. Eventuell schwingt 1924 noch ihre ablehnende Haltung zur Revolution 1918/19 mit.

Zusammen mit den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 fanden die Preußischen Gemeinderatswahlen statt. Im Ergebnis zieht der Völkisch-soziale Block, was an anderer Stelle erörtert wird, und die KPD in die Naumburger Stadtversammlung ein.

 

 

Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924

Dass nach den Mai-Wahlen gebildete Kabinett Marx II (Zentrum, DVP, DDP, BVP, Parteilose), stösst durch die Unterzeichnung des Londoner Schuldenabkommen, mit Zustimmung von Teilen der DNVP, bald auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Zugleich gehen die bürgerlichen Parteien zunehmend auf Abstand zur SPD. Enorme Schwierigkeiten bereitete die Wiedereinführung der seit 1914 ausgesetzten Agrarzölle, wogegen die Arbeiterparteien opponierten. Gleichzeitig stieg der Druck auf die Regierung von Wilhelm Marx von der bürgerlichen Rechten, die Rücksichtnahme auf die Sozialdemokraten aufzugeben und die Regierung nach Rechts zu erweitern. Eine von ihm angedachte große Koalition unter Einschluss von SPD und DNVP war unrealistisch. Zudem musste der Reichskanzler immer wieder mit Widerstand von der DDP und Teilen des Zentrums rechnen. Koalitionsmöglichkeiten gab es - realistisch betrachtet - wenig bis keine. Reichskanzler Wilhelm Marx löste am 11. Oktober 1924 den Reichstag auf und setzte für den 7. Dezember 1924 Neuwahlen an.

Aus diesem Anlass führt die

Deutschnationale Volkspartei
am 28. November 1924

in Naumburg eine Wahlversammlung durch. Sie wird vom 2. Vorsitzenden der Ortsgruppe Oberlandesgerichtsrat Andres geleitet, der zunächst, was für den Ablauf von Versammlungen etwas ungewöhnlich ist, eine längere Ansprache hält. Die Wähler, moniert er, bekommen 18 Listen zum Reichstag und 17 Listen zum Landtag vorgelegt. "Aber das deutsche Volk kann von diesen Kindereien nicht lassen: jeder will seine besonderen wirtschaftlichen Schmerzen zu Geltung bringen." Die Wirtschaftspartei will die Handwerkerinteressen zur Geltung bringen und vor allem die erdrückenden Steuern, die von der sozialistischen Regierung stammen, senken. Das kann man nur, wenn man die S o z i a l d e m o k r a t e n  zurückschiebt. Dazu bedarf es endlich eines "strammen Zusammenfassen" der Kräfte der Rechtsparteien, denn jede Zersplitterung kostet uns tausende von Stimmen, "die letzten Ende nur der Sozialdemokratie zugute kommen. "In der letzten Versammlung. "In der letzten Versammlung bei den N a t i o n a l s o z i a l i s t e n ist wohl jeder gepackt von dem Sehnen nach nationaler Einheit und Freiheit: es ist dieselbe Sehnsucht, die auch uns beherrscht. Warum also diese Zersplitterung, warum nicht durch das Eintreten in die geistesverwandte Deutschnationale Volkspartei [DNVP]) als rechter Flügel ein Stärken dieser Partei", fragt Oberlandesgerichtsrat Andres, betont aber gleich, die wirtschaftlichen Ziele der NSDAP können wir nicht mitmachen. Wohl erstreben wir ebenso wie sie einen freien Arbeiterstand, was aber unseres Erachtens nur durch Stärkung des bodenständigen Unternehmertums möglich ist. Die D e m o k r a t e n  reden dem Volke vor, dass die in der DNVP enthaltenen Elemente für den verlorenen Krieg verantwortlich sind. Doch, antwortet der stellvertretende Orts-Vorsitzende der DNVP, der Krieg hatte ganz andere Ursachen. Ein Fehler war, dass die Regierung gegen Ende des Krieges nicht gegen die zersetzenden Elemente vorgegangen ist. Obgleich uns an diesen verfehlten Maßnahmen keine Schuld trifft, fühlen wir uns verpflichtet, an dem Wiederaufbau nach besten Kräften mitzuarbeiten.

