Friedrich Muck-Lamberty:

Und wenn die Zeit reif ist,
brechen wir wieder auf,
um in den anderen Gauen jungen Menschen zu sagen,
was uns bewegt. (1922)

 

 

 

Friedrich Muck-Lamberty
und die unvergessene Neue Schar

 

Kindheit und Jugend

Von Idealen getragen

Wanderung mit Karl Bittel

Bei Eklöh in Lüdenschscheid

Das Meissner-Treffen 1913

Ihr habt die Alten nicht besiegt!

Bei Verleger Ericht Matthes

  Was will er beim Vortrupp?

 Helgoland  Witzenhausen

Süddeutscher Jugendtag

 Im Generalstab

Stürzet das Morsche und Gottlose

 Unter Kommunismusverdacht

Freideutsche Führertagung Arpril 1919

Sozialismus oder Fahrt ins Blaue?  Intervention

Impulse  Meissner-Treffen - Wandervogel - Sera-Kreis - 
Gusto Gräser - Lisa Tetzner - Georg Stammler

Der Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen

Von Weidhausen bis Eisenach

Fortsetzung (neue Website)

Ketzergericht

Kritik. Tollereien. Lügen.

Tanztaumel?

Attacke der Zeitschrift Junge Menschen

Wir haben es gewagt und Ankunft in Naumburg

Dass ich Vater geworden bin, war mein ....

Muck über Sexualität, Liebe und Ehe

Kampf um die Leuchtenburg   Werkgemeinschaft

  Religiöse Woche - Schwarze Front - Leuchtenburgkreis

Schnüffeleien ....   Subtile Repressionen

  Ich habe viel zu tun

Quellen

 

Von der Leuchtenburg bei Kahla in Thüringen findet im Frühsommer 1921 ein junger Mann nach Naumburg an der Saale. Im Kopf die Pläne einer alternativen Handwerkergemeinschaft. Wechselvolle Jahre liegen hinter Friedrich Muck-Lamberty. Mit der Neuen Schar wanderte er im Sommer 1920 durch Franken und Thüringen. Sie tanzten und spielten unter der Linde in Weidhausen, auf den Arkaden am Schlossplatz in Coburg, den Marktplätzen von Steinach und Jena, unter den Kastanien von Saalfeld, auf dem Anger von Rudolstadt, dem Schulplatz von Gorndorf, in Ranis, bei der Altenburg in Pössneck. Hunderte, manchmal sogar Tausende strömten herbei. So ernst hörten sie Muck predigen, in der Herderkirche von Weimar, Barfüßerkirche Erfurt und Augustiner Kirche zu Gotha. Unvergessen das Volksfest mit den Bauern von Schweinitz oder in Gumperda, von Reinstädt und Drösnitz. Und wie glücklich waren sie in Neudietendorf und Wandersleben.

 

"Es scheint," berichtet Lisa Tetzner* 1923 über die Neue Schar, "als seien alle Menschen der Stadt im Anmarsch begriffen. Voran schreitet ein kleiner Trupp sonderbar bekleideter Burschen und Mädchen. Sie tragen bunte, grobe Kittel, sind barfuss in Sandalen und haben schwere Lasten auf den Schultern, als trügen sie all ihr Gut bei sich. Ihnen voran schwebt eine blaue, von Wind und Sonne zerschlissene Fahne mit weissem Kranz. An ihren Seiten und Händen halten sich zahlreiche Kinder fest."

Lisa Tetzner (1894-1963) wanderte - wahrscheinlich ab Pössneck - im Sommer 1920 mit der Neuen Schar und Friedrich Muck-Lamberty ein Stück des Weges durch Thüringen, worüber sie Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr (1923) berichtet. Die Reportage besticht durch eine sensible und unverstellte Art.

Die Tanz- und Spiel-Company weilte vom 25. September bis 8. Oktober 1920 in der Wartburg-Stadt. Wahrscheinlich entstand das Bild, als die Neue Schar den Bahnhof in Eisenach passierte.

Am 28. September 1920 veranstaltet die "Jugendgruppe Dresden des Bundes für Gegenchristentum" in Eisenach einen "Jugendtag Sie lädt zur Aussprache, zum Singen und Tanzen ein. Treffpunkt ist um 8 Uhr am Bahnhof.

Obiges Bild zeigt Jugendliche vor dem Bahnhof.
Vor allem die K i n d e r,
die Muck und seine Spiel- und Tanz-Company  so  l i e b t e n, deuten darauf hin, dass hier die Neue Schar zu sehen ist.

 

Wo sie auch hinkamen, beobachtete der Erfurter Pfarrer Adam Ritzhaupt, breitete sich eine jauchzende Stimmung und unbeschreibliche Begeisterung aus, "… erregten sie zunächst Lachen, Erstaunen, Entrüstung: die Männer mit langen Haaren, kurzen Hosen, Sandalen, bloßen Füßen; die Mädchen in leinenen Kitteln, ebenfalls barfüßig und barhäuptig." Die Kinder kamen zu ihnen gelaufen. Sie spielten und tanzten, bildeten einen Kreis, fassten sich an und sangen Lieder. "Oft haben wir tausende Kinder beisammen (so u.a. in Saalfeld und Rudolstadt)", erzählt Willi Wismann im August 1920 in Junge Menschen (Hamburg). Da "Gibt es da ein Singen und Springen auf dem Anger! Unsere alten Volkslieder und Reigentänze lernen sie von uns, so dass die alten Weisen später aus jedem Haus herausströmen. Dann erzählen wir den Kindern noch Märchen und Sagen, mit denen Sehnsucht wieder in ihr Herz einzieht. Bei den meisten Kindern wird dieses Erlebnis bis ins Alter hinein nachklingen und ihnen Richtung hin auf das Urwüchsige, Gesunde weisen."

Am 24. Juli 1920 zog die Neue Schar in Jena ein. Wieder begann ein unglaubliches Treiben. "Fabriken, Kontore und Geschäfte, ja selbst die Schulen mussten vorzeitig schliessen", woran am 16. Februar 1921 das Jenaer Volksblatt erinnerte. In Weimar war es nicht viel anders. Ende September 1920 kabelte Gisella Selden-Goth aus der Klassiker-Stadt an das Neue Wiener Journal: "Ärzte verließen ihre Praxis, Akademiker ihr Studium, Primaner legten den Horaz und die analytische Geometrie aus der Hand, um ihm [Muck-Lamberty] zu folgen, der sie notwendiger brauchte, als die Wissenschaft." Es ist, als hätten alle Menschen, wie Lisa Tetzner später sagen wird, nur darauf gewartet,

aufgerufen zu werden.

Doch dann wird es stiller - um den Sturmtrupp des Sommers (Lisa Tetzner). Mit wenigen Sätzen skizziert 1921 die Schrift Die Neue Schar in Thüringen was geschehen war:

"Der Feuerstreifen, den die Neue Schar durch die thüringischen Länder gezogen hat, ist erloschen durch des Führers eigene Schuld. Für die einen hat ein Scharlatan mit seinem Zirkus ein verdientes Ende gefunden, und nach ihrer Ansicht sind alle diejenigen die Blamierten, die mit Beifall den Schaustellungen nachgelaufen sind. Andere haben geweint, als sie an der Schuld Muck-Lambertys nicht mehr zweifeln konnten und haben ihm geflucht wegen seiner Treulosigkeit. Andere sehen ein bewegtes Drama, in dem sich die Macht der Dinge und menschlicher Wille, hohes Wollen und kleine menschliche Schwachheit, Trieb und Geist zu tragischen Konflikten verwickelten."

 

Adam Ritzhaupt,

geboren am 3. November 1882 in Ludwigshafen am Rhein. 1. November 1905 Vikar in Germersheim. 1906 Pfarrverweser in Winnweiler und Speyer, 1907 Pfarrverweser in Fußgönheim, 1907 Stadtvikar in Frankenthal, 1909 Pfarrer in Hersberg, 1916 Pfarrer in Erfurt an der Barfüßerkirche. Wohnort: Barfüßerstrasse 8 (1916).

Nach dem Pfarrer Martin Richter im April durch eine Verfügung der kirchlichen Behörde seines Amtes enthoben worden war, übernahm Ritzhaupt die Pfarrstelle. Nach wenigen Wochen setzte man ihn ausserdem zur Unterstützung des Pfarrers in der Kaufmannskirche ein. Er war kritisch gegen die Ideologie des Dritten Reiches eingestellt. 1937 wurde er aus politischen Gründen für vier Wochen auf den Petersberg (Erfurt) in Haft genommen. Danach siedelte er nach Aschersleben über, kam aber nach vier Monaten zurück nach Erfurt. Am 1. Februar 1962 begann der Ruhestand.

Ingrid Kessler (Erfurt)

 

Aber war es wirklich des Führers eigene Schuld, wie der Erfurter Pfarrer Adam Ritzhaupt behauptet? Muck widerspricht ihm heftig und überwirft sich mit dem Verleger der Schrift, Eugen Diederichs in Jena. Seinen Kummer übermittelt er Kurt Kläber (1897-1959) am 24. Juli 1921:

"Und mit Diederichs mag ich nun nichts mehr zu tun haben, seitdem er die Wahrheit weiss - die grundsätzlichen Irrtümer eines Ritzhaupts einfach abdruckt."

 

Friedrich Muck-Lamberty ist ein ansehenswerter, sportlicher junger Mann, 1,62 Meter gross, mit dunkelblonden Haaren und blauen Augen. Als die Schar im Juli 1920 Jena eintrifft, feiert er seinen neunundzwanzigsten Geburtstag. "Er ist von mittlerer Grösse", beschreibt ihn Gustav Schröer (1920), "mit einem starken, eigenwilligen Kinn und tiefen Augen." "Er hat", so erlebte ihn Lisa Tetzner (1923) auf dem Weg durch Thüringen, "langes zurückgekämmtes Haar, trägt einen weiten braunen Mantel um die Schulter und ist ebenfalls barfuss in Sandalen." In der Gruppe agiert er oft mit lebhafter Gebärde, stechenden Blick und lauten Worten. "Er spricht einfach und wird dazwischen derb, ja witzig, er schleudert seine Worte, von einer inneren Glut gepeitscht, mit Ungestüm." "Er spricht unliterarisch, aber eindringlich und sanft. Wer ihn einmal erlebt hat, kann ihn schwer vergessen." (Grüsser)

"Wenn er spricht, dann reisst er sich die Worte vom Herzen", beschreibt ihn Gustav Schröer (1920). "Ruckweise spricht er und teilt scharfe Hiebe aus, vergreift sich und erschüttert doch die Menschen, wühlt und schleudert seine abgehackten Fragen und Anklagen wie Brandfackeln unter die Mauern, die ihn umdrängen." Nach seiner Predigt am 30. September 1920 in der Marktkirche von Eisenach fragt ein Teilnehmer: "Was ist es nun, was Muck Lamberty diese Kraft verleiht?" und antwortet: "Es ist die Unbedingtheit, mit der er sich mitten in den Strom des Lebens stellt, der Mut, mit dem er bewusst gegen den Strom schwimmt."

Im Umgang mit Höhergestellten produzierte er gerne seine Eigenheiten.

"Du Weinel, hör mal,
dass musst du verstehen
",

redete er unseren verehrten Professor an, "auch die Bürgermeister und Schuldirektoren duzte er; niemand konnte ihn ungut sein ....", erinnert sich Wilhelm Flitner (271) aus Jena.

Manchmal gab Muck den Hitzkopf, fing an zu schwärmen, glitt in politische Poesie ab, haschte ungelenkig nach Begriffen, zog aber auch schnell "Schubladen" auf, um seiner Rede Auftrieb zu verleihen und genoss ihren Widerhall. Einen Aufrüttler nannte ihn Professor Johannes Resch (1921). Und es war wohl so, wie die Eisenacher Zeitung am 1. Oktober 1920 konstatiert: "Wo er hinkommt, kann Niemand an ihm vorbei, er muss irgendwie zu ihm Stellung nehmen, ob er ihn nun annimmt oder ablehnt."

"Der Typ Muck," meint Emil Engelhardt (1921, 4), "ist weder Faust noch Don Juan, sondern eine Mischung der beiden." Voller Bewunderung äussert sich ein älterer Herr einen Tag nach Besuch von Mucks Predigt in der St. Johannes Kirche von Saalfeld im Juli 1920 gegenüber Lisa Tetzner (1923, 116): Er spricht so überzeugend zu den Herzen aller, weil er "den göttlichen Funken in sich hat, der zünden kann, weil er Sendung hat." "Das Größte aber an Muck Lamberty", urteilt Fritz Zögner (1921, 253), "ist seine Bescheidenheit, seine unbegrenzte Liebe zum ganzen Volke und sein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen." "Er fühlt sich als Vorarbeiter einer neuen Zeit." (von Stechow)

Friedrich
Muck-Lamberty*
(1891-1984)

Die Schar wurde von ihm geführt, wussten alle, "und es wollte scheinen, als sei sie gut geführt. Freilich, wer Muck kannte, wusste, dass sein Blut wallte, das er hitzig war - er hat Temperament sagen die Leute. - Er diente seiner Aufgabe, fing an, seine Fehler einzusehen. Und das machte ihn vielen wieder wert." (Grüsser) Theodor Plievier (1892-1955), Chronist der Matrosenrevolte von 1918 und Autor des viel gelesenen Romans Stalingrad (1945), besuchte die Neue Schar in Erfurt. "Er lebte einige Tage mit ihr", erzählt Harry Wilde später (1965, 126), "und aus seinen Worten sprach eine große Sympathie für Muck-Lamberty - trotz aller Verschiedenheit der Wege und der Ausdrucksmittel."

Seine bisweilen deftige, oftmals direkte und semantisch pralle Sprache ruft Gedanken an die Rebellen des Bauernkrieges wach. Durch seine Texte von 1918/19 fegen die emotionalen Stürme der Umbruchs- und Nachkriesgszeit. Es sind interessante Zeitdokumente, bar aller Karriereinteressen, immer um eine eigene, individuelle Sprache bemüht, die den gesellschaftlichen Reformbedarf offen legen. Ihn zeichnete eine hohe Sensibilität für soziale Fragen aus, die er ungekünstelt artikulierte. Seine Wanderungen schärften den Blick für die alltäglichen Fragen des Lebens. Dies war die Grundlage für den Dialog mit den Bürgern und Quelle der Sympathie und Achtung, die ihm die Gruppe und viele Menschen auf der Wanderung durch Franken und Thüringen entgegenbrachten. Sogleich kam er dadurch immer wieder in Schwierigkeiten. "Tatsächlich steht es so," vermittelt uns 1926 die Sozialreformerin und Pädagogin Eugenie Schwarzwald (1872-1940) ihre Erfahrungen, "dass es schon in normalen Zeiten unerhört schwer ist, jung zu sein, insbesondere wenn man begabt und feinfühlig ist."

 

"Was ist die Neue Schar", forscht die Monatsschrift Freideutsche Jugend (Hamburg) im November 1920 nach und antwortet:

"Sie kommt von der Wandervogelbewegung her, und ihr Führer Muck würde sagen, sie ist ein Ausfluss der Liebe zu allen Menschen."

"Ihr Ziel ist Erneuerung unseres ganzen Volkslebens unter Ausschaltung der politischen Fragen" , kündigt sie Thüringer Zeitung am 13. August 1920 an, um den deutschen Volk,

"den Sinn für Volkstum, Heimat
und heiterer Fröhlichkeit

unter Ausschaltung der modernen Genüsse [Tabak, Alkohol] …." wieder nahe zu bringen. Im Erlass des sächsischen Innenministeriums vom 8. Dezember 1920 war über Friedrich Muck-Lamberty zu lesen: "Er ging von dem Grundsatz aus, dass die Menschen das Freuen, den Sinn für Einfachheit und Natürlichkeit verloren haben. Er tanzte und sang mit ihnen, um erst einmal die äußeren Gegensätze zu überbrücken."

