Friedrich Muck-Lamberty:

Und wenn die Zeit reif ist,
brechen wir wieder auf,
um in den anderen Gauen jungen Menschen zu sagen,
was uns bewegt. (1922)

 

 

Friedrich Muck-Lamberty
und die unvergessene Neue Schar

 

Kindheit und Jugend

Von Idealen getragen

Wanderung mit Karl Bittel

Bei Eklöh in Lüdenschscheid

Das Meissner-Treffen 1913

Ihr habt die Alten nicht besiegt!

Bei Verleger Ericht Matthes

  Was will er beim Vortrupp?

 Helgoland  Witzenhausen

Süddeutscher Jugendtag

 Im Generalstab

Stürzet das Morsche und Gottlose

 Unter Kommunismusverdacht

Freideutsche Führertagung Arpril 1919

Sozialismus oder Fahrt ins Blaue?

Auf dem Lauenstein bei den Jungdeutschen

Disput mit Professor Gustav Roethe

Impulse und Vektoren Meissner-Treffen - Wandervogel
 - Sera-Kreis - Monte Verità - Lisa Tetzner - Georg Stammler

Der Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen

Fortsetzung

 

Von der Leuchtenburg bei Kahla in Thüringen findet im Frühsommer 1921 ein junger Mann nach Naumburg an der Saale. Im Kopf die Pläne einer alternativen Handwerkergemeinschaft. Wechselvolle Jahre liegen hinter Friedrich Muck-Lamberty. Mit der Neuen Schar wanderte er im Sommer 1920 durch Franken und Thüringen. Sie tanzten und spielten unter der Linde in Weidhausen, auf den Arkaden am Schlossplatz in Coburg, den Marktplätzen von Steinach und Jena, unter den Kastanien von Saalfeld, auf dem Anger von Rudolstadt, dem Schulplatz von Gorndorf, in Ranis, bei der Altenburg in Pössneck. Hunderte, manchmal sogar Tausende strömten herbei. So ernst hörten sie Muck predigen, in der Herderkirche von Weimar, Barfüßerkirche Erfurt und Augustiner Kirche zu Gotha. Unvergessen das Volksfest mit den Bauern von Schweinitz oder in Gumperda, von Reinstädt und Drösnitz. Und wie glücklich waren sie in Neudietendorf und Wandersleben.

 

"Es scheint," berichtet Lisa Tetzner* 1923 über die Neue Schar, "als seien alle Menschen der Stadt im Anmarsch begriffen. Voran schreitet ein kleiner Trupp sonderbar bekleideter Burschen und Mädchen. Sie tragen bunte, grobe Kittel, sind barfuss in Sandalen und haben schwere Lasten auf den Schultern, als trügen sie all ihr Gut bei sich. Ihnen voran schwebt eine blaue, von Wind und Sonne zerschlissene Fahne mit weissem Kranz. An ihren Seiten und Händen halten sich zahlreiche Kinder fest."

Lisa Tetzner (1894-1963) wanderte - wahrscheinlich ab Erfurt - im Sommer 1920 mit der Neuen Schar und Friedrich Muck-Lamberty ein Stück des Weges durch Thüringen, worüber sie Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr (1923) berichtet. Die Reportage besticht durch eine sensible und unverstellte Art.

Die Tanz & Spiel-Company weilte vom 25. September bis 8. Oktober 1920 in der Wartburg-Stadt. Wahrscheinlich entstand das Bild, als die Neue Schar den Bahnhof in Eisenach passierte.

Am 28. September 1920 veranstaltet die "Jugendgruppe Dresden des Bundes für Gegenchristentum" in Eisenach einen "Jugendtag Sie lädt zur Aussprache, zum Singen und Tanzen ein. Treffpunkt ist um 8 Uhr am Bahnhof.

Obiges Bild zeigt Jugendliche vor dem Bahnhof.
Vor allem die K i n d e r,
die Muck und seine Spiel & Tanz-Company  so  l i e b t e n, deuten darauf hin, dass hier die Neue Schar zu sehen ist.

 

Wo sie auch hinkamen, beobachtete der Erfurter Pfarrer Adam Ritzhaupt, breitete sich eine jauchzende Stimmung und unbeschreibliche Begeisterung aus, "… erregten sie zunächst Lachen, Erstaunen, Entrüstung: die Männer mit langen Haaren, kurzen Hosen, Sandalen, bloßen Füßen; die Mädchen in leinenen Kitteln, ebenfalls barfüßig und barhäuptig." Die Kinder kamen zu ihnen gelaufen. Sie spielten und tanzten, bildeten einen Kreis, fassten sich an und sangen Lieder. "Oft haben wir tausende Kinder beisammen (so u.a. in Saalfeld und Rudolstadt)", gibt Willi Wismann im August 1920 in Junge Menschen (Hamburg) bekannt. Da "Gibt es da ein Singen und Springen auf dem Anger! Unsere alten Volkslieder und Reigentänze lernen sie von uns, so dass die alten Weisen später aus jedem Haus herausströmen. Dann erzählen wir den Kindern noch Märchen und Sagen, mit denen Sehnsucht wieder in ihr Herz einzieht. Bei den meisten Kindern wird dieses Erlebnis bis ins Alter hinein nachklingen und ihnen Richtung hin auf das Urwüchsige, Gesunde weisen."

Am 24. Juli 1920 zog die Neue Schar in Jena ein. Wieder begann ein unglaubliches Treiben. "Fabriken, Kontore und Geschäfte, ja selbst die Schulen mussten vorzeitig schliessen", woran am 16. Februar 1921 das Jenaer Volksblatt erinnerte. In Weimar war es nicht viel anders. Ende September 1920 kabelte Gisella Selden-Goth aus der Klassiker-Stadt an das Neue Wiener Journal: "Ärzte verließen ihre Praxis, Akademiker ihr Studium, Primaner legten den Horaz und die analytische Geometrie aus der Hand, um ihm [Muck-Lamberty] zu folgen, der sie notwendiger brauchte, als die Wissenschaft." Es ist, als hätten alle Menschen, wie Lisa Tetzner später sagen wird, nur darauf gewartet,

aufgerufen zu werden.

Dann wird es stiller - um den Sturmtrupp des Sommers (Lisa Tetzner). Mit wenigen Sätzen skizziert 1921 die Schrift Die Neue Schar in Thüringen was geschehen war:

"Der Feuerstreifen, den die Neue Schar durch die thüringischen Länder gezogen hat, ist erloschen durch des Führers eigene Schuld. Für die einen hat ein Scharlatan mit seinem Zirkus ein verdientes Ende gefunden, und nach ihrer Ansicht sind alle diejenigen die Blamierten, die mit Beifall den Schaustellungen nachgelaufen sind. Andere haben geweint, als sie an der Schuld Muck-Lambertys nicht mehr zweifeln konnten und haben ihm geflucht wegen seiner Treulosigkeit. Andere sehen ein bewegtes Drama, in dem sich die Macht der Dinge und menschlicher Wille, hohes Wollen und kleine menschliche Schwachheit, Trieb und Geist zu tragischen Konflikten verwickelten."

 

Adam Ritzhaupt,

geboren am 3. November 1882 in Ludwigshafen am Rhein. 1. November 1905 Vikar in Germersheim. 1906 Pfarrverweser in Winnweiler und Speyer, 1907 Pfarrverweser in Fußgönheim, 1907 Stadtvikar in Frankenthal, 1909 Pfarrer in Hersberg, 1916 Pfarrer in Erfurt an der Barfüßerkirche. Wohnort: Barfüßerstrasse 8 (1916).

Nach dem Pfarrer Martin Richter im April durch eine Verfügung der kirchlichen Behörde seines Amtes enthoben worden war, übernahm Ritzhaupt die Pfarrstelle. Nach wenigen Wochen setzte man ihn ausserdem zur Unterstützung des Pfarrers in der Kaufmannskirche ein. Er war kritisch gegen die Ideologie des Dritten Reiches eingestellt. 1937 wurde er aus politischen Gründen für vier Wochen auf den Petersberg (Erfurt) in Haft genommen. Danach siedelte er nach Aschersleben über, kam aber nach vier Monaten zurück nach Erfurt. Am 1. Februar 1962 begann der Ruhestand.

Ingrid Kessler (Erfurt)

 

Aber war es wirklich des Führers eigene Schuld, wie der Erfurter Pfarrer Adam Ritzhaupt behauptet? Muck widerspricht ihm heftig und überwirft sich mit dem Verleger der Schrift, Eugen Diederichs in Jena. Seinen Kummer übermittelt er Kurt Kläber (1897-1959) am 24. Juli 1921:

"Und mit Diederichs mag ich nun nichts mehr zu tun haben, seitdem er die Wahrheit weiss - die grundsätzlichen Irrtümer eines Ritzhaupts einfach abdruckt."

 

Friedrich Muck-Lamberty ist ein ansehenswerter, junger, sportlicher Mann, 1,62 Meter gross, mit dunkelblonden Haaren und blauen Augen. Als die Schar im Juli 1920 Jena eintrifft, feiert er seinen neunundzwanzigsten Geburtstag. "Er ist von mittlerer Grösse", beschreibt ihn Gustav Schröer (1920), "mit einem starken, eigenwilligen Kinn und tiefen Augen." "Er hat", so erlebte ihn Lisa Tetzner (1923) auf dem Weg durch Thüringen, "langes zurückgekämmtes Haar, trägt einen weiten braunen Mantel um die Schulter und ist ebenfalls barfuss in Sandalen." In der Gruppe agiert er oft mit lebhafter Gebärde, stechenden Blick und lauten Worten. "Er spricht einfach und wird dazwischen derb, ja witzig, er schleudert seine Worte, von einer inneren Glut gepeitscht, mit Ungestüm." "Er spricht unliterarisch, aber eindringlich und sanft. Wer ihn einmal erlebt hat, kann ihn schwer vergessen." (Grüsser)

"Wenn er spricht, dann reisst er sich die Worte vom Herzen", beschreibt ihn Gustav Schröer (1920). "Ruckweise spricht er und teilt scharfe Hiebe aus, vergreift sich und erschüttert doch die Menschen, wühlt und schleudert seine abgehackten Fragen und Anklagen wie Brandfackeln unter die Mauern, die ihn umdrängen." Geradezu legendären Ruf geniesst seine Predigt vom 30. September 1920 in der Marktkirche von Eisenach. Ein Teilnehmer, der ihn erlebt, fragt danach: "Was ist es nun, was Muck Lamberty diese Kraft verleiht?" und antwortet: "Es ist die Unbedingtheit, mit der er sich mitten in den Strom des Lebens stellt, der Mut, mit dem er bewusst gegen den Strom schwimmt."

Im Umgang mit Höhergestellten produzierte er gerne seine Eigenheiten.

"Du Weinel, hör mal,
dass musst du verstehen
",

redete er unseren verehrten Professor an, "auch die Bürgermeister und Schuldirektoren duzte er; niemand konnte ihn ungut sein ....", erinnert sich Wilhelm Flitner (271) aus Jena.

Manchmal gab Muck den Hitzkopf, fing an zu schwärmen, glitt in politische Poesie ab, haschte ungelenkig nach Begriffen, zog aber auch schnell "Schubladen" auf, um seiner Rede Auftrieb zu verleihen und genoss ihren Widerhall. "Muck, der mit starker Suggestionskraft die Menschen in seinen Bann zu ziehen wusste," beschreibt ihn im April 1921 Emil Fuchs, "war ganz von grossem Fühlen getrieben." Einen Aufrüttler nannte ihn Professor Johannes Resch (1921). Und es war wohl so, wie die Eisenacher Zeitung es am 1. Oktober 1920 registiert: "Wo er hinkommt, kann Niemand an ihm vorbei, er muss irgendwie zu ihm Stellung nehmen, ob er ihn nun annimmt oder ablehnt." Voller Bewunderung äussert der Pfarrer eines Ortes, irgendwo zwischen Jena und Erfurt gelegen: "Sehen sie, das hat er gefunden, weil er den göttlichen Funken in sich hat, der zünden kann, weil er Sendung hat." (Tetzner 1923, 116)

"Der Typ Muck," meint Emil Engelhardt (1921, 4), "ist weder Faust noch Don Juan, sondern eine Mischung der beiden." "Das Größte aber an Muck Lamberty", urteilt Fritz Zögner (1921, 253), "ist seine Bescheidenheit, seine unbegrenzte Liebe zum ganzen Volke und sein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen." "Er fühlt sich als Vorarbeiter einer neuen Zeit." (von Stechow)

Friedrich
Muck-Lamberty*
(1891-1984)

Die Schar wurde von ihm geführt, wussten alle, "und es wollte scheinen, als sei sie gut geführt. Freilich, wer Muck kannte, wusste, dass sein Blut wallte, das er hitzig war - er hat Temperament sagen die Leute. - Er diente seiner Aufgabe, fing an, seine Fehler einzusehen. Und das machte ihn vielen wieder wert." (Grüsser)

Durch Mucks Aufsätze, Aufrufe und Reden von 1919/20 fegen die emotionalen Stürme der Revolutions- und Nachkriesgszeit. Es sind interessante Zeitdokumente, die um Reformen ringen, sensibel die sozialen und kulturellen Fragen speziell der Jugendkultur artikulieren. Bisweilen bedient er sich einer deftigen, direkten und semantisch prallen Sprache, die Gedanken an die Rebellen des Bauernkrieges wachrufen. Die Erfahrungen, auf den Wanderungen gesammelt, die Gespräche mit Bürgern, politisches Engagement, all dies schärfte den sozialen Blick und verliehen den Texten öfter eine provokative Note. Seinen Reden gab es enormen Auftrieb. Die Mitglieder der Neuen Schar, viele Jugendliche, Kinder und reformfreudige Bürger brachten Muck Sympathie, Achtung und Zuneigung entgegen. Sogleich kam er dadurch immer wieder in Schwierigkeiten. "Tatsächlich steht es so," vermittelt uns 1926 die Sozialreformerin und Pädagogin Eugenie Schwarzwald (1872-1940) ihre Erfahrungen, "dass es schon in normalen Zeiten unerhört schwer ist, jung zu sein, insbesondere wenn man begabt und feinfühlig ist."

 

"Was ist die Neue Schar", forscht die Monatsschrift Freideutsche Jugend (Hamburg) im November 1920 nach und antwortet:

"Sie kommt von der Wandervogelbewegung her, und ihr Führer Muck würde sagen, sie ist ein Ausfluss der Liebe zu allen Menschen."

"Ihr Ziel ist Erneuerung unseres ganzen Volkslebens unter Ausschaltung der politischen Fragen" , kündigt die Thüringer Zeitung am 13. August 1920 an, um den deutschen Volk,

"den Sinn für Volkstum, Heimat
und heiterer Fröhlichkeit

unter Ausschaltung der modernen Genüsse [Tabak, Alkohol] …." wieder nahe zu bringen. Im Erlass des sächsischen Innenministeriums vom 8. Dezember 1920 war über Friedrich Muck-Lamberty zu lesen: "Er ging von dem Grundsatz aus, dass die Menschen das Freuen, den Sinn für Einfachheit und Natürlichkeit verloren haben. Er tanzte und sang mit ihnen, um erst einmal die äußeren Gegensätze zu überbrücken."

Die Neue Schar fragt: Wie und in welcher Form der Gemeinschaft wollen wir leben? Was sollen, was dürfen wir tun? Sie will ihr Leben in eigener Verantwortung führen und mit Schönheit füllen, erstrebt, was Ferdinand Avenarius 1913 im Kunstwart nach dem Treffen auf dem Hohen Meissner vordachte, "…. die Fähigkeit und das Recht, nach der eigenen Überzeugung zu leben". Deshalb spüren sie einen Horror vor der Angepasstheit und Kompromiss. Karl Schäfer wirft Anfang 1921 in die Muck-Debatte ein, sie fühlen, dass ein Zugeständnis sie

zu Durchschnittsseelen macht, dabei
wollten sie doch aber Persönlichkeiten werden.

Ein hoher Anspruch, der das Risiko des Scheiterns in sich birgt und im Alltag zur Überspanntheit führen kann. Hermann Hesse warnt 1921: "Die Welt ist nicht da, um verbessert zu werden. Auch ihr seid nicht da, um verbessert zu werden. Ihr seid aber da, um ihr selbst zu sein. Ihr seid da, damit die Welt um diesen Klang, um diesen Ton, um diesen Schatten reicher sei." Vor dem Ketzergericht auf der Leuchtenburg im Februar 1921 bemüht Muck diese Argumente vergeblich, weil die öffentliche Meinung gegen ihn stand.

"Die Lauterkeit der Bewegung wurden jeden Rudolstädter, der sich für die Sache interessierte, vor Augen geführt …", würdigt am 6. Juli 1920 die Stadtzeitung den Auftritt der Neuen Schar. "Zu Tausenden (in Rudolstadt waren es zweitausend)", worauf der Vorwärts (SPD) aus Berlin am 15. Januar 1921 hinweist, "folgen die Menschen der Schar, bringen ihr Geschenke dar, spielen mit ihnen und singen und tanzen mit diesen jungen Menschen."

Muck in Eisenach, September/Oktober 1920. "Prophet" Friedrich Lamberty.
(Winfried Mogge 1986, Seite 66)

Es kann der Wahrheit dienlich sein, wenn sich Persönlichkeiten mit hohen moralischem Status an die Ereignisse erinnern.

Reformpädagoge Wilhelm Flitner (1889-1990), Mitbegründer der Volkshochschule Jena, die Georg Kötschau (Jena) eine Paradiesschule nannte, und Leiter der ersten am 1. April 1919 in Jena eröffneten Abendvolkshochschule, erkennt bei Muck die Bemühungen um ".... Lebensbejahung, Nächstenliebe, Verträglichkeit, Freundschaft, Völkerversöhnung und Frieden auf Erden." (1986, 271)

Unvergesslich blieb dem Theologen und Bischof Wilhelm Stählin (1883-1975) das Erlebnis mit Friedrich Muck-Lamberty am 30. September 1920 in der Marktkirche von Eisenach. Ihn beeindruckte die

"Bußpredigt gegen
die Hartherzigkeit und Gemütskälte
der bürgerlichen Kreise".

Kunstkritiker Wilhelm Uhde (1847-1947) begegnete der Tanz & Spiel-Company Ende Juni 1920 in Lauenstein. Rückblickend lobte er ihren immateriellen Geist und ihre Lebensfreude.

Theodor Plievier (1892-1955), Chronist der Matrosenrevolte von 1918 und Autor des viel gelesenen Romans Stalingrad (1945), besuchte die Neue Schar in Erfurt. "Er lebte einige Tage mit ihr", erzählt 1965 (126) Harry Wilde, "und aus seinen Worten sprach eine große Sympathie für Muck-Lamberty - trotz aller Verschiedenheit der Wege und der Ausdrucksmittel."

"Es war", erinnert sich der Eisenacher Pfarrer und Theologieprofessor Emil Fuchs (1875-1971) an die Begegnung mit der Neuen Schar in Mein Leben (1959, 54), "eine ehrliche und grosse Begeisterung." "So haben wir auch miterlebt, wie in Thüringen die Jugendbewegung geradezu eine Art leidenschaftliche Volksbewegung wurde. Ich bin froh, dass ich es erlebte."

"Sie singen", illustriert im Oktober 1920 Gisella Selden-Goth das Tun der Neuen Schar, "nicht die Internationale und nicht die Wacht am Rhein; sie singen Mucks-Lambertys Tanzlieder, deren Melodien jetzt an allen Ecken und Enden Weimars aufflackern, überall wo Kinder lachen, junge Frauen bei der Arbeit leise Summen und reife Männer nachdenklich vor sich pfeifend auf Goethes Spuren gehen."

"Und was die neue Schar so wertvoll macht," anerkennt 1920 von Stechow in der Halbmonatsschrift Ethische Kultur, "dass sie ihre Gedanken selbst vorleben, durch ihr Beispiel und die ursprüngliche Frische ihres Wortes hinreißen. Es ist eine Wirkung von Mensch zu Mensch, doppelt erfreulich in einer Zeit, die im Nächsten nur den Nutzen sieht, den er bringt."

Später registrierten einige nach dem Vorbild der Sage des Rattenfängers von Hameln einen märchenhaften Erfolg für Muck (Borinski/Milch 45). Zum ersten Mal tauchte diese Analogie am 6. Juli 1920 in der Rudolstädter Zeitung auf. Obschon hier positiv konnotiert, ist die damit vermittelte Deutung unpassend. Vor allem gab die Neue Schar kein Befreiungs-Versprechen. Und Muck war das Locken und die Manipulation stets abhold. Nicht ein "Rattenfänger" pfiff die Melodie, sondern die Gruppe musizierte, tanzte und spielte mit den Kindern und Erwachsenen.

Einige Zeitgenossen war die Tiefenwirkung der Neuen Schar nicht entgangen. "Wo sie tanzen und singen," tat Gustav Schröer am 24. September 1920 in der Eisenacher Zeitung seine Beobachtungen kund, "wo sie sich hernach niedersetzen und ein liebes vertrautes Volkslied singen, wo sie unter sich ernsthafte Fragen behandeln, sich um ein Fähnlein sammeln, anfangen, sich sogar in den Kirchen zu stiller Andacht zusammen zu finden, da ist die `Neue Schar` durchgezogen. Volkstanz und Lied, Ernst und Freude, der Versuch, sich zu wahrhaftem Verstehen, Mensch zu Mensch aufzuschwingen, bezeichnen ihren Weg."

Muck und die Neue Schar strebten nach einem Leben in Wahrhaftigkeit, Würde und Anstand, wo Eigenes und Fremdes versöhnt. Über die Revolution der Seele suchten sie den Weg in die Neue Zeit. Mit Schwung und Elan nahmen sie den Kampf gegen die Alten und Philister auf. "Es wird ein frisches Ringen sein mit den Altnaturen," schreibt Friedrich Muck-Lamberty 1918 An die Freideutschen!, "die ihre Interessen schützen und den Wert des Menschen erst in zweiter Linie stellen." Ihr Zug durch Franken und Thüringen verlieh den moralischen Universalien der Jugendkultur - Wahrheit, Aufbruch, Kreativität - neue Ausdruckskraft und Öffentlichkeit, wobei, was etwas kurios, sie das Wort "modern" wegen des kommerziellen Klangs, der Anmutung realer oder gefühlter Kolonialisierung, ungern in den Mund nahmen. Unbenommen dessen stossen sie in verein mit anderen Bewegungen und progressiven Jugendgruppen die Tür zum modernen Leben auf.

Ihre Formen der Begegnung - Spiele, Gesang, Kommunikation, gelegentlich mit einer Priese religiöser Rückbesinnung, pflanzten sich als Elemente jugendlicher Lebensart in Thüringen über die Generationen hinweg fort. Oftmals ohne jede Ahnung über ihre Herkunft, blieben sie bei Geburtstags- und Hochzeitsfeiern, bei Volksfesten, Brigadefeiern und Betriebsfesten auch nach dem Zweiten Weltkrieg gegenwärtig.

Zusammen mit den Aufführungen der Haas-Berkow-Truppe, rekonstruierte Bettina Reimers (2000, 73, 300), gaben sie den Impuls für die Gründung von Laienspielgruppen innerhalb der Volkshochschulbewegung in Thüringen. Immerhin existierten in 53 Ortschaften derartige Ensembles.

Theodor Plieviere, Autor der Romane Der Kaiser ging .... und Stalingrad, kam 1920 in Erfurt intensiv mit Muck und der Neuen Schar in Berührung. Es ist zum Greifen nah, dass seine "Revolution des Geistes" und anarchistischer Aktivismus (Hans-Harald Müller) stark von ihnen inspiriert und beeinflusst.

Trotz alledem erschien die Spiel & Tanz-Company manchem im schillernden Licht. Zum Beispiel Sebastian Haffner (2000, 64 f.), der ihre Rolle als Erlöser kritisch deutet:

"Während Hitler das Tausendjährige Reich durch den Massenmord aller Juden herbeiführen wollte, gab es in Thüringen einen gewissen Lamberty, der es durch allgemeinen Volkstanz, Singen und Luftsprünge erreichen wollte. Jeder Erlöser hatte seinen eigenen Stil."

Jedoch agieren sie nicht nur im eigenen Stil, sondern atmen grundverschiedene moralische Werte. Eine Erlösung mit Hitler-Methoden war für die Neue Schar immer undenkbar. So deutet sich hier bereits an, dass die historische Aufarbeitung und publizistische Darstellung der Ereignisse um Friedrich Muck-Lamberty widersprüchliche Interpretationen und Sichtweisen zu Tage förderte. "Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt," könnte man mit Friedrich Schiller`s Wallenstein sagen, "schwankt sein Charakterbild in der Geschichte."

Pfarrer Adam Ritzhaupt vergegenwärtigt, dass die Blumenstadt im August 1920 die Neue Schar gleich Helden und Befreier begrüsste. "Wie ein Jahrzehnt danach Hitler" - fügt man viele Jahre später in der Debatte hinzu. Gegen diese Sicht protestiert Harry Wilde (1899-1878), eigentlich Harry Paul Schulze, Teilnehmer der Wanderung:

"Muck war beileibe kein Nationalsozialist, nicht einmal ein Vorläufer, als der er später hingestellt wurde." (1974, 17)

Ganz anders DER SPIEGEL (Hamburg) im Heft 6/1984. Unter der Headline

     Barfuss zur Erlösung vom Chaos

offeriert er eine Artverwandtschaft der Inflationsheiligen Max Schulze-Sölde, Christian Haeusser und Friedrich Muck-Lamberty mit dem Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. In vielen waren sie nur Mutanten des Typus Hitler, konnte man lesen. Den Konstruktionsplan entwarf Ulrich Linse in Barfüssige Propheten (1983). Selber ein Wanderprophet, argumentiert er (30-43), fand der Führer auf die sozialen Ängste der Massen ähnliche Antworten wie die Inflationsheiligen: Kult der heroischen Führerpersönlichkeit mit Messias-Image, magisches Agitieren durch manipulierte Wirklichkeitstransformation, Verdammung der Parteienwirtschaft, Verschmelzung von Politik und Religion und Propagierung lebensreformerischer Sehnsüchte.

Garnisonspfarrer Wilhelm Siegmeyer, der Muck-Lamberty aus der Kriegszeit auf Helgoland kannte, trägt 1921 in Junge Menschen exemplarisch das Urteil seiner Gegner vor: Sie stört "die ganze unausgeglichene, ziellose Persönlichkeit, die Verquickung unklarer Ideen, religiöser Motive, eines maßlosen Selbstbewusstseins mit einer ungezügelten Sittlichkeit."

Bisweilen weht im Schrifttum des Drechslers ein Hauch von Deutschtum, Volksgemeinschaft und kryptischer Religiosität. Ja, und wenn schon! Ein Reaktionär oder gar ein Vorläufer oder Ideengeber der Nationalsozialisten war er deshalb noch lange nicht. Die Rudolstädter, Jenaer, Weimarer oder Erfurter hörten von Muck keine Sportpalastreden. Dafür sprudelte er vor jugendlichem Enthusiasmus und Idealismus. Nicht im Gleichschritt, - singend, musizierend und tanzend zog die Neue Schar durchs Fränkische und Thüringer Land. Mittlerweile füllen die Kommentare über Mucks Verhältnis zu den deutschnationalen Ideen, die Neigung zum Deutschtum und die Expedition zur Vaterlandspartei viele Leseseiten. Keine Beachtung fand hingegen seine Kritik an der Kommerzialisierung des Jugendlebens, die konstruktive Haltung zum Frieden in Europa, die Abneigung gegenüber dem Kasernentum, allen Soldatenspielereien und der Streit mit den Philistern.

 

Geboren war der Name

Freideutsche Jugend

im Kreis um Eugen Diederichs (Sera-Kreis, Jena), Knud Ahlborn (Bundesführer der Deutschen Akademische Freischar), Christian Schneehagen (Deutsche Akademische Freischar), Franziskus Hähnel (Vortrupp Leipzig) und Bruno Lemke (Akademische Freischar Marburg) auf der Tagung zur Vorbereitung des Meissner Festes am 5. und 6. Juni 1913 in Jena. Unterbreitet hat den Vorschlag der Herausgeber der Wandervogel-Führerzeitung Friedrich Wilhelm Fulda (1885-1945).

 

Friedrich Muck-Lamberty war kein "völkisch-rassistischer Prediger", wie ihn Ulrich Linse (2014, 39) charakterisiert. Zu den Freideutschen zieht es ihn. Hier erfolgt die Probe aufs Exempel. Am 11. und 12. Oktober 1913 steht er mit denen, die, wie Hans Paasche rückblickend sagt, den Weg der Lebensreformen gehen wollten, 40 Kilometer östlich von Kassel auf dem Hohen Meissner. Im April 1919 nimmt er an der Führertagung der Freideutschen Jugend 1919 in Jena teil. Drei Monate zuvor ermunterte er in der Freideutsche(n) Jugend alle Reformfreudigen:

"Tragen wir nur frisch und mutig die gesunden Gedanken der Freideutschen zu den Suchenden: durch Vorträge, durch Aussprachen."

Ihre Ideen und Reformbegeisterung prägen den geistigen Habitus und die Wertorientierung der Spiel & Tanz-Company Neue Schar. Sie vertrauen auf die Kraft der Selbsthilfe (Paul Natorp). Ihr Lebensstil sucht das Einfache und Echte (Ferdinand Avenarius). Den kollektiven Zusammenhang der Gruppe stärken sie durch Selbsterziehung (Bruno Lemke, Ferdinand Avenarius). Zu keinem Zeitpunkt will die bunte Truppe ein Konkurrenzunternehmen für irgendjemanden darstellen. Mit allen möchten sie freundschaftlich verbunden sein. Ferdinand Avenarius (1913) nennt das die freideutsche Gesinnung!

Muck war ein Aufrüttler, Lebensreformer, Aktionskünstler, Wanderer, Drechsler, Kaufmann, Weltverbesserer und Anführer der Neuen Schar, aber kein völkisch-rassistischer Prediger. Wohl ist nicht zu übersehen, dass während seiner aktiven Zeit 1918/22 in der Freideutschen Jugend völkische Ideen politischen Raum gewinnen und den Zeitgeist umflirren. Als der Bund der Landgemeinden und Wandervogel e.V. in das gemeinsame Arbeitsamt aller Bünde, Kreise und Gemeinschaften eintraten, bricht das Völkische im bisher nicht gekannten Ausmass in die Bewegung ein. Frank Glatzel (1892-1958) stellt 1918 im April / Mai Heft der Freideutschen Jugend, begleitet von Knud Ahlborns Aufforderung zur freien Aussprache, die Völkischen Leitsätze vor. Zum ersten Mal, begeistert sich Knud Ahlborn, rückt so im Frühjahr 1918 die Einigung der gesamten auf dem Hohen Meissner "freideutsch" genannten Jugend in greifbare Nähe. Bald stellt im April 1919 auf der Führertagung der Freideutschen zu Jena heraus, dass nicht ihre Einigung, sondern Aufspaltung vorankommt. Vom Standpunkt der sozialistischen und liberalen Richtung trieben die Jungdeutschen mit der Lauensteiner-Tagung im August 1919 das völkische Wirrwarr unter den Freideutschen auf die Spitze. Doch aus ihrer Perspektive betrachtet, stellten sie - Frank Glatzel, Hjalmar Kutzleb, Hans Gerber - lediglich klar, was die völkische Gesinnung ausmacht: Arier- und Führer-Kult, entgrenztes Deutschtum, übersteigerte politische Eigenliebe, Bekämpfung der Ausländerei und Neigung zum Rassismus. Das war nicht die Sache des Friedrich Muck-Lamberty!

Am 19. Oktober 2010 sendet der Deutschlandfunk [DF] in Redaktion von Hermann Theißen

         Die Hochkonjunktur der Inflationsheiligen.

"Muck-Lambertys Größenwahn ist subtiler als der von Haeusser und anderen Wanderpropheten dieser Zeit", erklärt der Sprecher. "Er macht aus seiner Egomanie keinen Kult, sondern versucht, die Sache der Gemeinschaft über alles zu stellen." Ein schnöder Kollektivist, wie es hier vielleicht angedeutet werden soll, war er jedenfalls nicht, was aber ohnehin noch klar werden wird. Aber, keine Frage, Muck glaubte daran, dass ein Neuer Markt - ein Qualitätsmarkt - für handwerkliche Produkte geschaffen werden kann. Endlich sollte alles der oft darbenden Familie des Handwerkers zugutekommen. Wem solche Visionen kamen, der konnte Anderen schon Grössenwahnsinnig erscheinen.

 

Die
Wanderroute
der
Neuen Schar

 

Werner Heisenberg würdigt 1924 im Gespräch mit Niels Bohr "die Bemühungen [der Jugendbewegung] um ein neues schlichteres Kunsthandwerk, dessen Erträge nicht nur den Reichen zukommen sollen". Eigentümlicherweise bleiben diese Ideen und Ambitionen des Drechslers oft unbeachtet. Damit gerät nicht nur die Wandlung der Neuen Schar von der Spiel- und zur Handwerkerschar gegen Ende des Jahres 1920 ausser Sichtweite. Auch die Reformideen zur Organisation des Handwerks und Hinwendung zum Kunsthandwerk werden ausgeklammert. Leben, Ausbildung und Familienleben des Handwerkers, damit verbunden die Siedlungsfrage, beschäftigten Muck bis an das Ende seiner Tage.

Als die Neue Schar am 17. Februar 1921 von der Leuchtenburg verwiesen, schlägt Muck sofort heftige öffentliche Kritik und Häme entgegen. Bald sind die Satiriker zur Stelle. An das Kunst und Literatur bedürftige liberale Bürgertum adressiert, widmet ihm Ende des Jahres die Zeitschrift Jugend (München) mit dem Scherzgedicht Der Prophet diese Verse:

Ach, schon wieder geht uns flöten,
Das erhabne Musterbild
Eines echten Heilpropheten,
Der im Vaterland nichts gilt!
…..

Damals als ein Wanderpred`cher
Nahm er mit zur Wunderreis`
Deutsche Knaben, deutsche Mädch`r,
- Letztre meistens vorzugsweis`.
….

Leuchtenburg
(um 2000)

Muck brachte der Leuchtenburg-Skandal Ungemach, doch der Debatte um Liebe-Ehe-Partnerschaft neuen Schwung. In Mein Bekenntnis zu Muck-Lamberty (1921) verteidigt Gertrud Prellwitz (1869-1942) den Lüstling und Verführer. Die Wirkung ist ambivalent. Denn ihr übersteigerter Pathos und der schwärmerisch-pseudoreligiöse Charakter der Hauptfigur des im gleichen Jahr erschienenen Drude-Romans, passt nicht zur Aufbruchstimmung der Jugendbewegung. Jedenfalls ist sie in diesen Kreisen nicht besonders beliebt. Bald wisperte die kritische Jugend:

"Lass dich nicht beprellwitzen".

Ihre mystische und unklare Haltung zum Nationalsozialismus befeuert dies noch. Im 44. Rundbrief des Maienwerkes vom März 1933 begrüsst Gertrud Prellwitz die Hakenkreuzfahne, veröffentlicht weitere profaschistische Flugblätter und hegte Sympathien für die Führernatur Hitler. (Vgl. Janos Frecot 135) Das Image der Schriftstellerin beeinflusste die Wahrnehmung und Kommentare zur Neuen Schar in Teilen der Publizistik ungünstig.

Recht unglücklich gestaltete sich die Beziehung zwischen Friedrich Muck-Lamberty und Walter Hammer (1888-1966), dem Herausgeber der Zeitschrift Junge Menschen. Nach dem Abschied der Neuen Schar von der Leuchtenburg schwang sich die Stimme des Jugendwillens in moralische Rekordhöhen auf, um ihr Verhalten aus der Vogelperspektive zu beurteilen. Dabei übernahm "die beste deutsche Jugendzeitschrift der bürgerlichen Jugendbewegung", so nannte sie der Vorwärts (Berlin) am 18. Dezember 1920, aus der regionalen Presse und dem Umfeld der Gruppe unkritisch einige Nachrichten. Der "Angeklagte" veröffentlichte am 5. August 1921 im Zwiespruch einen offenen Brief an Walter Hammer. Obwohl ergreifend und famos formuliert, bewirkte er keinen Kipp-Effekt. Vielmehr zeichnete nun auch diese Rezeptionslinie in weiten Kreisen der Öffentlichkeit ein negatives Bild vom Führer der Neuen Schar. Warum nur stülpte Walter Hammer die Schwierigkeiten des Privatlebens von Muck dergestalt über seinen Protest gegen die Spiesser, Kalten, Philister und Alten, dass vom Engagement nichts mehr erkennbar war?

Bis heute schwebt über den Kopf der Neuen Schar das Verdikt von der Haremswirtschaft. Auch Ulrich Linse (1983, 119) wiederholt diesen Vorwurf und stützt sich dabei auf Aussagen von Käthe Kühl. Harry Wilde (1965, 118) interveniert gegen diese weit verbreitete Vorstellung: "Innerhalb der Neuen Schar herrschten deshalb auch alles andere als Zustände, die man mit Freie Liebe hätte umschreiben müssen. Doch mit mönchischer Askese hatte diese Haltung nichts zu tun. Es war jene Selbstzucht, wie sie in der Jugendbewegung seit Jahren geübt wurde. Die natürliche Haltung der Mädchen unterband den aufwendigen Sex zugunsten eines gesunden Eros".

Ein duftend Blümlein am Raine spross
Sie schmückt damit den Weggenoss`

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913

Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974) spricht in Verbindung mit der Jugendbewegung vom "Tummelplatz der Geschlechtslosen". Die Kameradschaft als geschlechtslose Beziehung zwischen Jungen und Mädchen bedeutete den Verzicht auf Erotik und war der Preis für die errungene Freiheit. "Dieser zeitliche Vorrang der Jugendbewegung vor der älteren Frauenbewegung", darauf macht Elly Bommersheim (1982, 66) aufmerksam, "ist bis jetzt kaum betont worden." Im Lebensstil der Neuen Schar spiegelt sich ein Bild von der sportlichen, naturverbundenen und unkonventionellen, dem Mann völlig ebenbürtigen jungen Frau. In Naumburg an der Saale war es übrigens Wilhelm Flitner der 1912 zusammen mit Lotte Bach und Margret Arends die Mädelortsgruppe Wandervogel e. V. gründete. Im Juni 1913 zogen sie an der Spitze des Zuges zum Werkbundfest von Bad Kösen über die Rudels- und Saalecksburg zu den Stendorfer Wiesen, wo sie Clotide von Derp (1892-1974) auf grünen Rasen beim Ausdruckstanz bewunderten.

Zu seinen Liebesgeschichten öffnet sich Muck in den Briefen vom Frühjahr 1921 an Adam Ritzhaupt (Erfurt) und Eugen Diederichs (Jena) sowie an Kurt Kläber am 24. Juli 1921. 1928 äussert er sich abermals im Zwiespruch (Rudolstadt) dazu. Die Fairness erfordert es, diese in der Rückschau einzubeziehen. Anmassende Urteile über intime Lebensbereiche und Philistertum sollten wir möglichst vermeiden. Mit derartigen Erscheinungen war Friedrich Muck-Lamberty in Naumburg seitens der NSDAP konfrontiert. "Ich halte es für unbedingt erforderlich," informiert am 12. Oktober 1937 NSDAP-Oberbürgermeister und NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer den Regierungspräsidenten von Merseburg, "die einschlägigen Akten der damaligen Gebietsregierung Altenburg und des damaligen Thür. Wirtschaftsministerium beizuziehen". Jetzt, wo ihn die Werkgemeinschaft junger Handwerker in Naumburg ein Dorn im Auge ist, schlachtet er alles aus, was der NSDAP irgendwie nutzen kann. So behauptet sie, Mucks Leben war von der freien Liebe und einem hemmungslosen geschlechtlichen Sichausleben bestimmt.

Bisher bildete die Forschung ihr Urteil über Friedrich Muck-Lamberty, ohne Lisa Tetzner eingehend nach ihren Erfahrungen zu befragen. Und Eugen Diederichs Brief An eine junge Malerin vom 11. Februar 1921 und Karl Wilkers Erlebnisbericht Auf der Leuchtenburg (1921) nahm sie überhaupt nicht wahr. Die Begegnung der Neuen Schar mit Pfarrer Emil Fuchs in Eisenach und sein Urteil über die Jugendbewegung spielte nur eine marginale Rolle. Neue Zeitzeugen, wie Gisella Selden-Goth (Prag), Kunsthändler Wilhelm Uhde, Pfarrer Baudert (Pössneck), Albin Sauermilch (Eisenach), Reformpädagoge Karl Wilker, Wilhelm Flitner (Jena), Walter Kotschnig (Graz) oder Georg Kötschau (Jena) wurden gefunden. Sie können befragt und interpretiert werden.

 

 

Lisa Tetzner.
Bildquelle: Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1925

Lisa Tetzner
veröffentlicht 1923:
Bei Muck Lamberty.

Zur Autorin siehe
Elena Geus: "Die Überzeugung ist das einzige, was nicht geopfert werden darf". Lisa Tetzner (1894-1963). Lebensstationen - Arbeitsfelder. Inauguraldissertation. Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main 1999

Erich Eberts eruierte prinzipielle Umstände für die schwache Rezeption des Werks von Lisa Tetzner. Ihr neunbändiges Hauptwerk "Kinderodyssee" Die Kinder aus Nr. 67 (1933-49) schildert "zwölf Jahre Faschismus und Krieg an den Erlebnissen einer Gruppe von Kindern in all ihrer Brutalität". "Die erschütternde Realistik war wohl mit der Grund dafür, dass dieses vielbändige Erzählwerk in der Bundesrepublik kaum Eingang fand."

 

Zunächst nur ein Wort zu Lisa Tetzner (1894-1963). Im Sommer 1920 begleitete sie Muck ein Stück des Weges durch das Thüringer Land und erhielt so tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse und Ambitionen der Neuen Schar. Indes blieben ihre eindeutig positiven Wertungen, Bezüge und Schilderungen oftmals unbeachtet. In Selbstlose Brüderlichkeit (1921) und Bei Muck Lamberty (1923/24) verdichtete sie ihre Erlebnisse. Das Kapitel Von Weltverbesserern und Propheten Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr (1923, 113ff.) trägt den Charakter einer Sozialreportage und besticht durch einfühlsame, tiefenpsychologisch geleitete Beschreibungen, interessante Details, unbefangene Urteile zur Beziehung der Geschlechter in der Neuen Schar sowie zur Sexualmoral ihres Anführers Friedrich Muck-Lamberty. "Es will mir scheinen," würdigt Otto Zirker (457) Im Land der Industrie, "als sei hier das Verständigste und das Feinste über eine sehr erschütternde Angelegenheit der Jugendbewegung [der Neuen Schar] gesagt." Deshalb, fragen wir sie doch:

Wie war es damals im legendären Thüringer Sommer 1920?

Weil die Biographen Tetzners Essays und Reportagen über Friedrich Muck-Lamberty nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkten, dominiert bis heute die Wilhelm-Siegmeyer-Erzählung von 1921 über seinen Drang mit einem blonden Mädel den deutschen Christus zu zeugen. Beispielsweise stellt Christian Eger seine Einführung zur Ausstellung "Muck Lamberty - eine Naumburger Legende aus der Zeit der Jugendbewegung" im Jahr 1997 in Naumburg (Saale) unter das Diktum:

Blonder Muck
sucht deutschen Christus.

Zuvor berichtete bereits 1984 das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (Hamburg), dass er "plante mit einem blonden Mädel den deutschen Kristus zu zeugen". Möglicherweise ist dies einfach dem Anliegen geschuldet, dass Interesse der Öffentlichkeit für ein Thema oder Ereignis zu wecken. Indes entstellt die deutschnationale Sprachästhetik mit leichtem rassistischen Akzent Mucks jugendpolitisches Engagement. Die Story vom "blonden Mädel" setzte Wilhelm Siegmeyer 1921 in die Welt und diente der Zeitschrift Junge Menschen dazu, die Kampagne gegen Muck anzuheizen.

Am 16. Februar 1921 warnt das Jenaer Volksblatt auf der T i t e l s e i t e:

"Eltern, seid auf Eurer Hut! Wenn die Tage des Frühlings wiederkommen, so wird auch Muck-Lamberty von seiner Leuchtenburg herniedersteigen. Denken wir daran, das alle Mädchen, die ihn jetzt noch nachlaufen …. sich außerhalb unserer Sittlichkeitsbegriffe stellen."

 

Zeitzeugen
hinterliessen zu Friedrich Muck-Lamberty und der Neuen Schar Notizen, Briefe, Aufsätze, Essays oder Reportagen. Namentlich handelt es sich unter anderen um:

Fritz Zögner

Hans Pluta,
Mitglied der
Schar

Gärtner
Erich Martin
Glüsingen 1919/20

Dr. Walter Fränzel
und Frau
Lichtheideheim
Glüsingen

Harry Wilde
Journalist und Schriftsteller

Willi Wismann

Lisa Tetzner
Kinderbuchautorin und Märchenerzählerin

Karl Bittel
Wanderfreund und Jugendreformer

Pfarrer
Adam Ritzhaupt
Erfurt

Pfarrer
Emil Fuchs
Eisenach

Geschäftsmann
Hans Eklöh
Lüdenscheid

Schriftsteller
Friedrich Lienhard
Erfurt

Enno Narten
Geschäftsführer Landschulheim Holzminden (1920), Geschäftsführer der Vereinigung zur Erhaltung der Burg Ludwigstein (1925)

Arbeiter
Henry Joseph
Berlin,
Zellestrasse 11

Gertrud Prellwitz
Schriftstellerin

Oberhof

Theodor Plievier
Bad Urach
Schriftsteller und Lebensreformer

Doktor Karl Wilker
Reformpädagoge

Doktor der Politikwissenschaften
Walter Kotschnig
Graz
Berater in der
US-Aussenpolitik

Ernst Otto Paetel
Herausgeber der Zeitschrift
Die Kommenden

Wilhelm Uhde
Kunsthistoriker und -händler

Komponistin
Gisella Selden-Goth

Bischof
Wilhelm Stählin

Professor
Wilhelm Flitner
Theologe und
Reformpädagoge

Kunstmaler und Graphiker
Georg Kötschau
Jena

Gusto Gräser
Künstler und Aussteiger

Marineoffizier, Schriftsteller
Hans Paasche

Die Naturfreunde, Gau Thüringen, Ortsgruppe Jena

Franziskus Hähnel
Votrupp Leipzig

Alfred Kurella
Herausgeber der
Freideutschen Jugend

Maler
Max Schulze-Sölde

Rudolf Otto Wiemer
Puppenspieler und Lyriker

Erich Matthes
Verleger

Franz Hammer
Schriftsteller
Eisenach

Verleger
Eugen Diederichs
Jena

Walter Hammer
Hamburg
Herausgeber von Junge Mensche

Maler Fidus
alias

Hugo Höppener
aus
Woltersdorf bei Erkner

 

"Da die Verführungen der jungen Mädchen mit deren Willen geschehen," erklärt die Zeitung weiter, "so wird für den Staatsanwalt ein Grund zum Eingreifen erst dann Gegeben sein, wenn Krankheiten übertragen werden." Unter der Überschrift Der Messias der Leuchtenburg drängen sich dann die Vorwürfe an den "langhaarigen Abenteurer": Meuterer in Kiel, notorischer Bettler, Auslöser einer wahren Tanzseuche in Mitteldeutschland, Prediger des Evangeliums der freien Liebe, deutschnationaler Parteigänger und kommunistischer Agitator. Es ist eine Art Leitartikel für die nun einsetzende Anti-Muck-Kampagne, aus denen die Provinz-Blätter ihre Vorhaltungen kopieren können.

Mucks Gegner leisteten sich unglaubliche Tollereien. Ihre Kritik verliert oft Mass und Mitte. Lüstling, Wüstling, Verführer, Schwindler, Tempelschänder, Lügner, Vagabund und falscher Prophet rufen sie ihm hinterher. Ihre Maxime:

Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.

Eigentlich gehören Die Naturfreunde vom Gau Thüringen zu Mucks politischen Widersachern. Aber diese Unsachlichkeit und Feindseligkeit im Umgang mit dem Wanderpropheten, das wollen sie nicht.

Elende Pharisäer und Heuchler!,

fauchen sie Mucks Gegner aus Jena zu.

Als die Neue Schar in der Klassikerstadt eintrifft, beklagt die Weimarische Landeszeitung: "Unsere Zeit leidet an dem Mangel von charaktervollen Persönlichkeiten." Viele Hoffnungen ruhten auf Muck. Dennoch war es weder Führerkult noch eine besondere Form von Messianismus, die die Neue Schar so beliebt machte. Vielmehr bewunderten ihre Anhänger - bewusst oder unbewusst - ihre "selbstlose Brüderlichkeit" (Lisa Tetzner 1921), wie die Gruppe mit originellen Formen des Zusammenlebens und der Kommunikation experimentierte, sukzessive von den manierierten wilhelminischen Moralkodizes Abstand nahm.

Muck bekümmerte die sich ausbreitende kulturelle Niveaulosigkeit der Volksfeste:

"Acht Tage lang habt ihr euch auf dem Vogelschießen Bauchtänze und andere seichte Sachen alter Kultur zeigen lassen, habt Dreck geschluckt und eure Ohren und Sinne durch Drehorgeln, allerlei Blödsinn, seelenlosen Kram betäuben lassen. Alles andere - nur kein Sichfreuen, Sichkennenlernen, kein gesundes, herzhaftes Fröhlichsein, kein Volksleben." "Besinnt euch!"

Mit Sinn für Volkstum, Heimat und Gesang, einem neuen Lebensstil, den sie mit Fröhlichkeit, aber bei Verzicht auf moderne Genüsse (Rauchen) und künstliche Betäubungsmittel (Alkohol) transportiert, möchte die Neue Schar ein Beispiel geben. Von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, trägt die bunte Truppe ihre nonkonformistische Lebensart. Gusto Gräser schmiedete ihnen den Vers:

Der Kämpfer hat Wahrheit.
Der Kämpfer hat Recht.-
Der Kriecher ist immer des Irrtums Knecht.

