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"Sind wir hier in Europa unangreifbar,
so wird unser Wille um die Erde geachtet werden;
bedrohen uns hier Gefahren,
so fällt alles draußen eroberte wieder zusammen."

Georg Schiele: Das größere Deutschland. Februar 1915

 

 

Georg Schiele

deutsch-nationaler Politiker, völkischer Moralist, Vertreter einer nationalsozialistischen Europapolitik, Ideologieproduzent und Organisator der völkisch-deutschnationalen Rechten

Georg Wilhelm Schiele
(1868-1932)

Alfred Hugenberg weist am 13. Oktober 1932 in der Parteivorstandssitzung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) darauf hin, dass Georg Schiele aus Naumburg der Schöpfer des Volksentscheids gegen den Young-Plan war. Zwar scheitert er am 22. Dezember 1929 an der Wahlbeteiligung, doch der Protest „gegen die Versklavung des Deutschen Volkes", hob die NSDAP Reputation in neue Höhen. Es war ihr bis dahin grösster Propaganda-Feldzug.

Schiele war Stadt-, Landtags- und Reichstagsabgeordneter, politischer Schriftsteller, Propagandaredner, Autor vieler Leitartikel, Mitbegründer der Vaterlandspartei und 1920 von Kapp als Minister für die Putschregierung auserkoren. "Wenn ein Volk sich selbst regieren soll," popularisiert er 1910 seine elitäre Auffassung von der Führung des Staates, "so braucht es immer eine Aristokratie irgendwelcher Art."

Auf die Friedensresolution des Deutschen Reichstages am 17. Juli 1917 reagiert Georg Schiele mit Herausgabe der Naumburger Briefe. In ihnen legt er künftig die Strategie des deutschvölkischen Lagers dar und stößt immer wieder Debatten zu Grundfragen der Gesellschaftsentwicklung an. Deutschlandweit erwirbt er sich den Ruf eines Mahners vor den Gefahren der Zwangswirtschaft.

Außenpolitisch will er Deutschland im Rahmen einer klaren und zielgrichteten Europapolitik festigen. Kolonialismus, Russlandfeindlichkeit und deutscher Überlegenheitswahn leiten seine Ambitionen. Dies schließt die Teilung und Aufspaltung Russlands ein. "Wir haben", heisst es ostentativ 1924 in Währungsverfall und Reparationen, "den Geist und das Gewissen des arbeitenden wollenden Europas." Die Bdeutung und Stellung in der deutschen Politik, ergibt sich daraus,

Georg Schieles politisches Gedanken transformieren den preußischen Patriotismus in einen neuorientierten völkisch-deutschen Nationalismus, den Hitler gegen den jüdischen Internationalismus in Stellung bringt.

Die Wirklichkeit spiegelt Georg Schiele in den Begriffen Weltmarkt, Freihandel, freier Markt, Zwangswirtschaft, Überbevölkerung, Aristokratie, Vaterland, Übersee- und Kontinentalpolitik, Opfertod, Frontgeist, Willenskraft, Nation, Scholle, produktive Arbeitslosenfürsorge und freiwilliger Arbeitsdienst. Sie synthetisiert er 1926 im Konzept des Völkischen Staates. Wie wie viele andere beschäftigt auch ihn die Gesellschaftskrise der Nachkriegszeit. Noch herrscht eine ökonomische Kirche. Sie erscheint ihm durchaus eine geistig-moralische Wende, den Heroismus eines verzweifelten Expansions-Krieges und dem Front-Geist der Arbeit überwindbar. Er stellt dasmit das Wohl des Vaterlandes über den individuellen Glücksanspruch des Bürgers. Seine Analyse zum verlorenen Krieg fällt völlig anders aus als von Arthur Graf von Posadowsky-Wehner. Die

"Bausicherheit" des deutschen Welthandelsreichs

kritisiert er 1918 in "Waffensieg und Wirtschaftskrieg" war ungenügend, "war zu wenig auf Macht, auf Eigentum, auf Respekt" gegründet. Damit ist ihm eine Platzkarte im völkisch-alldeutschen Flügel der Deutschnationalen Partei (DNVP) sicher.

 

Georg Wilhelm Schiele wurde am 17. November 1868 in Naumburg an der Saale geboren. Der Vater war der 2. Domprediger D. thelog.  Von 1878 bis 1887 absolviert der Jugendliche das Naumburger Domgymnasium. Darauf studiert er an den Medizinischen Fakultäten der Universitäten Jena, München, Halle und Berlin. Anschlissend erwirbt der approbierte Arzt in Seehausen und am Diakonissenhaus in Halle seine ersten Erfahrungen.

Friedensstraße (2006)
Naumburg

 

1903 öffnet in Naumburg Friedensstraße 7E die Privatklinik Dr. Georg Schiele. Sein Inhaber und Leiter ist von 1905 bis 1909 in Naumburg als Stadtverordneter tätig und gründet 1912 die Gesellschaft zur Förderung der Inneren Kolonisation mit. Er ist Vater von zwei Söhnen und Vormund von fünf weiteren Kindern (1918).

 

 

Elemente nationalsozialistischer Herrschaftsideologie

Die nationalsozialistische Herrschaftsideologie ist durch die Überlegenheitswahn, eine maßlos übersteigerte Vorstellung von der Kraft des Willens, Verherrlichung des kaltblütigen Muts und Disziplin charakterisiert. Eine Quelle aus der diese Ideen sprießen, ist das Werk von Georg Schiele. Der Anfang für seine ideologischen Entwürfe mutet oft harmlos an. Im Grenzboten berichtet er beispielsweise 1902 über die Erlebnisse auf der Reise nach Afrika oder Schiffsüberfahrt von Singapur nach Hongkong. In der Rückbetrachtung stellt er eine Beobachtung ganz vornan: Die zu Hause nie eine gute Gesellschaft gesehen, werden in den Kolonien "in einem halben Jahr zum Bluts- und Rassearistokraten". Diesen Rassenstolz und Hochmut der Deutschen und Europäer anerkennt der Chinese, Inder und Neger und beantwortet ihn mit "entsprechenden Hass". Aber woher und woraus resultiert dieser Überlegenheit der Weißen? "Ist es der Vorrang der Intelligenz…?" "Ist es die Kultur, die uns überlegen macht?" "Ist es die Moral die uns überlegen macht"? Schiele (1902, 85, 88) verneint das, um dann zu behaupten: "Aber die Weißen sind doch allen anderen Völkern überlegen, und zwar durch ihre viel größere Willenskraft." Der Unterschied der Kräfte wird noch dadurch erhöht, "dass der Weiße die Muskulatur, die er hat, vielmehr unter seinen Willen stellt und mehr anspannen kann als der Farbige."