Dann spricht, angekündigt als einer der fähigsten Köpfe der Partei, der Reichstagsabgeordnete der Deutschnationalen Volkspartei,

Bernhard Leopoldt (1878-1972).

Unser Volk, so seine Eröffnungsrochade, steht vor schweren Entscheidungen. Die wichtigste ist die zwischen rechts und links. Alle anderen Fragen sind nebensächlich. Dabei ist Zersplitterung im rechten Lager sehr bedauerlich. Die Stoßkraft der rechten Front wird geschwächt. Tausende Stimmen gehen verloren.

 

 
Aus: Naumburger Tageblatt. Naumburg, den 25. November 1924

 

 

Ihr Wahlprogramm kommentiert die DNVP mit folgenden Statements:

Deutschnational ist: Christlich - Völkisch-National! - Sozial!

Deutschnational ist: Kampf gegen die Lüge der deutschen Kriegsschuld, der Quelle aller Not und alles Elends.

Deutschnational ist: Verwerfung des Klassenkampfes, Forderung nach Volksgemeinschaft.

Deutschnational ist: Schutz jeder ehrlichen Arbeit in allen Berufen und Ständen!

Deutschnational ist: Kampf für alle wohlerworbenen Rechte ....

Deutschnational verlangt deutschen, völkischen Geist; verlangt Deutschland für die Deutschen; verlangt Beseitigung sozialdemokratischer Misswirtschaft!

Wer Schwarz-Weiss-Rot will, wählt Deutschnational!

 

Für den 1. Dezember 1924 setzt das Landgericht Naumburg eine Berufungsverhandlung gegen Walter Fieker (Reußenplatz 14) an. Verhandelt wird ein Vorfall vom letzten Juni auf dem Kirschfest in Naumburg. Angeblich erzählte Fieker der Gastwirt Moritz, dass der Bürgermeister 1/2 5 Uhr frühs von einem Polizeioffizier durch einen angetäuschten Fusstritt aus dem Rösenbergschen Zelt hinausbefördert wurde. Auf einer Vollversammlung der KPD am 26. Juli machte er im Ratskeller von Naumburg die Geschichte publik. Ob es vom Dekormaler geschickt war, den Bürgermeister Karl Roloff wegen eines zu diesen Festtagen üblichen Saufgelage blosszustellen, darf man bezweifeln. Zudem fiel es dem Bürgermeister nicht schwer, die Richtigstellung unter Rückgriff von Zeugen überzeugend vorzutragen. So blieb dem Amtsgericht Naumburg in der ersten Verhandlung kaum etwas anderes übrig, als den Angeklagten wegen öffentlicher Beleidigung des Bürgermeisters zu 300 Mark Strafe zu verurteilen. Sowohl der KPD-Mann wie die Staatsanwaltschaft legten Revision ein, die nun zufällig drei Tage vor der Reichstagswahl, also am 1. Dezember, verhandelt wurde. Wegen Herabwürdigung der Person des Bürgermeisters beantragte die Staatsanwaltschaft vier Wochen Gefängnis. Das Gericht entschied sich für eine Strafe von 200 Mark. Sechs Tage vor der Reichstagswahl war dies keine Werbung für die KPD.

Zwischen den beiden Reichstagswahlen organisiert sich im Juli 1924 der Rotfrontkämpferbund. Obwohl er sich in Konkurrenz zum am 22. Februar 1924 gegründeten Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold begreift, arbeiten beide Organisationen in Naumburg bei verschiedenen Gelegenheiten zusammen. Ob diese spontanen oder systematischen Ursprungs, kann bei gegebener Nachrichtenlage nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Plakat der SPD zu den Reichstagswahlen 1924: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie"
Reichstagswahl
. Künstler: Georg Wilke

Die

Sozialdemokraten werben zur Reichstagswahl

mit dem Rükblick auf die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts nach 1918. Diesmal, betonen sie, geht darum,

die Republik zu retten und

einen neuen Krieg zu verhüten.

Keine einfache Sache, denn mittlerweile fühlen sich viele Bürger recht- und wehrlos und wollen wieder an die Waffen, was politisch und ideologisch unter Wehrhaftmachung firmiert.

