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Ruhrkrise
und die Wahlen 1924/25

 

Ende Oktober 1922 müssen die meisten Bürger der Stadt die öffentliche Brotversorgung in Anspruch nehmen. Die Marken dafür teilt ein Büro in der Reichskrone aus. Ausgenommen sind Alleinstehende und Haushaltsvorstände mit einem steuerlichen Jahreseinkommen (1921) von über 30 000 Mark, bei Letzteren werden für jede im Haushalt zu verpflegende Person zuzüglich 15 000 Mark berücksichtigt.

Für die Instandsetzung und Neuausstattung des Rathauses gibt die Stadtverwaltung im Sommer 1922 zu viel Geld aus. In Arbeiterkreisen schimpft man über die Verschwendungssucht. Für den Innenausbau sind 800 000 Mark bewilligt. Am 7. Juli 1922 beschliesst die Stadtverordnetensitzung weitere 80 000 Mark zuzuschiessen. Insgesamt summiert sich die Nachbewilligung für den Um- und Ausbau des Rathauses bereits auf 600 000 Mark. Man hat den Eindruck, als ob die Stadt in Geld schwimmt, äussern einige Stadtverordnete.

Walter Hege [123, 4] zeigt im Januar 1923 auf Volksschulabenden zum Thema Beseelte Steine mit Lichtbildern die Schönheiten des Naumburger Doms. Im Sommer 1924 organisiert er zusammen mit dem Pädagogen und Sozialdemokraten Alfred Reichwein (1898-1944) die Naumburgwoche, um die mittelalterliche Baukunst den interessierten Bürgern näherzubringen. Umsonst. Es gehen zu wenige Anmeldungen ein.

Ein schwerer Hagel sucht am 5. Mai 1923 die Region heim. Im August wird unter idealen Wetterbedingungen die Ernte eingebracht. Am 21. August rollt das Radrennen Rund um Naumburg.

Gegenüber den drei Kasernen in Weissenfelserstrasse 57 befinden sich die Gebäude des ehemaligen Artillerie-Depots. Anfang Mai 1924 erwerben die Autowerke Peter und Moritz die etwa 100 Meter langen und 18 Meter breiten Wagenhäuser.

In Naumburg, Burg, Erfurt, Eisenach, Mühlhausen, Stendal und Schleusingen treten die Bauarbeiter in den Streik. Am 17. April 1924 wird er beendet. Als Stundenlohn vereinbarte man bei Verhandlungen in Halle für die Provinz Sachsen und Anhalt 60 Pfennig. Die Reichskrone ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Hierzu erscheint eine kleine Mitteilung, die zugleich etwas über die politische Stimmung in der Stadt verrät:

"Herr [Kaufmann Friedrich] Hagemann - Decksoffizier a. D.- verhandelt wegen Verkaufs der Schaubühne mit Ausländern. (Tzschecho-Slowaken!)"

Ab 9. Juli 1924 verkehrt erstmals neunmal am Tag der Omnibus auf der Personen-Kraftwagen-Verkehrs-Linie Naumburg - Bad Kösen - Saaleck. Die Fahrzeit beträgt vierzig Minuten.

In diesem Jahr zählt man in der Stadt Naumburg 29.375 Einwohner. Bis 1933 wird sie noch um 7 Prozent anwachsen.

 

Ruhrkrise

Ab Mitte Januar 1923 steht das politische Naumburg im Zeichen der Ruhrkrise. Französische und belgische Truppen besetzen am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet. Die Franzosen sichern sich damit 72 Prozent der Steinkohleförderung, 54 Prozent der Roheisenherstellung und 53 Prozent der Rohstahlproduktion ihrer deutschen Konkurrenten. Die Kohlezechendirektoren, darunter Fritz Thyssen und Generaldirektor Tengelmann, werden von ihnen gefangen genommen und vor ein Kriegsgericht gestellt.

"Fränzösische Eisenbahner im Ruhrgebiet.
(Zeichnung von E[duard]  Thöny [1866-1950]"
"Ein Glück, dass wir zum Zerstören hier sind, und nicht zum Organisieren!" Aus: Simplicissimus. 27. Jahrgang, Nummer 47, München, den 19. Februar 1923, Seite 656

Den politischen Hintergrund für die Ruhrbesetzung bildet das Scheitern der Verhandlungen über den Aufbau eines lothringisch-rheinisch-westfälischen Montantrusts. Mehr Anlass als Ursache waren hingegen die Rückstände der Cuno-Regierung bei der Zahlung der Reparationsleistungen mit 2 Millionen Tonnen Kohle und Koks, 130 000 Telegrafenstangen und 20 000 Raummeter Holz.

Gegen die Besetzung kommt es zu scharfen öffentlichen Protesten.

Aus einigen Städten der Sowjetunion hört man von Solidaritätskundgebungen. Das Zentralrussische Exekutivkomitee protestiert gegen die „Vergewaltigung der Selbstbestimmung des deutschen Volkes“. Das Rheingebiet erhält Getreide und Geldspenden.

Die deutsche Regierung fordert zum passiven Widerstand gegenüber den Besatzern auf. Reichswehr und andere organisierte Gruppen führen mit Sprengstoffanschlägen einen begrenzten Krieg gegen die Besatzer. Es kommt zu Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. In Essen schiessen die Franzosen am 13. April 1923 mit Maschinengewehren auf die Arbeiter. 48 Todesopfer sind zu beklagen.

 

Reaktionen in Naumburg

Ein

"Rechtsbruch des Westens"

sei die Ruhrbesetzung, formuliert am 13. Januar 1923 Vorsteher Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) den mehrheitsfähigen Standpunkt der Stadtverordnetensitzung. Das Naumburger Tageblatt veröffentlicht die Solidaritätsspenden der Bevölkerung. Auf dem Markt findet

am 18. Januar 1923

unter dem Motto:

„Keiner, der sein Vaterland lieb hat
und abkommen kann, darf fehlen!“

eine Protestkundgebung statt.

Die Ruhrkrise greift tief in den Alltag der Bürger ein. Aufgrund der „Gewaltmaßnahmen der Gegner“ wird ein Verbot aller „Tanzlustbarkeiten“ erlassen. Übertretungen ahndet das Polizeistrafgesetzbuch. 11 Uhr abends beginnt die Polizeistunde.