 

Einwanderung,
Ausländer, Weltindustrie und -beute

Im Aufsatz über den Schutz dem deutschen Arbeiter von 1911 wettert Schiele

gegen die roten Einpeitscher und den Klassenkampf.

Er möchte Frieden mit den Unternehmen und die Abschirmung des deutschen Arbeiters vor der billigen ausländischen Arbeitskraft. "Denn sein Konkurrent, der ausländische Schnitter, lässt ihn nicht hochkommen", zitiert er zustimmend aus der Landwirtschaftlichen Wochenschrift für Pommern. Trotzdem muss es gelingen, den deutschen Arbeiter auf dem Land sesshaft zu machen. Otto von Dewitz (1850-1926), Grossgrundbesitzer von Zankeuz in Westpreußen, Groß-Ziethen in Brandenburg und Alt-Pleen in Pommern, zollt der Forderung nach "Schutz des Arbeitslohnes gegenüber einer völkisch minderwertigen Konkurrenz des ausländischen Arbeiters" Beifall.

Als junger Arzt in der Altmark, so um 1894, begegnet er öfter den Fremden. Sonntags sieht er "die schwarzen Horden russisch-galizischer Arbeiter" "an den Straßenecken stehen und alltags auf den Feldern ihr Tagwerk verrichten."

"Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden",

schreibt er 1911 in Die Schicksalsstunde der deutschen Landwirtschaft. "Die Ausländischen können ihre Arbeit unter dem Preis der Einheimischen anbieten", weshalb er "den Schutz der deutschen Arbeit gegen die Unterbietung des Auslandes" fordert. Lange vertritt Schiele die Auffassung, "… sie nähmen den Einheimischen ihr Brot weg und seien schuld an der Verödung des Landes". "Aber ich musste", gesteht er, "bald einsehen, dass der Kausalzusammenhang umgekehrt ist. …. erst ziehen die Einheimischen fort und dann kommen die Fremden herein." Er warnt vor dem Ausländer: "Mehr noch jagt den deutschen Arbeiter aus dem Lande die ästhetisch und ethische Unkultur der ausländischen Arbeiter. .... Das untere Volk ist gegen die Kulturunterschiede mindestens ebenso empfindlich wie die oberen Stände, aber wehrloser." (Schiele 1911, 405/406, 407, 411)

Weil kein Menschenüberschuss, sondern Menschenmangel besteht, wirbt Georg Schiele 1911 (406) für die innere Kolonisation und Sesshaftmachung der Landarbeiter. Er sorgt sich um die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Von "dem Aufglühen der Weltwirtschaft", von der "Weltbeute" verstand es das deutsche Volk "einen guten Teil an sich zu nehmen", worauf "wir stolz sein" können. Deshalb dürfen wir "die Entwicklung unserer Weltindustrie" nicht aufhalten.

 

 

 

Generaloberst Martin Wilhelm Remus von Woyrsch (1847-1920), 14.12.1914: Oberbefehlshaber Armee-Abteilung Woyrsch. 29.8.1916: Oberbefehlshaber Heeresgruppe Woyrsch.

 

Im Krieg

Gleich nach Beginn des Krieges meldet sich Schiele zum Dienst in das Landwehr-Infanterie-Regiment 46, Armeeabteilung Woyrsch. Danach erfolgt sein Einsatz als Chirurg im Landwehr-Feldlazarett 22. Ihm wird die Auszeichnung Eisernes Kreuz II. Klasse zuteil.

 

 

Die "russische Dampfwalze" Georg Schiele, Februar 1915

Im Februar 1915 veröffentlicht Georg Schiele in München bei J. F. Lehmann einen Aufsatz über

Die russische Gefahr.

Seine politische Gedanken konzentrieren sich darauf, den preußischen Patriotismus in einen neuorientierten völkisch-deutschen Nationalismus zu transformieren. Ihn leiten dabei, äußert er, nicht das Diktum aus Hass und Leidenschaft des "schlechten Poltikers". Ausganspunkt ist vielmehr die internationale Lage in Europa und die künftige innere Entwicklung der Länder. Besondere Sorge bereitet ihn Russland. Die Zunahme der Bevölkerung und die absehbaren technischen Fortschritte, zum Beispiel bei der Schaffung eines Eisenbahnnetzes, begreift er für Deutschland als eine Gefahr. Denn das wird dem Land in zwanzig Jahren erlauben, eine "riesige Industrie" zu haben. Ein fleißiger Bauernstand und das Menschenmaterial für einen fleißigeren und gewissenhafteren Beamtenstand kann entstehen. Das reicht, "dass wir mit solcher furchtbaren Gefahr rechnen müssen,

als mit der größen Gefahr unserer Zukunft."

Er fordert: "Mit Russland darf es ein Bündnis erst geben, wenn Russland klein geworden ist." "Wir müssen in Zukunft seine Angriffskraft Schwächen." "Es ist die Weichselstellung, die eine ständige Bedrohung Deutschlands,

die Vordertatze des russischen Bären

in Deutschlands." Wir dürfen "es nicht nach Ostpreußen lassen", "denn der Besitz von Ostpreußen wäre für Russland doppelt so viel wert, wie Konstantinopel und der ganze Balkan zusammengenommen".

Schiele lehnte damit ähnlich wie Adolf Hitler, der bereits in seinen frühen Reden, etwa am 1. August 1920 in Nürnberg, die russisch-deutsche Zusammenarbeit ab, weil er fürchtete, dass dies England und Frankreich auf den Plan rufen würde. Überdies war er in dieser Zeit mit dem Studium der "Protkolle der Weisen von Zion" befasst, womit sich andeutet, dass eine schlichte machtpolitische Analyse der Außenpolitik durch eine weltgeschichtliche Perspektive, die Rassse-Mythos geprägt, substituiert wird. Der Schauplatz der Geschichte wandelt sich jetzt in einen epochalen Kampf zwischen den völkischen Nationalismus und jüdischen Internationalismus (Vgl. Pese 1955)

Georg Schiele europapolitische Strategie ist kompatibel mit den Ansätzen, wie sie Alfred Rosenberg in der Rede zum Volta-Kongreß der königlichen Akademie in Rom im November 1932 vorträgt, wenn er Rußland aus den typgebunden kulturnationen Europas verabschiedet, die jetzt allein Frankreich, Italien, Deutschland und England repräsentieren und Russland nach Mittelasien zurückkehrt. (Kluke 1955)