Die SPD warnt die Wähler der KPD. Weil durch ihre Wahl die Sozialdemokraten geschwächt in den Kampf ziehen, könnte es den Deutschnationalen gelingen, befürchtet am 8. August 1924 die Volksstimme (Magdeburg), zur Macht zu gelangen. Sie werden dann bald merken, dass sie eigentlich die Deutschnationalen ausgesucht hatten.

 

Die

Nationalsozialistische Freiheitspartei (NSFP)

wirft sich in Vorbereitung der Wahlen auf die SPD. Friedrich Ebert macht sie für den Munitionsarbeiterstreik verantwortlich, schiebt ihnen die Schuld an Versailles zu und behauptet, dass sie das Volk 1918 um den Sieg betrogen hat. Ebenso lasch bewegt sich gegenwärtig die Deutsche Volkspartei (DVP). Statt die Kriegsschuldfrage wieder aufzurollen, unterzeichnete der Stresemann den Dawes-Plan. Zu allem Überdruss trugen sogar Teile der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) diese Erfüllungspolitik mit. Daraus schlagen die Gegner der Republik weiteres politisches Kapital. Es kommt, was kommen musste: In sechs Jahren Parteienwirtschaft ist Deutschland verludert. Sie verrät und verschachert alles. Soll das so weitergehen? Mehr Frontkrieger ins Parlament, fordert die NSFP. Sie ruft:

Deutsches Volk halt ein in deiner Verblendung!
Fort mit der Jasage-Regierung!

Einen Tag nach Totensonntag lädt die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung alle Bürger der Stadt zur Wahlversammlung ein. Vor den zwei Sälen des Ratskellers, die mittlerweile übervoll, herrscht grosser Andrang. 8 Uhr abends eröffnet

Friedrich Uebelhoer

die Versammlung. Zunächst erinnert der ehemalige Weltkriegsoffizier, was in der Stadt mit den ehemals vielen Kasernen und der ehemaligen Kadette immer gut goutiert wird, an den gestrigen Trauertag zu Ehren der zwei Millionen Frontkämpfer. Nicht nur ihnen, auch den Opfern von München, die "vor Jahresfrist unter den Kugeln Deutscher für Deutschlands Auferstehung" fielen, wollen sie nicht vergessen, sagt er. Wir müssen das Vermächtnis unserer Brüder bewahren. Unsere Zukunft wird, wie der Führer Ludendorff vorhersieht, "völkisch sein oder nicht". Eindringlich wendet sich der Redner an die gebildeten Schichten, sich endlich mit der Bewegung zu befassen. Nicht Fichte, nicht Arndt haben vor einhundert Jahren Preussen befreit, auch nicht die Soldaten allein, sondern Preußens Auferstehen verdanken wir der Bauernbefreiung des Reichsfreiherrn von Stein. Unsere Befreiung, zelebriert Uebelhoer, ist die "Befreiung des deutschen Arbeiters." Die nationalsozialistische Bewegung prangert damit einen Mangel der gebildeten Schicht und des satten Mittelstandes an, die sich um die Seele des deutschen Arbeiters bisher kaum kümmerte. "Und wie Luther vor den Toren Wittenbergs die Bannbulle des Papstes verbrannte, so verbrennen wir den Aufruf der Regierung, der zu unserer Zertrümmerung aufforderte." Spontaner Beifall.

Dann spricht

Wolf-Heinrich Graf Helldorff aus Wohlmirstedt.

Unvermittelt verteufelt er die Annahme des Dawes-Plans. Dafür gaben 48 DNVP-Abgeordnete ihre Stimme her. Unverzeihlich, dieser Verrat der Männer von Schwarz-Weiss-Rot, was der Bewegung den Glauben an die Reinheit ihrer nationalen Idee nahm. Eine Schande!

Der NSDAP-Ortsgruppe Naumburg bot die Kampagne zum Dawes-Plan ein vorzügliches ideologisches Aufmarschfeld. Zum Sprechabend am 30. August 1928, aus Anlass von

4 Jahre Dawesmonarchie

gibt sie eine Erklärung ab. Mit der Preisgabe der Währungs- und Finanzhoheit an die internationale Kontrollkommission legten "fremde Mächte die Hand an der Gurgel des deutschen Volkes". "Der Leitgedanke dieses Systems sei aber nicht der natürliche:

Erst Brot für unser Volk, dann Geld für die anderen."