Das Naumburger Gewerkschaftskartell lädt für den

18. Januar 1923
zur Volksversammlung in den Ratskeller

ein. In der Diskussion fordert Kaufmann Friedrich Hagemann (Jägerplatz 69) vom Bürger-Wirtschaftsblock die Arbeiterschaft auf, einen nationalen Standpunkt einzunehmen. Und ein Justizsekretär setzt noch drauf: "Stinnes ist ein Mann von deutscher Art." Dies, so stellt sich bald heraus, teilt die Mehrheit der Arbeiter nicht, weshalb unter dem Aufruf die Unterschrift von SPD, KPD und dem örtlichen Gewerkschaftskartell fehlt. Sie begreifen, wie in der Volksversammlung am 18. Januar deutlich wird, den Konflikt als Ausdruck der Konkurrenz zwischen den deutschen und französischen Großindustriellen. Für sie bedeutet die Ruhrkrise eine zunehmende Kriegsgefahr.

"Wie der letzte Krieg verloren wurde, so könne auch ein neuer nichts Gutes bringen",

war ihre Meinung.

Zum Ende der Versammlung trägt Walter Fieker (KPD) noch eine Entschließung vor. Sie verurteilt die Gewaltbereitschaft der Franzosen und überbringt den Kommunisten in Frankreich die besten Kampfesgrüsse. Wie kaum anders zu erwarten, lehnen dies die meisten Teilnehmer ab.

"Deutsche und französische Besetzung
(Zeichnungen von Wilhelm Schulz [1865-1952])"
"(1923). General Laignelot in Recklinghausen: "Die Bevölkerung ist uns vollständig gleichgültig. Wenn sie sich nicht meinen Willen beugt, dann werde ich zu immer schärferen Massregeln greifen, bis sie mir aus der Hand frisst." Aus: Simplicissimus. 27. Jahrgang, Nummer 49, München, den 5. März 1923, Seite 885

Kein Nationalstandpunkt, wohl aber Propaganda für die Kommunistische Partei mit Redner Altemann aus Halle, äussert drei Tage später das Naumburger Tageblatt dazu seine Meinung. Ganz so war es nicht. Immerhin hatte eine nicht unerhebliche Zahl der Bürger den Willen zur friedlichen Beilegung des Konflikts und zum Abbau der Feindseligkeiten gegenüber Frankreich bekundet. Das war mit der Revisionspolitik nicht vereinbar und machte die politischen Gegensätze in der Stadtgesellschaft sichtbar.

Erfreulich war, dass auf dieser Volksversammlung Bürger aus allen sozialen Schichten und Klassen der Stadtgesellschaft in einen Dialog traten. Eine politische Kultur, die sich bald verflüchtigt.

Die kleine politische Initiative der Linken kontert die Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) mit einer Einladung an den Reichstagsabgeordneten Professor Martin Spahn (1875-1945). Er unterzeichnete am 4. Oktober 1914 den Aufruf An die Kulturwelt, der jede Kriegsschuld Deutschlands leugnet und wieder aller Tatsachen behauptete: "Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben." 1921 wechselte der Professor für Geschichte von der Zentrumspartei zur Deutschnationalen Partei über. Oberlandesgerichtsrat Doktor Fritze eröffnet

am 22. Januar 1923

die Versammlung im Ratskellersaal. Der "Vorkämpfer des nationalen Gedankens" erhält sogleich das Wort. Ihm ist als ob die Zeit des Erfüllens und Zurückweichens vorbei ist, sagt der Professor für Geschichte von der Universität Köln (1920-1940). Die alte Feindschaft zu Frankreich lebt wieder auf. Denn:

"Wir müssen darauf gefasst sein, dass der Franzose noch weiter und tiefer ins Land einfallen wird, wir müssen darauf gefasst sein, dass er seine Truppen vorwärts führen wird, auch von der Ostseite her, wo der Pole und Tscheche schon auf der Lauer liegt." (Spahn 1923)

Wieder schürt man mit Blick auf die angeblich gefahrvolle

Mittellage Deutschlands in Europa

ein Angst- und Bedrohungsgefühl. Geschickt formatiert es der Referent zu einem neuen historischen Optimismus: In uns, sagt er sinngemäss, muss das Bewusstsein von den Siegen und Heldentaten wieder aufsteigen. Eine vortreffliche politisch-moralische Zuarbeit für die Revisionspolitik. Mit diesen Ambitionen betreibt Martin Spahn dann Weltpolitik, erörtert das Wiedererstarken der Türkei, den bolschewistischen Umbruch (1917), die europäischen Interessen Frankreichs, die Erschliessung des deutschen Absatzmarktes durch die Amerikaner, um dann den politischen Lehrsatz zu formulieren:

"Wir Deutschen stehen jetzt in der Welt allein."

Was hilft da noch? Ein Wille, ein "neuer Hauch von Kampfwissen, der uns mächtig macht und Widerstand gibt". Und deshalb stehen wir hinter der Regierung Cuno, sagt der Referent.

Am 23. Januar 1923 eröffnet Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) die Stadtverordnetensitzung mit einem Protest

„gegen den schweren Rechtsbruch
der Feinde im Westen“.

Den Tag darauf erscheint in der Presse der

Aufruf an alle Bewohner Naumburg Stadt
und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe!

"Der kriegerische Einbruch französischer und belgischer Truppen in das friedliche, ungeschützte deutsche Arbeitszentrum trifft unser ganzes Volk. Gegenwehr erfordert Opfer von jedermann. Rücksichtslose Requisitionen steigern, die Knappschaft der Lebensmittel zu bitterster Not. .... Nur wirklich reichlich Gaben können wirksam helfen." - Die Erklärung unterzeichneten der Allgemeine Arbeitergeberverband (Siebold), Richterbund Naumburg (Kosok), Naumburger Anwaltsverein, Naumburger Ärzteverein (Grüneisen), Verein der Oberlandesgerichtsanwälte, Gewerkschaftsbund der Angestellten (Wirth), Naumburger Beamtenbund (Meyerhoff, Ortskartell), Arbeitgeberverband der Kammindustrie (Müller), Land- und fortwirtschaftlicher Arbeitgeberverband Naumburg-Camburg (Tippe), Landrat (von Deines) und Oberbürgermeister (Dietrich).

Steinweg (2006)

Die Stadtverordnetensitzung am

6. März 1923

dominieren zwei Themen: Die Arbeitslosenfrage und die Ruhr-Hilfe. Ausserdem wird Friedrich Blüthgen (Lützowstraße 17) als Ersatz für Ernst Heinrich Bethge in die SPD-Fraktion eingeführt.