Die Neue Schar fragt: Wie und in welcher Form der Gemeinschaft wollen wir leben? Was sollen, was dürfen wir tun? Sie will ihr Leben in eigener Verantwortung führen und mit Schönheit füllen, erstrebt, was Ferdinand Avenarius 1913 im Kunstwart nach dem Treffen auf dem Hohen Meissner vordachte, "…. die Fähigkeit und das Recht, nach der eigenen Überzeugung zu leben". Deshalb spüren sie einen Horror vor der Angepasstheit, dem Zugeständnis und Kompromiss. Karl Schäfer wirft Anfang 1921 in die Muck-Debatte ein, sie fühlen, dass ein Zugeständnis sie

zu Durchschnittsseelen macht, dabei
wollten sie doch aber Persönlichkeiten werden.

Ein hoher Anspruch, der das Risiko des Scheiterns in sich birgt und im Alltag zur Überspanntheit führen kann. Hermann Hesse warnt 1921: "Die Welt ist nicht da, um verbessert zu werden. Auch ihr seid nicht da, um verbessert zu werden. Ihr seid aber da, um ihr selbst zu sein. Ihr seid da, damit die Welt um diesen Klang, um diesen Ton, um diesen Schatten reicher sei." Vor dem Ketzergericht auf der Leuchtenburg im Februar 1921 bemüht Muck diese Argumente vergeblich, weil die öffentliche Meinung gegen ihn stand.

"Die Lauterkeit der Bewegung wurden jeden Rudolstädter, der sich für die Sache interessierte, vor Augen geführt …", würdigt am 6. Juli 1920 die Stadtzeitung den Auftritt der Neuen Schar. "Zu Tausenden (in Rudolstadt waren es zweitausend)", worauf der Vorwärts (SPD) aus Berlin am 15. Januar 1921 hinweist, "folgen die Menschen der Schar, bringen ihr Geschenke dar, spielen mit ihnen und singen und tanzen mit diesen jungen Menschen."

Muck in Eisenach, September/Oktober 1920. "Prophet" Friedrich Lamberty.
(Winfried Mogge 1986, Seite 66)

Es kann der Wahrheit dienlich sein, wenn sich Persönlichkeiten mit hohen moralischem Status an die Ereignisse erinnern.

Reformpädagoge Wilhelm Flitner (1889-1990), Mitbegründer der Volkshochschule Jena, die Georg Kötschau (Jena) eine Paradiesschule nannte, und Leiter der ersten am 1. April 1919 in Jena eröffneten Abendvolkshochschule, erkennt bei Muck die Bemühungen um ".... Lebensbejahung, Nächstenliebe, Verträglichkeit, Freundschaft, Völkerversöhnung und Frieden auf Erden." (1986, 271)

Unvergesslich blieb dem Theologen und Bischof Wilhelm Stählin (1883-1975) das Erlebnis mit Friedrich Muck-Lamberty am 30. September 1920 in der Marktkirche von Eisenach. Ihn beeindruckte die

"Bußpredigt gegen
die Hartherzigkeit und Gemütskälte
der bürgerlichen Kreise".

Kunstkritiker Wilhelm Uhde (1847-1947) begegnete der Tanz- und Spiel-Company Ende Juni 1920 in Lauenstein. Rückblickend lobte er ihren immateriellen Geist und ihre Lebensfreude.

"Es war", erinnert sich der Eisenacher Pfarrer und Theologieprofessor Emil Fuchs (1875-1971) an die Begegnung mit der Neuen Schar in Mein Leben (1959, 54), "eine ehrliche und grosse Begeisterung." "So haben wir auch miterlebt, wie in Thüringen die Jugendbewegung geradezu eine Art leidenschaftlicher Volksbewegung wurde. Ich bin froh, dass ich es erlebte."

"Sie singen", illustriert im Oktober 1920 Gisella Selden-Goth das Tun der Neuen Schar, "nicht die Internationale und nicht die Wacht am Rhein; sie singen Mucks-Lambertys Tanzlieder, deren Melodien jetzt an allen Ecken und Enden Weimars aufflackern, überall wo Kinder lachen, junge Frauen bei der Arbeit leise Summen und reife Männer nachdenklich vor sich pfeifend auf Goethes Spuren gehen."

"Und was die neue Schar so wertvoll macht," würdigt 1920 von Stechow in einem Aufsatz der Halbmonatsschrift Ethische Kultur, "dass sie ihre Gedanken selbst vorleben, durch ihr Beispiel und die ursprüngliche Frische ihres Wortes hinreißen. Es ist eine Wirkung von Mensch zu Mensch, doppelt erfreulich in einer Zeit, die im Nächsten nur den Nutzen sieht, den er bringt."

Trotzdem erschien einigen die Spiel & Tanz-Company im schillernden Licht. Zum Beispiel Sebastian Haffner (2000, 64 f.), er deutet ihre Rolle als Erlöser kritisch:

"Während Hitler das Tausendjährige Reich durch den Massenmord aller Juden herbeiführen wollte, gab es in Thüringen einen gewissen Lamberty, der es durch allgemeinen Volkstanz, Singen und Luftsprünge erreichen wollte. Jeder Erlöser hatte seinen eigenen Stil."

Doch sie agieren nicht nur im eigenen Stil, sondern atmen grundverschiedene moralische Werte. Eine Erlösung mit Hitler-Methoden war für die Neue Schar immer undenkbar.

Es deutet sich hier an, dass die historische Aufarbeitung und publizistische Darstellung der Ereignisse um Friedrich Muck-Lamberty widersprüchliche Aussagen zu Tage förderte. "Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt," könnte man mit Friedrich Schiller`s Wallenstein sagen, "schwankt sein Charakterbild in der Geschichte."

Pfarrer Adam Ritzhaupt erzählt, dass die Blumenstadt im August 1920 die Neue Schar gleich Helden und Befreier begrüsste. "Wie ein Jahrzehnt danach Hitler" - fügt man viele Jahre später in der Debatte hinzu. Gegen diese Sicht protestiert Harry Wilde (1899-1878), eigentlich Harry Paul Schulze, Teilnehmer der Wanderung:

"Muck war beileibe kein Nationalsozialist, nicht einmal ein Vorläufer, als der er später hingestellt wurde." (1974, 17)

Ganz anders DER SPIEGEL (Hamburg) im Heft 6/1984. Unter der Headline

     Barfuss zur Erlösung vom Chaos

offeriert er eine Artverwandtschaft der Inflationsheiligen Max Schulze-Sölde, Christian Haeusser und Friedrich Muck-Lamberty mit dem Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. In vielen waren sie nur Mutanten des Typus Hitler, konnte man lesen. Den Konstruktionsplan entwarf Ulrich Linse in Barfüssige Propheten (1983). Selber ein Wanderprophet, argumentiert er (30-43), fand der Führer auf die sozialen Ängste der Massen ähnliche Antworten wie die Inflationsheiligen: Kult der heroischen Führerpersönlichkeit mit Messias-Image, magisches Agitieren durch manipulierte Wirklichkeitstransformation, Verdammung der Parteienwirtschaft, Verschmelzung von Politik und Religion und Propagierung lebensreformerischer Sehnsüchte.

Garnisonspfarrer Wilhelm Siegmeyer, der Muck-Lamberty aus der Kriegszeit auf Helgoland kannte, trägt 1921 exemplarisch die Sichtweise der Gegner von Friedrich Muck-Lamberty vor. Ihn stört "die ganze unausgeglichene, ziellose Persönlichkeit, die Verquickung unklarer Ideen, religiöser Motive, eines maßlosen Selbstbewusstseins mit einer ungezügelten Sittlichkeit."

Bisweilen weht im Schrifttum des Drechslers ein Hauch von Deutschtum, Volksgemeinschaft und kryptischer Religiosität. Ja, und wenn schon! Ein Reaktionär oder gar ein Vorläufer oder Ideengeber der Nationalsozialisten war er deshalb noch lange nicht. Die Rudolstädter, Jenaer, Weimarer oder Erfurter hörten von Muck keine Sportpalastreden. Dafür sprudelte er vor jugendlichem Enthusiasmus und Idealismus. Nicht im Gleichschritt, - singend, musizierend und tanzend zog er mit der Neuen Schar durchs Fränkische und Thüringer Land.

Mittlerweile füllen die Kommentare über sein Verhältnis zu den deutschnationalen Ideen, die Neigung zum Deutschtum und die Expedition zur Vaterlandspartei viele Leseseiten. Keine Beachtung fand hingegen seine Kritik an der Kommerzialisierung des Jugendlebens, die konstruktive Haltung zum Frieden in Europa, die Abneigung gegenüber dem Kasernentum, allen Soldatenspielereien und der Streit mit den Philistern.

 

Geboren war der Name

Freideutsche Jugend

im Kreis um Eugen Diederichs (Sera-Kreis, Jena), Knud Ahlborn (Bundesführer der Deutschen Akademische Freischar), Christian Schneehagen (Deutsche Akademische Freischar), Franziskus Hähnel (Vortrupp Leipzig) und Bruno Lemke (Akademische Freischar Marburg) auf der Tagung zur Vorbereitung des Meissner Festes am 5. und 6. Juni 1913 in Jena. Unterbreitet hat den Vorschlag der Herausgeber der Wandervogel-Führerzeitung Friedrich Wilhelm Fulda (1885-1945).

 

Friedrich Muck-Lamberty war kein "völkisch-rassistischer Prediger", wie ihn Ulrich Linse (2014, 39) nennt. Zu den Freideutschen zieht es ihn. Hier macht er die Probe aufs Exempel. Am 11. und 12. Oktober 1913 steht er mit ihnen, die, wie Hans Paasche rückblickend sagt, den Weg der Lebensreformen gehen wollten, 40 Kilometer östlich von Kassel auf dem Hohen Meissner. Dann nimmt er im Juni 1914 in Leipzig an den Vortrupp-Tagen teil, wo einiges nicht gelingt. Anders auf der Führertagung der Freideutschen Jugend 1919 in Jena. Ideen und Reformbegeisterung der Freideutschen Jugend prägen den Habitus und die Wertorientierung der Spiel- & Tanz-Company Neue Schar. Ihr Lebensstil sucht das Einfache und Echte (Ferdinand Avenarius). Sie vertrauen auf die Kraft der Selbsthilfe (Paul Natorp). Den kollektiven Zusammenhang der Gruppe stärken sie durch Selbsterziehung (Bruno Lemke, Ferdinand Avenarius). Zu keinem Zeitpunkt will die bunte Truppe ein Konkurrenzunternehmen für irgendjemanden darstellen. Mit allen möchten sie freundschaftlich verbunden sein. Ferdinand Avenarius (1913) nennt das die freideutsche Gesinnung! - Im Januar 1919 ermuntert Friedrich Muck-Lamberty in der Freideutsche(n) Jugend, die Monatsschrift für das junge Deutschland alle Reformfreudigen: "Tragen wir nur frisch und mutig die gesunden Gedanken der Freideutschen zu den Suchenden: durch Vorträge, durch Aussprachen."

Muck war ein Aufrüttler, Lebensreformer, Aktionskünstler, Wanderer, Drechsler, Kaufmann, Weltverbesserer und Anführer der Neuen Schar, aber kein völkisch-rassistischer Prediger. Wohl ist nicht zu übersehen, dass während seiner aktiven Zeit 1918/22 völkische Ideen in der Freideutschen Jugend politischen Raum gewinnen und ihn beeinflussen. Als der Bund der Landgemeinden und Wandervogel e.V. in das gemeinsame Arbeitsamt aller Bünde, Kreise und Gemeinschaften eintreten, bricht das Völkische im bisher nicht gekannten Ausmass in die Bewegung ein. Zum ersten Mal, begeistert sich Knud Ahlborn, rückt so im Frühjahr 1918 die Einigung der gesamten auf dem Hohen Meissner "freideutsch" genannten Jugend in greifbare Nähe. Frank Glatzel legt, begleitet von Knud Ahlborns Aufforderung zur freien Aussprache, im April / Mai Heft 1918 der Freideutschen Jugend die Völkischen Leitsätze dar. Sehr schnell stellt sich heraus, wie die Debatte auf ihrer Führertagung im April 1919 in Jena zeigt, dass nicht die Einigung, sondern die Aufspaltung der Freideutschen Jugend bevorsteht. Mit Erfolg trugen die Jungdeutschen den völkischen Wirrwarr in die Reihen der Freideutschen, wogegen besonders die Unpolitischen anfällig waren.

Am 19. Oktober 2010 sendet der Deutschlandfunk [DF] in Redaktion von Hermann Theißen

         Die Hochkonjunktur der Inflationsheiligen.

"Muck-Lambertys Größenwahn ist subtiler als der von Haeusser und anderen Wanderpropheten dieser Zeit", erklärt der Sprecher. "Er macht aus seiner Egomanie keinen Kult, sondern versucht, die Sache der Gemeinschaft über alles zu stellen." Ein schnöder Kollektivist, wie es hier vielleicht angedeutet werden soll, war er jedenfalls nicht, was aber ohnehin noch klar werden wird. Aber, keine Frage, Muck glaubte daran, dass ein Neuer Markt - ein Qualitätsmarkt - für handwerkliche Produkte geschaffen werden kann. Endlich sollte alles der oft darbenden Familie des Handwerkers zugutekommen. Wem solche Visionen kamen, der konnte Anderen schon Grössenwahnsinnig erscheinen.

 

Die
Wanderroute
der
Neuen Schar

 

Werner Heisenberg würdigt 1924 im Gespräch mit Niels Bohr "die Bemühungen [der Jugendbewegung] um ein neues schlichteres Kunsthandwerk, dessen Erträge nicht nur den Reichen zukommen sollen". Eigentümlicherweise bleiben diese Ideen und Ambitionen des Drechslers oft unbeachtet. Damit gerät nicht nur die Wandlung der Neuen Schar von der Spiel- und zur Handwerkerschar gegen Ende des Jahres 1920 ausser Sichtweite. Auch die Reformideen zur Organisation des Handwerks und Hinwendung zum Kunsthandwerk werden ausgeklammert. Leben, Ausbildung und Familienleben des Handwerkers, damit verbunden die Siedlungsfrage, beschäftigten Muck bis an das Ende seiner Tage.

Als die Neue Schar am 17. Februar 1921 von der Leuchtenburg verwiesen, schlägt Muck sofort heftige öffentliche Kritik und Häme entgegen. Bald sind die Satiriker zur Stelle. An das Kunst und Literatur bedürftige liberale Bürgertum adressiert, widmet ihm Ende des Jahres die Zeitschrift Jugend (München) mit dem Scherzgedicht Der Prophet diese Verse:

Ach, schon wieder geht uns flöten,
Das erhabne Musterbild
Eines echten Heilpropheten,
Der im Vaterland nichts gilt!
…..

Damals als ein Wanderpred`cher
Nahm er mit zur Wunderreis`
Deutsche Knaben, deutsche Mädch`r,
- Letztre meistens vorzugsweis`.
….

Leuchtenburg
(um 2000)

Muck brachte der Leuchtenburg-Skandal Ungemach, doch der Debatte um Liebe-Ehe-Partnerschaft neuen Schwung. In Mein Bekenntnis zu Muck-Lamberty (1921) verteidigt Gertrud Prellwitz (1869-1942) den Lüstling und Verführer. Die Wirkung ist ambivalent. Denn ihr übersteigerter Pathos und der schwärmerisch-pseudoreligiöse Charakter der Hauptfigur des im gleichen Jahr erschienenen Drude-Romans, passt nicht zur Aufbruchstimmung der Jugendbewegung. Jedenfalls ist sie in diesen Kreisen nicht besonders beliebt. Bald wisperte die kritische Jugend:

"Lass dich nicht beprellwitzen".

Ihre mystische und unklare Haltung zum Nationalsozialismus befeuert dies noch. Im 44. Rundbrief des Maienwerkes vom März 1933 begrüsst Gertrud Prellwitz die Hakenkreuzfahne, veröffentlicht weitere profaschistische Flugblätter und hegte Sympathien für die Führernatur Hitler. (Vgl. Janos Frecot 135) Das Image der Schriftstellerin beeinflusste die Wahrnehmung und Kommentare zur Neuen Schar in Teilen der Publizistik ungünstig.