Die Deutschen sind versklavt, hallt es durch den Ratskellersaal. Noch schlimmer erscheint dem Referenten, Deutschlands Aufsicht durch die "internationale Notenbank". Hinzukommt der Raub unserer Eisenbahn. Als Stinnes die Hand nach ihr ausstreckte, protestierten die Gewerkschaften. Und jetzt, was passiert jetzt? Schliesslich fordert er die Aufhebung der 3. Steuernotverordnung, weil sie den begangenen Raub und Diebstahl am deutschen Volk gutheisst. Eine sozial gerechte Aufwertung ist dringend geboten. Der Durchsetzung dieser Forderung nimmt sich besonders Landeserziehungsrat a. D. als Vorsitzender der Spitzenorganisation der Sparer- und Hypothekenaufwertungsverbandes Doktor Paul Seiffert (1866-1936) an. Er zieht auf der Liste der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung in den Reichstag ein, verlässt die Fraktion aber im Frühjahr 1927 und schliesst sich am 7. Februar 1928 der Volksrechtspartei an.

Wieder missbrauchten besonders die Rechten die nationale Frage als probates Mittel, um von durchgreifenden und wirklich wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen abzulenken.

Wohl wandte sich das liberal-demokratische Bürgertum gegen die Intentionen der völkischen und nationalsozialistischen Bewegung. Doch ist dieser Protest oft kaum wahrnehmbar. Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) repräsentiert das konservativ-demokratische Bürgertum. Wo artikuliert es sich nachhaltig?

Robert Heidenreich (1883-1932) von der

Deutschen Volkspartei (DVP)

spricht am 4. Dezember abends im Schützenhaus. Zunächst weist er scharf die Mittel zurück, zu denen die Demokraten greifen. Mit Handgreiflichkeiten ist der politische Widersacher nicht zu überzeugen. Vor allem die linke Szene nannte sie die Partei der Schwerindustrie, worauf der Landtags-Spitzenkandidat in Naumburg erwiderte: "Die 2,7 Millionen Wähler der Volkspartei im Mai können wohl nicht lauter Schwerindustrielle gewesen sein ….". Eine typische Politiker-Antwort: rhetorisch ansprechend, aber inhaltlich irreführend. Carl Cremer (1876-1953) vertritt seit der Reichstagswahl am 6. Juni 1920 die DVP im Wahlkreis 12 Merseburg und verkörpert als Geschäftsführer der Überseedienst GmbH und Generaldirektor der Nachrichtenagentur Telegraphen Union (T.U.) symbolhaft die industriefreundliche Haltung seiner Partei. Im Kampf um das Reichstagsmandat 1920 äusserte er nach Auskunft der Saale-Zeitung (Halle) am 7. Juni 1920 in einer Wahlversammlung: "Ja, ich habe Geld von Parteifreunden bekommen. Ob das Industrielle sind, ist Nebensache. Jedenfalls hat die Schwerindustrie das Recht, wie andere Berufe, sich Vertreter im Parlament zu sichern."

Robert Heidenreich stellt sich klar auf die Seite der Republik und anerkennt die Ergebnisse vom November 1918. Die Losung lautet: "Schwarz-rot-gold die Farben der Nation, schwarz-weiss-rot die Mörderfarben." Als wenn er das Raunen im Saal vernommen und die Stimmen schon in der Urne der Deutschnationalen Volkspartei entschwinden sieht, schiebt er nach: "Die Volkspartei ist monarchisch gesinnt, arbeitet aber bewusst mit im republikanischen Staate, weil sie zuerst das Vaterland erhalten will." Im Dezember 1929 eignet sich die Partei zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise die Denkschrift "Aufstieg oder Niedergang?" an, die vom Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) herausgegeben und mit der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (VDA) abgestimmt war. Ihre wichtigsten Forderungen lauten: Steuererleichterungen für Unternehmer, Abschaffung der Zwangsschlichtung, Senkung der Staatsausgaben und Reform der Arbeitslosenversicherung durch "Ersparnismaßnahmen, nicht aber durch erhöhte Beiträge". 1931 bietet DVP-Vorsitzender Eduard Dingeldeys (1886-1942) in einem persönlichen Brief Adolf Hitler "die Möglichkeit einer wirklichen Zusammenarbeit" an. Zu den Juli-Wahlen 1932 wird die Partei eine Listenverbindung mit der DNVP eingehen.