Zweimal lud Eugen Diederichs (1919) im Jahr 1917 Intellektuelle, Politiker und Künstler, darunter Ernst Toller, Berta Lask, Theodor Heuss, Werner Sombart, zum Gespräch auf die Burg Lauenstein ein. Ungern erinnert er sich an den geistigen Habitus der älteren Generation, ihren Doktrinismus, Mangel an Demut und fehlenden "Gefühl, den Menschen Bruder zu sein". Diese verbreitete Haltung löste bei der vorwärtsstrebenden Jugend viel Kummer aus. Muck verfiel darüber nicht in Verzweiflung, sondern antwortete darauf 1918 "An die Freideutschen! Verjüngung des politischen Lebens" mit den Worten:

"Wir sind uns über das Wesen der geistig Alten schon lange klar und hoffen unter den vielen lebendigen Deutschen der anderen Gemeinschaften, Freunde zu finden."

Im Sommer 1920 bündelte die Neue Schar den verbreiteten Umut zum

Kampf der Jungen gegen Alten.

Als im Februar 1921 zum Ketzerprozess (Diederichs) auf der Leuchtenburg erneut Doktrinismus und Phlistertum einfielen, schleuderten Jenaer Studenten wie der Vulkan die Steine in den Raum:

Ihr Alten habt nicht das Recht,
uns nach Euren Gesetzen
zu schulmeistern.

"Alles in allem ist nur zu wünschen", gibt die Zeitschrift Ethische Kultur durch ihren Autor von Stechow (1920) der Hoffnung Ausdruck, "dass Mucks Gedanken Allgemeingut werden, dass überall die Besten ohne Eigennutz, um der Sache der Menschheit willen helfend zur Seite treten. Ein Kampf für das Licht und das Gute."

Muck öffneten sich die Tore der Kirchen. "Ich war es", worauf Harry Schulze-Wilde am 1. Oktober 1971 gegenüber Werner Kindt pocht, der ihn "in die Kirchen brachte, das heisst, dass er ab Weimar in den Kirchen ´predigen´ konnte: Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach etc. Ich war es auch, der durchsetzte, dass [in einer lutherischen Kirche] neben dem Luther-Lied Eine feste Burg .... auch Marienlieder gesungen wurden." So erreichten sie Bürger, welche die Kirche bereits für sich verloren glaubte. "Das möge hier festgehalten werden", beurkundet 1921 Pfarrer Adam Ritzhaupt aus Erfurt:

"Die Neue Schar hat ein Verdienst an der
Entwicklung der gottesdienstlichen Kultur."

Lisa Tetzner macht sich im August 1920 auf dem Weg zur neuen Schar vom blauen Fähnlein. Darüber schreibt sie 1923: "Ich komme hinter zwei ältere Herren. Sie tragen beide Brillen und haben die Gesichter von Studierten. Ich halte den einen für den Pfarrer des Ortes. Er wird viel gegrüsst im Vorübergehen. `Und ich sage Ihnen`, sagt der eine und hebt seine Hand mit Nachdruck, `ein ehrlicher Clown bringt dieselbe Wirkung hervor.` `Nei, nein`, der andere, der Pfarrer, schüttelt abwehrend sein Haupt, `hier liegt mehr. Bei den Kindern ohne weiteres, aber die Erwachsenen, erlauben Sie. Es kommt immer auf die Wirkung, auf die Auflösung an. Und er packt das Volk mit seinen Busspredigten. Haben sie denn schon einmal eine so andächtige Gemeinde in der Kirche gesehen.

Haben wir Pfarrer schon einmal zu den Herzen aller so überzeugend zu sprechen verstanden?`"
(Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr, 1923)

Im Rückblick wird der Mut der Neuen Schar, ihr Streit mit den Alten und Philistern, den Kalten, und ihr Beitrag zur Jugendkultur, oft nicht gewürdigt. Bereits 1921 beklagt Karl Wilker (1885-1980), Pionier der Fürsorgeerziehung und Leiter der bekannten Zwangserziehungsanstalt Berlin Lindenhof, in der Zeitschrift Junge Menschen:

"Von allen Seiten greift man ihn an, den Muck, und sie die Neue Schar. Tausend Fehler sieht man an ihnen. Tausend Gerüchte setzt man über sie in Umlauf. Spartakist - schreit der eine; Bolschewisten - der andere. Faulpelze, Meuchelmörder, Drückeberger .… das alles und noch anderes schwirrt durcheinander."

Über Friedrich Muck-Lamberty und die Neue Schar existieren divergierende Erzählungen und konkurrierende Urteile. Aber sind sie denn rückführbar auf Ereignisse, also korrekt? Fragen wir die Zeitzeugen und beraten uns mit den Arbeiten zur Jugendbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg von Werner Helwig (1960/1980), Walter Laqueur (1962), Fritz Borinski / Werner Milch (1967), Werner Kindt (1968, 1974), Karl O. Paetel (1961), Heinz R. Rosenbusch (1973), Kurt Haufschild (1975), Ulrich Linse (1983: Barfüßige Propheten) und Robert Schurz (2010). Kann uns Rüdiger Safransky`s (2007, 334ff.) helfen, den romantischen Blick der Neuen Schar zu verstehen? Nicht zu vergessen, die erste umfassende Biografie mit 109 Seiten zu Muck-Lamberty von Norbert Bechthold, vorgelegt 1985 an der Universität Frankfurt / Main.

 

 

Kindheit und Jugend  nach oben

Friedrich Lamberty erblickt am 14. Juli 1891 in Strassburg (Elsass) als achtes von zwölf Kindern das Licht der Welt. Die frühen Jahre seines Lebens liegen für uns im Dunkeln. Wir wissen nur, dass er in einer kinderreichen Familie aufwächst, die im Elsass und dann 10 Kilometer nordwestlich von Aachen liegenden Simpelveld (Niederlande) lebte. "Muck als Katholik liebte die Marienverehrung und das alte Wallfahrtslied Meerstern, ich dich grüße …" (Wilde 1965, 124). Als Ministrant überraschte er den Pfarrer bei sexuellen Handlungen mit der Hauswirtschafterin, die sein Schweigen mit Schokolade erkaufen (Bechthold 47).

Franziska Lamberty
(1860-1939),
die Mutter von Friedrich
Muck-Lamberty

Bild: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen. Bestand: Neue Schar A 17, Nr. 1.

Mutter Franziska Lamberty, geboren am 27. Oktober 1860, eine Hessin aus Meisingen, Tochter des dortigen Bahnhofsvorstehers, lebte bis 1939. Der Vater Friedrich August Lamberty, geboren am 12. Juni 1859 in Neheim an der Ruhr, war von Beruf Kaufmann. Er führte ein autoritäres und rechthaberisches Familienregime. Max Horkheimer`s geistvoller Spruch, "Die Jugendbewegung entsprang nicht zuletzt daraus, dass man im väterlichen Geschäft keine Chance mehr sah", erfasst die Lage des fast noch kindlichen Jungen gut, als er mit dreizehn, vierzehn Jahren das Elternhaus verlässt.

Als Achtzigjähriger äussert sich der Nestflüchter im Gespräch mit Rudolf Wiemer freundlich über seinen Vater. Er war ein origineller Kopf. Verfügte über Patente in Holland, Belgien und Frankreich. Friedrich August Lamberty stirbt 1913.

Seit den Kindertagen hiess man ihn Muck, seine Freunde und Bekannten, die Freideutschen und natürlich die Presse. Viele Aufsätze oder Schriftstücke sind von ihm mit diesem Namenszug unterzeichnet. Wenn wir es nun auch tun, dann verstösst dies nicht gegen die üblichen methodischen Konventionen der biografischen Arbeit, es ist weder respektlos noch Ausdruck mangelnder Objektvität.

Der Rufname "Muck" legt die Vermutung nahe, dass es Parallelen zur Geschichte von dem kleinen Muck. Wilhelm Hauff (1802-1827) beschreibt ihn als klein von Wuchs, worüber die Leute spotteten. Sein fröhliches Naturell liess ihm das ertragen. Er spielt und liesst gern. Der Tod des Vaters, er ist gerade 16 Jahre alt, droht ihn aus der Bahn zu werfen. Diese Lebenskrise bebildert Regisseur Wolfgang Staudte (1906-1984) im gleichnamigen DEFA-Märchenfilm von 1953 in einer Strassenszene. Der Wächter fragt den von den Ereignissen gezeichneten Muck, was er nun zu tun gedenkt, worauf der antwortet:

Ich suche den Kaufmann,
der das Glück zu verkaufen hat.

Auch Friedrich trägt diese Hoffnung aus dem Elternhaus.

Nun zieht er hinaus, schreibt Joseph von Eichendorff im Taugenichts (1826), um sein Glück zu machen. Nicht Aurelie bittet ihn zurückzukommen, weil die Hindernisse ihrer Liebe beseitigt. Nein, Muck muss erst selbst die Hindernisse schaffen, um die Liebe zu finden.

 

Die überlieferten Jahreszahlen zu den Lebensstationen Bregenz, Stuttgart, Brno, Graz und Esslingen konfligieren leicht. Sie können nur als Anhaltspunkte gelten.

 

1906 wanderte er von Holland nach Bregenz am Bodensee und beginnt dort eine Lehre bei den Gebrüder Hiller (Hannover), die seit 1901 Reformwaren vertreibt. Die Firma besteht bis heute als Natura-Werk Gebr. Hiller GmbH & Co. KG fort.

Auf der etwa 35 Kilometer südlich von Stuttgart gelegenen Burg Hohenneuffen trifft Muck 1909 erstmals mit der Wanderbewegung zusammen. Zu dieser Zeit arbeitete er als Vertriebsleiter für ein Reformhaus in Stuttgart. Sein Gehalt soll respektabel gewesen sein. Er ist Vegetarier und leidenschaftlicher Alkoholgegner.

Bald übernimmt er eine Filiale des Unternehmens in Brünn (Brno). "Ich hatte mit 18 Jahren in Österreich", erfahren wir 1919 von seiner Tätigkeit in Graz, ein Reformhaus für gesunde Kost ins Leben gerufen, um praktisch für eine Gesundung durch vernünftige Ernährung zu wirken." Mit 19 übergab er es einem Freund, um weiter zu wandern, und avanciert per Akklamation in den Vorstand der Bewegung gegen die bürgerliche Berufstour.

Bereits vor dem Krieg reiste er durchs Land, um eine Freundesschar, Siedlergruppe oder Mitglieder für eine Genossenschaft umsich zu sammeln. Jetzt führt der Weg nach Esslingen am Neckar. Karl Bittel (*1892) war hier von 1913 bis 1916 Sekretär beim Konsumverein. Beide kannten sich von der Italien-Wanderung. Nun gehört er um den siebenbürgischen Dichter und Wanderer Gusto Gräser und zusammen mit Ernst Emanuel Krauss, der sich später Georg Stammler nennt, Willo Rall, Luise Rieger, Theodor Heuss und Hugo Borst zum Kreis der Esslinger Sieben (Müller).

Wandervögel stimmt die Saiten - lasst uns wacker vorwärtsschreiten - Lustig soll ein Lied erklingen, wer nicht zupft soll fröhlich singen.

Posttkarte von 1910. Aquarell Paul Hey (1867-1952)

Pfingsten 1913 zieht es Muck zum Wandervogel-Bundestag auf die Henneburg bei Meiningen, wo er Kaufmann Hans Eklöh kennenlernt. Im September verlässt er Esslingen und arbeitet ab Oktober im Haus Eklöh, deutsche Wertarbeit Lüdenschscheid / Westfalen. Hier, so kam es im Juni 1914 gelegentlich des I. Deutschen Vortrupp-Tages in Leipzig öffentlich und im Detail zur Sprache, desavouierte er den Wandervogel. Auf grossen Aktenbögen, wie dort berichtet wurde, stand geschrieben:

"Freunde kommt zu uns und freut euch mit uns! Muck."

Der Umtriebige "hetzte die Schüler gegen die Lehrer und die Söhne gegen das Elternhaus auf. Unreifen Tertianern rückte er mit Nietzsche und Kant zu Leibe und richtete mit seinen eigenen Briefen, welche er an Nestabenden vorlas, heillose Verwirrung an." Der Wandervogel verbot ihn, dass Landheim zu betreten. "Als Antwort stand zwei Tage später im Gästebuch:

"Ich war da! Muck."

Machte der Wandervogel eine Veranstaltung, konnte es passieren, dass er aus einem Gebüsch auftauchte.

".... Krach war sein Leben,
deshalb musste es überall krachen." (Eklöh 1914)

Aber so ungünstig war das gesellschaftliche Umfeld für die Unternehmungslustigen auch wieder nicht. Immer stärker brandet die Lebensreformbewegung auf. Heftig kollidieren im sozialen Raum die veralteten Erziehungsmethoden der Schule und des Elternhauses mit den Bestrebungen der Jugend. "Sturm-Überflaggt" kündigt Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914) den Aufbruch der Jugend an. In der freideutschen Jugendbewegung wächst und organisiert sich das Bedürfnis nach unbefangener Urteilsbildung, Wahrhaftigkeit und Authentizität.

"Die deutsche Jugend steht
an einem historischen Wendepunkt",

verkündet 1913 die von Georges Barbizon (Berlin) und Siegfried Bernfeld (Wien) herausgegebene kritisch-aufrührerische Jugendzeitschrift Der Anfang.

Muck-Lamberty mischt sich ein in den Kampf um die Jugend (Gustav Wyneken 1913). Über schwere Rückschläge hinweg, findet er immer wieder zu einer aktiven Lebensposition. Und lebte dabei, wie es seine Verteidigerin Gertrud Prellwitz 1921 feststellte, manch kleine Unvollkommenheit. Seine Lebensmaxime könnte man mit Giovanni Pico della Mirandola (1486) fomulieren: "Ich bin geboren worden unter der Bedingung, dass ich das sein soll, was ich sein will." Ein anspruchsvolles und schwieriges Unterfangen, wenn man in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Krisen früh dem Elternhaus entflieht und das existenzsichernde Handwerk erst mit 28 Jahren zur Lebensgrundlage gedeiht.

 

Von grossen Idealen getragen  nach oben

"Wir könnten schon warten, doch wir wollen nicht warten, wir wollen weiter, weiter vom großen Ideale getragen", teilt Muck Freunden und Führern 1913 aus Esslingen mit. Bloss welche Ideale meint er? Welche Werte leiteten ihn?

 

Der Kampf der Jungnaturen gegen die Alten.

Der geistige Boden für den Kampf gegen die Alten war längst bestellt. Schon länger drängte die reformfreudige Jugend zum Kräfte messen. In der von Gustav Wyneken eingeführten Schülerzeitschrift Der Anfang kam dies 1913/14, was hitzige Proteste auslöste, ziemlich provokativ immer wieder zur Sprache. Die Neue Schar setzt dies 1920 mit der Tour durch Franken und Thüringen fort und stellt sie unter ihr Credo:

Weg mit der Herrschaft
der Alten über die Jungen.

Der Kampf von Jung gegen Alt ist für Muck die wichtigste Triebkraft der politischen Bewegung. Sein Vertrauen in die Kraft und den Elan der Jugend ist nahezu grenzenlos. "Die Jugend", heisst es in Neuland in Sicht (1913) ,"ist es immer gewesen, die die Dinge änderte." "Unsere Welt muss untergehen," warnt An alle Lebendigen, "wenn die Jungen und Junggebliebenen nicht aufstehen, an sich arbeiten und sich verständigen." "Mag das Leben der Altnaturen sich krümmen und totschwätzen", heisst am 8. August 1921 im offenen Brief von Walter Hammer. "Es kommt auf den jungen könnenden Menschen an, der kann und tut und nicht vorher viel sagt."

"Als endlich die Parteien ihren Tag glaubten," textet Muck sich im Februar 1919 in der Freideutschen Jugend den Kummer von der Seele, "den sie einen Teufelstanz nannten, da stand nicht die Partei selber auf,

das junge Volk stand mit auf,

die Lebendigen waren dabei,
die draussen gewandert, geschaut,
Gott gesucht und gefunden,
nicht bei den Predigern der kalten Kaste,
wohl bei den Bauern,
in den Domen des Waldes,
bei den Menschen, die in Not lebten und recht taten.
Dieses junge Volk stand auf ...."

Als Losung über den Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen könnte auch der Schriftzug stehen:

Kampf der Jungnaturen
gegen die Alten.

Er, davon ist Muck überzeugt, entscheidet über die Zukunft der Nation. So heisst es auf einem Flugblatt, das sie in Eisenach [Bild] verteilten:

"So kommt es sicher, dass die Jungen sich verbinden, um gegen alles Morsche und Faule und die Verderbtheit der heutigen Gesellschaft zu kämpfen, die Jugend, die über allen Parteien steht, um des Lebens willen."

Den Glauben an die Jugend schöpft Muck aus mehreren Quellen. Georg Stammler nimmt dabei einen besonderen Platz ein. Öfter ist eine Ähnlichkeit in Inhalt und Ausdrucksweise deutlich erkennbar, zum Beispiel wenn jener einst die Erlösung an die Jugend kettete: "Meine stille Hoffnung richtet sich auf die Jugend. Vielleicht, daß sich einmal aus ihrer Mitte heraus die

heilige Schar

bilden wird, die mit der Leidenschaft der Liebe um die Geburt des neuen Menschenbildes ringt; die Schar, die uns erlöst, weil sie sich aus der Not des eigenen Herzens zur Keimzelle des neuen Lebens schafft." (Lynkeus 21.8.1920)

In der Augustinerkirche zu Gotha unterscheidet Muck zwischen Ich- und Gottmenschen. Erstere heisst er auch geistige Proleten oder alte Menschen. Die für ihre Idee leben, sind die Jungen oder Gottmenschen.

 

Kritische Haltung zu Parteien

 

Der Zug der
Neuen Schar
durch Franken
und
Thüringen
im Jahr 1920

Versuch einer Rekonstruktion.

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14. Mai
Aufbruch in Hartenstein
im Erzgebirge

17. bis 26. Mai
(Pfingsten) in Kronach

Treffen der Wandervögel

28. Mai
Mitwitz

29. Mai
Gerstungshausen

31. Mai bis 1. Juni
Weidhausen

2. Juni
Rossag (Gemeinde Großheirath)

5. Juni
Coburg

9. Juni
Neustadt bei Coburg

11. Juni
Wildenheid

"Auf den Spielwiesen im Walde bei Sonneberg ... " (Muck)

12. bis 14. Juni

Sonneberg

Ankündigung eines Vortrags von Friedrich Muck-Lamberty im Schiesshaussaal von Sonneberg für abends 8 Uhr zum Thema Zusammenbruch des Alten! Empörung der Jugend

16. Juni
Steinach

17. und 18. Juni
Alsbach

21. Juni
Scheibe
(Scheibe-Alsbach)

22. Juni
Ernstthal am Rennsteig

23. Juni
Spechtsbrunn

24. Juni
Lauenstein

30. Juni
Grossgeschwenda

Leutenberg

3. Juli
Kaulsdorf

5. Juli bis 7. Juli
Rudolstadt

Die Neue Schar  tanzt und singt mit den Bürgern (7. und 8. Juli).
Zweistündige Rede von Muck im Krugsaale von Rudolstadt zum Thema Über die Revolution
der Seele
.

8. Juli
Schwarza

10. bis 12. Juli
Saalfeld

Am letzten Tag spricht Muck im Meininger Hof über: Revolution der Seele. Zusammenbruch der Riten, Empörung der Jugend.

17. bis 19. Juli
Pössneck

24. bis 29. Juli
Jena

Gusto Gräser stösst
zur Schar

28. Juli
Rede von
Friedrich Muck-Lamberty im Volkshaus von Jena


30. Juli bis 2. August
Seitenroda und
Kahla

11. August
Blankenhain

12. bis 19. August
Weimar

18. August
Predigt in der Stadtkirche

21. bis 29. August
Erfurt

27. August
Predigt von Friedrich Muck-Lamberty in der Barfüßerkirche in Erfurt

wie fröhlich
waren wir in
Neudietendorf
30. August
bis 2. September

Wandersleben

8. bis 11. September
Gotha

12. bis 19. September Friedrichroda

25. September bis 8. Oktober Eisenach

Zurück über Erfurt, Weimar, Kahla, Rudolstadt, Leuchtenberg, Lauenstein, Kronach und Mitwitz

25. bis 30. Oktober
Hartenstein

Anfang November
Ankunft auf der Leuchtenburg bei Kahla

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"Er spricht von den kalt Geistigen, von den Absteigenden, den Kasten- und Parteimenschen", fiel 1921 (10) bereits Adam Ritzhaupt auf. Walter Kotschnig (1920) bemerkte, dass Muck gern über die Klassen- und Parteigegensätze referiert, "die nur den

berechnenden, kalten Menschen

Mittel sind, ihre Herrschaft über den guten, den lebendigen Menschen zu erhalten." Bei der Ausprägung dieser Haltung spielen vielleicht die misslichen Erfahrungen mit der Deutschen Vaterlandspartei eine gewisse Rolle. Ebenso haderte er mit den hohen Funktionären der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, gewinnt zu ihnen nie viel Zutrauen. Im Brief an den Schwiegersohn von Gusto Gräser und Fabrikarbeiter Henry Joseph warnt er 1929:

"Ihr Jungen aus dem Proletariat, lasst Euch doch nicht täuschen, schaut Euch die Gewerkschaftsbonzen an, die Krankenkassen-Häuptlinge und die Arbeiterdichter, die dicke Bäuche und ein behagliches Leben führen, wie sie sich darin wälzen und es andern schwer machen."

"Muck fühlte sich im höheren Sinn berufen, er lehnt jede Regierung," glaubt von Stechow (1920), "jede Partei, jedes Bekenntnis ab." Ihre Vertreter und Repräsentanten waren für ihn kein Vorbild, weil sie ihre Worte oft an taktischen Erfordernissen der Wahl ausrichten, täuschen, lügen und dazu neigen, die Bürger zu bevormunden. Wohl deshalb erklärt Muck am 9. September 1920 in der Augustiner Kirche zu Gotha, dass sie "nicht im Namen einer Partei kämen und jeden Standesunterschied ablehnten".

Muck will (nur) nicht, dass der Parteienschlamassel in die Jugendbewegung eindringt. Damit nahm er eine Stimmung auf, die damals sehr verbreitet war. Ende Mai 1920 schrieb der Fränkische Wald:

"Es ist auch wahrlich an der Zeit, dass die entschlossenen jungen Menschen nicht das Leben der heutigen Gesellschaft und

das Gezänk der Alten

so ohne weiteres hinnehmen und den Hass der Parteien in die Jugend tragen."

Nicht ganz unwichtig ist, dass seine Kritik weniger auf die Parteiendemokratie als auf die Parteienmisswirtschaft abzielt. Zudem trägt sie volkstümlichen Charakter und ist nicht staats- oder verfassungsrechtlich begründet. Ganz ähnlich wie Muck tadelten viele demokratisch gesinnte Intellektuelle die Entfremdung der Parteien vom Bürger, ihre Phrasendreschereien, den Widerspruch zwischen Wort und Tat, von Parteiprogramm und Regierungspolitik, den Einsatz hochaggregierter Symbole, um Mängel zu kaschieren und das Karrieredenken der Volksvertreter. So monierte 1921 Lisa Tetzner:

"Deutschland ist in eine unglaubliche Parteipolitik
zerfallen, die jede freie Menschlichkeit zu beengen droht."

Nahe der Verzweiflung über die undemokratische, arrogante und intransparente Arbeitsweise der Parteien notiert 1928 Carl von Ossietzky:

"Das Listensystem verhindert die interessanten, anregungsvollen Einzelgänger. Das Listensystem konserviert die Omnipotenz der Parteibureaus und zwingt die Malcontenten zum Ducken und Mitlaufen."

Wer die Misswirtschaft und Arbeitsweise der Parteien begründet kritisiert, der ist nicht sogleich ein Feind der Demokratie. Natürlich war die immer wieder erhobene Forderung der "Überwindung der Parteien durch die Jugend" (Harald Schultz-Hencke) und nach Erneuerung der Parteien etwas naiv. Überall wo dies versucht wurde, stiess es auf ihren Widerstand. Verständlich, betonen Arnold Bergsträsser und Hermann Platz (1927, 18), denn hier treffen zwei verschiedene Zwecke aufeinander. Der eine will die Bildung des Charakters und Entwicklung des Urteilsvermögens, der andere ist lediglich auf die Disziplinierung der Mitglieder und die Erhaltung der Macht gerichtet.

Die Parteien, worauf Ulrich Linse (1983, 99) hinweist, ignorieren Muck oder sehen in ihm einen Politclown. - Warum denn aber? Nur weil er ihre Formen der Artikulation und Inszenierungen nicht beherrschte? Wohl kaum. In .... Noch ein Wort zu Muck-Lamberty bemerkte Lisa Tetzner 1921 (773), dass die Linksstehenden in seinem Kraftfeld "die Entziehung ihrer Jugend aus der Parteipolitik" fürchten müssen.

Gisella Selden-Goth (*1884) erlebte im August 1920 die Neue Schar in Weimar. Unter diesem Eindruck stehend, prophezeit sie zwei Monate später im Neue(n) Wiener Journal: Jetzt müssen die deutschvölkischen wie sozialistischen Jugendgruppen auf der Hut sein, wenn sie keine Mitglieder verlieren wollen. "Die Knaben und Mädchen, deren Herzen" Muck "von allen Seiten zufliegen,

wollen nicht mehr in den Schauzügen mitmarschieren,
an deren Spitze die Tafel mit dem Schlagwort
getragen wird."

 

Die Macht der Maschine

Muck fürchtet die Diktatur der Maschine über den Arbeiter. Ihm bereitet die fortschreitende Mechanisierung und Automatisierung der Arbeit grosse Sorgen. Wilhelm Flitner (1968, 271), der ihn aus der Jenaer Zeit kannte, fiel auf:

"…. und verständige Leute horchten auf, wenn er die Fließbandarbeit in den Fabriken schallt, die Tyrannei der Maschinen schilderte, die Produktion überflüssiger Dinge verurteilte, die Schund- und Schmutzliteratur, den Klassenkampf, die Landflucht, die Geringschätzung des Handwerks."

Es ist alles anders geworden. "Meisterschaft ist heute etwas anderes. Man ist

Meister in der Einseitigkeit,

im Boxen, Linksschwimmen, Stemmen, Biertrinken usw." "Ich stand manchmal lange an einem Kellerfenster einer Lüdenscheidscher Knopffabrik", enthüllt er uns 1929 (11), "und hatte eine Freundschaft mit einem Knopfmacher.

25 Jahre machte der Mann immer ein und denselben Knopf und seine ganze Familie und seine Kinder sahen bald so aus. Welche Energie braucht der Mensch, um dabei nicht ganz zu verblöden."

Ganz ähnlich fragt Alexis Torqueville 1835 (259) in Über die Demokratie in Amerika: "Was kann man von einem Menschen erwarten, der zwanzig Jahre seines Lebens damit verbrachte, Stecknadelköpfe herzustellen?"

Fließbandarbeit und Automatisierung zerstückeln und taylorisieren den Produzenten, degradieren ihn zum Anhängsel der Maschine, zwingen ihn den technologischen Rhythmus auf. Massen- und Billigproduktion bedrohen die wirtschaftliche Existenz vieler Handwerker. Oft bleibt ihnen nur, sich als Hilfsarbeiter zu verdingen. Ein trauriges Bild zeichnet er 1929 in Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest (10): "… und dann sehe ich die Massenfabriken, wie der Mensch zur Maschine wird, sehe wie sie darin leiden, die zu früh hineingesteckt wurden."

"Es klingen auch nicht mehr die alten Handwerkerlieder",

klagt er in Die Handwerkerschar von der Leuchtenburg 1921, "es ist nicht mehr die väterliche Freude bei Arbeit mit Gehilfen und Lehrburschen."

 

Aufhebung der Entfremdung der Arbeit im Handwerk

Nach Überzeugung von Muck bietet dem jungen Menschen allein das Handwerk ein Korpus der Rechtschaffenheit und selbstbestimmtes Arbeiten, betont aber, "Für den Massen- und Haufenmenschen ist das Handwerk nicht da." (Jugendbewegung 12)

"Jugend Voran", Plakat, 1951, Grafiker E. Wernitz.

Die Botschaft des Plakats vermittelt anschaulich, warum das Konzept der Handwerksarbeit als Charakterbildung eines Volkes kein gesellschaftliches
Echo finden konnte.

Schon etwas ungläubig fragt Lisa Tetzner (*1894) in Selbstlose Brüderlichkeit (1921) nach:

"Können wir wahrhaft annehmen, die Welt von Werkstätten aus durch einen Drechsler zu reformieren?

Trotzdem will Muck die Entfremdung der Arbeit in der industriellen Massenproduktion durch Hinwendung zum Handwerk überwinden.

 

Die Idee vom neuen Markt

Wenn man in die "Werkstätten der heutigen Heimarbeiter schaut", "dann kann man das Gruseln bekommen, was nicht alles an Schund und Tand hergestellt worden ist und noch wird". "So könnte der Jahrmarkt eine Belebung sein, heute ist er meist aus Bluff und Betrug aufgebaut", kritisiert ML in Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest (1929).

"Eine goldene Uhr für 1 Mark, dazu noch ein Portemonnaie, dazu noch … lauter Schwindel und es wird von der blöd gewordenen Menge gekauft und fortgetragen."

Eine Alternative sieht er in der Schaffung des

neuen Marktes.

Er ".... müsste das Beste bieten, was Handwerker der Umgebung zu leisten vermögen. Es muss sprichwörtlich heißen:

das habe ich vom Meister … gekauft".

"Wir haben erkannt, welch großen Einfluss der gesamte Kaufmannsstand auf die Entwicklung der Menschheit ausübt", fasst er 1914 gemeinsam mit Georg Peters in Was können wir tun? seine betriebswirtschaftlichen Erfahrungen zusammen. Um die Lage des Handwerks zu bessern, muss nach ihrer Ansicht der Widerspruch zwischen Ökonomie (Kaufmann) und Produktion (Handwerker) überwunden werden. "Viele sehen in den Kaufmann bei unseren Bestrebungen ein notwendiges Übel. Man erwartet das Gute vom Handwerk selbst. Wir haben aber eingesehen, dass der schaffende Künstler, der Handwerker und Kaufmann Hand in Hand gehen müssen, damit der bestehende Einfluss des Kaufmanns auf die Herstellung der Roherzeugnisse den Erneuerungsbestrebungen zu Gute kommt. Also: Sie wollen gemeinsam schaffen …."

 

Untergang des Handwerks

"In diesen Zeiten des schnelleren Verfalls und des stilleren Neubeginns bei den Jungen spürt der Feinsinnige auch

die Berufsnot.

Wie mancher Junger Mensch, Sohn eines rücksichtslosen Kaufmanns (Schieber) will nicht den Betrieb seines Vaters übernehmen. Er will

rechtschaffener Handwerker

sein. Wie mancher will nicht den toten Weg des Beamten gehen und es kommt ein Kampf in der Familie. Die Tradition, die dumme Anschauung, dass der schlichte, einfache schöpferische Handwerker minderwertig sei, will den jungen, lebendigen, strebsamen, Menschen zwingen, einen "höheren" Beruf zu ergreifen. … Vielen jungen Menschen bin ich begegnet," blickt Muck Ende 1921, "die so Heim und Anhang verliessen und draussen in der Welt Land und Meister suchten." Aber warnt 1929 Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest:

"Der Untergang des Handwerks ist für die Charakterbildung eines Volkes von nicht unerheblicher Bedeutung."

 

 

Anerkennung der Arbeit und
Leistung des Handwerkers

Immer setzt er sich für die gebührende moralische und wirtschaftliche Wertschätzung der Arbeit des Handwerkers ein. "Ich denke an den Feilenhauer Trebitsch in Naumburg, der kaum bekannt ist, den aber die Fachleute zu schätzen wissen. Ich war mit Dichtern und Denkern bei ihm und sie bewunderten sein Können. Was ist daneben manchmal ein Professor für irgendeine überflüssige Wissenschaft mit Staatspension?" (Jugendbewegung 10f.)

"Handwerker müssen sie sein," fordert Muck, "die den Meistergedanken wieder zu Ehren bringen, - ich selbst wurde dann auch Handwerker. Aus Echtheit müssen sie leben. Gar nicht viele brauchen, keine üppige Ernährung und nicht tausend Dinge." (Nach Prellwitz 5)

Über das ganze Leben hinweg beschäftigen ihn die wirtschaftliche Lage der Handwerksbetriebe und ihr Einfluss auf die Familien. Er überlegte, ob die Abwanderung in die Landwirtschaft ein Ausweg wäre, oder ob die Bedrängten ihr Geschäft - zumindest in bestimmten Regionen - durch gastronomische und touristische Angebote erweitern könnten.

Ein Teil der Produkte der Werksgemeinschaft junger Handwerker Naumburg Saale erfolgt in Direktvermarktung. Muck ist ein talentierter Kaufmann. Und das, lehrt die Erfahrung, rief zu allen Zeiten die Neider auf den Plan. Immerhin gehört sein Betrieb hinsichtlich Umsatz und Anzahl der Beschäftigten, die freilich saisonal schwankten, zu den erfolgreichsten Unternehmen der Stadt. Das war nicht das Ergebnis von zufällig wirkenden Naturkräften, Geschenken oder Zuwendungen. Vielmehr musste er sein kleines Unternehmen unter schwierigen äusseren Verhältnissen gründen, stabilisieren und entwickeln.

 

Volksgemeinschaft

Mucks politisches und soziales Denken ist von der Idee der Volksgemeinschaft und des Deutschtums geprägt. Heute lösen diese Begriffe beim Bürger aufgrund ihrer Funktion in der nationalsozialistischen Ideologie und Politik oft Aversionen aus. Daraus können Vorab-Urteile entstehen, die in die Irre führen. Es hilft nichts, beide Begriffe müssen genau erhoben und in der Zeit verstanden und interpretiert werden. Allgemein ist festzustellen, dass sie ihren Inhalt in Abhängigkeit vom Kontext verändern und zur Amplifikation neigen. "Ähnlich wie unter den Sammelnamen Jugendbewegung", wusste schon Knud Ahlborn (1918), "bergen sich auch unter dem Begriff Deutschvölkische Bewegung unterschiedliche, ja zum Teil entgegengesetzte Richtungen." Walther Victor (1885-1971) repetiert von der Arbeiterjugend-Führertagung Ostern 1921 in Dresden den Gedanken, dass der Sozialismus die wahre Volksgemeinschaft verwirklicht.

Zusammen mit Theodora Schulze und Hermann Thümmel veröffentlicht Muck-Lamberty 1919 die

Thesen zur Deutschen Volksgemeinschaft.

Damit erhalten die Hoffnungen zur Vitalisierung und Umgestaltung Deutschlands einen für diese Zeit erstaunlich klaren Ausdruck. Beseelt vom "Glauben an das deutsche Volk", soll nach der Katastrophe des Weltkrieges und den in der Revolution aufbrechenden Gegensätzen eine neue Gemeinschaft, die Volksgemeinschaft entstehen. In 13 Thesen gestalten die Autoren das Projekt wie folgt aus:

Die Deutsche Volksgemeinschaft setzt sich aus allen Schichten zusammen. Alle Deutschen, die wirklich gesinnt sind, die sittlichen Kräfte unseres Volkes zu heben, können Mitglieder werden.

Auf das Tiefste bedauert die Volksgemeinschaft den Untergang des Handwerks. Und sie hofft, es wiederzubeleben.

Die Deutsche Volksgemeinschaft will eine Erziehungsgesellschaft sein. Die Volkserziehung führt zur Volkshochschule.

Selbst die Kasernen sollen als als Bildungsgemeinschaft angesehen werden.

Eine gesunde Gesellschaft möchte die religiöse Not unserer Zeit mehr beachtet sehen.

Ein freies starkes Volk basiert auf den gesunden Beziehungen der Geschlechter. Die Frau soll dem Mann eine mitschaffende Gefährtin sein, keine Modepuppe, kein Spielzeug des Mannes, keine Magd.

"Wir erstreben wieder die Hebung des Familiensinns."

In der übergroßen Verstädterung unseres Volkes liegt der Hauptgrund des Verfalls.

Die 13 Thesen zur Volksgemeinschaft sind natürlich keine singuläre Erscheinung. Ähnlich wie Max Schulze-Sölde (1887-1967), Ludwig Christian Haeusser (1881-1927) oder Alfred Kurella (1918), greift Muck-Lamberty hiermit die Sorgen, Wünsche und Ängste weiter Bevölkerungskreise auf und antwortet drauf mit der Revolution der Seele, einer fulminanten Utopie, die im Gewand von Tanz, Spiel und Gesang daherkommt. Muck "sah von Fidel Castros Kuba bis nach China solche Volksgemeinschaften im Werden" und begrüßte 1969 "ausdrücklich die Studentenrevolte", instruiert Ulrich Linse 1984 das Politikmagazin Der Spiegel (Hamburg). Mithin trachtet das ideologische Konstrukt der Volksgemeinschaft zum Klassenfrieden, nicht aber zum Klassenkampf, weshalb die rebellischen Attitüden der 68er da wirklich schlecht ranpassen.

Die Pflege des Deutschtums diente oft als Einfallstor für die Revisionspolitik. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass die Schöpfer der 13 Thesen zur Volksgemeinschaft dies im Schilde führten. Vielmehr begreifen sie die Existenz- und Lebensweise der Völker als gleichberechtigt. "Je besser ein jedes Volk seine Eigenart hegt und pflegt," betonen sie, "umso höher wird es geachtet." Also nicht ein oder nur das deutsche Volk, sondern "ein jedes [!] Volk" soll seine Eigenschaften, die Sprache, Kultur, Bräuche und Traditionen entfalten.

Fritz Borinski (1903-1988) und Werner Milch (1903-1950) erheben 1967 (46) in der Geschichte der deutschen Jugendbewegung 1918 -1933 gegenüber Friedrich Muck-Lamberty den schwerwiegenden Vorwurf: "Zu seiner Lehre gehörte der Glaube an die Züchtung einer neuen Rasse durch freie `kommunistische` Liebe". Unvermittelt fügen sie in Klammern an: "Viele Gedanken der Nationalsozialisten und Kommunisten erscheinen in seinen Ansprachen". Allerdings geben die Autoren keine Quelle an. Ebenso konnte auf Grundlage der hier ausgewerteten Literatur und Dokumente nicht ermittelt werden, wo und wann er diese Lehre verkündet haben soll.

Vielleicht beziehen sich die Vorwürfe auf seinen Aufsatz:

An die Lebendigen im Adel.

Hier flattern Sentenzen oder Wörter wie "Blutsdeutsche", "völkisches Leben" und "Deutschen Heilbringenden" umher. "Das Deutschtum braucht Edelinge. Es muss zur Scheidung der Geister kommen," philosophiert Muck. "Schafft nicht der Adel den edlen Menschen, so schafft sich das Deutschtum einen neuen Adel. Nicht den des Sozialismus - den der Gerechtigkeit - der Heimatkraft." So klingen hier Momente des deutschnationalen Kultur- und Heimatbegriffs sowie völkischen Denkens an. Trotzdem stützt dies nicht, das krasse Urteil vom Rassenideologen, zumal die realen Aktivitäten der Neuen Schar von Nächstenliebe, Verträglichkeit, Freundschaft und Völkerversöhnung bestimmt waren. Ihre Tänze, Spiele und Lieder schürrten nicht die Angst vor dem Fremden, sondern förderten das gegenseitige Verstehen und Vertrauen. Vor allem schafften sie eine emotionale Gestimmtheit, die der Kooperation zwischen den Menschen unbedingt zuträglich war. Da gab es keinen Adel, keine Geführten, Verführten und Auserwählten, keine Einheimischen und Zugezogenen. Der soziale Status und die Schichtzugehörigkeit der Person war ihnen völlig gleichgültig.

Beim Lesen An die Lebendigen im Adel scheint es einen Augenblick so, als könnte Muck die Brücke zum völkisch-nationalsozialistischen Denken betreten. Er tut es nicht. Er geht, wie die Thesen zur

Deutschen Volksgemeinschaft

bezeugen, einen anderen Weg! Das war 1918/19.

In einer Replik zur

Selbstschulung der Arbeitslosen
- unter Mitarbeit der Wissenden und Lebendigen 

von 1931 stellt sich dies anders dar. Vom Bürgertum fordert er jetzt die Bereitschaft "mit den Freiwilligen bereits die neue Ordnung zu schaffen, die unbedingt notwendig ist, will man einen Staat überleiten in eine völkische Ordnung". Was versteht Friedrich Muck-Lamberty hier unter "völkischer Ordnung"? Gemeinhin gründet sie damals auf der Idee rassischer Homogenität, der Volksgemeinschaft, die der Staat schaffen und sichern muss, worauf die Rassenpolitik des Nationalsozialismus und des Dritten Reiches abzielt. Nähert sich Muck 1 9 3 1 diesen Auffassungen? Auf Grundlage der hier ausgewerteten Quellen kann das nicht beantwortet werden. Eine Veröffentlichung zur 900-Jahrfeier der Stadt Naumburg im Jahr 1928, die mir nicht zur Kenntnis gelangte, soll diesbezüglich bedenkliche Formulierungen enthalten. Ihn wegen dieser Unklarheiten in die Ecke des Nationalsozialismus zu stellen, ist nicht gerechtfertigt und gegenüber dem Bürger Friedrich Muck-Lamberty unfair. Es ist eine offene Frage, die beispielsweise ebenso dadurch entstehen kann, dass der Autor dieser Zeilen etwas übersehen oder überlesen hat.

Andererseits lehrt uns die Erfahrung, dass Menschen unter dem Druck von Ereignissen ihre gesellschaftspolitischen Auffassungen ändern. Um dies zu sondieren, konnten für den Zeit nach 1925 leider nicht ausreichend biografische Quellen erschlossen werden. Immerhin ist eine,

die Ankündigung des Vortrags in Berlin
für Dienstagabend, den 13. Mai 1930,
in der Aula, Guerickestrasse 32, Charlottenburg,

recht aufschlussreich. Muck spricht zum Thema:

Wir Jungen und der heutige Staat.

Hiernach erscheint ihm jetzt die Jugendbewegung als kosmischer Einbruch in die Zeit. In allen Völkern erschaut der Referent die Überwindung der Staats-Kisten durch die Jungen. Schlagworte kündigen weitere Szenarien an: Heimat und Gemeinschaft, Bolschewismus oder Christentum, Rom, Wartburg oder Ana Sancta. Die Hoffnungen auf die NSDAP. Aufforderung der NSDAP zu einem Bekenntnis zu den Jungen oder zu einer Entscheidung. Die Junge Front als Verständigung der Jungen in Deutschland, als Aufbruch der Kommenden.

Die angekündigten Inhalte wirken verschwommen und unklar. Es wird vom Ansatz her nicht sichtbar wie sie sich mit den Kräften des Fortschritts, der Demokratie und dem Kampf gegen den Faschismus verbinden. Reaktionen zu diesem Vortrag sind bisher nicht auffindbar.

 

Zu neuen Horizonten

Bereits vor dem Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen unternahm Muck viele Wanderungen. Eine für diese Zeit typische Einstellung zum Wandern formulierte 1915 Hans Breuer, gefallen am 20. April 1918 bei Verdun, im Vorwort zur Neuauflage des Zupfgeigenhansel:

"Wir müssen immer deutscher werden. Wandern ist der deutscheste aller eingeborenen Triebe, ist unser Grundwesen, ist der Spiegel unseres Nationalcharakters überhaupt."

Hingegen betont Alfred Döblin (1878-1957) die kulturell-geistige Funktion. Reisen erweitert den Horizont, ermahnt er 1926 die Mobilitätsfanatiker und Kilometerfresser, aber wo keiner ist, vergrössert sich lediglich das Mundwerk. Die Jugendbewegung der frühen Zeit ist nicht anders zu erklären, als aus der Aufgeschlossenheit weiter Kreise der jungen Generation für gute, schlichte und warme Gemeinschaft in der Bewährung auf der Fahrt (Jantzen 1957). Der Wanderer findet zur Natur, entdeckt die Heimat, schliesst Freundschaften und vervollkommnet, soweit Gelegenheit, seine berufliche Fertigkeiten. Die wandernde Jugend kannte die Bürstenmacher in Sachsen, die Drechsler in Thüringen und im Erzgebirge, die Töpfer von Bürgel, Bunzlau, Velten, Vordamm, der Rhön, von Bayern oder St. Ullrich. Von ihnen, schreibt Muck in Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest (1929, 8-10) weiter, wissen die Sonntagswanderer nichts, da sie nur selten den Schaffenden antreffen. "Die deutsche Jugend hat sich das Handwerksleben gründlich angesehen, und hat durch Wanderungen (Wandlungen) durch die Heimat und ins Volksleben hinein einen ganz anderen Sinn für Volk und Staat entwickelt. Erwandert? auf der Wanderschaft, sich umzusehen."

Obwohl Muck dem Deutschtum in eigener Weise zugeneigt, finden wir bei ihm Bestrebungen, das Wandern mehr im Sinne von Alfred Döblin als von Hans Breuer zu verstehen. Es dient der Lebensertüchtigung, schult die realistische Weltbetrachtung, übt das autodidaktische Lernen und schärft die empathischen Fähigkeiten. Zu neuen Horizonten, drängt es ihn.

 

Wanderung mit Karl Bittel
und die Siedlungsfrage  nach oben

Im Archiv der deutschen Jugendbewegung Burg Ludwigstein befindet sich ein Foto mit der Jahresangabe 1911. Darauf ist Friedrich Muck-Lamberty zusammen mit Karl Bittel (1892-1969) bei einer Rast unterhalb von Schloss Werenwag im oberen Donautal zu erkennen. Es könnte vielleicht ihrer Italienwanderung entstammen. Als Bittel 1919 zu den Kommunisten einschwenkt, trennen sich ihre Wege. Ursache dafür waren wahrscheinlich nicht politische Differenzen, sondern einfach nur die Lebensumstände.

Blick zum Schloss Werenwag im oberen Donautal. Rechts Karl Bittel, links davon Friedrich Muck-Lamberty.

Bildnachweis: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen. Bestand Neue Schar A 17 Nr. 1

Acht Jahre nach der Wanderung referiert Muck darüber auf einer Versammlung der Deutschen Volksgemeinschaft in Hannoversch-Münden: Während dieser Zeit lebte und arbeitete ich zusammen mit zwei Burschen auf einem Hof in Meran (Tirol). "Am Abend waren wir ermüdet und konnten nicht viel für die Gemeinschaft des Volkes tun". Ihm kommt der Gedanke: "Für uns muss es einfach andere Möglichkeiten geben, wie wir die Schaffensfreudigkeit und die seelisch starken Werte unserer deutschen Jugend für die Gesundung unseres Volkes verwenden können. Lenken wir die junge Schaffenslust und den freien Willen zum einfachen, herben Leben auf die Handwerksarbeit; dort kann jeder sich mannigfaltig auswirken und durch seinen guten, lebendigen Geist auch für das ganze Volk wirken."

Mucks Wanderfreund machte später sein Abitur in Freiburg (Breisgau), absolvierte an der Universität ein Teil des Studiums und engagierte sich beim Wandervogel. Ab 5. Oktober 1918 verfasst er Politische Rundbriefe, die sich ab Januar 1919 als Organ der freideutschen Sozialisten verstehen. "Kommt nun weiter herbei und schart euch alle um unser Gaublatt", ruft Karl Bittel 1911 im Blatt für Jugendwandern in Baden und Schwaben den Wandervögeln zu. "Wir, die Jugend, die sich aufbäumt gegen Ungesundes, die wir stark werden wollen draußen in der Natur, wir kennen alle eine solche Begeisterung: die Begeisterung für eine große Sache - für unseren deutschen Wandervogel! - Heil ihm!"

Der Wandervogel adaptierte die Idee von der halbländlichen Siedlung Jungau vom Dichter Emil Gött (1864-1908). Ebenso teilen Muck und sein Wanderfreund das Interesse an der Siedlungsfrage. Wenn es nach Karl Bittel geht, soll die Genossenschaft an die Stelle der Lohnarbeit und Klassenherrschaft treten. Dieser Geist soll in die Schulen einziehen. Man schlägt Schülerräte und Schülergenossenschaften vor. (Vgl. Frobenius 183)

Um 1913 war Bittel im Konsumverein Esslingen tätig. Aus der Stadt am Neckar sendet Muck im September desselben Jahres in Neuland in Sicht! an Freunde und Führer der Jugend folgende Botschaft:

"Reiche Euch meine Hand, wir wollen gemeinsam etwas schaffen, uns gegenseitig das Beste zeigen und so mit dem Trotz der singenden Burschen und Mädchen Weiterschreiten ins Neuland, unsere Heimat suchend."

Aufmerksam verfolgt er die sozialen Experimente zur Siedlungsfrage. "Weiss jemand über kommunistische Gründungen mehr zu sagen?", fragt Muck. Sechs Jahre später zieht er in Siedlungsmöglichkeiten Bilanz:

"Wir haben jedoch bald einsehen müssen, dass wir Menschen seelisch jetzt nicht für den Kommunismus reif sind."

Muck eröffnete in den Flugblättern für Jungdeutsche Siedlung  (1919), dass er Anfang Juni 1914 mit Georg Peters zusammen die Eekkamp-Gesellschaft ins Leben rufen und zusammen mit Heinrich von Smissen die Siedlungspläne einer Handwerkergemeinschaft mit Umwertungsstelle durchführen will. Es kommt der Krieg. Smissen und Peters fallen in Russland. Als Muck vom Militärdienst wieder heimgekehrt, greift er die Idee wieder auf. Sie muss, erläutert er den Teilnehmern einer Versammlung der deutschen Volksgemeinschaft 1919 in Hannoversch-Münden, besonders der Jugend zur Entfaltung ihres Talents dienen. Deshalb "Lenken wir die junge Schaffenslust und den freien Willen zum einfachen, herben Leben auf die Handwerksarbeit; dort kann jeder sich mannigfaltig auswirken und durch seinen guten, lebendigen Geist auch vorbildlich für das ganze Volk wirken." (Siedlungsmöglichkeiten) Sein Plan ist folgender:

"Junge Handwerker oder solche Burschen und Mädchen, die es werden wollen, verbinden sich zu einer Gemeinschaft … Jeder sucht seinen Arbeitsplatz in der Gegend, die ihm die liebste ist. Er siedelt als Eigner oder Mieter, ein Stückchen Land (2-3 Morgen) dazu." Auf dem Land kann das mit einem kleinen Gasthaus verbunden sein. Ist aber eine Stadt oder eine Gegend nicht gross genug, um die neuen Handwerker aufzunehmen, dann "gründen wir eine Niederlage in einem anderen Ort". So sollen "im ganzen Reiche Betriebsstellen der gesunden handwerklichen Arbeit" entstehen. Sie sind untereinander verbunden. Eine Zentrale organisiert die Werbung und Messen.