Die Russlandphobie steht im Dienst der imperialen Kriegszielpolitik und pflanzt sich 1941 im Feindbild der Wehrmacht als jüdisch-bolschewistischer Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion fort. In Verein mit der Rassenlehre, angelegten Abwertung der ostischen Rasse, Überlegenheitswahn des germanischen Volkes, Angst vor dem westlichem Imperium der Zivilisation (Thomas Mann), dem Kulturkampf und ästhetischen Denunziation des Expressionis ergibt es ein eigentümliches Gebräu, dass bei seinem Genuss den Verlust der Achtung vor anderen Völker und Nationen nach sich zieht. Es sind die geistigen Quellen des deutschen Militarismus, der, wie General Dwight D. Eisenhower (1890-1969) am 25. April 1945 den Naumburgern in der Proklamation Nr. 1 unmissverständlich erklärt, "oft den Frieden der Welt gestört" hat.

 

 

Europapolitik als Übersee- oder Kontinentalpolitik?

"Der Weltkrieg sollte uns doch beweisen," schreibt im Februar 1915 Georg Schiele, "welches die richtige Einschätzung der europäischen Dinge ist. Europa ist die gewaltige, mächtige Hauptstadt der Welt." "Das größere Deutschland wird in Europa liegen. .... Doch müssen wir die erste Landmacht sein oder wir werden nicht sein. Das ist die Voraussetzung unserer Größe und Kraft. Das bedeutet aber zugleich, dass wir alle zu unseren Feinden haben werden, und darum ungeheure Anstrengungen zur Verteidigung machen müssen." Es wäre leichtsinnig, entfaltet er seine Gedanken in Das größere Deutschland (1915) weiter, wenn wir vor den Gefahren zu Lande die Augen verschliessen würden. "Sind wir hier in Europa unangreifbar, so wird unser Wille um die Erde geachtet werden; bedrohen uns hier Gefahren, so fällt alles draußen eroberte wieder zusammen."

Dann folgen die Grundsätze der

Europapolitik für Das größere Deutschland.

Erstesn. Georg Schiele setzt seine Hoffnungen auf eine Europapolitik, die Deutschlands Zukunft in sich trägt. Er ist überzeugt davon, wenn Europa "die Entwicklung nimmt, die es eben haben kann, so werden in einigen Jahrzehnten oder Generationen die nordamerikanischen Wirtschafts- und Unternehmungsverhältnisse klein und zwerghaft erscheinen neben den europäischen." "Zwischen New York und San Franzisko liegen gewaltige Entwicklungsmöglichkeiten, aber zwischen Berlin und Bagdad oder Berlin und Wladiwostok noch ungeheuer viel größere."

Zweitens. Deutschland muss die Chancen seines Binnenmarktes erkennen und nutzen, "zumal wenn wir nicht den deutschen Markt allein, sondern den mitteleuropäischen, den durch Deutschland und Österreich-Ungarn dargestellten oder gar den Markt der mitteleuropäischen Handelsverträge nehmen, so übertrifft dessen weltpolitische Bedeutung weit die weltwirtschaftliche Kraft von Nordamerika oder von Russland und England oder sonst eines Weltreiches."

Drittens. Immer wieder mündet Wirtschaftsstrategie des deutschnationalen Politikers Deutschlands in die Russland-Frage ein. Und er kann seine Wunschvorstellungen nicht zurückhalten: "Wenn durch Krieg und Revolution das Reich gezwungen würde, sich der westlichen Kultur zu öffnen, wenn es etwa durch Abtrennung seiner Küstenländer an der Ostsee und am Schwarzen Meer geschwächt würde .....  so hätte das deutsche Reich ein Kolonialreich, wie es gewaltiger gar nicht auszudenken ist." Eine noch größere Zukunft tut sich auf, "wenn durch diesen Krieg der Einfluss Russlands auf den Balkan gebrochen wird und die Balkanstaaten sich rückhaltlos den mitteleuropäischen Handelsverträgen anschliessen." (Schiele 1915, 18-22)


Kapps engster Mitarbeiter

Seit Beginn des Krieges bestehen zwischen Georg Schiele, Wolfgang Kapp und Alfred Hugenberg enge persönliche Kontakte. Entstanden waren sie wahrscheinlich während seiner Mitarbeit im Alldeutschen Verband. Auch seine Tätigkeit in der Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation (1912) dürfte diese befördert haben. Außerdem beförderten in nationalliberalen Kreisen die Aufsätze im Grenzboten, der Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, sein Renommée.

Krupp von Bohlen-Halbach, Emil Kirdorf und Wilhelm Beukenberg bestimmen Hugenberg, der offenbar das Vertrauen und die Freundschaft des ostelbischen Junkertums, der westdeutschen Schwerindustriellen und des preussischen Militärs genoss, zum Leiter des Scherl-Verlages. Die Mediengruppe ist bei den Banken mit 7 Millionen Mark verschuldet. Es besteht Handlungsbedarf. 1915 geht der Scherl-Verlag in den neugegründeten Deutschen Verlagsverein über, dessen Geschäftsleitung das Krupp-Konsortium Hugenberg anträgt. So konnten ihn weder Ullstein noch Rudolf Mosse aufkaufen. Wahrscheinlich regte die Preußische Regierung die westdeutschen Großindustriellen zum Kauf an. Von "unbekannten Geldgebern" gingen 1915/16/17 von der Preussischen Zentralgenossenschaftskasse zum Ausgleich der Bankschulden der Scherl G.m.b.H. mehrere Millionen beim Deutschen Verlags Verein ein. Mit dem Kauf des Scherl Verlags, den gutlaufenden Inseratengesellschaften Hasenstein & Vogler und Dauber & Co. und ihren verzweigten Geschäftsverbindungen, waren enorme Einnahmequellen erschlossen. Hugenberg war ausserdem seit 1916 über den Westend-Verlag G.m.b.H. an der Telegraphen-Union beteiligt. Aus einem Konglomerat von Verlagen, Zeitungen, Nachrichten- und Werbeagenturen sowie Filmgesellschaften entsteht der Hugenberg-Konzern.

 

Walter Aub: Der Fall Hugenberg. Die Weltbühne, XXII. Jahrgang, Nummer 18, Berlin, den 23. Februar 1926, Seite 292. Hinweis: Die ersten zwei Zeilen aus der Überschrift wurden entfernt.

