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Der Stahlhelm war in der Stadt Naumburg eine mächtige politische Organisation mit paramilitärischen Charakter und extrem nationalistischen Erziehungszielen. Sein Leitbild orientiert sich am Mythos des deutschen Frontsoldatentums. Die Anzahl der Mitglieder übertraf bei weiten die Summe aller Aktiven in den übrigen Parteien. Der ideologische Apparat des Bundes der Frontsoldaten steht im Dienst der politischen Rechten bis Ultra-Rechten. Zwar gibt die Organisation im Statut vor unpolitisch zu sein, tatsächlich segelt sie aber seit Jahren im "rechtsradikalen Fahrwasser. Seitdem der Hallenser Oberstleutnant  a. D. Duesterberg die Leitung an sich gerissen hat," analysiert der sozialdemokratische Vorwärts (Berlin) am 27. November 1925, "gibt es kein Halten mehr." Zum "ersten Frontsoldaten" erkoren die Kameraden Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Noch im status nascendi, kämpfte der Wehrverband bereits im Kapp-Putsch und Leuna-Aufstand gegen die streikenden und rebellierenden Arbeiter. Anfang August 1923, berichtete der Volksbote (Zeitz), versetzten die Kameraden Kappstadt (= Naumburg), um die kommunistische Gefahr abzuwehren, in den Kriegszustand. Stand aber die moralische Verurteilung der "Fememörder" an, dann stellte sich die Organisation uneingeschränkt hinter sie. Die Wehrerziehung der Stahlhelm-Jugend operierte zur Gesundung des Volkskörpers im Sog eines extremen Nationalismus. Einen Höhepunkt des Gemeinschaftslebens bildeten die Reichsfrontsoldaten-Treffen und die Wehrsportwettkämpfe. Zum Beispiel messen die Kameraden am 14. Oktober 1928 zum Sporttag des Landesverbandes Mitteldeutschland beim Gruppenmehrkampf mit Gepäckmarsch ihre Kräfte, üben die Rad- und Kraftwagen-Geländefahrt und das Jadg- und Patroullien-Springen. Bei feierlichen Anlässen sangen sie manchmal den ersten Vers des Flottenliedes: Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiss-Rot.

1928 heisst es wählen! Der Bund der Frontsoldaten Naumburg drängt die Bürger zur Reichstagswahl, "damit die Rechtsparteien so stark wie möglich aus dem Wahlkampf hervorgehen und in der Lage sind, auch ohne Beteiligung einer roten Partei mit ihrer Mehrheit eine feste, dauerhafte Regierung zu bilden." "Wir brauchen einen anderen Staat", artikuliert Duesterberg am 2. Oktober 1931 in seiner Rede vor dem Nationalclub in Hamburg seine politischen Vorstellungen. "Ebenso wie der Russe die Knute braucht, so der deutsche die Zucht." Der Stahlhelm bewahrte den Frontgeist, bekannte sich zum Konzept des Deutschtums und verhinderte die Demobilisierung des Feindbildes von 14/18. Sein Beitrag zur "Selbstbehauptung einer Welt von Feinden gegenüber" (Hindenburg 1927) war vielen willkommen, zumal es mit den bekannten Vorurteilen gegenüber dem Osten, Polen und Sowjetunion, einherkam. Um die sozialdemokratisch geführte Koalitionsregierung unter Otto Braun (SPD) zu stürzen, stiftete er zum 9. August 1931 einen Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtags an. Zur Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 einigen sich Stahlhelm und DNVP auf den 2. Bundesvorsitzenden des Stahlhelms Theodor Duesterberg (1875-1950) als gemeinsamen Kandidaten.

Der Stahlhelm prägte das politische Antlitz und Klima der Stadt Naumburg. Er betrieb eine Armenküche, unterstützte Kriegsgeschädigte und legte ein Waffenlager an. 1932 organisierte er das Arbeitslager im Grochlitzer Gries (Naumburg). Für seine Mitglieder erbrachte er interessante soziale Leistungen.

Alles in allem lehnten die Kameraden die Weimarer Republik ab. Obwohl, wie sie sagen, oft von ihnen enttäuscht, arbeiteten sie mit der Deutschnationalen Partei (DNVP) und der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) eng zusammen. Antidemokratisch ausgerichtet, nutzte der Stahlhelm den Parlamentarismus in seiner "jämmerlichen Form" aus und warnte die Bürger:

"Würde den Sozialdemokraten und Kommunisten das Feld allein überlassen, dann, lieber Michel, wirst du dein blaues Wunder erleben."

 

 

Der Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten

 

Franz Seldte

wird am 29. Juni 1882 als Sohn des Fabrikanten Wilhelm Seldte in Magdeburg geboren. Nach dem Studium der Chemie an der Technischen Hochschule Braunschweig leistet er als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst. 1908 übernimmt er die väterliche Mineralwasserfabrik. Vor dem Krieg zeigt er wenig Interesse für die Politik. Viel lieber befasst er sich mit Reiten, Fechten Turnen und Bergsteigen.

1914 rückt er als Führer der Maschinen-gewehrkompanie des Infanterieregiments Nr. 66 in den Krieg. Im Juni 1916 steht er an der Somme in heftigen Gefechten mit den Engländern. Der Schütze verliert hier seinen linken Unterarm. Nun folgen ein neunmonatiger Zwangsaufenthalt im Lazarett und Einsatz in der militärischen Abteilung des Auswärtigen Amtes. Ende März 1918 erkrankt er an Malaria.

Am 9. November 1918 befindet sich der Offizier auf Heimaturlaub in Magdeburg. Mit Gleichgesinnten versucht er der "Meuterei" sich entgegenzustellen. In den "Tagen der Schmach" und des "Zusammenbruchs wird die Idee des Stahlhelms geboren. Zusammen mit seinen Brüdern Georg und Eugen sowie einer Schar Frontsoldaten gründet der politische Missionar am 25. Dezember 1918 den deutschnational, monarchisch ausgerichteten Wehrverband "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten". Die konstitutive Versammlung tagt am 21. September 1919 im Saal des Gesellschaftshauses Hohenzollern in Magdeburg. Der Wehrverband entwickelt sich zu einer schlagkräftigen Organisation gegen die republikanische Verfassungsordnung. Verbissen kämpft Franz Seldte mit seinen Kameraden gegen den Versailler Vertrag und die alliierten Reparationsforderungen. Besonders interessant machte er sich politisch durch sein Eintreten für die Aufhebung der Rüstungsbe-schränkungen.

Der Bundesführer ist Mitglied der DNVP.

Zusammen mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und der Deutschnationalen Volkspartei organisiert der Stahlhelm das Volksbegehren gegen den Young-Plan. Mit Adolf Hitler (NSDAP) und Alfred Hugenberg (DNVP) gründet Seldte im Oktober 1931 die "Harzburger Front" zur Bekämpfung der Weimarer Republik.

Am 6. September 1933, weiht Fritz Seldte, nun Reichsarbeitsminister (1933) und Reichskommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst, das Langemarck-Denkmal in Naumburg ein.

Vor Beginn des gegen ihn angestrebten Kriegsverbrecher-prozesses stirbt Franz Seldte am 1. April 1947 in einem amerikanischen Militärlazarett in Fürth.

 

Den Stahlhelm gründete am 25. Dezember 1918 in Magdeburg der Hauptmann der Reserve und Fabrikbesitzer Franz Seldte zusammen mit Offizieren und Soldaten des 66. Infanterieregiments. Ein Flugblatt aus der Gründerzeit stellt kurz und knapp seine Ziele und Aufgaben dar. Die Ortsgruppe Halle (Saale) wirbt 1919:

"Der Stahlhelm Bund - Bund der Frontsoldaten - tritt ein für die Interessen der Frontsoldaten, Kriegsgeschädigten und Kriegshinterbliebenen."

Für körperlich taugliche Mitglieder galt seit 1928 die Wehrsportdienstpflicht.

Im Stahlhelm organisierten sich alte Kriegskameraden, vom Krieg traumatisierte, Antirepublikaner, Kriegsromantiker und Chauvinisten mit Sendungsbewusstsein. Bekannte Mitglieder des Stahlhelms waren General Maercker, Major Georg von Neufville, Major Fanz von Stephani, Rittmeister v. Morozowisz, Major a.D. Ausfeld, Rittmeister Graf Dohna, Major Graf zu Eulenburg, Generalmajor a.D. Czettritz, Oberst a.D. Duesterberg (Halle) und Max Jüttner (Naumburg / Halle). Unter den 26 Führern von Landesverbänden und Gauen von 1927 befanden sich, ermittelte 1966 Kurt Finker, 15 Adlige, darunter 5 Grafen. Ihre militärischen Dienstränge gliederten sich in: 4 Generäle, 3 Oberste, 2 Oberstleutnants, 4 Majore, 2 Rittmeister, 1 Oberleutnant, 1 Reserveoffizier und 1 Heerespastor.