Bis heute schwebt über Muck das Verdikt von der Haremswirtschaft. Auch Ulrich Linse (1983, 119) wiederholt diesen Vorwurf und stützt sich dabei auf Aussagen von Käthe Kühl. Harry Wilde (1965, 118) interveniert gegen diese weit verbreitete Vorstellung: "Innerhalb der Neuen Schar herrschten deshalb auch alles andere als Zustände, die man mit Freie Liebe hätte umschreiben müssen. Doch mit mönchischer Askese hatte diese Haltung nichts zu tun. Es war jene Selbstzucht, wie sie in der Jugendbewegung seit Jahren geübt wurde. Die natürliche Haltung der Mädchen unterband den aufwendigen Sex zugunsten eines gesunden Eros".

Ein duftend Blümlein am Raine spross
Sie schmückt damit den Weggenoss`

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913

Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974) spricht in Verbindung mit der Jugendbewegung vom "Tummelplatz der Geschlechtslosen". Die Kameradschaft als geschlechtslose Beziehung zwischen Jungen und Mädchen bedeutete den Verzicht auf Erotik und war der Preis für die errungene Freiheit. "Dieser zeitliche Vorrang der Jugendbewegung vor der älteren Frauenbewegung", darauf macht Elly Bommersheim (1982, 66) aufmerksam, "ist bis jetzt kaum betont worden." Im Lebensstil der Neuen Schar spiegelt sich ein Bild von der sportlichen, naturverbundenen und unkonventionellen, dem Mann völlig ebenbürtigen jungen Frau. In Naumburg an der Saale war es übrigens Wilhelm Flitner der 1912 zusammen mit Lotte Bach und Margret Arends die Mädelortsgruppe Wandervogel e. V. gründete. Im Juni 1913 zogen sie an der Spitze des Zuges zum Werkbundfest von Bad Kösen über die Rudels- und Saalecksburg zu den Stendorfer Wiesen, wo sie Clotide von Derp (1892-1974) auf grünen Rasen beim Ausdruckstanz bewunderten.

Zu seinen Liebesgeschichten öffnet sich Muck in den Briefen vom Frühjahr 1921 an Adam Ritzhaupt (Erfurt) und Eugen Diederichs (Jena) sowie an Kurt Kläber am 24. Juli 1921. 1928 nahm er im Zwiespruch (Rudolstadt) abermals dazu Stellung. Die Fairness erfordert es, diese in der Rückschau einzubeziehen. Anmassende Urteile über intime Lebensbereiche und Philistertum sollten wir möglichst vermeiden. Mit derartigen Erscheinungen war Friedrich Muck-Lamberty in Naumburg seitens der NSDAP konfrontiert. "Ich halte es für unbedingt erforderlich," informiert am 12. Oktober 1937 NSDAP-Oberbürgermeister und NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer den Regierungspräsidenten von Merseburg, "die einschlägigen Akten der damaligen Gebietsregierung Altenburg und des damaligen Thür. Wirtschaftsministerium beizuziehen". Jetzt, wo ihn die Werkgemeinschaft junger Handwerker in Naumburg ein Dorn im Auge ist, schlachtet er alles aus, was der NSDAP irgendwie nutzen kann. So behauptet sie, Mucks Leben war von der freien Liebe und einem hemmungslosen geschlechtlichen Sichausleben bestimmt.

Bisher bildete die Forschung ihr Urteil über Friedrich Muck-Lamberty, ohne Lisa Tetzner eingehend nach ihren Erfahrungen zu befragen. Und Eugen Diederichs Brief An eine junge Malerin vom 11. Februar 1921 und Karl Wilkers Erlebnisbericht Auf der Leuchtenburg (1921) nahm sie überhaupt nicht wahr. Die Begegnung der Neuen Schar mit Pfarrer Emil Fuchs in Eisenach und sein Urteil über die Jugendbewegung spielte nur eine marginale Rolle.

 

 

Lisa Tetzner.
Bildquelle: Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1925

Lisa Tetzner
veröffentlicht 1923:
Bei Muck Lamberty.

Zur Autorin siehe
Elena Geus: "Die Überzeugung ist das einzige, was nicht geopfert werden darf". Lisa Tetzner (1894-1963). Lebensstationen - Arbeitsfelder. Inauguraldissertation. Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main 1999

Erich Eberts eruierte prinzipielle Umstände für die schwache Rezeption des Werks von Lisa Tetzner. Ihr neunbändiges Hauptwerk "Kinderodyssee" Die Kinder aus Nr. 67 (1933-49) schildert "zwölf Jahre Faschismus und Krieg an den Erlebnissen einer Gruppe von Kindern in all ihrer Brutalität". "Die erschütternde Realistik war wohl mit der Grund dafür, dass dieses vielbändige Erzählwerk in der Bundesrepublik kaum Eingang fand."

 

Zunächst nur ein Wort zu Lisa Tetzner (1894-1963). Sie begleitete im Sommer 1920 die Neue Schar ein Stück des Weges durch das Thüringer Land. In Selbstlose Brüderlichkeit (1921) und Bei Muck Lamberty (1923/24) verdichtete sie ihre Erlebnisse. Das Kapitel Von Weltverbesserern und Propheten Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr (1923, 113ff.) trägt den Charakter einer Sozialreportage uns besticht durch einfühlsame, tiefenpsychologisch geleitete Beschreibungen, interessante Details, unbefangene Urteile zur Beziehung der Geschlechter in der Neuen Schar sowie zur Sexualmoral ihres Anführers Friedrich Muck-Lamberty. "Es will mir scheinen," würdigt Otto Zirker (457) Im Land der Industrie, "als sei hier das Verständigste und das Feinste über eine sehr erschütternde Angelegenheit der Jugendbewegung [der Neuen Schar] gesagt." Deshalb, fragen wir sie doch:

Wie war es damals im legendären Thüringer Sommer 1920?

Weil die Biographen Tetzners Essays und Reportagen über Friedrich Muck-Lamberty nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkten, dominiert bis heute die Wilhelm-Siegmeyer-Erzählung von 1921 über seinen Drang mit einem blonden Mädel den deutschen Christus zu zeugen. Beispielsweise stellt Christian Eger seine Einführung zur Ausstellung "Muck Lamberty - eine Naumburger Legende aus der Zeit der Jugendbewegung" im Jahr 1997 in Naumburg (Saale) unter das Diktum:

Blonder Muck
sucht deutschen Christus.

Zuvor berichtete bereits 1984 das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (Hamburg), dass er "plante mit einem blonden Mädel den deutschen Kristus zu zeugen". Möglicherweise ist dies einfach dem Anliegen geschuldet, dass Interesse der Öffentlichkeit für ein Thema oder Ereignis zu wecken. Doch die deutschnationale Sprachästhetik mit leicht rassistischem Akzent entstellt Mucks jugendpolitisches Engagement und Streben. Die Story vom "blonden Mädel" setzte Wilhelm Siegmeyer 1921 in der Zeitschrift Junge Menschen in die Welt und diente dazu, die Kampagne gegen Muck anzuheizen. (Details hierzu in den Kapiteln Helgoland - ein Kapitel für sich!, Witzenhausen und  Attacke der Zeitschrift Junge Menschen.)

Am 16. Februar 1921 warnt das Jenaer Volksblatt auf der T i t e l s e i t e:

"Eltern, seid auf Eurer Hut! Wenn die Tage des Frühlings wiederkommen, so wird auch Muck-Lamberty von seiner Leuchtenburg herniedersteigen. Denken wir daran, das alle Mädchen, die ihn jetzt noch nachlaufen …. sich außerhalb unserer Sittlichkeitsbegriffe stellen."

 

Zeitzeugen
hinterliessen zu Friedrich Muck-Lamberty und der Neuen Schar Notizen, Briefe, Aufsätze, Essays oder Reportagen. Namentlich handelt es sich dabei um:

Fritz Zögner

Hans Pluta,
Mitglied der
Schar

Gärtner
Erich Martin
Glüsingen 1919/20

Dr. Walter Fränzel
und Frau
Lichtheideheim
Glüsingen

Harry Wilde
Journalist und Schriftsteller

Willi Wismann

Lisa Tetzner
Kinderbuchautorin und Märchenerzählerin

Karl Bittel
Wanderfreund und Jugendreformer

Pfarrer
Adam Ritzhaupt
Erfurt

Pfarrer
Emil Fuchs
Eisenach

Geschäftsmann
Hans Eklöh
Lüdenscheid

Schriftsteller
Friedrich Lienhard
Erfurt

Enno Narten
Geschäftsführer Landschulheim Holzminden (1920), Geschäftsführer der Vereinigung zur Erhaltung der Burg Ludwigstein (1925)

Arbeiter
Henry Joseph
Berlin,
Zellestrasse 11

Gertrud Prellwitz
Schriftstellerin

Oberhof

Theodor Plievier
Bad Urach
Schriftsteller und Lebensreformer

Doktor Karl Wilker
Reformpädagoge

Doktor der Politikwissenschaften
Walter Kotschnig
Berater in der
US-Aussenpolitik

Ernst Otto Paetel
Herausgeber der Zeitschrift
Die Kommenden

Wilhelm Uhde
Kunsthistoriker und -händler

Komponistin
Gisella Selden-Goth

Bischof
Wilhelm Stählin

Professor
Wilhelm Flitner
Theologe und
Reformpädagoge

Kunstmaler und Graphiker
Georg Kötschau
Jena

Gusto Gräser
Künstler und Aussteiger

Marineoffizier, Schriftsteller
Hans Paasche

Die Naturfreunde, Gau Thüringen, Ortsgruppe Jena

Franziskus Hähnel
Votrupp Leipzig

Alfred Kurella
Herausgeber der
Freideutschen Jugend

Maler
Max Schulze-Sölde

Rudolf Otto Wiemer
Puppenspieler und Lyriker

Erich Matthes
Verleger

Franz Hammer
Schriftsteller
Eisenach

Verleger
Eugen Diederichs
Jena

Walter Hammer
Hamburg
Herausgeber von Junge Mensche

Maler Fidus
alias

Hugo Höppener
aus
Woltersdorf bei Erkner

 

"Da die Verführungen der jungen Mädchen mit deren Willen geschehen," erklärt die Zeitung, "so wird für den Staatsanwalt ein Grund zum Eingreifen erst dann Gegeben sein, wenn Krankheiten übertragen werden." Unter der Überschrift Der Messias der Leuchtenburg drängen sich dann die Vorwürfe an den "langhaarigen Abenteurer": Meuterer in Kiel, notorischer Bettler, Auslöser einer wahren Tanzseuche in Mitteldeutschland, Prediger des Evangeliums der freien Liebe, deutschnationaler Parteigänger und kommunistischer Agitator. Es ist eine Art Leitartikel für die nun einsetzende Anti-Muck-Kampagne, aus denen die Provinz-Blätter ihre Vorhaltungen kopieren können.

Mucks Gegner leisteten sich unglaubliche Tollereien. Ihre Kritik verliert oft Mass und Mitte. Lüstling, Wüstling, Verführer, Schwindler, Tempelschänder, Lügner, Vagabund und falscher Prophet rufen sie ihn hinterher. Ihr Motto: Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.

Eigentlich gehören Die Naturfreunde vom Gau Thüringen zu Mucks politischen Widersachern. Aber diese Unsachlichkeit und Feindseligkeit im Umgang mit dem Wanderpropheten, das wollen sie nicht.

Elende Pharisäer und Heuchler!,

fauchen sie Mucks Gegner aus Jena zu.

Als die Neue Schar in der Klassikerstadt eintrifft, beklagt die Weimarische Landeszeitung: "Unsere Zeit leidet an dem Mangel von charaktervollen Persönlichkeiten." Viele Hoffnungen ruhten auf Muck. Dennoch war es weder Führerkult noch eine besondere Form von Messianismus, die die Neue Schar so beliebt machte. Vielmehr bewunderten ihre Anhänger - bewusst oder unbewusst - ihre "selbstlose Brüderlichkeit" (Lisa Tetzner 1921), wie die Gruppe mit originellen Formen des Zusammenlebens und der Kommunikation experimentierte, sukzessive von den manierierten wilhelminischen Moralkodizes Abstand nahm.

Muck bekümmerte die sich ausbreitende kulturelle Niveaulosigkeit der Volksfeste: "Acht Tage lang habt ihr euch auf dem Vogelschießen Bauchtänze und andere seichte Sachen alter Kultur zeigen lassen, habt Dreck geschluckt und eure Ohren und Sinne durch Drehorgeln, allerlei Blödsinn, seelenlosen Kram betäuben lassen. Alles andere - nur kein Sichfreuen, Sichkennenlernen, kein gesundes, herzhaftes Fröhlichsein, kein Volksleben." "Besinnt euch!"

Mit Sinn für Volkstum, Heimat und Gesang, einem neuen Lebensstil, den sie mit Fröhlichkeit, aber bei Verzicht auf moderne Genüsse (Rauchen) und künstliche Betäubungsmittel (Alkohol) transportiert, möchte die Neue Schar ein Beispiel geben. Von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, trägt die bunte Truppe ihre nonkonformistische Lebensart.

Im Jahr 1917 lud Eugen Diederichs (1919) zweimal Intellektuelle, Politiker und Künstler, darunter Ernst Toller, Berta Lask, Theodor Heuss, Werner Sombart, zum Gespräch auf die Burg Lauenstein ein. Ungern erinnert er sich an den geistigen Habitus der älteren Generation, ihren Doktrinismus, Mangel an Demut und fehlenden "Gefühl, den Menschen Bruder zu sein". Diese verbreitete Haltung rief bei der vorwärtsstrebenden Jugend tiefen Frust hervor. Die Neue Schar bündelte ihn und trug ihn als den Kampf der Jungen gegen Alten durch Stadt und Land. Erneut bricht er sich im Februar 1921 auf der Leuchtenburg zum Ketzergericht (Diederichs) seine Bahn: Wie ein Vulkan die Steine, so schleuderten Jenaer Studenten zu Mucks Verteidigung die Worte in den Raum:

Ihr Alten habt nicht das Recht,
uns nach Euren Gesetzen
zu schulmeistern.

"Alles in allem ist nur zu wünschen", gibt die Zeitschrift Ethische Kultur durch ihren Autor von Stechow (1920) der Hoffnung Ausdruck, "dass Mucks Gedanken Allgemeingut werden, dass überall die Besten ohne Eigennutz, um der Sache der Menschheit willen helfend zur Seite treten. Ein Kampf für das Licht und das Gute."

Für Muck öffneten sich die Tore der Kirchen. "Ich war es", bekennt Harry Schulze-Wilde am 1. Oktober 1971 gegenüber Werner Kindt, der ihn "in die Kirchen brachte, das heisst, dass er ab Weimar in den Kirchen "predigen" konnte: Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach etc. Ich war es auch, der durchsetzte, dass [in einer lutherischen Kirche] neben dem Luther-Lied Eine feste Burg ... auch Marienlieder gesungen wurden." "Das möge hier festgehalten werden", beurkundet 1921 Pfarrer Adam Ritzhaupt aus Erfurt:

"Die Neue Schar hat ein Verdienst an der Entwicklung der gottesdienstlichen Kultur."

Sie erreichte Bürger, welche die Kirche bereits für sich verloren glaubte.

Trotzdem wird im Rückblick ihr Mut zum Neuen, die Empörung über die Alten, der Streit mit den Philistern und Kalten sowie ihr Beitrag zur Reform der Lebensweise oft nicht gewürdigt. Bereits 1921 beklagt in der Zeitschrift Junge Menschen der Pionier der Fürsorgeerziehung und Leiter der bekannten Zwangserziehungsanstalt Lindenhof Berlin Karl Wilker (1885-1980):

"Von allen Seiten greift man ihn an, den Muck, und sie die Neue Schar. Tausend Fehler sieht man an ihnen. Tausend Gerüchte setzt man über sie in Umlauf. Spartakist - schreit der eine; Bolschewisten - der andere. Faulpelze, Meuchelmörder, Drückeberger .… das alles und noch anderes schwirrt durcheinander."