Es soll ein neuer Markt entstehen, der das Talent und die Mühen vom Gesellen und Meister im Preis anerkennt. Muck will, dass die "Masse ihre Mittel" zu ihnen trägt und sie nicht wie bisher "von rücksichtslosen Kaufleuten ausgenutzt" werden. Der neue Markt erlöst die Handwerker aus dem "Zustand der Geldprobleme", hofft er.

Das Projekt einer Handwerkergemeinschaft lässt Muck nie wieder los. "Noch heute ist es möglich um den Ludwigstein Handwerker und Kunsthandwerker sesshaft zu machen", teilt er 1957 an die Jugendburg Ludwigstein mit.

 

 

Bei Eklöh in Lüdenschscheid / Westfalen   nach oben

Beim Wandervogel-Bundestag Pfingsten 1913 auf der Henneburg bei Meiningen kam Muck mit dem Sera-Kreis in Berührung. Den Einzug des singenden Heereszugzuges der Jugend mit Karl Brügmann an der Spitze, erlebte Wilhelm Flitner (Jena) als ein beeindruckendes Schauspiel, für das sich jeder interessierte, den Volkslied und Volkstanz etwas tiefer geworden. Hier begegneten sich zum ersten Mal der Kaufmann Hans Eklöh aus Lüdenscheid (Westfalen) und Friedrich Muck-Lamberty. Sofort fanden sie sich sympathisch. Der Chef von Haus Eklöh, deutsche Wertarbeit Lüdenschscheid / Westfalen, lernte Muck, wie er später erklärt, als einen "Idealmenschen" kennen.

Im Oktober stellt ihn Hans Eklöh in seiner Firma an. Zuvor spendierte er Muck noch einige hundert Mark für Reisen. Als er dann in Lüdenscheid eintrifft, mietet der Unternehmer für ihn in der Nachbarschaft ein Zimmer, sorgt für Taschengeld und etwas Kleidung. Der Neue arbeitet nur den halben Tag. In der verbleibenden Zeit widmet er sich oft seinen Studien. Zum Essen sitzt er beim Hausherr am Tisch. Idealismus und Arbeitskraft, bemerkt nach wenigen Wochen der Arbeitgeber, liefen aber darauf hinaus, ihn selbst überall Bekannt zu machen. "Macht wollt er erringen!", empört sich der Kaufmann am 14. Juni 1914 im Brief an Hans Paasche. Er hatte die Idee, das Haus Eklöh, wenn es weiter aufwärtsgeht, einmal gemeinnützig zu betreiben. Muck, der jede Sache mit Nachdruck in die Welt zu setzen wusste, stellte dies wann immer als Seine heraus.

Im Januar 1914 kommt Georg Peters nach Lüdenscheid. Auch ihn unterhält und kleidet das Haus Eklöh. Dann und wann arbeitet er etwas. Auf einer Dienstreise, um einen Auftrag in einer benachbarten Stadt einzuholen, soll er in zwei Tagen 30 Mark Geschäftsspesen verbraucht haben. Dem Freund, jammert Hans Eklöh, hat er für 7 Mark Törtchen "weggefressen".

Etwa ab Januar 1914 arbeiten Georg Peters und Friedrich Muck-Lamberty an der Werbeschrift, die später im Verlag Eklöh in Lüdenscheid unter dem Titel

"Ein Beitrag zur Neugestaltung der Kleidung"

erscheint. Zur Herkunft der Zeichnungen gibt es unterschiedliche Aussagen. Im Brief an Hans Paasche stellt Herausgeber Eklöh fest, dass die Kleiderentwürfe von Friebus, Ungewitter und anderen stammen. In der Einleitung zur Werbeschrift ordnet er sie "mit einigen Ausnahmen" dem Historienmaler Ludwig Max Roth in Düsseldorf zu, die er "nach Kleiderentwürfen von Friedrich Muck-Lamberty" anfertigte. Unter der Überschrift Was können wir tun? formulieren Muck und Georg Peters Einige Worte an die Freunde deutscher Erneuerung über Umgestaltung bestehender Einrichtungen. Es ist eine Art Vorwort zum Katalog. Ihr Konzept erläutern sie so: "Wir wollen Arbeit schaffen, die Zweckmäßigkeit und Schönheit in sich vereinigt, und die so mit der Natur organisch verbunden ist. - Wir wollen den Sinn für die Wertarbeit heben und ganz für die gute Sache einsetzen." Sie leitet nicht "die dumpfe Gewohnheit des nur umsetzenden Kaufmanns". Sondern sie "schaffen was jetzt die Jugend will": Die ".... will sich frei machen von undeutschen Einflüssen, will die Organe und Gliedmassen sich im freien Spiel der Kräfte ungestört entwickeln lassen in den einzig schönen und wahren Formen, die die Natur geschaffen hat."

Aus: Ein Beitrag zur Neugestaltung der Kleidung, 1914

Die Werbeschrift war das wichtigste Arbeitsergebnis von Lamberty und Peters in Lüdenscheid. Überdies machten beide dem Eklöh, der ohnehin in keiner guten gesundheitlichen Verfassung war, viel Ärger. Eine Kur tut not. Während dieser Zeit, so die Überlieferung, steigerten sich die Machtgelüste von Muck. "Der Eklöh", so wurde geredet, " ist ein kranker Mann, wir machen das Geschäft." Als er aus der Kur heimkehrte, will er das Duo loswerden. Muck wurde grob, ging aber nicht. Wenn ihn aber jemand an den Wagen fahren wollte, so lernte ihn Hans Eklöh kennen, konnte er saugrob werden. Nach einigen Tagen kam es wieder zu Auseinandersetzungen. Erneut wies ihm der Hausherr die Tür. Nun wählt er provokativ zu den Mahlzeiten seinen Platz am Familientisch. Zum 1. Mai 1914 kündigte Eklöh ihm das Zimmer. Nach einigen hin und her verlässt Muck das Haus. Muck und Peters erhalten vom Chef noch 250 Mark Reiseunterstützung. Ihre Nachforderungen will er dann nicht mehr erfüllen.

 

Eine Demonstration gegen den verlogenen
Patriotismus und eine Manifestation des Reformwillens:
Freideutscher-Jugendtag 10. bis 12. Oktober 1913  nach oben

 

Fidus, eigentlich Hugo Höppener (1868-1948), Ikone der Lebensreformbewegung, aquarelliert eine Fassung des "Lichtgebets" und zeichnet sie gleichzeitig als Steindruck. Davon werden farbige Postkarten angefertigt. Eine Teilauflage erhält die Aufschrift "Freideutscher Jugendtag 1913, Jahrhundertfeier auf dem Hohen Meissner. 11./12. Okt". Sie werden zum 1. Freideutschen Jugendtag zum Verkauf angeboten. (Frevot 1972, 165)

Ankündigung im Herbst 1913: Das "Lichtgebet" erscheint demnächst als farbige Steinzeichnung, Bildgrösse 63 mal 42 cm. "für Teilnehmer des Deutschen Jugendtages" zum Preis von 3 Mark, ansonsten 5 Mark.

Das Lichtgebet galt als Sinnbild für jugendlichen Elan, Vitalität und Streben nach Echtheit.

"Es konnte auch passieren," schreibt Wilhelm Uhde 1938 (205) in seinen Erinnerungen und Bekenntnissen, "dass, wenn ich morgens aus dem Fenster blickte, in der Nähe unbeweglich ein solcher Jüngling stand, der die erhobenen Hände der aufgehenden Sonne entgegenstreckte, wohl angeregt von dem grauslichen Zeichner Fidus, der mit seinem Schund die Jugendzeitschriften überschwemmte."

 

Hunderte Jugendliche und Junggebliebene wanderten am Wochenende des 11. und 12. Oktober 1913 zum Fest der Jugend auf dem östlich von Hessisch Lichtenau (Nordhessen) gelegenen Hohen Meißner. Fern allen Trubels der offiziellen Veranstaltungen zur Einweihung des 91 Meter hohen Denkmals zu Wiederkehr des 100. Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig, gelobt die Freideutsche Jugend im Kreis Gleichgesinnter, den Patrioten des Befreiungskrieges von 1813 nachzustreben. Auf dem Berg, darüber sollte Klarheit bestehen, trifft sich die bürgerliche Jugend, "die erblichen Herrscher unserer Gesellschaft", wie Siegfried Bernfeld sagt (1925, 99). Die Arbeiterjugend kommt nicht.

Elly Bommersheim (*1893) ist auf dem Weg zum Bergplateau, als sie der in einem langen Kittel aus rauem Leinen gekleidete Tolstoi-aner Gusto Gräser (1879-1958) überholt. Kurze Hosen geben die braunen Beine frei. Eine Stirnkette aus Hagebutten hält die langen Haare zusammen. Sie ist beeindruckt von dem mächtigen Bart.

Kommt Gusto Gräser, darf Muck nicht fehlen. Erst kürzlich in Lüdenscheid fasste er mit seinem Freund Georg Peters den Vorsatz: "Wir müssen uns nicht absondern und dürfen nicht weltfremd werden; wir dürfen nicht egoistisch nur in kleinen Kreisen das Leben, was wir einmal für das Wohl der Gesamtheit erkannt haben." Und er fühlt sich hier beim Jugendtreffen ganz in seinem Element. Es ergreift ihn tief. Warum sonst, will er es nach dem Krieg wiederbeleben?

 

Als Deutschland 1913 zur Jahrhundertfeier der Völkerschlacht rüstete, erhält der Einigungsgedanke in den verschiedenen Jugendorganisationen neuen Auftrieb. Es war der Plan des Deutschen Bundes Abstinenter Studenten gegen den zu erwartenden Alkohol-Exzess bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig zu demonstrieren, den die Deutsche Akademische Freischar aufgriff. Beim Vortrupp Leipzig tauchte ein ähnlicher Gedanke auf. Der Plan, sagt Eugen Diederichs, ging von der Münchner Freischar aus. Zu Pfingsten will man über die Vorbereitung in Jena beraten. Sera als Gastgeber dirigierte die 30 Delegierte in das angesehene Hotel Weimarische Hof. Einige sagen elf, andere sagen dreizehn Verbände folgten der Einladung der Deutschen Akademischen Freischar (DAF). Bis auf den Wandervogel e.V. war der Teilnehmerkreis identisch mit den Unterzeichnern des ersten Aufrufs zum Fest. Starken Widerhall fand die Protest-Idee, befeuert von der Begeisterung für die Lebensreformbewegung. Schwieriger war schon, sich darüber klar zu werden, wo man sich treffen wollte. Einige konnten sich zunächst eine Angliederung an die Leipziger Feierlichkeiten vorstellen. Die DAF war dafür, dass Fest in Weimar oder Jena durchzuführen. Der Göttinger Philologie Student Christian Schneehagen (1891-5.04.1918) schlug, was allgemeine Zustimmung fand, den Hohen Meissner als Ort des Festes vor. Zudem bildete sich die Einsicht, den Willen in die Zukunft zu richten und die Erinnerung an 1 8 1 3  zur Selbstbestimmung weiterzuführen (Mittelstrass). Bei der Organisation taten sich dann vor allem die Mitglieder der Deutschen Akademischen Freischar, speziell Christian Schneehagen, die Freunde von der Akademischen Vereinigung und besonders Franziskus Hähnel, Geschäftsführer des Vortrupps Leipzig, hervor.

Auf der Tagung wurden ebenso Möglichkeiten des Zusammenschlusses erörtert. "Es hatte wirklich nur der Berührung bedurft", kommentiert 1963 Knud Ahlborn (108) die Zusammenkunft, "und der innere Zusammenhang zwischen den Jugendgruppen war hergestellt." Aus dem Gemeinschaftsgeist heraus schlug Friedrich Wilhelm Fulda, was allseits Zustimmung fand, den Namen Freideutsche Jugend vor.

Ihre Wurzeln reichen zurück bis zum Steglitzer Wandervogel (1896) und Hamburger Wanderverein (1905). Dann entstanden die Akademischen Freischaren. Die erste gründete Knud Ahlborn 1906 in Göttingen zusammen mit Hans Harbeck. Sie bewährten sich im freideutschen Gemeinschaftsleben als eine Grundform des Zusammenschlusses von nicht auf Übereinstimmung beruhender persönlicher Anschauungen. Zugleich bildete sich das Bestreben nach Einigung, wie das Ideal von der Erziehungsgemeinschaft weiter Form annahm. Ihr zentraler moralischer Wert war die Selbstbestimmung. Gemäss dieser Vorstellung sollen der Jugend die Ideale nicht von außen eingepflanzt werden, sondern sie soll selber über ihr eigenes Leben nachdenken und entscheiden.

Der Kladderadatsch, Nummer 44, Berlin, 2. November 1913, karikiert die Jahrhundertfeier am 18. Oktober 1913 in Leipzig.

Wie nicht anders zu erwarten, trafen bei der Nominierung der Redner in Jena unterschiedliche Meinungen aufeinander. Mit acht Stimmen, einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen beschlossen sie, dass Gottfried Traub (1869-1956) sprechen soll (vgl. Henrichs 37). 1913 genoss der vom Dienst suspendierte protestantische Pfarrer wegen der Kritik an einen altpreußischen Oberkirchenrat einen Sympathie-Bonus.

Als Redner war zunächst auch Hans Breuer vom Steglitzer Wandervogel e.V. und Herausgeber des Zupfgeigenhansel nominiert, der dann am Fest, wie der gesamte Wandervogel e.V., nicht teilnahm. Bisweilen wird über die Gründe gerätselt, obwohl die ziemlich klar: Die inhaltlichen Differenzen, waren einfach zu gross.

 

Mit erstaunlich klarer Zielstellung, einen, wie Susanne Rappe-Weber (2012/2013) formuliert, "stabilen Kern von Formen und Themen", unterzeichnet von Knud Ahlborn (Deutsche Akademische Freischar) erschien im Sommer in der Wandervogel-Führerzeitung (Heft 7, 1913), der

e r s t e Aufruf zum Fest.

Hier bekennen die Freideutschen:

"Von allen Dingen hassen wir den unfruchtbaren Patriotismus, der nur in Worten und Gefühlen schwelgt, der sich - auf Kosten der historischen Wahrheit rückwärts begeistert …" (FdJ 92)

In Vorbereitung auf 11. / 12. Oktober erklärt die Jugendzeitschrift Der Anfang (Heft 5):

"Uns allen schwebt als gemeinsames Ziel die Bearbeitung einer neuen, edlen, deutschen Jugendkultur vor."

Auch in Tageszeitungen, zum Beispiel im Jenaer Volksblatt vom 22. Juli 1913, kündigen die Organisatoren das Treffen auf dem Hohen Meissner bei Bebra an. Dort wollen wir uns, teilen die Deutsche Akademische Freischar und andere mit, zu gemeinsamer Arbeit verbrüdern. Publikumswirksam wenden sie sich gegen den unfruchtbaren Patriotismus.

Von Beginn an hatte das Meissner-Treffen einen "oppositionellen Anspruch" (Volker Weiß 2013). Den nationalistischen Tendenzen der wilhelminischen Erziehung, dem falschen Patriotismus, der allgemeinen Kriegstreiberei und dem verbreiteten Alkoholmissbrauch standen nahezu alle kritisch gegenüber. Die berühmte Meissner-Formel stärkte die moralischen Kräfte der Jugend und ihre Fähigkeit zur Selbsterziehung, was die Nation hoffen lassen durfte.

Der  z w e i t e  Aufruf im Gaublatt „Nordmark“ des Wandervogels e. V. verkündet: "Die deutsche Jugend steht an einem geschichtlichen Wendpunkt." Sie muss sich selbst finden. Auf dem Meissner will sie der Öffentlichkeit ihren Weg darstellen. Es unterzeichneten (nach FdJ 94):

Deutsche Akademische Freischar Deutscher Bund abstinenter Studenten
Deutscher Vortruppbund Bund deutscher Wanderer
Jungwandervogel / Wandervogel e.V. Österreichischer Wandervogel
Germania - Bund abstinenter Schüler Freie Schulgemeinde Wickersdorf
Bund für freie Schulgemeinden Landschulheim am Sollingen
Akademische Vereinigung Jena Akademische Vereinigung Marburg
Serakreis-Jena Burschenschaft Vandalia Jena

 

Die "Korrespondenz des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie" warnt in seiner Ausgabe vom 1. Oktober 1913 vor dem Jugend-Meeting. Das Propaganda-Organ der Deutschnationalen, Deutschvölkischen und militanten Kreise befürchtet, dass die patriotische Kernaufgabe, der Wille des deutschen Volkes zur äußeren Machterweiterung durch das Jugendtreffen in Frage gestellt wird. Einige Zeitungen kolportierten dies umgehend als "Warnung vor dem Freideutschen Jugendtag". Die Halbmonatsschrift "Der Vortrupp" (Leipzig) fegte es beim "Großreinemachen" in der Nummer 22 vom 16. November 1913 in den ideologischen Müll. Vorher hatte sie diesen öffentlichen Vorwurf als Fälschung identifiziert und zurückgewiesen. Denn es ist völlig klar, die Meissner lehnten lediglich, wie es in dem im Juni verabschiedeten Aufruf hieß, "den unfruchtbaren Patriotismus, der nur in Worten und Gefühlen schwelgt" ab.

 

Der Hanstein, Bahnstation Werleshausen. 40 Minuten.

Kunstanstalt Car Thoericht ,
Hann.-München [nach 1945]

Am V o r a b e n d  des Meissner-Treffens halten im Rittersaal der Burg Hanstein 600 Vertreter der verschiedenen Bünde und Vereine Rundsprache. Aus der älteren Generation waren nur wenige Vertreter anwesend. Linsensuppe und Nudeln kamen auf die gedeckten Tische. Aber wie bei den Freideutschen üblich, kein Bier, Wein, Schnaps oder Tabak. Der Saal war dicht gefüllt und auf einmal hiess es: Bewegt euch so wenig wie möglich, die Decke bricht sonst! Alle begaben sich in den romantischen Burghof. Sogleich erfolgten aus dem Fenster einige Ansprachen, bis die meisten dann wieder in den Saal zurückkehrten. Einige tanzten, sie schienen darauf nur gewartet zu haben, wie toll weiter im Hof. Ihre Musik tönte hin wieder in den Saal, wo unter ein paar Kerzen des Kronleuchters im malerischen Halbdunkel (Avenarius) Volkserzieher und Lebensreformer, Vortrupp, Siedlerbund und deutschnational gesinnter Handlungsgehilfenverband, Vertreter der Verbände und Bünde der Lebensreform-, Alkoholabstinenz- und Bildungsbewegung zusammensitzen.

"Zuerst redeten die Älteren, sie wollten die Jugend an den Wagen ihrer Bestrebungen spannen," notierte Eugen Diederichs in seinen persönlichen Aufzeichnungen, "aber die Jugend wehrte sich, sie wollte bei keiner Partei sein.

`Deutschland brennt!` rief Passche,

ihr müsst helfen, mit zu löschen."

Den einleitenden Vortrag übernahm

Bruno Lemke (1886-1955)

von der Deutschen Akademischen Freischar. Der Marburger Student lehnt alle autoritären und suggestiven Strömungen ab und erhebt die Forderung nach Wahrhaftigkeit, Selbstverantwortlichkeit sowie "völlige Freiheit von jeder Beeinflussung von aussen". "Die Selbsterziehung soll unsere Losung sein ....", wiederholt er am 7. / 8. März 1914 auf dem ersten Vertretertag der Freideutschen Jugend in Marburg. Eindrucksvoll zeichnet er die Reformfeindlichkeit des Staates nach: "Wohl sorgen Staat und Kirche, Schule und Heer dafür, sich fortzupflanzen in den jungen Seelen. Aber doch mit Sorgfalt darüber wachend, dass ja kein kleiner Zug sich ändere und verfälsche, gemäß ihrer eigenen Art zu sein." Lemkes Hanstein-Rede, so damals die allgemeine Auffassung, erzielte sichtbar gute Wirkung bei der Mittelschul- und studentischen Jugend.

Zu Wort kamen weiter der Autor von Helmut Harringa Doktor Hermann Popert, Kapitänleutnant a.D. Hans Paasche für den Vortrupp, der Herausgeber des Kunstwart Ferdinand Avenarius, Doktor Hermann Ullmann für den Dührerbund, Gustav Wyneken von der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, Willie Jahn für den Jungwandervogel und Professor Ernst Keil als Vertreter des österreichischen Wandervogels. Alle versuchten, die Jugend für sich zu gewinnen. Ausser Karl Bittel (vgl. 1963). Er durfte, was nie verwunden, "an der exklusiven Rundsprache auf der Burg Hanstein nicht teilnehmen", weil er "als roter Freideutscher gebrandmarkt".

Die eigentlichen Bedürfnisse der Jugend kamen im Eifer des Gefechts, wirft zu fortgeschrittener Stunde Gustav Wyneken auf den H a n s t e i n  in die Diskussion, nicht zur Sprache. Frank Fischer (Wandervogel) verewigt den Moment mit der Notiz: "Verlangte Gedankenhöhe, klare Luft. Geistesleben übernational, Auffassungen Fichtes und Gneisenaus. Frei von Parteizwecken."

Im Saal herrschte ein zwiespältiges Gefühl, weil man nicht wusste, was nun werden sollte. Wie auch? Lemke propagierte die Selbsterziehung, Popert die Rassenhygiene und Wyneken die Jugendkultur. "Interessant waren", teilt 1919 (10) Gustav Mittelstrass mit, "die Ausführungen eines Reformburschenschafters, der erzählte, wie sie von der "anderen Seite" zur Freideutschen Jugend gekommen seien." Ein Teilnehmer, der sogleich zu Ruhe ermahnt, rief dazwischen, ob die Erörterung der Judenfrage verboten sei. Ein anderer forderte unter dem Jubel der Vortruppleute zum Ende hin, dass man das deutsche Volk aus der moralischen Gefährdung erlösen müsse.

Schliesslich musste die Tagungsleitung die Redeschlacht beenden. Zuvor fasste man den Beschluss, zur Selbstentwicklung der Jugend einen Verband der Freideutschen Jugend zu bilden. Mit der Organisation wurde die Deutsche Akademische Freischar beauftragt.

Einigen stand nach dem langen Abend noch ein Marsch von bis zu zwei Stunden durch die regnerische Nacht zum Quartier bevor. Andere übernachteten in Zeltlagern. Letztlich glückte es auf dem Hanstein nicht, dass vereinende auszudrücken. Die äusseren Umstände waren dafür nicht gerade günstig. Niemals rechneten die Organisatoren mit so vielen Teilnehmern. Die Aussprache war viel, viel kleiner geplant. Und zu gross waren die Meinungsverschiedenheiten. Immerhin stimmten sie, was fast unbemerkt blieb, in der methodischen Ausrichtung der Jugendarbeit überein: Wahrhaftigkeit, Natürlichkeit, Geradheit und Echtheit. So gesehen war es dann nicht zufällig, dass es am nächsten Morgen Gustav Francke, Erwin von Hattingberg und Knud Ahlborn (1964, 43) beim Aufstieg zum Meissner gelang, den Entwurf für eine gemeinsame Erklärung zu formulieren, die im Verlauf des Tages zur Abstimmung gelangte.

 

 
Hoher Meißner, oberhalb von Rommerode. Aufnahme: 2007. Fotograf: Dirk Schmidt. (Siehe Bildnachweis)

 

Als wir am  M o r g e n  des 11. Oktober aus dem Heu krochen, erinnert sich Gustav Mittelstrass (1919, 12), sah es trübe aus. Kühles Wetter. Oben in 754 Meter Höhe klart es leidlich auf. Zögerlich schaut die Sonne heraus. Allmählich entsteht ein buntes und lebendiges Bild. Unter freiem Himmel, im jugendlichen Stil, oft mit einem schlichten Kittel gekleidet, lagern sie. Einfach- und natürlich. Frank Fischer erkennt "Die Wickersdorfer `Läuferinnen` in Dunkelblau. Gusto Gräser mit Stirnriemen und Fruchthängematte. Der fanatisch national-hetzende und wieder seltsam gemütliche Professor Keil aus Österreich. Schweitzer Wandervögel und Freischärler. `Anfang`, Siegfried Bernfeld aus Wien." Viele werden diesen Tag zeit ihres Lebens nicht vergessen. "Es sind nicht sehr viele. Aber sie sind die, auf die es ankommt", womit Siegfried Bernfeld (1925, 98f.) auf die herausragende Rolle der bürgerlichen Jugend in der Gesellschaft anspielt.

Robert Kämmerer-Rohrig (1893-1977): Beim Abkochen (Ausschnitt). (Primus Künstlerkarte)

Auf der Waldwiese, unterhalb der Bergkuppe tummeln sich mittlerweile 2 000 Jugendliche mit ihren Gästen. Gegen 1 Uhr mittags beginnt das Abkochen. Ihr Festmahl wird eine Linsensuppe. Andere kochen ein paar Nudeln.

Ab 3 Uhr  n a c h m i t t a g s  bot das Programm volkstümliche Tänze, Spiele und Wettkämpfe. Alles ohne Alkohol und Nikotin. Männer und Frauen aus den unterschiedlichsten Bünden bilden grössere Gruppen und diskutieren über nationale Erziehung, Pazifismus, Frauenstimmrecht, Tierschutz, vegetarische Ernährung, alternative Wohnprojekte und Rassenhygiene.

Karl Brügmann führte den Sera-Kreis an und leitete Gesang, Tanz und Spielmusik. "Sera war durch ein Dutzend Jungen in Schaube und Barett und Mädels im Kupfergewand vertreten, verstärkt durch die akademische Vereinigung in Marburg in gleicher Gewandung, so dass wir", erinnert sich Eugen Diederichs (1936, 223), "eine höchst ansehnliche farbige Schar von einheitlicher Haltung waren ...."

Alfred Kurella, Hans Paasche, Walter Hammer und Muck umringen Gusto Gräser. Von einigen belächelt, von anderen bewundert. Sie sprechen über seine Sorgen und Nöte. Gusto verweigert später - wie Paasche - den Kriegsdienst. Beide fordern den Umsturz, beiden kommen ins Irrenhaus, entgehen mit knapper Not ihrer Hinrichtung. "Während der Siebenbürger in der Revolution mit Verhaftung und Ausweisung davonkommt, erleidet Paasche ein fürchterliches Ende." (Hermann Müller) Freikorpsmitglieder erschiessen den Mitherausgeber des Vortrupps (1912) und aktiven Lebensreformer, der 1918/19 Mitglied des Arbeiter- und Soldaten-Vollzugsrates war, am 21. Mai 1920 vor den Augen seiner Kinder auf dem eigenen Grundstück beim Fischen. Kurt Tucholsky hält an seinem Grab eine bewegende Rede.

Karl Bittel (1892-1969) trifft mit Muck-Lamberty und Ernst Joel, der im Sommer 1913 den Deutschen Siedlerbund gegründet hatte, zusammen. Inspiriert von den Freiburger Wandervögeln erörterte man die Idee der halbländlichen Siedlung Jungau (Messer 1924, 21). "Wir waren Studenten aus Tübingen und hatten ein Flugblatt mitgebracht," schreibt Karl Bittel 1963, "das sich mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigte und zur Gründung von Studentengenossenschaften aufrief, die sich der Arbeiter-Konsumgenossenschaft anschließen sollten. Die Verteilung des "roten Flugblattes" wurde von der Leitung sofort verboten, so dass es illegal geschehen musste." Noch fünfzig Jahre später ist ihm im Historischen Rückblick auf den Freideutschen Jugendtag die Enttäuschung darüber anzumerken.

Anders bei Muck-Lamberty. Seine Erinnerungen an den Jugendtag sind ungebrochen. Am 14. November 1918 ruft er aus Bramwalde an der Weser (nahe Hannoversch Münden) den Freideutschen zu:

"Kommt auf den Hohen Meissner wieder".

"Nur in Deutschland herrschen Klassen- und harter Parteienkampf. Wir wollen uns zur Volksgemeinschaft wandeln, wirbt er.

"Noch einmal müssen wir uns treffen," bittet er im Januar 1919 in

Verjüngung
des politischen Lebens,

"anders als 1913 auf dem Meissner; klarer, fester und sicherer." Wir müssen uns als Tatmenschen zeigen, als eine junge deutsche Gemeinschaft, die Lebenskraft in sich hat, die aus sich schafft, die Opfer bringen kann. "Lasst uns bald treffen, nicht auf kleinen Tagungen,

wieder auf dem Meissner,

und gründen wir den Bund der Freideutschen oder wie wir es nennen wollen."

Das Vorhaben zerschlägt sich. Er nimmt einen neuen Anlauf, worüber noch in Verbindung mit der Tagung der Freideutschen Jugendtagung im April 1919 in Jena zu sprechen sein wird.

 

 

Überblick zum
Ablauf


Freitag, den 10. Oktober

Treffen im großen Saal auf der Burg Hanstein. Aussprache über die Bestrebungen der freideutschen Jugend.

 

Sonnabend, den 11. Oktober

Wandern von Burg Hanstein zum Hohen Meissner.

13.00 Uhr Beginn des Abkochens. Eintreffen der verschiedenen Gruppen von den umliegenden Bahnstationen.

15 Uhr Spiele und Volkstänze.

Spiel und Tanz.

Gottfried Traub spricht über die Zeit vor hundert Jahren und die heutigen Aufgaben der Jugend.

Feuerede von
Knud Ahlborn

In den Abendstunden Feuer auf freier Höhe. Weihelieder.

 

Sonntag, den 12. Oktober

Rede von Gustav Wyneken

Schlussrede von
Ferdinand Avenarius

 

Nachmittags begannen die Vorträge. Die Hauptredner Knud Ahlborn, Gottfried Traub, Gustav Wyneken und Ferdinand Avenarius bildeten ein wunderliches Quartett (Franz Walter 2013).

Martin Luserke (1880-1968), Mitarbeiter und Nachfolger von Wyneken in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, der ihm später "die ganze Schuld an dem Zerwürfnis" zuweist, pochte auf die Autonomie der Jugend und schaffte damit nach oft geäusserter Meinung einen guten Auftakt.

Der im Juli 1913 zum Vorsitzenden des österreichischen Wandervogels gewählte Mittelschul-Professor Ernst Keil sprach nach der Preisverleihung für die Sieger kleiner sportlicher Wettkämpfe, über die bedrohte Lage der Deutschen im verbündeten Donaureich und die segensreiche Tätigkeit ihrer Schutzvereine. "Er wandte sich …. unter grossen Beifall gegen die unmännlichen Friedensbestrebungen unter den Deutschen, die von Feinden umringt seien, und gab der Hoffnung Ausdruck, dass bei der zu erwartenden blutigen Auseinandersetzung des Deutschtums mit seinen Gegnern Deutsche und Österreicher Schulter an Schulter kämpfen." Damit wurde, stellt das Deutsche Mährerblatt drei Tage später fest, "eine Note angeschlagen, die zwar nicht im Sinne der Festveranstalter lag, bei einer Erinnerungsfeier an die Zeit der Befreiungskriege, aber nicht fehlen durfte." (Grazer Tagblatt, 20. Oktober 1913)

"Nachdem noch einige Redner gesprochen hatten", erläutert Gustav Mittelstrass (1919,12,13) den weiteren Ablauf, "tauchte plötzlich die Einigungsformel auf, deren einstimmige und freudige Annahme die Verhandlungen beendete." Sie lautet:

Die Freideutsche Jugend will
aus eigener Bestimmung,
vor eigener Verantwortung,
mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten.
Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.

Damit legten sie sich, wie Friedrich Avenrius kurz darauf im Kunstwart (München) kommentiert, auf keine Bewegung fest, sie erkannte nur eins an: "die unbedingte Wahrhaftigkeit als die Form jeden Strebens". Knud Ahlborn, Gründer der Deutschen Akademischen Freischar Göttingen und in den zwanziger Jahren Ko-Herausgeber der Zeitschrift Junge Menschen, betrachtet es als Vorteil, dass die Meissner-Formel sich auf kein Parteiprogramm festlegte. Trotzdem erachtete sie Fritz Borinski (1977, 15) die Jugend wichtiger als das Leipziger Parteiprogramm der Deutschen Demokratischen Partei von 1919.

Der Kampf um die Wahrhaftigkeit, Echtheit, die Veredlung der Geselligkeit, wie sie bereits als Forderung im zweiten Aufruf zum Treffen erhoben, und den aufflammenden Jugendgeist gegen den Doktrinismus der Alten zu wenden, das war die Sache der Meissner. Sie trägt die Neue Schar im Sommer 1920 durch Franken und Thüringen.

Immer wieder kreisen die Gedanken der Festredner um die nationale Frage, mal als Vaterlandsliebe verkleidet, dann im Bekenntnis zum Deutschtum verpackt oder im Ruf nach der einigenden Staatsidee. "Was 1813 gross gemacht hat, das ist der sittliche Wille. Es war das Schwert," erklärte zum Sonnenuntergang Gottfried Traub (1869-1955), "das Kant und Schiller dem deutschen Volk reichten …" War es das wirklich? Oder war es Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre (1798) von Johann Gottlieb Fichte, der dem Staat den Dienst am Menschen zu seiner freien Entwicklung auferlegte. Bei Traub wandelt sich das von Fichte begründete unveräusserliche Recht auf Staatsumwälzung in eine Staatsapotheose. Er konstruiert eine prästabilierte Harmonie zwischen der politischen Identität des heranwachsenden Jugendlichen und dem als Einigendes über der Vaterlandsliebe stehenden Staates. Diese ".... zum persönlichen Eigentum zu gestalten, wofür unsere besten Kräfte verwertet müssen, dünkt" dem Politiker "die schönste Lösung". Selbst "wenn uns das Vaterland nicht gefällt", gehört ihm dennoch unsere Zuneigung. Lasst uns die "romantische Vaterlandsliebe" vertiefen, fordert Traub. Man "muss sich opfern können, und die Felder von 1813 rufen es uns zu,

dass das Leben nicht der höchsten Güter ist;

gerade das Leben wegzuwerfen um des Ganzen willen steht höher." Durch Opfer zur Freiheit wird nach dem Weltkrieg zu einer beliebten selbstreflexiven Abstraktion der vaterländischen Verbände. Nur dazu bestieg die Jugend 1913 nicht den Basaltberg bei Kassel. Sie wollten doch ihr Leben in eigener Verantwortung gestalten.

Bürgerliche und proletarische Jugend unterscheiden sich in der Haltung zum Kassenkampf, der historischen Mission der Arbeiterklasse und besonders in der Frage des Vaterlandes. Auf dem Ersten Schweizer Jugendtag Pfingsten 1915 trugen, was viel Beachtung fand, die Demonstranten die Losung vornan: "Wir Arbeiter haben kein Vaterland zu verteidigen!" (Münzenberg 1930, 179)

Was Gottfried Traub an Vaterlandskitsch und Systemrührigkeit auf dem Hohen Meissner bot, war kaum besser als die hohlen Worte und leeren Phrasen, die der Vorwärts (SPD) am 18. Oktober 1913 bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig hörte. Trotz des Œuvre eines Anti-Meissners und seinr republikfeindlichen Haltung während des Kapp-Putsches, die Karl Brammer bereits 1922 (43) in Verfassungsgrundlagen und Hochverrat erhellte, scheute man mit dem Festredner von 1913 lange Zeit das politische Gespräch. Franz Walter gehört zu den wenigen Meissner-Disputanten, die Gottfried Traub kritisch betrachten. 2013 skizziert er im Aufsatz Jugendbewegung auf dem Berg (44), dessen politische Ambitionen bis hin zum Übertritt in das "scharf deutschnationale Lager" von Alfred Hugenberg. Und das ist noch immer nicht die ganze Fuhre. Auf dem Parteitag der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) am 19. und 20. September 1931 in Stettin, kämpft er "gegen die Vermanschung unsers Volkes". "Volkstum und Rasse" führen den DNVP-Frontmann den Katarakt des militanten Nationalismus. Die sich ausbreitende Rechenhaftigkeit, "möglichst ein gutes Konto zu erringen", welche dem "Geist spätjüdischer Religion" entspringt, setzt er den "Kampf um das sittliche Recht des Krieges" entgegen. Jedenfalls ist über die Amplituden 1913 - 1920 - 1931 die ideologiebildende Funktion seines nationaldeutsch-romantischen Vaterlandsbegriffs, völkischen Nationalismus und Willensidealismus darstellbar. (Siehe auch Henrichs 2011)

Und doch gelang es Gottfried Traub die Versammlung mitzureissen, als er mit Helmut Harringa ausrief:

"Rüstet euch, Krieger zu werden,
Krieger im Reiche des Lichts!
"

Hermann Poperts gleichnamigen Roman (1917, 95) war bei der Jugend ungemein beliebt, schien ihr doch die Zukunft wieder sicher, wenn sich nur bewahrheitet, was hier zu lesen war:

"Und Helmut Herringa sprach zu Paul Bolquardsen, .... man sagt, wir beherrschen das alles da unten. Wasser und Eisen, und Kohle und Dampf. Mir will oft scheinen, das alles herrscht über uns und unser Leben. Aber der Tag mag kommen, wo wir die Herren sind. Wenn wir die Führer finden. Die Führer, die uns die Wege zeigen zu den Quellen der Kraft, der die Natur sich willig beugt."

Um das ideologische Skelett von Helmut Harringa baut sich die Vortrupp-Bewegung (Leipzig). Die sich hier zusammenfanden, glaubten daran, was Hermann Popert am 3. Juni 1914 in Leipzig zur Eröffnung der Vortrupp-Tagung erklärte, nämlich, das

der Wille zehnmal mehr wert ist, als Wissen.

Hier keimt der politisch verhängnisvolle Willensidealismus, der sich - wenn es sein muss - gegen Tatsachen richtet und später in der NSDAP, Hitlerjugend und Napola Einzug hält.

A b e n d s  wurden Fackeln ausgegeben. Dann zogen sie mit Gesang zum etwa zwei Kilometer entfernten Holzstoss. Knud Ahlborn (1919, 31) übernahm die Feuerrede. Er ruft die "ungeheure Gefahren, die uns im Inneren drohen" ins Bewusstsein. "Es brennt in diesem Hause", zitiert er die Rede von Hans Paasche vom Vortag und vollendet: "Wahrlich, er hat recht. Tausende und Hunderttausende Mitmenschen und nicht nur sie, auch viele Hunderttausende Ungeborener fallen täglich dem Feuer zum Opfer. Entseelte Arbeit macht die meisten unserer Brüder und Schwestern zu Werkzeugen und hetzt sie bis zur Austilgung der letzten Selbstbestimmung. Entseelter und entseelender Genuss kommt hinzu ...."

Weit leuchtete das Feuer ins Land hinein und verkündete "aus innerer Glut wachse der Mut". Hell erschien ihnen die Zukunft, schildert 1982 (64) Elly Bommersheim die Stimmung, um dann anzufügen: "Wie viele dieser begeisterten Jünglinge fielen schon im nächsten Jahr vor Langemarck!"

 

Hoher Meissner, Ostblick von der Kalbe, 750 Meter über dem Meeresspiegel. Aufnahme: 2007. Autor: Dirk Schmidt (siehe Bildnachweis).

Über den vom Nebel eingehüllten Bergwipfel zog ein eisig kalter Oktoberwipfel. Ein leichter Regen machte das Lagern unmöglich. und doch kamen am  S o n n t a g mehr Menschen als Tags zuvor. Ein Journalist sah, wie sein Blatt am Tag darauf mitteilt, "über fünftausend Personen". Zum Abschluss brachte der Sera-Kreis in einem Grosszelt Goethes das Schauspiel Iphigenie auf Tauris zur Aufführung. Wie die älteste Tochter Agamemnos stand die freideutsche Jugend zwischen den vom Staat auferlegten Pflichten und dem Streben nach Autonomie. Bei Gesprächen, Gesang und Tanz klang das Fest aus.

Vorher sprachen noch Gustav Wyneken und Ferdinand Avenarius.

In den Augen vieler Freideutschen war Gustav Wyneken (1875-1964), erhob Heinz S. Rosenbusch (1973, 41), durch seinen Reformwillen, die Propagierung der Jugendkultur und Jugendzeitschrift Der Anfang zur Belastung geworden. Eine Belastung, weil er die fortschrittliche Kraft war? Wie auch immer, jedenfalls bewahrheitete sich seine Einschätzung zur Rassenideologie und aufkommenden Kriegsgefahr. Seine Kritik am repetitiven Lernen und der Verbetrieblichung der Schule floss ein in die Schulreformen nach 1918. Als einer der wenigen erkannte der Reformpädagoge die gefährliche und für Deutschland so unheilvolle Rolle des Nationalismus. Trotzdem war er für viele, was 1917 Alfred Kurella (49) auseinandersetzt, "der unleidliche Krakeeler, das abgestempelte Gespenst, ein Zerrbild aus Unkenntnis und Missverstehen. Und das darf nicht bleiben, wenn die Jugendbewegung nicht masslose Schuld auf sich laden will." Viele misstrauten ihm politisch und ermittelten wegen Vaterlandsverrat, wie die Fahndungsergebnisse des Vorarlberger Volksblatts aus Bregenz, veröffentlicht am 3. April 1914, dokumentieren:

"Die Wynekschen Organisationen
sind Zuchtanstalten für Revolutionäre,
nichts anderes."

Wegen Revolutionsverdacht verbot die Wiener Polizeidirektion den Auftritt des Reformpädagogen vor dem hiesigen Monistenbund. Mit Doktor Popert und Kapitänleutnant Paasche stand er ebenfalls auf Kriegsfuss, was nicht verwundert, wenn man nur liesst, was der Der Anfang 1913 (194) in der Nachbetrachtung zum Meissner-Treffen beurkundet, nämlich, dass gerade sie am schärfsten und am "agitatorischsten von ihrer Idee der Rassenhygiene" sprachen. So betrachtet sind die gut 400 Sympathisanten und Neugierigen, die seine Rede hören wollen, schon ziemlich viele. Er fragt:

"Aber ist wirklich die Einheit, nicht des Landes, sondern des Volkes schon errungen? Geht nicht durch unser Volk ein tiefer Querriss, und ist wirklich die Freiheit des deutschen Volks schon zur vollen Wirklichkeit geworden?"

".... lasst mich vom Vaterlande reden
und von der Vaterlandsliebe, wie ich sie verstehe".

"Freunde, ich kann nicht lügen. In eurem Kreise kann ich gewiss nicht lügen. Und es ist mir auch unmöglich, im Zeitraum weniger Minuten einmal demjenigen zuzujubeln, der ruft: Die Waffen hoch, und der euch zum Waffengange mit einem Nachbarvolk anspornen will, und dann gleich darauf zu singen: Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt. Wenn ich die leuchtenden Täler unseres Vaterlandes hier zu unseren Füßen ausgebreitet sehe, so kann ich nicht anders als wünschen:

Möge nie der Tag erscheinen,
wo des Krieges Horden sie durchtoben."

Als ganz und gar nicht glücklich, kritisiert am 20. Oktober 1913 das Grazer Tagblatt, Organ der Deutschen Volkspartei, die Rede Wynekens, denn er "konnte es sich nicht versagen, in seinem Schlussworte gegen die Ausführungen Prof. Keils zu polemisieren und seinem Abscheu vor dem Kriege Ausdruck zu geben". Die Zeitung begrüsste, wie übrigens die Mehrzahl der Teilnehmer, dass nicht Gustav Wyneken als Festleiter, sondern

Ferdinand Avenarius (1856-1923),

Leiter des Dürerbundes und Herausgeber der im Bildungsbürgertum viel gelesenen Zeitschrift Kunstwart, die Abschlussrede hielt. Der liebenswürdige und von schalkhaften Humor durchwehte, wie ihn Zeitgenossen beschrieben, warf die Frage auf: Könnten unsere "bombenfeste Überzeugungen" nicht wacklig werden? Der "unerschrockene Vorkämpfer für Wahrhaftigkeit", wie ihn Gustav Wyneken nennt, bedauert, dass die sozialistische Arbeiterjugend, Pfadfinder und Deutschlandbünde nicht teilnehmen wollten.

 

 

Ihr habt die Alten nicht besiegt  zurück

Reichlich zwei Monate nach dem Treffen äussert sich Gustav Wyneken höchst unzufrieden Zum Freideutschen Jugendtag (109): "Noch fehlt es der Jugend sehr an Kritik, an Festigkeit, an psychischen Reserven, noch ist ihre Begeisterung viel zu sehr eine aufgerührte Oberfläche, noch folgt die Jugend viel zu leicht einem jeden, der ihr in der Uniform einer geltenden Phrase oder eines approbierten Ideals sein Kommando zuschmettert.

Noch ist die Jugend viel zu sehr ein Produkt der Schule, die nicht denken lehrt .…"

Auch der linksliberale Professor für Philosophie und Pädagogik Paul Natorp aus Marburg übte Kritik. Bisher liess sich nach seiner Auffassung der Wandervogel kaum vom Klassen-, Parteien- oder Konfessionshass anstecken. Mit Sorge sah er nun, dass auf dem Meissner der verworrene Begriff der Rassenhygiene in die Jugendorganisationen drängte. Das trifft sich mit dem, was Der Anfang (1913, 194) beobachtetet: Doktor Popert und Kapitänleutnant Paasche, traten am schärfsten hervor und sprachen am "agitatorischsten von ihrer Idee der Rassenhygiene." Der Autor von Helmut Harringa erwartete, was sie glücklicherweise nicht tat, "dass sich die Freideutsche Jugend in dem Willen zur Rassenhygiene einigen werde".

Paul Natorp (1920, 17f.) ist bestürzt darüber, dass der Wortführer des österreichischen Wandervogels Professor Ernst Keil den "grundsätzlichen Ausschluss der Juden fast als selbstverständliche Sache" ansieht. Die persönlichen Konsequenzen und politischen Folgen deutet er am 6. Dezember 1913 im Vortrag vor der Comenius-Gesellschaft im Künstlerhaus von Berlin an:

"An dem Tage, wo die Freideutsche Jugend den Ausschluss der Juden zum Beschluss erhöbe, würde ich die Hoffnungen begraben, die ich auf sie gesetzt habe. Denn ein Tropfen dieses Geistes genügt, was von reinem Bestreben bisher in ihr lebendig ist, zu verfälschen und zu verderben."

Einige Meissner klopften nationalistische Phrasen, was in der Verschmelzung der Persönlichkeit mit dem Staat endete und dem Vorsatz zuwiderlief, dass Leben nach eigener Bestimmung, in eigener Verantwortung zu führen. Wyneken (1913/1919, 108/109) erkannte die ungeheuren Gefahren, die hiervon für die Kultur des politischen Denkens ausgingen und warnt:

"Jener Nationalismus, der die Frage nach der Wahrheit, der Gerechtigkeit und dem Guten überall da glaubt ausschalten zu dürfen, wo das Interesse des eigenen Volkes in Frage kommt, ist der gefährlichste aller heute herrschenden Masseninstinkte."

Natürlich hemmte der Nationalismus die politische Emanzipation der Jugend, zumal jener nicht viel mehr zu bieten vermochte, als die "Weltstellung des Deutschtums" (Fritz Bley), den Kampf um das Deutschtum und die Anbetung eines über den sozialen Klassen stehenden Patriotismus im Dienste des Krieges.

 

Dass die Freideutschen mit der Arbeiterjugend quer lagen, war nun angesichts ihres Fernbleibens vom Meissner-Treffen offensichtlich. Die einen erkannten nicht, wie Harald Schultz-Hencke (1963) es seinerzeit wahrnahm, klar die Tragweite ihrer materiellen Gebundenheit, während die anderen an bestimmten Theorien der Erlösung aus ihrer Abhängigkeit als Lohnarbeiter festhielten. Allein die Sechs-Tage-Arbeitswoche und der Zehn-Stunden-Tag setzten den Aktivitäten der jungen Lohn-, Gelegenheits- und Wanderarbeiter enge Grenzen. Da blieb oft verdammt wenig Zeit für politische und soziale Aktivitäten. Arbeiterkinder gingen zur Volksschule, unterrichtet von Volksschulehrern. Nur etwa acht Prozent von ihnen besuchten das Gymnasium, nur zwei Prozent studierten. Sie heirateten wesentlich jünger als es in der bürgerlichen Jugend üblich war und lebten allgemein in deutlich schlechteren, nicht selten in erbärmlichen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Interessierte die Freideutschen überhaupt, was Franz Walter (2013, 36) effektvoll mit stottern der Sozialisationsmotoren umschrieb, also die gesellschaftlichen Ursachen für Armut, Depression, wirtschaftliche Krisen und Arbeitslosigkeit?

Knud Ahlborn skandalisierte in seiner Rede die Folgen der entseelten Produktionsarbeit. Aber, sagt er: "Noch arbeiten sie an sich selbst und müssen sich zurückhalten, um erst die volle Kraft zu erreichen, damit sie handeln können, ohne zu verpfuschen." Mit anderen Worten: Der Tag der Solidarität ist erstmal verschoben. Bis dahin sitzt die bürgerliche Stadtjugend, um eine Sentenz aus der Rede von Helmut Gollwitzer vom Meissner-Tag 1963 (55) aufzugreifen, des Nachts weiter ohne die Arbeiterjugend am Lagerfeuer. Auch nicht schlimm? Oder war es vielleicht doch eine Ursache für die begrenzte politische Reichweite der bürgerlichen Jugendbewegung?