In Mitteldeutschland beginnt die Geschichte des Stahlhelms 1919 mit der Bildung der Einwohner- oder Bürgerwehren zur Niederschlagung der Arbeiter- und Soldatenräte. "Im Raum Halle.... wurde der Stahlhelm in den bürgerkriegsähnlichen Kämpfen mit den Kommunisten und den mit ihnen vielfach vereinigten Sozialdemokraten zu einer aktivistisch und entschieden radikal eingestellten Organisation, die zeitweise freikorpsähnlichen Charakter hatte und schon früh auch jüngere Nichtfrontsoldaten in ihre Reihen aufnahm." (Klotzbücher 1965, 9, Der politische Weg des Stahlhelms)

Obergauführer Rechtsanwalt Loewe erklärt am 22. Januar 1930 im Naumburger Ratskeller zur Reichsgründungsfeier das programmatische Selbstverständnis des Stahlhelms:

Wir haben uns "hier in dem alten Geiste preußischer Gesinnung", "unter faszinierenden Klängen des Präsentiermarsches" versammelt.

Wir stehen zur "altpreußischen Opferwilligkeit und Treue bis in den Tod" und sind gegen die "sozialistische Mißwirtschaft".

"Für uns die Zeit, unsere Stunde kommt, dann heißt es, auf dem Plane zu sein."

Richtungsweisend für die politische Tätigkeit des Stahlhelms sind besonders die Beschlüsse des Bundesvorstandes vom 22. und 23. September 1928 in Magdeburg:

"Der Stahlhelm, B.d.F., lehnt die Teilnahme an Veranstaltungen, bei denen schwarz-rot-gold geflaggt wird, grundsätzlich ab."

"Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, fordert …. die Reichsregierung auf, sich mit aller Kraft für die Wiedererlangung der deutschen Rüstungsfreiheit einzusetzen." (Sh 29.9.1928)

Im Oktober 1926 erlässt der Stahlhelm die Parole:

"Hinein in den Staat!
Erobert den Staat!"

Als Ehrentag feiert er nicht den 11. August 1919, sondern den Tag der Reichsgründung am 18. Januar 1871. Im September 1928 erklärt der Landesverband Brandenburg in der Fürstenwalder Hassbotschaft:

"Wir hassen mit ganzer Seele den augenblicklichen Staatsaufbau, seine Form und seinen Inhalt, sein Werden und sein Wesen."

"Der Stahlhelm war vielleicht unbewusst vom ersten Tage an politisch", erklärt Oberstleutnant a. D. Duesterberg am 2. Oktober 1931 (9) vor dem Nationalclub e.V. Hamburg, "denn er wandte sich mit der Waffe, mit dem Knüppel gegen die marxistischen Banden." Er unterstützte die Revisionspolitik, was besonders der NSDAP dienlich. Diese Politik brachte Theodor Duesterberg am 17. April 1931 zur Stahlhelmkundgebung in Naumburg so an den Mann:

"Im Osten sei das Deutschtum durch Polen stark bedroht. Die Polen strecken ihre Hand weiter nach Deutschland aus."

 

 

Aus der Geschichte des Stahlhelms
     

Franz Seldte gründet 1918 in Magdeburg den Stahlhelm - eine Bewegung von ehemaligen Kriegsteilnehmern mit "unverdautem Fronterlebnis" (Volksbote, Zeitz).

Der Verband ist streng nationalistisch, antiparlamentarisch und -republikanisch ausgerichtet.

Otto Hörsing, Präsident der Provinz Sachsen, teilt am 2. Juli 1922 der Bundesleitung des Stahlhelms mit, daß sie aufgelöst sind. Am 26. Januar 1923 erfolgt auf Beschluss des Staatsgerichtshofs seine Wiederzulassung.

Georg Maercker: "Juden können nicht in den Stahlhelm aufgenommen werden." (Nach Berghahn 66)

1930 zählt die Vereinigung 500 000 Mitglieder und steht der DNVP nahe.

Im August 1931 scheitert ein vom Stahlhelm initiierter Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtags.

Am 11. Oktober 1931 schließt sich der Stahlhelm mit der DNVP und der NSDAP zur

 

Harzburger Front zusammen.

Am 22. Februar 1933 macht Göring 40 000 SA- und SS-Leute sowie 10 000 Stahlhelmmitglieder zu Hilfspolizisten.

Die Anhänger des Stahlhelms werden in die SA eingegliedert und orientierten sich politisch nun an der NSDAP.

Franz Seldte wird nach der Machtübernahme zunächst Reichsarbeitsminister.

Die "Geheime Staatspolizei" Berlin informiert am 31. Oktober 1933 die Staatspolizei Halle, daß die "illegale Leitung der KPD" erneut darauf aus ist, "möglichst viele Marxisten und Kommunisten" in den Stahlhelm einzubringen (vgl. Gestapo II D-229/105, 1.10.1933).

1934 wird der Stahlhelm unter der Bezeichnung "NS-Frontkämpferbund" (NSDFB) in die Sturmabteilung (SA) eingegliedert und 1935 ganz aufgelöst.

1951 gründet sich der Stahlhelm in der Bundesrepublik Deutschland neu.

 

 

Stahlhelm Ortsgruppe Naumburg

Kamerad Loewe

1921 gibt die Formation Dennhardt in Halle den Anstoß zur Gründung von Ortsgruppen. In Naumburg und Zeitz entstehen sie im Oktober 1921. "Naumburg wurde Vorort des Untergaus und erhielt damit Befehlsbefugnis über die gesamten Ortsgruppen der Landkreise Weißenfels, Zeitz, Querfurt, Naumburg, Eckartsberga, Buttstädt, Buttelstedt sowie des nordöstlichen Thüringens." (Stahlhelm 1925, 145 f.)

Im politischen Leben der Stadt spielt der Stahlhelm Bund der Frontsoldaten mit seinem Vorsitzenden Rechtsanwalt Loewe (Kösener Straße 55) eine eminent bewußtseinsbildende und politisch gestaltende Rolle. Ihm assistieren Kamerad Haase (Presse), Kamerad Rothmaler (Geschäftsführer), Kamerad Altenburg (Stellvertreter des Gauführers) und Kamerad Gratz (Kasse).

Kamerad
Rothmaler
Kamerad
Altenburg
Kamerad
Haase
Kamerad
Gratz

Aber die "Seele der ganzen Stahlhelm-Bewegung im Gau ist Kamerad Loewe-Naumburg, dessen aufopfernder Tätigkeit die Gründung und der immer stärkere Ausbau der Ortsgruppe Naumburg zu einem wirklichen Vorort des ganzen Gaues wie dessen planmäßige Weiterentwicklung zu danken ist." (Stahlhelm 1925, 147)


10. Juni 1922
Gründung des Stahlhelms in Freyburg (Unstrut) auf dem "Edelacker". Ortsgruppen-Vorsitzender Paul Hinkler, später NSDAP-Gauleiter Halle-Merseburg. Führer vom Stahlhelm Freyburg 1924 bis 1928: Dr. Petter.

"Untergauführer waren in Naumburg der Gauführer selbst, in Weißenfels der Führer der Bezirksgruppe Weißenfels, Kamerad Knebel, im Untergau Unstrut" - man horche auf und erinnere sich an die Verbindung der Ortsgruppe der NSDAP Naumburg: "Graf Helldorf-Wollmirstedt, später Graf Schulenburg-Burgscheidungen, in Buttstädt Kamerad Wohlmann-Guthmannshausen, in Saale-Thüringen Kamerad Dr. Schauen-Camburg, später Kamerad Hellwig Jena." (Ebenda 146) Die größeren Ortsgruppen wurden zu Bezirksgruppen zusammengefasst.

Nach der Aufhebung des Stahlhelm-Verbots Anfang 1923 erstarkt dieser schnell.

Um 1930 gliedert sich die Struktur des Stahlhelms in die Kreisgruppe Naumburg-Stadt (Vorsitzender Rechtsanwalt Loewe) und dem "Gauverband Naumburg" (Vorsitzender Rothmaler, Georgenberg 7).

 

Antifaschistentag und Machtübernahme

Otto Hörsing, Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen, verbietet am 2. Juli 1922 den Stahlhelm aufgrund seines militanten und antidemokratischen Charakters. (Siehe Rathenau-Mord.) Bereits am 26. Januar 1923 verfügt der Staatsgerichtshof seine Wiederzulassung. An ihren Zielen hält die Organisation fest.