Über Friedrich Muck-Lamberty und die Neue Schar existieren divergierende Erzählungen und konkurrierende Urteile. Aber sind sie denn berechtigt (rückführbar auf Ereignisse) und korrekt? Fragen wir die Zeitzeugen und beraten uns mit den Arbeiten zur Jugendbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg von Werner Helwig (1960/1980), Walter Laqueur (1962), Fritz Borinski / Werner Milch (1967), Werner Kindt (1968, 1974), Karl O. Paetel (1961), Heinz R. Rosenbusch (1973), Kurt Haufschild (1975), Ulrich Linse (1983: Barfüßige Propheten) und Robert Schurz (2010). Kann uns Rüdiger Safransky`s (2007, 334ff.) helfen, den romantischen Blick der Neuen Schar zu verstehen? Nicht zu vergessen, die erste umfassende Biografie mit 109 Seiten zu Muck-Lamberty von Norbert Bechthold, vorgelegt 1985 an der Universität Frankfurt / Main.

Auf den Spuren der Neuen Schar umwehen uns starke Gefühle. Wir entdecken mit ihr das Schöne, erleben den Streit mit den Kalten und Philistern. Muck erklimmt die Höhen der Liebe, um dann in den Abgrund der Enttäuschung zu fallen.

 

Kindheit und Jugend  nach oben

Friedrich Lamberty erblickt am 14. Juli 1891 in Strassburg (Elsass) als achtes von zwölf Kindern das Licht der Welt. Die frühen Jahre seines Lebens liegen für uns im Dunkeln. Wir wissen nur, dass er in einer kinderreichen Familie aufwächst, die im Elsass und dann 10 Kilometer nordwestlich von Aachen liegenden Simpelveld (Niederlande) lebt. "Muck als Katholik liebte die Marienverehrung und das alte Wallfahrtslied Meerstern, ich dich grüße …" (Wilde 1965, 124). Als Ministrant überraschte er den Pfarrer bei sexuellen Handlungen mit der Hauswirtschafterin, die sein Schweigen mit Schokolade erkaufen (Bechthold 47).

Franziska Lamberty
(1860-1939),
die Mutter von Friedrich
Muck-Lamberty

Bild: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen. Bestand: Neue Schar A 17, Nr. 1.

Mutter Franziska Lamberty, geboren am 27. Oktober 1860, eine Hessin aus Meisingen, Tochter des dortigen Bahnhofsvorstehers, lebte bis 1939. Der Vater Friedrich August Lamberty, geboren am 12. Juni 1859 in Neheim an der Ruhr, war von Beruf Kaufmann. Er führte ein autoritäres und rechthaberisches Familienregime. Max Horkheimer`s geistvoller Spruch, "Die Jugendbewegung entsprang nicht zuletzt daraus, dass man im väterlichen Geschäft keine Chance mehr sah", erfasst die Lage des fast noch kindlichen Jungen gut, als er mit dreizehn, vierzehn Jahren das Elternhaus verlässt.

Als Achtzigjähriger äussert sich der Nestflüchter im Gespräch mit Rudolf Wiemer freundlich über seinen Vater. Er verfügte über Patente in Holland, Belgien und Frankreich, war ein origineller Kopf, erzählt ihm Muck. Friedrich August Lamberty stirbt 1913.

Seit den Kindertagen nennt man ihn Muck. Besonders die Freideutsche Jugend und weite Kreise der Öffentlichkeit nannten ihnen so. Er wollte so genannt werden, zeichnete viele Aufsätze oder Schriftstücke mit diesem Namenszug. Wenn wir es nun auch tun, dann verstösst dies nicht gegen die üblichen methodischen Konventionen der biografischen Arbeit, es ist weder respektlos noch Ausdruck mangelnder Objektvität.

Friedrichs Übername "Muck" legt die Vermutung nahe, dass es Parallelen zur Geschichte von dem kleinen Muck. Wilhelm Hauff (1802-1827) beschreibt ihn als klein von Wuchs, worüber die Leute spotteten. Sein fröhliches Naturell liess ihm das ertragen. Er spielt und liesst gern. Der Tod des Vaters, er ist gerade 16 Jahre alt, droht ihn aus der Bahn zu werfen. Diese Lebenskrise bebildert Regisseur Wolfgang Staudte (1906-1984) im gleichnamigen DEFA-Märchenfilm von 1953 in einer Strassenszene. Der Wächter fragt den von den Ereignissen gezeichneten Muck, was er nun zu tun gedenkt, worauf der antwortet:

Ich suche den Kaufmann,
der das Glück zu verkaufen hat.

Auch Friedrich trägt diese Hoffnung aus dem Elternhaus.

Nun zieht er hinaus, steht im Taugenichts (1826) des Joseph von Eichendorff geschrieben, um sein Glück zu machen. Nicht Aurelie bittet ihn zurückzukommen, weil die Hindernisse ihrer Liebe beseitigt. Nein, Muck muss erst selbst die Hindernisse schaffen, um die Liebe zu finden. Ohne Hannas Liebe "wäre der Geist nicht über ihn gekommen, ohne sie", beobachtete Lisa Tetzner, "hätte er nie so in den Kirchen predigen können."

1906 wanderte er von Holland nach Bregenz am Bodensee und beginnt dort eine Lehre bei den Gebrüder Hiller (Hannover), die seit 1901 Reformwaren vertreibt. Die Firma besteht bis heute als Natura-Werk Gebr. Hiller GmbH & Co. KG fort.

Auf der etwa 35 Kilometer südlich von Stuttgart gelegenen Burg Hohenneuffen trifft Muck 1909 erstmals mit der Wanderbewegung zusammen. Während dieser Zeit arbeitete er als Vertriebsleiter für ein Reformhaus in Stuttgart. Sein Gehalt soll respektabel gewesen sein. Er ist Vegetarier und leidenschaftlicher Alkoholgegner.

Bald übernimmt er eine Filiale des Unternehmens in Brünn (Brno). "Ich hatte mit 18 Jahren in Österreich", erfahren wir 1919 von seiner Tätigkeit in Graz, ein Reformhaus für gesunde Kost ins Leben gerufen, um praktisch für eine Gesundung durch vernünftige Ernährung zu wirken." Mit 19 übergab er es einem Freund, um weiter zu wandern, und avanciert per Akklamation in den Vorstand der Bewegung gegen die bürgerliche Berufstour.

Weiter führt der Weg nach Esslingen am Neckar. Hier gehört er um den siebenbürgischen Dichter und Wanderer Gusto Gräser und zusammen mit Ernst Emanuel Krauss, der sich später Georg Stammler nennt, Willo Rall, Luise Rieger, Theodor Heuss und Hugo Borst zum Kreis der Esslinger Sieben (Müller).

Muck reiste bereits vor dem Krieg herum, um eine Freundesschar, Siedlergruppe oder Genossenschaft zu sammeln.

Pfingsten 1913 ist er Gast auf der Henneburg bei Meiningen zum Wandervogel-Bundestag, wo er Hans Eklöh kennenlernt. Im September, heisst es, verlässt er die Stadt. Etwa ab Oktober arbeitet er bei Eklöh in Lüdenscheid. Hier, so kam es im Juni 1914 gelegentlich des I. Deutschen Vortrupp-Tages in Leipzig öffentlich und im Detail zur Sprache, desavouierte er den Wandervogel. Auf grossen Aktenbögen, so wurde dort berichtet, schrieb er:

"Freunde kommt zu uns und freut euch mit uns! Muck."

Er "hetzte die Schüler gegen die Lehrer und die Söhne gegen das Elternhaus auf. Unreifen Tertianern rückte er mit Nietzsche und Kant zu Leibe und richtete mit seinen eigenen Briefen, welche er an Nestabenden vorlas, heillose Verwirrung an." Der Wandervogel verbot ihn, dass Landheim zu betreten. "Als Antwort stand zwei Tage später im Gästebuch:

"Ich war da! Muck."

Machte der Wandervogel eine Veranstaltung, konnte es passieren, dass er aus einem Gebüsch auftauchte.

".... Krach war sein Leben,
deshalb musste es überall krachen." (Eklöh 1914)

"Ich bin geboren worden unter der Bedingung, dass ich das sein soll, was ich sein will", könnte man mit Giovanni Pico della Mirandola (1486) Mucks Lebensmaxime formulieren. Ein anspruchsvolles und schwieriges Unterfangen, wenn man in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Krisen früh dem Elternhaus entflieht und das existenzsichernde Handwerk erst mit 28 Jahren erlernt. Aber so ungünstig war das gesellschaftliche Umfeld für die Unternehmungslustigen auch wieder nicht. Immer stärker brandet die Lebensreformbewegung auf. Heftig kollidieren im sozialen Raum die veralteten Erziehungsmethoden der Schule und des Elternhauses mit den Bestrebungen der Jugend. "Sturm-Überflaggt" kündigt Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914) den Aufbruch der Jugend an. In der freideutschen Jugendbewegung wächst und organisiert sich das Bedürfnis nach unbefangener Urteilsbildung, Wahrhaftigkeit und Authentizität.

"Die deutsche Jugend steht
an einem historischen Wendepunkt",

verkündet 1913 die von Georges Barbizon (Berlin) und Siegfried Bernfeld (Wien) herausgegebene kritisch-aufrührerische Jugendzeitschrift Der Anfang.

Muck-Lamberty mischt sich ein in den Kampf um die Jugend (Gustav Wyneken 1913). Über schwere Rückschläge hinweg, finder er immer wieder zu einer aktiven Lebensposition. Und lebte dabei, wie es seine Verteidigerin Gertrud Prellwitz 1921 feststellte, manch kleine Unvollkommenheit.

Die überlieferten Jahreszahlen zu den Lebensstationen Bregenz, Stuttgart, Brno, Graz und Esslingen konfligieren leicht. Sie können nur als Anhaltspunkte gelten.

 

Von grossen Idealen getragen  nach oben

"Wir könnten schon warten, doch wir wollen nicht warten, wir wollen weiter, weiter vom großen Ideale getragen", teilt Muck Freunden und Führern 1913 aus Esslingen mit. Doch welche Ideale meint er? Welche Werte leiteten ihn?

 

Der Kampf der Jungnaturen gegen die Alten.

Der geistige Boden für den Kampf gegen die Alten war längst bestellt. Schon länger drängte die reformfreudige Jugend zum Kräfte messen. In der von Gustav Wyneken eingeführten Schülerzeitschrift Der Anfang kam dies 1913/14, was hitzige Proteste auslöste, ziemlich provokativ immer wieder zur Sprache. Wenn man so will, setzt die Neue Schar dies 1920 mit ihrer Tour im Sommer 1920 durch Franken und Thüringen fort. Ihr Credo lautet:

Weg mit der Herrschaft
der Alten über die Jungen.

Der Kampf von Jung gegen Alt ist für Muck die wichtigste Triebkraft der politischen Bewegung. Sein Vertrauen in die Kraft und den Elan der Jugend ist nahezu grenzenlos. "Die Jugend", heisst es in Neuland in Sicht (1913) ,"ist es immer gewesen, die die Dinge änderte." "Unsere Welt muss untergehen," warnt Muck in An alle Lebendigen, "wenn die Jungen und Junggebliebenen nicht aufstehen, an sich arbeiten und sich verständigen."

"Als endlich die Parteien ihren Tag glaubten," schreibt er sich im Februar 1919 in der Freideutschen Jugend die November-Erfahrungen von der Seele, "den sie einen Teufelstanz nannten, da stand nicht die Partei selber auf,

das junge Volk stand mit auf,

die Lebendigen waren dabei,
die draussen gewandert, geschaut,
Gott gesucht und gefunden,
nicht bei den Predigern der kalten Kaste,
wohl bei den Bauern,
in den Domen des Waldes,
bei den Menschen, die in Not lebten und recht taten.
Dieses junge Volk stand auf ...."

Als Losung über den Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen könnte auch der Schriftzug stehen:

Kampf der Jungnaturen
gegen die Alten.

Er ist für die Zukunft der Nation entscheidend. Davon ist Muck überzeugt. In diesem Sinne heisst es auf einem in Eisenach (25.9. bis 8.10.1920) verteilten Flugblatt:

"So kommt es sicher, dass die Jungen sich verbinden, um gegen alles Morsche und Faule und die Verderbtheit der heutigen Gesellschaft zu kämpfen, die Jugend, die über allen Parteien steht, um des Lebens willen."

Den Glauben an die Jugend schöpft Muck aus mehreren Quellen. Georg Stammler nimmt dabei einen besonderen Platz ein. Öfter ist eine Ähnlichkeit in Inhalt und Ausdrucksweise deutlich erkennbar, zum Beispiel wenn jener einst die Erlösung an die Jugend kettete: "Meine stille Hoffnung richtet sich auf die Jugend. Vielleicht, daß sich einmal aus ihrer Mitte heraus die

heilige Schar

bilden wird, die mit der Leidenschaft der Liebe um die Geburt des neuen Menschenbildes ringt; die Schar, die uns erlöst, weil sie sich aus der Not des eigenen Herzens zur Keimzelle des neuen Lebens schafft." (Lynkeus 21.8.1920)

In der Augustinerkirche zu Gotha unterscheidet Muck zwischen Ich- und Gottmenschen. Erstere heisst er auch geistige Proleten oder alte Menschen. Die für ihre Idee leben, sind die Jungen oder Gottmenschen.

 

Kritische Haltung zu Parteien

"Er spricht von den kalt Geistigen, von den Absteigenden, den Kasten- und Parteimenschen", fiel 1921 (10) bereits Adam Ritzhaupt auf. Walter Kotschnig (1920) bemerkte, dass Muck gern über die Klassen- und Parteigegensätze referiert, "die nur den

berechnenden, kalten Menschen

Mittel sind, ihre Herrschaft über den guten, den lebendigen Menschen zu erhalten." Bei der Ausprägung dieser Haltung spielen vielleicht die misslichen Erfahrungen mit der Deutschen Vaterlandspartei eine gewisse Rolle. Ebenso haderte er mit den hohen Funktionären der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, gewinnt zu ihnen nie viel Zutrauen. Im Brief an den Schwiegersohn von Gusto Gräser und Fabrikarbeiter Henry Joseph warnt er 1929:

"Ihr Jungen aus dem Proletariat, lasst Euch doch nicht täuschen, schaut Euch die Gewerkschaftsbonzen an, die Krankenkassen-Häuptlinge und die Arbeiterdichter, die dicke Bäuche und ein behagliches Leben führen, wie sie sich darin wälzen und es andern schwer machen."

"Muck fühlte sich im höheren Sinn berufen, er lehnt jede Regierung," glaubt von Stechow (1920), "jede Partei, jedes Bekenntnis ab." Ihre Vertreter und Repräsentanten waren für ihn kein Vorbild, weil sie ihre Worte oft an taktischen Erfordernissen der Wahl ausrichten, täuschen, lügen und dazu neigen, die Bürger zu bevormunden. Wohl deshalb erklärt Muck am 9. September 1920 in der Augustiner Kirche zu Gotha, dass sie "nicht im Namen einer Partei kämen und jeden Standesunterschied ablehnten".

Muck will (nur) nicht, dass der Parteienschlamassel in die Jugendbewegung eindringt. Damit nahm er eine Stimmung auf, die damals sehr verbreitet war. Ende Mai 1920 schrieb der Fränkische Wald:

"Es ist auch wahrlich an der Zeit, dass die entschlossenen jungen Menschen nicht das Leben der heutigen Gesellschaft und

das Gezänk der Alten

so ohne weiteres hinnehmen und den Hass der Parteien in die Jugend tragen."

Nicht ganz unwichtig ist, dass seine Kritik weniger auf die Parteiendemokratie als auf die Parteienmisswirtschaft abzielt. Zudem trägt sie volkstümlichen Charakter und ist nicht staats- oder verfassungsrechtlich begründet. Ganz ähnlich wie Muck tadelten viele demokratisch gesinnte Intellektuelle die Entfremdung der Parteien vom Bürger, ihre Phrasendreschereien, den Widerspruch zwischen Wort und Tat, von Parteiprogramm und Regierungspolitik, den Einsatz hochaggregierter Symbole, um Mängel zu kaschieren und das Karrieredenken der Volksvertreter. Lisa Tetzner monierte 1921:

"Deutschland ist in eine unglaubliche Parteipolitik
zerfallen, die jede freie Menschlichkeit zu beengen droht."