Die Stadt will sich laut einer Vorlage an der Ruhrhilfe mit einer Million Reichsmark beteiligen. Ein Stadtverordneter sieht darin eine Möglichkeit, etwas gegen die Erwerbslosigkeit zu tun. Denn wenn das dort schiefgehe, so argumentiert er, wächst die Beschäftigungslosigkeit in ganz Deutschland.

Otto Grunert (Steinweg 14) von der SPD wendet sich gegen die chauvinistische Art und Weise wie die Rechtsparteien die Ruhrhilfe betreiben. Er unterstützt zwar die Vorlage, hält jedoch dagegen:

„… die Arbeiter wollten nicht für den deutschen Kapitalisten die Kastanien aus dem Feuer holen.“

Seine Parteifreunde schließen sich diesem Standpunkt an.

Stadtverordneter Bley meint hingegen, dass die eine Million vor Ort bleiben müsse. Dieses Geld muß für die Arbeitslosen in Naumburg eingesetzt werden, fordert der KPD-Abgeordnete.

Es ist deutlich zu spüren, dass während der Ruhrkrise der militante Nationalismus in Naumburg erstarkt und sich verfestigt. "In der [Wahlver-] Versammlung der Nationalsozialisten", heisst es in einem öffentlichen Bericht vom 2. Dezember 1924, "ist wohl jeder gepackt worden von dem Sehnen nach nationaler Einheit und Freiheit."

 

Politische Krise

Wilhelm Cuno (1876-1933) war am 14. November 1922 durch den Reichspräsidenten der Republik - ohne vorherige Wahl - zum Reichskanzler ernannt worden. Die Ruhrkrise zerrüttet endgültig die Währung. Es beginnt die galoppierende Inflation. Streiks greifen um sich. Der ehemalige HAPAG-Direktor tritt am 12. August 1923 als Reichskanzler zurück. Tags darauf führt Gustav Stresemann (1879-1929) die Regierung aus einer Koalition von DVP, SPD, Zentrum und DDP. Sie setzt zunächst den Kurs des Widerstandes gegen die Franzosen fort, bis alle grosse Parteien, ausser der DNVP, am 24. September 1923 den Vorschlag über die Beendigung des passiven Widerstands im Rheinland zustimmen.

Mit Einführung der Rentenmark am 15. November
1923 gelingt der Reichsregierung die Stabilisierung der Währung.

Am 3. Oktober tritt die Regierung zurück. Reichspräsident Friedrich Ebert betraut Stresemann erneut mit der Regierungsbildung. Am 23. November 1923 verliert er im Reichstag die Abstimmung zur Vertrauensfrage, welche die SPD aufgrund des unterschiedlichen Verhaltens der Reichsregierung gegenüber Bayern und Sachsen beantragt hatte.

 

 

Die Wahlen zum
Reichstag und der Preußischen Gemeinderäte
am 4. Mai 1924

In Der Kampf um die Aufwertung (1925) zeichnet Hugo Heimann (1859-1950) die politischen Kämpfe in Vorbereitung der Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 nach. Im Jahr zuvor entwertete die Hyperinflation die Sparguthaben und Geldanlagen. Die Gläubiger fielen oft in Armut und verfluchten das Unrecht, das ihnen wiederfahren. Hingegen erfreuten sich die Schuldner nicht selten eines kolossalen Vermögenszuwachses. Viele der Geschädigten hofften auf eine Korrektur, weshalb die Losung "volle Aufwertung" die Emotionen hochschwappen liess. Es begann, was Gustav Winter als Schlusskampf gegen die Reichsbank nennt.

Die Dritte Steuernotverordnung vom 14. Februar 1924, wogegen speziell die Nichtregierungsparteien zu Felde zogen, verfügte für Pfandbriefe, Sparkassenguthaben, Lebensversicherungsverträge, Reichs-, Staats- und Kommunalanleihen eine Aufwertung um 15 Prozent. Aus den unterschiedlichsten Gründen wurde diese Marge nur selten erreicht. Überhaupt war die Wirkung der Massnahmen unbefriedigend, weshalb Forderungen nach Aufwertung nicht nicht verstummen wollten.

Wo sollte aber das Geld
für die Aufwertung herkommen?

Allein der Staat konnte es durch Besteuerung der Inflationsgewinne aufbringen. Dagegen liefen die Großindustriellen und Banken Sturm. Zunächst unterließ die Reichsregierung hierzu alle Aktivitäten. Später lehnte sie diesbezüglich alle ab.

"Diese Aufwertungsgesetzgebung wird ein dunkles Blatt in der deutschen Rechts- und Sittengeschichte bilden",

urteilt am 25. Juni 1924 Graf Arthur von Posadowsky-Wehner (Naumburg) im Aufsatz "Schutz dem versinkenden Mittelstand".

Der Wahlkampf in Vorbereitung der Reichstagswahl war nach Hugo Heimann durch die Aufwertungsdebatte bestimmt. Eigentümlicherweise war aber in Naumburg - und nur hier? - zu beobachten, dass die Wahlkampfredner das Thema Hyperinflation, Aufwertung und Geldpolitik allzu gern mieden. Meist widmten sie sich die Wahlkämpfer anderen Themen. Gezielte und durchdachte Ausweichmanöver vermengten sich bei arrivierten Politikern mit dem Hang zur Bequemlichkeit. Insofern offenbarte bereits dieser Wahlkampf tiefe Störungen im Verhältnis der Bürger zu den Parteien.

Im Rückblick entsteht der Eindruck, dass die Annahme der Sachverständigenvorschläge durch die Reparationskommission am 17. April 1924 in Paris, was tags darauf der Vorwärts (SPD) als

"vielleicht das größte politische Ereignis
seit dem Friedensschluss"

kommentierte, nicht ungelegen kam. Es fällt schwer, dieser Einschätzung zu folgen. Denn überall waren die gesellschaftspolitisch und sozialpsychologisch nicht austherapierten finanziellen, sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Folgen der Hyperinflation gegenwärtig. Millionen litten unter schweren sozialen Blessuren, die ihnen die Geldentwertung und -politik zugefügt hatte. Mittelbar war es wahrscheinlich eine Ursache für die Aufsplitterung der Parteienlandschaft. Zu den Wahlen am 4. Dezember 1924 konnte der Bürger zwischen 18 Listen zum Reichstag und 17 Listen zum Landtag wählen. "Jeder will seine besonderen wirtschaftlichen Schmerzen zur Geltung bringen" monierte am 28. November in der Parteiversammlung Oberlandesgerichtsrat Andres, 2. Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) Ortsgruppe Naumburg.