Ruhrkrise, Unruhen, Streiks (11. August), Reichsexekution (Sachsen, Thüringen) und Hamburger Aufstand (23. Oktober) jagen durch das Jahr 1923. Die bürgerliche Mitte-rechts-Regierung mit Reichskanzler Wilhelm Cuno (1876-1933) gerät in eine tiefe Krise. Am 12. Juli 1923 veröffentlicht die KPD-Zentrale in der Roten Fahne den Aufruf An die Partei!. Darin appelliert sie an die Mitglieder "mit allen Mitteln des Massenkampfes der Cuno-Regierung, den Vorbereitungen der "militärisch-faschistischen Konterrevolution" und den "hochverräterischen Umtrieben" der rheinisch-westfälischen Separatisten entgegenzutreten. Als die Kommunisten (KPD) wenig später, also am 29. Juli einen Antifaschistentag durchführen wollen, erkennt die Regierung darin einen ersten Schritt zum bewaffneten Aufstand. In Naumburg herrscht eine angespannte politische Atmosphäre. Vierundzwanzig Stunden vor dem Antifaschistentag instruiert das Naumburger Tageblatt die Bürger:

"Die Polizeiverwaltung bringt im heutigen amtlichen Teil das Versammlungs- und Umzugsverbot in Preußen zur öffentlichen Kenntnis. Die hieran geknüpfte Mahnung an die Bürgerschaft, sich von der geplanten kommunistischen Ansammlung fernzuhalten und zweckloses Umherstehen auf Straßen und Plätzen zu vermeiden, wird dringend allgemeiner Beachtung empfohlen."

Am nächsten Tag marschiert die Naumburger Polizei völlig überrüstet auf. Durch "Aufstellen schwer bewaffneter Posten", trug sie vielleicht zur Beunruhigung des Publikums bei. "Nach uns gewordenen Mitteilungen sind harmlose Passanten, ja sogar Handwerksburschen (!) von diesen Posten angehalten und nach Waffen durchsucht worden", schildert der Volksbote (Zeitz) die Lage. Die Kommunisten ziehen sich in den Bürgergarten zurück und unternehmen einen Ausflug zum Knabenberg, einem bewaldeten Höhenrücken auf der rechten Seite der Saale über Schulpforta und Almrich. Doch nicht die Polizei oder die Kommunisten sind Herr über der Stadt, sondern der Stahlhelm.

Blick in Richtung
Dunkelbergs Garten
Spechsart 26 (2008)

Aber wer "nicht blind war," fährt der Volksbote fort, "musste schon am Sonnabendnachmittag merken, wie eine Menge Gestalten auftauchten, die man auf den ersten Blick als Mitglieder des Stahlhelms erkannte, trotzdem keiner von ihnen das Zeichen ihrer Würde am Sonnabend oder Sonntag angelegt hatte. Anscheinend war wieder der weitere Umkreis von Naumburg hier zusammengezogen und bezog nun in der Hauptsache im Grundstück des Landesbundes Hallesche Straße und im Restaurant Dunkelberg am Spechsart wie im Kriege reich mit Stroh ausgestattete Massenquartiere. Das echt militärische Leben, das sich nun dort entfaltete, ließ die Anwohner der betr. Stadtteile nicht in den Schlaf kommen, nur die Schutzpolizei schien davon nichts bemerkt zu haben. Die oben angegebenen Lokale waren nach allen Regeln der Kriegskunst gesichert. Posten aufgestellt, Patrouillen ausgesandt, Radfahrer, Motorräder, Autos kamen und gingen und brachten Meldungen über die Lage. Die Gäste des Restaurants Dunkelberg, das viel von Ausflüglern besucht wird, durften das Restaurant bzw. das Kriegslager nicht betreten, jeder Ankommende wurde nach dem Urlaubsschein gefragt, wer ihn nicht hatte, musste die heute ungastliche Stätte verlassen .…

Nach uns gewordenen Mitteilungen sollen aber auch öffentliche Gebäude, wie das Rathaus,

von Stahlhelmleuten besetzt

gewesen sein. Wir halten das vorerst für unglaublich ….

Wie ist das überhaupt möglich, daß unter den Augen der Polizei bzw. der Schutzpolizei sich eine derartige militärische Organisation breit machen kann, die sogar mit Waffen (Karabinern, Revolvern, Dolchen) versehen gewesen sein soll. Herr Polizei-Dezernent, hier gibt es Arbeit! Wir bleiben immer noch bei der Behauptung, daß Naumburg der Herd und Stützpunkt der antirepublikanischen Organisation ist und daß auch Waffen dafür vorhanden sind." (Naumburg, Kappstadt 1923)

 

 

Stahlhelm-Führertagung 1927 in Naumburg

Erholung, Karl-Seyferth-Straße (2004)

 

Über die Stahlhelm-Führertagung am 8. und 9. Oktober 1927 mit etwa 600 Gästen kommt nicht nur bei den Hotel- und Gaststättenbesitzern Freude auf. Die nationaldeutsch gesinnten Bürger vergessen den gemütlichen Abend am Samstag mit der Stahlhelmkapelle in der Erholung und im Schützenhaus nicht so schnell.

Das Treffen vermittelt einen Einblick in die politische Denkweise und Ziele der Stahlhelm-Mitglieder in Mitteldeutschland.

Am Sonnabendnachmittag treffen sich die Stahlhelmkameraden des Landesverbandes zur Beratung in der Erholung. Zuvor holten sie gegen 14 Uhr mit einer kleinen feierlichen Zeremonie ihren Bundesführer Fritz Seldte vom Bahnhof Naumburg ab.

Als Gäste begrüßt Kamerad Loewe von der Ortsgruppe Naumburg Vertreter vom Scharnhorstbund, die Bundesführerin des Königin-Luisen-Bundes und die Presse. Dann legt der Führer des Landesverbandes Gau Halle Theodor Duesterberg los:

Der Stahlhelm steht im Ringen zwischen Idealismus und Materialismus, zwischen Heroismus und Händlergeist.

"Mehr denn je ist die deutsche Rasse und Kultur, die deutsche Seele bedroht vom jüdisch-marxistischen Geist, von diesem furchtbaren Polyp, der alles umklammert, auslaugt und vernichtet."

Deshalb muss sich der Stahlhelm mit seinen vielen neuen Ortsgruppen im Raum Saale und Thüringen gegen die jüdisch-marxistische Verlumpung der Politik und den Feind, der noch mit 70 000 Soldaten am Rhein steht, wenden.

Als letzter Redner am Sonnabend tritt Stahlhelmkamerad Doktor Georg Schiele aus Naumburg auf. Was er zu sagen hat, ist nicht neu, doch man hört es in diesem Kreis immer wieder gern:

"Wir sind das Volk ohne Raum. Wir sind der Vulkan Europas."

Nach einer berauschenden Nacht mit den Stahlhelmkapellen in der Erholung und im Schützenhaus, geht am Sonntag die Beratung in den Ratskellersälen weiter. Es spricht Bernhard Rausch. Sein Thema, die soziale Frage, lässt dies nicht unbedingt vermuten, aber ihm gelingt es, die Extreme weiter zu steigern. "Es ist schweres deutsches Schicksal," sagt der ehemalige Pressereferent von Reichswehrminister Gustav Noske,

"dass der Marxismus, diese trübe Mischung revolutionären Klassenkampfes nach innen und pazifistischer Ohnmachtspolitik nach außen, in Deutschland entstanden ist und hier seine stärkste Vertretung gefunden hat. Das ist ein Ausfluß des Geistes der Zwietracht, der sich wie ein Fluch durch unsere Geschichte zieht …"

Ganz ähnliche Sätze formuliert die DNVP und NSDAP.

Die Stahlhelm Führertagung 1927 in Naumburg prägte eine geopolitische Revisionskultur und war begleitet von einem militaristischen Zeremonien und Symbolik. Sie widerspiegelt die essentiellen Ziele der Stahlhelmführung in Mitteldeutschland.

Im Herbst und im Winter 1928 trifft Hitler mehrmals mit Theodor Duesterberg zusammen. (Vgl. Stachura 97)

 

 

Zu Theodor Duesterberg

Besonders beliebt war in Naumburg Oberstleutnant a.D. Duesterberg aus Halle (Saale). Der zweite Bundesführer des Stahlhelms verlieh dem nationalen Gedanken in den Versammlungen der Deutschnationalen Volkspartei und Kundgebungen eine unübertroffene Zugkraft. Dabei liess er seinen Unmut über die Politik der Mittelmässigkeit und Charakterschwäche, womit die Sozialdemokratie gemeint, freien lauf.