Nahe der Verzweiflung über die undemokratische, arrogante und intransparente Arbeitsweise der Parteien notiert 1928 Carl von Ossietzky:

"Das Listensystem verhindert die interessanten, anregungsvollen Einzelgänger. Das Listensystem konserviert die Omnipotenz der Parteibureaus und zwingt die Malcontenten zum Ducken und Mitlaufen."

Wer die Misswirtschaft und Arbeitsweise der Parteien begründet kritisiert, der ist nicht sogleich ein Feind der Demokratie. Natürlich war die immer wieder erhobene Forderung der

"Überwindung der Parteien
durch die Jugend" (Harald Schultz-Hencke)

und nach Erneuerung der Parteien etwas naiv. Überall wo dies versucht wurde, stiess es auf ihren Widerstand. Verständlich, betonen Arnold Bergsträsser und Hermann Platz (1927, 18), denn hier treffen zwei verschiedene Zwecke aufeinander. Der eine will die Bildung des Charakters und Entwicklung des Urteilsvermögens, der andere ist lediglich auf die Disziplinierung der Mitglieder und die Erhaltung der Macht gerichtet.

Die Parteien, worauf Ulrich Linse (1983, 99) hinweist, ignorieren Muck oder sehen in ihm einen Politclown. - Warum denn aber? Nur weil er ihre Formen der Artikulation und Inszenierungen nicht beherrschte? Wohl kaum. In .... Noch ein Wort zu Muck-Lamberty bemerkte Lisa Tetzner 1921 (773), dass die Linksstehenden aufgrund seines Einflusses "die Entziehung ihrer Jugend aus der Parteipolitik" fürchten müssen.

Gisella Selden-Goth (*1884) erlebte im August 1920 die Neue Schar in Weimar. Unter diesem Eindruck stehend, prophezeit sie zwei Monate später im Neue(n) Wiener Journal: Jetzt müssen die deutschvölkischen wie sozialistischen Jugendgruppen auf der Hut sein, wenn sie keine Mitglieder verlieren wollen. "Die Knaben und Mädchen, deren Herzen" Muck "von allen Seiten zufliegen,

wollen nicht mehr in den Schauzügen mitmarschieren,
an deren Spitze die Tafel mit dem Schlagwort
getragen wird."

 

Die Macht der Maschine

Muck fürchtet die Diktatur der Maschine über den Arbeiter. Ihm bereitet die fortschreitende Mechanisierung und Automatisierung der Arbeit grosse Sorgen. Wilhelm Flitner (1968, 271), der ihn aus der Jenaer Zeit kannte, fiel auf:

"…. und verständige Leute horchten auf, wenn er die Fließbandarbeit in den Fabriken schallt, die Tyrannei der Maschinen schilderte, die Produktion überflüssiger Dinge verurteilte, die Schund- und Schmutzliteratur, den Klassenkampf, die Landflucht, die Geringschätzung des Handwerks."

Es ist alles anders geworden. "Meisterschaft ist heute etwas anderes. Man ist

Meister in der Einseitigkeit,

im Boxen, Linksschwimmen, Stemmen, Biertrinken usw." "Ich stand manchmal lange an einem Kellerfenster einer Lüdenscheidscher Knopffabrik", erzählt er 1929 (11), "und hatte eine Freundschaft mit einem Knopfmacher.

25 Jahre machte der Mann immer ein und denselben Knopf und seine ganze Familie und seine Kinder sahen bald so aus. Welche Energie braucht der Mensch, um dabei nicht ganz zu verblöden."

Ganz ähnlich fragt Alexis Torqueville 1835 (259) in Über die Demokratie in Amerika: "Was kann man von einem Menschen erwarten, der zwanzig Jahre seines Lebens damit verbrachte, Stecknadelköpfe herzustellen?"

Fließbandarbeit und Automatisierung zerstückeln und taylorisieren den Produzenten, degradieren ihn zum Anhängsel der Maschine, zwingen ihn den technologischen Rhythmus auf. Massen- und Billigproduktion bedrohen die wirtschaftliche Existenz vieler Handwerker. Oft bleibt ihnen nur, sich als Hilfsarbeiter zu verdingen. Ein trauriges Bild zeichnet er 1929 in Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest (10): "… und dann sehe ich die Massenfabriken, wie der Mensch zur Maschine wird, sehe wie sie darin leiden, die zu früh hineingesteckt wurden."

"Es klingen auch nicht mehr die alten Handwerkerlieder",

klagt er in Die Handwerkerschar von der Leuchtenburg 1921, "es ist nicht mehr die väterliche Freude bei Arbeit mit Gehilfen und Lehrburschen."

 

Aufhebung der Entfremdung der Arbeit im Handwerk

Nach der Überzeugung von Muck bietet dem jungen Menschen allein die Sphäre des Handwerks einen Korpus der Rechtschaffenheit und selbstbestimmtes Arbeiten, betont aber, "Für den Massen- und Haufenmenschen ist das Handwerk nicht da." (Jugendbewegung 12)

"Jugend Voran", Plakat, 1951, Grafiker E. Wernitz.

Die Botschaft des Plakats vermittelt anschaulich, warum das Konzept der Handwerksarbeit als Charakterbildung eines Volkes kein gesellschaftliches
Echo finden konnte.

Schon etwas ungläubig fragt Lisa Tetzner (*1894) in Selbstlose Brüderlichkeit (1921) nach:

"Können wir wahrhaft annehmen, die Welt von Werkstätten aus durch einen Drechsler zu reformieren?

Trotzdem will Muck die Entfremdung der Arbeit in der industriellen Massenproduktion durch Hinwendung zum Handwerk überwinden.

 

Die Idee vom neuen Markt

Wenn man in die "Werkstätten der heutigen Heimarbeiter schaut", "dann kann man das Gruseln bekommen, was nicht alles an Schund und Tand hergestellt worden ist und noch wird". "So könnte der Jahrmarkt eine Belebung sein, heute ist er meist aus Bluff und Betrug aufgebaut", kritisiert ML in Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest (1929).

"Eine goldene Uhr für 1 Mark, dazu noch ein Portemonnaie, dazu noch … lauter Schwindel und es wird von der blöd gewordenen Menge gekauft und fortgetragen."

Eine Alternative sieht er in der Schaffung des

neuen Marktes.

Er ".... müsste das Beste bieten, was Handwerker der Umgebung zu leisten vermögen. Es muss sprichwörtlich heißen:

das habe ich vom Meister … gekauft".

"Wir haben erkannt, welch großen Einfluss der gesamte Kaufmannsstand auf die Entwicklung der Menschheit ausübt", fasst er 1914 gemeinsam mit Georg Peters in Was können wir tun? seine betriebswirtschaftlichen Erfahrungen zusammen. Um die Lage des Handwerks zu bessern, muss nach ihrer Ansicht der Widerspruch zwischen Ökonomie (Kaufmann) und Produktion (Handwerker) überwunden werden. "Viele sehen in den Kaufmann bei unseren Bestrebungen ein notwendiges Übel. Man erwartet das Gute vom Handwerk selbst. Wir haben aber eingesehen, dass der schaffende Künstler, der Handwerker und Kaufmann Hand in Hand gehen müssen, damit der bestehende Einfluss des Kaufmanns auf die Herstellung der Roherzeugnisse den Erneuerungsbestrebungen zu Gute kommt. Also: Sie wollen gemeinsam schaffen …."

 

Untergang des Handwerks

"In diesen Zeiten des schnelleren Verfalls und des stilleren Neubeginns bei den Jungen spürt der Feinsinnige auch

die Berufsnot.

Wie mancher Junger Mensch, Sohn eines rücksichtslosen Kaufmanns (Schieber) will nicht den Betrieb seines Vaters übernehmen. Er will

rechtschaffener Handwerker

sein. Wie mancher will nicht den toten Weg des Beamten gehen und es kommt ein Kampf in der Familie. Die Tradition, die dumme Anschauung, dass der schlichte, einfache schöpferische Handwerker minderwertig sei, will den jungen, lebendigen, strebsamen, Menschen zwingen, einen "höheren" Beruf zu ergreifen. … Vielen jungen Menschen bin ich begegnet," blickt Muck in Die Handwerkerschar von der Leuchtenburg zurück, "die so Heim und Anhang verliessen und draussen in der Welt Land und Meister suchten."

Er warnt:

"Der Untergang des Handwerks ist für die Charakterbildung eines Volkes von nicht unerheblicher Bedeutung." (Jugendbewegung .... )

 

Anerkennung der Arbeit und
Leistung des Handwerkers

Immer setzt er sich für die gebührende moralische und wirtschaftliche Wertschätzung der Arbeit des Handwerkers ein. "Ich denke an den Feilenhauer Trebitsch in Naumburg, der kaum bekannt ist, den aber die Fachleute zu schätzen wissen. Ich war mit Dichtern und Denkern bei ihm und sie bewunderten sein Können. Was ist daneben manchmal ein Professor für irgendeine überflüssige Wissenschaft mit Staatspension?" (Jugendbewegung 10f.)

"Handwerker müssen sie sein," so seine Forderung, "die den Meistergedanken wieder zu Ehren bringen, - ich selbst wurde dann auch Handwerker. Aus Echtheit müssen sie leben. Gar nicht viele brauchen, keine üppige Ernährung und nicht tausend Dinge." (Nach Prellwitz 5)

Über das ganze Leben beschäftigen ihn die wirtschaftliche Lage der Handwerksbetriebe und ihr Einfluss auf die Familien. Er überlegt, ob die Abwanderung in die Landwirtschaft ein Ausweg wäre, oder ob die Bedrängten ihr Geschäft - zumindest in bestimmten Regionen - durch gastronomische und touristische Angebote erweitern könnten.

Ein Teil der Produkte der Werksgemeinschaft junger Handwerker Naumburg Saale erfolgt in Direktvermarktung. Muck ist ein talentierter Kaufmann. Und das, lehrt die Erfahrung, rief zu allen Zeiten die Neider auf den Plan. Immerhin gehört sein Betrieb hinsichtlich Umsatz und Anzahl der Beschäftigten, die freilich saisonal schwankten, zu den erfolgreichsten Unternehmen der Stadt. Das war nicht das Ergebnis von zufällig wirkenden Naturkräften, Geschenken oder Zuwendungen. Vielmehr musste er sein kleines Unternehmen unter schwierigen äusseren Verhältnissen gründen, stabilisieren und entwickeln.

 

Volksgemeinschaft

Mucks politisches und soziales Denken ist von der Idee der Volksgemeinschaft und des Deutschtums geprägt. Heute lösen diese Begriffe beim Bürger aufgrund ihrer Funktion in der nationalsozialistischen Ideologie und Politik oft Aversionen aus. Daraus können Vorab-Urteile entstehen, die in die Irre führen. Es hilft nichts, beide Begriffe müssen genau erhoben und in der Zeit verstanden und interpretiert werden. Allgemein ist festzustellen, dass sie ihren Inhalt in Abhängigkeit vom Kontext verändern und zur Amplifikation neigen. "Ähnlich wie unter den Sammelnamen Jugendbewegung", wusste schon Knud Ahlborn (1918), "bergen sich auch unter dem Begriff Deutschvölkische Bewegung unterschiedliche, ja zum Teil entgegengesetzte Richtungen."

Ulrich Linse zählt in Barfüßige Propheten (1983) die völkische Bewegung zu den "ersten deutschen frühfaschistischen Massenbewegungen" überhaupt. Doch längst nicht alle, die von völkischen Ideen befallen, nehmen den Übergang zum Nationalsozialismus. Auf die feinen Unterschiede kommt es an.

Es existiert ein breites Spektrum völkischer Ideen. Unterschiedliche politische Richtungen nutzen sie zu Werbezwecken. Zum Beispiel repetiert Walther Victor (1885-1971) Ostern 1921 in Dresden auf der Arbeiterjugend-Führertagung den Gedanken, dass der Sozialismus die wahre Volksgemeinschaft verwirklicht.

Zusammen mit Theodora Schulze und Hermann Thümmel veröffentlicht Muck-Lamberty 1918

Thesen zur Deutschen Volksgemeinschaft.

Hier erhalten die Hoffnungen zur Vitalisierung und Umgestaltung Deutschlands einen für diese Zeit erstaunlich klaren Ausdruck. Beseelt vom "Glauben an das deutsche Volk", soll nach der Katastrophe des Weltkrieges und den in der Revolution aufbrechenden Gegensätzen eine neue Gemeinschaft, die Volksgemeinschaft entstehen. In 13 Thesen gestalten die Autoren das Projekt wie folgt aus:

Die Deutsche Volksgemeinschaft setzt sich aus allen Schichten zusammen. Alle Deutschen, die wirklich gesinnt sind, die sittlichen Kräfte unseres Volkes zu heben, können Mitglieder werden.

Auf das Tiefste bedauert die Volksgemeinschaft den Untergang des Handwerks. Und sie hofft, es wiederzubeleben.

Die Deutsche Volksgemeinschaft will eine Erziehungsgesellschaft sein. Die Volkserziehung führt zur Volkshochschule.

Selbst die Kasernen sollen als als Bildungsgemeinschaft angesehen werden.

Eine gesunde Gesellschaft möchte die religiöse Not unserer Zeit mehr beachtet sehen.

Ein freies starkes Volk basiert auf den gesunden Beziehungen der Geschlechter. Die Frau soll dem Mann eine mitschaffende Gefährtin sein, keine Modepuppe, kein Spielzeug des Mannes, keine Magd.

"Wir erstreben wieder die Hebung des Familiensinns."

In der übergroßen Verstädterung unseres Volkes liegt der Hauptgrund des Verfalls.

Die 13 Thesen zur Volksgemeinschaft sind natürlich keine singuläre Erscheinung. Wie Max Schulze-Sölde (1887-1967), Ludwig Christian Haeusser (1881-1927) oder Alfred Kurella (1918), greift Muck-Lamberty hiermit die Ängste weiter Bevölkerungskreise auf. Er antwortet mit der Revolution der Seele, einer fulminanten Utopie, die im Gewand von Tanz, Spiel und Gesang daherkommt.

Muck "sah von Fidel Castros Kuba bis nach China solche Volksgemeinschaften im Werden" und begrüßte 1969 "ausdrücklich die Studentenrevolte", instruiert Ulrich Linse 1984 das Politikmagazin Der Spiegel (Hamburg). Doch trachtet das ideologische Konstrukt der Volksgemeinschaft zum Klassenfrieden, nicht aber zum Klassenkampf, weshalb die rebellischen Attitüden der 68er da wirklich schlecht ranpassen.

Die Pflege des Deutschtums war oft das Einfallstor für die Revisionspolitik. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass die Schöpfer des Flugblatts von Muck-Lamberty aus Revolutionstagen 1918 dies im Schilde führten. Vielmehr begreifen sie die Existenz- und Lebensweise der Völker als gleichberechtigt. "Je besser ein jedes Volk seine Eigenart hegt und pflegt," heisst es im Text, "umso höher wird es geachtet." Also nicht ein oder nur das deutsche Volk, sondern "ein jedes [!] Volk" soll seine Eigenschaften, die Sprache, Kultur, Bräuche und Traditionen entfalten.

Fritz Borinski (1903-1988) und Werner Milch (1903-1950) erheben 1967 (46) in der Geschichte der deutschen Jugendbewegung 1918 -1933 gegenüber Friedrich Muck-Lamberty den schwerwiegenden Vorwurf: "Zu seiner Lehre gehörte der Glaube an die Züchtung einer neuen Rasse durch freie "kommunistische" Liebe". Unvermittelt fügen sie in Klammern an: "Viele Gedanken der Nationalsozialisten und Kommunisten erscheinen in seinen Ansprachen". Die Autoren geben keine Quelle an. Ebenso konnte auf Grundlage der hier ausgewerteten Literatur und Dokumente nicht ermittelt werden, wo und wann er diese Lehre verkündet haben soll. Möglicherweise beziehen sich die Verfasser auf seinen Aufsatz:

An die Lebendigen im Adel.