 

Bereits im Dezember 1915 schwebte Georg Schiele der Gedanke vor, eine eigene deutschnationale Zeitung aufzubauen. Als Kapps engster Mitarbeiter 1916 unternimmt er in dieser Angelegenheit bei Alfred Hugenberg einen Vorstoß. Zwar existiert bereits ein Publikationsorgan mit diesem Profil, nämlich, Das größere Deutschland, die Wochenschrift für Deutsche Welt- und Kolonialpolitik. Wohl gilt sie überall als scharf. Viele Konservative sind mit ihr unzufrieden, weil sie von den realpolitischen Gebietserweiterungen ablenkt.

Schiele unternimmt bei Hugenberg mit der Denkschrift

Notwendigkeit einer Presse -
und Propagandazentrale nationaler Richtung,

einen Vorstoß, um der allgemeinen Kriegsmüdigkeit einen "überragenden Führerwillen" entgegenzustellen und den flaumachenden Tendenzen von Regierung und Demokratie zu begegnen. "Möglicherweise war der Aufbau der Pressezentrale Vorbedingung für eine neue Partei, die Schiele damals unter den Namen Konservative Mittelstandspartei oder konservative Bürgerpartei gründen wollte." Doch blieben die Pläne von Kapp und Schiel ungehört. Im April 1917 gelingt, es die Zeitung Deutschlands Erneuerung ins Leben zu rufen. Die Monatshefte für das deutsche Volk kämpfen für die Erneuerung des Deutschtums, gegen alles Undeutsche und Entartung. Sie wollen die Reinhaltung der deutschen Familie. "Hoch über allem" stehen die Begriffe "Vaterland und Rasse". Schiele drängt konzeptionell auf eine großzügige Sozialpolitik. (Vgl. Hagenlücke 102-103, 106-107) Herausgeber der Zeitschrift sind: General Otto Ernst Vinzent Leo von Below, Houston Stewart Chamberlain, Heinrich Class, seit 1908 Vorsitzender des Alldeutschen Verbands, Professor Eberhard Geyer (Wien), Anthropologe, Doktor Georg Schiele und andere.

Deutsche Vaterlandspartei

Eine sozialdemokratische, katholische und linksliberale Mehrheit erstrebt den Verständigungsfrieden und verabschiedet hierzu am 19. Juli 1917 im Reichstag eine Friedensresolution. Als Antwort darauf gründen am 2. September 1917 Wolfgang Kapp (1858-1922), Alfred von Tirpitz (1849-1939) und Alfred Hugenberg (1865-1951) die Deutsche Vaterlandspartei (DVLP).

Georg Schiele übernimmt die Aufgabe des Hauptgeschäftsführers. "Ich stand in regem Gedankenaustausch mit Kapp seit langen Jahren, und selbstverständlich ist der Verkehr nach dem Jahre 1918 nicht geringer geworden," sagt er 1921 als Angeklagter im Jagow-Prozess vor dem Reichsgericht in Leipzig aus. Kapp wiederum stand in enger Verbindung mit Alfred Tirpitz, Ulrich von Hassell und Erich Ludendorff. Die ersten Gespräche über die Gründung der Partei führte Kapp zum 1. Programmentwurf am 14. Juli 1917 jedoch mit Georg Schiele.

Unterstützung erhält die DVLP von Carl Duisberg, Emil Kirdorf und Hugo Stinnes. An Geld mangelt es nicht. Beispielsweise gehen Schiele im September 1918 über das Bankhaus F. W. Krause von Wolfgang Kapp 10 000 Reichsmark zu. Ehrenvorsitzender der DVLP ist der Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft und Mitbegründer des Alldeutschen Verbandes Johann Albrecht zu Mecklenburg (1857-1920).

Genau genommen verkörpert sie keine Partei. Um den Ertrag des Krieges zu sichern, will sie lediglich alle Deutschen unbeschadet ihrer sonstigen Mitgliedschaften zusammenfassen. Ein Mummenschanz der Alldeutschen, nennt es am 9. September 1917 der Vorwärts (Berlin). Öffentlichkeitswirksam baut die DVLP Ludendorff und Hindenburg als Volkskaiser auf. Friedensverhandlungen zur Beendigung des Krieges lehnt sie ab. Die Partei mit ihren geschätzten 1,25 Millionen Mitgliedern will die Annexion von Belgien, Holland, von Teilen Frankreichs, Polen und der Ukraine. Ihr Ziel ist der Siegfrieden, den ihre politichen Gegner auch Hindenburg-Frieden nennen. Doch die Trümpfe der Strategen - Skagerrak-Schlacht 31. Mai / 1. Juni, uneingeschränkter U-Boot-Krieg gegen Handelsschiffe beginnend am 22. Februar 1915 und zwei Offensiven in Frankreich - stechen nicht. Trotzdem setzte man auf Gewinn und diskreditiert die Friedensresolution des deutschen Reichstages als Verzichtfrieden (Hindenburg). Sozialdemokraten, Zentrum, und Fortschrittliche Volkspartei, sagt der Reichstagsabgeordnete Constatin Fehrenbach (Zentrum) bei Einbringung der Resolution vor dem hohen Hause am 19. Juli 1917, wollen einen Frieden der Verständigung anstreben. Die DLVP plant den Burgfrieden mit der SPD aufzukündigen und als Antwort auf die Parlamentarisierung einen Militärstaat zu schaffen.

Um die Partei zu stabilisieren, beruft Wolfgang Kapp für den 12. November 1918 eine Konferenz ein. Eingeladen sind neben vielen anderen Gottfried Traub, Konrad von Wangenheim und Georg Schiele. Die Revolution überrollt das Vorhaben.

Trotzdem bemüht sich Schiele im November / Dezember weiter darum, eine neue bürgerliche Partei in Tradition der Vaterlandspartei zu gründen. Konservative und Liberale sollen in ein einheitliches Heer Zusammentreten, teilt er in einem Brief an Gottfried Traub mit. Ihm schwebt eine "Vereinigte liberal-konservative Volkspartei" vor.