Theodor Duesterberg wurde am 19. Oktober 1875 in Darmstadt geboren. Der Sohn eines Oberstabsarztes absolvierte in Darmstadt das Ludwigs-Gymnasium und in Hannover das Kaiser-Wilhelm Gymnasium. Danach durchlief er die Ausbildung an der Kadettenschule in Potsdam, die Hauptkadettenanstalt in Groß-Lichterfelde und die Kriegsschule in Metz.

Am 22. März 1893 erfolgte der Eintritt als Portepee-Fähnrich in das 3. Hanseatische Infanterie-Regiment Nr. 75 in Bremen. Ab 1894 Offizier.

1898 Adjutant im 1. Bataillon des Hanseatischen Infanterie-Regiment Nr. 75.

1900 bis 1901 Teilnahme am China-Feldzug im Ostasiatischen-Infanterie-Regiment. Beteiligt an der Einnahme von Peitangforts. Dabei beim Vormarsch auf Paotingfu.

1903 Kriegsakademie Berlin.

1905 Abkommandierung in den Grossen Generalstab.

1908 Beförderung zum Hauptmann und Kompanieführer
im Infanterie-Regiment 131.

1913/14 Tätigkeit im Preussischen Kriegsministerium.

1914 Kriegsdienst. Kampfeinsatz vor Lüttich.
Bataillonskommandeur des Grenadier-Regiments 89.

Beförderung zum Major.

Ab Oktober 1914 Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 15.

Frühjahr 1915 Versetzung in den Stab der 13. Infanterie-Division. Auftrag von Kriegsminister Falkenhayn zur Koordination der Unterstützung der Verbündeten im Zusammenarbeit mit der Oberen Heeresleitung.

1918 Mitglied der Waffenstillstandskommission. Teilnahme an den Verhandlungen in Bukarest.

Seit 1. Oktober 1919 Geschäftsführer der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) von Halle-Merseburg.

Seit Dezember 1919 Mitglied der Stahlhelm-Ortsgruppe Halle.

Ab Januar 1923 Führer des Stahlhelms Halle. Seit Frühjahr 1923 dritter Bundesführer des Stahlhelms.

1923 Beendigung der Tätigkeit als Parteigeschäftsführer bei der DNVP.

Am 9. März 1924 übernahm Duesterberg die Aufgabe des Stellverteter des Bundes der Frontsoldaten.

"Im Herbst und im Winter 1928 traf Hitler mehrmals mit Theodor Duesterberg zusammen …" (Stachura 97)

Der Stahlhelm Landesverband Mitteldeutschland hält am 1. November 1931 in Eisleben seine Führertagung ab. Oberstleutnant a. D. überbringt seinen Kameraden die Botschaft: "Die Zeit ist reif zur Übernahme der Regierung im Reich und in den Ländern durch die nationalen Kräfte. Liberalisierung, Demokratie, Parlamentarismus und Marxismus sind als geistig unfruchtbar befunden, sie müssen durch gesundes urdeutsches Gedankengut verdrängt werden."

Am 13. März 1932 kandidiert Duesterberg für den Kampfblock Schwarz-Weiß-Rot auf der Liste der DNVP für das Amt des Reichspräsidenten. Für ihn entscheiden sich 6,3 Prozent der Wähler. Carl von Ossietzky schreibt über seine "düstere Rolle": "Jedoch Herr Oberstleutnant Duesterberg, der Chef des Stahlhelms, steht diesmal gegen Hindenburg. Der Kandidat Duesterberg zeichnet sich nicht durch politische Reize aus. Er vertritt jenes mißgelaunte spießerliche Patriotentum, das auf die Gongschläge der Weltgeschichte mit dem ewig gleichen verzogenen Mopsgesicht reagiert. So steigen jetzt beflissene Biographen in die ruhmreiche Vergangenheit des Mannes, und da sie nichts ans Licht fördern als gleichgültige militärische Beförderungsdaten, so teilen sie die mit, als hätte an diesen Tagen die Welt gewackelt."

"Bereit sein ist alles", lautete sein Motto in Eisleben. Trotzdem will ihn Hitler an der Regierung nicht beteiligen.

Duesterberg wird am 29. Juni 1934 ins KZ Dachau und später in das Kolumbia-Haus (Berlin) verschleppt.

"Viele unbekannte Stahlhelmkameraden saßen in Gestapogefängnissen und KZ`s ...", schreibt Theodor Duesterberg in "Der Stahlhelm und Hitler" (1950).

Theodor Duesterberg stirbt 1950.

 

 

Die Wettiner Rede (1930)

1929 zählte der Stahlhelm etwa 500 000 Mitglieder. Einst entstand der Wehrverband als Sammlung von Weltkriegskämpfern, von dem nicht wenigen der Hass auf die Novemberverbrecher, Friedenspolitik und Sozialisten wie Kommunisten in die Wiege gelegt war. Wohin führt sie nun ihr Weg?Die Richtung weist Doktor Georg Schiele aus Naumburg auf der Führertagung des Mitteldeutschen Landesverbandes des Stahlhelms vom 29. November bis 1. Dezember 1930 auf Burg Wettin. Die Lasten die auf dem deutschen Volk liegen, so beginnt er seine Rede, sind zu beseitigen. Die erste Tributlast ist die von Versailles.

Doch damit ist es nicht getan. Deutschland drückt eine zweite Last, erklärt er den Stahlhelm-Kameraden, "und die ist noch viel schwerer". "Das ist der in Reich und Staat und Gemeinden regierende Marxismus oder Sozialismus, welcher unsere Gesetzgebung beherrscht; der kostet uns mindestens eben soviel Geld."

Wohin will Schiele mit dem Stahlhelm-Landesverband Mitteldeutschlands? Denken wir uns die Marxisten weg, ist dann Deutschland frei?, überlegt er. "Nein, dann kommt die dritte Last auf dem Rücken des armen deutschen Kamels. Ich meine diese lebendige Last. Es ist

die Last einer überzähligen Industriebevölkerung, es sind die 20 Millionen Deutsche zu viel …"

Denn die Ausfuhr von Waren, ist nach dem Krieg nicht gewachsen.

"Was bedeutet das für die deutsche Industrie-Bevölkerung?"

Arbeitslosigkeit, Existenzlosigkeit und Überbevölkerung, antwortet Schiele. Tatsächlich ist die Ausfuhr von Waren im Vergleich zur Vorkriegszeit rückläufig. Das heißt, Arbeitslosigkeit kann weniger exportiert werden. Zur Lösung dieses Problems berät sich Georg Schiele mit Adolf Hitlers Mein Kampf, der vier deutsche Wege in die Zukunft postulierte.

Erstens: Die Geburtenbeschränkung.

Zweitens: Den Export von Menschen und Waren.

Der Alte Dessauer, Wochenschrift der nationalen Frontsoldaten, der vaterländischen Frauen und Jugendbewegung. Verbreitung Halle, Naumburg und Dessau. Nachgewiesen für die Jahre 1924 bis 1936.

Drittens: Die Siedlung im Inneren und die Umstellung auf eine entsprechende Landwirtschaftspolitik.

Viertens. Georg Schiele schlägt wie Hitler als politische Lösung vor: "Das ist der Weg der Ausbreitung mit den Waffen. Er [Hitler] sieht auch ganz richtig insofern, als er die Möglichkeit einer deutschen Ausbreitung nur in Osteuropa sieht." (Schiele 1931)

Massenarbeitslosigkeit soll durch eine aggressive Exportpolitik verbunden mit dem Waffengang nach Osten zur Gewinnung von Siedlungsland bekämpft werden. In der Wettiner Rede von Georg Schiele verschmilzt der Stahlhelm im ideologischen Kernbereich mit dem Nationalsozialismus. Was Studienrat Ingo Köhler (Michaelisstraße 50) 1923 mit

"Wir können gar nicht rechts genug sein"

einst in Reaktion auf einen Vortrag von Stahlhelmführer Duesterberg 1923 ersehnte, ist nun mit dieser Stahlhelm-Rede erreicht. Wer dem deutschnationalen Meinungsbildner aus dem Mittelstand, "bekanntlich ein richtiger Doktor, ein Arzt", wie ihn das Naumburger Tageblatt am 16. November 1928 vorstellt, nun folgt, der nimmt den Weg zum Faschismus.

 

 

Multiplikator

 

Stahlhelm Ortsgruppe Naumburg

Stand um 1930

Ortsgruppenführer
Rechtsanwalt Loewe
Koesener Str. 51

Gauverband Naumburg - Geschäftsstelle Georgenberg 7

Kreisgruppe Naumburg Stadt
Rechtsanwalt Loewe
Koesener Str. 51

Gauververband Naumburg
Major a.D. Rothmaler

Geschäftsführer Loewe
Kösener Straße 55

Geschäftsstelle
Markt 9

 

1932 gehören dem Stahlhelm Gau Naumburg etwa 1 200 Mitglieder an. Aber seine politische und massenpsychologische Wirkung war - ähnlich wie beim Wehrwolf - wesentlich größer, als es sich aus der Zahl seiner Mitglieder herleitet. Der Wehrverband übernimmt eine Multiplikatorenfunktion bei der chauvinistischen Identitätsfindung (Heinrich Klotz).