Hier flattern Sentenzen oder Wörter wie "Blutsdeutsche", "völkisches Leben" und "Deutschen Heilbringenden" umher. "Das Deutschtum braucht Edelinge. Es muss zur Scheidung der Geister kommen," philosophiert Muck. "Schafft nicht der Adel den edlen Menschen, so schafft sich das Deutschtum einen neuen Adel. Nicht den des Sozialismus - den der Gerechtigkeit - der Heimatkraft." So klingen hier Momente des deutschnationalen Kultur- und Heimatbegriffs sowie völkischen Denkens an. Trotzdem stützt dies nicht, das krasse Urteil vom Rassenideologen, zumal die realen Aktivitäten der Neuen Schar von Nächstenliebe, Verträglichkeit, Freundschaft und Völkerversöhnung bestimmt waren. Ihre Tänze, Spiele und Lieder schürrten nicht die Angst vor dem Fremden, sondern trachteten nach Vertrauen. Vor allem schafften sie eine emotionale Gestimmtheit, die der Kooperation zwischen den Menschen unbedingt zuträglich war. Da gab es keinen Adel, keine Geführten, Verführten und Auserwählten, keine Einheimischen und Zugezogenen. Der soziale Status und die Schichtzugehörigkeit der Person war ihnen völlig gleichgültig.

Beim Lesen An die Lebendigen im Adel schien es mir einen Augenblick so, als könnte Muck die Brücke zum völkisch-nationalsozialistischen Denken überschreiten. Er tut es aber nicht! Er geht einen anderen Weg! Die Thesen zur

Deutschen Volksgemeinschaft

bezeugen es. Das war 1918/19.

In einer Replik von 1931 zur Selbstschulung der Arbeitslosen - unter Mitarbeit der Wissenden und Lebendigen - stellt sich dies anders dar. Er fordert vom Bürgertum die Bereitschaft "mit den Freiwilligen bereits die neue Ordnung zu schaffen, die unbedingt notwendig ist, will man einen Staat überleiten in eine völkische Ordnung".

Was versteht Friedrich Muck-Lamberty hier unter "völkischer Ordnung"? Gemeinhin gründet sie auf der Idee rassischer Homogenität, der Volksgemeinschaft, die der Staat schaffen und sichern muss, worauf die Rassenpolitik des Nationalsozialismus und des Dritten Reiches abzielt. Nähert sich 1931 der Aufsatz Selbstschulung der Arbeitslosen .... diesen Auffassungen? Auf Grundlage der hier ausgewerteten Quellen kann das nicht beantwortet werden. Ein Veröffentlichung von 1928 zur 900-Jahrfeier der Stadt Naumburg, der mir nicht zur Kenntnis gelangte, soll diesbezüglich bedenkliche Formulierungen enthalten.

 

Zu neuen Horizonten

Bereits vor dem Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen unternahm Muck viele Wanderungen. Eine für diese Zeit typische Einstellung formulierte 1915 Hans Breuer, gefallen am 20. April 1918 bei Verdun, im Vorwort zur Neuauflage des Zupfgeigenhansel:

"Wir müssen immer deutscher werden. Wandern ist der deutscheste aller eingeborenen Triebe, ist unser Grundwesen, ist der Spiegel unseres Nationalcharakters überhaupt."

Hingegen betont Alfred Döblin (1878-1957) die kulturell-geistige Funktion. Reisen erweitert den Horizont, ermahnt er 1926 die Mobilitätsfanatiker und Kilometerfresser, aber wo keiner ist, vergrössert sich lediglich das Mundwerk. Die Jugendbewegung der frühen Zeit ist nicht anders zu erklären, als aus der Aufgeschlossenheit weiter Kreise der jungen Generation für gute, schlichte und warme Gemeinschaft in der Bewährung auf der Fahrt (Jantzen 1957). Der Wanderer findet zur Natur, entdeckt die Heimat, schliesst Freundschaften und vervollkommnet, soweit Gelegenheit, seine berufliche Fertigkeiten. Die wandernde Jugend kannte die Bürstenmacher in Sachsen, die Drechsler in Thüringen und im Erzgebirge, die Töpfer von Bürgel, Bunzlau, Velten, Vordamm, der Rhön, von Bayern oder St. Ullrich. Von ihnen, schreibt Muck in Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest (1929, 8-10) weiter, wissen die Sonntagswanderer nichts, da sie nur selten den Schaffenden antreffen. "Die deutsche Jugend hat sich das Handwerksleben gründlich angesehen, und hat durch Wanderungen (Wandlungen) durch die Heimat und ins Volksleben hinein einen ganz anderen Sinn für Volk und Staat entwickelt. Erwandert? auf der Wanderschaft, sich umzusehen."

Obwohl Muck dem Deutschtum in eigener Weise zugeneigt, finden wir bei ihm Bestrebungen, das Wandern mehr im Sinne von Alfred Döblin als von Hans Breuer zu verstehen. Es dient der Lebensertüchtigung, schult die realistische Weltbetrachtung, übt das autodidaktische Lernen und schärft die empathischen Fähigkeiten. Zu neuen Horizonten, drängt es ihn.

 

Wanderung mit Karl Bittel
und die Siedlungsfrage  nach oben

Im Archiv der deutschen Jugendbewegung Burg Ludwigstein befindet sich ein Foto mit der Jahresangabe 1911. Darauf ist Friedrich Muck-Lamberty zusammen mit Karl Bittel (1892-1969) bei einer Rast unterhalb von Schloss Werenwag im oberen Donautal zu erkennen. Es könnte vielleicht ihrer Italienwanderung entstammen. Als Bittel 1919 zu den Kommunisten einschwenkt, trennen sich ihre Wege. Ursache dafür waren wahrscheinlich nicht politische Differenzen, sondern einfach nur die Lebensumstände.

Blick zum Schloss Werenwag im oberen Donautal. Rechts Karl Bittel, links davon Friedrich Muck-Lamberty.

Bildnachweis: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen. Bestand Neue Schar A 17 Nr. 1

Acht Jahre nach der Wanderung erzählt Muck darüber auf einer Versammlung der Deutschen Volksgemeinschaft in Hannoversch-Münden: Während dieser Zeit lebte und arbeitete ich zusammen mit zwei Burschen auf einem Hof in Meran (Tirol). "Am Abend waren wir ermüdet und konnten nicht viel für die Gemeinschaft des Volkes tun". Ihm kommt der Gedanke: "Für uns muss es einfach andere Möglichkeiten geben, wie wir die Schaffensfreudigkeit und die seelisch starken Werte unserer deutschen Jugend für die Gesundung unseres Volkes verwenden können. Lenken wir die junge Schaffenslust und den freien Willen zum einfachen, herben Leben auf die Handwerksarbeit; dort kann jeder sich mannigfaltig auswirken und durch seinen guten, lebendigen Geist auch für das ganze Volk wirken."

Mucks Wanderfreund machte später sein Abitur in Freiburg (Breisgau), absolvierte an der Universität ein Teil des Studiums und engagierte sich beim Wandervogel. Ab 5. Oktober 1918 verfasst er Politische Rundbriefe, die sich ab Januar 1919 als Organ der freideutschen Sozialisten verstehen. "Kommt nun weiter herbei und schart euch alle um unser Gaublatt", ruft Karl Bittel 1911 im Blatt für Jugendwandern in Baden und Schwaben den Wandervögeln zu. "Wir, die Jugend, die sich aufbäumt gegen Ungesundes, die wir stark werden wollen draußen in der Natur, wir kennen alle eine solche Begeisterung: die Begeisterung für eine große Sache - für unseren deutschen Wandervogel! - Heil ihm!"

Der Wandervogel adaptierte die Idee von der halbländlichen Siedlung Jungau vom Dichter Emil Gött (1864-1908). Ebenso teilen Muck und sein Wanderfreund das Interesse an der Siedlungsfrage. Wenn es nach Karl Bittel geht, soll die Genossenschaft an die Stelle der Lohnarbeit und Klassenherrschaft treten. Dieser Geist soll in die Schulen einziehen. Man schlägt Schülerräte und Schülergenossenschaften vor. (Vgl. Frobenius 183)

Um 1913 war Bittel im Konsumverein Esslingen tätig. Aus der Stadt am Neckar sendet Muck im September desselben Jahres in Neuland in Sicht! an Freunde und Führer der Jugend folgende Botschaft:

"Reiche Euch meine Hand, wir wollen gemeinsam etwas schaffen, uns gegenseitig das Beste zeigen und so mit dem Trotz der singenden Burschen und Mädchen Weiterschreiten ins Neuland, unsere Heimat suchend."

Aufmerksam verfolgt er die sozialen Experimente zur Siedlungsfrage. "Weiss jemand über kommunistische Gründungen mehr zu sagen?", fragt Muck. Sechs Jahre später zieht er in Siedlungsmöglichkeiten Bilanz:

"Wir haben jedoch bald einsehen müssen, dass wir Menschen seelisch jetzt nicht für den Kommunismus reif sind."

Muck eröffnete in den Flugblättern für Jungdeutsche Siedlung  (1919), dass er Anfang Juni 1914 mit Georg Peters zusammen die Eekkamp-Gesellschaft ins Leben rufen und zusammen mit Heinrich von Smissen die Siedlungspläne einer Handwerkergemeinschaft mit Umwertungsstelle durchführen will. Es kommt der Krieg. Smissen und Peters fallen in Russland. Als Muck vom Militärdienst wieder heimgekehrt, greift er die Idee wieder auf. Sie muss, erläutert er den Teilnehmern einer Versammlung der deutschen Volksgemeinschaft 1919 in Hannoversch-Münden, besonders der Jugend zur Entfaltung ihres Talents dienen. Deshalb "Lenken wir die junge Schaffenslust und den freien Willen zum einfachen, herben Leben auf die Handwerksarbeit; dort kann jeder sich mannigfaltig auswirken und durch seinen guten, lebendigen Geist auch vorbildlich für das ganze Volk wirken." (Siedlungsmöglichkeiten) Sein Plan ist folgender:

"Junge Handwerker oder solche Burschen und Mädchen, die es werden wollen, verbinden sich zu einer Gemeinschaft … Jeder sucht seinen Arbeitsplatz in der Gegend, die ihm die liebste ist. Er siedelt als Eigner oder Mieter, ein Stückchen Land (2-3 Morgen) dazu." Auf dem Land kann das mit einem kleinen Gasthaus verbunden sein. Ist aber eine Stadt oder eine Gegend nicht gross genug, um die neuen Handwerker aufzunehmen, dann "gründen wir eine Niederlage in einem anderen Ort". So sollen "im ganzen Reiche Betriebsstellen der gesunden handwerklichen Arbeit" entstehen. Sie sind untereinander verbunden. Eine Zentrale organisiert die Werbung und Messen.

Es soll ein neuer Markt entstehen, der das Talent und die Mühen vom Gesellen und Meister im Preis anerkennt. Muck will, dass die "Masse ihre Mittel" zu ihnen trägt und sie nicht wie bisher "von rücksichtslosen Kaufleuten ausgenutzt" werden. Der neue Markt erlöst die Handwerker aus dem "Zustand der Geldprobleme", hofft er.

Das Projekt einer Handwerkergemeinschaft lässt Muck nie wieder los. "Noch heute ist es möglich um den Ludwigstein Handwerker und Kunsthandwerker sesshaft zu machen", teilt er 1957 an die Jugendburg Ludwigstein mit.

 

 

Bei Eklöh in Lüdenschscheid / Westfalen   nach oben

Beim Wandervogel-Bundestag Pfingsten 1913 auf der Henneburg bei Meiningen kam Muck mit dem Sera-Kreis in Berührung. Den Einzug des singenden Heereszugzuges der Jugend mit Karl Brügmann an der Spitze, erlebte Wilhelm Flitner (Jena) als ein beeindruckendes Schauspiel, für das sich jeder interessierte, den Volkslied und Volkstanz etwas tiefer geworden. Bei dieser Gelegenheit begegneten sich zum ersten Mal der Kaufmann Hans Eklöh aus Lüdenscheid (Westfalen) und Friedrich Muck-Lamberty. Sofort fanden sie sich sympathisch. Der Chef von Haus Eklöh, deutsche Wertarbeit Lüdenschscheid / Westfalen, lernte Muck, wie er später erklärt, als einen "Idealmenschen" kennen.

Im Oktober stellt ihn Hans Eklöh in seiner Firma an. Zuvor spendierte er Muck noch einige hundert Mark für Reisen. Als er dann in Lüdenscheid eintrifft, mietet der Unternehmer für ihn in der Nachbarschaft ein Zimmer, sorgt für Taschengeld und etwas Kleidung. Der Neue arbeitet nur den halben Tag. In der verbleibenden Zeit widmet er sich oft seinen Studien. Zum Essen sitzt er beim Hausherr am Tisch. Idealismus und Arbeitskraft, bemerkt nach wenigen Wochen der Arbeitgeber, liefen aber darauf hinaus, ihn selbst überall Bekannt zu machen. "Macht wollt er erringen!", empört sich der Kaufmann am 14. Juni 1914 im Brief an Hans Paasche. Er hatte die Idee, das Haus Eklöh, wenn es weiter aufwärtsgeht, einmal gemeinnützig zu betreiben. Muck, der jede Sache mit Nachdruck in die Welt zu setzen wusste, stellte dies bei jeder Gelegenheit aber als seine heraus.

Im Januar 1914 kommt Georg Peters nach Lüdenscheid. Auch ihn unterhält und kleidet das Haus Eklöh. Dann und wann arbeitet er etwas. Auf einer Dienstreise, um einen Auftrag in einer benachbarten Stadt einzuholen, soll er in zwei Tagen 30 Mark Geschäftsspesen verbraucht haben. Dem Freund, jammert Hans Eklöh, hat er für 7 Mark Törtchen "weggefressen".

Etwa ab Januar 1914 arbeiten Georg Peters und Friedrich Muck-Lamberty an der Werbeschrift, die später im Verlag Eklöh in Lüdenscheid unter dem Titel

"Ein Beitrag zur Neugestaltung der Kleidung"

erscheint. Zur Herkunft der Zeichnungen gibt es unterschiedliche Aussagen. Im Brief an Hans Paasche stellt Herausgeber Eklöh fest, dass die Kleiderentwürfe von Friebus, Ungewitter und anderen stammen. In der Einleitung zur Werbeschrift ordnet er sie "mit einigen Ausnahmen" dem Historienmaler Ludwig Max Roth in Düsseldorf zu, die er "nach Kleiderentwürfen von Friedrich Muck-Lamberty" anfertigte. Unter der Überschrift Was können wir tun? formulieren Muck und Georg Peters Einige Worte an die Freunde deutscher Erneuerung über Umgestaltung bestehender Einrichtungen. Es ist eine Art Vorwort zum Katalog. Ihr Konzept erläutern sie so: "Wir wollen Arbeit schaffen, die Zweckmäßigkeit und Schönheit in sich vereinigt, und die so mit der Natur organisch verbunden ist. - Wir wollen den Sinn für die Wertarbeit heben und ganz für die gute Sache einsetzen." Sie leitet nicht "die dumpfe Gewohnheit des nur umsetzenden Kaufmanns". Sondern sie "schaffen was jetzt die Jugend will": Die ".... will sich frei machen von undeutschen Einflüssen, will die Organe und Gliedmassen sich im freien Spiel der Kräfte ungestört entwickeln lassen in den einzig schönen und wahren Formen, die die Natur geschaffen hat."