Otto Höger (1881-1918): Wandervögel, 1916. Postkarte. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig Nr. 244. Original: Hamburg Kunsthalle. Öl auf Leinwand, 177 mal 265 Zentimeter.

Ihre unterschiedlichen Wirtschafts- und Einkommensverhältnisse formten ihre Mentalität, Gemütsart und Lebensstil. War den Bürgerlichen überhaupt klar, dass ihre Anti-Alkohol-Bewegung einen schweren Anschlag auf die Lebenskultur der Arbeiterjugend bedeutete? Egal ob Kneipe, Ausschank oder Bierkeller, für viele Handwerksgesellen, Manufaktur-, Schwerst- oder Schichtarbeiter war sie erstmal für die Geselligkeit, den Austausch von Erfahrungen, der kulturellen und physischen Selbstreproduktion unverzichtbar. Und es war öfter ein Betäubungsmittel, um die sozialen oder familiären Verhältnisse zu ertragen. Zugleich gab es zumindest in Teilen Arbeiterjugend bereits eine selbstkritische Haltung und Bewegung gegen den kulturlosen Genuss von Alkohol. 1914 erschien das Flugblatt Die Jugend und das Trinken mit etwa 73 000 Abnehmern (AJ, 1.8.1914).

 

Ausgerechnet der sympathische und eigenwillige Bruno Lemke (1919, 16), Schüler von Paul Natorp, wies die Vertreter der Jugendorganisationen auf dem Hanstein ein:

"Politik wird nicht von Knaben und Jünglingen gemacht. Das wollen wir getrost den Berufenen überlassen. .... Wir wollen nicht unbescheiden sein. .... Wir wollen nur tun, was unsere Pflicht ist:

wir wollen hoffen und vertrauen."

Und das, dass war eben viel zu wenig. Überraschend kam es nicht. Denn die Freideutschen verstanden sich lange Zeit, was in der Debatte zum Meissner-Fest nicht verlorengehen sollte, überwiegend unpolitisch. 1917 wies Arthur Rothe in der Zeitschrift Freideutsche Jugend darauf hin, dass es unter den Älteren Bestrebungen gab vom Jugendgemeindeleben zur Politik überzugehen.

Als dann der völkische Wirrwarr (Bittel 1963) nach 1918 vollends über die Freideutschen kam, standen die Unpolitischen dem ziemlich hilflos gegenüber. Es scheint dies ein wichtiger Gesichtspunkt und methodischer Zugang, um die Kippkräfte der Freideutschen gegenüber der Hitler-Bewegung, die alle, von Knud Ahlborn (1963) über Helmut Gollwitzer (1963) bis Karl Bittel (1963) und Volker Weiss (2013) so schmerzlich erinnern, noch genauer zu verorten.

Ein Moment des tragischen Geschehens bestand darin, dass die Meissner-Formel die Determination und Formung der Persönlichkeit durch den Staat nicht abbilden konnte. Arnold Bergsträsser (1896-1964) erkannte den Mangel, "ihre Unklarheit über jede Ordnung inneren und äusseren Lebens", und setzte dem ein pädagogisches Verständnis entgegen, dass nicht zufällig an Wilhelm von Humboldts "Idee zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" erinnerte (Behrmann 2003, 119f.). Definitiv blieb die Formel im historischen Vergleich weit hinter dem zurück, was in das theoretische Fundament der Arbeiterbewegung als Lehre vom bürgerlichen Staat bereits eingegossen und Hegel 1833 im Paragraf 268 der Grundlinien des Philosophie des Rechts enthüllte: "Die politische Gesinnung, der Patriotismus überhaupt, als die in Wahrheit stehende Gewißheit (...) und das zur Gewohnheit gewordene Wollen ist nur Resultat der im Staate bestehenden Institutionen ...."

 

In der Nachbetrachtung zum Meissner-Fest verkündet die legendäre Schülerzeitschrift Der Anfang (1913, 161):

"Jetzt duldet es keinen Zweifel mehr:
es gibt eine deutsche Jugendbewegung."

Das löste bei vielen Politikern Ängste aus, die Ende Januar 1914 der Abgeordnete und Sprecher des Zentrums Doktor Sebastian Schlittenbauer (1874-1936) in der Generaldebatte des bayerischen Landtages wie folgt artikuliert:

"Die Ziele dieser freideutschen Jugendkultur sind Kampf gegen das Elternhaus, gegen die Schule, gegen die positive Religion und gegen den Patriotismus." (DFJ 4)

Darauf reagierte der Hauptausschuss der Freideutschen Jugend in Person von Knud Ahlborn (Deutsche Akademische Freischar), Doktor Fritz Lade (Bund Deutscher Wanderer) und Christian Schneehagen (Deutsche Akademische Freischar). Empört rufen sie aus:

"Die Freideutsche Jugend ist angegriffen. Das Bayerische Zentrum hat uns im Landtag verleumdet."

Aus Protest berufen sie zum

9. Februar 1914 eine Aufklärungsversammlung

in die Tonhalle nach München ein. Die anwesenden Vertreter der Jugendverbände und -gruppen erklären ihre Solidarität mit den Freideutschen. Obwohl Bruno Lemke und Gustav Wyneken gegen den in Staat und Schule herrschenden unfruchtbaren Patriotismus anrannten, versichert Alfred Weber (1914, 16/17) in seiner Rede devot:

"Kein Mensch in der Jugendbewegung denkt daran, eine innerlich begründete Autorität anzutasten, weder die Eltern noch die des Staates, noch die der Schule."

 

Ein Leben aus eigener Bestimmung und vor eigener Verantwortung bleibt leeres Gerede, solange Gesetze keine klare Grenze zwischen Bürger und Staat ziehen. Die Meissner-Formel vernachlässigt, was 1853 (10) John Stuart Mill als eine notwendige Bedingung der persönlichen Freiheit erkannte: "Schutz gegen die Tyrannei der Behörde ist daher nicht genug, es braucht auch Schutz gegen die Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens, gegen die Tendenz der Gesellschaft, durch andere Mittel als zivile Strafen ihre eigenen Ideen und Praktiken als Lebensregeln denen aufzuerlegen, die eine abweichende Meinung haben, die Entwicklung in Fesseln zu schlagen, wenn möglich die Bildung jeder Individualität ...."

Viele Meissner waren weniger von John Stuart Mill als von Hegels Staat als sittliche Idee, speziell von § 257 und § 258 der Grundlinien des Philosophie des Rechts affiziert. Hier fliessen die Pflichten zur Erhaltung des Staates unmittelbar aus der "Wirklichkeit der sittlichen Idee" und des "für sich Vernünftige(n)". Aber die Einsicht in die Notwendigkeit, wendet 1913 Ferdinand Avenarius dagegen ein, lässt keinen Raum für die Freiheit als "Fähigkeit und Recht, nach der eigenen Überzeugung zu leben".

 

Meissner-Fahrer Karl Bittel, Jahrgang 1892, inzwischen emeritierter Professor für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, zieht 1963 (366) im Aufsatz

Historischer Rückblick auf den
Freideutschen Jugendtag vor 50 Jahren

in Zweifel, ob das Treffen überhaupt Impulse und Ideen zur Verhinderung der Hitler-Herrschaft vermittelt hat. Nicht zu leugnen ist, dass einige Nazis freideutscher Herkunft die Verbrechen mitgemacht. Trotzdem fordert die These vom Null-Ergebnis Widerspruch heraus. Eine Quelle des deutschen Faschismus war bekanntlich der rassistische und chauvinistische Nationalismus, den Gustav Wyneken in seiner Rede auf dem Meissner einer scharfen Kritik unterzieht und eindringlich vor den schweren Folgen warnt. Schwer zu sagen, warum Karl Bittel dies ausklammert und darauf besteht, dass der Meissner-Tag "eine Kette von Missverständnissen und Enttäuschungen" war. Für ihn wiegt schwer, wie es im Historischen Rückblick (1963) heisst, dass die soziale Gärung und der harte Klassenkampf angesichts der akuten Kriegsgefahr nicht im Mittelpunkt der Beratungen standen. Freilich sollte hier der Einwand gelten, dass es keine Parteiveranstaltung sein konnte. Vielmehr mussten die Organisatoren dem Anliegen einer Bürgerbewegung Rechnung tragen. Die Null-Ergebnis-These übersieht, dass dies Jugendtreffen den gesellschaftlichen Moralbildungprozess durchaus wichtige Impulse verliehen hat. War die Meissner-Formel auch unvollkommen, so trägt sie doch mit ihrer Perspektive der Selbstbestimmung, des verantwortungsvollen Handelns und dem Streben nach Wahrhaftigkeit, zutiefst weltbürgerlichen Charakter.

 

Eine totale Umwertung des Meissner-Treffens nimmt 1934 Baldur von Schirach (1907-1974) vor. Was die heutige Hitler-Jugend in ihr sucht, suggeriert er, ist "der ernste Wille zur Form, zur Gestalt". Der Neuen Schar und anderen Gruppen der Jugendbewegung waren Form und Gestalt als Ausdrucksmittel für ihre Spontanität, Gefühle, Bestrebungen und Unabhängigkeit wichtig, nicht aber als Einfallstor für die Ideologie des Staates. Schirach substituiert die eigene Verantwortung und das Streben nach innerer Wahrhaftigkeit der Meissern-Formel durch die Frage: Was würde der Führer tun? Gehorsamkeit als quasistaatliche Norm dominiert das verantwortliche politische Handeln. Unbarmherzig delegitimierte die nationalsozialistische Jugendpolitik den Anspruch der Freideutschen auf ein Leben in eigener Bestimmung und Verantwortung. War das Verhältnis der Meissner zum Staat, beispielsweise in der Frage der vaterländischen Gesinnung nicht völlig ausgegoren, so lehnten sie die Bevormundung durch ihn entschieden ab. An die Stelle des Strebens nach unbedingter Wahrhaftigkeit organisierte die Hitler-Jugend den Führerkult und, was Gustav Wyneken mit prophetischer Gabe voraussah, dass jede Wahrheit übertönende nationalistische Getöse. An die Stelle der freundschaftlichen Verbundenheit mit allen (Ferdinand Avenarius 1913) tritt Rassismus und deutsche Überheblichkeit. Gröber als Baldur von Schirach konnte man die fortschrittliche Jugendbewegung, die Ambitionen der Meissner und der Neuen Schar nicht entstellen. Für die Geschichtsschreibung des Dritten Reichs war die Jugendbewegung lediglich das Gesundungsfieber einer kranken Zeit (Volker Weiß 2013).

 

Auf dem Meissner-Tag 1963 charakterisierte Knud Ahlborn das Vorkriegstreffen als ein Protest gegen die Rückwärtsbegeisterung, das Schwertgerassel und die übliche Trunkenheit auf Erinnerungsfeiern. Helmut Gollwitzer lenkte als Festredner die Aufmerksamkeit darauf, dass das Jugendleben dann im Massengrab stattfand, zweimal hintereinander, mit Hinopferung bester Auslese deutscher Jugend. "Die Generation des Meißners hatte viel bewegt," hebt 2013 Volker Weiß hervor, "aber nicht wenige drifteten später, ohne einen Selbstwiderspruch zu verspüren, ins Lager des Nationalsozialismus hinüber." (Siehe 12)

Warum und wie kam es zur opportunistischen Wende? Muss man das noch Fragen? Reicht es nicht darauf hinzuweisen, was Knud Ahlborn (1888-1977) der Jugend 1913 in seiner Rede am brennenden Holzstoss ans Herz legte:

"Die grösste Tat die wir alle für das Vaterland tun können, ist und bleibt, selbst möglichst tüchtig zu werden, ganzer Mann und ganze Frau, wie Pfarrer Traub so trefflich sagt, wahrhaftig und getreu gegen uns selbst und gegen unsere Mitmenschen."

Aufstieg, Erfolg und Vermögen - als Ziel und Endpunkt bürgerlicher Lebensgestaltung. Und das war`s dann. Ist das der "heroische Lebenslauf", den Gustav Wyneken auf dem Hohen Meissner der aufstrebenden Jugend antrug?

Beschränkte sich die Meissner-Formel zu stark auf die innere Freiheit und Moralnormen, ohne nach den sozialökonomischen Voraussetzungen dafür zu fragen? Standen die Meissner-Fahrer dem Fortgang der Geschichte ohnmächtig gegenüber? Wer kämpfte im aufkommenden Nationalismus für die Werte der Meissner-Formel?

Und ".... wo sind die oft besungenen Ideale, die Prinzipien, die reine Luft von den Waldbergen, das neue Leben? Diese jungen Leute sind Telegraphensekretäre geworden oder Zahnärzte, Schreiber auf irgendeinem Amt oder Volksschullehrer - Werkmeister oder Ingenieure … Und wo, wo in aller Welt ist die Wirkung des bewegten Rummels, die Wirkung, also das Einzige, worauf es schließlich ankommt? Ich sehe sie nicht.“ "Ich sehe nur Folgendes", wettert Kurt Tucholsky 1926 (967 f.): "Außerhalb eines zu nichts verpflichtenden Kunstbetriebes, der dem "Jungen" neben der Reklame pekuniären Erfolg bringen kann, schlüpft eine ganze Generation, problematisch maßlos überfüttert, in die Apparatur und das feste Gefüge einer bestehenden Welt und wird dort anstandslos verdaut. Man assimiliert sich. Die Torheiten der Jugend sind dahin, die Ideale halbvergessen, nur hier und da summt noch ein altes Wanderlied durch den Kopf .... "der Ernst des Lebens" hat gesiegt. Er hat über eine Jugend gesiegt, die Alles gewollt und so wenig erreicht hat. Über eine Jugend, die eine Welt stürmen wollte, was löblich, und die nicht die Atmosphäre auch nur eines Landratsbureaus hat ändern können, was weniger löblich ist.

Wo seid Ihr, vom Hohen Meißner?

Verrauscht die schönen Reden, gedruckt und gelesen die schönen Zeitschriftenartikel, zerplatzt die Diskussionen ... Und nun? Nun, haben euch die Alten unterbekommen, sie waren stärker als Ihr,

Ihr habt sie nicht besiegt."

 

Bei Verleger Erich Matthes in Leipzig  nach oben

Ankündigung der Bugra von Mai bis Oktober 1914 in Leipzig

Von Lüdenscheid reiste Muck (wahrscheinlich) nach Leipzig. Die Stadt steht im Zeichen der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik (Bugra). Dreizehn Länder präsentieren vom 6. Mai bis 8. Oktober 1914 auf einer Fläche von 320 000 Quadratmeter ihre Exponate. Das Ausstellungsgelände gliedert sich in die Abteilungen Freie Grafik, Angewandte Grafik, Papiererzeugung, Reproduktionstechnik, Schriftschneiderei, Stereotypie, Galvano Plastik und Druckverfahren. Angegliedert sind Sonderausstellungen zu Themen wie "Schule und Buchgewerbe", "Die Frau im Buchgewerbe", "Der Student" "Deutsche Geisteskultur" oder "Deutschtum im Ausland". Zur Ausstellung gehört ein Vergnügungspark mit 80 000 Quadratmeter Grösse. - Die Bugra stellt übrigens den Höhepunkt im Wirken von Eugen Diederichs und seines Verlages dar (vgl. Viehöfer 100).

In der Stadt des Buches waren viele Druckereien, Zeitungen und Verlage tätig. Sie boten oft Saisonarbeitsplätze und Aushilfstätigkeiten an. Vielleicht hoffte Muck, hier wenigstens vorübergehend eine Arbeit zu finden. Vor dem ersten Weltkrieg war die sächsische Großstadt ein Mittelpunkt der Neulandsucher.

Hier wirkte Erich Matthes (1888-1970), einer der bekanntesten Verlegerpersönlichkeiten und Wortführer des bewussten Deutschtums. Bei ihm fand Muck Unterkunft. Matthes war (wahrscheinlich) Mitglied des Greifenbundes, lebte etwa ein 1/2 Jahr in der Siedlungsgemeinschaft Heimland und in der Vegetarischen Obstbau-Kolonie Eden e.G.m.b.H. in Oranienburg. (Ulbricht 1996) Die Legende der Jugendbewegung war einst Mitglied bei der Germania, dem Abstinentenbund an deutschen Schulen und seit 1908 beim Wandervogel e.V. Er sammelte "Alte deutsche Volksballaden" und brachte sie 1912 bei F. Hofmeister in Leipzig als Buch heraus. Im Matthes-Verlag erschien von Mai 1913 bis 1916 die von Friedrich Wilhelm Fulda (Jena) herausgegebene Wandervogel-Führerzeitung oder Heinrich van der Smissen Hellrotes Blut. Von Pflicht und Recht des adligen Lebens. Matthes liess auf der Bugra ein Wandervogelhaus errichten, das zum Treffpunkt der Freideutschen wurde. (Vgl. Krauss)

"Muck war ja arbeitslos und bot sich an das Landheim auf der Bugra während der Ausstellung zu verwalten". Der Verleger lehnte ab, weil er ihm zu "schmierig" ankam, "man hätte ihn erstmal ordentlich anziehen müssen", teilt er 1962 Hans Wolf mit. Anschließend tauchte er "dann bei van der Smissen in Klingberg [am Pönitzsee] auf, der dort ein schönes großes Grundstück, Landwirtschaft- und Gartenbau 1913 sich eingerichtet" hatte.

 

 

Was will er beim Vortrupp?  nach oben

"Die nächsten Jahre finden wir ihn [Muck-Lamberty]", eruierte Ulrich Linse 1983 (110) in Barfüssige Propheten, "im Umkreis des Wandervogels und der von Hans Paasche und Hermann Poperts herausgegebenen Halbmonatszeitschrift Der Vortrupp."

Der Vortrupp. Halbmonatsschrift für das Deutschtum unsrer Zeit. (Quelle - siehe Bildnachweise unten.)

Im Frühjahr 1913 kam einigen Jugendbünden der Gedanke zum Meissner-Fest. Dabei entdeckten sie sich als Freideutsche Jugend. Vornan dabei die Vortrupp-Bewegung aus Leipzig. Ihr tüchtiger Geschäftsführer Franziskus Hähnel übernahm viele Aufgaben bei der Zusammenführung der Bewegung. Aber dann, auf dem ersten Vertretertag der Freideutschen am 7. März 1914 in Marburg (1914, 5), will sich der Vortrupp zusammen mit dem Bund Deutscher Volkserzieher und Dürerbund aus diesem Kreis verabschieden. Anlass waren Differenzen zur Tat-Philosophie und Erziehungsgemeinschaft, die bereits auf dem Meissner sichtbar. Hans Paasche und ich, reflektiert dies Hermann Popert (Hamburg) (1913a, 17), haben am Morgen des Hohen Meissner ernsthaft erwogen, ob es nicht das richtige sei, sämtliche Vortruppleute aufzufordern, die Tagung wegen der Verabschiedung einer unklaren und inhaltlosen Entschließung zu verlassen. In Ansehung der lebensreformerischen Gemeinsamkeiten, alle gemeinschaftlichen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend Alkohol- und Nikotinfrei durchzuführen, legen sie den Zwist bei. Aber sie streiten weiter über die Erziehungsgemeinschaft. Auf dem Vortrupp-Tag im Juni 1914 in Leipzig wollen zumindest einige ihre Zugehörigkeit zur Freideutschen Jugend demonstrativ aufgeben. Sie reiben sich heftig an Bruno Lemke (1914, 4), der den Einfluss der nationalen Erziehung zurückdrängen will und im März 1914 in Marburg viele mit dem Satz irritierte:

"Die Freideutsche Jugend hat eigentlich kein Ziel.
Sie ist in einem gewissen Sinne ziellos".

Gegen die Neutralität und Absichtslosigkeit des Erziehungsauftrages rennt der Vortrupp Sturm. Das entspricht nicht seinen Vorstellungen von Führung, die von der Masse-Elite-Theorie geprägt sind. Hermann Popert (1914) erweiterte den Begriff der politischen Führung um das voluntaristische Modul, "dass Wille zehnmal mehr wert ist, als Wissen". Die damit verbundene Verselbständigung des Ichs gegenüber den Tatsachen zeitigt historisch gesehen verheerende Auswirkungen. Der Willensidealismus (wider den Tatsachen), wie Gottfried Traub es nennt, ist ein charakteristisches Moment nationalsozialistischen Führertums.

Vortrupp und Freideutsche bewegen also in Fragen der Erziehung, Jugendarbeit und Führung recht unterschiedliche Werte.

Nun betritt Friedrich Muck-Lamberty das Minenfeld. Ihn zieht es zum Vortrupp, opponiert aber ständig, erklärt Ulrich Linse (1983, 110), "ohne das die Gründe für dieses Aufmucken ganz klar werden. Offensichtlich ist hier seine völkische Ausrichtung: Er las von Wilhelm Schwaner über Poperts Helmut Harringa bis zu Paul de Lagarde die deutsch-völkische Literatur und bekannte sich unter deren Einfluss zu einem völkischen Glauben, einer germanischen Religion, die vielleicht auch schon Rassezuchtgedanken enthielt." Wir vermerken die Andeutung zum Rassezuchtgedanken im Gedächtnis, um sie an entsprechender Stelle zu überprüfen.

 

Erster Deutscher Vortrupp-Tag
vom 3. Juni bis 6. Juni 1914 in Leipzig

Vom

3. bis 6. Juni 1914

ruft der Vortrupp-Bund zur ersten Jahresversammlung nach Leipzig. Mehrere hundert Vertreter aus ganz Deutschland reisen an, um gemeinsam zu debattieren, wie sie eine Tat-Jugend mit echter Vaterlandsliebe und echtem Pflichtgefühl heranziehen können, die gegen Untreue und Waschlappigkeit kämpft. Der Vortrupp verachtet die Stubenkultur, kritisiert die Wohnungsnot und den Alkoholismus, verficht den Grundsatz mens sana in corpore sano (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) und strebt die körperliche wie geistige Ertüchtigung der Jugend an. In der Förderung von Esperanto sah er keinen Widerspruch zu seiner Forderung der Entfaltung des Deutschtums.

Heftig lässt der Vortrupp die Peitsche der Arbeitsökonomie knallen, dirigiert das Proletenvolk nach Fleiss, Ordnung und Pünktlichkeit. Für das Politische Volkstheater übersetzt es am Ende des dritten Verhandlungstages Geschäftsführer Franziskus Hähnel (1914, 35) in die gefällige Sentenz:

"Schlechte Söhne oder bummlige Schüler
wünschen wir nicht unter uns."

Das ideologische Zentrum des Vortrupps bildet die von Hans Paasche (1881-1920) und Hermann Popert (1871-1932) herausgegebene Halbmonatszeitschrift für das Menschentum unserer Zeit Der Vortrupp. Hier erscheint Poperts Helmut Harringa, zuerst 1909 vom Deutschen Dürerbund verlegt, als Fortsetzungsroman. "Wer sich den Fusel nur durch die Lektüre schlechter Romane des Herrn Popert abgewöhnen kann," merkte Kurt Tucholsky 1926 hierzu kritisch an, "sei trotz Allem gesegnet für und für - aber eine Jugendbewegung scheint mir das nicht." Ungeachtet dessen war die Erzählung über teuflische Weiber, Alkoholismus und dunkle Mächte ein wahnsinns Verkaufserfolg. Aus der Harringa-Fan-Peergroup kristallisiert sich im September 1912 der Deutsche Vortruppbund aus, der bald 150 Gruppen und 4 000 Mitglieder zählt. Sie wollten, unterrichtete Jahre später Franziskus Hähnel (1864-1929) die Leser der Zeitschrift Junge Republik, ohne Klassen-, Massen-Rassenhass und fürs Vaterland leben. Ihre Jugend zieht 1913 zum Treffen auf den Hohen Meissner. 1914 gründet sich in Leipzig auf Initiative von Hans Paasche und Julius Dürrenbeck die Vortruppjugend.

 

Königin-Luisen-Haus
in Leipzig, Postkarte 1915. Zum Zeitpunkt der Errichtung galt es als Musterreform-Wirtshaus Deutschlands.

Zum Begrüssungsabend des Ersten Deutschen Vortrupp-Tages am 3. Juni erschienen im ansprechenden und funktionell gestalteten Königin-Luisen-Haus in Leipzig an die 200 Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands. Am nächsten Abend beginnt hier um 8 Uhr die Tagung. Zur Orientierung erklärt der Vorsitzende des Deutschen Vortrupp-Bundes Dr. jur. Hermann Popert in seinem Festvortrag, dass die Organisation dem "neu erwachten Idealismus unseres Volkes" dient. Er soll "Etwas schaffen, was oben bleibt!".

In der Plenartagung wird dann ein Telegramm von Mucks Freund Georg Peters verlesen, der vorschlägt, dass sich der Vortrupp an der Germanenbank beteiligt. Hermann Popert lehnt das im Namen des Arbeitsausschusses mit aller Entschiedenheit ab und fügt hinzu: "Es ist sehr schlimm, dass derartige Unklarheiten unter vaterländisch klingenden Namen wie Germanenbank propagiert werden."

 

Am zweiten Verhandlungstag (5. Juni) ziehen die Teilnehmer in den Kongress-Saal der Bugra um. Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Vortrupps-Bundes Hans Paasche (1914, 44-49) eröffnet die Versammlung mit dem Vortrag

Glaub an die Sache, der du dienst.

Nicht ohne etwas Stolz spricht er davon, dass Deutschland in den zurückliegenden Jahrzehnten eine beispiellose wirtschaftliche Entwicklung durchlief. Aber sie nahm auch, so der Kapitänleutnant in Ruhe, dem Kulturmenschen in der Steinwüste der Grossstadt Licht und Kraft, zerstörte die Religion und verfälschte den Geschmack. Überall wandeln frühe Todeskandidaten, unzählige Menschen mit "schlechtem Blut", verödeten Seelen, vom Mammon verführte und aufgeschwemmte Missgestalten umher. "Sie sind die Opfer, die unser Volk bringen muss für den wirtschaftlichen Aufschwung vergangener Jahrzehnte."

Das Gelände der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik (Bugra) in Leipzig 1914.
(Fotograf unbekannt.
Bildnachweis unten.)

Der Bugra-Saal fasste etwa 500 Sitzplätze. Muck erschien pünktlich. Es geht ihm nicht gut. Die Sache Eklöh in Lüdenscheid ging für ihn unerfreulich aus. Und Matthes konnte nicht helfen. Er scheint, ziemlich ausgebrannt zu sein. In Leipzig wäre jetzt Gelegenheit, ja, für was nun genau? Um mit Hans Paasche abzurechnen, mit dem er, wie noch mitzuteilen ist, quer liegt? Will er gar den Vortrupp umkrempeln? Oder plant er, wie es Geschäftsführer Franziscus Hähnel befürchtet, vielleicht einen Feldzug gegen den Vortrupp?

 

Wenn er
den angekündigten Feldzug gegen
den Vortrupp auszuführen versuchen sollte
(Franziskus Hähnel)

Allgemein ist der Vortrupp nicht gut auf Muck zu sprechen (siehe Vortrupp-Mitteilung). Eine Mutter äussert sich besorgt zu Franziskus Hähnel (1914, 27) über den "Einfluss des Lamberty auf ihren Sohn". Oder, neun Tage nach der Veranstaltung im Bugra-Saal erscheint nach verschiedener Mitteilung vom Vortrupp-Fest Hamburg die Mitteilung, dass

seine Wirkung auf die Jugend recht ungünstig ist.

Über seinen Auftritt in Leipzig steht im Protokoll geschrieben:

"Nunmehr erscheint im Sitzungssaal ein junger Mensch, der den Familienamen Lamberty führt, aber unter den Namen "Muck" umherwandert und bei Wandervogeltagungen und bei ähnlichen Gelegenheiten aufzutreten pflegt. Lamberty meldet sich zu Wort; Franziskus Hähnel, der die Versammlung leitet, hat Bedenken ihm das Wort zu erteilen, da Lamberty weder Mitglied des Deutschen Vortruppbundes ist, noch sonst mit dem Vortrupp irgendetwas zu tun hat. Herr Dr. Popert bittet aber, dem Lamberty das Wort zu geben, da sich Lamberty vor einigen Tagen gegenüber einem Mitglied der Versammlung dahin geäussert habe, er wolle nach Leipzig kommen, um ordentlich gegen Paasche loszugehen und dann einen neuen Vortrupp zu gründen; es sei ganz gut, wenn man Leute dieser Art einmal herauskommen lasse, was sie eigentlich vorzubringen hätten. Die Versammlung ist einverstanden, dass Lamberty das Wort erhält.

Lamberty (der ja erst soeben erschienen ist und von dem bisherigen Verlaufe der Wechselrede offenbar gar nichts weiss) erklärt, reden könne er nicht, was er zu sagen habe, habe er in einem Briefe an Herrn Paasche zusammengefasst, den er jetzt vorlesen wolle. Das wird ihm gestattet. Lamberty verliesst nun einen langen, gänzlich wirren Brief, der eine Reihe unverständlicher Vorwürfe gegen Hans Paasche und eine Anzahl von Lobeserhebungen für Lamberty selbst enthält.

Hans Paasche stellt darauf hin folgendes fest: Nachdem Lamberty auf dem Hohen Meissner Hans Paasche vorgestellt worden war, entlieh er von ihm 30 Mark und machte von Hans Paasches Gastfreundschaft auf dessen Gut Waldfrieden Gebrauch. Zum Danke dafür veranstaltete dann Lamberty auf Jugendtagungen (in Westdeutschland und anderswo) Treibereien gegen Paasche und gegen den Vortrupp. Hans Paasche stellt weiter fest, dass Lamberty in einer Gebrauchsmusterschutz-Angelegenheit eine Rolle gespielt hat, die Herrn Paasche sehr missfallen hat. Hans Paasche legt weiter einen Brief vor, aus dem hervorgeht, dass Lamberty versucht hat, bei Hans Paasche Treibereien gegen Hermann Popert zu veranstalten.

Herr Dr. Humbert aus Siegen weist darauf hin, wie verhängnisvoll das Auftreten des Lamberty im Wandervogel E.V. auf diesen wirke.

Schliesslich erklärt der anwesende Pfarrer Bruns aus Strassburg, nach dem, was man über Lamberty gehört hat, müsse entweder Lamberty den Saal verlassen, oder die anderen Anwesenden müssten ihm deutlicher zu verstehen geben, dass sie nicht mit ihm zusammen zu sein wünschten. Die Versammlung stimmt dem zu, und Lamberty verlässt den Saal." (Hähnel 1914, 26f.)

Es kommt zum Eklat. Der Vortrupp (Leipzig) bezieht Kampfstellung. Versammlungsleiter Franziskus Hähnel (1914, 27) erteilt im Kongress-Saal der Bugra den Mitgliedern die Order:

"Wo Lamberty, genannt Muck,
den angekündigten Feldzug gegen den Vortrupp
auszuführen versuchen sollte,

empfehlen wir zur Abwehr die Bekanntgabe" des folgenden Briefs, den Herr Eklöh (Inhaber des Hauses Eklöh, deutsche Wertarbeit Lüdenscheid) am 14. Juni 1914 an Hans Paasche gerichtet hat, nachdem dieser ihm das Verhalten des Lamberty auf den Vortrupptage dargelegt hat."

Das wird er nicht vergessen. Sieben Jahre später schreibt er im Zwiespruch an Walter Hammer (Hamburg): "Da sah ich Dich in Verbindung mit Paasche und Popert zum erstenmal als meinen Gegner."

 

Im Zwist mit den geborenen Siegern

"Und wenn wir unter die Menschen gehen, dann soll man uns ansehen, dass wir geborene Sieger sind", formuliert Hans Paasche (1914, 49) in seiner Festansprache am 4. Juni die Konvention zur Selbstdarstellung der Vortrupp-Mitglieder. Da kann Muck nicht mit. Wie ein geborener Sieger, so schaut er jetzt und hier bestimmt nicht aus. Garnisonspfarrer Wilhelm Siegmeyer, der ihn auf dem Vortrupp-Tag begegnet, lässt es sieben Jahre später im Rahmen einer Kampagne gegen Muck in der Zeitschrift Junge Menschen (Heft 7, 1921) raus: "Das strolchhafte Äußere, die konfuse Logik des Briefes an Paasche, den er vorlas, und der seine einzige Waffe bildete, das alles nahm nicht gerade für ihn ein."

Um die symbolische Macht des Kritikers, der wesentlich auf Ansehen und Applaus angewiesen, stand es schlecht. Zudem waren die Akademiker, Juristen und Geistlichen mit kulturellen Kapital deutlich besser ausgestattet als der Aussteiger. Trotzdem versucht er sich kritisch einzubringen. Allein es gelingt ihm nicht, etwa zur Debatte um die Definition der Erziehungsgemeinschaft oder zum Selbstverständnis des Vortrupps einzugreifen. Er erlebt, vielleicht auch mit etwas Bitternis, was Gustav Wyneken in Was ist Jugendkultur? (1913) beschrieb, dass die herrschende Klasse im Besitz der Kultur ist und ein grosser Teil der Jugend nicht am geistigen Leben teilnehmen kann.

Zum Ersten Deutschen Vortrupp-Tag in Leipzig versprüht die Avantgarde des gebildeten Bürgertums (Franz Walter 2013, 36) ihren Geist. Akademiker, Frau Doktor Stegmann (Dresden), Doktor Walter Groothoff (Hamburg), Doktor Reinhard Strecker (Bad Nauheim), Doktor Goldstein (Darmstadt), Pfarrer Paul Bruns (Straßburg), oder Rechtsanwälte, zum Beispiel Staedek aus Darmstadt. "Oberlehrerhaft", kritisiert Gustav Wyneken (1913, 12), "ist der geistige Unterbau des Wandervogels". Der Vortrupp ist hier ganz anderer Ansicht, wie Hermann Popert am 5. Juni in seiner Eröffnungsrede durchblicken lässt:

"Aber wir verwerfen mit aller Entschiedenheit die geradezu blödsinnige Hetze gegen den Oberlehrer, die heute in manchen Kreisen Mode ist."

Im Wandervogel nahmen die Lehrer öfter eine privilegierte Stellung ein. Beim Vortrupp scheint dies in einem noch viel stärkeren Masse der Fall zu sein. Muck will das nicht verstehen. Ebenso die Organisation des Vortrupps, der ein "zusammenfassendes Organ" der Reformbewegung (Popert 1914) anstrebt. Ihn stösst die zentralistische Gestaltung der Jugendbewegung ab.

Im Sinne von Gustav Wyneken Was ist Jugendkultur? (1913, 12) vertritt er die Überzeugung, dass die Jugend "ihre äußeren Lebensformen selbst zu finden" vermag. Dazu nimmt der Vortrupp eine skeptische bis ablehnende Haltung ein, weil er an die ubiquitäre Kraft der Jugendbewegung, die "oft nur entsprungen aus bodenhafter Unkenntnis der Kraft der entgegenstehenden Mächte", nicht glaubt. In Erziehungsfragen verhält er sich konservativ. "Schon an sich sind Schüler, die die Welt reformieren wollen," sagt ihr Vorsitzender Hermann Popert (1914, 18), "etwas Fürchterliches."

Als Leitmotiv wählte der I. Deutsche Vortrupp-Tag Auf Fichtes Bahnen. Nicht vom Elan der Jugendbewegung schwärmt der Vortrupp, umso mehr "vom festen Gesetz und festen Befehl". Die große Erfindung des Philosophen, dass tätige, gestaltende Subjekt verkümmert in seiner politischen Vorstellungswelt zu "Gehorsam und Pflicht gegen eine grosse Sache" (Popert 1914, 57+62). So löst der Vortrupp das Problem des kollektiven Handelns zum Preis der Entindividualisierung der Jugendbewegung. Damit kann sich Muck nicht anfreunden.

Zum Ausklang des Vortrupp-Tags laden am 7. Juni die Organisatoren in das Universitätsholz ein. Obwohl bereits viele Teilnehmer abgereist, erscheinen immerhin 400 bis 500 Personen. Bei herrlichsten Sonnenschein entfaltet sich ab Mittag unter den Buchen und Eichen eine ansprechende Geselligkeit. Natürlich immer ohne Alkohol und Tabaksduft. Ganz "ungeniert" nimmt Muck an den Volkstänzen teil. Man will ihn wegweisen, denn Schwarmgeister wie er, sollen im Vortrupp kein Erntefeld finden (Hähnel). Hans Paasche verhinderte es. Vielleicht eingedenk alter Zeiten, damals, als ihr Verhältnis noch freundschaftlicher Natur war? Sie kannten sich näher. Im Brief an Walter Hammer vom August 1921 schreibt Muck: "Ich habe ihn auf seiner Besitzung im Osten kennengelernt und mich gewundert, dass ein Lebensreformer einige Tausend Morgen Land nur für die Jagd benutzt und uns Jungen damals für die `Jungau-Siedlung` keinen Morgen abtreten wollte."

 

"Helgoland - ein Kapitel für sich!"  nach oben

Der Krieg bricht los. Am 10. Oktober 1914 meldet sich Muck "mit einer Schar Vegetarier als Freiwilliger bei der Marine und wurde der Matrosenartillerie auf Helgoland zugeteilt". Junge Menschen, herausgegeben von Doktor Knud Ahlborn und Walter Hammer, berichtet darüber 1921/22 im Rahmen der Anti-Muck Kampagne. Zunächst wirft ihm das Blatt der deutschen Jugend Spitzeleien vor. Darauf erwidert Muck 1921 im April-Heft:

"Mein Sein entscheidet und nicht das Gerede. Durch mich ist ein junger Mensch von der Strafe von 2 Jahren Gefängnis freigekommen, ein Jude wegen Falschspiel verurteilt worden zu 8 Tagen und ich selber bin wegen Anklage gegen das Offizierskorps 14 Tage in den Kasten geflogen. Alles andere ist Mache."

Damit nicht genug. Wilhelm Siegmeyer, während des Krieges Marinegarnisonspfarrer auf Helgoland, packt 1921 in Junge Menschen aus: "Unter den Wandervögeln Helgolands hat Muck nun von Anfang an sprengend und verwirrend gewirkt .... " Es gab zwei Parteien, die eine für und die andere gegen Muck. Die Gegenpartei vergrössert sich allerdings und die Zahl seiner Freunde nahm ab. "Was man ihm vorwarf, waren geschlechtliche Verfehlungen der gröbsten Art. So sollte er die Braut eines auf der Insel befindlichen Wandervogels verführt haben .... Dem Exbräutigam hat er dann gedroht, er werde ihn über die Klippen ins Meer werfen." "Gegen Schluss des Krieges hat dann Muck", fährt die Erzählung fort, "noch auf Helgoland seine Kameraden angegeben, weil sie sich über verschiedene Missstände und auch wohl über Politik unterhalten hatten. Eine Unteroffiziersstube wurde eines Abends wegen Hochverrats verhaftet. Aber man konnte doch Niemandem etwas nachweisen; die Leute hatten sich beim Abendessen, wie das ihr gutes Recht war, über alles Mögliche unterhalten. Die Folge war, dass man nun gegen Muck vorging und er erhielt 14 Tage strengen Arrest, die Wandervögel verboten ihm das Nest ...." Er war, urteilt Wilhelm Siegmeyer, "kein Führer" und eine "unwahre" Persönlichkeit.

Muck als Soldat der Marineartillerie

(Quellenangabe unten)

Muck war kein Spitzel! Überzeugend verteidigt er sich am 5. August 1921 im offenen Brief an Walter Hammer:

"Als auf dem Ludwigstein [zur Pfingsttagung 1921] der Dr. Schroeder von Hamburg, ehemaliger Gerichtsrat von Helgoland, sagte, dass es unwahr sei, dass ich als Spitzel auf Helgoland gelebt habe, weil er die Akten führte, hat [Walter] Hammer davon keine Notiz genommen, weil es ihm sehr unangenehm ist, die Wahrheit zu verbreiten."

1921 schreibt Muck an Admiral Scheer (Weimar) und erklärt, wie er auf seine Kriegsdienstzeit zurückblickt: "Ich bin meiner Lebensweise treu geblieben, und habe auch bei der Marine keine der üblen Sitten mitgemacht, sondern das einfachste Leben geführt, nichts unnötig ausgegeben und nie meinen Leib durch Tabak und Alkohol geschwächt, damit ich immer bereit wäre, die letzten Anforderungen zu erfüllen, die im Kampf an mich gestellt werden könnten." "Und als gar ein junger Matrose (17 bis 18 Jahre) wegen einer Dummheit, er schrieb an die Wand: Hoch England! Nieder mit Deutschland!, 2 Jahre Gefängnis bekommen sollte, habe ich mich für diesen ins Zeug gelegt und erreicht, dass er als dummer Junge behandelt wurde." Gertrud Prellwitz (1921, 1f) sagt, dass er das "aus gütigem Erbarmen mit einem Menschen" tat.

Die Begegnung mit einzelnen Mitgliedern des Wandervogels während der Kriegszeit hinterließ bei Muck einen tiefen Eindruck. Sie brachte manche herbe Enttäuschung. Es sind Erfahrungen, die er nicht vergessen wird.

 

Völkische Woche in Witzenhausen  nach oben

"Nach dreieinhalb Jahren Wachdienst auf Helgoland, erhielt der Obermatrose Lamberty seinen ersten Urlaub. Er fuhr im Sommer 1918 zur ´Völkischen Woche` nach Witzenhausen an der Werra." Warum zieht es ihn hierher? "Muck demonstriert damit", nach Ulrich Linse (1983, 112), "dass er sich nicht zu den `menschheitlichen` Freideutschen, sondern zu den völkischen `Jungdeutschen` rechnete." Scheinbar nebensächlich, entpuppt sich dies für die Beurteilung seiner politischen Biografie als durchaus wichtig. Ich kann das so nicht nachvollziehen.

In Witzenhausen installierte sich 1898 eine Tropenschule, die später als Deutsche Kolonialschule weitergeführt wurde. Für jedermann sichtbar bekundet sie den Glauben an Deutschlands kolonialer Zukunft. Laut Kolonial-Propaganda reproduziert die hohe Bevölkerungsdichte und schnelle Industrialisierung das Bedürfnis nach Landnahme und globaler Neuverteilung der Rohstoffe stets von Neuem. Diese politischen Glaubensbekenntnisse sind vermittelt über populäre Vorstellungen auf der "Völkischen Woche" gewiss irgendwie präsent. Aber in welcher Form und wie genau, konnte aufgrund des Mangels an Dokumenten und anderen Zeugnissen nicht erhoben werden.

Bestimmt kam Muck gern in das Städtchen. Nur zwanzig Kilometer entfernt, grüsst ihn der Hohe Meissner mit guten Erinnerungen.

In Witzenhausen trafen sich Pfadfinder, Turner, Volkserzieher, Arbeiterjugend, Wanderscharen, Studenten und Wandervögel. Der Urlauber soll sich, setzt Wilhelm Siegmeyer 1921 in Umlauf, sehr bedenklich betragen haben. Während der Sommertagung des Jungdeutschen Bundes 1919 in Lauenstein war dem Marinegarnisonspfarrer "von mehreren sehr zuverlässigen Seiten gesagt" worden, dass Muck an "mehrere Mädchen herangetreten", "um sie zu bewegen, dass sie sich ihm hingäben, er hatte vom Schicksal den Auftrag

mit einem blonden Mädel
den deutschen Kristus zu zeugen".

Der Muck. Er hat sich wieder einmal nicht ordentlich betragen. So war er eben, damals schon! Halt, bevor sich ein dicker, schwerer, grauer Mantel an Gerüchten über seine Vita legt, fragen wir doch Eugenie Schwarzwald (1872-1940), was sie darüber denkt. Nach dem Krieg beobachtete die Sozialreformerin und Pädagogin unter der Jugend eine Selbstmordepidemie. Manchmal war eine unglückliche Liebe die Ursache. Obendrein greifen Kriegsfolgen, Hunger, Krankheit und Hoffnungslosigkeit nach dem Leben der Jugendlichen. Vergnügungssucht, Eskapaden und Alkoholmissbrauch taten ein Übriges. "Es ist schier zuviel," plädiert sie, "was die Jugend zu ertragen hat. Und man ist nicht geneigt, überhaupt etwas zu ertragen, solange einem das Blut rasch und heiss durch die Adern fliesst." - Und so gelangte ich zu dem Schluss, Mucks Flucht in die Arme eines blonden Mädchens war das Gescheiteste, was er tun konnte.

Auf dem Fest fand ein Wettlauf statt, woran er sich beteiligt und dabei verletzt. Er kommt in das Lazarett von Hannoversch Münden. Bereits auf dem Weg der Genesung, hilft er hier ab Ende Oktober1918 im "Ausschuss zur Beschaffung guter Büchereien für die Reserve-Lazarette zu Hannoversch-Münden" mit. "Er fand auch Kontakte zur Tochter des dortigen kommandierenden Generals, Irmgard von Gayl, und hatte ein Gespräch mit deren Vater über die Möglichkeit einer kommenden Revolution." Muck "....riet diesem, damit die Mannschaften in ihrem Leid wieder Vertrauen in die Offiziere bekämen, mit einem jungen Offizier und einer Gruppe von Soldaten im Lazarett Volkslieder singen zu lassen." Ein bezeichnender Einfall, hängt Ulrich Linse (1983, 112f.) an.

 

Süddeutscher Jugendtag  nach oben

Muck nahm vom 10. bis 12. August 1918 in Tübingen am Süddeutschen Jugendtag teil. Im Programm kündigten Harald Schultze-Henke (Karlsruhe), August Halm (Esslingen), Karl Bittel (Karlsruhe) und Else Stroh (Heilbronn) ihre Vorträge an.

In der Stadt am Neckar traf er Alfred Kurella (1895-1975). Zuletzt begegneten sie sich 1913 auf dem Hohen Meissner. Kurella war ein begeisterter Anhänger Gustav Wynekens und in der Münchner Jugendbewegung aktiv, wo er Zusammen mit Fritz Klatt ein Freideutsches Wohnheim gründete. Als Herausgeber des Bonner Liederblatts (1912 /1917), des Wandervogel-Lautenbuches (1913) und Autor des Aufsatzes Die Geschlechterfrage der Jugend (1920), genoss er in der frühen Jugendbewegung eine beachtliche Publizität. Seine These von der freien Liebe schlug hohe Wellen. Von 1924 bis 1926 leitete er in Bobigny die Parteihochschule der französischen Kommunisten. Nach Jahren in Moskau und Berlin übernimmt er 1932 die Chefredaktion von Le Monde. Von März 1934 bis Februar 1935 nennt ihn Georgi Dimitrow in Moskau seinen persönlichen Sekretär. Darauf folgt die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Moskauer Zentralbibliothek. Im Krieg verpflichtet ihn die Politische Hauptverwaltung der Roten Armee. Erst 1955, worüber viel spekuliert wird, kehrt Alfred Kurella aus dem sowjetischen Exil nach Ostdeutschland zurück. "Alfred," soll Walter Ulbricht zu ihm gesagt haben, "ich glaube, dass du zeitlebens ein Wandervogel geblieben bist." (Koerber/Kurella 2013) Als Leiter der Kulturkommission des Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gestaltete er von 1957 bis 1963 den Bitterfelder Weg mit. (Vgl. Gillen 2012) Trugen vielleicht so naturalistisch angehauchte Organisationsformen wie Greif zur Kamera Kumpel! und Zirkel schreibender Arbeiter (Brigitte Reimann, Siegfried Pietschmann .... Hoyerswerda), noch einen Hauch der frühen Wandervogel-Jugendbewegung in sich?

Vier Wochen nach dem Süddeutschen Jugendtag veröffentlicht die Zeitschrift Freideutsche Jugend (338f.) von Alfred Kurella folgenden Brief:

"Heil Muck!
Dies Treffen [in Tübingen] war schön. Eine große Freude für mich. Es lebe das Pachantentum, das schweifende Leben! Lustig, daß auch du wie ich mit diesem Klatsch, Verleumdungen, Lügen umgeben bist. Was gehen die uns an: die Feigen, die selbst nie bis zum Letzten zu denken, geschweige denn es Tat werden zu lassen wagen, die sich aber giften, wenn andere es tun; die Halben, denen wir einmal die Wahrheit gesagt haben und die uns nun nachkläffen; die Lüsternen, die gern von Revolutionen, Bomben und Gefängnis tuscheln, und die Dummen, die jedes alberne Geschwätz für bare Münze nehmen und in verbesserter Auflage weitergeben. Wir suchen die Ganzen, Aufrechten, Mutigen, Gescheiten: die Menschen. Denen gehört die Zukunft, die noch die Kraft in sich tragen, die vom Blick, vom Wort, von der Gestalt ausgeht und die die Glut einer großen Liebe spüren. Auf frohe Kämpfe in der Zukunft, auch gegeneinander. Heil dir!

Alfred Kurella"

 

Im Hauptquartier des Generalstabes  zurück

Der Krieg geht dem Ende zu. Aus Hannoversch-Münden schreibt Muck am 3. Dezember 1918 an Leutnant Harmsen in Hirschberg (Schlesien): "Dass ich 5 Tage im Grossen Hauptquartier mit der Heeresleitung und mit dem dortigen Soldatenrat in Fühlung stand, wirst Du wohl erfahren haben. Es waren für mich Tage der Arbeit, und konnte ich bei den besten Offizieren viel Verständnis für die jungen deutschen Bewegungen finden."

Über Irmgard von Gayl fand er den Weg in das Hauptquartier des Generalstabes auf Schloss Wilhelmshöhe - Kassel. Vom 17. bis 23. November führte er hier einige Gespräche. Vor seiner Demobilisierung gab es noch "Ein scharfes Hin und Her" mit Admiral Reinhard Scheer (1863-1928) "über die Offiziere bei der Marine" (Linse 1983, 113f.). So glücklich der Admiral auf dem Flottenflaggschiff Friedrich der Grosse am 31. Mai 1916 in der Skagerrak-Schlacht über die Engländer triumphierte, so folgenreich sollte sich sein Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 zur Entscheidungsschlacht mit der Grand Fleet im Ärmelkanal auswirken. Den Matrosen es für einen Todeskampf kurz vor Ende Krieges jedes Motiv abhandengekommen. Es habe sich gezeigt, so Ulrich Linse (1983, 113), "dass der erste Diener der Flotte nicht wusste, wie es um den letzten Diener stand." Bei den Matrosen löste der Flottenbefehl Bestürzung und erste Meutereien aus. War die Skagerrak-Schlacht der "Hammerschlag gegen den Nimbus der englischen Weltherrschaft" (Kaiser Wilhelm), so gab Scheers Flottenbefehl das Trompetensignal zum Matrosen-Aufstand. Muck "versuchte ihm klar zu machen," gibt Gertrud Prellwitz (1921, 2) seine Rede dazu wieder, "dass eine Revolution kommen musste, weil bei der unpsychologischen Art, wie die Matrosen behandelt wurden, ihre Seele in Verzweiflung geraten musste ....."