Der Stahlhelm (in Naumburg)

  • organisiert den Wehrsport,

  • unterstützt die Kriegsversehrten durch Rechtsberatung in Rentenfragen,

  • fördert den Zusammenhalt der ehemaligen Kriegsteilnehmer durch thematisch abwechslungsreiche Kameradschaftsabende,

  • kümmert sich 1929/30 darum, dass Bedürftige mit finanzieller Unterstützung der Stadt eine warme Mahlzeit erhalten,

  • bietet seinen Mitgliedern (seit etwa 1925) eine Sterbegeldversicherung an,

  • ist bei der Kampagne gegen den Young-Plan im Jahr 1929 ein willkommener Bündnispartner für Hugenberg (DNVP) und Hitler (NSDAP),

  • tritt in Naumburg 1932 als Träger des ersten freiwilligen geschlossenen Arbeitslagers  hervor,

  • nimmt über entsprechende Abgeordnete Einfluss auf die Debatten und die Entscheidungen der Stadtverordnetenversammlung,

  • initiiert das Langemarck-Denkmal,

  • demonstriert mit seinen Aufmärschen - meist in Begleitung der Stahlhelmkapelle - die Fähigkeit, große Teile der Naumburger Öffentlichkeit emotional für sich einzustimmen und

  • unterhält in der Engelgasse 5 I eine Lesehalle, täglich geöffnet von 9 bis 19 Uhr.

Der Stahlhelm nimmt auf die politische Stimmung in der Stadt enormen Einfluss, wie sie etwa von der Jahreswende 1927/28 überliefert ist:

"Am Silvester-Abend (1927) herrschte in Naumburg der übliche Rummel. Schon am frühen Abend herrschte besonders in den Hochburgen des Stahlhelms, der Hakenkreuzler und verwandter Verbände Hochbetrieb. Hier erschallten aus "rauen" durch Alkohol gestärkten Jünglingskehlen die bekannten "patriotischen Lieder", wie: "Heil dir im Siegerkranz" und andere. Hier sah man auch viele ordensgeschmückte Mannen, die "kräftige" Reden schwangen von Deutschlands "Errettung" u. a. m. Einige Stammlokale dieser Helden haben ihre Räume mit Schwarz-Weiß-Rot dekoriert. Dies im Verein mit kräftigem bayerischem Bier und "zündenden" Reden brachte diese Vaterlandsretter in die richtige Stimmung. Um Mitternacht erreichte der Rummel seine Höhe, vor allem auf dem Marktplatz. Unfreiwillige Karnevalsfiguren, in Militäruniform gesteckt, mit schwarz-weiß-roten Hakenkreuzfähnchen geschmückt, durchzogen sie, die bekannten patriotischen Lieder gröhlend, die Straßen, so daß auch die unbeteiligten Bürger diesen Unfug über sich ergehen lassen mussten. Neben dem üblichen Prost Neujahr der gewöhnlichen Sterblichen gröhlten die Hurrapatrioten Front Heil!, Rettet Deutschland und anderen Unsinn." (Volksbote, Zeitz, 2. Januar 1928)

 

Tausend Reichsmark für die Stahlhelmspeisung

Immer wieder kommt es in der Stadtverordnetenversammlung zwischen den Arbeiterparteien und den Anhängern des Stahlhelms zu heftigen Auseinandersetzungen. Typisch hierfür die Redeschlacht um die Stahlhelmspeisung am 20. November 1930. Die Vaterländische Arbeitsgemeinschaft beantragt 1 000 Reichsmark aus städtischen Mitteln für die Stahlhelmspeisung. Stadtverordneter Landwirt Moritz Starke (1924 Vaterländische Arbeitsgemeinschaft, jetzt Deutschnationale Volkspartei) unterstützt dies mit der Begründung, dass dadurch der Bevölkerung ohne Ansehen der Person und Zugehörigkeit zu einer Partei, Essen verschafft werden kann. Als Vertreter des Magistrats weist Stadtrat Georg Paul (Wirtschaftspartei) auf die bereits bestehende Wohlfahrtseinrichtung der Städtischen Speiseanstalt hin, in der täglich etwa 150 Bürger ein Mittagessen erhalten. Und der Stahlhelm könne das Essen auch nicht billiger liefern, sagt er. Deshalb möchte der, so sein Vorschlag, besser Essenmarken für die Städtische Speiseanstalt ausgeben. Wilhelm Schwencke bringt namens der SPD den Gegenantrag ein. Zur Unterstützung und leichten Ausweitung der Essensversorgung durch die Städtische Speiseanstalt beantragt er, 3 000 Reichsmark zu bewilligen. Trotz allen Protestes und wider der Geschäftsordnung, würgt der Vorsitzende der Versammlung Julius Eix von der Wirtschaftspartei (später DNVP) den Antrag ab. Erst nach heftigem Redekampf zwischen den Stadtverordneten Starke, Hacker (NSDAP) einerseits und Fieker (KPD), Grunert (SPD) andererseits werden Tausend Reichsmark gegen die Stimmen SPD und KPD bewilligt. Ergebnis: "Tausende Reichsmark für die Stahlhelmspeisung, aber keine Mittel für Erwerbslose und Städt. Speisehaus" (Volksbote, Zeitz). Darauf geht die offizielle Mitteilung Steuern der Notverordnung abgelehnt - kommt der Staatskommissar? über die Stadtverordnetensitzung nicht ein. Erst der Zeitzer Volksbote informiert am 26. November 1930 die Bürger hierüber.

 


1931: Großes Waffenlager in Naumburg ausgehoben

Die politische Abteilung der Weißenfelser Schutzpolizei entdeckt am 6. November 1931 in der Schneiderschen Möbelfabrik (Bild) am Domplatz ein Lager mit Maschinen- und Militärgewehren Model 98 und mehreren zehntausend Schuss Munition. Die Volksstimme (Magdeburg), der Vorwärts (Berlin), der Volksbote (Zeitz) und das Naumburger Tageblatt berichten darüber.

 

Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin, den 10. November 1931

 

Schneiders Schwiegersohn, also jener Oberleutnant zur See, der im Juni 1921 vom Reichsgericht in Leipzig zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, dann in der Nacht vom 28. zum 29. Januar 1922 mit Hilfe von Ernst von Salomon und Kombattanten aus dem Gefängnis von Naumburg auf die Burg Saaleck entrinnt, heißt Ludwig Dithmar. Bei seiner Flucht hilft Erwin Kern, der ein halbes Jahr später zusammen mit Hermann Fischer  ebenfalls ….

Schon immer ist die Firma Schneider am Domplatz mit den Spukgeschichten zu den Umsturzplänen in Naumburg eng verbunden, weiss der Volksbote aus Zeitz. Bereits im Kapp-Putsch spielte sie als Verbindungsstation zwischen München und Berlin eine Rolle.

 

 

Max Jüttner (Naumburg) signalisiert in einem Brief vom 20. Februar 1920 an Wolfgang Kapp die Bereitschaft zur Gegenrevolution.

 

 


1920: Max Jüttner (Stahlhelm) versteckt Waffen auf der Burg Saaleck.

 



29. Januar 1922: Ludwig Dithmar wird vom Kommando Erwin Kern aus dem Gefängnis in Naumburg (Saale) befreit und zur Burg Saaleck verbracht.

 

1923: Max Jüttner wird Stahlhelmführer im Gau Halle.

 



17. Juli 1922: Rathenau- Mörder Erwin Kern und Hermann Fischer werden auf der Burg Saaleck gestellt.


 

 

 

Passfälscherskandal
1928/29

 

 

 
6. November 1931:
Entdeckung des Waffenlagers in der Schneiderschen Fabrik

 

 

 

 




 

 

 

Unter der Überschrift Geheimnisvoller Transport veröffentlicht am 7. November die Redaktion des Naumburger Tageblatts eine kurze Notiz über das Waffenlager in der Schneiderschen Fabrik. Sechs Tage später folgt Eine amtliche Erklärung zum Waffenfund. Wieder kommt das Wort Stahlhelm darin nicht vor, weshalb man es zu den Meisterwerken der lückenhaften Berichterstattung rechnen darf.