Für die Hinwendung der Parteien zum Beschluss der Reparationskommission vom 17. April 1924 gab es unterschiedliche Gründe. SPD und bürgerliche Mittelparteien signalisierten damit, dass sie bereit wären, in kürzester Frist die Gesetze und Verordnungen herauszubringen, um den neuen Mechanismus der Reparationszahlungen in Gang zu setzen. Hingegen wüteten Völkische, Kommunisten und Deutschnationale gegen alle, vornan Aussenminister Stresemann und das Kabinett Marx I (30. November 1923 bis 26. Mai 1924), die zum Gutachten der Sachverständigen eine positive Haltung einnahmen.

Wenn aufgrund der Wahlergebnisse eine neue Regierung zustande kommt, die das von den Vorgängern gegebene Wort nicht hält, warnt der bereits oben zitierte Vorwärts (SPD) eindringlich, wird ein neuer Sturm gegen das Deutsche Reich losbrechen. Daher ist es ein Verbrechen am deutschen Volke, unter solchen Umständen für Parteien zu stimmen, die die angebahnte Verständigung zerschlagen. Aber dies hatten wohl nur wenige gelesen. Denn nur knapp, mit einem Prozentpunkt Vorsprung vor der DNVP, gewinnt die SPD die Reichstagswahlen. 1920 waren es noch 21,9 Prozent.

 

Als Vorsitzender der Deutschnationalen Partei (DNVP) versicherte Doktor Oskar Hergt (*1869), Absolvent des Naumburger Domgymnasiums, dem Wahlvolk, dass er bei Regierungseintritt die Erfüllungspolitik beendet. Was war davon zu halten? Seine Lage-Beurteilung erregte schon manchmal allgemeine Aufmerksamkeit. Zum Beispiel als er am 16. Januar 1918 im Preussischen Abgeordnetenhaus ausklingelte:

"Da wird von der amerikanischen Gefahr geredet. Meine Herren, beruhigen' Sie sich: die Amerikaner können nicht fliegen und nicht schwimmen. Sie werden nie über das große Wasser kommen."

Es war nur so, dass die Amerikaner bereits im Juni 1917 mit mehr als 10 000 Soldaten in Frankreich angelandet waren. Trotzdem, "Hergt war, seit er dieses grosse Wort gelassen ausgesprochen hatte, der Liebling der Rechten." (Fischart) Was kommt diesmal? Im Regierungs-Programm äusserte die DNVP den Willen, zur Erfüllungspolitik eine Verständigung zu erreichen. Als die Wahl vorbei, überlegte es sich Hergt noch einmal. Nun hiess es, was wir den Bürgern vor der Wahl sagten, darf nicht ernst genommen werden. Dies nimmt die Volksstimme (Magdeburg) am 8. August 1924 zum Anlass, um den Leser auseinanderzusetzen:

Hergt garantiert ein Zweites Versailles.

Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Plakat etwa 72 mal 93 Zentimeter.

Und was machen die Kommunisten? Sie jagten schon manchmal der Revolution hinterher oder beteten sie herbei. Hingegen scheinen sie - in Naumburg - die Folgen der Hyperinflation und die unsoziale Geldpolitik im Wahlkampf nicht so gern anzusprechen. Vorzugsweise vermittelt sie, was das Plakat Wähler entscheidet Euch! generiert: Klassenkampf-Atmosphäre, Diktatur des Proletariats und Kampf gegen die Rechtsentwicklung in Politik und Wirtschaft. Im Vordergrund links ist Hans von Seeckt zu erkennen, von 8. November 1923 bis 28. Februar 1924 Inhaber der Exekutivgewalt zur Sicherung des Reiches gegen innere Unruhen. Am 23. November 1923 erliess er ein reichsweites Verbot der NSDAP, DVFP und KPD. - Rechts daneben Wilhelm Groener, eine Anspielung auf den Ebert-Groener-Pakt 1919. Im Hintergrund der mächtige Grossindustrielle Hugo Stinnes. An den Beinen der Generäle reckt freudig Gustav von Kahr (BVP) die Arme in die Höhe. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) leckt ihre Stiefel.

Reiht man die erreichten Stimmenanteile der Reichstags-Wahlergebnisse der KPD vom 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924 hintereinander auf, ergeben sich für Deutschland folgende Zahlen:

2,1 - 12,6 - 9,0 Prozent.

Für Naumburg Stadt:

0,6 - 12,5 - 10,6 Prozent.

 

Vier Tage vor der Reichstagswahl um 8 Uhr abends bringt DNVP-Ortsvorsitzender Oberlandesgerichtsrat Doktor Fritze im Ratskeller von Naumburg das deutschnationale Propaganda-Grossgeschütz Theodor Duesterberg in Stellung. Nach dem Deutschen Tag in Halle wird er seine Funktion als Geschäftsführer der Deutschnationalen Partei niederlegen und seine Karriere als Stahlhelm-Führer des Landesverbandes Mitteldeutschland sowie Vorsitzender der Vereinigten Vaterländischen Verbände des Bezirkes Halle a. d. S. fortsetzen. Doch jetzt kührt er den Kampf gegen die Unterjochung und Fremdbestimmung zur wichtigsten Frage der Mai-Wahlen. Das ist nur möglich, betonte der Oberstleutnant ausser Dienst,

wenn wir uns die Wehrhaftmachung
unseres Volkes nicht nehmen
lassen.

Ein famoses Vorgehen: Nicht der wirtschaftliche Ruin von Millionen Bürgern und soziale Verfall grosser Bereiche der Gesellschaft infolge Hyperinflation und Geldpolitik bereitete Sorgen, sondern die Pflege alter Feindschaften. Dazu kredenzte Duesterberg dem herzenden Publikum eine weitere Torheit aus dem deutschnationalen Geschichtsbuch: "Das Staatssystem muss zu einem jeden Volke passen, für uns passt das parlamentarische System nicht." Na dann, so der ihm zugeneigte Wähler, sollten wir jetzt die Politiker wählen, von denen wir am ehesten die Demontage der Demokratie erwarten können.

 

In die gleiche Kerbe schlägt der Völkisch-soziale Block (VSB), den Lokomotivführer Richard Gläsel (Wiesenstraße 3) anführt. Er wirbt für seine Partei mit:

"Das ist die Mission unserer Bewegung:

Hakenkreuz oder Sowjetstern!