Zwei Tage vor der Wahl, war am politischen Himmel ein kleines, hoffnungsvolles Wetterleuchten zu sehen. Die Sparkasse Naumburg teilt mit, dass laut 3. Steuernotverordnung und der hierzu erlassenen Durchführungsbestimmungen die Sparer bis zum 31. Dezember 1924 ihre Guthaben zur Aufwertung angemeldet haben müssen. Nun wird es bald besser. Alles nicht so schlimm. Oder doch?

Im Ergebnis der Wahlen erhalten SPD und DVP mit ihren Ergebnissen die Hoffnungen, weiter als gestaltende politische Kraft zu wirken. Ein Vergleich ihrer Stimmenanteile bei den Reichstagswahlen 6. Juni 1920 - 4. Mai 1924 - 7. Dezember 1924 ergibt folgende Zahlenreihe:

21,9 / 20,5, / 26,0 für die SPD

und

13,9, / 5,7 / 10,1 für die DVP.

Offenbar gelang es der DNVP in Naumburg einige Wähler von der Deutschen Volkspartei (DVP) abzuwerben.

1 816 Bürger (= 10,8 Prozent) entscheiden sich für die Nationalsozialistische Freiheitspartei (NSFP). Gegenüber den Mai-Wahlen bedeutet dies in Naumburg einen drastischen Rückgang (4.3328 / 1.816), also von 28 auf 11 Prozent Stimmenanteil. Wahrscheinlich liegen die primären Ursachen dafür in den innerparteilichen Auseinandersetzungen über den politischen Kurs. (Siehe Kapitel: Die NSDAP in Naumburg).

 

Die DNVP verbessert ihr Ergebnis im Reich von 1920 bis Ende 1924 von 15,1 / 19,5 auf 20,5 Prozent. In der Geburtsstadt von Oskar Hergt schnitt sie mit

20,9 / 31,0 / 40,4 Prozent (= 6 789 Wähler)

noch besser ab. Bei den Dezember-Wahlen stimmen für sie nochmal 1 600 Bürger mehr als zu den vorhergehenden Reichstagswahlen. Im Vergleich zum Juni 1920 verdoppelt sie damit sogar ihren Stimmenanteil.

Im Wahlbezirk Merseburg, wozu der Stadtkreis Naumburg (Saale) gehört, votieren für die Deutschnationalen 195 659 Personen. 1920 waren es 132 330. Der Völkisch-soziale Block (VSB) erhielt 61 756 Stimmen. (Die SPD 110 963.)

Die Wahlerfolge der DNVP 1924 beruhen auf der Ablehnung des Dawes-Plans. Damit entsprach sie den Erwartungen der politischen Rechten. Obwohl die Hälfte ihrer Reichstagsfraktion ihm am 29. August 1924 zustimmte, sprechen ihr 40 Prozent der Naumburger Wahlbürger im Dezember ´24 zu den Reichstagswahlen ihr Vertrauen aus. (Oskar Hergt tritt am 23. Oktober 1924 als Parteivorsitzender zurück.)

Eine Erklärung bietet die Tatsache, dass die Hyperinflation moralisch und finanziell in der Bevölkerung nicht verarbeitet ist. Die politischen Auseinandersetzungen darüber, besonders zur Aufwertung, dauern an. Wie in ihrem Naumburger Wahlaufruf vom 24. November 1924 zu sehen, neigt sich die DNVP zumindest verbal den Sorgen der Inflationsgeschädigten zu und fordert:

"Soweit es irgend in seinen Kräften steht, muss der Staat das furchtbare Unrecht wieder gut machen, dass es durch unehrliches Geld und ungerechte Gesetze den Volksgenossen zufügte, die ihm vertrauensvoll ihre Ersparnisse hingaben."