Mit einer Kurznachricht vom 15. November 1931 dementieren die Leipziger Neueste Nachrichten, dass der Stahlhelm irgendetwas mit dem Waffenfund in Naumburg zu tun hat. Daran darf man zusammen mit dem Zeitzer Volksboten (9. und 11.11.1931) zweifeln. Zum einen, weil der Stahlhelm in Naumburg seit seiner Gründung eine beachtliche Kreativität bei der Verbindung von sozialem und militärischem Engagement entfaltet, nun versinnlicht in dem Fakt, dass sich die Armenküche in der Schneiderschen Fabrik, um die es zwischen den Rechtsparteien und Linken in der Stadtverordnetensitzung vom 20. November 1930 eine heftige Auseinandersetzung gab, unmittelbar neben dem Waffenlager befindet. Zum anderen erteilt der Jungstahlhelm in der Schneiderschen Fabrik Schülern des Real- und Domgymnasiums theoretischen und praktischen Militärunterricht. Unter den Begeisterten sind Wilfried Kühlewindt, Hans Willemer und Martin Moehring, die 1930 massgeblich an der Gründung den Nationalsozialistischen Schülerbundes beteiligt waren.

 

Mit Waffenlagern hantierten übrigens auch andere politische Gruppierungen.

 

 

 
Der Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Berlin, 20. Februar 1931, Seite 3

 

Volksbegehren am 9. August 1931

Am 4. Oktober 1930 beschliesst die Bundesleitung des Stahlhelms mit einem Volksbegehren auf die Auflösung des preußischen Landtages hinzuarbeiten. In gleiche Richtung wirken DNVP und NSDAP. Sie wollen die sozialdemokratisch geführte Koalitionsregierung unter Otto Braun (SPD) stürzen. Die KPD beteiligt sich auf Weisung der Komintern daran.

Am 28. Juli 1931 treffen sich die Ortsgruppe "Stahlhelm" und seine Anhänger zur Kundgebung vor mächtig ausgeschmückter nationalistischer Kulisse im Lichthof der Sektkellerei von Freyburg (Unstrut). Als Redner ist der Bundesführer vom Stahlhelm bestellt. Ihn sieht man gern in Naumburg. Von ihm weiss man, dass er alle sozialistischen Experimente strikt ablehnt und die Lösung der sozialen Frage bis auf Weiteres für nicht möglich hält. (Vgl. Duesterberg 1930) Und er ist bekannt für politische Positionen, die noch rechts von seinem Vorsitzenden Seldte liegen. Doch er ist hier beliebt. Die Menge begrüsst ihn mit Heil-Rufen. Wir brauchen den Frontgeist, für den er mit starken nationalistischen Attitüden wirbt:

"Es war ein stark religiöser, ein sittlicher Geist, ein Geist heißester Vaterlandsliebe, der Tapferkeit, des Gehorsams bis zum Tode, der Kameradschaft bis zum Aufopfern des eigenen Ichs für den Nebenmann, des Trotzes, des Stolzes, aber auch ein Geist der Duldung und Sammlung. Er beseelte Deutsche aller Volksschichten und Männer aller Parteien, die bereit waren, mit der Waffe für das Vaterland sich einzusetzen." (Duesterberg 2.10.1931)

Ein anderer bekannter Stahlhelmer, Max Jüttner, macht sich auf den Weg nach Naumburg, um für ein Ja in der

Volksabstimmung
am 9. August 1931

zu werben.

 

Max Jüttner,
geboren am 11. Januar 1888 in Saalfeld. Sohn des Kaufmanns und Fabrikbesitzers August Jüttner und seiner Frau Anna. Schuldbildung: Abitur.

Ab März 1906 Dienst im 8. Thüringische Feldartillerie-Regiment 55 in Naumburg.

Heiratet 1913 Frau Erna, geborene Nies. Der Ehe entstammen drei Kinder. Familie Jüttner war Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche.

Wohnhaft: Naumburg, Spechsart 3 (1919).

Ab 1. August 1914 Teilnahme am Krieg.

Im Oktober 1914 erfolgt die Beförderung zum Oberleutnant und im Januar 1916 zum Hauptmann. Im Krieg Generalstabsoffizier in der 119. Infanteriedivision, mehrfach verwundet, Eiserne Kreuz I.

1919 Eintritt in den Stahlhelm.

1919/20 (angeblich) Jurastudium.

Im März 1919 organisiert er in Naumburg in Abstimmung mit der Stadtverwaltung und den Kreisbehörden im Auftrag von General Georg Maercker "in kürzester Zeit einen vorbildlichen Selbstschutz" (Maercker).

"Gleichzeitig wurde im März [1919] zum Schutz des Vaterlandes ein Zeitfreiwilligenverband [Jäger 4] aus den aktiven Unteroffizieren und der Bürgerschaft heraus unter dem Hauptmann Jüttner, dem Leutnant Köring und den Offiz.-Stellv. Granzow und Kunze vorzüglich organisiert." (Waase 117) Im Mai 1919 ging der Verband mit 100 Mann in die Reichswehr über.

Georg Maercker lobt Max Jütnner, weil er mehrfach in Weißenfels und im Merseburger Bergbau Streiks verhindert hat. Dies wie seine Verbindung zu Ernst Kapp 1919/20 und die militärischen Aktionen im Kapp-Putsch lässt er 1945 in seiner Denkschrift zum Nürnberger Prozess unerwähnt. Als Kreisrat für die Einwohnerwehren in den Kreisen Naumburg Stadt, Naumburg Land und Eckartsberga kämpft er am 19. März 1920 im Areal Moritzwiese-Oberlandesgericht in Naumburg (Saale) auf Seiten der Reichswehr gegen den Aktions-Ausschuss.

Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Wählte, wie er 1945 in der Denkschrift ausführt, immer NSDAP.

Ab 1920 Tätigkeit im Deutschen Braunkohle-Industrie-Verein in Halle (DEBRIV). Als er 1933 ausscheidet, bekleidet er den gut dotierten Posten eines Prokuristen mit Pensionsberechtigung.

1921 Führer der Stahlhelm Ortsgruppe Halle (Saale).

1932/33 Führer des Stahlhelm Landesverbandes Mitteldeutschland.

Mitglied des Provinziallandtages der Provinz Sachsen (1926-1929) und ab November 1933 des Reichstages.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wechselt er im November 1933 vom Stahlhelm-Brigadeführer zur Sturmabteilung (SA).

In seiner Denkschrift erklärt Max Jüttner 1945: (1.) Mit den jüdischen Familien Gütermann (Saalfeld), Peters (Baden-Baden), Spiegel und von Liebmann (Halle/Saale) verbanden ihn auch 1933 freundschaftliche Beziehungen. (2.) Gegenüber den Linken zeigte er vor 1933 eine "duldsame Einstellung". (3.) Inhaftierungen in KZ nahm er niemals vor. (4.) Er setzte sich für die Freilassung von Personen aus dem KZ ein und verweist auf Dr. Pünder, Dr. Martin Niemöller und Dr. Möller.

1934 Eintritt in die NSDAP. Berufung in die OSAF (Oberste SA-Führung). Nach dem "Röhm-Putsch" ab Juli 1934 Chef des Führungsamtes der SA.

1 1/2 Jahre nach der Olympiade in Berlin Führer des Deutschen Schützenverbandes.

1939  Ständiger Vertreter des Stabschef der SA.

Vom 2. Mai 1843 bis 8. August 1943 Stabschef der SA.

Ablösung durch Wilhelm Scheppmann.

Etwa ab Mitte 1944 im Volkssturm tätig.

Ab Mitte November `44 Führer einer Volkssturmabteilung.

Gerät am 11. Mai 1945 in der Oberhaushammer Hütte südlich des Schliersee in Gefangenschaft. Dann Krieggefangenlager in Bad Aibling, Neu-Ulm, Heilbronn, Ludwigsburg Camp 74, Seckenheim und Kornwestheim Camp 75.

Max Jüttner: Führung, Aufgaben und Tätigkeit der SA und Nürnberger Prozess. Denkschrift vorgelegt von dem ehemaligen SA-Gruppenführer Max Jüttner, ständiger Stellvertreter des Stabschefs der SA. (1945) Institut für Zeitgeschichte München. Archiv 635 / 52.

 
Max Jüttner 1888-1963
Aufnahme 1945. Quelle: siehe unten

 

In der Denkschrift fehlt sehr oft der Bezug zu konkreten Ereignissen, wodurch ein idealisiertes Wunschbild von der Sturm Abteilung (SA) entsteht. In Wahrheit griff die SA im Raum Zeitz-Weissenfels-Naumburg gerne zur Gewalt und nicht selten in seiner schlimmsten, kriminellen Form. Als Beleg hierfür kann der Prozess vom 19. Februar 1931 in Naumburg oder der Sturm auf den Spechsart-Konsum angeführt werden.