"Ebenso enttäuscht ist Muck aber von der Gegenseite, von der mangelnden praktischen Solidarität der Revolutionäre im Soldatenrat Grosses Hauptquartier. Auch eine spätere Begegnung mit Philipp Scheidemann, dem Fraktionsführer der Mehrheitssozialisten, endet mit der resignierenden Feststellung, dessen lebloses Gesicht habe ihn deutlich gemacht, dass bei solchen Parteimenschen (...) unsere Volksgemeinschaft nie werden könne." (Linse 1983, 113f.)

 

Wo ist er zu Hause?

Muck kehrte körperlich unversehrt aus dem Krieg heim. Ja, aber wohin eigentlich? Wo war er zu Hause? Aus Bramwalde an der Weser erhält die Redaktion der Freideutschen Jugend von ihm das Manuskript Verjüngung des politischen Lebens und entschliesst sich, es im ersten Januarheft 1919 zu veröffentlichen. Vom 11. bis 19. April 1919 nimmt der junge lebendige Prediger, wie er sich selbst versteht, an der Führertagung der Freideutschen Jugend in Jena teil. Im Sommer `19 arbeitet er als Landhelfer bei Erich Martin auf dem Heidehof in Glühsingen (Kreis Lüneburg). Man sieht ihn hier seine Fiedel zusammenleimen .... Was hat er vor? Treiben ihn noch immer die Ideen des Hohen Meissner um? Auf dem Coburger Wandervogelbundestag vom 2. bis 3. August schwenkt er demonstrativ die blaue Fahne. Wieder ist er dabei, wenn die Jungdeutschen vom 9. bis 12. August auf Burg Lauenstein über die politische Rolle des Deutsch- und Volkstums, die Abtretung deutscher Gebiete und die Nationen-Frage beraten. Am 28. August feiert die Deutsche Jugendgemeinschaft in Potsdam ihren 1. Jugendtag. Ihm zur Ehre hält Professor Gustav Roethe in der Aula des Gymnasiums eine Festrede. Doch nicht lange, da interveniert von der Fensterballustrade lautstark ein kritischer Geist namens Muck-Lamberty. Bald trifft Muck in Hartenstein ein, wo er ab September 1919 als Packer in der Verlagsbuchhandlung bei Erich Matthes (1888-1970) arbeitet. Pfingsten 1920 zieht es ihn zum Wandervogel nach Kronach, um seine alten Freunde und Bekannten wiederzusehen. Wenige Tage später bricht die Neue Schar von hier nach Franken und Thüringen auf.

 

Stürzet das Morsche und Gottlose  zurück

Noch im Revolutionsjahr erscheinen von Friedrich Muck-Lamberty zwei Aufsätze. Am 14. November 1918 der Aufruf An die Freideutschen! zur Schaffung eines Bundes der Freideutschen und 15 Tage später An die Lebendigen im Adel (LA). Im Januar 1919 druckt die Freideutsche Jugend Verjüngung des politischen Lebens (VL). Einen Monat darauf folgt der Aufsatz Den jungen lebendigen Predigern (JP).

Viele Revolutionäre erachteten die Gedanken des Jugendbewegten zur Verjüngung des politischen Lebens als nicht wichtig. Zumindest einer war anderer Ansicht, Alfred Kurella. Er unterstützte Mucks Veröffentlichung in der Freideutschen Jugend. Denn seine Texte aggregieren nicht nur auffallend viele Alltagserfahrungen der Revolution, sie formulieren ebenso Kritik an deren Verlauf und Ergebnissen. So aufgenommen, wirken Mucks Texte von 1918/19 durchdacht, gedanklich gut geführt, exploriert aus Sicht der Jugend und mit den Alltagserfahrungen der Bürger verbunden. Eine schöpferische und aufmüpfige Sprache hält den Verstand des Lesers wach, zum Beispiel:

"Lasset den Kram dahinfahren, Gott ist überall, auch auf der Gasse, rufet die Gerechtigkeit wieder auf den Thron, verdammet den Wucherer, die Wucherei in der eigenen Brust, auch den Schleichhandel der alten Herren. Verdammet die Gemeinheit, die Hurerei, das Saufen, Handeln, die Zinswirtschaft." (JP)

Deutschland stürzte nach dem Krieg in eine tiefe Krise. "Die Massen, die Geistlosen wurden geführt", kritisiert: Muck, "und verführt und kamen dadurch in seelische Not. Die Herren waren oft schlimmer denn die "Knechte". "Es schwand", heisst es in Den jungen lebendigen Predigern, "das Vertrauen." Über das Volk kam die Verzweiflung, befundet An die Lebendigen im Adel (1918), aber es ist konservativ, schwerfällig, geduldig, "dass nicht Fechten will bis die Not es dazu treibt."

Heftige soziale und politische Bewegungen erschüttern das Land. Muck sucht Orientierung, er will den Aufbruch, er will mitgestalten. An die Freideutschen! richtet er im November 1918 die Worte:

"Auch wir sind ein neues Deutschland;
es kommt darauf an, dass wir uns bald zusammenfinden, - unsere Forderungen stellen, - den Suchenden unseren Weg zeigen ...."

"Jetzt wird die Welt gerichtet. Niemand kann daran vorbei, auch die Kasten nicht."

"Stürzet das Morsche und Gottlose." (JP)

Im Brief an Leutnant Harmsen vom 5. November 1918 prophezeit er: "Es werden, wenn es sehr schlimm kommt, die Massen sich austoben":

"... dann müssen wir Deutschbewussten vorschnellen."

In An die Lebendigen im Adel (LA), publiziert am 29. November 1918, fordert Muck:

"Haltet ein mit den starren Formen -

schaffet Menschen mit Blut und Geist." "Haltet ein mit den ungesunden Lebensgewohnheiten. Eine körperliche und geistige Wiedergeburt ist die erste Aufgabe. Haltet ein mit den Philosophien der Inder. Schaffet im Glauben zur Heimat den deutschen Heilbringenden, das Gesetz, die Sitte." (LA) Offenbar verschiebt er den Mittelpunkt der Revolution in die Sphäre der gesellschaftlichen Moral und des individuellen Verhaltens. Der Schwerpunkt liegt dann nicht mehr auf der politischen Umgestaltung, sondern auf der Revolution der Seele und im Kampf der Jungnaturen gegen die Alten.

Die Überwindung der starren Formen und des Regimes der Alten fällt Den jungen lebendigen Predigern zu. Denn "Die zuschauenden Altingsnaturen und die Bürgerlichen," heisst es im Aufruf An die Freideutschen! (1918), ".... haben kein Heimatschwingen, haben kein junges Klingen mehr im Blute. Sie sind von den Ereignissen überrascht worden; fast scheints, als ob sie den Kopf verloren haben. Sie waren am Tage des Umsturzes nicht zu Stelle." "Vielfach auch nahmen sie die Revolution - das Jüngerwerden als eine unbequeme Erscheinung, fügen sich mit guter Miene in die neue Lage und hoffen, dass dann alles so bliebe." (VP)

Allein die jungen lebendigen Prediger "haben sich auf den Tag der Verjüngung gefreut." Ihnen gehört die Zukunft. Sie müssen sich frei machen "von den Sorgen um das Amt, von den Sorgen um Kerzen und Silberzeug für den Altar". (JP) "Empörung gegen die Ungerechtigkeit, empor zu Gott." Über das Gezänk der Parteien, der Presse, "der Juden und Geldmenschen" hinweg. "Gottesreiter" sollen die Kämpfer der Gerechtigkeit werden.

"Wir jungen Deutschen wissen," appelliert er an An die Feideutschen, "dass die Revolution eine Verjüngung bedeutet, - dass sie auf Lehrstühlen, in den Kirchen und der Gesellschaft bitter notwendig ist. .... Als eine lebensstarke Gemeinschaft werden auch wir mitbestimmen:

"Es soll das neue Deutschland aufgebaut werden."" (VP)

"Jetzt gilt es nur, das Vertrauen wieder heben, das Wesen des Menschen, das Wesen der Heimat, das Wesen des Volkstums." (JP)

Sentenzen über "Heimat", "Deutschland", "Deutschbewusstsein" oder "Volkstum" tragen keine völkische oder deutschnationale Wertorientierung im Sinne eines Hjalmar Kutzleb (siehe unten: Bei den Jungdeutschen auf dem Lauenstein) oder Georg Schiele. Andererseits ist zum Beispiel ein Satz aus Den jungen lebendigen Predigern, wie: "Gott hat es [das Volk] bitter gestraft durch den Krieg", kritikwürdig, weil er dessen Ursachen verhüllt und nicht offen legt. Allein dies erlaubt nicht, den Autor als Reaktionär abzuqualifizieren. Er war kein Gelehrter, hing nicht der Arbeiterbewegung an, stand ihr, was Wert ist anzumerken, andererseits nicht feindlich gegenüber. Muck begrüsste die mit der November-Revolution einsetzende Erneuerung der Gesellschaft. Freilich entlehnte er den politischen Wortschatz nicht bei den Kieler Matrosen oder den Sozialdemokraten. Seine Gedanken konzentrieren sich nicht auf den Klassenkampf. Sie wenden sich dem Menschen, dessen Gefühle und Lebensart zu, etwa so, wie in Den jungen lebendigen Predigern zu lesen: "Die Wellen des lebendigen Lebens fanden den Menschen in Kräften der Verordnungen, der Verbote und der Heuchelei der Gesellschaft. Die hohe Aufgaben wurden nicht geflegt als ein Drang aus sich."

 

 

Unter Kommunismusverdacht  zurück

1928 kolportiert die Nordbayerische Zeitung, "dass er sich mit Vorliebe als deutschnationaler Parteigänger aufspielte, während er in Wirklichkeit einer der ersten Kieler Meuterer war und dieserhalb während des Weltkrieges ein volles Jahr auf Helgoland interniert wurde, dass er dem Admiral Scheer bei Ausbruch der Revolution den Revolver unter die Nase gehalten hatte und alsdann als Soldatenrat ins Hauptquartier Hindenburgs gelangt war, wo er als kommunistischer Agitator die grosse Verwirrung anrichtete." Gertrud Prellwitz rückt dies bereits 1920 in

Mein Bekenntnis zu Muck-Lamberty

zurecht. Sie besteht darauf:

"Er hat .... nicht zu den Kieler Meuterern gehört, das ist ein Irrtum. - Wenn er sich, wie man in deutschnationalen Kreisen erzählt, auf Helgoland bei den Vorgesetzten für einen Matrosen einsetzte, der gerufen hatte:

Nieder mit Deutschland, es lebe England!

So geschah das aus gütigem Erbarmen mit einem Menschen, den die schreckliche Untätigkeit, zu der die Matrosen verdammt waren, in eine perverse Verrücktheit der Verzweiflung versetzt hatte!" (Prellwitz)

Gegenüber Admiral Reinhard Scheer bekennt Muck im Februar 1921: "Ich bin kein Rote-Fahnen-Revolutionär, sondern glaube an den Sieg des Geistes über die Materie."

Über dem Tausendsassa schwebt der Verdacht, ein Kommunist oder Linker zu sein. Vielleicht wegen der Beziehung zu Hans Paasche (1913), der Mitarbeit im Arbeiter- und Soldatenrat (1918) oder dem Kontakt mit Max Hölz im Erzgebirge (Linse 1983, 45)? Vom Kesselheizer der Revolution zog er sich zurück, "weil ihm die Gewalttätigkeit zuwider war" (KH 138).

"Ich war mit Max Schulze-Sölde in Remscheid 1923," teilt er sechs Jahre später den Berliner Arbeiter Henry Joseph (Berlin, Zellestrasse 11) mit, "und wir haben gesehen, daß die Kommunisten dort dreimal so viel Schokolade und Alkohol verzehrten, als die ganze kleine Kinderstube wert war, die damit eingeweiht werden sollte, wozu wir als fremde Handwerker kostenlos gegen Haferflocken und Milch die Stühlchen machten."

"Es ist ein Irrtum", interveniert Gertrud Prellwitz (1920) gegen den Kommunismus-Vorwurf, "daß Muck-Lamberty zu den Kommunisten gehört." "Er hat nie einer Partei angehört, außer einer Zeitlang der Vaterlandspartei, um sich zum deutschen Siegeswillen zu bekennen. Als sie ihm dann zu äußerlich arbeitete, trat er aus."

Auf einem Flugblatt von 1921 in Jena bekennt Muck:

"Ich bin weder Meuterer gewesen, noch ein undeutscher Geselle, auch nicht Agitator für einen Kommunismus der Strasse."

Indessen bemühte er öfter - fernab jeder Propaganda für Stalin oder Thälmann - den Kommunismus-Begriff, blieb aber auf sachlicher Distanz zur KPD und SPD. Ein Kommunisten- oder Sozialisten-Hasser, von denen es damals in Naumburg so viele gab, war er nicht.

 

 

Freideutsche Führertagung
vom 11. bis 19. April 1919 in Jena  zurück

Gegen Ende des Krieges und im Ergebnis der Novemberrevolution brechen in der Freideutschen Jugend verstärkt politische Richtungskämpfe auf. Die verschiedenen Strömungen beantworten die Fragen nach Freiheit und Selbstverantwortung nebst den Aufgaben der Nation unterschiedlich, bisweilen auch gegensätzlich. Eine Richtung bildet das April / Mai Heft 1918 der Freideutschen Jugend recht scharf ab. Frank Glatzel legte hier, worauf bereits im einleitenden Kapitel hingewiesen wurde, die Völkischen Leitsätze dar. Es kommt zum

Einbruch des Völkischen.

Die andere Tendenz wiederspiegelt der

Aufruf an die Freideutsche Jugend.

vom Januar 1919. Er verkündet: Eigennutz, Lieblosigkeit und Ausbeutung teilen das deutsche Volk. Der Sozialismus kann die Produktion und Verteilung der Güter zum Nutzen der Gemeinschaft gewährleisten. Mehr als ein Dutzend Persönlichkeiten, darunter Knud Ahlborn (*1888), Arnold Bergstraesser (*1896), Karl Bittel (*1892), Rudolf Carnap (*1890), Karl August Wittfogel (*1896), Harald Schultz-Hencke (*1892), unterzeichnen den Aufruf.

Typisch für diese Zeit ist das Spektrum der Aktivitäten von Knud Ahlborn. Um wenigstens die "Mitte" zusammenzuhalten, gründete er die Arbeitsgemeinschaft der freien deutschen Jugend, die er Anfang 1922 zum Freideutschen Bund erweiterte (Messer 1923). Im Karlsruher Kreis, kommuniziert 1963 Karl Bittel, trat er der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei, sprach für die Diktatur des Proletariats, wurde Redakteur einer linkssozialistischen Zeitung und kandidierte zum Landtag.

Linke (Karl Bittel) und Rechte (Frank Glatzel) treffen

vom 11. bis 19. April 1919 im Volkshaus zu Jena zur Führertagung der Freideutschen Jugend

aufeinander. Es sei die "eigentliche deutsche Nationalversammlung" (Messer 1923) gewesen, meinte ein Beobachter. Mittendrin wiedermal Friedrich Muck-Lamberty.

Marktplatz in Jena, etwa 1925

Verlag Walter Lüdke, Jena

Plötzlich, so nahm es Wilhelm Flitner auf der Führtertagung 1919 in Jena wahr, gab es viele marxistische Kommunisten. Ihr Losungswort war Sozialismus. Es kam zu leidenschaftlichen Diskussionen, bis hin zum "geistigen Chaos" (Flitner). Die Radikalen verliessen den Schäffersaal und tagten auf dem nahen Galgenberg.

In der Diskussion über Nihilismus, Buddhismus und Liebeskommunismus reifte, schilderte 1927 (186 f.) Else Frobenius das Geschehen, eine apokalyptische Weltuntergangsstimmung heran. Beim Lesen der Reden und Aussprachen der Jenaer Tagung 1919 (Hamburg 1919) gewann ich allmählich ein anderer Eindruck: Die Teilnehmer bringen konstruktive Vorschläge ein. Ein Redner äussert die Idee, man möge eine Jugendschule gründen. Andere streiten konstruktiv über die Geschlechterfrage. Die Nächsten strengen die Abrechnung mit den Fehlern vom August 1914 an. Wiederum andere ringen um Klarheit über die historische Aufgabe der Freideutschen Jugend. Wilhelm Flitner (1986, 258) bezeugt gute Gespräche zwischen Alexander Rüstow und Eduard Heimann. Eindrucksvoll stachen die "Erziehungspolitischen Forderungen der Jenaer Tagung" hervor, wie sie Heinz R. Rosenbusch (80-82) eingehend analysiert und systematisiert hat. Hohe Wellen schlägt die Diskussion um die Errichtung der Volkshochschulen. Georg Engelbert Graf (1881-1952) lehnt die neue Institution ab, weil es ein ideologisches Projekt ist, das sich an den Bedürfnissen seiner Protagonisten, nicht aber an den Lernenden ausrichtet. Als Beispiel nennt er die Berliner Freie Hochschulgemeinde für Proletarier, die beabsichtigt alles zu lehren, was für Betriebsräte der Zukunft notwendig sei. Muck hält ihm entgegen: "Wir müssen nicht von vornherein passivistisch verzichten. Wir müssen auch Vernunft gebrauchen und organisieren." "Gegen den Materialisten [Georg Engelbert] Graf sage ich: Unser Volk braucht eine Bildung, die die Kluft zwischen dem einfachen Manne und dem Intellektuellen aufhebt. (Starke Bewegung)"

Ungeklärt bleibt das Verhältnis der Jugendbewegung zu den Parteien und zum Staat überhaupt. Verhängsnisvoll wirkte der Beschluss, die bewährte Organisation der Bewegung aufzugeben. Eine kleine linke Gruppe spaltet sich als "Entschiedene Jugend" ab und findet, wie 1975 (65) Kurt Haufschild sagt, den Weg zum Proletariat.

Zwei gute Bekannte von Muck, Karl Bittel und Alfred Kurella, profilieren sich als Jugendpolitiker. Bittel schwenkt in Jena auf die von Alfred Kurella verfochtene These ein, es gelte dem Bürgertum ganz abzuschwören und sich den kämpfenden Reich des Proletariats anzuschliessen (vgl. Linse 1981, 48). Die Gruppe um ihn, charakterisierte sie 1923 August Messer (Giessen), "suchte Fühlung mit dem internationalen Proletariat und verherrlichte den Bolschewismus".

Dann, am 16. April 1919 trumpft Muck in der Diskussion auf:

"Ich habe ganz einfach etwa 40 Menschen um mich gesammelt, die zusammen eine Arbeitsgemeinschaft bilden. Wir haben sie deutsche Volksgemeinschaft genannt."

Im Sommer des darauffolgenden Jahres ziehen sie als Tanz & Spiel-Company durch Franken und Thüringen. Möglicherweise deutet die zitierte Äusserung bereits auf die Gründung der Neuen Schar hin. Leider liegen hierfür keine weiteren verlässlichen Nachrichten vor. So müssen wir weiterhin das Pfingstreffen 1920 in Kronach als ihren Gründungsort ansehen. (Siehe unten: Der Zug der Neuen Schar, Kronach 17. bis 26. Mai 1920.)

 

 

Sozialismus oder Fahrt ins Blaue?  zurück

Coburg Marktplatz, etwa 1920

Vom 2. bis 3. August 1919 tagte in Coburg der Wandervogelbundestag. Den Teilnehmern zur Ehre und Freude fand am Sonnabend auf dem Marktplatz eine kleine Feier statt. Oberbürgermeister Hirschfeld und ein Vertreter des Ministerium hiessen die 3000 Wandervögel herzlich willkommen. Schuldirektor Edmund Neuendorff (*1875) aus Mühlheim an der Ruhr, seit 1913 Bundesvorsitzender des Wandervogels, bedankte sich für den Empfang. Am Sonntag früh trafen sich alle zur Predigt in der Moritzkirche mit Pfarrvikar Döbrich aus Neustadt. Um 9 Uhr begann die Beratung im Festsaal der Hofbrauhausbierhalle. "Neuendorf leitete geschickt", berichtete das Coburger Tageblatt, "und mit Klarheit das Thing und ging samt seiner Idee trotz mancher Angriffe der `Revolutionäre` als Sieger aus dem Kampf hervor. Coburg wurde kein Jena."

Als die Wahl des Bundesvorstandes begann, hielt es Willibald Hahn "für geschmackvoll, mit einer roten Fahne, die, wie er sagte, die Glut seines Herzens darstellen sollte, auf die Bühne zu klettern und möglichst auffällig neben die Bundesleitung zu stellen. Die Fahne wurde zerrissen, und Muck rief hernach unter dem Jubel der großen Mehrheit in die Menge:

Jungens, unsere Fahrt geht nicht ins Rote,
sondern wie bisher ins Blaue
."

"Mit diesen berühmt gewordenen Worten [von der Fahrt ins Blaue] .... hat Muck-Lamberty die Richtung vorgegeben - nicht nur für seine Neue Schar, auch für die Jugendbewegung überhaupt. Besser gesagt: Er hat gegen alle anstehenden Zersplitterungen nach rechts und links die Grundrichtung verteidigt, die den Wandervögeln immer schon eigen war: den Blick auf die Blaue Blume der Romantik. Über die Ambivalenz, ja Gefährlichkeit einer solchen Neigung muss nicht lange geredet werden. Wohl aber über ihr Recht und ihre potenzielle Fruchtbarkeit. Dann nämlich, wenn wir dieser Blume ihren romantischen Schleier abstreifen und sie besser und nüchterner als das benennen, wofür sie steht: für das Ideal, die Utopie, das Grenzenlose. Die Wandervögel folgten einer noch unbestimmten Sehnsucht, einer Sehnsucht ins Offene, ins Blaue hinein. Kein anderer hat diesen Gang und Sprung ins Offene so vorgelebt wie jener Mann, der für Muck-Lamberty richtungweisend war: Gusto Gräser. Und wenn Muck selbst, trotz aller Schwankungen, vor den Versuchungen der Parteipolitik bewahrt geblieben ist, dann dankt er es dem Beispiel seines Freundes." (Müller 8.2.2013)

 

Auf dem Lauenstein bei den Jungdeutschen  zurück

Burg Lauenstein

Richard Zieschank Verlag, Rudolstadt

Jungwandervogel, Völkischer Wandervogel, Burschenschaften, Hochschulring deutscher Art, Fichte-Hochschulgemeinschaft, Fichte Gesellschaft, Wanderscharen, Fahrende Gesellen, Wikinger und Wandervogel Österreich treffen sich

vom 9. bis 12. August 1919

auf der Burg Lauenstein. Frank Glatzel (*1892) hält das Hauptreferat. Seine Intentionen legte er Aufsatz Der Jungdeutsche Bund (1919) dar. Ein Orden der Jugend im Dienste des Deutschtums soll entstehen. Nun gilt es alle "zu sammeln, die den Willen haben, klar und fest am Aufbau des deutschen Volkswesens mitzuschaffen." 300 Führerpersönlichkeiten erklären: "Wir jungen Deutschen wollen aus der Kraft unseres Volkstums eigenwüchsige Menschen werden, unter Überwindung der äusseren Gegensätze eine wahrhafte Volksgemeinschaft aller Deutschen schaffen und ein deutsches Reich als Grundlage und Gestalt unseres völkischen Lebens aufbauen helfen." (Ehrenthal 1966)

"Als es hiess: hie international --- hie völkisch", also "in einer Zeit der schärfsten Spaltung der Jugendbewegung" (Glatzel), schlossen sich 1916 die Jungdeutschen unter Führung von Otger Gräff (1893-17.5.1918) zusammen. Nach seinem Tod im Mai 1918 übernahm Frank Glatzel die Führung. An die Stelle vom Blutsbekenntnis, fand Antje Harms heraus, trat jetzt das Deutschbekenntnis. Ihr Zusammenghörigkeitsgefühl gründet auf dem Erlebnis des Frontkampfes, der soldatischen Schicksalsgemeinschaft und dem Wunsch nach Überwindung der wirtschaftlichen Not. (Harms 2014, 136) Das Symbol für den Jungdeutschen Bund (JDB), der bis 1930 hielt, waren drei goldene Ringe im grünen Feld. Sein ideologisches Equipment entstammt den Pfadpfindern, der jungnationalen Bewegung und vom Wandervogel. "Vermittels Doppelmitgliedschaften, persönlicher Verbindungen und intensiver Netzwerkarbeit", rückt Antje Harms (2014, 135) ins Blickfeld, "verfügt der JDB über gute Kontakte sowohl zu jugendbewegten und studentischen Kreisen als auch zu Gruppen und Personen aus dem Umfeld des völkischen, jungkonservativen und sozialrevolutionären Nationalismus." Darunter die Fichte-Gesellschaft, der Deutsche Handlungsgehilfen-Verband und die Deutschnationale Volkspartei. Die Verflechtunng des JDB wird ebenso an Hand der Gästeliste zum Lauenstein-Treffen sichtbar: Angereist waren unter anderen das Mitglied der Preussischen Landesversammlung Karl Bernhard Ritter (*1890), Pfarrer Wilhelm Staehlin (*1883), Edmund Neuendorff (*1875), Hans Gerber (*1889), Eugeniker Hans Harmsen (*1899).

Jürgen Reulecke (2013) sieht die Jungdeutschen auf der Suche nach dem Mittelweg zur wahrhaft deutschen Volksgemeinschaft. Zumindest im Tagungsbericht zur Lauensteiner Tagung von Hjalmar Kutzleb, in den Aufsätzen von Doktor Hans Gerber Vom Frieden Tot? (1919) und Frank Glatzel Der Jungdeutsche Bund (1919) ist dies nicht erkennbar. Im Gegenteil, sie schlagen einen politischen Rechtskurs ein. Will Muck wirklich in diesem Orden der Jugend mittun? Antje Harms (2014) nennt seinen Namen in einem Atemzug mit Ernst Hunkel, Hjalmar Kutzleb und Frank Glatzel. Fotografien von Julius Gross (1892-1996) zeigen ihn gemeinsam mit Hjalmar Kutzleb (*1885), Wilhelm Stapel, Emil Engelhardt und Frank Glatzel im Innenhof der Burg. Posierlich aufgebaute Bilder geben keine Auskunft über die moralischen und politischen Differenzen.

Da ist Hjalmar Kutzleb, der 1908 durch die Gründung der Ortsgruppe des Alt-Wandervogels in Arnstadt Bedeutung erlangte (vgl. Schumacher). Im Aufsatz Vom rechten Wandervogel wirbt er, was Muck zweifellos anspricht, für das Kameradentum. Weitere Überschneidungen existieren beim Klassenkampf, Deutschtum und Volkstumspflege.

Während Muck danach trachtete die Gesellschaft durch fortschrittliche Schulreformen, die Emanzipation der Frau und das Heimatgefühl zu integrieren, kreisten die Jungdeutschen in diesen Tagen um Volkstum und Staat. Beide kritisieren das Schulsystem. Allerdings kapriziert sich Muck nicht auf "die bleichsüchtige Verstandesschule", sondern rieb sich daran, dass sie die sozialen Hierarchien der alten, überlebten Gesellschaft reproduzierte.

Die Jungdeutschen modernisieren die überlebte wilhelminische Vaterlands- und Opferidee. Unterwerfen sich aber erneut "dem Pflichtgebot und gehorchen den Führern." "Denn nur die Hingabe an das Ganze schafft aus `Individuen` Persönlichkeiten." (Kutzleb) Sukzessive löste sich damit die jungdeutsche Ankündigung von der Erziehung im neuen Geist, als höhere Einheit von Freiheit und Persönlichkeit, im Nebel völkisch-deutschnationaler Ideologie auf. Muck kannte dieses Konstrukt aus Vaterlandsliebe und Opferideologie vom Vortrupp-Schnupperkurs 1914 in Leipzig. Zumindest damals nahm er dies distanziert auf. Von dieser Art Führertum hielt er nichts.

Hinsichtlich der völkischen Ideologie der Jungdeutschen, ist hier immer noch nicht all zuviel geklärt. Es ist offen, was sie mit völkisch bezeichnen und was damit ausgesagt werden soll. Ulrich Linse zählt in Barfüßige Propheten (1983) die völkische Bewegung zu den "ersten deutschen frühfaschistischen Massenbewegungen" überhaupt. Aber längst nicht alle, die von deutsch-völkischen Ideen befallen, nehmen den Übergang zum Nationalsozialismus. Auf die feinen Unterschiede kommt es an. Schon damals existierte ein breites Spektrum völkischer Ideen. Unterschiedliche politische Richtungen nutzten sie zu Werbezwecken. Begriffe wie völkisch, Heimat, Führer- und Deutschtum oder Volksgemeinschaft vermitteln in der Sphäre der Politik qualitativ unterschiedliche Aussagen. "Völkisch", registrierte Frank Glatzel 1918, wird "von Freund und Feind wie ein Spielball hin und hergeworfen." Der Begriff tritt in verschiedenen Äquivokationen auf. Antiliberale, militant-nationalistische und antisemitische Kreise verleihen ihm eine rassistische Note. Ebenso kann er ausgedünnt, verlängert, umgestülpt und schliesslich, worauf Helmut Wangelin (1970) hinweist, einen unbedenklichen, viel einfacheren Sinn, wie etwa "am oder mit dem Volk" oder "im Volkstum verwurzelt" annehmen. Walter Hammer diktiert 1922, dass es "im wahrsten Sinne des Wortes  v ö l k i s c h e  P f l i c h t  auch der Jugend, an den Angelegenheiten des Staates herzlichen Anteil zu nehmen." (Hervorhebung im Zitat vom Autor.)

Die Deutung des Begriffs "völkisch" erweist sich als schwierig. Immerhin bieten sich zur weiteren Klärung die Völkische(n) Leitsätze an. Frank Glatzel (1892-1958) veröffentlichte sie im Frühjahr 1918 in der Freideutschen Jugend. Der Autor verdiente sich seine Sporen bei den Freideutschen und war, sagt Jacob Müller (Zürich), neben Hans Breuer und Ernst Buske einer der grossen Führerpersönlichkeiten der Jugendbewegung. Zusammen mit und gegen Karl Bernhard Ritter und Wilhelm Stählin prägte er bis etwa 1924 den Jungdeutschen Bund (JDB). Insoweit illustrieren die Leitsätze zugleich dessen Ideologie und politische Moralnormen.

Erst im Volk, so lautet das erste und wichtigste Axiom der Jungdeutschen, erreicht der Einzelne seine vollkommenste und ausgebildete Entwicklungsform. Das korrespondiert mit Adolf Hitlers Das Volk ist "die einzige Quelle unserer Kraft", wie er sein völkisches Bekenntnis in der Erfurter-Rede am 18. Juni 1933 erneuert. Allerdings ist hier nicht, wie es heute oft verkürzt aufgefasst, repetiert und dargestellt wird, das Volk an sich gemeint. Sondern es ist die Besondere und Einzigartige Gemeinschaft, bestehend aus Menschen deutscher Art, die eine klare Gesinnung auszeichnet und eine gemeinsame seelische Heimat atmen, der eine mystische Kraft zugeschrieben wird. Weil es eine gemeinsame Abstammung, Entwicklung und Geschichte hat, ist in diesem Volk ein Bewusstsein des Gefühls der Zusammengehörigkeit lebendig. In treuer Bruderschaft und Liebe überwinden ihre Mitglieder den Egoismus. Zielbewusst und machtvoll soll es von ihren besten Söhnen geführt werden. So bewehrt völkische Moral diese Volks-Gemeinschaft. Es besteht, räumen die Völkische(n) Leitsätze ein, besteht aus rassischen Mischungen. Unbenommen dessen sollen in deutschen Landen unbedingt die Arier richtungsgebend sein. Nur das auf arische Menschen aufgebaute Volkstum definieren die Jungdeutschen als Ziel der Entwicklung, womit der heftig sprudelnde Born eines nie versiegenden Antisemitismus geöffnet. Nicht der Menschheitspatriotismus schützt die Deutschen. Ad hoc beziehen die Völkischen Kampfstellung gegen die Ausländerei: Wir müssen nach Überzeugung von Frank Glatzel die deutsche Lebensart und Kultur gegenüber äusseren Einflüssen panzern. Die Losung heisst: Wir wollen das im deutschen Hause die Deutschen die Herren sind. Deshalb muss die Vorherrschaft der Fremden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gebrochen werden. Indessen soll nach Willen der Völkischen Menschen deutscher Art ausserhalb des deutschen Staates, alle erforderliche Stärkung und Hilfe zufliessen. Georg Schiele aus Naumburg verdichtet 1926 die vagabundierenden völkischen Ideen zum Konzept vom Völkischen Staat, der erfasst vom "neuen Geist des sittlichen Heroismus" und Expansionsdrang, um dem deutschen Volk Lebensraum zu schaffen, "erst drinnen - dann draussen".

Den Jungdeutschen Tag, berichtet Hjalmar Kutzleb 1921, prägte der Geist des Wandervogels und bildetete dessen seelische Voraussetzung. - Nur, sein Esprit und kollektiver Intellekt, änderte sich gerade fundamental. Hans Blüher, die geistige Potenz der Wandervogel-Bewegung (G. Ziehmer), zieht ihn 1919 mit der Schrift Deutsches Reich. Judentum und Sozialismus ein neues ideologisches Gerüst ein. Der geistig-systemimmanente Sozialismus- und Judenhass fand schnell Eingang in die Gedankenwelt der rechten Jugendkultur.

Erich Günther (Jena) entdeckt den "nordischen" Geist des Wandervogels, den er 1921 im Zwiespruch, der Zeitung für die Wanderbünde popularisiert, und fragt: "Warum stammen denn soviele Wandervogeltänze aus Schweden oder sind uns doch mit den Schweden gemeinsam? Und warum gibt es denn überhaupt die Jugendbewegung nur bei germanischen Völkern? Und habt ihr schon einmal darauf geachtet, dass im Wandervogel der blonde germanische Typ besonders häufig ist und dass, wo die Hellfarbigkeit fehlt, doch wenigstens meist die Langschädligkeit vorhanden ist?" Endlich, triumphiert der Autor, ist in der deutschen Wanderbewegung der nordisch-germanische Mensch auferstanden und sein Geist wieder erwacht. Derartige Auffassungen teilt Muck nicht. Im Übrigen war sein Verhältnis zum Wandervogel aufgrund der Helgoland-Erlebnisse gespannt.

Die Jungdeutschen entfalten ein weltpolitisch und kulturrassistisch fundiertes Selbstverständnis, um die Nation als Welt-Führungsmacht zu positionieren. Typisch hierfür die Verlautbarung von Hjalmar Kutzleb 1919 im Aufsatz "Menschheit",

"dass wir [Deutschen] durch unser ureigenstes Wesen berufen sind, der gesamten Menschheit zu dienen ....".

Auf Grund dessen müssen wir die uns eingepflanzten Kräfte und Gaben pflegen. "Dazu ist es notwendig uns frei zu machen von allem Fremden, allem Bastardgezücht, geistigem und leiblichem, das uns von aussen in unser Volkstum hineingeschwemmt und hereingemogelt ist, und das uns den Blick trübt und das Hirn benebelt."

"Guter Wille, dass das Gute geschehe, und tätiger Glaube, dass das Gute unvergänglich sei," so endet der Bericht von Hjalmar Kutzleb über die Tagung der Jungdeutschen, "das ist die Frömmigkeit, und sie einte uns auf dem Lauenstein." So ehrfürchtig der Geschichte ergeben, wie es hier erscheint, agieren die Jungdeutschen allerdings nicht. Von Anbeginn verknüpfen sie die Bewirtschaftung des Deutschtums mit territorialen Ambitionen, besonders in Richtung Osten, was ihnen eine gewisse Militanz verlieh. Sie wollen die Abtrennung der deutschen Gebiete verhindern.

Ferner will Friedrich Muck-Lamberty das Volkstum pflegen, glücklicherweise aber ohne rassentheoretische und revisionistische Ein- und Umbauten. Bei allem, was recht ist, seine Sache war es nicht, dass "gesamte deutsche Volke von Osten her im eisernen Willen zum Deutschtum zusammenzuschweissen" (Gerber). Statt Einbeziehung der Volksgenossen jenseits der Grenzen, wollte der Wanderer und Handwerker die Bürger in seiner Heimat wachrütteln.

Die alten Ideen von Staat und Volk, fühlten sie Jungdeutschen, waren durch den Krieg verschlissen und konnten in dieser Form nicht mehr als allgemeines Ziel der Menschheit dienen. An ihre Stelle setzten sie die Wirtschaftsform (Kutzleb: Menschheit). In Anbetracht der fortschreitenden Internationalisierung (Globalisierung) der kapitalistischen Wirtschaft war es eine passable Wendung und von ihrem Standpunkt aus gut gedacht. Bloss Muck, der konnte sich dafür nicht begeistern. Ausgehend vom Interesse an der Förderung Handwerks und Schaffung eines neuen Qualitäts-Marktes, reizten ihn mehr Fragen der nationalen und lokalen Wirtschaftsentwicklung. Ferner nahm er zur Kommerzialisierung des Alltags eine kritische Haltung ein.

Alles in allem fühlte sich Muck in der jungdeutschen Geistes-Welt nicht zu Hause. Ihn interessierte mehr der lebendige Deutsche.

 

 

Disput mit Professor Gustav Roethe  zurück

Muck war in politischen Fragen oft unbequem, wollte es eben genau wissen. Bemerkenswert ist seine Kontroverse mit Geheimrat Gustav Roethe (1859-1926) von der Universität Berlin. Der Chefredakteur der Deutschen Zeitung hielt zu Ehren des Jugendtages und zum Verdruss der fortschrittlichen Jugend am 28. August 1919 in der Aula des Potsdamer Gymnasiums eine einstündige Festrede. Er sang das hohe Lied der Monarchie und es auferstand der Geist von Potsdam. Die deutsche Revolution wurde, wie der Vorwärts (Berlin) berichtete, in Grund und Boden gestampft. An das Publikum ging die Frage: "Wer unter der Jugend hat zu den heutigen Männern nur ein Fünkchen vertrauen?" In diesem Ton fuhr der alldeutsche Hetzer (Vorwärts) fort. Dann, ein Zwischenfall. Ein Wandervogel kletterte auf die hohe Fensterbalustrade. Plötzlich, mitten in der Rede, gellt sein Ruf durch den weiten Raum:

"Halt, wir wollen die reine Wahrheit und keine Beschönigungen. Was wissen sie vom Versagen und von Unzulänglichkeiten? Wir sind reife Jugend und wollen …."

Laute Zwischenrufe und Proteste fluten durch den Saal. Als sie abgeebbt, beginnt zwischen dem Festredner und Muck-Lamberty, dem Zwischenrufer, eine geschliffene Diskussion. Alle Folgen mit großer Aufmerksamkeit. Schliesslich räumt Roethe ein: Der Einwurf ist berechtigt. "Und da geschah es. Die Pfadfinder auf der rechten Seite stehen mit Martin Voelckel wie ein Mann auf und gehen schweigend auf die linke Wandervogelseite hinüber, ein Zeichen grösster Sympathie für den Wandervogel." (Wolf 1971, 38)

 

 

Impulse und Vektoren   zurück

Meissner-Treffen - Wandervogel - Sera-Kreis - Monte Verità - Gusto Gräser - Lisa Tetzner - Georg Stammler

Autonomie (Martin Luserke), Jugendkultur (Gustav Wyneken), Wahrhaftigkeit (Bruno Lemke), Befreiungsdrang (Paul Natorp) und Selbsterziehung (Bruno Lemke, Ferdinand Avenarius) verkörpern die Werte des Meissner-Treffens. Sie prägten das soziale und jugendpolitische Denken von Friedrich Muck-Lamberty. Ihn zog es zum Wandervogel. Früh lernte er die Festkultur des Sera-Kreises (Eugen Diederichs, Wilhelm Flitner) kennen. Alfred Kurella ermunterte ihn im August 1918 auf dem Süddeutschen Jugendtag, seinen Weg zu gehen, und unterstützte, was seiner Reputation unbedingt dienlich war, die Veröffentlichung von An die Freideutschen! Verjüngung des politischen Lebens (1918) und Den jungen lebendigen Predigern (1919). Lisa Tetzner beeindruckte ihn mit ihrer Erzählweise und den Kinderspielen. Tiefe Zuneigung brachte er dem Lebens- und Literaturstil des Gusto Gräser entgegen. Er liebte die Verse von Georg Stammler. Enge Verbindung hielt Muck 1919/20 mit dem Kreis um den Verleger Erich Matthes, Wilhelm Thost, Friedrich Emil Krauß und A. Paul Weber in Hartenstein (Erzgebirge). Sie lehnten die "Philister und Biermensch mit seinem nur am materiellen Nutzen orientierten Denken und Handeln" ab (Schumacher / Dorsch 2003). Gefallen fand er, wissen wir aus der Rekonstruktion seiner Jugendjahre, an der Genossenschafts-Idee, die zum Beispiel sein Wanderfreund Karl Bittel vertrat.

 

Der Wandervogel

 

.... nennen wir uns doch Wandervogel

"Er ist eigentlich nur dem glücklichen Zufall zu verdanken, dass eine der jungen Wandergruppen auf dem Friedhof des damaligen Dorfes Dahlem bei Berlin die Inschrift des Grabsteins der Käthe Branco studierte und darin den Vers fand: "Wer hat Euch Wandervögeln die Wissenschaft geschenkt, dass ihr auf Land und Meeren nie falsch die Flügel lenkt ..." Wolf Meyen, einer der jungen Führer, habe daraufhin ausgerufen: "Also nennen wir uns doch Wandervogel" dabei ist es dann auch geblieben." (Walter Jantzen 1957, Seite 129)

 

Besonders zu Beginn des Zuges durch Franken und Thüringen wurde die Neue Schar öfter schlechthin als Wandervogel-Gruppe angesehen. Tatsächlich beeinflusste sie diese Bewegung stark.

"Der Wandervogel war unsere Befreiungsbewegung", eröffnet am 12. April 1919 in Jena Karl Bittel den Teilnehmern der Freideutschen Jugendtagung. Nicht nur ihn, viele seines Alters formte und prägte er. Am 4. November 1901 nahm er im Ratshauskeller von Berlin-Steglitz unter Karl Fischer als Ausschuss für Schülerfahrten reale Gestalt an. Bald kam es zu Unstimmigkeiten und nach drei Jahren wurde der Verein aufgelöst. Über weitere Neugründungen und organisatorisch-strukturelle Verästelungen gewinnt die Wandervogel-Bewegung weiter an Kraft und zahlreiche Anhänger. Noch im selben Jahr entstanden der Wandervogel, Eingetragener Verein zu Steglitz bei Berlin, kurz WV EV genannt, und um Karl Fischer herum der zweite große Zweig der Wandervogelbewegung, der Verein Alt-Wandervogel (AWV). Besonders über die Frage der Alkoholabstinenz und des Mädchen-Wanderns kam es in der Bewegung zum Streit. Am 20. Januar 1907 gründete sich in Jena unter Führung von Ferdinand Vetter der Wandervogel, deutscher Bund für Jugendwandern, aus. 1914 umfasste der Wandervogel-Bund etwa 20 000 Jugendliche und 10 000 Erwachsene. (Vgl. Schreiber 2014, 54-63)

"An vielen Lehranstalten", empört sich Hans Fallada (1893-1947), "wurde es den Schülern verboten, ein Wandervogel zu sein. Aber das half gar nichts." "Der Wandervogel breitete sich trotzdem aus, und die Verbote mussten wieder aufgehoben werden, zumal sich ihm nie etwas Schlimmes nachweisen ließ."

Besonders die Lehrer drängen auf Veranlassung vorgesetzter Behörden zur Führung der Gruppen in den Wandervogel. Über die Hälfte der Ortsgruppen leiten Oberlehrer und Lehrer. Manchmal waren es, bemerkt Hans Fallada, auch Studenten. Dagegen protestiert, womit er nicht der Erste war, Willie Jahn (1889-1973) beim Treffen auf dem Hohen Meissner (1913):

"Dazu hat die Jugend sich den Wandervogel nicht geschaffen."

Wie sind die Wandervögel froh
Stets gehts in dulce jubilo

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913..

Erstmals kam es 1913 auf dem Hohen Meissner zu einer allgemeinen und näheren Begegnung zwischen den beiden Geschlechtern, die später das äussere Bild der Bündischen Jugend so entscheidend geformt hat. (Werner Helwig 1980, 79)

Aus Unzufriedenheit und Empörung über die Alten bildete sich 1910 der Jung-Wandervogel (JWV). Er will ausserhalb der Schule die Freiheit und Selbstbestimmung seiner Mitglieder herstellen und distanziert sich von Soldatenspielereien, wie sie etwa beim Jungdeutschland-Bund (BJD) üblich sind. Der JWV erstrebt keine auserwählte Kultur, weil das, wie er meint, die Bewegung versteift und die Jungen daran hindert nachzuwachsen.

Am weitesten treibt die Kritik am Wandervogel vielleicht die Ortsgruppe Jena. "Wir wissen," antwortet sie am 2. August 1919 abschliessend auf einen Briefwechsel mit vielen gleichgesinnten Gruppen in ganz Deutschland, "daß sich im ganzen Wandervogel zwei verschiedene Welten gegenüberstehen! Hier die Bundesleitung der Alten, der Oberlehrer und zahlreicher Anhang: die Reformfröhlichen, die sich für `Pflanzenkost`, `Antirauschgiftbewegung` oder Leibchenreform und Ertüchtigung der Wanderwaden einsetzen, die `volkskundigen`, volkstanzenden, jodelnden und ewig zur Blödheit verdammten Kilometerfresser, als die Wandervereinler mit bandgeschmückter Lautenbegleitung; hier die wirklichen Wandervögel, Nachkommen der revolutionären Steglitzer, die - aufbegehrend gegen den bürgerlichen Unfug verrotteter Schulen, verspießerter Elternhäuser, verlogener Tanzkränzchen-Erotik und eingepaukter Kirchenfrömmigkeit - die mechanischen Formen hassen und neue Formen, kultureller Formen, Formen des Lebens, der Natur und Kunst in den Mittelpunkt ihres Fühlens und Denkens stellen.

Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten -
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr!

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913

Dies ist das Bild zwei grundlegend verschiedener Welten, ist das Bild des bestehenden Wandervogels … … Die Wahrheit über diese zwei Welten bricht sich Bahn!" (JW 1919)

Der Schrei nach Erneuerung (Tetzner) erreicht den Wandervogel nicht. Nach dem Krieg blieb die Masse blind und kritiklos. "Man sehe sich unsere Durchschnitts-Wandervogeljugend an," empört sich Lisa Tetzner 1922 (801). "Schon ihre Lektüre, die Bücher, die aus ihr entstehen, ruhen fast ausschliesslich auf jener belanglos süssen Schwägerei, auf Sonnenliedern und Blumendüften. In den Auslagen unserer Buchhändler überwiegt schwulstig überladene Gedankendialektik und süss betörendes Liebesgesäusel alles andere."

Im Unterschied dazu tragen die Neue Schar anspruchsvolle kulturelle Ambitionen durch Franken und Thüringen. Sie wollen es besser machen als der Wandervogel, verzichten auf die Autorität der Lehrer, vertrauen auf die Selbsterziehung, drängeln sich nicht, was Gustav Wyneken 1913 (8) an der Jugendbewegung bemängelt, in das Erwachsensein. Spiel und Erzählen waren ihn ein wichtiges Mittel zur Förderung der Kreativität. Und doch, der Wandervogel gab ihnen viele positive Impulse. Beispielsweise folgten sie der Anweisung, die 1910 Hans Breuer ausgab:

"Solange wir das Wandern der deutschen Jugend, Jugend ist zu betonen, fördern wollen, ist jeder Alkohol ein sanitärer Missgriff."

Wandern, wandern, du mein Vergnügen.
Wandern, wandern, du meine Lust ....

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913.

Der Wandervogel war eine Ausflugs- und Erlebnisgemeinschaft, konstitutiv geprägt durch die Idee vom Wandern als Element der Jugendkultur, vom Musizieren und speziellem Liedgut. Die Neue Schar pflegte diese Bräuche weiter und ging sogleich in Form und Inhalt darüber hinaus. Sie war ein kleines, aber kühnes Projekt der Jugendkultur, dass von der Revolution der Seele, dem Kampf der Jungen gegen die Alten und von der Lebensreformbewegung (Abstinenz, Vegetarismus) geleitet. Zur Völkerverständigung nahm sie eine positive Haltung ein, lehnte Soldatenspielereien ab und war dem Rassismus abhold. Mit kessen gesellschaftskritischen Ambitionen und massvollem antiautoritären Verhalten, bar allen Gehabe, eroberte sie die Herzen der reformfreudigen Jugend.

 

Sera-Kreis

Muck begegnete dem Sera-Kreis öfter. Etwa zum Wandervogel-Bundestag 1913 in Meiningen. Oder zum freideutschen Jugendtreffen am 12. Oktober 1913 auf dem Hohen Meissner. Hier brachte er zum Abschluss für alle Teilnehmer in einem Grosszelt Goethes Schauspiel Iphigenie auf Tauris dar.