Für den 10. Dezember 1918 beruft der DVLP-Vorstand den Reichsausschuss ein. Der stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Kapp stellt die politische Lage in düsteren Farben dar und beauftragt Gottfried Traub zusammen mit Doktor Georg Schiele und Doktor Nieber, die Partei samt 1 250 000 Mitgliedern aufzulösen. Traub und Schiele wiederum rufen alle auf, die nicht zum Berliner Tageblatt gehören wollen, der Deutschnationalen Volkspartei beizutreten. (Vgl. Henrichs 254-255)

Gottfried Traub (1869-1956) und Georg Schiele ist gemeinsam, dass sie völkische Anschauungsweisen mit alldeutschen und vaterländischen Attitüden verbinden. Beide predigen den Opfertod im Dienst von Staat und Nation. Die Hinterbliebenen tröstet Traub mit dem Wort: "Die deutschen Kriegstoten sind Samen für den Acker des deutschen Volkes, dass aufstehen soll in sittlicher Grösse und Herrlichkeit." "Die Toten wollen uns segnen. Wir müssen uns segnen lassen. Segnen aber heißt Kraft spenden und nicht Kraft nehmen. Unsere Toten auf dem Schlachtfeld nehmen uns die Stärke nicht, sie schenken sie uns." Ludendorff war gerade entlassen worden. Am tag darauf, den 26. Oktober 1918, besuchte er zufällig eine öffentliche Kinovorstellung, erzählt ein Anekdote, als ihn das Grauen und Entsetzen packte, weil das Publikum vor Freude über diese Nachricht jubelte. (Henrichs 92, 251)

 

 

Nationale Vereinigung

Im Spätsommer 1919 gründen Hauptmann Waldemar Pabst, Wolfgang Kapp und Oberst Max Bauer, politischer Berater von General Erich Ludendorff, die Nationale Vereinigung, um eine eine "Einheitsfront aller Nationalgesinnten" herzustellen. Als Hauptgeschäftsführer stützt sich Pabst auf das Organisationsgerüst der Vaterlandspartei. Zum Führungskreis der Vereinigung gehören Georg Schiele, Gottfried Traub, Ignatz Trebitsch-Lincoln, Schnitzler und Friedrich Grabowsky. Über Kapp und Traub, die im Hauptvorstand der DNVP, unterhält die Vereinigung direkte Verbindung zu den Führern der rechtsoppositionellen Parteien und zu den im Berliner "Nationalen Klub" seit Oktober 1919 zusammengeschlossenen Bankiers, Industriellen, Ministerialbeamten und Großgrundbesitzern, wo Traub als 1. Stellvertreter im Präsidium fungierte. (Nach Akten 2.10.1919)

 

 

Deutschnationale Volkspartei

Zusammen mit Alfred Hugenberg, Hugo Stinnes, Ernst Graf zu Reventlow und anderen sitzt Schiele 1919 im Vorstand des Berliner Nationalklubs. Aus ihm rekrutiert sich eine deutschkonservative Gruppe, die in Verein mit mehreren Freikonservativen, Christlich-Sozialen und Deutschvölkischen am 22. November 1918 die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ins Leben ruft (vgl. Holzbach 73). Ihre Hauptakteure sind Alfred von Tirpitz, Wolfgang Kapp, Friedrich Winkler und Kuno Graf von Westarp. Am 9. Dezember 1918 wählte die neu gegründete Deutschnationale Partei (DNVP) Oskar Hergt, 1869 in Naumburg an der Saale geboren, zu ihren ersten Vorsitzenden.

Nach dem Ersten Weltkrieg sammeln sich in der DNVP gewisse Kreise aus der ehemaligen Freikonservativen Partei, Christlich-Sozialen Partei und Deutsch-Völkischen Freiheitspartei. Ihre Erzählung über die Kriegskatastrophe handelt von der Dolchstoßlegende und den Novemberverbrechern. In der Partei setzt sich der völkische Flügel durch. Im Grundsatzprogramm bekundet sie eine antisemitische Grundhaltung. Man kämpft jetzt gegen den zersetzenden, undeutschen Geist von jüdischen und anderen Kreisen. Von 1919 bis 1928 erhöht sich die Zahl ihrer Mitglieder von 300 000 auf 696 000.

Schiele gehörte als Vertreter des völkisch-alldeutschen Flügels dem erweiterten DNVP-Parteivorstand nicht mehr an.


Deutsche Volkspartei, Ortsgruppe Naumburg

Vorsitzender
(von 1920-1932):
Landgerichtsrat Lohmeyer, Jenaer Str. 6b

 

Bemühungen der DNVP mit der im Entstehen begriffenen Deutschen Volkspartei zusammenzuschliessen scheitern. Gustav Stresemann führt zu diesem Zeitpunkt Fusionsverhandlungen im Sinne der Einigung des liberalen Bürgertums mit den Demokraten. Die Deutsche Volkspartei beharrte auf der Selbständigkeit, weshalb die Vereinigung der Rechten nicht zustande kommt. (Vgl. Hagenlücke 387-388)

Pfarrer Traub würdigte am 14. Oktober 1932 zur Trauerfeier im überfüllten großen Ratskellersaal die Leistungen von Georg Schiele bei der Gründung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP):

"Als das Jahr 1918 den Zusammenbruch Deutschlands gebracht habe, sei Schiele wieder in erster Front gewesen, als ein Aufruf zum Zusammenschluss zur DNVP erging. Zu den ersten Vorkämpfern, wie Pfannkuche, Maurenbrecher, zur Sammlung der nationalen Rechten habe Schiele sich bekannt …. Besonders habe Schiele sich damals darum bemüht, dass  n i c h t   e i n e   z w e i t e   n a t i o n a l e   Partei wie die Deutsche Volkspartei sich gründe, doch sei dieses bei den damaligen Verhandlungen im Hotel Continental in Berlin [Dezember 1918] gescheitert: Graf Westarp sei bereit gewesen, auf Schieles Rat einzugehen, doch Stresemann habe den Vorschlag abgelehnt."

Als Ortvorsitzender (1926) und Landesvorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) in Halle-Merseburg leistet Georg Schiele, wenn man die numerischen Wahlergebnisse zum Kriterium der Wahrheit erhebt, in der Naumburger Wählerschaft eine erfolgreiche Arbeit. Von 1917 bis zu seinem Tod 1932 prägt er mit seiner Partei das politische Klima der Stadt. Energisch wendet er sich gegen die Erfüllungspolitik, beispielsweise auf der DNVP-Wahl-Werbe-Versammlung am 28. April 1924 im Schützenhaus von Naumburg. 1930 bietet er in der Wettiner-Rede der Öffentlichkeit zwei schlimme Fresser als Feinde an: den deutschen Sozialismus und französischen Militarismus. "Wie lange das wohl noch geht?", fragt er.

In der 5. Wahlperiode vom September 1930 bis Juli 1932 übernimmt er für die Deutschnationalen im Reichstag ein Abgeordnetenmandat.