Internationale Weltdespotie oder das Heilige Reich deutscher Nation!
Ein Deutschland muss geschmiedet werden von denen, die weder
Bürger noch Proletarier sein wollen, sondern nur Deutsche!
Wir sind die Bewegung, die noch jugendfrisch ist, die in ihrem
Glauben nur eines kennt:

Deutschland den Deutschen!

Wir lehren euch nicht vornehme, bürgerlich, gedämpft, nicht national
zu sein mit Mäßigkeit,

sondern deutsch zu sein mit heiss verzehrender Glut!

An alle Volksgenossen ergeht unser Ruf!
Werktätiges Volk am Pfluge und am Amboss, Offiziere und
Soldaten der alten stolzen Armee, Beamte, ihr berufene Diener des
Staates und ihr alle, die ihr Schaffende und nicht Raffende seid, hört
unsere Mahnung,

reicht Euch die Hände."

 

Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) antwortet.

"Die Völkischen verlangen einen neuen Krieg."

Gerichtet an den Bürger, fragt sie weiter:

"Wie werden wir ein einig Volk?

Nicht durch eine zügellose Hetze gegen politisch Andersdenkende.

Nicht dadurch, dass wir fortwährend zwei Drittel des eigenen Volkes als nicht national beschimpfen.

Nicht dadurch, dass wir die Jugend erziehen zur Rohheit und Maulheldentum und sie vorzeitig in den politischen Kampf hineinziehen.

Nicht dadurch, dass wir über mangelnde Staatsautorität jammern und gleichzeitig auf Schritt und Tritt die Vertreter des Staates lächerlich machen.

Nicht dadurch, dass wir in einer Notzeit den Kampf gegen die Republik entbrennen lassen und von der Wiedergutmachung des alten Kaiserreichs schwärmen."

Am 4. Mai plädieren durch Stimmabgabe 549 Naumburger für diesen Weg. Für den Völkisch-sozialen Block votierten hingegen 4.328 Bürger.

 

Zum 27. März lädt der VSB zur Versammlung ins Schützenhaus ein und verkündet: Wir wollen nicht länger dem ausländischen Kapital dienen. Deshalb soll ihm der mühelose Zugang zum Ertrag deutscher Arbeit abgeschnitten werden. Es kam wiedermal ganz anders.

Was der Völkisch-soziale Block begonnen, führt Georg Schiele von der Deutschnationalen Partei (DNVP) fort. Er kündigt am 28. April 1924 im Schützenhaus von Naumburg

"Das Ende der Erfüllungspolitik"

an. In einem zweistündigen Vortrag stellte er "mit grösster Objektivität und Sachlichkeit" die Reparationsfrage dar. Die Ausführungen, die grossen Anklang fanden, gliederten sich in die Abschnitte:

Wirtschaft = "Durch Opfer zur Freiheit",
Innenpolitik = "Ihr habt ja keine Macht" und
Aussenpolitik = "Ihr habt ja keine Waffen".

 

Und so sahen die Wahlergebnisse aus.

 



Ergebnisse der Reichstagswahlen in Naumburg (Saale)
am 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924


             
 
Dtl.
Dtl.
Dtl.
Naumburg
Naumburg
Naumburg
 
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
 
Prozent
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Stimmen
                   

DNVP

15,1
19,5
20,5
3271
20,9
31,0
4866
40,4
6798

VSB/
DVFP

 
6,6
3,0
   
27,5
4328
10,8
1816

DVP

13,9
5,7
10,1
5146
32,9
9,3
1457
13,9
2345

DDP

8,3
3,2
6,3
1187
7,6
3,5
549
5,6
941

Zentr.

13,6
13,4
13,7
161
1,0
1,2
191
1,2
209

BVP

4,4
3,2
3,7
           

SPD

21,9
20,5
26,0
1958
12,5
10,6
1661
14,4
2425

USPD

17,6
0,8
0,3
3826
24,5
0,7
107
   

KPD

2,1
12,6
9,0
86
0,6
12,5
1957
10,6
1776

Andere

3,1
8,5
7,5
   
1,1
175
3,1
548

DHP

1,1
               

MP

         
2,7
422
   

Wahlbtg.

79,2
77,4
78,8
           

 

                 
       
15635
100
100
15713
100
16826


Abkürzungen: Dtl.- Deutschland,
DVFP - Deutschvölkische Freiheitspartei, MP - Mittelstandspartei, DHP - Deutsch Hannoversche Partei, BVP - Bayerische Volkspartei, Zentr. - Zentrum, VSB - Völkisch-sozialer Block.

Zur Reichstagswahl am 7.12.1924, Spalte "VSB/DVLF", Ergebnis (= 1816 Wähler) für Nationalsozialistische Freiheitspartei.

 

 

In Naumburg entschieden sich für den VSB 27,5 Prozent (= 4 328 Bürger). Der deutschnationale-nationalsozialistische Machtblock vertritt 1924 rein wahltechnisch bereits 58,5 Prozent der Wähler.

Hingegen erhielten die Träger der Verständigungspolitik diesmal lediglich 20,5 Prozent der Stimmen. Drei Tage später titelt die Leipziger Volkszeitung:

100 Sozialdemokraten im Reichstag.

Das ist nicht wenig, aber kaschiert, dass die SPD unter den Erwartungen ihrer Anhängher blieb. Auf "Vereinigungsparteitag" am 24. September 1922 in Nürnberg vereinigte sie sich mit der USPD. Und so durfte man eigentlich auf Wähler aus dem Sektor der USPD hoffen, was aber so nicht eintraf.

Zugleich führt die Leipziger Volkszeitung eine kritische Abrechnung mit den Wählern der KPD. Sie könnten bald merken, dass sie eigentlich die Deutschnationalen ausgesucht hatten. Weil die Sozialdemokraten geschwächt in den Kampf ziehen, könnte es den Deutschnationalen gelingen, befürchtet am 8. August 1924 die Volksstimme (Magdeburg), zur Macht zu gelangen.

 

Zusammen mit den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 fanden die Preußischen Gemeinderatswahlen statt. Im Ergebnis zieht der Völkisch-soziale Block, was an anderer Stelle erörtert wird, und die KPD in die Naumburger Stadtversammlung ein. Landesweit konnten sich die Kommunisten gegenüber 1920 deutlich verbessern. Doch bis zu den erneuten Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924, vermag die KPD das Tempo nicht zu halten und erreicht in Stadt und Land ihr Leistungsplateau. Ein Umstand, der aus vielen Gründen unbedingt Beachtung verdient.