Im Sera-Kreis fanden sich Studenten, Jenaer und Weimarer Mädchen um den Verleger Eugen Diederichs zusammen. Um die hundert Menschen, woran 2014 Meike G. Werner erinnert, zählten zu diesem Kreis, darunter die feministische Theoretikern Elisabeth Busse-Wilson, der Philosoph Rudolph Carnap, die Malerin Helene Czapski-Holzman, der Lebensreformer Walter Fränzel, der Soziologe Hans Freyer, die Naturwissenschaftlerin Martha Hörmann, der Jurist und marxistische Philosoph Karl Korsch und der Publizist Alexander Schwab. Unter den Mitgliedern war es Brauch, sich mit der Formel aus einem Schreittanz Sera, Sera, Sancti nostri Domine zu begrüssen, woraus ihr Name Sera hervorging. 1904 siedelte Eugen Diederichs von Leipzig nach Jena über. Schon bald zog er als Vagantenvater mit seinen Bacchanten durch das Thüringer-Land. Sie spielten auf Schlosshöfen und den Marktplätzen entlegener Thüringer Nester Stücke von Hans Sachs. Da gab es keine Zuschauer. Jeder sollte selbst tätig werden (vgl. Viehöfer 1998). Es erblühte eine neue Art von Event- und Fest-Kultur. Alles folgt dem Entschluss, durch Vergemeinschaftung des Erlebens, die Zugehörigkeit zu einer Kulturgemeinschaft herzustellen. Ab dem Sommer 1910 rückte Karl Brügmann (*1889) in den Mittelpunkt der Bewegung (Flitner 1973). Er fiel am 8. November 1914, was im Serakreis tiefe Bewegung auslöste.

Der Sera-Kreis organisierte, was viel Anklang fand, kleine Sonnenwendfeiern mit Tänzen. In diesem Jahr waren sie noch, schreibt Eugen Diederichs am 26. Juni 1909 an Ernst Borkowsky in Naumburg, viel gelungener als im vorherigen. Über allen herrschte ein ideal-harmonischer Zuammenhang und trug den Stempel der klassischen Periode Jenas. Die freie Studentenschaft führte Goethes Satyros auf. "Unsere Tänze waren so lustig und fröhlich und die Beteiligung so zahlreich, dass es eine Freude war zuzuschauen. So haben wir dann, nachdem die Alten fort waren, noch nachts bis 12 Uhr um das hinsterbende Feuer gelegen, vielleicht noch 100 Personen."

Zu diesem Anlass erschien, erfahren wir aus Wilhelm Flitners (1889-1990) Erinnerungen (1986), Diederichs in Pluderhosen, der Festtracht eines schwedischen Bauern, mit gestecktem Gürtel und weissem Mantel in roter Randstickerei. Auf dem Kopf wippte die Zipfelmütze. Die Burschen sahen aus wie halb Minnesänger und halb fahrende Scholaren. Sie trugen kurze Hosen, Sandalen und ein weißes Jägerhemd mit Schillerkragen, dazu die einfarbigen Schauben ("Mäntelchen") und in vielerlei Varianten dazugehörige Baretts. Die Mädchen in Sera-Tracht, lange Gewänder, hoch gegürtet, bunt und in heller Seide, worin die Frauenreform und der Jugendstil Anklang. Damit erregten sie in Weimar, Jena oder beim Werkbundfest in Bad Kösen einige Aufmerksamkeit. Erkennbar brachte die Kleidung ein Interesse an Geschichte und der Inszenierung des Lebensstils zum Ausdruck. (Erste Elemente von "Aufnordung", wie man es später nannte, und Pseudo-Germanentum treten in Erscheinung.) Andere, wie Karl Korsch im Brief an Walter Fränzel am 26. Juli 1910 mitteilt, konnten da nicht mehr mit: "Sie Serarei ist aus. Gestern war bei Zschapskis grosser Klimbim, den ich aber natürlich nicht mitmachen konnte ...." "In dem weltoffenen Haus der Witwe von Siegfried Czapski (1861-1907), dem engen Mitarbeiter und Nachfolger von Ernst Abbes in der Carl-Zeiss-Stiftung, am Forstweg 23 trafen sich die Serafreunde." (Korsch 1910)

Muck und Eugen Diederichs kannten einander gut. Der Jenaer Verleger verstand sich als sein väterlicher Freund und stand ihm öfters bei. "Die Kritik" von Muck "an Rationalismus und Materialismus, an Parteienwirtschaft und erstarrten Lebensformen, das Lob von Handwerk und Meistertum, Volkslied und Volkstanz, diese Mischung von Kulturkritik und religiöser Begeisterung und Lebensformen, deckte sich völlig mit den Anschauungen von Eugen Diederichs. Letztendlich ging es Muck - ebenso wie Diederichs - gar nicht so sehr um eine Lehre, sondern um die Tat." (Viehöfer 1998) Diederichs Motto "Es sind genug leere patriotische Phrasen gedroschen worden, wir brauchen Taten" (1916), traf sich mit den Ambitionen des Muck-Lamberty. Zum Leuchtenburg-Skandal (1921) nimmt der Verleger eine konstruktive Haltung ein, die er im Aufsatz Muck, die Jugend und die sexuelle Frage (April 1921) ausführlich darlegt.

Über die öffentliche Präsenz der Ideen des Sera-Kreises im Raum Rudolstadt-Jena-Weimar-Naumburg partizipierte Muck an deren Praxis der Volksspiele mit Erwachsenen und Kindern. Ihre Essentials neue Festkultur, Traditionsbewusst, Suche nach neuen Sinngehalten, Faible für Volkspoesie, Spielen auf Waldlichtungen und Marktplätzen, Singen, Lautespielen und Tanzen, finden wir bei der Neuen Schar wieder.

So phänomenal ihr Plan auch war, ein Patent darauf würde die Neue Schar nicht beanspruchen wollen. Ähnlich wie sie, dem Sera-Kreis im Bedürfnis und Methode verbunden, agierte ein Trupp junger Studentinnen und Studenten, die 1920 um Hans-Joachim Malberg (1896-1979) in mittelalterlicher Tracht fahrender Scholaren durch das erzgebirgische Land tourten: Liebe wollen sie geben, um neue Liebe zu erzeugen. Vornan ein gelb leuchtendes Sonnenfähnlein. Wo sie hinkamen, vereinten sie sich mit den Einheimischen. Überall nahm man sie überschwenglich auf. Der Bericht ihres Anführers in der Sächsischen Heimat klingt ganz ähnlich wie von der Neuen Schar: "Erst strömten die Kinder zu uns, und bald tanzten wir mit ihnen auf der grünen Wiese unsere alten Volkstänze." Dann kamen die Alten. Wir spielten mit ihnen "Toter Mann" und "Der Teufel mit dem alten Weibe" von Hans Sachs (1494-1576). Am Abend suchten sie mit den Erwachsenen irgendeinen Saal auf, um dort umrankt von Volkstanz und -liedern, Naturdichtungen zu sprechen. So gedieh der Alltag zum Festtag, in Annaberg, Wiesenbad, Schwarzenberg, Lauter, Bockau, Oberschema und Schneeberg.

 

 

Monte Verità

Wenn dann die heil`ge Stunde die Menschen das Kalte des Tages hat vergessen lassen, schreibt am 19. September 1920 das Mitglied der Neuen Schar Walter Kotschnig im Grazer Tagblatt, spricht Muck-Lamberty zu den Menschen über die Verflachung der Zeit und Systematisierung des Menschen. "Ein Schrei ist in mir", heisst es in An die Lebendigen im Adel (1918). "Rettet Euch aus den starren Formen." "Wo sind die jungen Prediger, die erkennen," fragt Muck im Februar 1919, "dass ein Volk gesunden will aus den teuflischen Tagen der Technik, der Zahlen und der Kasten ....". Diesen zivilisationskritischen Blick teilt er mit den Protagonisten vom Monte Verità. War er vielleicht auf dem Berg der Wahrheit? Möglich, antwortet Hermann Müller (2011), nur wir können es nicht wissen.

Auf der Suche nach einem alternativen Lebensstil gründeten im Herbst 1900 die Pianistin Ida Hofmann, der Industriellensohn Henri Oedenkoven, die Brüder Karl und

Arthur (Gusto) Gräser

auf dem Berg der Wahrheit (32 Meter ü. M.) am Schweizer Ufer des Lago Maggiore die Vegetabile Cooperative. Ihre schliesst sich 1913 Rudolf Laban mit der "Schule der Kunst" an. Um ihn scharen sich Katja Wullf, Suzanne Perrottet und Mary Wigmann. Die Kommune pflanzte Gemüse, genoss die Freikörperkultur, tanzte mit Rudolf Laban das schöne Leben und feierte mit Otto Gross die sexuelle Revolution. Distanziert standen die Weltverbesserer der Maxime des Rationalismus von der immer besseren Berechenbarkeit der Welt gegenüber. Sie wollten die Symbiose mit Natur und Wald, also Licht-Luft-Sonne-Leben. Ihr Grundidee hiess, begleitet von ihren Geschwistern Regellos und Expressiv, Befreiung.

Ascona (2008)

1904 lässt sich der Arzt und Anarchist Raphael Friedeberg in Ascona nieder. Zum Monte Verità finden Lotte Hellemer, Chaim Weizmann, Fürst Kropotkin, Michael Bakunin oder der Züricher Armenarzt Fritz Brupbacher. Eine Zeitlang lebte hier Käthe Kruse mit ihren zwei Kindern und ihrer Mutter.

Um dem Eigentlichen näher zu kommen (Milautzki), vielleicht auch um die Alkoholsucht abzuschütteln, verliess Hermann Hesse 1906 Frau, Familie und Haus am Bodensee und suchte die Nähe von Gusto Gräser, der vor sechs Jahren vor Ida Hoffmann, die ihn für das Projekt als ungeeignet empfand, in die Felsengrotte bei Arcégno geflüchtet war.

"Das tiefere Motiv dieser Aussteiger ist aber, wie der Name der Gründung besagt, die Suche nach der Wahrheit. Nach einer Wahrheit, die ihnen die damalige, bürgerlich, autoritär und nationalistisch geprägte Gesellschaft nicht bieten konnte. Ein Ausgangspunkt für ihren Versuch war die radikale Lebensreform des Malers Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913)." (Müller 20.8.2013)

Robert Landmann erinnert 1930 in der Geschichte eines Berges mit Fotos nicht nur an Klabund, Fanny Gräfin zu Reventlov oder Gusto Gräser. Zu sehen sind ebenso Edmund Stinnes und der Exkronprinz [1234]. Das stösst Erich Mühsam bitter auf. Er, der die "Republik der Heimatlosen, der Vertriebenen und des Lumpenproletariats" herbeisehente, weilte von 1904 bis 1909 jeden Sommer in Ascona. Für ihn war die Vegetabile Cooperatives ein Zufluchtsort vor der gesellschaftlichen Verlogenheit. Fraglos waren die Gründer des vegetarischen Wahrheitstempels von hohen und ehrlichen Idealen durchweht. "Ihre Schwäche sah ich aber gerade in dem," protestiert der Philanthrop am 21. Juli 1930 im Berliner Tageblatt, "was ihnen Landmann als stärkstes Verdienst anrechnet, in der Fähigkeit, den praktischen Anforderungen des Tages stets auf Kosten ihrer Ideale Rechnung zu tragen.

Dieser Opportunismus
ist das Schicksal des Monte Verità."

Gehen wir einen Trauerschoppen trinken, schlägt der Kämpfer für Max Hölz (1926) und die Freiheit des Schrifttums (1931) vor, um unsere Jugendliebe zu beerdigen.


Gusto Gräser (1879-1958), eigentlich Gustav Gräser, geboren am 16. Februar 1879 in Kronstadt,
inspiriert nach
dem Ersten Weltkrieg die Vagabunden-Bewegung (Gregor Gog), die deutsche Gandhi-Bewegung (Willy Ackermann), die Christ-Sozialisten mit (Max Schulze-Sölde), die Landkommune Grünhorst (Gertrud Gräser) und die Neue Schar um Friedrich Muck-Lamberty.

Bild: Sammlung Hermann Müller, Deutsches Monte Verita Archiv, Freudenstein

Wenn wir auch nicht wissen, ob Muck auf dem Monte Verità weilte, sicher ist doch, dass er über den ehemaligen Bewohner der Felsengrotte bei Arcégno an der Schule der Lebenskunst partizipierte. Denn "In seinen Briefen und Flugschriften zitiert er immer wieder die Gedichte des Freundes, oft ohne dessen Namen zu nennen", betont Hermann Müller (2011).

Im Juli 1920 hält Muck im Volkshaus zu Jena über die Revolution der Seele einen aufsehenerrenden Vortrag. Bereits die Ankündigung lässt erkennen, wie er an die Fragen der Zeit herantreten will. Dazu schmückte er den Text mit folgendem Vers von Gusto Gräser:

Bursche, lass was flattern, wehen!
Tut mir doch nit so gesetzt!
Bissel stürmisch muss es gehen
Soll was Freudiges geschehen.
Tut was, was die Leut entsetzt!
Tut mir nit so vereist!
Glut ist Geist!

Auch anderen Publikationen stellte Muck ein Gedicht von Gräser voran. So ziert das Flugblatt An die lebendigen ein Prediger von 1918 Gräsers Fünfstern. "Deutlicher konnte", nach Auffassung von Hermann Müller (20.8.2013), "Muck sich nicht bekennen." Beide wollten die Gesellschaft verändern und traten als Propheten auf. In verschiedener Weise, doch auf unterschiedlichen Wegen wollten sie das Bürgerliche hinter sich lassen. Beide nahmen grosse Teile der Öffentlichkeit als Gefahr für die bürgerliche Moral wahr.

Gusto Gräser flüchtete vor der modernen Zivilisation und ihrer Sklaverei. Seit 1907 trat er in deutschen Grossstädten mit Reden, Gedichten und Tänzen auf. Kleidung, Geruch, die langen Haare und Locken, der Bart, das blasse Gesicht und die Stirn mit griechischer Siegerbinde fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk. Hohn und Spott goss man über den "Seltenen" und "Einzigartigen" aus. Keiner musste, schreibt Willo Rall (1888-1960) im November 1921 im Zwiespruch, soviel wie er unter dem deutschen "Polizeispiesserunverstand in seiner blöden Angst vor der Staatsgefährlichkeit" ertragen und leiden.

Der "überragende schöpferische Kopf" (Hermann Müller) der Monte-Verità-Gemeinschaft musste sich im Juni 1912 vor dem Schöffengericht in Leipzig wegen groben Unfugs und Widerstand gegen die Staatsgewalt verantworten. Wiedermal hatte er in der Stadt Flugschriften verteilt und dabei durch "mangelhafte Kleidung" öffentlichen Ärger erregt. 20 Mark Geldstrafe und vier Tage Gefängnis, lautete das Urteil. Gegen die Ausweisung des Naturdichters aus Sachsen protestierten unter anderen Gerhart Hauptmann, Ferdinand Avenarius, Max Klinger, Hans Thoma, Friedrich Naumann und Arno Holz.

 

Lisa Tetzner

Friedrich Muck-Lamberty und Lisa Tetzner kannten einander gut. Erinnert sei an ihren Aufsatz Selbstlose Brüderlichkeit, Noch ein Wort zu Muck-Lamberty und der neuen Schar aus dem Jahr 1921. Ob sie miteinander befreundet waren, ist nicht gewiss.

Im schweren Jahr 1918 zog Lisa Tetzner als Märchenerzählerin durch Thüringen. Völlig unvorbereitet war sie nicht. An der Schauspielschule von Max Reinhardt hatte sie Kurse zur Sprecherziehung und Stimmbildung besucht. "Wir alle haben viel Freude an der Kunst Ihrer Tochter", schreibt Eugen Diederichs am 6. April 1918 an ihren Vater, wohl wisssend, dass sie mit der Märchenwanderung nicht auf einen grünen Zweig kommen konnte und tröstet ihn: "Man muss erst mal an einer Stelle anfangen."

Vor ihrem Eintreffen bei den Kindern verständigte sich Lisa Tetzner (*1894) mit der jeweiligen Schulleitung über den Termin und Ablauf. Als die Kinder davon hörten, wurden sie ungeduldig und erwarteten sie sehnsüchtig. Manchmal in großen Sälen. Aber am Schönsten war es, wenn alle zusammen unter der kleinen Dorflinde oder am Waldesrand den alten Märchen lauschten. "So brachte Lisa Tetzner ein kleines Stück Freude in die Dörfer und Städtchen Thüringens und überall wurde sie gebeten, bald wieder zu kommen." Im Jahr darauf kehrte sie im Auftrag der Volkshochschule zurück. Erneut schaute sie in die freudigen Kinderaugen. Sodann fragt 1921 der "Bezirksbote" von Bruck (Niederösterreich), ob dies nicht ein Beispiel für Andere sein könnte. Muck ging schon 1 9 2 0 diesen Schritt. "Am meisten hatte er die Kinder in sein Herz geschlossen. Er fand bei ihnen, was er unter den Erwachsenen oft vergeblich suchte, die Unbekümmertheit und ein mutiges, vorurteilsloses Denken. Er verstand es meisterlich," urteilt Richard Klewitz (1921), "mit ihnen umzugehen. Wohin er auch immer kam, stets verstand er es in überraschend kurzer Zeit, die Herzen der Kinder zu gewinnen und mit ihnen in herzlicher Weise zu spielen und zu singen." Wie die Märchenerzählerin wandte sich die Neue Schar besonders den Kindern zu, humanisierte mit Musik, Tanz und Spiel das Leben im öffentlichen Raum.

 

Georg Stammler,
eigentlich Ernst Emanuel Krauss, geboren am 28. Februar 1872 in Stammheim

Seit 1898 als
Schriftsteller tätig.

1899 gründet
den Wir-Verlag.

Schriftführer im Verein zur Verbreitung guter Volksliteratur in Württemberg.

1909 Buchhändler in Wickersdorf

1910 Vortragsreisender.

1912 wohnte als Verleger in der Gartenstadt Hellerau:

Seit 1913 Dichternamen: Georg Stammler (eigentlich Ernst Emanuel Krauss)

Seit Kriegsende im thüringischen Mühlhausen, Beitrag zur Volkshochschule.

Seit 1924 Mitglied der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung. Etwa zur selben Zeit übernimmt der Urquelle Verlag von Erich Röth die Betreuung seiner Werke.

(Vgl. Justus H. Ulbricht 1988, 77 bis 140)

 

 

Georg Stammler

Muck nimmt von Georg Stammler, eigentlich Ernst Emanuel Krauss (1872-1948), gewisse Impulse und Ideen auf. Sein Verhältnis zu ihm kam, beschwört (1965) Harry Wilde, einem Glaubensbekenntnis gleich. Zum Beispiel prangte am 24. August 1920 in der Freien Presse Erfurt über der Nachricht zur Neuen Schar ein Zitat aus der 1913 erschienenden Schrift:

Worte an eine Schar.

Darin ruft der Autor zur Erneuerung des Menschen auf, den er bewusst in die Gemeinschaft einordnet. "Man kann nicht nebenbei geistig sein", lehrt Georg Stammler (1918, 129). "Denn Geistigkeit ist eine Umkehrung der Welt ex fundamento; ein Durchströmen und Ordnen der Dinge aus den Tiefen. Dafür genügt kein Zusatz von idealer Gesinnung, eine rauchselige Begeisterung, keine soziale und schöngeistige Betriebsamkeit am Feierabend. Dafür genügt nur die Kraft und die Leidenschaft eines Menschenlebens."

Die Zeitschrift Nation und Schrifttum stellt Georg Stammler als Rufer und Wegweiser einer Deutschheit vor, die Hitler politisch möglich gemacht hat, in eine Reihe mit Lagarde, Langbehn und Moeller van den Bruck. Seit 1924 war Georg Stammler Mitglied der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung. (Ulbricht 1988)

Thingplatz in Freyburg
an der Unstrut

(Das Foto ist wahrscheinlich zwischen 1930 und 1940 aufgenommen. Fotograf unbekannt.)

Auf der 1. Christrevolutionären Tagung vom 11. bis 14. Juni 1921 in Stuttgart unternimmt der völkische Schriftsteller den Versuch, die freideutsche Jugend und mit der Arbeiterjugend auszusöhnen. Beide sind füreinander bestimmt, so Stammler, nur das "…. Wertvolle an der freideutschen Jugend, ihre tiefe Innerlichkeit, muss ergänzt werden durch das stärkere Wollen der proletarischen Jugend. Beiderseitige Fehler müssen abgelegt werden. Hier der Dogmatismus, dort das ewige Steckenbleiben im Problematischen." (Tagungsbericht 360)

Beim ersten Führerlehrgang der Artamanen vom 17. Januar bis 7. Februar 1926 in Halle ist Georg Stammler als Referent dabei.

Muck unterhielt Kontakte zu den Artamanen. Zum Reichsthing am 21. Dezember 1929 in Freyburg an der Unstrut trifft er Stammler wieder.

 

 

Wir wollen in den Tagen,
wo wir bei euch sind, mit euch leben, spielen, kämpfen, uns aussprechen
.

Der Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen  nach oben
Kennzeichen blaues Fähnlein und Tuthorn - Tuuuu

Die Wanderung der Neuen Schar durch Franken und Thüringen beginnt im Juni 1920 in Kronach und war zweifellos ein wichtiges Ereignis der Jugendbewegung, von der Fritz Borinski (1977, 163) sagt: Sie war " …. eine eigne, einzigartige deutsche Erscheinung, die das Ausland mit Erstaunen wahrnahm." Nichtsdestoweniger auch mit Sorge, wähnte es doch im Kampf mit den Altnaturen, Geistlosen, Philistern, Kalten und Biermenschen etwas Unberechenbares. Nicht wenigen erschien die deutsche Jugendbewegung zu romantisch und zu idealistisch. So etwa trug es 1924 Niels Bohr (1885-1962) bei einer Wanderung durch die Insel Sjælland Werner Heisenberg (1901-1976) vor. Beim Schöpfer des ersten Atommodells klingt Misstrauen an. Lag es vielleicht daran, dass die Eichendorff´s Taugenichtse von einst, wie Ernst Jünger sagte, ihnen 1914 als Krieger wiederbegegneten (Safransky 2007, 329)? Und überhaupt, unberechtigt war die Skepsis nicht. Zwar herrschte in der Öffentlichkeit noch immer das Bild von der wanderlustigen, gesangfreudigen und lebensfrohen deutschen Jugendbewegung vor. Doch traten nach 1920 im Wandervogel immer stärker und deutlicher, wie etwa 1921 im Aufsatz Der "nordische" Geist des Wandervogels von Erich Günther im Zwiespruch, Tendenzen der Hinwendung zum blonden germanischen Typ und der Langschädligkeit hervor.

 

Hartenstein im Erzgebirge

Die Neue Schar bricht im Juni 1920 von Kronach in Franken auf. Indes beginnt ihre Geschichte in Hartenstein.

Seit letztem Jahr begegnet man in dem kleinen Städtchen im Erzgebirge jederzeit den Wandervögeln, junge, gesunde Gestalten, in leicht zweckmäßiger Kleidung, barthäuptig und manchmal Barfuß. Nicht immer sind sie mit buntbebänderter Laute oder berußten Hordenpott auf dem Rücken auf Fahrt. (Vgl. Illing)

 

Ich hab` verloren meinen Schatz

 

Hier ist Grün und
das ist Grün

Hier ist Grün dort ist Grün
unter meinen Füßen
hab verloren meinen Schatz
werd ihn suchen müssen

Such ihn hier, such ihn dort
unter diesen allen
diese mit dem blauen Kleid
kann mir wohl gefallen

Dreh dich um dreh dich um
bist du´s oder bist du´s nicht
nein nein du bist es nicht
pack dich fort ich mag dich nicht

(Autor unbekannt)

 

An sanften Sommerabenden erklingen in den Gassen alte Volkslieder. Tagsüber spielen auf den Straßen und freien Plätzen Kinder, große und kleine Jungen drehen sich im Kreise und singen die Weisen aus dem Zupfgeigenhansel, dem Evangelium des Wandervogels (Manfred Schwarz). Vom Schulplatz dringen Volksweisen: Hier ist Grün und das ist Grün, Sechs hübsche Mädchen Mädel hier im Kreis oder Großvater will tanzen, in die Stadt. "Und an schulfreien Nachmittagen

ziehen Gruppen von Jungen
oder Mädeln mit Muck,

dem Kinderfreund, oder Fräulein Minna, oder Toni hinaus ins Freie, um am Waldesrand oder am Feldrain zu singen und zu spielen - freilich oftmals, ohne vorher die Erlaubnis des Grundstückbesitzers einzuholen." (Illgen)

Bis Juni 1918 unterhielt der Wandervogel in Oranienburg eine Bundeskanzlei. Friedrich Emil Krauß (1895-1977), der die Nation 1935 mit der Waschmaschine Turna 25 und die Wäscheschleuder Zenti beglückt, erhält von der Bundesleitung den Auftrag, die Bundesgeschäftsstelle in Oranienburg zu reorganisieren. Auf seine Anregung wird sie im Juni 1918 nach Hartenstein verlegt.

Krauß heiratet Käthe Gertrud Mäschel. Ihren Polterabend am 4. Oktober 1919 feiern sie gemeinsam mit Lotte und Friedrich von Plessenberg, Otto Steckhan (1898-1968), Suse Rudolphi, Andreas Paul Weber (1893-1980), Toni Klander und Friedrich Muck-Lamberty. (Vgl. Schumacher / Dorsch)

In Hartenstein sollte eine Handwerkersiedlung, Buchhandlung, Leihbücherei, ein Lichtbildamt und ein Verlag entstehen. (Ulbricht 1988, 84) Vorderhand mietet die Bundesleitung im Rathaus, was sich bald als zu klein erweist, ein Zimmer an. Daraufhin erwirbt der Wandervogel mit finanzieller Hilfe von Emil Krauß an der unteren Marktseite für die Geschäftsstelle ein Haus. Hier arbeiten 24 Angestellte für ein Karten- und Lichtbildamt, Arbeitsamt für neudeutsches Siedlungswesen, Bleibeamt und die Älterenvermittlung, sowie den Warenvertrieb und Zwiespruch-Verlag.

Hartenstein (Erzgebirge) Markt 8 mit dem Laden vom Wandervogel Das Haus brannte 1924 ab. ****

Über zwei bis drei Jahre verzeichnet die Wandervogel-Buchhandlung Hartenstein Sa. hohe Umsätze. Sie vertreibt Bücher, Wander- und Sportartikel und für etwa 22 500 Bezieher den Wandervogel, die illustrierte Monatsschrift für Deutsches Jugendwandern. "Die bekanntesten Namen auf der Liste sind Eberhard König, Hans Blüher, Walter Flex und Burkhart Schomburg, aber auch Edmund Neuendorff, Wilhelm Stählin und Frank Fischer." (Ulbricht 1988, 84) Das Geschäft prosperiert, bis es unnötige Experimente destabilisieren. 1922 muss die Geschäftsstelle aufgelöst werden. Julius Gross (1892-1986) rettet das Wandervogel-Lichtbildamt, wandert mit ihm nach Berlin und war fortan sein Privatbetrieb. (Mogge 1986, 14)

Erich Matthes (1888-1970) siedelt von Leipzig in die Fürstlich Schönburgische Residenzstadt Hartenstein über. Friedrich Muck-Lamberty, bleibt dem Verleger bis 1962 in Erinnerung, arbeitet hier ab September 1919 bei ihm in der Verlagsbuchhandlung Matthes & Trost als Packer. Hartenstein wird für ihn ein Ort des Experimentierens, Lernens und der Inspiration. Bei einem alten Meister, so sagt man, lernte er das Drechslerhandwerk. Doch man sah ihn bereits im Sommer `19 in Glüsingen (Kreis Lüneburg) bei Erich Martin Leuchter und anderes drechseln.

 

Am 14. Mai 1920 verlässt Friedrich Muck-Lamberty Hartenstein in Richtung Kronach.

 

 

Kronach 17. bis 26. Mai 1920

Kronach in Franken
mit Veste
Rosenberg (etwa 1955)

Foto und Verlag Joseph Hospe,
Staffelstein, gegründet 1898

Auf dem ersten Nachkriegstreffen 1919 in Koburg drohte der Wandervogel e.V. endgültig unterzugehen. Die Jüngeren und die Feldgeneration hatten sich über die Kriegszeit hinweg auseinandergelebt. "Die knabenhaften Führer, die im Krieg in die Bresche sprangen," rekonstruiert Else Frobenius 1927 (258, 259), "sind selbstbewusst und selbstsicher geworden." Nur durch die Geschicklichkeit der Tagungsleitung konnte der Zerfall vermieden werden. Die Alten kehren dem Verein den Rücken und gründen den Bund der alten Wandervögel e.V. (Kronachbund). Arbeiter sind darin kaum vertreten. Als Sprecher wird Otto Schönfelder (1893-1944) gewählt. Ein Programm gab es zunächst nicht. Aber sie editieren eine Zeitschrift, fördern das Laien- und Puppenspiel, die Volkstanz- und Volksliedbewegung.

Pfingsten 1920 feiern alte Freunde und Bekannte aus dem Wandervogel in der Geburtsstadt von Lucas Cranach d. Ä. ihr Wiedersehen. Viele, so wollte es auch ihre Verbandsführung, opferten sich im Krieg. 1 200 Delegierte begrüssten im Juni 1916 in Naumburg (Saale) auf dem Wandervogel-Bundestag freudig alle Bestrebungen, die "körperlichen und seelischen Kräfte der deutschen Jugend zu erwecken und zu steigern, um diese in wirksamer Weise auf den künftigen Soldatenberuf vorzubereiten." (Fischer 1916) Dafür zahlte die Bewegung einen hohen Blutzoll: Von 12 000 Kriegsteilnehmern aus den Reihen Wandervögel kehrten 7 000 nicht zurück (Jantzen 1957).

Ergreifende Szenen spielten sich beim Wiedersehen in Kronach ab. "Wir hatten .… bei der Einfahrt des Zuges in Kronach alle singen und jubeln wollen", notiert später ein Teilnehmer (KH 133), "aber als wir nun da waren, da blieben wir still und sahen nur mit großen Augen die Hunderte und aber Hunderte, die auf dem Bahnsteig standen, und die frohen Gesichter all derer, die vor dem Bahnhof uns erwarteten. Das war ein Gerufe und ein Jubeln! Da begrüßten sich zwei, die lange Jahre im Felde zusammen Leid und Freud durchkostet hatten, da einige, die zusammen in der Gefangenschaft vom deutschen Wandervogel gesprochen und sich nach ihm gesehnt hatten, dort drüben grüßte einer den anderen:

Mensch, dich kenn ich doch vom Hohen Meissner! [1913]

- und wieder ein anderer hatte mit einem Freunde, den er hier wieder sah, in den belgischen Ardennen eine Nacht Angst vor den Wölfen gehabt. Sie alle trafen sich hier in Kronach, alle waren noch und wollten bleiben, was sie gewesen waren: Wandervögel!"

 

Friedrich Muck-Lamberty (links)
1920 in Kronach

Einige Tage vor Beginn des Festes traf Muck in Kronach ein. Im Gesellenhaus der Stadt tagt das Organisationskomitee, es bespricht und diskutiert die Vorhaben für die Festtage vom 22. bis 24. Mai. Zum Führungskreis gehören Emil Engelhardt, Walter Fischer und Dankwart Gerlach. "Vorerst begrüsste der Leiter Dietz aus Hartenstein (Erzgebirge) die Kronacher." Dietz? Karl Dietz, Jahrgang 1890, Mitglied des Wandervogels und Gründer des Greifenverlages.

Es sprach, laut Fränkische Wald, auch ein Handwerker aus Hartenstein (Erzgebirge) mit Namen Friedrich Muck-Lamberty zum Thema:

Revolution der Seele
oder Empörung der Jugend
.

Daraus formt die Neue Schar Losungen, die ihren Weg durch Franken und Thüringen begleitet. Das Fest beginnt am Sonnabend 7.30 Uhr auf dem Kirchplatz mit der Begrüssung durch die Stadtoffiziellen. Es folgen musikalische Darbietungen. Abends trifft man sich im Scharfen Eck zum Begrüßungsabend.

Pfingstsonntag folgen Verhandlungen auf der Veste Rosenberg. Der nächste Tag gehört den aus dem Krieg heimgekehrten Wandervögeln.

 

.... so tun sie das zusammen, jawohl, tun das zusammen

Kronach Schlosshof (Postkarte)

Harry Wilde (1899-1978) wollte Pfingsten 1920 den Berg der Wahrheit sehen, kam aber nur bis Kronach. Nach Abschluss des Treffens, rekonstruiert er 1965 die Situation, "sass eine Anzahl Gleichgesinnter, die es ebensowenig wie ich eilig hatten, wieder nach Haus zu kommen, im Schlosshof unter einer Linde (hoffentlich war es keine Eiche oder Buche). Es dämmerte schon, als plötzlich aus der Runde ein Mann aufstand und eine Ansprache hielt. Viele kannten ihn und wussten seinen Spitznamen: Muck. Er sagte, er hätte die Absicht, mit einer neuen Schar durch Thüringen zu ziehen und gegen die modernen Sitten aufzutreten, also gegen den american style, den Foxtrott, den er Trottelfox nannte, das Zigarettenrauchen und die hemmungslose Genusssucht. Wer der gleichen Meinung sei und mit ihm ziehen wolle, solle sein Geld in die Zeltbahn werfen, die ausgebreitet vor ihm lag, denn unterwegs werde man aus einem Kochtopf essen. Das war nichts Neues. Die Wandervögel, zu denen ich schon als Küken gestossen war, hat seit jeher eine Gemeinschaft gebildet und aus einer Kasse gelebt." Der Kampf gegen Trottelfox und Jimmy-Schuhe war ihm gleichgültig. "Mich reizte nur das Abenteuer", entsann sich Harry Wilde 1965 (116).

"Auf der Kronacher Tagung", rekonstruiert 1921 Lisa Tetzner den Aufbruch der Neuen Schar, "fand sich nach zweimaligen vergeblichen leidenschaftlichen Aufrufen Mucks, die Menschen aufzurütteln und der Not der Zeit abzuhelfen, zögernd ein sehr kleines Häuflein auf seiner Seite. Und diese wenigen standen mehr aus Freundschaft zu dem Mann, den sie mit all seinen Licht- und Schattenseiten kannten. Es war ihnen klar, dass er allein scheitern würde, ohne eine Stütze im Rücken zu haben."

So warfen dann der Schumacher, Tischler, Drechsler, Schlosser, Maler, Mechaniker, Handelsgehilfe, die Näherin, Gärtnerin, Gehilfin und Kindererzieherin ihr Geld auf eine Zeltplane. Fünfundzwanzig beiderlei Geschlechts. Der eine gab 95 Pfennige, der andere 180 Mark, die er mit Holzhacken und Holztragen verdient hatte. Als sie es gegeben, es los waren, kommentiert Gustav Schröer (1920), da umarmten sie sich als freie Menschen. Das war die Neue Schar, "die all ihr Hab und Gut zusammen taten und von da ab streng kommunistisch lebten" (Tetzner 1921). Ein älterer Bauer hörte Muck im Juli 1920 Kirche predigen. Am Tag darauf begegnete er zufällig Lisa Tetzner (1923, 114) und schildert ihr das Erlebte:

"Wenn einer Geld hat, so tun sie das zusammen, jawohl, tun das zusammen, wie die Spartakisten das auch wollen, ja."

Muck steuerte einiges von seiner persönlichen Habe bei. "Er schuftete", erfuhr Gisella Selden-Goth (1920), "so den ganzen [letzten] Winter hindurch und sparte den Lohn der Überstunden bis zum letzten Pfennig zusammen, weil er wusste das heute auch der Apostel sich nicht allein auf Ihn, der die Lilien kleidet, verlassen könne."

Er, verrät 1920 von Stechow, "....hat vergangenen Winter 16 Stunden gearbeitet, um diesem Sommer mit dem Ersparten seine Ziele zu verfolgen."

 

Unparteiisch wollten sie sein

Bald musiziert, singt, tanzt und spielt die Neue Schar mit Jung und Alt, um einander zu verstehen, mit dem Herzen zu sprechen und dem Schwingen der Seele zu lauschen. Indes tobten erst im März 1920 in vielen thüringer Städten, ausgelöst durch den Kapp-Lüttwitz Putsch, schwere bürgerkriegsähnliche Kämpfe. Für die Einen war es der Widerstand gegen die Gestrigen, den Anderen Pflicht zur Abwehr des Bolschewismus. "Kommen wir in einem Ort," notierte Willi Wismann im August 1920 aus eigenem Erleben als Mitglied der Neuen Schar, "dann begegnet man uns zunächst mit Misstrauen: Spartakisten! Bolschewisten! Die Menschen stecken ja leider zu tief in ihrem Parteienhass drin, als dass sie es verstehen könnten, wenn einmal Menschen weder rechts noch links stehen, sondern nur schlecht und recht mit beiden Füssen auf dem Erdboden."

Wie sollten sie sich verhalten? Überparteiisch beschlossen sie, wollten sie sein. Wohl war dies im strengen Sinne des Wortes nicht möglich, aber es kündet von ihrer Absicht, die Bürger versöhnen zu wollen.

"Alles war verzaubert", beschreibt 1975 (51) Schriftsteller Franz Hammer (1908-1985) sein Begegenung mit der Neuen Schar in Eisenach. "Es schien keine Not, keine Kämpfe mehr zwischen den Menschen zu geben. Hand in Hand schritten sie im Kreise, blieben paarweise stehen, um mit der oder dem zufällig Erwählten zu tanzen und zu singen:

Schüttel die, Schüttel die Büx, nicht so lange,
nicht so fix -
siehst du wohl, so geit dat an,
darum freut sich jedermann!"

 

Der romantische Blick

Verheerende Zustände herrschen in Europa. Unzählige ruhen in den Kriegsgräbern. Erschüttert und ohne Hoffnung die Überlebenden. Grenzpfähle wandern umher. Der deutsche Kaiser exiliert, ein Trauma für ein Volk, das, wie es Vizekanzler a. D. Arthur von Posadowsky-Wehner (Naumburg) 1913 im Interview mit der Daily Mail charakterisierte, monarchistisch bis auf die Knochen. "Die Dinge hatten wieder einmal des Menschen Seele erfasst", raunt im Februar 1919 Muck-Lamberty in der Freideutschen Jugend. "Die jungen Menschen litten darunter .... und fanden keinen Ausweg in den Predigten der Priester und Pfaffen. Auch die Geistigen im Lande waren von den starren Dingen erfasst". Es war alles schwer auszuhalten. "Erschüttert vom Kriege, verzweifelt durch Not und Hunger," verdeutlicht Hermann Hesse in der Morgenlandfahrt (1932) die Lage, "tief enttäuscht durch die anscheinende Nutzlosigkeit all der geleisteten Opfer an Blut und Gut, war unser Volk damals manchen Hirngespinsten, aber auch manchen echten Erhebungen der Seele zugänglich ...."

Wie es war, so konnte es nicht bleiben. Die alte Gesellschaft war gescheitert und drohte die Jugend mit in den Abgrund zu reissen. Lambertys Schar wollte weiterleben. Irgendwie mussten sie mit allem fertigwerden. Woher, woraus sollten sie nur Mut, Kraft und Ausdauer schöpfen? Ein realistischer Blick stürzte sie womöglich in den Bilanzsuizid. Was sollten sie nur tun? Sie machten die Entdeckung: Im fröhlichen Spiel konnten sie Kraft schöpfen. Aus dem gemeinsamen Gesang Elan. Tanz rief ihre Fähigkeiten zur Kooperation wach. Wandern erweiterte ihre Lebenswelt. Sie waren Jung, spürten das Emporwachsen. Die schöpferische Kraft der Natur zog sie in ihren Bann, half die Seele zu regenieren. Ihr Schauspiel bot ihnen ein Gleichnis zum sozialen Leben: Entwicklung war möglich, man konnte sie sehen und greifen. Unbewusst ahmten sie ihr nach. Aus ihrer Leidenschaft zur Natur entsprang Hoffnung auf die Gestaltbarkeit des Lebens. Mit dem romantischen Blick verzauberten sie die Welt. Bald verschwanden aus den Köpfen die Bilder der Kriegstoten und vom Wohnungselend. Schon schimmerte am Horizont die Zukunft einer modernen Lebensweise. Reformpädagogik, Freikörperkultur und Lebensreformbewegung boten ihre Hilfe an. Sie waren die jungen lebendigen Prediger, denen Muck den Auftrag erteilte:

"Gehet in die Wälder und
rufet die Gottsuchenden."

".... gehet hinein in das Volk, in den Volksdom,
haltet den Gottesfunken hoch über das tägliche."

Empört euch gegen die Ungerechtigkeit.

Führt den Kampf der Jungen gegen die Alten.

"... verdammet die Gemeinheit, die Hurerei,
das Saufen, ..... die Zinswirtschaft.

Verdammt die
gierige Sucht nach Geld und Gelten,
die Lust zum Fressen, die Habsucht.

Scheut Euch nicht,
herbe Worte zu sagen." Friedrich Muck-Lamberty: Den jungen lebendigen Predigern, 1919

 

Im Widerstreit mit den Kalten und Philistern

Der romantische Blick half der Neuen Schar, Kräfte für den Kampf der Jungen gegen die Alten und für den Streit mit Philistern zu mobilisieren. Indes führte ihr Weg durch das

….. Land, wo die Philister thronen,
Die Krämer fahren und das Grün verstauben,
Die Liebe selber altklug feilscht mit Hauben -
Herr Gott,
wie lange willst du die Brut verschonen!
(Eichendorff Der Wegelagerer)

Die Spiel & Tanz-Company verschont sie nicht. Das Mass ist voll. Es besteht, rafft es Muck-Lamberty am 9. September 1920 zur Kapuzinerpredigt in Gotha zusammen, die Gefahr der "Depotenzierung des Lebens". Jetzt scheint der Moment gekommen, um mit Klampfe und Geige den Philistern auf den Leib zu rücken, wohl wissend, hinter jeder Wegbiegung lauert die Blamage. Nichtsdestotrotz, sie wagen es, unlustig auf die bürgerliche Berufstour, abhold dem kläglichen Alltag, angewidert vom Kommerz, den Luxus verachtend und der Einfachheit zugetan. Beim Reigentanz, Spielen und Märchenerzählen bieten sie den Philistern und Kalten die Stirn. Nicht für Trachtenfeste, sondern für das "Eigenrecht auf Leben" (Muck) und die Freiheit, das ist "die Fähigkeit und das Recht, nach der eigenen Überzeugung zu leben" (Avenarius 1920), wollen sie streiten. Keiner wusste wie es ausgehen würde, denn die Philister waren in der Überzahl.

"Ja, Frau Nachbarn, die Neue Schar! Was das wieder kostet! Woher die nur das Geld ham meegen? Und das Rumgespring!?" (Eisenacher Zeitung, 30.9.1920)

 

Hunger nach Gerechtigkeit

Rüdiger Safransky (2007, 335) sieht im Thüringer Sommer 1920 "die völkische Jugendbewegung auf dem Marsch mit Klampfe und in selbstgewirkten weichen und wallenden Gewändern." Bei Muck und den Seinen kommt "alles sehr friedlich daher". Versöhnlich und verträglich schon, nicht aber unkritisch. Obwohl gut erkennbar, wurde die antikapitalistische Attitüde der Neuen Schar öfters übersehen. Schon im Vorwort zum Kleiderkatalog (1914) von Hans Eklöh (Lüdenscheid) klang sie an, als Muck und sein Freund Peters die Entdeckung machen: Dem Kapitalismus fehlt der "Zusammenschluss der in Betracht kommenden Gesamtheit." Unter der Überschrift Was können wir tun? beklagen sie die "Schädlichkeit der Reklame" und stellen die "dumpfe(n) Gewohnheit des nur umsetzenden Kaufmanns" bloss. An die jungen lebendigen Prediger (82/83) sendet Muck im Februar 1919 die Botschaft:

"Der Kampf hier unten soll jetzt wieder heissen:
Empörung gegen die Ungerechtigkeit, empor zu Gott."

 
Wanderbuch von Friedrich Muck-Lamberty
 
Quelle: Archiv der Leuchtenburg (bei Kahla)
 

In seinem Wanderbuch heisst es:

Sammlung aller jungen ehrlichen Menschen und Kampf für die Volksgemeinschaft gegen alles Gemeine, gegen Ausbeutung.

Die ausgestellte moralische Selbstermächtigung genügt dem, was Alexander Rüstow (1886-1963) 1920 in der Freideutsche[n] Jugend (194, 195) als das Recht und die Pflicht für die Jugendbewegung einfordert,

gegen den Oberbau der Gesellschaft zu kämpfen.

Denn "Die Ueberwindung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung erzeugt noch nicht die Geistigkeit, sondern macht ihr nur den Weg frei." Deshalb muss sich eine "einheitliche Kampffront der Jugendbewegung" "gegen die bürgerliche Kultur des Kapitalismus in allen ihren Erscheinungen" richten.

Den entscheidenden Angriff auf die kapitalistische Ordnung führte die Neue Schar eher unbewusst, er war eigentlich nicht geplant und von daher unideologischer Natur. Es war die Rückeroberung der Herrschaft über die soziale Zeit. Real konnte diese Lebensart die Sabotage der Verwertungsordnung der Arbeitskraft bewirken.

 

Aufbruch

Nun wandert der lustige Haufen los.
Oh Gott, was tun sie?
Ohne Lehrer!
Ohne Autoritäten!
Alle können mit:
Freunde, Fremde und Bekannte,
Bürgerliche und Proletarische,
Schüler, Studenten und Intellektuelle.

Sie waren die Wegelagerer über die Joseph von Eichendorff dichtete:

Der Wald ....
Dort will ich nächtlich auf die Krämer lauern,
Und kühn zerhaun der armen Schönheit Bande,
Die sie als niedre Magd zu Markte führen. (Der Wegelagerer)

Es "gab bacchantische Tanzgemeinden und wiedertäuferische Kampfgruppen, es gab dies und jenes, was nach dem Jenseits und nach dem Wunder hinzuweisen schien ....", heisst es in Morgenlandfahrt (1932) von Hermann Hesse.

Und es gab die jungen lebendigen Prediger der Neuen Schar.

"Sie Saufen nicht,
sie huren nicht,
sie haben ein heiliges Müssen,
das sie lenkt
und an deren ein Vorbild ist." Muck: An die jungen lebendigen Prediger, 1919

Von etwas Abenteuerlust, dem Willen zur Unabhängigkeit und Ideal des selbstbestimmten Leben getrieben, experimentiert die Gruppe mit neuen Formen der Geselligkeit. In den Dörfern und Städten verteilt sie Flugblätter. Auf ihnen steht geschrieben:

"Nicht buhlen mit den tollen Moden und Geldmachen, nicht Kreuzbuckeln mit den dummen Sitten und Lackmenschen, die keine recht Art mehr kennen."

Die sie Lackmenschen nannten, führte Heinrich Heine im Prolog zur Harzreise (1824) als die Glatten vor. Nächstens, wenn sie von Ort zu Ort ziehen, rufen sie vielleicht:

Lebet wohl, ihr glatten Säle!
Glatte Herren, glatte Frauen.
(Heine)

Seit Pfingsten "ziehen wir durchs Thüringer Land", teilt Willi Wisman 1920 in Heft 15 der Zeitschrift Junge Menschen mit. "Überall rufen wir die Jugend - und dazu gehören auch junggebliebene Greise - zum Kampf auf,

zum Kampf gegen Gemeinheit und Schund,
zum Kampf für die Befreiung des Menschen im Menschen von den Fesseln,

die Parteihass und Standesdünkel um ihn geschlagen haben. So werben wir für die werdende Volksgemeinschaft." "Dass sie dabei scharfen Kampf gegen allen Schund und alles Minderwertige in Theater, Literatur usw. führt," lobt das Saalfelder Kreisblatt am 11. Juli 1920, "ist zu begrüssen."

"Schon beginnt Misstrauen und Verfolgung von allen Seiten auf ihn loszuzüngeln. Katholisches Dunkelmännertum wollte" Mucks "freikonfessionelle Regsamkeit gleich anfangs nicht behagen; es erwirkte die Ausweisung des Unruhestifters aus Bayern." Weiter informiert Gisella Selden-Goth Ende September 1920 aus Weimar den Wiener Leser: "Auch rechts- und linksgesinnten Blättern missfällt das Treiben des Mannes, der gesinnungslos ist im wahren Sinne des Wortes und unter dessen Einfluss die deutschvölkischen und die sozialistischen Jugendgruppen der durchwanderten Gegenden gleicherweise ihre Mitgliederzahl sich vermindern sehen."

Wanderroute der
Neuen Schar

Von Ende Mai bis in den frühen Herbst 1920 wandern sie von Kronach, über Coburg, Sonneberg, Rudolstadt, Saalfeld, Pössneck, Kahla, Jena, Blankenhain, Weimar, Erfurt, Gotha, Friedrichroda nach Eisenach. Über Erfurt und Weimar findet im Herbst 1920 die Gruppe zur Leuchtenburg bei Kahla.

Tageszeitungen in Berlin, Coburg, Eisenach, Erfurt, Friedrichroda, Gotha, Graz, Jena, Kronach, Linz, Pössneck, Prag, Rudolstadt, Saalfeld, Sonneberg, Weimar und Wien berichten über Lamberty`s Schar. Junge Menschen (Hamburg), Ethische Kultur (Berlin), Die Eiche (Berlin), Der Zwiespruch (Rudolstadt), Die Tat (Jena) oder die Jugend (München) analysieren und kommentieren ihr Engagement.

 

Weidhausen, 31. Mai bis 1. Juni

"In Weidhausen haben wir unter der Linde mit den Burschen und Mädchen gespielt", vertraut Muck seinem Wanderbuch an. Anfangs zählte die Gruppe etwa fünfzehn Burschen und zehn Mädchen. Besonders während der Schulferien schlossen sich ihr viele weitere Jugendliche an. Es war ein

"Sturm der sich entfesselte",

schreibt 1976 Otto Rudolf Wiemer im Thüringer Heimatkalender, der "mit unwiderstehlicher Gewalt durch Thüringen fegte".

Sie haben etwas, was selten: Sie strahlen sozialen Charme aus. An den Füssen Holzsandalen. Braungebrannte Gesichter und langes Haupthaar. Die Mädchen in wadenlangen Kleidern. Muck in brauner Kniehose. Musizierend und singend zieht die lebensfrohe Truppe in die Stadt. Vornan die Fidel und eine Fichtenstange mit blauem Fähnlein an der Spitze. Aus allen Klassen der Gesellschaft stammen sie. Nicht wenige sind, wie man damals sagt, Kinder aus gutbürgerlichem Haus.