Aus: Ein Beitrag zur Neugestaltung der Kleidung, 1914

Die Werbeschrift war das wichtigste Arbeitsergebnis von Lamberty und Peters in Lüdenscheid. Überdies machten beide dem Eklöh, der ohnehin in keiner guten gesundheitlichen Verfassung war, viel Ärger. Eine Kur tut not. Während dieser Zeit, so die Überlieferung, steigerten sich die Machtgelüste von Muck. "Der Eklöh", so wurde geredet, " ist ein kranker Mann, wir machen das Geschäft." Als er aus der Kur heimkehrte, will er das Duo loswerden. Muck wurde grob, ging aber nicht. Wenn ihn aber jemand an den Wagen fahren wollte, so lernte ihn Hans Eklöh kennen, konnte er saugrob werden. Nach einigen Tagen kam es wieder zu Auseinandersetzungen. Erneut wies ihm der Hausherr die Tür. Nun wählt er provokativ zu den Mahlzeiten seinen Platz am Familientisch. Zum 1. Mai 1914 kündigte Eklöh ihm das Zimmer. Nach einigen hin und her verlässt Muck das Haus. Muck und Peters erhalten vom Chef noch 250 Mark Reiseunterstützung. Ihre Nachforderungen will er dann nicht mehr erfüllen.

 

Eine Demonstration gegen den verlogenen
Patriotismus und eine Manifestation des Reformwillens:
Freideutscher-Jugendtag 10. bis 12. Oktober 1913  nach oben

 

Fidus, eigentlich Hugo Höppener (1868-1948), Ikone der Lebensreformbewegung, aquarelliert eine Fassung des "Lichtgebets" und zeichnet sie gleichzeitig als Steindruck. Davon werden farbige Postkarten angefertigt. Eine Teilauflage erhält die Aufschrift "Freideutscher Jugendtag 1913, Jahrhundertfeier auf dem Hohen Meissner. 11./12. Okt". Sie werden zum 1. Freideutschen Jugendtag zum Verkauf angeboten. (Frevot 1972, 165)

Ankündigung im Herbst 1913: Das "Lichtgebet" erscheint demnächst als farbige Steinzeichnung, Bildgrösse 63 mal 42 cm. "für Teilnehmer des Deutschen Jugendtages" zum Preis von 3 Mark, ansonsten 5 Mark.

Das Lichtgebet galt als Sinnbild für jugendlichen Elan, Vitalität und Streben nach Echtheit.

"Es konnte auch passieren," schreibt Wilhelm Uhde 1938 (205) in seinen Erinnerungen und Bekenntnissen, "dass, wenn ich morgens aus dem Fenster blickte, in der Nähe unbeweglich ein solcher Jüngling stand, der die erhobenen Hände der aufgehenden Sonne entgegenstreckte, wohl angeregt von dem grauslichen Zeichner Fidus, der mit seinem Schund die Jugendzeitschriften überschwemmte."

 

Hunderte Jugendliche und Junggebliebene wanderten am Wochenende des 11. und 12. Oktober 1913 zum Fest der Jugend auf dem östlich von Hessisch Lichtenau (Nordhessen) gelegenen Hohen Meißner. Hier trifft sich, darüber sollte Klarheit bestehen, die b ü r g e r l i c h e  J u g e n d, über die Siegfried Bernfeld (1925, 98f.) später sagen wird: "Es sind nicht sehr viele. Aber sie sind die, auf die es ankommt." Fern allen Trubels der offiziellen Veranstaltungen zur Einweihung des 91 Meter hohen Denkmals zu Wiederkehr des 100. Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig, gelobt die Freideutsche Jugend im Kreis Gleichgesinnter, den Patrioten des Befreiungskrieges von 1813 nachzustreben.

Elly Bommersheim (*1893) ist auf dem Weg zum Bergplateau, als sie der in einem langen Kittel aus rauem Leinen gekleidete Tolstoi-aner Gusto Gräser (1879-1958) überholt. Kurze Hosen geben die braunen Beine frei. Eine Stirnkette aus Hagebutten hält die langen Haare zusammen. Sie ist beeindruckt von dem mächtigen Bart.

Wenn Gusto Gräser kommt, darf Muck nicht fehlen. Erst kürzlich in Lüdenscheid fasste er mit seinem Freund Georg Peters den Vorsatz: "Wir müssen uns nicht absondern und dürfen nicht weltfremd werden; wir dürfen nicht egoistisch nur in kleinen Kreisen das Leben, was wir einmal für das Wohl der Gesamtheit erkannt haben." Und er fühlt sich hier beim Jugendtreffen ganz in seinem Element. Es ergreift ihn tief. Warum sonst, will er es nach dem Krieg wiederbeleben?

 

Als Deutschland 1913 zur Jahrhundertfeier der Völkerschlacht rüstete, erhält der Einigungsgedanke in den verschiedenen Jugendorganisationen neuen Auftrieb. Es war der Plan des Deutschen Bundes Abstinenter Studenten gegen den zu erwartenden Alkohol-Exzess bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig zu demonstrieren, den die Deutsche Akademische Freischar aufgriff. Beim Vortrupp Leipzig tauchte ein ähnlicher Gedanke auf. Der Plan, sagt Eugen Diederichs, ging von der Münchner Freischar aus. Zu Pfingsten will man über die Vorbereitung in Jena beraten. Sera als Gastgeber dirigierte die 30 Delegierte in das angesehene Hotel Weimarische Hof. Einige sagen elf, andere sagen dreizehn Elf Verbände folgeten der Einladung der Deutschen Akademischen Freischar (DAF). Der Teilnehmerkreis war - bis auf den Wandervogel e.V. - identisch mit den Unterzeichnern des ersten Aufrufs zum Fest. Starken Widerhall fand die Protest-Idee, befeuert von der Begeisterung für die Lebensreformbewegung. Schwieriger war schon, sich darüber klar zu werden, wo man sich treffen wollte. Einige konnten sich zunächst eine Angliederung an die Leipziger Feierlichkeiten vorstellen. Die DAF war dafür, dass Fest in Weimar oder Jena durchzuführen. Der Göttinger Philologie Student Christian Schneehagen (1891-5.04.1918) schlug, was allgemeine Zustimmung fand, den Hohen Meissner als Ort des Festes vor. Zudem bildete sich die Einsicht, den Willen in die Zukunft zu richten und die Erinnerung an 1 8 1 3  zur Selbstbestimmung weiterzuführen (Mittelstrass). Bei der Organisation taten sich dann vor allem die Mitglieder der Deutschen Akademischen Freischar, speziell Christian Schneehagen, die Freunde von der Akademischen Vereinigung und besonders Franziskus Hähnel, Geschäftsführer des Vortrupps Leipzig, hervor.

Auf der Tagung wurden ebenso Möglichkeiten des Zusammenschlusses erörtert. "Es hatte wirklich nur der Berührung bedurft", kommentiert 1963 Knud Ahlborn (108) die Zusammenkunft, "und der innere Zusammenhang zwischen den Jugendgruppen war hergestellt." Aus dem Gemeinschaftsgeist heraus schlug Friedrich Wilhelm Fulda, was allseits Zustimmung fand, den Namen Freideutsche Jugend vor.

Ihre Wurzeln, setzt 1963 Knud Ahlborn auseinander, reichen zurück bis zum Steglitzer Wandervogel (1896) und Hamburger Wanderverein (1905). Dann entstanden die Akademischen Freischaren. Die erste gründet er 1906 in Göttingen zusammen mit Hans Harbeck. Sie bewähren sich im freideutschen Gemeinschaftsleben als eine Grundform des Zusammenschlusses von nicht auf Übereinstimmung beruhender persönlicher Anschauungen. Das Bestreben nach Einigung bildete sich, wie das Ideal von der Erziehungsgemeinschaft weiter Form annahm. Ihr zentraler moralischer Wert war die Selbstbestimmung. Gemäss dieser Vorstellung soll der Jugend die Meinung nicht von außen eingepflanzt werden, sondern sie soll selber über ihr eigenes Leben nachdenken und entscheiden.

Der Kladderadatsch, Nummer 44, Berlin, 2. November 1913, karikiert die Jahrhundertfeier am 18. Oktober 1913 in Leipzig.

Unterschiedliche Meinungen trafen in Jena bei der Nominierung der Redner aufeinander. Mit acht Stimmen, einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen beschlossen sie, dass Gottfried Traub (1869-1956) sprechen soll (vgl. Henrichs 37). 1913 genoss der vom Dienst suspendierte protestantische Pfarrer wegen der Kritik an einen altpreußischen Oberkirchenrat einen Sympathie-Bonus.

Als Redner war zunächst auch Hans Breuer vom Steglitzer Wandervogel e.V. und Herausgeber des Zupfgeigenhansel nominiert, der dann am Fest, wie der gesamte Wandervogel e.V., nicht teilnahm. Bisweilen wird über die Gründe gerätselt, obwohl die ziemlich klar: Die inhaltlichen Differenzen, waren einfach zu gross.

 

Mit erstaunlich klarer Zielstellung, einen, wie Susanne Rappe-Weber (2012/2013) formuliert, "stabilen Kern von Formen und Themen", unterzeichnet von Knud Ahlborn (Deutsche Akademische Freischar) erschien im Sommer in der Wandervogel-Führerzeitung (Heft 7, 1913), der

e r s t e Aufruf zum Fest.

Hier bekennen die Freideutschen:

"Von allen Dingen hassen wir den unfruchtbaren Patriotismus, der nur in Worten und Gefühlen schwelgt, der sich - auf Kosten der historischen Wahrheit rückwärts begeistert …" (FdJ 92)

In Vorbereitung auf 11. / 12. Oktober erklärt die Jugendzeitschrift Der Anfang (Heft 5):

"Uns allen schwebt als gemeinsames Ziel die Bearbeitung einer neuen, edlen, deutschen Jugendkultur vor."

Auch in Tageszeitungen, zum Beispiel im Jenaer Volksblatt vom 22. Juli 1913, kündigen die Organisatoren das Treffen auf dem Hohen Meissner bei Bebra an. Dort wollen wir uns, teilen die Deutsche Akademische Freischar und andere mit, zu gemeinsamer Arbeit verbrüdern. Publikumswirksam wenden sie sich gegen den unfruchtbaren Patriotismus.

Von Beginn an hatte das Meissner-Treffen einen "oppositionellen Anspruch" (Volker Weiß 2013). Den nationalistischen Tendenzen der wilhelminischen Erziehung, dem falschen Patriotismus, der allgemeinen Kriegstreiberei und dem verbreiteten Alkoholmissbrauch standen nahezu alle kritisch gegenüber. Die berühmte Meissner-Formel stärkte die moralischen Kräfte der Jugend und ihre Fähigkeit zur Selbsterziehung, was die Nation hoffen lassen durfte.

Der  z w e i t e  Aufruf im Gaublatt „Nordmark“ des Wandervogels e. V. verkündet: "Die deutsche Jugend steht an einem geschichtlichen Wendpunkt." Sie muss sich selbst finden. Auf dem Meissner will sie der Öffentlichkeit ihren Weg darstellen. Es unterzeichneten (nach FdJ 94):

Deutsche Akademische Freischar Deutscher Bund abstinenter Studenten
Vortrupp Leipzig Bund deutscher Wanderer
Jungwandervogel Österreichischer Wandervogel
Germania - Bund abstinenter Schüler Freie Schulgemeinde Wickersdorf
Bund für Freie Schulgemeinden Landschulheim am Sollingen
Akademische Vereinigung Jena Akademische Vereinigung Marburg
Sera-Kreis Burschenschaft Vandalia Jena

 

Die "Korrespondenz des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie" warnt in seiner Ausgabe vom 1. Oktober 1913 vor dem Jugend-Meeting. Das Propaganda-Organ der Deutschnationalen, Deutschvölkischen und militanten Kreise befürchtet, dass die patriotische Kernaufgabe, der Wille des deutschen Volkes zur äußeren Machterweiterung durch das Jugendtreffen in Frage gestellt wird. Einige Zeitungen kolportierten dies umgehend als "Warnung vor dem Freideutschen Jugendtag". Die Halbmonatsschrift "Der Vortrupp" (Leipzig) fegte es beim "Großreinemachen" in der Nummer 22 vom 16. November 1913 in den ideologischen Müll. Vorher hatte sie diesen öffentlichen Vorwurf als Fälschung identifiziert und zurückgewiesen. Denn es ist völlig klar, die Meissner lehnten lediglich, wie es in dem im Juni verabschiedeten Aufruf hieß, "den unfruchtbaren Patriotismus, der nur in Worten und Gefühlen schwelgt" ab.

 

Der Hanstein, Bahnstation Werleshausen. 40 Minuten.

Kunstanstalt Car Thoericht ,
Hann.-München [nach 1945]

Am V o r a b e n d  des Meissner-Treffens halten im Rittersaal der Burg Hanstein 600 Vertreter der verschiedenen Bünde und Vereine Rundsprache. Aus der älteren Generation waren nur wenige Vertreter anwesend. Linsensuppe und Nudeln kamen auf die gedeckten Tische. Aber wie bei den Freideutschen üblich, kein Bier, Wein, Schnaps oder Tabak. Der Saal war dicht gefüllt und auf einmal hiess es: Bewegt euch so wenig wie möglich, die Decke bricht sonst! Alle begaben sich in den romantischen Burghof. Sogleich erfolgten aus dem Fenster einige Ansprachen, bis die meisten dann wieder in den Saal zurückkehrten. Einige tanzten, sie schienen darauf nur gewartet zu haben, wie toll weiter im Hof. Ihre Musik tönte hin wieder in den Saal, wo unter ein paar Kerzen des Kronleuchters im malerischen Halbdunkel (Avenarius) Volkserzieher und Lebensreformer, Vortrupp, Siedlerbund und deutschnational gesinnter Handlungsgehilfenverband, Vertreter der Verbände und Bünde der Lebensreform-, Alkoholabstinenz- und Bildungsbewegung zusammensitzen. Den einleitenden Vortrag übernahm

Bruno Lemke (1886-1955)

von der Deutschen Akademischen Freischar. Der Marburger Student lehnt alle autoritären und suggestiven Strömungen ab und erhebt die Forderung nach Wahrhaftigkeit, Selbstverantwortlichkeit sowie "völlige Freiheit von jeder Beeinflussung von aussen". "Die Selbsterziehung soll unsere Losung sein ....", wiederholt er am 7. / 8. März 1914 auf dem ersten Vertretertag der Freideutschen Jugend in Marburg. Eindrucksvoll zeichnet er die Reformfeindlichkeit des Staates nach: "Wohl sorgen Staat und Kirche, Schule und Heer dafür, sich fortzupflanzen in den jungen Seelen. Aber doch mit Sorgfalt darüber wachend, dass ja kein kleiner Zug sich ändere und verfälsche, gemäß ihrer eigenen Art zu sein." Lemkes Hanstein-Rede, so damals die allgemeine Meinung, erzielte sichtbar gute Wirkung bei der Mittelschul- und studentischen Jugend.

Zu Wort kamen weiter der Autor von Helmut Harringa Doktor Hermann Popert, Kapitänleutnant a.D. Hans Paasche für den Vortrupp, der Herausgeber des Kunstwart Ferdinand Avenarius, Doktor Hermann Ullmann für den Dührerbund, Gustav Wyneken von der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, Willie Jahn für den Jungwandervogel und Professor Ernst Keil als Vertreter des österreichischen Wandervogels. Alle versuchten, die Jugend für sich zu gewinnen. Ausser Karl Bittel (vgl. 1963). Er durfte, was nie verwunden, "an der exklusiven Rundsprache auf der Burg Hanstein nicht teilnehmen", weil er "als roter Freideutscher gebrandmarkt".

Die eigentlichen Bedürfnisse der Jugend kamen im Eifer des Gefechts, wirft zu fortgeschrittener Stunde Gustav Wyneken auf den H a n s t e i n  in die Diskussion, nicht zur Sprache. Frank Fischer (Wandervogel) verewigt den Moment mit der Notiz: "Verlangte Gedankenhöhe, klare Luft. Geistesleben übernational, Auffassungen Fichtes und Gneisenaus. Frei von Parteizwecken."

Im Saal herrschte ein zwiespältiges Gefühl, weil man nicht wusste, was nun werden sollte. Wie auch? Lemke propagierte die Selbsterziehung, Popert die Rassenhygiene und Wyneken die Jugendkultur. "Interessant waren", referiert 1919 (10) Gustav Mittelstrass, "die Ausführungen eines Reformburschenschafters, der erzählte, wie sie von der "anderen Seite" zur Freideutschen Jugend gekommen seien." Ein Teilnehmer, der sogleich zu Ruhe ermahnt, rief dazwischen, ob die Erörterung der Judenfrage verboten sei. Ein anderer forderte unter dem Jubel der Vortruppleute zum Ende hin, dass man das deutsche Volk aus der moralischen Gefährdung erlösen müsse.