 

 

Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924

Dass nach den Mai-Wahlen gebildete Kabinett Marx II (Zentrum, DVP, DDP, BVP, Parteilose), stösst bald auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Zugleich gehen die bürgerlichen Parteien zunehmend auf Abstand zur SPD. Eine Koalition des Zentrums mit SPD und DNVP scheint kaum möglich. Reichskanzler Wilhelm Marx löst am 11. Oktober 1924 den Reichstag auf. Das Kabinett Marx II amtierte von 27. Mai 1924 bis 15. Januar 1925.

Im Hintergrund schwelt ein weiterer Konflikt. Mit Hilfe einiger DNVP-Abgeordneter wurde am 28. August 1924 im Reichstag der Dawes-Plan angenommen. Das rief zumindest bei einem Teil der Deutschnationalen und noch mehr bei Völkischen in Naumburg, exponiert vertreten durch Paul Hinkler (Freiburg) und Graf von Helldorf (Wohlmirstedt), einige Empörung hervor. Nach der Zustimmung einiger Mitglieder der DNVP-Reichstagfraktion zum Dawes-Plan, tritt Parteivorsitzender Oskar Hergt am 23. Oktober 1924 zurück.

 

Für die NSDAP-Ortsgruppe Naumburg bot der Dawes-Plan ein perfektes ideologisches Aufmarschfeld. Zum Sprechabend am 30. August 1928 gibt sie zu

4 Jahre Dawesmonarchie

eine Erklärung ab. Mit der Preisgabe der Währungs- und Finanzhoheit an die internationale Kontrollkommission legten "fremde Mächte die Hand an der Gurgel des deutschen Volkes". "Der Leitgedanke dieses Systems sei aber nicht der natürliche:

Erst Brot für unser Volk, dann Geld für die anderen."

 

Am

7. Dezember 1924

Plakat der SPD zu den Reichstagswahlen 1924: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie"
Reichstagswahl
. Künstler: Georg Wilke

fanden die nächsten Reichstagswahlen statt. SPD und DVP können mit ihren Wahlergebnissen die Hoffnungen als gestaltende politische Kraft erhalten. Ein Vergleich der Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924 ergibt:

21,9 / 20,5, / 26,0 Prozent

Stimmenanteil für die SPD und

13,9, / 5,7 / 10,1 Prozent

für die DVP.

1 816 Bürger (= 10,8 Prozent) entscheiden sich für die Nationalsozialistische Freiheitspartei (NSFP). Gegenüber den Mai-Wahlen bedeutet dies in Naumburg einen dastischen Rückgang (4.328 / 1.816).

Die DNVP verbessert ihr Ergebnis im Reich von 1920 bis Ende 1924 von 15,1 / 19,5 auf 20,5 Prozent. In der Geburtstadt von Oskar Hergt schnitt sie mit

20,9 / 31,0 / 40,4 Prozent (= 6 789 Wähler)

noch besser ab. Bei den Dezember-Wahlen stimmen für sie nochmal 1 600 Bürger mehr als zu den vorhergehenden Reichstagswahlen. Im Vergleich zum Juni 1920 verdoppelt sie damit sogar ihren Stimmenanteil.

Im Wahlbezirk Merseburg, wozu der Stadtkreis Naumburg (Saale) gehört, votieren für die Deutschnationalen 195 659 Personen. 1920 waren es 132 330. Der Völkisch-soziale Block (VSB) erhielt 61 756 Stimmen. (Die SPD 110 963.)

Bedenkt man einerseits die Erwartungen der politischen Rechten an die DNVP und andererseits, dass die Hälfte ihrer Reichstagsfraktion am 29. August 1924 dem Dawes-Plan trotz der enthaltenen Souverenitätsbeschränkungen zustimmte, dann überrascht ihr Naumburger Wahlergebniss vom Dezember 1924 zumindest. Möglicherweise verhalfen ihr zwei andere politische Dauerthemen zu dem passablen Ergebnis: Der Widerstand gegen die ausländische Militärkontrolle und Verpfändung der Reichsbahn. Ausserdem konnte sie Wähler von der Deutschen Volkspartei (DVP) abwerben. Wahrscheinlich wechselten zu ihr in Naumburg zwischen Mai und Dezember ein Teil von den völkisch-nationalsozialistisch orientierten Wähler. Zweifelsohne trug ebenso ihre einschmeichelnde Wahlorganisation zum Erfolg bei. „Diejenigen unserer Mitglieder, die aus Gesundheitsrücksichten nicht zur Wahl können,“ annonciert die DNVP am 17. November 1924 im Naumburger Tageblatt,

„bitten wir, sich rechtzeitig zu melden, damit die Wagen bereitgehalten werden können.“

Ihren Wahlkampf führten die Rechtsparteien mit einem finanziellen Aufwand, den Deutschland bis dahin nicht kannte. Die Grossagrarier und die Industrie, von denen sich viele während der Inflation entschulden konnten geizten nicht. Zur Finanzierung des Wahlkampfes erhob die Schwerindustrie unter ihren Mitgliedern eine Steuer von 2 bis 4 Mark pro Kopf des beschäftigten Arbeiters. (Vgl. Heimann 1925, 13)

Eine erste Analyse der Reichstagswahlen von 1924 fördert neben Einsichten, auch Widersprüchen, Unklarheiten und Rätsel zu Tage.

Die Wahlergebnisse von 1924 widerspiegeln bereits auf institutionell-parlamentarischer Ebene virtuell die Konstituierung und Existenz des deutschnational-nationalsozialistischen Machtblocks.

In den Wählkampfen wachsen zwischen den Parteien und Bürgern (unbemerkt?) tiefe Entfremdungsprozesse auf, deren Ursachen wesentlich im Zusammenhang mit der Geldpolitik stehen.

Der Deutsche Tag in Halle bringt die fehlende oder doch zumndestens mangelnde Friedenswilligkeit der Deutschen und den Stimmungsumschwung zugunsten des deutschnational-nationalsozialistischen Machtblocks in Mitteldeutschland zum Ausdruck. Die politischen Fronten verhärten sich. Es gründet sich der Rotfrontkämpferbund.

Das liberale Bürgertum wandte sich gegen die völkische und nationalsozialistische Bewegung. Doch bald ist dieser Protest nicht mehr wahrnehmbar. Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) repräsentiert das demokratisch-konservative Bürgertum. Wo artikuliert es sich nachhaltig?