Der Stahlhelm- und SA-Führer hing nicht nur der Dolchstosslegende an. Mehr noch prangert er die Lüge von der deutschen Alleinschuld am Krieg an und unterstützte den Widerstand gegen die Erfüllungspolitik. Mit dem Willen zur Freiheit und Standhaftigkeit propagierte er laut Denkschrift (1945) die Werte der nationalistischen Erziehung, den Kampf gegen das undeutsche Wesen und die marxistische Wirtschaft.

 

Am 19. März 1920 kämpfte er in der Gegend um das Gebäude des Oberlandesgerichts auf Seiten der Reichswehr gegen die Männer vom Aktionsausschuss. Trotzdem konnte er seine Vorliebe für die Putschisten nicht so richtig ausleben. Hernach verbringt er Waffen zu Hans Wilhelm Stein auf die Burg Saaleck. Mittlerweile machte er als Stahlhelmführer im Gau Karriere. Heute, am 30. Juli 1931, zieht er mit Preußens Gloria in den mit schwarz-weiß-roten Fahnen geschmückten Ratskellersaal von Naumburg ein und nimmt nach Vorstellung durch Kamerad Rothmaler von der Stahlhelm-Kreisgruppe Naumburg das Wort. Seine Rede beginnt mit einer kurzen Lesung aus dem nationalsozialistischen Geschichtsbuch. Sie beginnt mit der berühmten Dolchstoßlegende. Als wir nach dreijährigem Krieg gegen eine Welt von Feinden standgehalten, da sei der Verrat gekommen.

"Die Frühjahrsschlacht 1918 habe nicht durchgeführt werden können, weil der Verrat der Marxisten zu wirken begonnen habe".

Jetzt kommt es darauf an, folgert Max Jüttner, in der Volksabstimmung am 9. August mit einem Ja, die Herrschaft des Marxismus in Deutschland zu brechen und gegen jede Erfüllungspolitik Front zu machen.

Stets war der Marxismus, womit oft ehr noch die SPD gemeint war, der Hauptfeind des Stahlhelms. Typisch hierfür die Worte von Kamerad Doktor Hermann Reichard, seit 1913 Lehrer am Domgymnasium zu Naumburg, zur Sonnenwendfeier am 22. Juni 1931 auf dem Napoleonstein:

"Wie die Flamme den Kranz verbrennt, verbrenne sie alles in uns, was selbstisch und niedrig ist; sie läutere uns und mache uns Stahlhelmer stahlhart, dass wir den Kampf gegen den Marxismus und gegen die Lauheit der Bürger bestehen."

 

 

Harzburger Front

Im Oktober 1931 schliessen sich DNVP, Stahlhelmbund, NSDAP und Alldeutscher Verband zur Harzburger Front zusammen. Sie strebt die Auflösung des Reichstages und preußischen Landtages sowie die Ablösung der SPD-tolerierten Minderheitsregierung unter Otto Braun (Preußischder Ministerpräsident 1925-1932) und der Regierung unter Heinrich Brüning (Ministerpräsident 31. März 1930 bis 9. Oktober 1931, 10. Oktober 1931 bis 1. Juni 1932).

Dagegen hält die am 16. Dezember 1932 gegründete Eiserne Front (ADGB, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Afa). Sie muss mit dem Preußenschlag am 20. Juli 1932 eine schwere Niederlage hinnehmen. Stahlhelm und DNVP einigen sich zur Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 auf Theodor Duesterberg (1875-1950) als gemeinsamen Kandidaten. Die Nationalsozialisten diskreditieren ihn aufgrund seiner nichtarischen Vorfahren. Er zieht seine Kandidatur im zweiten Wahlgang zurück.

Am Freitag, den 2. September 1932, rückt der Stahlhelm Gau Naumburg für das bevorstehende Wochenende zum 13. Reichsfrontsoldatentag nach Berlin aus. In der Stadt hängen Plakate, die einen entschlossenen Frontsoldaten zeigen, der sich unter der Losung "Auf den Opfern und den Waffen beruht der Sieg" (Seldte) mit "unerschütterlichem Kampfeswillen für eine überparteiliche Staatsführung" einsetzt.

Die Nummer 16 vom Wecker, Herausgeber NSDAP-Ortsgruppe Naumburg, greift im April 1933 den Geschäftsführer des Landbundes Heinrich Meyerhoff (Naumburg) an. Die Kreisgruppe des Stahlhelms Naumburg-Stadt und die Deutschnationale Volkspartei verteidigen ihn gegen diese Anwürfe. Sie lassen keinen Zweifel an seiner Arbeit zur deutschnationalen Wiedergeburt des Volkes. Offenbar geht es hier um die Gleichschaltung des Landbundes, das heißt seine Überführung in den Reichsnährstand (Richard Walter Darré). Außerdem deutet dies auf Differenzen zwischen NSDAP und Stahlhelm hin.

 

 

Reichspräsidentenwahl vom 13. März 1932

Reich / Naumburg / Reichstagswahlen 1930

(Siehe auch Wahljahr 1932)


 
Reich
Naumburg
Reichstagswahlen 1930

 

Theodor Duesterberg
Oberstleutnant a. D.
Halle a. d. Saale

 

2 557 876
5 110
3 437

 

Paul von Hindenburg
Reichspräsident Generalfeldmarschall
Berlin

 

18 661 736
5 742
7 122



Adolf Hitler

 

11 338 571
6 478
5 902

 

Ernst Thälmann
Transportarbeiter
Hamburg


4 982 079
2 127
2 268

 

Gustav Adolf Winter
Betriebsanwalt
Großjena bei Naumburg


11 1470
   

 

Zersplittert

 

8 645
   


Quelle: Unentschiedene 1932

 

 

 

Stahlhelmführer Seldte war im April `33 in die NSDAP eingetreten und als Reichsarbeitsminister in das Hitlerkabinett berufen worden. Im März und April 1933 trennte er sich unter zunehmenden Druck von Hitler von Partnern aus Kampffront Schwarz-Weiss-Rot und entfernte die Hitler-Gegner aus der Stahlhelmführung. (Vgl. Rittahler 191) Satzungswidrig ernennt Seldte drei neue Bundesmitglieder. Duesterberg stellt ihn zur Rede, worauf dieser antwortet: "Wir befinden uns in einer Revolution. Da hören Paragraphen auf!"

Duesterberg weilte im März `33 in Naumburg. Sucht er hier Unterstützung? Kamerad Loewe aus Naumburg (Saale) sprach auf der Führertagung 1931 "das Gelöbnis der Treue zu Duesterberg".

Über den Untergang von Duesterberg schreibt Volker R. Berghahn (1965): "…. einer entdeckte sofort einen Unterschied zwischen Hitlers Vorstellungen von einem "Dritten Reich" und seinen eigenen: der Zweite Bundesführer Theodor Duesterberg. Seine politische Vergangenheit machte es ihm jedoch unmöglich, offen gegen die neue Regierung aufzutreten. Er opponierte daher hinter den Kulissen und wollte sich mit dem Platz, den Seldte für den Stahlhelm innerhalb der "nationalen Revolution" erhandeln konnte, nicht zufriedengeben."

Zwischen dem Stellvertreter und Vorsitzenden des Bundes der Frontsoldaten gab es allerdings schon früher Reibungen. Immerhin stand Seldte, als letztes Jahr die Abstammungsfrage von Duesterberg aufkam, zu ihm.

Ernst Röhm befiehlt am 2. August 1933, so erinnert sich 1950 Theodor Duesterberg in Der Stahlhelm und Hitler, die vollständige Eingliederung des Stahlhelms in die SA. "Hunderttausende ehemalige Angehörige des aufgelösten "Reichsbanners" wie des gleichfalls aufgelösten "Roten Fronkämpferbundes" waren in den Stahlhelm eingetreten, um dort Schutz zu finden, einige auch, um politisch zu wühlen." (Duesterberg) Vorausgegangen war der so genannte Stahlhelm-Putsch am 27. März 1933, bei dem die SA die Wehrorganisation in Braunschweig entwaffnete.

1935 steht der Stahlhelm unter Beobachtung der Stapo Halle. Der Leiter der Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Merseburg teilt am 9. September 1935 dem Geheimen Staatspolizeiamt Berlin in der Prinz-Albrecht-Straße mit:

"Der NSDFB [Nationalsozialistischer Deutscher Frontkämpferbund] ist auch im vergangenen Monat wenig in Erscheinung getreten. In einigen Fällen musste gegen Mitglieder des Stahlhelms wegen staats- und bewegungsfeindlicher Äußerungen ein Strafverfahren eingeleitet werden. Auflösungstendenzen in den Ortsgruppen wurden von dem zuständigen Kreisführer abgestoppt. Die Auflösung des Bundes wird erwartet. Man zerbricht sich nur noch den Kopf über die endgültige Form der Neuordnung."