 

 

Naumburger Briefe

National bekannt werden die von Georg Schiele herausgegebenen

Naumburger Briefe

zur Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit sowohl in unserer Volkswirtschaft wie im Verkehr der Völker.

Der erste erscheint 1917. Weitere folgen. Sie befassen sich mit wirtschafts-, innen- und außenpolitischen Fragen vom Standpunkt der völkisch-nationalistischen Ideologie und schlagen die Brücke zu einflussreichen Vertretern der Landwirtschaft und dem Reichslandbund. (Vgl. Schmitz 55)

In deutschnationalen und -völkischen Kreisen gilt Schiele als Wirtschaftsexperte. "Herr von Wangenheim und [Georg] Schiele waren mir aus dem Krieg bekannt," erteilt General Erich Ludendorff im Jagow-Prozess (73) dem Reichsgericht in Leipzig 1922 Auskunft. "Sie haben mich dort in Wirtschaftsfragen aufgesucht und haben mit seltener Bestimmtheit vorausgesagt, wohin uns die Zwangswirtschaft, besonders in der Landwirtschaft führen wird."

Für den Rassentheoretiker, Antisemiten und Übersetzer von Joseph Arthur de Gobineau Essai sur l'inégalité des races humaines (Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen) Ludwig Schemann (1852-1938) war der Arzt und Schriftsteller aus Naumburg "ein höchst regsamer, urgesunder Denker, der seine von tiefer Überzeugung und echt deutschem Fühlen getragenen Anschauungen auf den verschiedensten Wegen, in Broschüren, Zeitschriften und Vorträgen zur Geltung zu bringen suchte." "Seine Hauptschriften sind alle mehr oder minder Ausführungen der Kappschen Grundgedanken und enthalten auch in irgendeiner Form seine Huldigung für den Meister ..." (1937)

Im Übrigen standen viele Experten und Politiker Schieles Schriften ablehnend gegenüber. "Ein schwärmerischer Knabe," urteilt Arno Voigt 1922, "der über Menschen, Mond, Sonne, Landwirtschaft, Geldtheorie und natürlich auch unmittelbar nach empfangener Aufklärung über Malthusianismus seine Systeme schrieb, weil er die Tinte nicht halten kann."

Nach dem Tod von Georg Schiele 1932 teilt Sohn Ernst Schiele die Einstellung der Naumburger Briefe mit.

 

 

Veröffentlichungen von Georg Wilhelm Schiele (Auswahl):

Über den natürlichen Ursprung der Kategorien Rente, Zins und Arbeitslohn (1908), Briefe über Landflucht und Polenfrage (1908), Zur Wohnungsfrage (1911), Gedanken über die Stellung des Haus- und Grundbesitzes (1912), Ueber innere Kolonisation und städtische Wohnungsfrage (1913), Wenn die Waffen ruhen! (1916), Fragen der Kriegsernährungspolitik (1917), Überseepolitik oder Kontinentalpolitik (1917), Der Ernährungssozialismus in der Verteidigung (1918), Einiges vom Tauschen und Handeln und andere Naumburger Briefe zur Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit (1918), Wirtschaftskrieg (1918), Wie der rechte deutsche Arbeiterfrieden aussehen muß (1918).

 

 

 

Kapp-Putsch

Im März 1920 ist Georg Schiele am Unternehmen Wilhelmstrasse beteiligt. "Neben [Gottfried] Traub, .... darf er", nach Karl Ludwig Schemann, "wohl als der treueste unter Kapps Anhängern bezeichnet werden." (1937, 115) Wolfgang Kapp will ihn als Wirtschaftsminister für sein Kabinett gewinnen. "Was das für Fachminister sind, die uns die Reaktion bescheren würde," darüber klärt Reichskanzler Gustav Bauer am 18. März 1920 in Stuttgart die Öffentlichkeit auf,

"das zeigt doch, glaube ich, am besten die Berufung des .... weltfremden, naiven Tagesschriftsteller Schiele, eines Mannes, der die doktrinärsten Ideen während des Kriegs vertreten hat, der von keinem Volkswirtschaftler ernst genommen wurde. Er ist an die Spitze des Wirtschaftsministeriums gestellt worden." (Bauer 74)

Der Putsch misslingt.

Viele verließen zu früh die Fahne. Nicht aber der Arzt aus Naumburg, erinnern sich später Mitstreiter von Kapp. Als das Scheitern des Putsches zur Gewissheit wurde, flieht Schiele nach St. Wolfgang (Österreich). "Dr. Schiele ist mit verschiedenen falschen Pässen teils im Inlande, teils im Auslande, u. a. in Ungarn aufgetaucht", schreibt 1922 Karl Brammer in Verfassungsgrundlagen und Hochverrat. Am 11. Oktober 1921 wurde er auf Grund des gegen ihn bestehenden Haftbefehles bei dem Versuch, die deutsch-österreichische Grenze auf bayerischem Gebiet zu überschreiten, festgenommen." (Laut der Meldung "Ein Kapist ist verhaftet" vom Vorwärts war dies ein Tag früher.) "Gegen eine Sicherheit von 100 000 Mark ist auch er dann auf freiem Fuß belassen worden." (Brammer 1922, 6)

Am 7. Dezember 1921 beginnt vor dem Vereinigten II. und III. Strafsenat am Reichsgericht in Leipzig der Jagow-Prozess. Ein Angeklagter ist Georg Schiele aus Naumburg. "Ich war der Meinung," sagt er den Richtern, "dass bei einem zweiten Vorstoss der Revolutionäre das Bürgertum diesmal nicht abseits stehen, sondern sich ganz energisch seiner Haut wehren würde." (Brammer 1922, 71)

 

 

Das Konzept vom freien Markt

In der Schrift Pax oeconomica (1922) erneuert Georg Schiele das Konzept vom freien Markt. Nur auf dieser Grundlage kann - seiner Überzeugung nach - Deutschland gedeihen. Ursache für die gegenwärtige wirtschaftliche Krise ist die staatlich gesteuerte Zwangswirtschaft. Sie brachte grosse Not über die Heimat. Selbst die von den preussischen Behörden organisierte Brotversorgung ist nach Schiele von einer verhängnisvollen demoralisierenden Wirkung. Denn mit der Revolution entstand die Wirtschaftsweise des "falschen Sozialismus". Sie führt zum Zusammenbruch der Volkswirtschaft.