In den Kommentaren zu den Reichstagswahlen vom Dezember 1924 wird oft vom politischen Raumgewinn des Völkisch-sozialen Blocks beziehungsweise der Deutschvölkischen Freiheitspartei und der Kommunistischen Partei Deutschlands gesprochen. Abgesehen davon, dass eine formale Gleichsetzung von Rechtsextremen und Kommunisten inhaltliche Fragen zur Gültigkeit der daraus abgeleiteten Aussagen aufwirft, wird dabei oft übersehen, dass die in Naumburg so einflussreiche Deutschnationale Volkspartei (DNVP) eine eminent radikale Partei verkörperte. Von einem übersteigerten und aggressiven deutschen Nationalismus durchsetzt, kehrt mit ihrem Erstarken die Rassenfrage zurück. Oskar Hergt rief bereits am 2. September 1921 auf dem Parteitag der DNVP in München den Versammelten zu, die Judenfrage sei eine Rassenfrage (Bernd 2004, 120). Gekonnt und massenwirksam bedient der Wahlaufruf der DNVP vom 25. November 1924 unter der Losung:

Christlich Völkisch-National Sozial!

völkische, nationalistische und antisozialistische Urinstinkte von bedeutenden Teilen der Stadtbevölkerung.

 

 

 

1925: Die grosse
Hindenburg-Mehrheit
in Naumburg

Im Frühjahr 1925 beginnen die Vorbereitungen zur Reichspräsidentenwahl. Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) bereitet die politische Reife des Bürgers Sorge. "Nach der Beteiligung an den öffentlichen Wahlen kann man das Gefühl der politischen Verantwortlichkeit und Reife eines Volkes beurteilen." Wer nicht zur Wahl geht ist ein "politischer Deserteur" und vernachlässigt in unentschuldbare Weise die vaterländische Pflicht.

Otto Braun kandidiert zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 als Nachfolger von Friedrich Ebert gegen Wilhelm Marx (Zentrum), Karl Jarres (DVP) und Ernst Thälmann (KPD).

Plakat: Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun.

Reichspräsidentenwahl 29. März 1925, Künstler: Gottfried Kirchbach.

Jürgen Falter (1986, 17, 147) wies nach, dass der Wahlerfolg der Nationalsozialisten von 1932 mit keinem anderen Ergebnis stärker korreliert als mit der Hindenburg-Wahl von 1925.

Am ersten erste Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 nehmen 68,9 Prozent der wahlberechtigten Bürger teil. Als Nachfolger von Friedrich Ebert kandidierte Otto Braun (SPD) gegen Wilhelm Marx (Zentrum), Karl Jarres (DVP) und Ernst Thälmann (KPD). Er erreicht aber nicht die erforderliche absolute Mehrheit. In der notwendigen Stichwahl ist nicht zu erwarten, dass ihn Bürger aus dem konservativen, deutschnationalen und deutschvölkischen Lager unterstützen. Er tritt zugunsten von Marx (Zentrum) zurück.

In Vorbereitung auf den zweiten Wahlgang formiert sich der Volksblock aus Sozialdemokraten (SPD), Deutscher Demokratischer Partei (DDP) und Zentrum zum Kampf gegen die Hindenburgfront.

 

 

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht. Aus: Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Freitag, den 24. April 1925, Seite 3

 

Die Deutsche Volkspartei (DVP) plädiert für den Sieger von Tannenberg. In Vorbereitung auf die Wahl lädt ihre Ortsgruppe Naumburg am 17. April 1925 zur Versammlung in den Rathaussaal (Naumburg) ein. Pastor Zeidler hält die Rede:

„Es kann einem Übel werden von den Wahlen mit dem Parteiengezänk und dem Aufeinanderschieben der Schuld an unserem Elende. … Was verlangen wir vom neuen Reichspräsidenten? Wir brauchen einen Mann für das ganze Vaterland, einen geschulten und bewährten Mann. Marx, der Vorkämpfer für das katholische Zentrum, ist es nicht. …

Wir erwarten [von Hindenburg] Ordnung, und das deckt sich mit seinem Geiste. … Wir brauchen einen Staat, der uns Vertrauen einflößt. Bis jetzt ist die Konjunktur Objekt für ein paar Parteimänner. Sie haben den Staat so heruntergewirtschaftet, daß die Arbeiter vergeblich arbeiteten. Die Lappen, die sie verdienten, waren nichts wert für Frauen und Kinder. …

 

Anmerkung

Zu den Vaterländischen Verbände rechnen: Alldeutscher Verband (1891), Deutscher Kolonialverein (1904 gegründet), Deutscher Wehrverein (1911), Jungdeutschlandbund. Nach dem Kriege: Nationalverband Deutscher Offiziere (N.D.O.) (1918), Marine-Offiziersverband, Reichsoffiziersbund, Reichsbund ehemaliger Kadetten, Preußenbund, Deutscher Hochschulring, Deutsche Adelsgenossenschaft, [die Wehrverbände:] Wehrwolf, Bund Oberland, Jungdeutsche Orden, Bund Wiking, Reichsverband der Baltikumkämpfer, Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser.

 

Wir brauchen Ordnung für alle Gebiete. Zu was für einem wahnwitzigen Durcheinander ist es im Schulwesen gekommen. …. Parteien müssen sein auf politischem Gebiete. Aber Hurrarufen hier und die Internationale dort, helfen nicht.“ (Wahlausschuss 1925) "Der deutsche Reichspräsident Hindenburg hurra, hurra", schallte es durch Naumburg. Begleitet von zwei Kapellen bewegt sich ein riesiger Menschenpulk vom Kaiser-Friedrich-Platz durch verschiedene Stadtteile zum Markt. Am Vorabend zum zweiten Wahlgangs der Reichspräsidentenwahl riefen die Vaterländischen Verbände zum Fackelzug auf. Tausende Anhänger der Deutschnationalen, Alldeutschen und Deutschvölkischen waren gekommen. Kamerad Loewe hält eine Rede. Er spricht über den Sieger von Tannenberg und davon, wie er den Erbfeind im Westen verjagte. Der Stahlhelmführer bezeichnet die bevorstehende Wahl als einen Wendepunkt in der Geschichte. "Ein strammer Vorbeimarsch vor dem Führer auf der Vogelwiese beendet die eindrucksvolle Feier."