"Diese kleine Schar wuchs von Ort zu Ort. Sie wuchs nicht nur äußerlich an Zahl," notiert Lisa Tetzner 1921 in Selbstlose Brüderlichkeit, "sie wuchs innerlich zu einer Gemeinschaft, zu einer Welt- und Lebensanschauung, eine Verbrüderung, die eine innere Frucht ihrer Tat nach außen wurde."

Am späten Abend

tritt die Gruppe zum Thing

zusammen, berichtet 1923 (45) Lisa Tetzner. Dieser "heiligt den Tag. Muck steht unter einem Baum auf der Höhe und bläst mit seinem Horn die Schar zusammen. Die untergehende Sonne beleuchtet ihn. Er sieht aus wie ein längst verschollener Wikinger, der auferstand. Blond und deutsch, mit männlicher Entschlossenheit.

Die Schar folgt dem Ruf ernst und voller Würde. So setzen sich im Halbkreis um ihren Führer und legen langsam zögernd ihre einzelnen Beichten, Wünsche und Klagen ab."

....

Harry gesteht, dass er Fleisch gegessen hätte, weil er seinem Gelüst nicht widerstehen konnte. ...

Otto bittet, heute Nacht allein schlafen zu dürfen ....

Einer gesteht, seit den letzten Tagen nicht mehr mit ganzer Seele mitzuschwingen und bittet um Hilfe und Stärkung.

Dann sprechen sie gegenseitig über Fehler und Irrtümer."

"Ich habe noch nie", schliesst Lisa Tetzner, "in einer Gemeinschaft Menschen soviel innere Vornehmheit und Adel gefunden den Schwächen der anderen gegenüber."

 

 

… Auf den Akarden in Koburg, 5. bis etwa 9. Juni

"Die Wandervögel sind da", kündigt die Coburger Zeitung Lambertys Schar am 5. Juni 1920 in der ehemaligen Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha an. "Muck zeigt uns den Weg," verspricht die Gazette, "zum jugendgemäßen Sein und die Verderbtheit der heutigen Gesellschaft und Kultur."

 

 
Coburg Schlossplatz mit Theater. Aufnahme: 2009. Fotograf: Dirk Schmidt. (Siehe Bildnachweis)

 

"Auf dem freien Platz vor dem Theater liessen wir uns nieder und stellten unsere Töpfe auf und begannen abzukochen. Muck ging inzwischen in die Stadt, um Zettel drucken zu lassen", rekonstruiert Harry Wilde 1965 (116, 117) die ersten Arbeitsschritte nach der Ankunft. Er war für die Zusammenarbeit mit der Presse zuständig. Vor dem Eintreffen in der jeweiligen Stadt übermittelte der Presseattaché an die örtliche Zeitung Informationen zur Neuen Schar. Ausserdem versandte er Pressenachrichten an hunderte Personen, darunter Gustav Wyneken, Eugen Diederichs, Walter Rathenau, Ernst Graf zu Reventlow, Walter Hammer oder Knud Ahlborn.

Die Kleinen sind für 5 Uhr nachmittags eingeladen. Wie es weiterging, schildert 1920 (77) Willi Wismann: "Unsere alten Volkslieder und Reigentänze lernen sie von uns, so dass die alten Weisen später aus jedem Haus heraustönen. Dann erzählen wir den Kindern noch Märchen und Sagen, mit denen Sehnsucht wieder in ihr Herz einzieht."

Gegen 8 Uhr abends kommen die grösseren Mädchen, Burschen und Junggebliebenen zu Tanzspielen an den Arkaden.

"In Koburg sass sogar eine leibhaftige Majestät mit am nächtlichen Feuer," worauf 1974 (17) Harry Schulze-Wilde hinweist, "genau gesagt sogar neben mir, und sie unterhielt sich huldvoll mit mir: der im Exil wohnende Zar Ferdinand von Bulgarien. Man tanzte um das Feuer, und wenn Muck das alte Nachtwächterlied zum Abschluss sang. Hört ihr Herren und lasst euch sagen … waren die meisten überzeugt, einem einmaligen Erlebnis beigewohnt zu haben."

 

Zeitnah instruiert Willi Wismann (1920, 77) die Leser der Monatsschrift Ethische Kultur (Berlin) über die Aktivitäten der Neuen Schar: "Abends rufen wir Jung und Alt zusammen. Wieder beginnen wir ganz einfach, indem wir ihnen unsere Volkstänze zeigen. Hunderte tanzen bald mit: rechts und links Gerichtete, arm und reich, nehmen sich zum Tanz bei der Hand. Haben wir sie soweit gebracht, dann öffnen sich ihre Herzen unseren Mahnworten. Wir reden zu ihnen von der Not unserer Zeit, und rufen die Jugend zur Empörung gegen die Gemeinheiten dieser Zeit auf. Bisweilen beschliessen wir unser Wirken im Orte mit einer grösseren Versammlung, mit Vortrag und Aussprache.

In Coburg
hatten wir nicht weniger als 1 000 Menschen

zusammen. Aus der Zuhörerschaft bilden sich dann kleine Kreise, die den Vorsatz fassen, in unserem Sinne als Stoßtrupp weiterzuwirken. So führen wir im Thüringer Land schon tausende von Menschen das von uns begonnene Werk bodenständig fort."

"Die Kinder kamen," erzählt 1965 (117) Harry Wilde, "von den Lehrern - wer wollte sich schon den Vorwurf aussetzen, seine Schule schlecht zu leiten?- zum Tanzplatz geführt, und am Nachmittag fanden sich Hunderte von Jugendlichen ein. Die Musikkappelle der Schar: eine Fiedel und einige Klampfen, spielten auf, und bald drehte sich alles im Kreise."

Über den Auftritt der Spiel- und Tanz Companie berichtet die örtliche Zeitung: "Mit ungezwungener Fröhlichkeit ließen die Wandervögel [gemeint ist die Neue Schar] die echt deutschen Spiele und Lieder wieder aufleben. In einer beherzigenswerten Ansprache, in welcher der Führer u.a. auch das

gesundheitsschädliche Zigarettenrauchen
und die verwerflichste Schokoladennascherei

unserer Jugend hinwies - zwei Laster die unsere Valuta nicht unwesentlich verschlechtert haben - fordert er die anwesenden Gäste zu gemeinsamen Gesang unseres schönen Frankenliedes, des heiligen Veit von Staffelstein, auf." Jedoch war der Schreiber über die verhunzte Interpretation des Staffelbergliedes nicht erfreut, weil es eine "fade Leierei" und wegen der Stimmhöhe "eine schreckliche Schreierei" war, die nicht der ursprünglichen Singweise von Valentin Becker entsprach.

Am 7. Juni spricht Muck im grossen Saal der Aktienbierhalle. Am Tag darauf äussert ein Zuhörer in der Coburger Zeitung seine Eindrücke: "Das war eine Überraschung, ein Erlebnis. So etwas ganz Neues, wie es nur selten mit solcher Kraft und Fülle kritischen Ernstes an unser Ohr gelangt. Dieses Bekenntnis der Liebe zur Jugend, diese Sehnsucht und Gemeinschaft gleichgestimmter Seelen, dieses Verlangen nach Erneuerung, Verinnerlichung des deutschen Wesens - … Viele werden versucht sein, Muck einen Schwarmgeist, einen geistigen Kommunisten zu nennen. Aber, lasst ihn nur so, wie er ist."

"Von Coburg aus zogen wir", unterrichtet uns Harry Wilde (1965, 122), "nordwärts nach der Spielzeugstadt Sonneberg, und von dort, vorbei an der Burg Lauenstein, wo der Kunsthistoriker Wilhelm U[h]de einige Tage unter uns weilte, nach Pössneck, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, das Saaletal abwärts."

 


Neustadt bei Coburg, 9. Juni

 

 
     
Neustadt bei Coburg 1900   Neustadt bei Coburg 1925
Im Zentrum des Markplatzes das Denkmal Friedrich III.. (Quelle: Isolde Kalter 2020)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Altwandervogel aus Berlin-Friedrichswerda begibt sich im Juni 1920 auf Thüringenfahrt ins Schwarzatal, weiter über Katzhütte, Ernstthal, Lauscha, Sonneberg, bis nach Neustadt bei Coburg. Hier begegnet die Gruppe zufällig der Neuen Schar. Noch fünfzig Jahre später bewegt Hans Pluta das Meeting, worüber er im Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung schreibt: "Uns fiel auf, dass in dem kleinen Flecken etwas los war. Man erzählte uns, dass auf dem Anger Muck mit seiner Schar .... ein Volksfest veranstaltete. Wir liefen auch dahin und wurden von Muck herzlich begrüsst. Wir brachten gute Musikanten mit, zwei Fiedler, einen mit der Klampfe und ich selbst mit der Basslaute. Die Lieder und Reigen waren uns meist bekannt, und mit den Kindern umzugehen und ihnen die Spiele und Reigen beizubringen, machte uns einen Bombenspass. Die Thüringer sind ein sangesfreudiges Volk; in Lauscha, einem kleinen Waldort, gab es viele Gesangsvereine. Trotzdem machte es Mühe, die aber durch die Aufnahmefreudigkeit und die Freude der Kinder reich belohnt wurde. Auch für die Erwachsenen war das Neue des Reigentanzes mit den lustigen Texten immer ein wichtiger Anziehungspunkt. Sie gaben uns freudigen Herzens Unterkunft und Verpflegung. Ich selber wohnte bei einer Kriegerwitwe mit ihrem kleinen Sohn, die von der Idee begeistert war."

 

 

.... auf den Spielwiesen im Wald bei Sonneberg, 12. bis 14. Juni

Sonneberger Zeitung, 12. Juni 1920 - Ankündigung eines Vortrags von Friedrich Muck-Lamberty am 13. Juni 1920 in Sonneberg *****

Alle jungen und jung gebliebenen Menschen lädt Muck für den 13. Juni 1920 in den Schießhaussaal der Stadt ein. "Lasst Parteiengeist und Dünkel daheim", so seine Empfehlung. Zum Auftakt spricht er über den

Zusammenbruch des Alten
- Empörung der Jugend
.

Tags darauf 7 Uhr abends trifft sich die Gruppe mit ihren Anhängern auf dem Marktplatz und zieht mit ihnen nach Wildenheid. Am nächsten Tag verlassen sie die Stadt.

Etwa 35 Kilometer mögen sie auf ihrer Wanderung von Sonneberg nach Steinach (16.6.), Scheibe (17./18.6.), Alsbach (21.6.) und Ernstthal (22.6.) zurückgelegt haben. Durch Ernsttal führt der Rennsteig. Es ist ein Ortsteil von Lauscha, der inmitten der Berge und Wälder des Thüringer Schiefergebirges liegt.

 

Lauscha und Steinach, um den 22. Juni

Lauscha um 1962. Postkarte VEB Bild und Heimat, Reichenbach i.V.

Lauscha und Steinach liegen im Thüringischen Schiefergebirge. Es steht quer zur europäischen Hauptwetterrichtung, weshalb das Klima in den Höhenlagen rauh. Im Winter lässt sich auf den Hochflächen und Abhängen gut Ski fahren. Als die Neue Schar Neustadt bei Coburg verliessen, erklärten die Wandervögel der Stadt: "Dort in der Einsamkeit der Berge erkannten sie die Gebrechen unseres Volkes, die Sehnsucht der Masse nach dem Schmutz, der Lüge, dem Standesdünkel, mit dem Götzen Mammon ihrer Kirche, die keine Kirche mehr ist. Dort in der Stille der Wälder erkannten sie ihren Gott, den Gott, der in uns lebt und den die meisten Menschen totgeschwiegen haben. Da draußen auf den hohen Bergen fanden diese jungen Menschen ihre Kirche, ihren Gott ...." Klingt es vielleicht etwas überschwänglich, bringt es doch, woran ihnen besonders gelegen, dass zu sich selber kommen zum Ausdruck, was eine Voraussetzung zur Selbsterkenntnis war, um die Konflikte bewältigen zu können, in denen sie alle steckten.

Zu anderen Jahreszeiten kann man im Thüringischen Schiefergebirge prächtig durch die weiten Wälder wandern. Wo die dunklen Tannen ragen / Bäche rauschen, Vögelsingen (Heine), Wo frei die Adler horsten (Eichendorff), alle Blumen fröhlich, der Mond schwebt und die Mühle klappert (Ludwig Tieck), da fühlte sich die Neue Schar zu Hause, ungezwungen, selbstbestimmt.

Die Neue Schar kam nach Steinach. Was sich im kleinen Landstädtchen um sie ereignete, liess alle aufhorchen. Vom

"Sieg der Jugend"

sprach der Thüringer Waldbote und kommentierte:

Die "vorwärtstreibende Jugend" sammelte sich

am Abend des 22. Juni auf der Trift,

"um ihrem stürmischen, gärenden Leben Ausdruck und Geltung zu verschaffen. In Spiel und Tanz lebte sich die Freude und die Kraft der Jugend aus …" Sie bewies damit "ihren alle Widerstände überwindenden Siegesmut, den Willen zur Volksgemeinschaft. …. Ein Jünger der Freischar Muck-Lamberty, Georg Thürnagel, richtete als 18-jähriger Kämpfer für das hehre Werk der Jugend einige herzliche Worte an die Jungen. "…. Nun erhebe sich," sagte er, "die ganze Jugend in einmütiger Geschlossenheit, um die drückende Not unser Heimat durch inneren geistigen Aufstieg zu vertreiben und mit der Beseitigung der wirtschaftlichen Fesseln die beglückende Volksgemeinschaft zu erreichen. Das sei unser aller Ziel! ...."

"Als sie nach Lauscha kamen," frischt am 15. Januar 1921 der SPD-Vorwärts aus Berlin das kollektive Gedächtnis auf, "bliesen sie auf den Höhen in ihr Horn und begannen im Geiste der Jugend zu tanzen. Und die Kinder kamen zu Hunderten und freuten sich mit ihnen. - Und die Kinder tanzten den ganzen Tag lang und gingen des Abends hinab in den Ort und holten die Alten, die sonst fast keinen Gedanken hatten wie Schmalz 20 Mark, Zwirn 10 Mark und Butter 40 Mark. Und die Alten kamen und wurden entzündet."

 

Lauenstein, 23. bis 29. Juni

Lauenstein, unweit der fränkisch-thüringischen Grenze.
Vielleicht um 1935.

Verlag Jul. Escherich, Ludwigstadt

Bei der Burg Lauenstein in Oberfranken sass der exilierte König von Bulgarien mit am Lagerfeuer, der, wie Eugen Diedrichs (1920, 555) schreibt, "ganz allein als einziger Gast unter ihnen, als Mensch unter Menschen". Zusammen mit seinen Töchtern tanzten sie zur Sonnenwendfeier in die Nacht. Am liebsten, wären die Königskinder mit der Neuen Schar in die Welt gezogen.

Die Gruppe trifft den Kunstkritiker Wilhelm Uhde. In Von Bismarck bis Picasso lobt er sie 1938 (203): "Die Neue Schar half die Jugend zu entmaterialisieren, sie anspruchslos und froh zu machen, aus den Banden des Mechanischen zu befreien. Ihre Kräfte mit dem Segen des Handwerks neu zu verknüpfen, sie als wesentlicher Faktor einer deutschen Volksgemeinschaft einzuordnen. So stellte sie deutsche Bilder von Richter und Schwind vor uns auf."

Weiter führt ihr Weg über Großgeschwenda (30.6.) und Kaulsdorf (3.7.) nach Rudolstadt.

 

 

Wir sind die Musikanten.

Wir sind die Musikanten und zieh`n von Land zu Land
Wir sind die Musikanten und zieh`n von Land zu Land.
Wir können spielen Viovivviolin, wir können spielen Bass Viol und Flöt`
und wir können tanzen bums, fallera, bums, fallera, bums, fallera.
Wir können tanzen bums, fallera, bums, fallerallala.


Aus: Von der Neuen Schar mit dem blauen Fähnlein, Handzettel 1920

 

 

 

Rudolstadt, 5. bis 7. Juli

Rudolstadt Schloss (um 1930).

Hermann Paris, Kunstverlag, Rudolstadt

"Einen erfolgreichen Überfall auf Rudolstadt" unternahm am 5. Juli die Neue Schar vom blauen Fähnlein, teilt freudig die Rudolstädter Zeitung mit. Tags darauf ergänzt sie: "Eine ganz absonderliche Gesellschaft, die den Rudolstädtern zunächst viel zu raten aufgab. Mit dem an einer Fichtenstange angebrachten blauen Bundeszeichen erschien sie zunächst wie aus einer andern Welt entsprungen.

Allein schon nach wenigen Stunden hatten sie die Herzen der Rudolstädter und vor allem der Rudolstädterinnen im Sturm genommen, und als der Abend sich über das Schlachtfeld senkte, sang und tanzte fast die halbe Stadt mit ihnen auf dem grünen Rasen des Oberangers."

 


Flugblatt der Neuen Schar
Nach: Lisa Tetzner: Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr. Ein buntes Buch von Zeit und Menschen. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1923. Seite 118 f.

 

"An alle Lebendigen!

So kommt es sicher, dass die Jungen sich verbünden gegen alles Morsche und Faule, um gegen die Verderbtheit der heutigen Gesellschaft zu kämpfen. Die Jugend, die über allen Parteien steht um des Lebens willen.

Acht Tage lang habt ihr euch auf dem Vogelschießen Bauchtänze und allerhand seichte Sachen alter `Kultur` zeigen lassen, habt Dreck geschluckt und eure Ohren und Sinne durch Drehorgeln und allerhand Blödsinn und seelenlosen Kram betören lassen. Alles andere, nur kein Sichfreuen, Sichkennenlernen, kein gesundes, herzhaftes Fröhlichsein. Besinnt Euch! Unser Volk muss untergehen, wenn die Jungen und Junggebliebenen nicht an sich arbeiten. Wir wollen in den Tagen, wo wir bei euch sind, mit euch leben, spielen, kämpfen, uns aussprechen.

Wir bitten alle, die daran glauben, dass die Jugend besondere Aufgaben hat, uns zu helfen, dass diese Tage in dem Zeichen der Gesundung stehen.

Die Neue Schar ist seit Monaten unterwegs und hat überall die Menschen zu Tausenden mit fortgerissen. Wir sind fünfundzwanzig junge Handwerker, Kaufleute, Lehrerinnen und so weiter aus dem ganzen Land, die nichts von dem gehässigen Parteileben mehr wissen wollen und zur Volksgemeinschaft streben."

 

 

 

Über 3 000 sah man am Abend des 6. Juli auf den verschiedenen Tanzplätzen vereint.

Die Situation, in die sie gerieten, war nicht einfach. Die Stadt feierte Kirmes. Auf dem Festplatz herrschte ein buntes Treiben. Schausteller warteten mit ihren Fahrgeschäften auf Kunden. Artisten führten ihre Kunststücke vor. Buden unterschiedlichster Art boten ihre Ware feil. Doch zu ihrem Leidwesen schauen die Kinder und Erwachsenen mehr zu Muck als auf ihre Angebote. "Die Kinos, Messebuden, Kabaretts und andere auf den Massenbesuch eingerichtete Unternehmungen," teilte am 22. Juli 1920 das Jenaer Volksblatt seine Beobachtungen mit, "haben zum Teil schon ganze empfindliche Ausfälle durch die neue Bewegung erlitten."

Blick auf Rudolstadt, 1945

Quelle: H. Kuhnert: Tour of Rudolstadt. A little Guide-Bock. Greifensteinverlag Rudolstadt, Thuringia 1945, Seite 9 (Fotograf nicht angegeben.)

Am 6. Juli 1920 lädt Muck zum Vortrag in den Krugsaal ein. Er spricht über die

Revolution der Seele.

Unter gelegentlichen Zwischenrufen nahm die Menge den Vortrag begeistert auf. "Der Redner streifte in seinem zweistündigen Vortrag die mannigfachen Ursachen," kommentiert tags darauf die Rudolstädter Zeitung, "die eine Wiedergeburt unseres Volkes unmöglich machen und legte dar, dass nur durch eine allgemeine Erneuerung des ganzen Volkslebens ein sittlicher und wirtschaftlicher Aufstieg erreichbar ist. Die Rede war von hohem Idealismus durchdrungen und wird sicherlich manchen zum Nachdenken angeregt haben. Allerdings brachte sie auch bei der Kritik der bestehenden Verhältnisse mancherlei Verallgemeinerungen; wenn unser Volk wirklich so versucht wäre, wie es der Redner darstellte, dann hätte es nie und nimmer Jahre lang einer Welt von Feinden widerstehen können. - Dem Vortrag schloss sich eine Aussprache an."

Mehr und mehr stösst die Neue Schar auf öffentliches Interesse. Es imponiert die Lauterkeit ihrer Bemühungen. Vom Singen und Tanzen auf den Straßen und Plätzen sind einige so verzückt, dass sie sich zu einer eigenen Gruppe zusammenschliessen. "Ihr Leiter wurde der Lehrer Günther Bernhard [später Fritz Haupt]." "Sommers über zog die Schar an den Wochenenden mit Gesang und Klampfenmusik, voran blaue Fahnen und Wimpel, durch die Stadt zum Oberanger, auf die Große Wiese oder zur Bleichwiese, wo in zwangloser Folge Lieder und Musik erklangen, Laienspiele, meist Hans Sachs, zur Aufführung kamen, ein Wanderzirkus sein Können zeigte und wo selbstverständlich Volkstänze nicht fehlten. Dieses frohe Treiben lockte viele begeisterte Zuschauer an. … " Das Winterhalbjahr füllten die Heimabende. Günther Bernhard spielte Geige und ein Zupfinstrument, hielt die Jüngeren an, auch ein Instrument zu spielen. (Pätz 1990, 96)

 

 
"An alle! Wer macht mit?
     

Die Teilnehmer an den Angerspielen und -tänzen, denen gleich uns daran liegt, die neue Bewegung im Fluss zu halten und - für alle - ohne Unterschied des Berufs, der Partei, des Standes und des Geschlechts segensreich auszugestalten, werden herzlich gebeten, ihre Adresse an

Ilse Schweder, Schillerstraße 41,

gelangen zu lassen."

     

Jakob Buhl

  Mathilde Noack

Max Fliegerbauer

  Ilse Schweder

Franz Strzelczyk

  Elsbeth Wiegand

Ernst Taut

  Martha Wittig
     
D i e   R u d o l s t ä d t e r   "Schar".
     

Werbt für uns in allen Kreisen!

  auf zum Dienst am ganzen Volk!
     

Rudolstädter Zeitung, Tageblatt und Generalanzeiger für Schwarzburg-Rudolstadt und dem Remdaer Kreis, 8. Juli 1920

 

 

Ein Jahr später, am 20. und 21. August 1921, organisiert die Gruppe im Park des Kommerzienrates Richter ein Fest.

"Als im Herbst 1923 die Reichswehr hier [in Rudolstadt] einrückte und viele Arbeiter aus den Kreisen Rudolstadt, Saalfeld und Sonneberg im Gerichtsgefängnis inhaftiert waren. Zog nach einem Heimabend, vom Schloss kommend, die Neu Schar vor das Gerichtsgebäude und sang dort das alte Arbeiterlied Brüder, zur Sonne zur Freiheit. Da die Kinos gerade ihre Vorstellungen beendet hatten, sammelten sich im nu Hunderte von Menschen dort an und demonstrierten mit. Bald aber griff die Polizei ein, um Demonstranten mit mehr oder weniger sanfter Gewalt zu zerstreuen. Als Folge dieser Zusammenrottung während des noch gültigen Belagerungszustandes erhielten eine erhebliche Anzahl der Mitglieder der Neuen Schar Strafverfügungen." (Schneider 131)

Diese Nachrichten sind durchaus von Interesse, weil sie bezeugen, dass die Neue Schar nicht nur mit der freideutschen und deutschnationalen Jugend kommunizierte. Die linke Arbeiterjugend griff ihre Ideen ebenfalls auf. Zumindest einige wollten mit Muck die Fahrt ins Blaue wagen.

 

Von Rudolstadt zieht die Gruppe weiter über Schwarza (8./9.7.) nach Saalfeld.

 

 

Saalfeld, 10. bis 13. Juli

Johanneskirche in Saalfeld
Verlag Vereinigte Schreibwarenhändler, Saafeld a.S.

Von unterwegs kündigt die Schar ihr Kommen an:

"Sonnabend, Sonntag und Montag wollen wir bei Euch bleiben und mit Euch leben."

Sogleich teilt das Saalfelder Kreisblatt mit:

"Die Neue Schar, die mit ihren Volkstänzen und spielen in Thüringen, so zuletzt in Rudolstadt, viel Anklang gefunden hat und in jedem aufrichtigen Freunde der Jugend geradezu Begeisterung auslöste, hat gestern auch in Saalfeld ihren Einzug gehalten."

Für Sonnabend um 8 Uhr abends wirbt sie für ihre Spiele und Volkstänze auf dem Schiesshausplatz in Saalfeld. Anschließend beginnt die Aussprache. Am nächsten Tag spielt und tanzt hier die Gruppe mit Groß und Klein von 10 bis 3 Uhr.

Wie im Fluge vergehen die Stunden und Tage.

Zum Abschluss spricht am Montag, den 12. Juli abends 8 Uhr Muck im Saal des Meininger Hofes über:

"Revolution der Seele.
Zusammenbruch der Riten, Empörung der Jugend."

 

Über Ranis (12. bis 15.7.) und Pössneck (17. bis 19.7.) findet die Gruppe in die Zeiss-Stadt.

 

 

Pössneck 17. bis 19. Juli

 

 

Pößnecker Zeitung. Früher Wochenblatt - Allgemeiner Anzeiger,
Pößneck, den 14. Juli 1920:

Die sog. "Neue Schar", die jetzt mit Herren Lehrer Muck-Lamberty in Rudolstadt und Saalfeld durch Rede, Gesänge, Volkstänze und Volksspiele für eine Erneuerung der deutschen Jugend warb, ist nach Saalfelder Meldung Dienstag vormittag 9 Uhr nach Pössneck weitergezogen, um dort für ihre Ideen zu werben.

 

 

Am 17. heisst es dann endlich: Die Neue Schar ist da! Da kommen sie, barfüssig, kappenlos, in blauen Leinenkitteln, mit braunen Gesichtern und langem Haupthaar. Sie wollen mit Jung und Alt fröhlich sein. Noch am Morgen holen sie die Schulkinder zum Spiel ab. Aus Ranis, Saalfeld und Rudolstadt laufen ihnen weitere, vor allem Jugendliche zu. In stiller Stunde, kündigt die Pössnecker Zeitung am 17. Juli 1920 an, wollen sie über manche tiefe Frage unserer Zeit und unseres Volkes sprechen. "Heute Abend werden die Großen gebeten, sich einmal freizumachen von allen Plunder, der Mode und als einfache schlichte Menschen zu den Spielen auf den Spielplätzen unterhalb der Altenburg zu kommen."

Pößnecker Zeitung. Früher Wochenblatt - Allgemeiner Anzeiger. Pößneck, den 17. Juli 1920

 

Zwischen Pössneck und der Ankunft in Jena liegen einige Tage. Vielleicht übernachteten sie im Wald oder halfen beim Bauern.

"Ich sagte ja schon," heisst es in der Morgenlandfahrt (1932) bei Hermann Hesse, "daß wir bald nur als kleine Gruppe marschierten,
bald eine Schar oder gar ein Heer bildeten, zuweilen blieb ich aber auch nur mit einem einzigen Kameraden, oder auch ganz allein, in irgendeiner Gegend .... Wir zogen nach Morgenland ...."

 

Jena, 24. Juli bis 29. Juli

"Von Sonnabend bis Donnerstag wollen wir bei Euch bleiben, mit Euch leben und uns aussprechen", kündigt die Neue Schar ihr Kommen in der Stadt von Johann Gottlieb Fichte, Ernst Abbe und Felix Auerbach an. Hier trafen sie, erinnert sich 1970 das Mitglied der Neuen Schar Hans Pluta, mit der Puppenspielergruppe von Hans Albert Förster, die mit einem Kasperle-Theater, aus dem sich dann die Hohensteiner Puppenspiele entwickelte, und einer Wanderbücherei aus Leipzig unterwegs waren, zusammen.

 


Programm der Neuen Schar in Jena

Sonnabend, 24. Juli, 3 Uhr:
Spielen mit den Kleinen.

8 Uhr abends:
Tanzspiele mit den Großen auf den Spielwiesen.

Sonntag, 25. Juli, 10 Uhr und 3 Uhr:
Allgemeines Treffen mit Gross und Klein zum Spiel und
zur Aussprache auf den Spielwiesen.

Montag und Dienstag, 9 Uhr: Spielen mit den Kindern.

3 Uhr: wer sich freimachen kann, der gehe mit uns in den Wald.
Treffen am Volkshaus

8 Uhr: Mit den Grossen auf den Spielwiesen.

Am Mittwoch, den 28. Juli, 8 Uhr abends, spricht Muck im Saal des Volkshauses über

Die Revolution der Seele -
Zusammenbruch des Alten und Empörung der Jugend
.

 

 

Wie bunte Blumen verteilt die Neue Schar ihr Flugblatt

An alle jungen Menschen in Jena!

Darauf  steht geschrieben:

"Wir sind 25 junge Handwerker, Arbeiter, Kaufleute, Lehrerinnen usw. aus dem ganzen Lande, die nichts von dem gehässigen Parteileben wissen wollen und in Liebe zum Volke alles hingeben, so sagen sie von sich selbst."

Gemeinsam wollen sie tanzen, singen, scherzen und fröhlich sein - ohne Dünkel-, Kneipen- und Kastengeist.

Wir wollen uns aussprechen,

ruft die Neue Schar den Bürgern zu. Eine Ansprache, die in den nächsten Wochen immer wiederkehrt. Die Gruppe verspricht, es sollen Festtage für "Zeichen der Gesundung" und ein Protest gegen "Spießigkeit und Dämlichkeit (Damen)" werden. Und sie hielt es! Geschickt kommuniziert man die alltäglichen Sorgen der Bürger. Mit Musik, Tanz und Spiel therapieren sie den Missmut. Gegen Einsamkeit und Verstörtheit, Vermaterialisierung und Schematisierung des Alltags verordnen sie das Schwingen der Seele.

Flugblatt (Ausschnitt)
der Neuen Schar:
"An alle jungen Menschen in Jena!"
Jena Juli 1920 - Vollbild

Kokett präsentiert die Gruppe ihre emanzipativen Ideen. Das Flugblatt

An alle jungen Menschen in Jena!

ist ein Affront gegen Standesdünkel, Untertanengeist, Militarismus, obrigkeitsstaatlichen Denken und brachialer Disziplinierungskultur. Bezeichnet deshalb am 10. August 1928 die Nordbayerische Zeitung den Zug der Neuen Schar

"mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit als ein schweres Verbrechen an der gesamten deutschen Jugendbewegung"?

Waffen- und Farbenstudenten machten der Neuen Schar in Jena zu schaffen. Durch einen Umzug, "bei dem auf einem Wagen ein Germane mit Helm und Hörnern und einer teutonischen Maid (verkleidete Studentin) mit künstlichen langen Zöpfen, die sich gegenseitig tätschelten, mitgeführt", sollten sie lächerlich gemacht werden (Pluta 1970, 104f.). Aber sie liessen sich nicht irre machen. "Und bald gab es keinen Studenten, auch keinen Couleurstudenten mehr," konstatierte der Vorwärts (Berlin) am 15. Januar 1921, "der nicht mit Muck und den Kindern tanzte."

"Die sozialistische Arbeiterjugend störte nach Mucks Abzug parteimässig absichtlich die Fröhlichkeit der Tanzenden auf der Wiese", drang bis Eugen Diederichs (1920, 556) vor.

Für Mittwoch, den 28. Juli abends 8 Uhr kündigt sich Muck im Saal des Volkshauses mit dem Vortrag

Revolution der Seele
Zusammenbruch des Alten Empörung der Jugend

an.

Volkshaus in Jena

Quelle: Neue Stadtbaukunst, Jena. Einleitung von Oberbürgermeister Dr. Ing. Alexander Elsner. Friedrich Ernst Hübsch Verlag G.M.B.H., Berlin - Leipzig - Wien, 1928, Seite 2 (Fotograf nicht angegeben.)

Gross war die Resonanz, das Volkshaus zu klein, skizziert 1920 Gustav Schröer in der Sächsischen Heimat das Ereignis, um alle Interessenten aufzunehmen. Der Vorwärts (Berlin) erinnerte am 15. Januar 1921 daran: "Die ganze Bühne war mit Blumen geschmückt und die Schar sass um das Podium mit Kränzen im Haar, barfuss mit Klampfen und Geigen."

"Und Tausende waren im Saale, so dass er noch nie so voll war. Von dem Podium, sonst die Kampfstätte der Parteien, ertönten Worte der Liebe. - Und alle Menschen nannten sich Du. Und alle verschworen sich mit Muck gegen die Kaffeehauszigarettenschmutzkinokultur."

Nach dem Ende der Veranstaltung disputierten vor dem Volkshaus eine ältere Dame und ein Sozialist miteinander.

"....sie suchte ihm durch Beispiele nahe zu bringen, daß man wie Muck wolle, wieder Vertrauen zu einander haben müsse".

"Ach was, endete schließlich der Sozialist: Klassenkampf ist nötig, lesen sie erst einmal die sozialistischen Bücher."

Wahrscheinlich stiess in Jena Gusto Gräser zur Schar. "Nach der jahrelangen Trennung, in der sie verschiedene Wege gegangen waren, muss für Muck die Wiederbegegnung mit Gräser ein befreiendes Erlebnis gewesen sein." (Müller 20.8.2013)

Vielen Bürgern blieben die Tage mit der Neuen Schar in guter Erinnerung. Wilhelm Malberg, Bruder von Hans-Joachim Malberg, der in Jena die erste Laienspielschar der Volkshochschulen in Thüringen leitete, erinnert sich ".... an seine Begeisterung für die Veranstaltungen der Neuen Schar um Muck-Lamberti auf dem Jenaer Marktplatz, bei denen die Schar mit Gesang, Reigentanz und Stegreifspielen zahlreiche Menschen faszinierte, zum Mittun einlud, und denen er sich am liebsten angeschlossen hätte." (Reimers 301, 303)

Laut Mucks Wanderbuch zieht die Schar über Seitenroda / Kahla (30.7. bis 3.8.) und Blankenhain (11.8.) in Weimar ein.

 

Seitenroda / Kahla, 30. Juli bis 3. August

Am Montag, den 2. August tritt Muck im großen Rathaussaal von Kahla zum Thema

Revolution und Jugend

auf.

Friedrich Muck-Lamberty,
wahrscheinlich während seines Aufenthaltes in Kahla (vom 2. bis 3. August 1920 )

Wer wollte und konnte, der war schon ab 15 Uhr mit der Neuen Schar im Wald wandern. Zwei Tage davor spielte sie morgens mit den Kindern. Abends führte sie bei Tanzspielen auf dem Schützenplatz Regie.

In einem kleinen Dorf mit einer Quelle, wahrscheinlich Pfarrkeßler bei Blankenhain, halten sie Rast, ruhen sich aus, kochen gemeinsam Essen, backen Schrotbrot, essen vegetarische Kost, schlafen auf dem Heuboden. "Die Mädchen der Schar waren Vegetarierin, teils schon vom Elternhaus her, und mitunter ergaben sich schwierige Situationen, wenn z.B. ein überzeugter Vegetarier von einem Fleischermeister in Quartier genommen wurde." (Pluta 1970, 105)

 

.... die Menschen glauben an dich

Von Hans Pluta (1970) erfahren wir, das zwischen Kahla und Blankenhain ein Mädchen zur Gruppe stösst. "Als wir im Sommer in Pfarrkessler [Pfarrkeßlar] unsere Ruhepause hielten," kann er noch gedanklich reproduzieren, "kam ein Mädchen aus Glauchau in Sachsen zu uns, vielmehr zu Muck, die ein Kind von ihm unter dem Herzen trug. Legal war sie wohl nicht mit ihm damals verbunden, doch wir fühlten, dass durchaus ein inniges Verhältnis bestand und revolutionär, wie wir alle waren, nahm daran keiner Anstoß, zumal sich ja beide auf das Kind freuten." Es ist nicht klar, wer genau hier gemeint ist. Vielleicht K ä t h e? Eher nicht. Denn es hiess doch immer "das Mädchen aus Erfurt"?

Bisweilen macht sie einen verstörten Eindruck. Muck kümmert sich um sie, was Konflikte in der Gruppe heraufbeschwört. Vielleicht fordern die anderen bald ihre Entfernung.

Denn H a n n a  ist in der Gruppe.

Eindrucksvoll skizziert Lisa Tetzner (1923, 44), die sich nach Erfurt der Gruppe anschliesst, die Rolle und Position von Hanna und Käthe in der Gruppe:

"Es ist ein heißer Sommerabend. Ich liege unter der Schar auf einer Lichtung im Wald. Zwischen den mir rauschenden Waldbäumen bereiten Burschen der Schar mit Waldgras und Stroh ein Lager für die Nacht. Dort vorn über die Schneise schreitet die  b l o n d e  H a n n a. Ihr grobes, blaues Leinenkleid lässt Arme, Nacken und Füße frei. Das aschblonde Haar ist schlicht zurückgelegt und sticht nicht sonderlich ab von der rotbraun gebrannten, sommerlichen Haut. Sie hat etwas von den Mädchen aus alter Sage, unter denen sich Königinnen verbergen. Gudrun, denke ich. Sie trägt einen Bottich Essen zum Feuerplatz und ruft mit klarer, warmer Stimme den Burschen zu, ihr zu helfen. Ich weiss nicht, warum mich dieses Mädchen immer so tief bewegt.

Kräftiger und erdhafter als sie, auch breiter und herrischer, dunkler, in den Tönen, ist jene dort unter den Bäumen, die dabei ist, an dem vorüberfliessenden Wasser Wäsche zu spülen. Sie heisst  K ä t h e und ist noch nicht lange bei der Schar."

Alle hegten gegenüber Muck gewaltige Erwartungen. Als die Situation wegen des Mädchens, dass nun schon seit drei Tagen in der Schar weilt, dabei krankhaft unruhig und erregt erscheint, immer schwieriger wurde, fasst H a n n a  Mut und sagt:

"Muck, weißt du, dass alle Menschen um uns nach dir sehen, dass du dich vor ihnen verantworten musst mit deinen Taten? Lass all dein Tun so sein wie deine Worte. Weiche nicht ab, die Menschen glauben an dich. Halte dich frei von dem Wunsche, gefallen zu wollen, überwinde dich selbst, denn du hast eine Sendung von Gott. Muck, wir glauben an dich."

Er merkt nicht, dass sich Erwartungen als Forderungen des Tages entpuppten. Er wollte sich ihnen nicht stellen und umschiffte sie leichtfertig mit der Phrase:

"Ich bin nur dem verantwortlich, der mich gesandt hat, nicht den Menschen. Und aussergewöhnliche Menschen haben aussergewöhnliche Rechte".

Niemand hatte ihn gesandt. In Selbstermächtigung waren sie aufgebrochen, um mit dem Leben fertig zu werden. Jetzt war er ihnen, die mit ihm zogen und den vielen begeisterten Jugendlichen, die mit ihm in eine neue Zeit aufbrechen wollten, verantwortlich.

"Sie senkt das Haupt und verlässt wortlos, mit schlaff herunterhängenden Armen den Kreis. Sie entschwindet langsam im Wald.

Alle in der Schar wissen, dass sie ihn seit Jahren liebt und zu ihm gehört. Sie wissen auch, was sie für Muck bedeutet. Keiner spricht nun mehr ein Wort."

 

Ein beispielloser Erfolg (Harry Wilde):
Weimar 12. bis 19. August

"In Jena und Kahla ist in den letzten Tagen die Neue Schar aufgetreten", trommelt die Thüringer Tageszeitung am 13. August 1920. "Diese jungen Leute waren aufgebrochen, um den deutschen Volke das wieder nahe zu bringen, was nicht erst im Laufe der Kriegszeit, sondern schon vorher zu seinem Schaden verloren ging, den Sinn für Volkstum, Heimat und heitere Fröhlichkeit unter Ausschaltung moderne Genüsse ….. Ihr Ziel ist die Erneuerung unseres ganzen Volkslebens unter Ausschaltung der politischen Fragen. Die Neue Schar hat in beiden Städten zahlreiche Anhänger gefunden, und nun kommt die Mitteilung, daß diese Schar junger Menschen auch am Sonnabend nach Weimar kommen wird, um mit Jung und Alt fröhlich zu sein, zu spielen und in stillen Stunden über manche tiefe Frage unserer Zeit und unseres Volkserlebens zu sprechen."

Einen Tag darauf meldet die Stadtzeitung: "Muck Lamberti und seine Schar sind in Weimar eingezogen". Sie "haben schon

auf der Großmutter und
abends auf dem Markplatze

gespielt und getanzt. Zahlreiche Zuschauer hatten sich eingefunden, daß Einschreiten der Polizei wurde glücklich überwunden und bald herrschte unter Teilnahme der Jugend Weimars allgemeine Fröhlichkeit."

"Durch Spiel und Tanz, Geschichtenerzählen und Besprechungen ziehen sie jung und dann auch alt an sich heran und wirft ihre Ideen in die Menge," verspricht die Landeszeitung am 17. August, "die ganz gewiss bei vielen nachwirken werden. Gehe jeder, der noch nicht dort war, zu den Spielen der Lamberty-Schar, höre sich jeder das an, was sie und ihr Führer über ihre Sache zu sagen haben, und er wird zum mindesten neue Gesichtspunkte für die Betrachtung der gegenwärtigen Verhältnisse gewinnen."

"Aufnahme ganz gross. Die Presse hatte gute Berichte vorab gebracht," kramt Hans Pluta 1970 aus seinen Erinnerung hervor. Der Geist dieser Stadt war durchweg freizügig, es gab das Bauhaus mit Walter Gropius und viele Internate, Pensionate, Schulen der Freischaffenden. Polizei und Saalbesitzer sind von der Begeisterung der Weimarer "einfach überrannt." (WLZ 17.8.1920)

Auf ihrem Flugblatt rät die Neue Schar:

"Zu allen Veranstaltungen kommt als schlichte, einfache Menschen, lasst Pomade und dumme Modetorheiten daheim.
Junge Menschen haben Herzensfreude
als Schmuck und Sinn."

"Als es galt, den Aufenthalt in Weimar vorzubereiten, wurde ich dafür bestimmt", rekonstruierte 1965 (123) Harry Wilde die Planungsphase. "In der Goethestadt, die ich recht gut kannte," schreibt er 1974 (17), "als Vorreiter angekommen, sah ich mich vor die Frage gestellt, wo Muck seine grosse Abschlusskundgebung halten sollte. In den Saal im Volkshaus ging kein Bürgerlicher, und in den zweiten grossen Saal, ich glaube er hiess Harmonie, ging kein Arbeiter, trotz des verbindlich klingenden Namens. Bei der Lösung des Problems kam mir der Gedanke Muck in der Herderkirche sprechen zu lassen. Das grenzte an Ketzerei, und nur wenn man jung ist, hat man solche Einfälle ...."

Stadtkirche
zu St. Peter und Paul
in Weimar

Bartning, Ludwig: Stadtkirche und Gymnasium [in Weimar]. In: Wilhelm Bode: Damals in Weimar. H. Haessel, Verlag Leipzig 1925 (Fotograf nicht ausgewiesen.)

Die Abschlusskundgebung fand Mittwochabend in der Stadtkirche St. Peter und Paul statt und war ein beispielloser Erfolg (H.Wilde).

"Muck hatte um Blumenspenden gebeten, und es kamen ganze Wagenladungen. Hannele, von Beruf Gärtnerin, flocht Girlanden, die wir um die Pfeiler wanden. Mit dem von Blumen überladenen Altar hatte die ehrwürdige Herderkirche wohl nie zuvor einen so festlichen und fröhlichen Anblick geboten."

Zu Beginn erschallt, dass alte Wallfahrtsslied Meerstern, ich dich grüße. Als Schlusschoral sangen sie mehrstimmig Ein feste Burg ist unser Gott, begleitet von Orgel, Klampfen und Flöten. (Vgl. Wilde 1965, 124)

Mucks Predigt verlief nicht ohne Zwischenfall. Nach dem Anstimmen des Kirchenliedes Eine feste Burg ist unser Gott, reagiert ein Trupp junger Leute mit Empörung und Ablehnung. Sie stören Muck bei seiner Rede. Es wurde damals die Vermutung geäussert, dass sie von der sozialistischen Arbeiterjugend waren.

Zum ersten Reichsjugendtag vom 28. bis 30. August in Weimar kommen etwa 2 000 Jugendliche aus den Arbeiterjugendvereinen (ab 1922 SAJ, Sozialistische Arbeiterjugend). Symbolisch verbrennen sie ein Hakenkreuz. Am Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater spricht Erich Ollenhauer Worte des Gedenkens. Jugendliche legen Kränze nieder. Auf grosse Begeisterung stösst das gemeinsame Singen von Wann wir schreiten Seit´ an Seit´ (Hermann Claudius) mit Max Westphal.

 

Tags darauf lobt die Weimarische Landeszeitung die Muck-Predigt:

"Dieser 18. August 1920 wird in der jungen Geschichte unserer jungen freien Volkskirche ein Ruhmestag bedeuten, und leitenden Männern der Kirche gebührt Dank für den Mut und die Einsicht, daß sie einmal einen sprechen ließen, der keine der üblichen amtlichen Beglaubigungen besitzt, sondern allein die Berechtigung des Geistes und der Kraft. Die mittelalterliche Nebenbestimmung des Kirchenhauses als Versammlungsort der Gemeinde scheint wieder in die Rechte zu treten. In die Tage des Urchristentums glaubte man sich versetzt, in die enthusiastische apostolische Zeit, oder in die Epoche der wilden Mystik, wo inbrünstige, gotterfüllte Wanderer und Prediger durch die Lande zogen, wenn man um das blumenvolle Sprecherpult die schlichten stämmigen Gestalten mit Kittel und Wanderlatschen stehen sah. Was da in glühendem Redeschwung von einem Manne gesagt wurde, der sich selber gab, das wühlte auf. Von diesem Menschen mit dem deutschen, herb geschnittenen Gesicht geht religiöses Leben aus. Er ist einer, der die engenden Schranken der Konvention, den dumpfen Bann des Herkommens gebrochen und angefangen hat wer zu sein. Er weiß auszusprechen, was so viele fühlen, und man merkt, wie ihm im Widerhall der Tausende Hörer die Kraft zum Wirken wächst." (WLZ 19.8.1920)

 

Knapp zwei Monate nach dem Auftritt der Spiel & Tanz-Company in Weimar übermittelt Ende September Gisella Selden-Goth ihre Eindrücke dem Wiener Lesepublikum:

"Hier .... ertönen sie tagtäglich vor den Fenstern von Goethes Gartenhäuschen, um Karl Augusts Denkmal am Fürstenplatz, auf allen Wiesen längs der buntbelaubten Tiefurter Allee. In den farbenfroh geschlungenen Reigen greifen junge Männer in Wandervogeltracht unauffällig ordnend, helfend, ermahnend ein, klatschen, hopfen, wirbeln mit und führen sangeslustig die vielen ungeübten Stimmchen an. Ringsum steht aber die Menge der Erwachsenen und fühlt sich durch die einfachen Rhythmen magisch in den Kreis gezogen. Mit Zauberkraft zwingen sie diesen und jenen hinein, und wenn die Dämmerung die Kleinen nach Hause gescheucht, tanzen noch die Scharen der Grossen seelenvergnügt in den herandunkelnden Septemberabend hinein." (Neues Wiener Journal)

 

Von Weimar wandert die Neue Schar nach Erfurt. Hier erreicht Lisa Tetzner (1923, 114f.) die Gruppe und hört die Predigt von Muck auf dem Domplatz. Erst nach dieser Station kommt sie mit der Gruppe direkt in Berührung und schliesst sich ihr an. Unterwegs zur Neuen Schar, beschert ihr der Zufall eine ausgefallene Begegnung:

"Da ist er", sagt unverhofft, fast ängstlich beklommen, ein altes Bäuerlein neben mir und deutet mit der Hand nach der Schar. `Wer`, frage ich [Lisa Tetzner], erschrocken aus meinen Träumen gerissen. `Muck`, und leise, fast mit kindlicher Wichtigkeit setzt er hinzu,

`ein so neuer Prophet, der von Gott kommt.

Gestern hat er in der St. Johannikirche gepredigt. Ich bin auch dort gewesen. Ja, was der uns alles gesagt hat. Dass wir so schlecht wären, dass wir das Rauchen und Saufen lassen sollten. Wohl, wohl, mag schon richtig sein. Und von den vielen Parteien, von rechts und von links, was das für Unsinn sei. Ein Sumpf wär` alles um uns, ja, ein Sumpf, hat er gesagt, aus dem wir` raus müssten, um nicht zugrunde zu gehen."

"`Und was glaubst`, spricht er weiter, `die haben alle davorgesessen und es sich anhören müssen. Mucksmäuschenstill haben sie gesessen, wohl, wohl. Und nun ist die ganze Stadt verdreht, weiss der Himmel, alles haben die Menschen dumm gemacht. Aber`, er spuckt in grossem Bogen seinen Kautabak, `er hat besser geredet für uns als der Pfarrer.` Er schweigt eine Weile …."

 

 

Erfurt, 21. bis 29. August

Am 21. August 1920 kündigt die Freie Presse die Neue Schar an:

"Heute Abend spielen sie mit den Kleinen und Grossen auf dem Friedrichs-Wilhelm-Platze [Domplatz]. Steht dann nicht zur Seite, beteiligt Euch, und wenn es möglich ist, gebt einen der Neuschärler Obdach!"

Viele Blumen schmücken die Stadt. Bekannte Gärtnereien sandten sie in Überfülle. Neugierige, Wandervögel, Frei- und Neudeutsche, Bürger aus allen Schichten waren gekommen.