Viele Stimmen für die DNVP zog der ehemalige Oberlandesgerichtspräsident von Darmstadt und Reichstagsabgeordnete Doktor Georg Best (1855-1946), indem er für die Aufwertung eintrat. Er wurde gewählt, doch sabotierte die DNVP-Fraktion im Interesse der Industrie und Landwirtschaft seinen Gesetzesentwurf, weshalb er sich im Juni 1925 der Völkischen Arbeitsgemeinschaft anschloss. (Bernd 2004, 382)

Möglicherweise verhalfen der DNVP noch zwei andere politische Dauerthemen zu ihrem passablen Ergebnis: Der Widerstand gegen die ausländische Militärkontrolle und der Protest gegen die Verpfändung der Reichsbahn.

Überdies trug die einschmeichelnde Wahlorganisation der Partei etwas zum Erfolg bei. „Diejenigen unserer Mitglieder, die aus Gesundheitsrücksichten nicht zur Wahl können,“ annonciert die DNVP am 17. November 1924 im Naumburger Tageblatt,

„bitten wir, sich rechtzeitig zu melden, damit die Wagen bereitgehalten werden können.“

Die Rechtsparteien konnten im Wahlkampf auf erhebliche finanzielle Mittel zurückgreifen, die Deutschland in dieser Höhe bisher überhaupt nicht kannte. Die Grossagrarier und die Industrie, von denen sich viele während der Inflation entschulden konnten, geizten nicht mit Zuwendungen. Zur Finanzierung des Wahlkampfes erhob die Schwerindustrie unter ihren Mitgliedern eine Steuer von 2 bis 4 Mark pro Kopf des beschäftigten Arbeiters. (Vgl. Heimann 1925, 13)


1925: Die Grosse
Hindenburg-Mehrheit
in Naumburg

Jürgen Falter (1986, 17, 147) wies nach, dass der Wahlerfolg der Nationalsozialisten von 1932 mit keinem anderen Ergebnis stärker korreliert als mit der Hindenburg-Wahl von 1925.

Otto Braun kandidiert zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 als Nachfolger von Friedrich Ebert gegen Wilhelm Marx (Zentrum), Karl Jarres (DVP) und Ernst Thälmann (KPD).

Plakat: Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun.

Reichspräsidentenwahl 29. März 1925, Künstler: Gottfried Kirchbach.

Reichspräsident Friedrich Ebert war am 28. Februar 1925 gestorben. Daraufhin mussten Neuwahlen ausgerufen werden. Sorge bereitet die politische Reife des Bürgers. "Nach der Beteiligung an den öffentlichen Wahlen kann man das Gefühl der politischen Verantwortlichkeit und Reife eines Volkes beurteilen." Wer nicht zur Wahl geht ist ein "politischer Deserteur" und vernachlässigt in unentschuldbare Weise die vaterländische Pflicht, lautete der Standpunkt von Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg).

Als Nachfolger von Friedrich Ebert stehen

am 29. März 1925

Karl Jarres (DVP/DNVP), Otto Braun (SPD), Wilhelm Marx (Zentrum), Heinrich Held (BVP), Willy Hellpach (DDP), Erich Ludendorff (Deutsch-völkisch bzw. NSDAP) und Ernst Thälmann (KPD) zur Wahl. Dafür interessierten sich 68,9 Prozent der wahlberechtigten Bürger und verteilten ihr Stimmen so, dass keiner von ihnen die absolute Mehrheit erhielt.

Zum zweiten Wahlgang

am 26. April 1925

zieht Held (BVP) seine Kandidatur zurück. Wilhelm Marx vom republikanischen Volksblock kandidiert gegen Paul von Hindenburg, dem antirepublikanischen "Reichsblock". Der Kandidat der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Ernst Thälmann ist Außenseiter.

Sozialdemokraten (SPD), Deutsche Demokratische Partei (DDP) und Zentrum bilden den Volksblock. Sie treten zum Kampf gegen die Hindenburgfront an.