In seiner Eigenschaft als Reichstagsabgeordneter hält Georg Schiele am 1. Mai 1932 in Bad Oeynhausen vor der Jahresversammlung des Westfälisch-Lippischen Wirtschaftsbundes eine Rede. Unter dem Thema Freie oder gebundene Wirtschaft sieht der DNVP-Politiker die Ursache der Krise in der "Verstärkung des kollektiven und sozialen Staates". Deshalb müssen wir, so seine Schlussfolgerung, zurück "zum System der Privatwirtschaft".

Die Zwangswirtschaft ist nicht der richtige Weg, lehrt Georg Schiele. Vielmehr sollen die Gesetze des Marktes und Wettbewerbs sowie der natürlichen Preisbildung siegen. Das richtet sich, zuerst gegen alle sozialistische Elemente der Gesellschaftsökonomie, damit also nicht nur gegen wirtschaftliche Regulierungen und eine stabil funktionierende Geldwirtschaft, sondern ebenso gegen die soziale Wohnungswirtschaft. 1922 schreibt Schiele in Pax oeconomica:

"Es ist aber nicht nur der irrende Sozialismus der Lohnarbeiterschaft, welcher diese Verwirrung angerichtet hat. Sondern viel gefährlicher noch ist die Planwirtschaft, die hemmungslose Protektionspolitik, die Rationierung des Marktes, die Organisationswut der Unternehmer. …. was nutzen steigende Löhne, wenn der Arbeiter als Verbraucher verhungert? was nutzen steigende Kohlenpreise, wenn der Verbrauch dabei zusammenbricht? Arbeitergewerkschaften und Syndikate sind gleich schlimme Brüder gegen sich selbst und uns alle.

Was wir brauchen ist: freier Markt."

1925 schaltet sich der Arzt und DNVP-Politiker in die Debatte über den Arbeitsdienst ein.

 

 

Der völkische Staat

Den Höhepunkt des idelogischen Schaffens von Georg Schiele bildet die Schrift der "Völkische Staat", erschienen 1926 als Heft 9 der "Naumburger Briefe". Das neue Staatsverständnis entfaltet er auf einer eigentümlichen Lagebeschreibung: "Der Nibelungen Not geht erst an. Sie heisst: beengte Lebensräume und Existenzlosigkeit." Nicht auf materiellen Gewinn geht der neue Lebenswille aus, sondern auf die "Veredlung der Art". Wir haben keine Zeit mehr uns unnützen Idealen hinzugeben, denn eine reiche und weiche Zeit hat den Geist proletarisiert und die Leiber bourgeoisiert. Jetzt kommt die Zeit der Proletarisierung und Verarmung des deutschen Volkes. Hinab in eine proletarische Existenz" fallen viele "Familien des höheren Standes. Das Zeitalter "des Reicherwerdens und der materiellen Sicherheit "fährt in die Grube". An dessen Stelle tritt - eng verbunden mit dem Frontgeist der Arbeit - der völkische Staat. Von den Werktätigen verlangt er "die große sittliche Leistung": "Herabsteigen von einem Niveau, das der materialistische Geist für ein Existenzminimum hält". Keine Angst, ruft Schiele den Bürgern zu, das Nötige übersteigt nicht die menschliche Kraft, doch fordert es "das Niederkämpfen der proletarischen Neidinstinkte". Das "hart werden gegen sich selbst verlangt eine hohe sittliche Kraft". Denn "zukünftige Sozialpolitik" muss "von anderer Natur sein als die bisherige".

"Machen wir uns klar," empfiehlt Georg Schiele, "dass alle zukünftige Sozialpolitik von anderer Natur sein muss als die bisherige. Wir sind zu arm, um wirkliche materielle Wohltaten zu bieten. .... Was wir zu vergeben haben ist ein heldisches Ideal, welches in sich die Kraft hat, zu helfen mit Hilfe der Werkzeuge: Familie, Eigentum, Selbständigkeit, Freiheit." Wer zu entbehren und zu arbeiten versteht, der wird jetzt der Vornehmere sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen, grenzt er den neuen Staat von anderen Formen seiner Existenz ab. Er ist nicht (1.) der restaurierte monarchistische Staat, (2.) die Wiederbelebung des Nachtwächterstaates, (3.) ein nationaler Unternehmerstaat (Kapitalistenstaat) oder (4.) der Klassenkampf-Staat. Ebenso wenig verkörpert er (5.) einen Wohlfahrtsstaat.

Der völkische Staat ist ein fordernder, ein Pflichtstaat. In ihm verschmelzen Nationales und Soziales. (Schiele 1926, 6 bis 8) Angeblich läutet er das "Ende der Futtertrog-Politik" ein.

"Der völkische Staat hat die große Aufgabe, die deutsche Gefahr der Explosion des überheizten Menschenkessels noch einmal zu beschwören …." Die Umschaltung der Menschenmassen von einem auf das andere Feld ist nötig. Aus "der Massenindustrie, wo wir völkisch degenerieren, auf neue Felder und in neue soziale Arbeitsformen, wo wir die völkische Gesundheit für Leib und Seele des Volkes wiederfinden."

Für den deutschen Arbeiter hat Georg Schiele (1926, 10 und 1924, 25 f.) zwei Botschaften parat:

"Wir rufen den Arbeitern zu: Der völkische Staat ist Euer Staat - der völkische Staat ist eurer Erbe und Mehrwert, - die deutsche Volksseele ist eure Seele."

Die Arbeiterschaft " …. mache sie sich zum Fürsprecher des freien Handels, den die ganze Welt braucht und halte mit Zähigkeit an dieser Politik fest. … Sie ist eine Hälfte der Brotpolitik, die wir treiben müssen."

 

Die Wettiner Rede

Georg Schiele pflegt eine enge Zusammenarbeit mit dem Stahlhelm. 1927 tritt er auf der Führertagung des Bundes der Frontsoldaten in Naumburg auf. Eine Zäsur setzt seine Wettiner Rede von 1930, die den Weg in den Faschismus vorzeichnet.

 

 

Gesellschaft der Freunde der Artamanen e.V..