"Besonders malerisch war in Erfurt", entsinnt sich 1970 Hans Pluta an die Tage mit der Neuen Schar, "das abendliche Bild mit der blauen Fahne, davor auf dem weiten Platz in seiner bunten Vielzahl alte und junge Menschen, gemeinsam gesungene Volkslieder und Mucks Ansprache von einer kleinen Kanzel aus  ...." Er hatte "in Erfurt Quartier bei einem Weingroßhändler direkt am Friedrich-
Wilhelm-Platz, dem großen Platz zu Füßen des Domes und der Severiuskirche."

Im Thüringer Heimatkalender berichtet Rudolf Wiemer 1976 wie er der Neuen Schar in Erfurt begegnete:

"Ich war damals Obersekundaner und sass, den Zeichenblock auf den Knien, mit meinen Kameraden vor einem schiefen, aber malerischen Fachwerkwinkel, an denen die Stadt Erfurt reich ist. Die vorsommerliche Sonne [es war dennoch im Monat August] wärmte uns den Rücken, Handwagen klapperten vorüber, in den Höfen wurden Teppiche geklopft. Plötzlich packte mein Freund mich am Arm zeigte in die Gasse und rief Das sind sie! Ich sah eine Gruppe junger Menschen herankommen, barthäuptig alle, die Burschen in Kittel und kurzer Hose, riemengegürtet, die Beine braun und nackt, die Füße in Sandalen, die Mädchen in langen, hellen Kleidern, alle energisch ausschreitend, mit offenen, lachenden Gesichtern. Wer ist das? fragte ich verwundert. Die Neue Schar antwortet mein Freund. Und der dort in den Apfel beisst, das ist Muck Lamberty."

 

Harry Wilde löste sich in Erfurt von der Schar. An die Gründe kann er sich 1965 (127 f.) nicht mehr erinnern. Zusammen mit einem Studenten wandert er nach Kassel, wo sie die Mutter von Muck-Lamberty besuchen. "Sie gab sich alle Mühe, mich zu überreden, dass es meine Aufgabe sei, Muck zur Heirat zu überreden. Als frommer Katholikin waren der alten Dame die vielen Frauenbekanntschaften ihres Sohnes ein Ärgernis. Sie sah in jedem Mädchen der Schar eine potentielle Geliebte. Nur schwer gelang es mir, sie von dieser Vorstellung abzubringen."

 

Auf dem Domplatz

Heran an die Massen! gibt der vom 22. Juni bis 12. Juli 1921 in Moskau tagende III. Weltkongress der Kommunistischen Internationale als Losung aus. Muck-Lamberty schaffte das bereits im Sommer 1920.

"Erfurt war der Höhepunkt des Tanztaumels, aber auch der Andacht", stellt Rüdiger Safransky (2007, 336) heraus. "Er sprach als erster Laie", würdigen Werner Milch und Fritz Borinski 1967 (46) diesen geschichtlichen Moment, "von der Kanzel einer der berühmtesten Kirchen Deutschlands zu einer tausendköpfigen Menge."

Domplatz Erfurt,
Markttag (1939)

Richard Schenker Ansichtskartenverlag, Erfurt

Fünfzehn bis zwanzigtausend Menschen kamen zum Friedrich-Wilhelm-Platz (seit 1945 Domplatz) unterhalb der Treppenstufen am Dom. Tausende lauschten seiner Rede. "Am zweiten, am dritten Tag ist die ganze Stadt von einem Taumel erfasst." "In den Schulhöfen, im katholischen Waisenhaus, in den protestantischen Jungfrauenverein, überall wird getanzt, wie die Neue Schar es gelehrt hat." (Ritzhaupt 18, 8)

"Das Tanzen dauerte", entsinnt sich 1976 Rudolf Wiemer (20), "in die späten Abendstunden hinein; jetzt waren es zumeist Erwachsene, die singend herumwirbelten, in Paaren oder im Kreis - eine Woche lang war der Domplatz bis gegen Mitternacht von gespenstisch lautem Leben erfüllt, so dass die Anwohner sich beschwerten und in der Zeitung anklägerische Artikel gegen den "Mummenschanz" erschienen. Die Polizei wurde aufgeboten; nichts half. Die Begeisterung der Tanzenden war stärker. Man schüttelte den Kopf, man fragte: wer ist dieser Mann, der so über Herzen und Füße Gewalt hat? Ein Rattenfänger? Ein Scharlatan? Ein Prophet?"

 

 

"Von der Neuen Schar mit dem blauen Fähnlein." [1920]
Abschrift von einem Handzettel

Die Tanzweise von Muck

Hoppheisa

Hoppheisa, Hoppheisa, wir tanzen mein Kind, wir tanzen mit den fröhlichen Reigen.
Da droben im Baume da säuselt der Winde, der will dazu pfeiffen und geigen,
Trallalala, trallalala, trallalala, trallalala.
Und wie er so siedelt, der herrliche Gast, in seiner gar lustigen Weise,
Die Blätter da droben auf jeglichem Ast, die drehen sich munter im Kreise,
trallalala, trallalala, trallalala, trallalala.
Hoppheisa, Hoppheisa, geschwind wir uns dreh`n, es tanzet der Bub` nur in Söckchen,
Die Bänder, sie flattern, die Schürzen, sie weh`n, es fliegen die Zöpfe und Löckchen.
Trallalala, trallalala, trallalala lala.


 

 

Dienstag, den 24. August 1920:

"Es ist nach 8 Uhr abends. -- Andreasstrasse. -- Menschen strömen in Gruppen, zu zweien und einzeln in eine Richtung: Friedrich-Wilhelmsplatz! [Domplatz] - -", schildert Gustav Schröer (=Lynkeus) die Atmosphäre. "Im Nachtdunkel sieht man dort zunächst nur schwarze Menschenmauern, zuweilen dringt ein Melodiestück eines Volkstanzes durch, hier leicht beschwingt, dort getragen --- schwermütig. Überall auf dem weiten Platze reges Leben: Ein Fest der jungen Menschen in urwüchsiger Einfachheit. Die Alten stehen dabei und erwägen im Herzen, ob sie schon heute oder vielleicht erst morgen mit den Jungen fröhlich sein wollen. Viele haben ihre Vorurteile längst aufgesteckt, sind in die Reihen der Spielenden eingetreten mit erwartungsfrohen Augen. Plötzlich geht eine Bewegung durch die Masse, die Tänze werden unterbrochen. Die Domstufen können die andrängende Menge nicht fassen; bis drunten zur Ehrensäule steht sie dicht gedrängt, bis hinauf ans selbstverschlossene Gittertor des Domgangs sitzt sie auf den Stufen Kopf an Kopf. - "Im Schönen Wiesengrunde …" So brandet es wuchtig hervor, schallt`s von der platzumgürtenden Häusermauer zurück und rankt sich`s an den Steinwanden Jahrhunderte alter Gotik auf: Sever und Dom schneiden düster-ersinnte Gesichter. - Da Lied ist verstummt. Oben und unter beginnendes Beifallklatschen, Rufe zur Ruhe. - - Stille."

 

Dom und Severikirche, Erfurt

Chr. Niedling, Erfurt, 1912

Lynkeus verdichtet die Rede wie folgt: "Muck-Lamberty, der Führer der neuen Schar spricht von der kleinen Kanzel seitlich der Stufen: Müsst ihr Menschen denn immer, wenn ihr etwas Schönes erlebt habt, Geräusche machen? Muss ein Musikstück immer durch euer Klatschen des inneren Ausklangs beraubt werden? …. Dann wendet er sich dem vergangenen Tage zu, der einer der schwersten der Schar gewesen sei: Die Schulverwaltung hat in kurzsichtiger Bürokratie den einzelnen Schulen am Vormittage, angeblich im Interesse eines wohlgeordneten Schulunterrichts, nicht freigegeben … Dann sprach Muck-Lamberty von der Not der Zeit. Was er darüber sagte, ist den meisten schon bekannt, aber wie er es so glutvoll von Herzen gehend sagte, dass ist dass Rex."

 

Lisa Tetzner (1923, 120f.) erlebte im Lichte dieses herrlichen Sommerabends die Dom-Predigt von Muck. Von einer Kanzel schallt laut und klar seine Stimme über den Platz:

"Menschen!
Wir haben euch mit unserem Horn zusammengeblasen. Wir sind mit Lärmen gekommen, weil ihr den leisen Rufen noch nicht folgt, weil ihr erst lebendig werden müsst und euch zusammentun, um frei zu werden von allem Schiebertum und Wucher, von Faulem und Morschen. Kritisiert nicht an uns herum, weil wir anders sind, als ihr gewohnt seid. Wir müssen so sein. Hetzt nicht gegen uns, sondern helft mit, unser ganzes Volk frei zu machen und zu einer wahren Volksgemeinschaft zu führen. Seht, wir kommen nicht im Zeichen einer Partei, wir stehen nicht für rechts oder links, sondern wir stehen mit beiden Füßen auf der Erde und tragen den Kopf in den Himmel."

 

Kurt Kläber dichtet:

Er ist nur einer aus den dunklen Massen,
Doch seine Sendung hat ihn jäh erhöht,
Und seine Worte gellen durch die Gassen
Als wäre er schon immer ihr Prophet.

Der Aufrührer

 

Muck spricht weiter: ".... Er erzählt von den Geistigen und den Proleten, von den Lebendigen und den Toten, von Kasten und Parteimenschen. Dann wächst er ins Religiöse, er spricht von Christus, der auch kommen musste, um den Tempel zu reinigen. Und plötzlich ist es, als liefe ein Schauer durch die Menschen, als er dort oben über sie hin in den wolkenlosen Himmel hinauf glutdurchdrungen ruft:

Zurück zu Gott."

 

Mucks Rede auf dem Domplatz begeisterte die Menschen. Sie steigerte weiter seine Popularität. In ganz Thüringen erklingt der Name "Neue Schar".

 

In der Barfüßerkirche

Am Freitagabend ½ 8 Uhr spricht Muck in der Barfüßerkirche.

Darüber referiert ein Zeitzeuge:

"Weder die Chronik der Jugendbewegung, noch die Geschichte der Erfurter Volksfeste dürfte den Abend des 27. August 1920 übergehen. Bereits eine Stunde vor Beginn des Vortrags von Muck-Lamberty gleicht die Barfüsserstrasse einem Schwamm, der im Aufsaugen keine Grenze hat. Menschenklumpen ballen sich durch die enge Kirchtür. Sitzplätze sind nicht mehr zu haben. In den Gängen enges Drängen. Ein freundliches Wort öffnet mir junger Menschen feste Kette, die den Choraufgang gegen die Menge abschliesst. Nun bin ich oben, darf an der Brüstung stehen und schauen. Der weite Raum ist schon übervoll und immer noch scheint der Zustrom kein Ende. Einer von der Schar bittet, zusammenzurücken. Hunderte finden noch ein Plätzchen. Die alten girlandengeschmückten Steinsäulen blicken verwundert auf das Gewimmel zu ihren Füssen: einmütig sitzt hier der Geheimrat neben dem Arbeiter, hockt dort der Handwerker neben dem Akademiker. An der Chortreppe erregter Stimmenwechsel. Man will den Organisten nicht zu seiner Orgel lassen. Ein aufklärendes Wort gibt ihm Raum. Drunten flammen inzwischen die Kerzen der kranzumwundenen Leuchter auf; Schirme und Stockrücken bringen die Gaslampen bis auf wenige zum Verlöschen. Feierliches Halbdunkel. Matt winkt der Goldgrund des Hochaltars zum Chor herüber, von dem jetzt ein Orgelvorspiel das trutzige Eine feste Burg …. einleitet. Nun ein Gesang jugendfroher Stimmen von Geigen und Orgel zart begleitet. Dann Stille … Utz, der Quartiermacher der Schar, begrüsst die Festgemeinde. Am liebsten möchten wir zu jedem einzelnen erst hingehen und ihm die Hand drücken…. Gleich darauf betritt ein anderer der Schar das lichter- und blumenumstandene Rednerpult. Ein Raunen und Flüstern durchsummt die Masse: Muck-Lamberty. Kaum hat er begonnen, tragen vom Kircheneingange her wilde Rufe Wellen der Aufregung in die Versammlung. Die Menge derer, die keinen Einlass mehr gefunden haben, hat scheinbar das Tor gesprengt. Allmählich tritt wieder Ruhe ein. Muck spricht weiter. Ja, das ist aber kein Vortrag, das ist Herzenszwiesprache, die er hält, das ist Erlebnis. Das spüren wohl auch zwei Jünglinge vom Deutschnationalen Jugendbund, die unten vorher einer dem anderen erklärt hatten, sich durch keine Stimmungsmacherei einfangen zu lassen. Als Muck nämlich, von den Schicksalen der neuen Schar ausgehend, auf das Lotterleben der meisten Studentenverbindungen in Jena zu sprechen kommt, sehen sie sich ganz verstört an - ich kann`s von oben beobachten - und verlassen gleich darauf die Kirche. Hoffentlich fruchtet`s bei denen! Von dem, was Lamberty an diesem Abend sagt, kann ich nur einiges Herausgreifen, es ist schier zu viel. Trefflich kennzeichnet dies der vertrauensselige Ausspruch eines alten Mütterchens nach Schluss: Wer den Kram gleich gefasst hat, für den wäre die Hälfte genug gewesen! O sei mir nicht böse, du liebes, altes Mütterchen, das ich dein Geheimnis preisgebe, Zeitungsmenschen sind in dieser Hinsicht undankbar. - Muck-Lamberty spricht vom

neuen jungen Menschen,

der aus der aufsteigenden Sehnsucht von Mann und Weib herausgeboren werden muss, von der Jugend, der man erst Zeit lassen soll, Mensch zu werden, bevor sie sich für Parteien entscheidet, und von der Meisterschaft der Arbeit: Im Erzgebirge gebe es hundert Meister, die nichts weiter könnten, als immer die gleichen Sofabeine drehen. Er meint die Meisterschaft der Arbeit, wo jeder mit ganzer Seele an einem Stücke schafft und diesem seinen ganz persönlichen Stempel aufdrückt. Zum Schluss weist er noch einmal darauf hin, dass seine Schar keinen Selbstzweck verfolgt, sondern nur Wegbereiter sein will für Menschen, die nach ihnen kämen und die uns noch Schöneres und Besseres zu sagen wüssten. - An alle, die an diesen Tagen die neue Schar sprechen hörten, sei die Bitte gerichtet: Hat dabei in euch etwas geklungen, so verarbeitet`s und helft: ist`s still in euch geblieben, so seid wie die guten Gärtner, lasst ruhig neben euch etwas wachsen, zerstört wenigstens nichts: Um unserer Jugend willen." (Lynkeus 28.8.1920)

 

Das gesellschaftliche Leben, so rekapituliert Pfarrer Adam Ritzhaupt (1921, 4) die Rede von Muck, ist voller Lüge und Torheit, das Gesamtleben vergiftet durch den Parteienhass, die nationale Erziehung zerrissen, der Nationalstolz dahin, die Volkssitten verwüstet und die wirtschaftliche Situation unhaltbar. In der Trauer darüber ziehen sich die Alten in die Erinnerung zurück. Mucks Worte kreisten um den Zusammenbruch des Alten und die Empörung der Jugend. Empörung mit dem Mut und der Hoffnung, die Gewalt zu haben, zu reinigen und wiederaufzubauen, wächst allein der Jugend zu.

 

Abschied

Freitags predigte Muck noch in der Barfüsserkirche. So wird der Tag des Abschieds auf den 29. August gefallen sein. "Wo Muck in den Kirchen sprach", berichtete Eugen Diederichs (1921, 132), "konnte diese die Tausende nicht fassen, wo er eine Stadt verliess, gaben ihm ebenfalls Tausende winkend das Geleite."

"Als die Neue Schar aus Erfurt wegging, wurde sie von vielen Hundert nach dem etwa eine Stunde entfernten Möbisburg begleitet. Der Auszug war ein Triumphzug. Weinend haben viele Abschied genommen. … Muck hat geweint, das wurde mit besonderer Rührung erzählt." (Ritzhaupt 15)

"Gelegentlich einer Führertagung der Scharen in Erfurt" (Ritzhaupt) kehrte Muck am

12. Oktober (1920) in die Stadt

zurück. Es war rasch bekannt geworden, dass er in der Turnhalle der Königin-Luisenschule, Melanchthon Strasse, über die Eisenacher Eindrücke sprechen werde. Die Ankündigung versprach: "Das Zeitungsgewäsch über die Neue Schar wird klar gestellt werden." "Ein Junge aus der Schar," so begann die Veranstaltung, "las zu Beginn eine Episode aus Hessens neuem Buch: Zarathustras Wiederkehr. Muck hatte sich die Stelle selber ausgesucht." "Das Vorgelesene reizte unwillkürlich zum Vergleich mit dem Auftreten Muck-Lambertys. Deutschnationale Jugend beunruhigte die Versammlung und griff Muck insbesondere wegen seines Verhaltens in Eisenach beim Gesang des deutschen Liedes an. Muck-Lamberty verteidigte sich wirkungslos und nervös."

 

 

Stedten bei Erfurt

"Ich sah ihn, den Volksmann, wie er in der Allee von Stedten, einem kleinen Ort in der Nähe Erfurts, mit seiner Schar unter den Lindenbäumen

vor dem grässlichen Schloss

hockte und sang. Ich sah," reanimiert Rudolf Otto Wiemer 1975 (21 f.) das Erlebnis, "wie die vom Felde heimkehrenden Gutsarbeiter ihre Gaben, Schaufeln und Harken von den Schultern herabfallen ließen und sich ebenfalls auf die Erde setzten, zwischen Städtern, Ausflüglern, Andächtigen und Neugierigen. Muck Lamberty stand unter dem Baum und redete. Halblaut, fast leise fing er an, die Hand lag am Gürtel, als wollte er sich dort festhalten. Manchmal stockt er; der Strom der Geschichte schien ihn zu überwältigen.

Dann stiess er das Kinn vor, die Worte kamen wie eine Sturzflut über die Lippen, die Stimme grollte oder schrie, die Hand fuhr gebannt in die Höhe. Dann, mit ein paar halblaut hervorgestossenen Worten liess er, gleichsam und willig über sich selbst, die Buss- und Erweckungspredigt überraschend enden. Er setzte sich auf den Platz unter der Linde; die Schar sang: `Es dunkelt schon die Heide`, die Gutsarbeiter fielen mir rauen Stimmen ein, danach die Städter, die Ausflügler."

 

Motiv dem Kahlaer Notgeld
entnommen

Nach Erfurt, vielleicht in Stedten, Neudietendorf oder im Gebiet um die Drei Gleichen, findet Lisa Tetzner persönlichen Kontakt zur Gruppe. Tief beeindruckt schildert sie Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr diese Begegnung: "Erst am nächsten Tag stand ich dieser Schar Menschen gegenüber. Ich war betroffen und erschüttert von diesen äusserlich wild und verwahrlost aussehenden Menschen, die wie eine Schar Tolstoijünger vor mit standen. Das also waren sie, die sich so rücksichtslos ins Volk warfen und es mit sich fortrissen zu ungeahnten Möglichkeiten.

Es waren kindliche, treuherzige Gesichter ohne jedes Falsch, im Gespräch unbeholfen, ganz und gar unweise, ja, sogar weltfremd und harmlos. Aber sie schienen angerührt von einer übersinnlichen Macht, der sie blindlings gehorchten, und diese Glut, die über ihren Gesichter lag, war das Leuchtende, was sie schön machte und sie in etwas besonder Besonderes hineinhob."

 

Neudietendorf, 30. August bis 2. September

Wieder springt der Funken über. "Wie fröhlich waren wir in Neudietendorf und in Wandersleben", scribierte Muck in sein Wanderbuch.

Andere betrachteten das Treiben der Schar mit Sorge. "Nicht wir Neudietendorfer, sondern nur einige Lehrerinnen der hiesigen Mädchenanstalt sind der Neuen Schar nachgefahren", äussert ein Vertreter dieser Anschauungsweise im Dezember 1920. "Wir anderen glauben, dass die Jugenderzieherinnen eines Brüdergemeininstituts sich nicht mit Leuten vergesellschaften dürfen, die … ohne Trennung der Geschlechter im Bürgerquartier übernachten und auch sonst ein auf durchaus erotischer Grundlage ruhendes Zusammenleben führen, eine Tatsache, die mir kürzlich in Erfurt ein begeisterter Anhänger der neuen Schar zugegeben hat. Wir lehnen das ab, was uns Muck hierher gebracht hat, und halten dafür,

dass er nicht aufbaut, sondern zerstört, und zwar den letzten Rest dessen, das wir Anstand und gute Sitte nannten." (Neudietendorf)

Ein Teilnehmer des Zuges der Neuen Schar entgegnet darauf später:

"Das Verhältnis der Geschlechter bei der Stammschar untereinander war entgegen den späteren Lügen in den Zeitungen zuchtvoll und schwesterlich, genau wie im Wandervogel, und das Volk, mit dem wir täglich zu tun hatten, fühlte dies auch. Wenn es anders gewesen wäre, hätte man uns nicht täglich die hundert Kinder anvertraut." (Pluta 1970, 105)

Obschon die Traditionalisten empfinden es anders. Im Zusammenleben auf erotischer Grundlage wittern sie Gefahr. Sie wollen nicht, dass Frauen und Männer zusammen im Bürgerquartier nächtigen. Was in Neudietendorf die Form einer Sorge annimmt, walzt im Frühjahr 1921 die Kampagne Hau den Muck! zur moralischen Massenkarambolage aus.

 

Von Neudientendorf wandert die Neue Schar weiter nach Gotha. Der kürzeste Weg führt über Grossrettbach, Cobstädt und Seebergen. Dies sind etwa 17 Wanderkilometer und wäre gut an einem Tag zu schaffen. Die Gruppe erscheint aber erst sechs Tage später in Gotha. Wahrscheinlich nimmt sie den Weg über Wandersleben, vorbei an den Drei Gleichen. Sie geniesst die wundervolle Landschaft um die Wachsenburg, Burg Gleichen und Mühlburg.

 


Silhouette von Gusto Gräser mit dem Zeichen von Muck


Quelle: Müller 5. Januar 2012


Oft schläft der Tross im Wald. Vor der Nachtruhe lesen sie am Lagerfeuer Gedichte. Oder Gusto Gräser spricht zu ihnen. "Dort sass er", erinnert sich 1963 (126) Harry Schulze Wilde, "am Feuer und rezitierte einige seiner Gedichte, und als Abschluss stiess er einen merkwürdigen Schrei aus, eher ein Stöhnen, dem Brunstschrei eines Hirsches gleich. Grossvater, wie wir einen Jungen aus der Schar riefen, weil er trotz seiner Jugend so bedächtig war, wandte sich mir zu und sagte: Das war ungeheuer! Aber das sollte beileibe keine Kritik sein, sondern Ausdruck restloser Bewunderung."

Da kam Arno, "der Bildschnitzer, er sitzt jetzt über einen Baumstamm gebeugt, kam erst im letzten Dorf, hoch oben im Wald, zur Schar. Jetzt ist er damit beschäftigt, aus dem Holz des Baumes neue Essnäpfe für die Schar zu schnitzen. Er ist gross und kräftig und sehr mannbar mit seinem breiten, dichtgewachsenen Bart. Der kurze, bäuerliche Hemdenkittel lässt das Spielen seiner Armmuskeln frei. Er ruft über die Lichtung nach Walter, dem Tischler, dass dieser komme und ihm helfe. Alle aus der Schar arbeiten gemeinsam. Sie arbeiten froh und emsig, aber fast schweigend. Schweigen ist das Gesetz der Schar an Ruhetagen!" (Tetzner 1923, 122)

 

 

Gotha, 8. bis 11. September
Die Kapuziner-Predigt

Augustinerkirche Gotha (um 2010)
Bildquelle unten ausgewiesen

In Gotha, so wird berichtet, kamen der Neuen Schar die Schulen sehr entgegen.

Am 9. September spricht Muck in der Augustinerkirche zu Gotha, auf deren alten Kanzel einst Martin Luther gepredigt hat. Das Gotteshaus vermochte die grosse Zahl der Hörer kaum zu fassen. Am Tag darauf präsentiert es das Gothaer Tageblatt so: "Muck-Lamberty tobte, schrie und schimpfte volle 1 1/2 Stunden lang auf alles, was von seinem Standpunkte gemein und selbstsüchtig ist. Eine überaus freundliche Stimmung ging von den Blumen und Girlanden aus, die das innere der Kirche schmückten. Schon lange vor Beginn füllte sich der Raum. Es herrschte grosser Andrang. Selbst die Stehplätze wurden knapp. "Die Polizei sorgte für Ordnung. Wie ein Magnet, wirkte er auf weite Gothaer Kreise. Zu Hauf kamen sie in die Kirche mit den grossen Bogenfenstern und der Luther-Kanzel. "Die Augustinerkirche," drang am 23. Februar 1921 bis zum Neuen Wiener Journal, "auf deren alten Kanzel einst Martin Luther gepredigt hat, vermochte kaum die gewaltige Schar von Hörern zu fassen." "Und vorn, inmitten der Liegenden, Sitzenden, Stehenden, auf einem Pult, im Sonderlicht zweier Leuchter, einer im Leinenkittel und wallenden Haar, der eifert und eifert um das junge Leben. Das Ganze ein Bild", so das Gothaer Tageblatt zwei Tage nach der Predigt, "von phantastischer Kraft."

Sie werden von Rechts als auch von Links angegriffen, beklagt der Prediger der Jugend. "Dabei wollte doch die Neue Schar nur bei Ablehnung aller Standesunterschiede eine neue Form der Geselligkeit und des körperlichen Erlebens" schaffen. "Sie wollen frei werden von den erdrückenden und trügenden Lasten der Vergangenheit und suchen mit heissem Bemühen eine Form neuen Lebens .…", schildert ein Zeitzeuge am 11. September 1920 im Gothaer Tageblatt seine Eindrücke über Mucks Auftritt.

Die Presse verübelt ihn seine Angriffe ein wenig. So urteilt dann das Gothaer Tageblatt am 10. September: "Muck-Lamberty arbeitete, wie alle Schwärmer, viel mit Übertreibungen, er leidet aber auch an starker Selbstüberschätzung und blieb bei seiner Kapuzinerpredigt nicht so objektiv, wie man es hätte erwarten können."

Schloss Friedenstein Südseite
in Gotha, 2008,
SSFG Lutz Ebhardt, 2008

Schloss Friedenstein
in Gotha, 2008
SSFG Marco Karthe, 2008

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigugung von Schloss Friedenstein.

Als die Neue Schar im Hof von Schloss Friedenstein spielte, kam es "zu wüsten Tumulten", meldete am 11. September 1920 das Neue Wiener Journal. "Ein Trupp jugendlicher Kommunisten, wollte die Aufführung sprengen. Nach langen Reibereien beschloss man, dass am Donnerstag abend eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen den Jugendgruppen stattfinden soll. Er werden sich je zehn Leute der deutschnationalen, der deutschvolksparteilichen, der demokratischen, der sozialdemokratischen, der unabhängigen und der kommunistischen Jugendgruppe zur Aussprache im Gothaer Schlosshof versammeln." Die Stadtzeitung kündigte diese Treffen für den 10. September im Teeschlößchen an.

Aus Sicht der Mitteldeutschen Zeitung (Erfurt) vom 16. September 1920 hinterliess die Gruppe in Gotha den Eindruck überspannter Schwärmerei. "Doch das wäre nicht das Schlimmste. Bei einer Besprechung mit den Vertretern der Jugendgruppen hat der Führer der Neuen Schar Muck-Lamberty sich offen für die Internationale und die Verbrüderung mit den Franzosen (!!) usw. ausgesprochen und deutscher Art und deutschen Wesen in unglaublichster Weise verspottet". Er rühmte sich offen, eine nationale Kundgebung in Berlin Tempelhof gesprengt zu haben.

 

Weiter geht die Wanderung.

 

 

Friedrichroda, 16. September

Die Thüringer begrüssten die Neue Schar freundlich und nahmen sie herzlich auf. Mittlerweile war ihre Tournee in aller Munde. So auch in Friedrichroda, dass mit seinen 5 000 Einwohnern inmitten von Bergen und Wäldern ruht. Aus Anlass ihres Eintreffens prophezeit die Friedrichroda Zeitung: "Er und seine Schar sind Menschen, die ihre ganzes Ich restlos einsetzen. Und soviel Energie und Hingabe muss Erfolg haben ..."

Schloss Reinhardsbrunn bei Friedrichroda
Aufnahme 1890er Jahre, Bild gemeinfrei.

Läuft man in Richtung Norden stadtauswärts, dann erreicht man bald die Cumbacher Teiche. Ganz in der Nähe befindet sich das Schloss Reinhardsbrunn. Auf dessen Wiesen bietet die Neue Schar täglich um 9 Uhr früh, für nachmittags 2 Uhr und 6 Uhr abends Spiele, Volksgesang und Tanz an. Damit will sie das Interesse für wahres Volkstum wecken und zur Volksgesundung beitragen. "Eine grosse Zahl von Kurgästen, Hiesigen und viele Kinder weilten des Tages unter ihnen; abends liess die Neue Schar ihre feierlichen, volkstümlichen Wiesen unter den alten knorrigen Eichenbäumen am Wiesenrande bei Reinhardtsbrunn ertönen. Viele, sehr viele lauschten diesen herrlichen Tönen. Noch jetzt ist der Gedanke bei vielen Kindern erhalten allenthalben hört man diese oder jene Weise summen." (Statistische ....)

Darüber schreibt am 17. September die Friedrichrodaer Zeitung: "Und wenn sich nach den Spielen die `Neue Schar´ unter den Bäumen am Wiesenrande im weichen Moss niederlässt und das zuhörende Volk andächtig zu ihren Füssen ruht und den alten vielstimmigen Volksliedern lauscht, so lieblich und wunderschön von den Lippen der Burschen und Mädels erschallen, verliert sich da mancher Blick im weiten Wiesengrunde in der hohen Baumkrone einer alten Eiche, in deren Gipfel man ein wundersames Märchen zu schauen meint: Das ist nicht der Mensch, der zum Menschen redet, das ist das Gemüt, die Seele, die zur Seele spricht."

Durch ihre Aktionen, Kleidung und ungezwungene Art löste die Neue Schar ein tieferes Nachdenken über Sinn und Inhalt der Jugendkultur aus. Manchmal trat der Streit der Meinungen heftig hervor, der im Allgemeinen gedanklich tief angelegt und so ihre Reputation förderte. In Friedrichroda übernimmt A. Stier diese Aufgabe und veröffentlicht am 20. und 22. September 1920 unter dem Titel Die "Neue Schar" in der hiesigen Zeitung einen kritischen, zugleich ansprechenden und ermunternden Aufsatz.

 

 

Eisenach, 25. September bis 8. Oktober

Friedrich Muck-Lamberty mit Kindern
in Eisenach, September / Oktober 1920

Weiter geht es nach Eisenach. Die Stadt zählte damals etwa 42 000 Eiwohner. Von diesem Samstag bis zum übernächsten Montag will die Neue Schar mit Jung und Alt spielen, tanzen, Märchen erzählen und die Menschen aufrütteln. Das spricht sich schnell herum. Aus Gotha, Erfurt, Weimar und Friedrichroda kommen Jugendliche an den Wochenenden herüber. Für Donnerstag kündigt Muck in der Marktkirche eine Predigt an.

Über seine Begegnung mit der Neuen Schar in Eisenach schreibt 1975 (51) der Schriftsteller Franz Hammer (1908-1985): "Merkwürdige junge Leute waren in unsere Stadt gekommen. Die Burschen hatten auffallend langes Haar, das bei einigen bis auf die Schultern herabhing, und trugen kurze kniefreie Hosen, darüber bunte Kittel, die in der Hüfte von einem Gürtel zusammengehalten wurden. Die Mädchen gingen meist in weiten Leinenkleidern aus bedrucktem Stoff und ließen das Haar in langen Zöpfen nach vorne hängen oder flochten diese zu einem Kranz um den Kopf. Sie wollten jung sein, bevor sie alt werden. Und dazu brauchen sie keinen Lippenstift, Parfüm oder Zigaretten. Singend durchzogen die Burschen und Mädchen die Straßen, und auf freien Plätzen tanzten sie wie kleine Kinder im Kreise:

Hier ist Grün, das ist Grün unter meinen Füßen, hab verloren meinen Schatz, werde ihn suchen müssen…."

 

Wieder wirbt die Sammlung aller jugendlichen ehrlichen Menschen (Muck) mit grünen Handzetteln für ihre Aktionen. Was für ein famoser Auftakt am

Sonntag, den 26. September!

Weit über tausend, richtiger tausende, berichtet Albin Sauermilch am 30. September in der Eisenacher Zeitung, versamelten sich in der Katzenau, dem Reich der Kinder."

Ohne Freude, ohne Milch, ohne Semmel, ohne roten Luftballon wuchsen die Kinder auf, erinnert Eugenie Schwarzwald (1872-1940). Sie durchlebten die Folgen des Krieges: Hungersnöte, Mangelernährung und Epidemien. Was wird aus ihnen werden? Die Neue Schar trifft sie auf ihrem gefährlichen Weg durch die Untiefen des Lebens.

"Kaum schallt der Gesang der Neuen Schar durch die Strassen,
so kommen sie zur Mutter gesprungen.
"Du Mutter, ich muss weg".
"Du musst aber noch Frühstück essen."
Ja, das kann die Mutter rufen, es hört sie niemand mehr.
Der Bengel ist schon halbwegs auf der Katzenau." (Eis.Zztg. 30.9.1920)

Zusammen mit der Neuen Schar entdecken sie, was ihnen steckt:

Kreativität, Expressivität und soziale Kraft!

Man fragt nicht, schreibt Albin Sauermilch am 30. September 1920 in der Eisenacher Zeitung, "ob jeder ganze oder zerrissene oder gar keine Schuhe an hat. Arbeiter und Bürgerjugend springt durcheinander und hat den Klassenkampf längst als mittelalterliches Folterwerkzeug, zur besonderen Marterung des deutschen Volkes einst erfunden, in die Ecke gestellt."

Hier auf der Katznau wimmelt es nur so von Kindern. Ein Spielkreis hier, ein Spielkreis dort. Im Reigen, beobachtete Albin Sauermilch in der Katzau, geben sich zehn kleine Negerlein ein Stelldichein. "Die Kinder singen die Geschichte und in der Mitte des Kreises führen zehn kleine Negerlein das Gesungene vor. Das erste von den kleinen Negerlein ist ein bisschen gross ausgefallen: es hat eine blonde, im Nacken glatt nach altdeutscher Art abgeschnittene Haarmähne, nackte Beine, Leinenkittel, Hemd und Leinenhose sind die einfache Bekleidung. Keiner kann so putzig wie dieser hellblonde `Neger` die Beine werfen, keiner so gut Brei essen, und am Schluss als letztes übriggeliebenes Negerlein so wunderschön sterben.

Und jetzt beginnt ein anderes Spiele. Es wird abgestimmt, die `zehn kleinen Zipfelmützen`, und die ´beiden Musikanten` werden abgelehnt ....

Haben sich die Kinder müde gesprungen, so werden Märchen erzählt oder man wandert langsam unter Gesang über den Spielplatz. Einige Neuschärler können sich vor der Zuneigung der Kinder gar nicht bergen, und wenn sie zum Essen nach Hause gehen, so wandert eine unentwegte kleine Leibgarde mit in die Stadt zurück: das Märchen vom Rattenfänger oder `Schwan klebt an` ist Wahrheit geworden.

Eine besondere Freude für die Jungen ist es, einen Kreis zu bilden, ihn zu verengen und dann mit aller Gewalt rückwärts zu laufen", beschreibt Albin Sauermilch eines ihrer Lieblingsspiele. "An der Stelle, wo die Kette reisst, scheiden zwei Mann aus. Manch einer setzt sich dabei zur allgemeinen Freude auf seine natürliche Sitzfläche. Weiter geht das Spiel, bis der verengte Kreis durchaus nicht mehr reissen will."

Mit grosser Begeisterung und Aumerksamkeit sangen, tanzten und spielten die Kinder. Gespannt folgten sie den Märchenerzählern. Zwei Mütter unterhielten sich daüber:

"Na, meiner, der ist ordentlich lebhaft geworden. Da ham se`n im Herbst-Zeugnis geschrieben: `sein mündlicher Ausdruck ist mangelhaft`. Freilich von der Schule erzählt der Junge nie was.

Sie missten aber mal heer, wie scheen er die Märchen, die sein da unten erzählt ham, wieder herschwätzt.

Wenn se nur mehr anhätten; bei das kalte Wetter müssen se ja das Reissen krieg." (Sauermilch 1920)

 

Marktkirche in Eisenach (um 2013).
Fotografin Lena Tamm

Jahr für Jahr zieht Eisenach mit der berühmten Wartburg viele Touristen an. Wissenschaftler finden sich zu Kolloquien ein. Orgnisationen führen Konferenzen und Tagungen durch. 1921 tagten hier die deutschen Quäker, was sie wesentlich der Vorbereitung eines Freundeskreises und Pfarrer Emil Fuchs verdankten. Der Aufenthalt der Neuen Schar kreuzte sich mit den Freunden der freien Volkskirche aus Thüringen und der Provinz Sachsen, dem Bund für Gegenwartschristentum im Freistaat Sachsen. Vom 2. bis 9. Oktober verhandelte hier der 4. Neulandtag.

Am 1. Oktober begann um 8.00 Uhr abends auf der Wartburg der Deutsche Jugendtag mit einem Begrüssungsabend im "Fürstenhof". Graf Luckner wird dort eine Ansprache halten.

"Die Schar", registrierte Pfarrer Adam Ritzhaupt (Erfurt), "war bei allen Tagungen zu Gast."

Vom 29. September bis 1. Oktober 1920 beratschlagen sich auf der Wartburg die Freunde der christlichen Welt (FCW). Pfarrer Friedrich Gogarten (1887-1967) spricht am 30. September im Wartburgsaal über Die Krisis der Gegenwart. Ein Thema, das Muck interessierte. Aber er wollte ja an diesem Tag selbst einen Vortrag halten.

 

Vortragsankündigung der Eisenacher Zeitung

 

Wie in Rudolstadt, Saalfeld, Jena, Weimar und Erfurt spricht Muck auch diesmal wieder in der Kirche über die Revolution der Seele. Am 30. September um ½ 8 Uhr abends erwarten ihn in der Marktkirche zu Eisenach seine Anhänger und Neugierigen.

 

Tags darauf gibt ein Augenzeuge seine Eindrücke wieder: "In einer seltnen Kirche war ich heut [am 30. September 1920] -. Wohl war es von aussen die alt vertraute Marktkirche [Georgenkirche], aber innen bot sich ein neues ungewohntes Bild unsern Blicken dar. Menschenmengen aus allerlei Ständen drängten sich darin zusammen, sassen, standen, lagen auf der Erde. Bis in die obersten Emporen hinauf war alles gefüllt mit Menschen, darunter viel Jugend, die einen sehr seltsam erwartungsvollen Ausdruck im Gesicht hatte. Auf der Kanzel stand kein Pfarrer im Talar, sondern an einem Pult über den Altarstufen ein Mann im dunkeln Kittel, mit halb lang geschnittenen Haaren und ein paar Augen, die das ganze energisch geschnittene Gesicht überstrahlten. Man fühlt diesen Augen an, dass sie tief in das Leben gesehen haben und aus den Tiefen einen Schatz herausholten, den weder Motten noch Rost fressen kann, ein Herz, das heiss in starker Liebe schlagen kann und ein Gemüt, in dem die Güte daheim ist, Muck Lamberty, der seit 4 Monden durchs Thüringer Land zieht in einem Zeichen, dem widersprochen wird. Wo er hinkommt, kann Niemand an ihm vorbei, er muss irgendwie zu ihm Stellung nehmen, ob er ihn nun annimmt oder ablehnt; vielleicht reiben sich sogar die am stärksten an ihm, die ihn ablehnen und wer ihn bekämpft, muss ja irgendwie von ihm getroffen sein." (Einheimisches 1.10.1920)

 

Etwas verärgert äussert sich Pfarrer Adam Ritzhaupt (16) über die Predigt:

"… aber seine Rede hat mich umso mehr enttäuscht." "Mit keinem Wort ging er auf das eben Gehörte ein; über den ersten Abend, der ihm offenbar zu hoch war, hatte er ein paar platte Ausfälle; wieder konnte man sich über ihn ärgern, dass er sich anmaßt, über Dinge zu reden, von denen er nichts versteht. .... Er nahm nur Gelegenheit, seine Schlager anzubringen, die ich alle in Erfurt schon gehört hatte. Er brachte sie wortwörtlich wieder, mit derselben Einseitigkeit, konfus durcheinander, wie sie ihm eben aufstiegen."

 

Pfarrer Emil Fuchs nahm das Ereignis in der Georgenkirche wiederum deutlich anders auf. In Mein Leben (54) erzählt er: "Um den Altar lag die Schar. Erst sprach ich kurz von der Kanzel, dann er vom Altar. Die Kirche war überfüllt, und wir waren hingerissen von der Glut seiner Botschaft, von der neuen Art gemeinschaftlichen Lebens."

 

Ein weiterer Augenzeuge der Eisenacher Predigt war Bischof Wilhelm Stählin (1883-1975), der 1968 (179) seine Erinnerungen so bescheibt: "Es war im Herbst 1920, als ich an einer Tagung Freunde der christlichen Welt auf der Wartburg teilnahm, wo Gogarten einen Vortrag über Religion als Krisis der Kultur hielt. Ich verstand nicht, was er meinte - das lag gewiss an mir -, und ich verliess die Wartburg, um nach Eisenach hinunterzuspringen, wo Muck Lamberty in der Marktkirche, die ihm zur Verfügung gestellt worden war - was war damals alles möglich! -, eine höchst erstaunliche

Bußpredigt gegen
die Hartherzigkeit und Gemütskälte

der bürgerlichen Kreise hielt. Mit seiner originellen Art, die so ganz und gar nicht kirchlich konventionell war, erreichte er Tausende, die der Kirche gänzlich fremd gegenüberstanden."

 

Durch Aktionen in der Art Kirche von Unten belebte die Neue Schar in guter Weise das Leben zwischen Christen und Atheisten. Nach schweren Kriegsjahren und bürgerkriegsähnlichen Kämpfen im März 1920 erhält die menschliche Begegnung im öffentlichen Raum wieder eine grössere Wertschätzung. So vermittelte die Tanz & Spiel-Company den Bürgern im Thüringer Land wertvolle kulturelle Impulse.

Bisher fand die Eisenacher-Predigt von Muck wenig Aufmerksamkeit, umso mehr aber das Ereignis vom 4. Oktober in der Georgenkirche. Im Gotteshaus geniessen die Teilnehmer des 4. Neulandtages einen Bach- und Lutherabend. Zwischen den musikalischen Darbietungen spricht Professor Gottfried Baumann aus Leipzig zum Thema Moderne Jugendkultur mit ihren Bewegungen und Neuland. Ihn bewegt die geistige Unterernährung im Wandervogel, die allgemeine Ziellosigkeit, die Notwendigkeit einer Neuorientierung und die überbordende Sehnsucht nach Religiosität. Auf Wunsch der Versammlung soll die anschliessende Aussprache nur unter der Jugend und ihren Ratgebern stattfinden. "Die anwesende Neue Schar verliess darauf mit ihrem Führer Muck-Lamberty den Saal unter dem Rufe: Gedanken sind frei." (Neulandtagung)

"Bei den Deutschnationalen erregte" die Neue Schar "Ärgernis, als sie bei dem Liede Deutschland, Deutschland über alles sitzen blieb, angeblich, weil bei der Feier geraucht und getrunken wurde." Hier gibt Pfarrer Ritzhaupt (15) die Geschehnisse etwas unterkomplex wieder. Wohl ist es zutreffend, dass die Schar bei Deutschland, Deutschland über alles nicht mit einstimmte. Indes verweigerten sie sich, brieft Muck am 8. Februar 1921 Admiral Scheer in Weimar, "weil man in einem Atem von Liebe und Rache sprach, von der Not, von Valuta und Opfern, die ein jeder bringen soll und dabei viel Bier und Tabak verbrauchte".

 

Emil Fuchs und seine
Verlobte Else (1906). Sie hatten vier Kinder, eines war der später als Atom-Fuchs berühmt gewordene
Sohn Klaus (1911-1988).

Familie Emil Fuchs lädt die Neue Schar in ihr Haus ein. Vor zwei Jahren war im Westbezirk von Eisenach der Ehrendoktor der Universität Giessen Emil Fuchs (1874-1871) zum Pfarrer gewählt worden. 1921 tritt er der SPD bei. Nach 1945 erhielt er eine Berufung als Professor für Systematische Theologie und Religionssoziologie an die Universität Leipzig. Die Familie und Emil Fuchs sind neugierig. Vierzig Jahre später spürt der Geistliche in Mein Leben (53f.) dem Ereignis nach: "Am Abend - wie schon am Tage vorher - war" Muck "mit der Schar bei uns. Alles, was Enge mit ihm zusammen sein wollte, füllte unsere Räume. In drangvollster Enge wurde gesungen und debattiert. In den nächsten Tagen wurde auf allen Plätzen Eisenachs getanzt, sobald der Feierabend gekommen war. Alt und Jung, wir Pfarrer und Pfarrersfrauen, die Diakonissen mit ihren Hauben, alles schwang sich im ungeheuren Kreis, der einen ganzen Platz umfasste." Darin kommt Anerkennung zum Ausdruck. "Meine Frau und ich stellten uns sehr gern zu dieser Bewegung", erzählt Pfarrer Fuchs (54). "Wir freuten uns der erwachenden Selbständigkeit, der Naturfreude, der Ablehnung von Alkohol und Nikotin - vor allem aber auch der leidenschaftlichen Art, mit der die großen Zeitfragen bewegt und durchgesprochen worden. Wir konnten der Bewegung auch äußerlich manches leisten, indem wir ihr unsere großen Räume und unseren Garten am Berg für ihre Zwecke zur Verfügung stellten."

Zwischen der Neuen Schar, Friedrich-Muck-Lamberty und seinem Gastgeber gab es tiefe Gemeinsamkeiten. Als Mitbegründer des Bundes der Relegiösen Sozialisten in Deutschland setze Emil Fuchs sich ähnlich wie der Anführer der Neuen Schar mit der Zersetzung des geistigen Lebens, seiner Zerrissenheit und der Haltlosigkeit des politischen Geschehens auseinander.

Im Kunstwart (München) legt er 1921 (143) seine moralischen Ansichten zur freien Liebe dar. Wenn er die Liebe zur conditio-sine-qua-non für die Ehe erhebt, kann man dies nach dem Leuchtenburg-Skandal als Kritik an Friedrich Muck-Lamberty lesen. Zugleich war es eine Stimme für ihn, indem er Erscheinungen der bürgerlichen Ehe kritisierte: "Wir kennen sie leider als die Öde zweier Menschen, die einander faul oder müde geworden sind. Ist das die Ehe .... ?" "Ja, es ist viel Unwürdiges und Unmögliches in der Ehegesetzgebung ..…"

 

Das Foto zeigt die Neue Schar am Tag des Abschieds auf dem Karlsplatz von Eisenach. Vielleicht ist es der 8. Oktober 1920. Am rechten Rand des Bildes sind das abgelegte Gepäck und dahinter die blaue Fahne zu sehen. Links davon steht Friedrich (= Muck). Die Gruppe sammelt sich gerade zum Abmarsch. Es finden sich Erwachsene und Kinder ein. Typisch das spontane Tanzen. Zu den eigentlichen Happenings der Neuen Schar eilten aber wesentlich mehr Menschen herbei.

Bild: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen. Bestand: Neue Schar A 17, Nr. 1.

Gut an Mucks Sache ist, urteilt die Eisenacher Zeitung am 6. Oktober 1920, dass er das Programm der Klassenversöhnung vertritt. Zum Abschied der Neuen Schar aus Eisenach erteilt der namenlose Kritiker ihr noch den Rat: Allerdings muss sie sich dabei "peinlich vor äußerlichen Lächerlichkeiten und innerlichen Ungerechtigkeiten hüten, weil man sonst von vornherein sein Werk diskreditiert!" Ihm missfiel vor allem der Exhibitionismus der Gruppe. Gemeint waren damit die unbestrümpften Beine. "Jedenfalls stösst diese Sucht, aufzufallen," stellt der Zensurenverteiler fest, "mit ihren hässlichen Aeusserlichkeiten gerade die Kreise vor den Kopf, die zu gewinnen erste Aufgabe der neuen Schar sein sollte." "Leben wir in Amerika, um eine neue Idee durch groteske Äusserlichkeiten propagieren zu müssen?"

 

"Dem, der jetzt durch die Städte des Thüringer Landes geht," schreibt 1921 Gustav Schröer (Erfurt) in Auf den Spuren der Neuen Schar, "fällt es auf, dass er in den abgelegensten Straßen Jungen und Mädchen im Kreise tanzen sieht und singen hört, ganz anders, als das bisher gewesen. Der Dreikäsehoch hat irgendein bezopftes kleines Ding an der Hand, und: Es geht nichts über die Gemütlichkeit, ei ja, gucke da kollert es lustig von den Wänden wieder. Der Vater geht mit der Mutter uff die Kirchweih, tut dass so bedeutend und breitbeinig, dass die Vorübergehenden ein Weilchen stehenbleiben, und hätten sie es noch so eilig. In ihren Augen aber liegt dabei allerlei Nachdenkliches. ….

Der Tag gehört den Kindern, der Abend den älteren Buben und Mädeln. Auch die drehen sich im Kreise, und alle Röcke fliegen. Sie tanzen nicht Tango und Foxtrott, es züngeln keine heimlichen Flammen zwischen ihnen, die Wangen glühen,`der Mund lacht, die Augen leuchten. Vom Himmel her aber lacht der alte Mond. Warum denn nicht schon lange so?"

 

Fortsetzung

 

Autor: Detlef Belau

Urfassung 2005.
Überarbeitet 2014.

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