 

 

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht. Aus: "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 24. April 1925, Seite 3

 

Hingegen unterstützt die Deutsche Volkspartei (DVP) den Sieger von Tannenberg. Ihre Ortgruppe lädt in Vorbereitung auf die Wahl

am 17. April 1925

zur Versammlung in den Rathaussaal von Naumburg ein. Die Menge hört Pastor Zeidler zu:

„Es kann einem Übel werden von den Wahlen mit dem Parteiengezänk und dem Aufeinanderschieben der Schuld an unserem Elende. … Was verlangen wir vom neuen Reichspräsidenten? Wir brauchen einen Mann für das ganze Vaterland, einen geschulten und bewährten Mann. Marx, der Vorkämpfer für das katholische Zentrum, ist es nicht. …

Wir erwarten [von Hindenburg] Ordnung, und das deckt sich mit seinem Geiste. … Wir brauchen einen Staat, der uns Vertrauen einflößt. Bis jetzt ist die Konjunktur Objekt für ein paar Parteimänner. Sie haben den Staat so heruntergewirtschaftet, daß die Arbeiter vergeblich arbeiteten. Die Lappen, die sie verdienten, waren nichts wert für Frauen und Kinder. …

Wir brauchen Ordnung für alle Gebiete. Zu was für einem wahnwitzigen Durcheinander ist es im Schulwesen gekommen. …. Parteien müssen sein auf politischem Gebiete. Aber Hurrarufen hier und die Internationale dort, helfen nicht.“ (Wahlausschuss 1925)

 

Am Vorabend zum zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl rufen in Naumburg die Vaterländischen Verbände zum Fackelzug auf.

 

 

Zu den Vaterländischen Verbände rechnen: Alldeutscher Verband (1891), Deutscher Kolonialverein (1904 gegründet), Deutscher Wehrverein (1911), Jungdeutschlandbund. Nach dem Kriege: Nationalverband Deutscher Offiziere (N.D.O.) (1918), Marine-Offiziersverband, Reichsoffiziersbund, Reichsbund ehemaliger Kadetten, Preußenbund, Deutscher Hochschulring, Deutsche Adelsgenossenschaft, [die Wehrverbände:] Wehrwolf, Bund Oberland, Jungdeutsche Orden, Bund Wiking, Reichsverband der Baltikumkämpfer, Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser.

 

 

"Der deutsche Reichspräsident Hindenburg hurra, hurra", schallte es durch Naumburg. Begleitet von zwei Kapellen bewegt sich ein riesiger Menschenpulk vom Kaiser-Friedrich-Platz durch verschiedene Stadtteile zum Markt. Tausende Anhänger der Deutschnationalen, Alldeutschen und Deutschvölkischen waren gekommen. Kamerad Loewe vom Bund der Frontsoldaten hält die Rede. Er spricht über den Sieg bei Tannenberg und davon, wie Hindenburg den Erbfeind im Westen verjagte. Der Stahlhelmführer definiert die bevorstehende Wahl als einen Wendepunkt in der Geschichte. "Ein strammer Vorbeimarsch vor dem Führer auf der Vogelwiese beendet die eindrucksvolle Feier."


Ergebnis der
Reichspräsidentenwahl
vom 26. April 1925

   
 Naumburg Stadt
Naumburg Stadt + Land
   
  Paul Hindenburg
  Kandidat der Rechtsparteien
   
12641
19336
   
74,2 %
 

 

  Marx
  Kandidat von DVP, Zentrum und SPD
 

 

3170
4193
   
18,8 %
 

 

  Ernst Thälmann
  Kandidat der KPD
 

 

1152
1614
   
6,9 %
 

 

  Wahlbeteiligung im Reich
77,6 Prozent
   

Paul Hindenburg wird am 26. April 1925 im zweiten Wahlgang mit 48,3 Prozent der Stimmen (= rd. 14 639 000) zum Reichspräsidenten gewählt. Die Rechtsparteien jubeln. In Naumburg Stadt und Naumburg Land können sie ihren Stimmenanteil im Vergleich zum ersten Wahlgang erhöhen. Thälmann und Marx verlieren etwa 10 Prozent der Stimmen.

Am Tag nach der Wahl titelt der sozialdemokratische Vorwärts (Berlin) auf Seite eins oben:

„Hindenburg von
Thälmanns Gnaden“.

"Hindenburg, monarchistischer Präsident einer Republik, die eine republikanisch gesinnte Mehrheit hat? Gellender Wahnsinn! Wahnsinn aus Moskaus Küche." Der Kommentar stellt darauf ab, dass die KPD-Wähler mit ihrer Stimme für Thälmann dem Kandidaten Marx (rd. 13 753 000 Stimmen) rund 1 932 000 Voten entzogen hatten.