Ergebnis der
Reichspräsidentenwahl
vom 26. April 1925

   
 Naumburg Stadt
Naumburg Stadt + Land
   
  Paul Hindenburg
  Kandidat der Rechtsparteien
   
12641
19336
   
74,2 %
 

 

  Marx
  Kandidat von DVP, Zentrum und SPD
 

 

3170
4193
   
18,8 %
 

 

  Ernst Thälmann
  Kandidat der KPD
 

 

1152
1614
   
6,9 %
 

 

  Wahlbeteiligung im Reich
77,6 Prozent
   

Paul Hindenburg wird am 26. April 1925 im zweiten Wahlgang mit 48,3 Prozent der Stimmen (rd. 14 639 000) zum Reichspräsidenten gewählt. Die Rechtsparteien jubeln. In Naumburg Stadt und Naumburg Land können sie ihren Stimmenanteil im Vergleich zum ersten Wahlgang erhöhen. Thälmann und Marx verlieren etwa 10 Prozent der Stimmen.

Am Tag nach der Wahl titelt der sozialdemokratische Vorwärts (Berlin) auf Seite eins oben:

„Hindenburg von
Thälmanns Gnaden“.

"Hindenburg, monarchistischer Präsident einer Republik, die eine republikanisch gesinnte Mehrheit hat? Gellender Wahnsinn! Wahnsinn aus Moskaus Küche." Der Kommentar stellt darauf ab, dass der KPD-Wahlkampf dem Kandidaten Marx (rd. 13 753 000 Stimmen) die rund 1 932 000) Thälmann-Voten entzogen hat.

An die "Die grosse Hindenburg-Mehrheit unseres Wahlkreises" knüpft das Naumburger Tageblatt die Forderung: "Scharen wir uns um den getreuen deutschen Ekkehard."

Um einen Kriegsverlängerer und Antidemokraten?

 

 

[Aufruf] "An alle Bewohner von Naumburg Stadt und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe". "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 25. Januar 1923

Bernd, Hans Dieter: Die Beseitigung der Weimarer Republik auf "legalem" Weg. Die Funktion des Antisemitismus und der Agitation der Führungsschicht der DNVP. Dissertation. Angefertigt im Fachbereich ESGW. Neue Deutsche Geschichte, Fernuniversität Hagen, Aachen, Dezember 2004

Denkschrift über den Ausbau der Besteuerung von Inflationsgewinnen. Ausgegeben am 23. April 1925. Reichstagsprotokolle. N 803, 1924/ 28,17. Der Reichsminister der Finanzen. Herausgegeben vom Reichsfinanzministerium. Berlin, April 1925

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht: Aus: Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Freitag, den 24. April 1925, Seite 3

Der Kampf um die Aufwertung. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes." Leipzig, den 14. Juli 1925

[DDP] Wie werden wir wieder frei? [Wahlwerbung der Deutschen Demokratischen Partei, DDP]. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. Mai 1924

Die Sachverständigen-Gutachten: die Berichte der von der Reparationskommission eingesetzten beiden Sachverständigenkomitees vom 9. April 1924 nebst allen Beilagen. Einzige autorisierte Ausgabe in Auftrage des Auswärtigen Amtes amtlicher Text der Reparationskommission in französischer und englischer Sprache und amtliche deutsche Übertragung. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1924

Die grosse Hindenburg-Mehrheit unseres Wahlkreises. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. April 1925

100 Sozialdemokraten. "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei." [Abkürzung VS] Magdeburg, den 8. Mai 1924

Falter, Jürgen, Thomas Lindenberger und Siegfried Schumann: Wahlen und Abstimmung in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten 1919-1933. Verlag C.H. Beck, München 1986

Fischart, Johannes: Oskar Hergt. Die Weltbühne, XVIII. Jahrgang, 26. Januar 1922, Nummer 4, Seite 85 bis 88

Heydeloff, Rudolf: Staranwalt der Rechtsextremen. Walter Luetgebrune in der Weimarer Republik. In: Vierteljahres Hefte für Zeitgeschichte. München, 32 (1984) Heft 3, Seite 373 bis 421

Heimann, Hugo: Der Kampf um die Aufwertung. Von Helfferich bis Hindenburg. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1925

Hindenburg von Thälmanns Gnaden. Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei. Berlin, den 27. April 1925

Holzbach, Heidrun: Das "System Hugenberg". Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1981

[Keil, Wilhelm] Redebeitrag des Abgeordneten Keil, SPD. Zweite Beratung des Aufwertungsgesetzes. 91. Sitzung, Freitag, den 10. Juli 1925. Verhandlungen Reichstages. III. Wahlperiode 1924. Band 386 Stenographische Bericht vom 12. Juni 1925 bis 17. Juli 1925. Druck und Verlag der Reichstagsdruckerei, Berlin 1925, Seite 2934 bis 2941

Liebe, Werner: Die Deutschnationale Volkspartei 1918-1924. Droste Verlag, Düsseldorf 1956

Naumburg am Wahltage. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 8. Dezember 1924

Naumburg im Kerzen und Fackelschein. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 29. April 1925

Öffentlicher Sprechabend der Nationalsozialisten über "4 Jahre Dawesmonarchie in der Republik". "Naumburger Tageblatt", Naumburg, dem 30. August 1928

[Parteiversammlung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) Ortsgruppe Naumburg, der Nationalsozialisten und anderer.] "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 2. Dezember 1924

Öffentliche Volksversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Januar 1923

Posadowsky-Wehner, Arthur Graf von: Wahlbeteiligung ist politische Reife. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 25. April 1925

Posadowsky-Wehner, Arthur Graf von: Die Technik der Aufwertung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 5. Dezember 1925

[Reichskrone, Mitteilung über die] "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 3. Mai 1924

[Spahn, Martin] Reichstagsabgeordneter Martin Spahn in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, am 25. Januar 1925

Sieg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. April 1925

Sternthal, Friedrich: Jubiläum eines Propheten [Zu Oskar Hergt]. Die Weltbühne XXIV., Jahrgang, Nummer 3, Berlin, den 17. Januar 1928, Seite 110

Volk, entscheide Dein Schicksal. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 18. April 1924

Wahlaufruf der Deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1924

Wahlausschuss Hindenburg. Vortrag des Pastors Zeidler aus Holzhausen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. April 1925

 

Plakat: Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun, Reichspräsidentenwahl 29. März 1925. Künstler: Gottfried Kirchbach. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie. Reichstagswahl 4. Mai 1924 oder 7. Dezember 1924. Künstler: Georg Wilke. Friedric- Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat: Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

 


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005. Aktualisiert: 18. Juni 2008
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