In der Weimarer Republik warf die anhaltende Landflucht tiefe volkswirtschaftliche Friktionen auf und die Niedriglöhne stellten in vieler Hinsicht ein ernstes und folgenreiches politisches Problem dar. Als Reaktion darauf bildete sich die Artamanenbewegung. Ihre Essentials lauten: Wiederherstellung der Ehre und Achtung der landwirtschaftlichen Arbeit, Kampf gegen die Landflucht, Ersatz und Verdrängung der polnischen Wanderarbeiter auf den mittel- und ostdeutschen Rittergütern, Selbsthilfe der Jugend gegen die Arbeitslosigkeit und Förderung des Siedlungsgedankens. (Vgl. Benz 328) Besonders das nationalistische Segment der Bewegung erhob die Forderung nach Besiedlung des Ostens und vertrat die Blut- und Bodenideologie. Heinrich Himmler notiert 1921 in sein Tagebuch: "Das weiß ich bestimmter jetzt als je, wenn im Osten wieder ein Feldzug ist, so gehe ich mit. Der Osten ist das wichtigste für uns. Der Westen stirbt leicht. Im Osten müssen wir kämpfen und siedeln." (Zitiert nach Mues-Baron 154 f.)

In der Provinz Sachsen verkörpern die Artamanen im Zeitraum von 1924 bis 1929 mit 98 Einsatzstellen eine vergleichsweise starke Bewegung. In Pommern bestanden 26, in Schlesien 52, in Thüringen 43 und in Hessen nur 11 Einsatzstellen. (Vgl. Schmitz 51)

1928 zählt die Gesellschaft 50 Einzelmitglieder mit 64 Kooperationen (Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, Vertreter der Zuckerfabriken, Landbund, Vereinigung der landwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände der Provinz Sachsen und andere). Sie stellen der Bewegung bis 1929 insgesamt 75 000 Reichsmark zur Verfügung.

In der Ostmärkischen Siedlungsschule, dessen Leiter der gottbegnadete Dichter des Ehrhardt-Liedes (Eichenlaub am Stahlhelm schwarzweissrotes Band) Erich Tessmer, werden junge Artamanen herangebildet. (Bauer 1927)

Ökonomisch verkörpert und legalisiert die Artamanenbewegung das Prinzip der Lohndrückerei in der Landarbeit. Dies kam natürlich vor allem den ländlichen Unternehmern zugute. Die Lohntüte eines Landarbeiters aus Alt Libbehne im Kreis Pyritz, 180 Einwohner, beinhaltete 1932 für 48 geleistete Arbeitsstunden einen Lohn von 1,38 Mark! Ein anderer Landarbeiter, berichtet 1932 die "Salzburger Wacht", erhält mit seiner Lohntüte, nach Abzug der Kosten für Essen und Unterkunft, einen Betrag von 7,20 Mark für 48 Stunden Arbeit. Genau dies entsprach den Zielen der Klassen-, Arbeiter- und Lohnpolitik von Georg Schiele. Er ist "so etwas wie der Theoretiker der Artamanenbewegung", instruiert Hans Bauer 1927 die Leser des "Vorwärts" (Berlin). Damit reagiert das Zentralorgan der SPD auf die Gründung der Gesellschaft der Freunde der Artamanen e.V. am 11. Juli 1926. Schiele verfasste zwei Naumburger Briefe: 1926: Zur Siedlungsfrage und 1928: Mitkämpfer. Über Artamanen und freiwilligen Arbeitsdienst. "Er weist in seinen Artamanenbriefen nach," schreibt Hans Bauer, "dass die internationale Asphaltkultur der Großstädte die deutsche Jugend ja doch nur verseuche, und dass es demgegenüber gelte, den neuen Glauben von der Arbeit als vaterländische Verpflichtung in sich aufzunehmen."

Die Artamanenbewegung beruhte auf der sozial-politischen Konstruktion des dienenden Arbeiters. Die NS-Propaganda-Schrift Der Arbeitsdienst (1941) erläutert das so: "Die Artamanen "stempelten" nicht und redeten nicht. Sie gingen aufs Land zum Bauern und schlossen eine Gemeinschaft dienender Arbeiter. Studenten, Kaufleute, Fabrikarbeiter und Gärtner legten ihre Hände ineinander wurden Wegbereiter einer Idee, die von nun an nicht mehr aus dem deutschen Leben fortzudenken und fortzudiskutieren war." Ihre Vorgeschichte begann in der Bündischen Jugend. Unterstützung erhielt sie besonders aus einem Förderkreis von Großagrariern.

 

 

Die Initiative gegen den Young-Plan

Im Juni 1929 legte ein Sachverständigenausschuss unter Leitung von Owen Young einen neuen Zahlungsplan vor, der die Verpflichtungen Deutschlands im Rahmen des Versailler Vertrags neu regelte und damit den Dawesplan von 1924 ablösen könnte. Aufzubringen ist die Summe, verzinst bis 1988, von 36 Milliarden Reichsmark. Die Rechten sehen darin eine fortschreitende Unterjochung Deutschlands, eine starke Fessel durch die Kommerzialisierung einer politischen Schuld, wie Georg Schiele (Naumburg) im Oktober 1929 ihren Standpunkt in Warum Volksbegehren? formuliert. Von ihm, sagte Alfred Hugenberg am 13. Oktober 1932 in Berlin während der DNVP-Parteivorstandssitzung, stammte die Idee und der Vorschlag für die Durchführung des Volksbegehrens gegen die Versklavung des Deutschen Volkes (Freiheitsgesetz). Sein Ziel war,

"die Volksbewegung
vor aller Welt sichtbar zu machen".

Fünfzig Prozent aller Wahlberechtigten mussten mit Ja votierten, um Erfolg zu haben. Zwar stimmten 5 838 890 Bürger am 22. Dezember 1929 für das "Freiheitsgesetz", was 94,5 Prozent der abgegebenen Stimmen entspricht, doch erfasste dies nur 13,5 Prozent aller Wahlberechtigten. Somit war der Volksentscheid ungültig. Am 17. Mai 1930 trat der Young-Plan rückwirkend zum 1. September 1929 in Kraft.

In Naumburg (Saale) fiel das Ergebnis der Volksabstimmung erwartungsgemäß günstiger aus. Von den 26 467 Wahlberechtigten geben 8 910 Personen (34 Prozent) ihre Stimme ab. Mit Ja votieren etwa 8 493 Bürger.

 

Am 28. September 1932 stirbt Georg Wilhelm Schiele in Naumburg (Saale). Die Trauerfeier fand am 14. Oktober im überfüllten Saal des Ratskellers statt. Doktor Schöbel, Vorsitzender des Kreisvereins der Deutschnationalen Volkspartei Naumburg, begrüsste die Trauernden. Die ehrenden Worte des Gedenkens sprach Pfarrer D. Traub.

 

 

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Autor: Detlef Belau


Geschrieben:
8. Juni 2010

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