Anfang November 1935 wird der Stahlhelm aufgelöst.

 

 

Berghahn, R. Volker: Das Ende des "Stahlhelm". In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. München, Jahrgang 13 (1965) Heft 4, Seite 446 bis 448

Berghahn, Volker R.: Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten 1918-1935. Droste Verlag, Düsseldorf 1966

Der Stahlhelm und die kommenden Wahlen. (Vollversammlung zur Neuwahl des Führers der Stahlhelm Ortsgruppe Naumburg am 6. Februar 1928.) "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 28. Februar 1928

Der "Stahlhelm-Staat". "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands." Berlin, den 27. November 1925

Duesterberg, Theodor: Stahlhelm-Politik. Ansprache des 2. Bundesführers Herrn Oberstleutnant a. D. Duesterberg am 2. Oktober 1931. Nationalclub von 1919 e.V. Hamburg, Nummer 3, 1931

[Duesterberg] Vortrag Duesterberg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 15. Dezember 1923

[Duesterberg, Über] Sozialistische Experimente - der Stahlhelm. Der Reichswart. Graf E. Reventlov. 11 Jahrgang, Nummer 19, Berlin, den 9. Wonnemond (Mai) 1930, Seite 1

[Duesterberg Referat.] In: Die Naumburger Kundgebung des Stahlhelms. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. April 1931

Ersil, Wilhelm: Aktionseinheit stürzt Cuno. Zur Geschichte des Massenkampfes gegen die Cuno-Regierung 1923 in Mitteldeutschland. Dietz Verlag, Berlin 1963

Festschrift zum 4. Reichsführertagung des Stahlhelm-Studentenring "Langemarck" im Stahlhelm B.d.F. zu Naumburg a. d. Saale vom 8. Juni bis 11. Juni 1933

Finker, Kurt: Die militaristischen Wehrverbände in der Weimarer Republik. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, XIV. Jahrgang, 1966, Heft 3, Seite 357 bis 377

Führertagung des Landesverbandes Mitteldeutschland des Stahlhelms (B.d.F.) am 1. November 1931 in Eisleben. Herausgegeben vom Landesverband Mitteldeutschland des Stahlhelms, Halle a.S., Magdeburger Straße 66 [1931]

Graff, Sigmund: Gründung und Entwicklung des Bundes. In: Seldte, Franz (Herausgeber): Der Stahlhelm. Erinnerungen und Bilder aus dem Jahre 1918-1933. Band 1. Stahlhelm-Verlag GmbH Berlin 1934, Seite 19-107

Großes Waffenlager in Naumburg ausgehoben! "Volksbote. Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weissenfels, Naumburg". Zeitz, den 9. November 1931

[Jüttner, Max: Rede zum Stahlhelm-Volksentcheid. In: ] Warum Volksentscheid?. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 1. August 1931

Jüttner, Max: Führung, Aufgaben und Tätigkeit der SA und Nürnberger Prozess. Denkschrift vorgelegt von dem ehemaligen SA-Gruppenführer Max Jüttner, ständiger Stellvertreter des Stabschefs der SA. Institut für Zeitgeschichte München. Archiv 635 / 52

Klotzbücher, Alois: Der politische Weg des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten, in der Weimarer Republik. 1965

Maercker, Georg: Vom Kaiserheer zur Reichswehr. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Revolution. Verlag K. F. Koehler, Leipzig 1921

[Munzinger] Max Jüttner. Munzinger. Wissen das zählt. http://www.munzinger.de/search/portrait/Max+J%C3%BCttner/0/1439.html

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Naumburg. Kappstadt im Kriegszustand. "Volksbote. Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weissenfels, Naumburg". Zeitz, den 3. August 1923

Naumburger Stadtverordneten-Versammlung. "Volksbote. Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weissenfels, Naumburg". Zeitz, den 26. November 1930

Ossietzky, Carl von: Duesterbergs düstere Rolle. Die Weltbühne, Berlin, XXVIII . Jahrgang, 8. März 1932, Seite 351 bis 353

[Regierung] Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik - Die Kabinette Luther I/II / Band 2 / Dokumente, Nr. 263. Der Reichskommissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung an das Reichsministerium des Innern. 13. Januar 1926, Seite 1040-43, Aus: http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/0000/lut/lut2p/kap1_1/para2_94.html

Reichard: Ansprache. [Sonnenwendfeier des Stahlhelms am 22. Juni 1931] In: Die Stahlhelm Sonnenwendfeier am Napoleonstein "Naumburger Tageblatt," Naumburg, den 23. Juni 1931

Reichsgründungsfeier des Stahlhelms. Bund der Frontsoldaten. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Januar 1930

Ritthaler, Anton: Vorbemerkung. In: Eine Etappe auf Hitlers Weg zur ungeteilten Macht. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, München, Jahrgang 8 (1969), Heft 2, Seite 191 bis 204

Seldte, Franz (Herausgeber): Der Stahlhelm. Erinnerungen und Bilder. Band 1 und 2, Stahlhelm Verlag G.m.b.H., Berlin 1934

Stachura, Peter D.: Der kritische Wendepunkt? Die NSDAP und die Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. München 26 (1978) 1, Seite 66ff.

[Stahlhelm] Sechs Jahre Stahlhelm in Mitteldeutschland. Herausgegeben vom Stahlhelm. Landesverband Halle Merseburg. Im Kommissionsverlag bei Karras & Koennecke, Halle an der Saale 1925/1926

Stahlhelm-Führertagung des Landesverbandes Mitteldeutschland. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. Oktober 1927

[Stahlhelm] Der Alte Dessauer, Kampfblatt der nationalen Frontsoldaten, der vaterländischen Frauen und Jugendbewegung. 5 (1928) 39, 29. September 1928

Der Stahlhelm rüstet. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 24. August 1932

Stahlhelm-Waffenlager ausgehoben. "Volksstimme", Magdeburg, den 11. November 1931

Steuern der Notverordnung abgelehnt - kommt der Staatskommissar? "Naumburger Tageblatt", den 21. November 1930

Schiele, Dr. (Naumburg an der Saale): Deutsche Krise und deutsche Zukunft. In: Vorträge, gehalten auf dem Schulungskurs der Stahlhelm-Selbsthilfe auf Burg Wettin, 29. November bis 1. Dezember 1930. Herausgegeben vom Vorstand der Stahlhelm-Selbsthilfe, Halle (Saale), Januar 1931. In: Die soziale Sendung des Stahlhelms. Erster Schulungskurs der Stahlhelm-Selbsthilfe. Halle (Saale) 1931

[Schiele Zitat:] "Wir sind das Volk ohne Raum. Wir sind der Vulkan Europas." In: Dr. Schiele: Was gebietet der Frontgeist angewendet auf praktische Politik. Naumburger Wahl-Flugblätter 1928, Seite 5

Seldte, Franz (Herausgeber): Der Stahlhelm. Erinnerungen und Bilder aus dem Jahre 1918-1933. Band 1. Stahlhelm-Verlag GmbH Berlin 1934

Seldte, Franz (Herausgeber): Der Stahlhelm. Erinnerungen und Bilder. Band 2. Stahlhelm-Verlag GmbH Berlin 1934

Stachura, Peter D.: Der kritische Wendepunkt. Die NSDAP und die Reichstagswahlen von 1928. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Jahrgang 26, Heft 1, München 1976, Seite 66 bis 99

Unentschiedene Präsidentenwahl. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 14. März 1932

Waffenfund in Naumburg. "Vorwärts". Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin, den 10. November 1931, Seite 11

Waase, Karl: Die Naumburger Jäger im Weltkriege. Magdeburger Jägerbataillon Nr. 4 nebst allen zugehörigen Kriegsformationen. Akademische Buchhandlung R. Max Lippold, Leipziger Volksbuchhandlung 1920

Weiss, Hermann (Herausgeber): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1998

 

Bildnachweis: Max Jüttner. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Juettner.jpg. (Licensing This image is a work of a U.S. Army soldier or employee, taken or made as part of that person's official duties. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain. Bildunterschrift, English: Max Jüttner (1888-1963) at the Nuremberg Trials. Jüttner was SA-Member and from 1935 - 1945 Chief of SA-Führungshauptamt. This photograph of Jüttner (probably as a witness) was taken by US Army photographers on behalf of the Office of the U.S. Chief of Counsel for the Prosecution of Axis Criminality (OUSCCPAC, May 1945 - Oct. 1946) or its successor organization, the Office of Chief of Counsel for War Crimes (OCCWC, Oct. 1946 - June 1949). - Das Bild wurde digital bearbeitet und beschnitten.

Autor: Detlef Belau

Geschrieben:
6. Juni 2010

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