Warum Hindenburg? Worauf gründet sein märchenhafter Ruhm, fragt Carl von Ossietzky 1927. "Sein deutsches Publikum will Agamemnon, will den Helden. Und sieht deshalb die nüchterne Wirklichkeit in einer Verklärung von Kriegsglanz und Staatsmannsweisheit." ….. "Vergessen, dass sein beliebter Name ebenso wie der Ludendorffs die Politik der Kriegsverlängerung gedeckt hat."

An die "Die grosse Hindenburg-Mehrheit unseres Wahlkreises" knüpft das Naumburger Tageblatt die Forderung: "Scharen wir uns um den getreuen deutschen Ekkehard."

Um einen Kriegsverlängerer und Antidemokraten? Eine Frage, die damals nur wenige stellen.

Der Nachbarort Bad Kösen gedenkt dem 80. Geburtstages ihres Ehrenbürgers Paul von Beneckendorff und von Hindenburg, Reichspräsident und Generalfeldmarschall. Der Magistrat, Stahlhelm, Jungdo, Wehrwolf und Kriegerverein ruft zum Sonntag, den 2. Oktober 1927, auf:

Kommt raus zum grossen Fackelzug!

 

 

[Aufruf] "An alle Bewohner von Naumburg Stadt und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe". "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 25. Januar 1923

Bernd, Hans Dieter: Die Beseitigung der Weimarer Republik auf "legalem" Weg. Die Funktion des Antisemitismus und der Agitation der Führungsschicht der DNVP. Dissertation. Angefertigt im Fachbereich ESGW. Neue Deutsche Geschichte, Fernuniversität Hagen. Aachen, Dezember 2004

Denkschrift über den Ausbau der Besteuerung von Inflationsgewinnen. Ausgegeben am 23. April 1925. Reichstagsprotokolle. N 803, 1924/ 28,17. Der Reichsminister der Finanzen. Herausgegeben vom Reichsfinanzministerium. Berlin, April 1925

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht: Aus: Vorwärts. "Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Freitag, den 24. April 1925, Seite 3

Der Wahlaufruf der Deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1924

Der Kampf um die Aufwertung. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes." Leipzig, den 14. Juli 1925

[DDP] Wie werden wir wieder frei? [Wahlwerbung der Deutschen Demokratischen Partei, DDP]. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. Mai 1924

Die Sachverständigen-Gutachten: die Berichte der von der Reparationskommission eingesetzten beiden Sachverständigenkomitees vom 9. April 1924 nebst allen Beilagen. Einzige autorisierte Ausgabe in Auftrage des Auswärtigen Amtes amtlicher Text der Reparationskommission in französischer und englischer Sprache und amtliche deutsche Übertragung. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1924

Die grosse Hindenburg-Mehrheit unseres Wahlkreises. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. April 1925

Deutschnational kämpft für Schwarz-Weiss-Rot! [Wahlkampagne der DNVP] "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 6. Dezember 1924

[DVP] Das Programm der Stinnes Partei. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Volkes." Leipzig, den 11. November 1922

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Eine Wahl der Verärgerung. 1. Beiblatt zu Nr. 260 der Saale-Zeitung. Abend-Ausgabe, Halle, den 7. Juni 1920

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[Parteiversammlung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) Ortsgruppe Naumburg, der Nationalsozialisten und anderer.] "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 2. Dezember 1924

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Über die Wahlversammlung der National-Sozialistischen Freiheitspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1924

Versammlung der Deutschen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt". Naumburg, den 25. April 1924

Volk, entscheide Dein Schicksal. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 18. April 1924

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Wahlaufruf der Deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1924

Wahlausschuss Hindenburg. Vortrag des Pastors Zeidler aus Holzhausen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. April 1925

[Wahlversammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 28. November 1924]. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 2. Dezember 1924

 

Plakat: Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun, Reichspräsidentenwahl 29. März 1925. Künstler: Gottfried Kirchbach. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie. Reichstagswahl 4. Mai 1924 oder 7. Dezember 1924. Künstler: Georg Wilke. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat: Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

 


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005. Aktualisiert: 18. Juni 2008
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