Schliesslich musste die Tagungsleitung die Redeschlacht beenden. Zuvor fasste man den Beschluss, zur Selbstentwicklung der Jugend einen Verband der Freideutschen Jugend zu bilden. Mit der Organisation wurde die Deutsche Akademische Freischar beauftragt.

Einigen stand nach dem langen Abend noch ein Marsch von bis zu zwei Stunden durch die regnerische Nacht zum Quartier bevor. Andere übernachteten in Zeltlagern. Letztlich glückte es auf dem Hanstein nicht, dass vereinende auszudrücken. Die äusseren Umstände waren dafür nicht gerade günstig. Niemals rechneten die Organisatoren mit so vielen Teilnehmern. Die Aussprache war viel, viel kleiner geplant. Und zu gross waren die Meinungsverschiedenheiten. Immerhin stimmten sie, was fast unbemerkt blieb, in der methodischen Ausrichtung der Jugendarbeit überein: Wahrhaftigkeit, Natürlichkeit, Geradheit und Echtheit. So gesehen war es dann nicht zufällig, dass es am nächsten Morgen Gustav Francke, Erwin von Hattingberg und Knud Ahlborn (1964, 43) beim Aufstieg zum Meissner gelang, den Entwurf für eine gemeinsame Erklärung zu formulieren, die im Verlauf des Tages zur Abstimmung gelangte.

 

Als wir am  M o r g e n  des 11. Oktober aus dem Heu krochen, erinnert sich Gustav Mittelstrass (1919, 12), sah es trübe aus. Oben in 754 Meter Höhe klart es leidlich auf. Kühles Wetter. Zögerlich schaut die Sonne heraus. Viele werden diesen Tag zeit ihres Lebens nicht vergessen. "Die Wickersdorfer `Läuferinnen` in Dunkelblau. Gusto Gräser mit Stirnriemen und Fruchthängematte. Der fanatisch national-hetzende und wieder seltsam gemütliche Professor Keil aus Österreich. Schweitzer Wandervögel und Freischärler. `Anfang`, Siegfried Bernfeld aus Wien. Unser Tanz bei Fackeln auf dem Thie und nach dem Kasperle auf dem Tanzboden, voller Kirmesjauchzen." (Frank Fischer)

Robert Kämmerer-Rohrig (1893-1977): Beim Abkochen (Ausschnitt). (Primus Künstlerkarte)

Gut 2 000 Jugendliche tummeln sich mit ihren Gästen auf der Waldwiese unterhalb der Bergkuppe. Ein buntes und lebendiges Bild entsteht. Sie lagern unter freien Himmel. Viele im jugendlichen Stil gekleidet, oft ein schlichter Kittel. Man suchte die Einfach- und Natürlichkeit.

Gegen 1 Uhr mittags beginnt das Abkochen. Ihr Festmahl war eine Linsensuppe. Andere kochten ein paar Nudeln.

Ab 3 Uhr  n a c h m i t t a g s  bot das Programm volkstümliche Tänze, Spiele und Wettkämpfe. Alles ohne Alkohol und Nikotin. Männer und Frauen aus den unterschiedlichsten Bünden bilden grössere Gruppen und diskutieren über nationale Erziehung, Pazifismus, Frauenstimmrecht, Tierschutz, vegetarische Ernährung, alternative Wohnprojekte und Rassenhygiene.

Karl Brügmann führte den Sera-Kreis an und leitete Gesang, Tanz
und Spielmusik. "Sera war durch ein Dutzend Jungen in Schaube und Barett und Mädels im Kupfergewand vertreten, verstärkt durch die akademische Vereinigung in Marburg in gleicher Gewandung, so dass wir", erinnert sich Eugen Diederichs (1936, 223),
"eine höchst ansehnliche farbige Schar von einheitlicher Haltung waren ...."

Alfred Kurella, Hans Paasche, Walter Hammer und Muck umringen Gusto Gräser. Von einigen belächelt, von anderen bewundert. Sie sprechen über seine Sorgen und Nöte. Gusto verweigert später - wie Paasche - den Kriegsdienst. Beide fordern den Umsturz, beiden kommen ins Irrenhaus, entgehen mit knapper Not ihrer Hinrichtung. "Während der Siebenbürger in der Revolution mit Verhaftung und Ausweisung davonkommt, erleidet Paasche ein fürchterliches Ende." (Hermann Müller) Freikorpsmitglieder erschiessen den Mitherausgeber des Vortrupps (1912) und aktiven Lebensreformer, der 1918/19 Mitglied des Arbeiter- und Soldaten-Vollzugsrates war, am 21. Mai 1920 vor den Augen seiner Kinder auf dem eigenen Grundstück beim Fischen. Kurt Tucholsky hält an seinem Grab eine bewegende Rede.

Karl Bittel (1892-1969) trifft mit Muck-Lamberty und Ernst Joel, der im Sommer 1913 den Deutschen Siedlerbund gegründet hatte, zusammen. Inspiriert von den Freiburger Wandervögeln erörterte man die Idee der halbländlichen Siedlung Jungau (Messer 1924, 21). "Wir waren Studenten aus Tübingen und hatten ein Flugblatt mitgebracht," schreibt Karl Bittel 1963, "das sich mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigte und zur Gründung von Studentengenossenschaften aufrief, die sich der Arbeiter-Konsumgenossenschaft anschließen sollten. Die Verteilung des "roten Flugblattes" wurde von der Leitung sofort verboten, so dass es illegal geschehen musste." Noch fünfzig Jahre später ist ihm im Historischen Rückblick auf den Freideutschen Jugendtag die Enttäuschung darüber anzumerken.

Anders bei Muck-Lamberty. Seine Erinnerungen an den Jugendtag sind ungebrochen. Am 14. November 1918 ruft er aus Bramwalde an der Weser (nahe Hannoversch Münden) den Freideutschen zu:

"Kommt auf den Hohen Meissner wieder".

"Nur in Deutschland herrschen Klassen- und harter Parteienkampf. Wir wollen uns zur Volksgemeinschaft wandeln, wirbt er.

"Noch einmal müssen wir uns treffen," schreibt er im Januar 1919 in

Verjüngung
des politischen Lebens,

"anders als 1913 auf dem Meissner; klarer, fester und sicherer." Wir müssen uns als Tatmenschen zeigen, als eine junge deutsche Gemeinschaft, die Lebenskraft in sich hat, die aus sich schafft, die Opfer bringen kann. "Lasst uns bald treffen, nicht auf kleinen Tagungen,

wieder auf dem Meissner,

und gründen wir den Bund der Freideutschen oder wie wir es nennen wollen."

Das Vorhaben zerschlägt sich. Er nimmt einen neuen Anlauf, worüber noch in Verbindung mit der Tagung der Freideutschen Jugendtagung im April 1919 in Jena zu sprechen sein wird.

 

 

Überblick zum
Ablauf


Freitag, den 10. Oktober

Treffen im großen Saal auf der Burg Hanstein. Aussprache über die Bestrebungen der freideutschen Jugend.

 

Sonnabend, den 11. Oktober

Wandern von Burg Hanstein zum Hohen Meissner.

13.00 Uhr Beginn des Abkochens. Eintreffen der verschiedenen Gruppen von den umliegenden Bahnstationen.

15 Uhr Spiele und Volkstänze.

Spiel und Tanz.

Gottfried Traub spricht über die Zeit vor hundert Jahren und die heutigen Aufgaben der Jugend.

Feuerede von
Knud Ahlborn

In den Abendstunden Feuer auf freier Höhe. Weihelieder.

 

Sonntag, den 12. Oktober

Rede von Gustav Wyneken

Schlussrede von
Ferdinand Avenarius

 

Nachmittags begannen die Vorträge. Die Hauptredner Knud Ahlborn, Gottfried Traub, Gustav Wyneken und Ferdinand Avenarius bildeten ein wunderliches Quartett (Franz Walter 2013).

Martin Luserke (1880-1968), Mitarbeiter und Nachfolger von Wyneken in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, der ihm später "die ganze Schuld an dem Zerwürfnis" zuweist, pochte auf die Autonomie der Jugend und schaffte damit nach oft geäusserter Meinung einen guten Auftakt.

Der im Juli 1913 zum Vorsitzenden des österreichischen Wandervogels gewählte Mittelschul-Professor Ernst Keil sprach nach der Preisverleihung für die Sieger kleiner sportlicher Wettkämpfe, hält das Grazer Tagblatt am 20. Oktober 1913 fest, über die bedrohte Lage der Deutschen im verbündeten Donaureich und die segensreiche Tätigkeit ihrer Schutzvereine. "Er wandte sich …. unter grossen Beifall gegen die unmännlichen Friedensbestrebungen unter den Deutschen, die von Feinden umringt seien, und gab der Hoffnung Ausdruck, dass bei der zu erwartenden blutigen Auseinandersetzung des Deutschtums mit seinen Gegnern Deutsche und Österreicher Schulter an Schulter kämpfen." Damit wurde, stellt das Deutsche Mährerblatt drei Tage später fest, "eine Note angeschlagen, die zwar nicht im Sinne der Festveranstalter lag, bei einer Erinnerungsfeier an die Zeit der Befreiungskriege, aber nicht fehlen durfte."

"Nachdem noch einige Redner gesprochen hatten", erläutert Gustav Mittelstrass (1919,12,13) den weiteren Ablauf, "tauchte plötzlich die Einigungsformel auf, deren einstimmige und freudige Annahme die Verhandlungen beendete." Sie lautet:

Die Freideutsche Jugend will
aus eigener Bestimmung,
vor eigener Verantwortung,
mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten.
Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.

Damit legten sie sich, wie Friedrich Avenrius kurz darauf im Kunstwart (München) kommentiert, auf keine Bewegung fest, sie erkannte nur eins an: "die unbedingte Wahrhaftigkeit als die Form jeden Strebens". Knud Ahlborn, Gründer der Deutschen Akademischen Freischar Göttingen und in den zwanziger Jahren Ko-Herausgeber der Zeitschrift Junge Menschen, betrachtet es als Vorteil, dass die Meissner-Formel sich auf kein Parteiprogramm festlegte. Trotzdem erachtete sie Fritz Borinski (1977, 15) die Jugend wichtiger als das Leipziger Parteiprogramm der Deutschen Demokratischen Partei von 1919.

Der Kampf um die Wahrhaftigkeit, Echtheit, die Veredlung der Geselligkeit, wie sie bereits als Forderung im zweiten Aufruf zum Treffen erhoben, und den aufflammenden Jugendgeist gegen den Doktrinismus der Alten zu wenden, das war die Sache der Meissner. Sie trägt die Neue Schar im Sommer 1920 durch Franken und Thüringen.

Immer wieder kreisen die Gedanken der Festredner um die nationale Frage, mal als Vaterlandsliebe verkleidet, dann im Bekenntnis zum Deutschtum verpackt oder im Ruf nach der einigenden Staatsidee. "Was 1813 gross gemacht hat, das ist der sittliche Wille. Es war das Schwert," erklärte zum Sonnenuntergang Gottfried Traub (1869-1955), "das Kant und Schiller dem deutschen Volk reichten …" War es das wirklich? Oder war es Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre (1798) von Johann Gottlieb Fichte, der dem Staat den Dienst am Menschen zu seiner freien Entwicklung auferlegte. Bei Traub wandelt sich das von Fichte begründete unveräusserliche Recht auf Staatsumwälzung in eine Staatsapotheose. Der Theologe konstruiert eine prästabilierte Harmonie zwischen der politischen Identität des heranwachsenden Jugendlichen und dem als Einigendes über der Vaterlandsliebe stehenden Staates. Diese ".... zum persönlichen Eigentum zu gestalten, wofür unsere besten Kräfte verwertet müssen, dünkt" dem Politiker "die schönste Lösung". Selbst "wenn uns das Vaterland nicht gefällt", gehört ihm dennoch unsere Zuneigung. Lasst uns die "romantische Vaterlandsliebe" vertiefen, fordert Traub. Man "muss sich opfern können, und die Felder von 1813 rufen es uns zu,

dass das Leben nicht der höchsten Güter ist;

gerade das Leben wegzuwerfen um des Ganzen willen steht höher." Durch Opfer zur Freiheit wird nach dem Weltkrieg zu einer beliebten selbstreflexiven Abstraktion der vaterländischen Verbände. Nur dazu bestieg die Jugend 1913 nicht den Basaltberg bei Kassel. Sie wollten doch ihr Leben in eigener Verantwortung gestalten.

Nirgends kommt der Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Jugendbewegung klarer zum Ausdruck als in der Frage des Vaterlandes. Auf dem Ersten Schweizer Jugendtag Pfingsten 1915 trugen, was viel Beachtung fand, die Demonstranten die Losung vornan: "Wir Arbeiter haben kein Vaterland zu verteidigen!" (Münzenberg 1930, 179)

Was Gottfried Traub an Vaterlandskitsch und Systemrührigkeit auf dem Hohen Meissner bot, war kaum besser als die hohlen Worte und leeren Phrasen, die der Vorwärts (SPD) am 18. Oktober 1913 bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig hörte. Trotz des Œuvre eines Anti-Meissners und republikfeindlichen Haltung während des Kapp-Putsches, die Karl Brammer bereits 1922 (43) in Verfassungsgrundlagen und Hochverrat erhellte, scheute man mit dem Festredner von 1913 lange Zeit das politische Gespräch. Franz Walter gehört zu den wenigen Meissner-Disputanten, die Gottfried Traub kritisch betrachten. 2013 skizziert er im Aufsatz Jugendbewegung auf dem Berg (44), dessen politische Ambitionen bis hin zum Übertritt in das "scharf deutschnationale Lager" von Alfred Hugenberg. Und das ist noch immer nicht die ganze Fuhre. Auf dem Parteitag der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) am 19. und 20. September 1931 in Stettin, kämpft er "gegen die Vermanschung unsers Volkes". "Volkstum und Rasse" führen den DNVP-Frontmann den Katarakt des militanten Nationalismus. Die sich ausbreitende Rechenhaftigkeit, "möglichst ein gutes Konto zu erringen", welche dem "Geist spätjüdischer Religion" entspringt, setzt er den "Kampf um das sittliche Recht des Krieges" entgegen. Jedenfalls ist über die Amplituden 1913 - 1920 - 1931 die ideologiebildende Funktion seines nationaldeutsch-romantischen Vaterlandsbegriffs, völkischen Nationalismus und Willensidealismus darstellbar. (Siehe auch Henrichs 2011)

Und doch gelang es Gottfried Traub die Versammlung mitzureissen, als er mit Helmut Harringa ausrief:

"Rüstet euch, Krieger zu werden,
Krieger im Reiche des Lichts!
"

Hermann Poperts gleichnamigen Roman (1917, 95) war bei der Jugend ungemein beliebt, schien ihr doch die Zukunft wieder sicher, wenn sich nur bewahrheitet, was hier zu lesen war:

"Und Helmut Herringa sprach zu Paul Bolquardsen, .... man sagt, wir beherrschen das alles da unten. Wasser und Eisen, und Kohle und Dampf. Mir will oft scheinen, das alles herrscht über uns und unser Leben. Aber der Tag mag kommen, wo wir die Herren sind. Wenn wir die Führer finden. Die Führer, die uns die Wege zeigen zu den Quellen der Kraft, der die Natur sich willig beugt."

Um das ideologische Skelett von Helmut Harringa baut sich die Vortrupp-Bewegung (Leipzig). Die sich hier zusammenfanden, glaubten daran, was Hermann Popert am 3. Juni 1914 in Leipzig zur Eröffnung der Vortrupp-Tagung erklärte, nämlich, das

der Wille zehnmal mehr wert ist, als Wissen.

Hier keimt der politisch verhängnisvolle Willensidealismus, der sich, wenn es sein muss gegen die Tatsachen richtet, und später in der NSDAP, Hitlerjugend und Napola, natürlich mit anderen Zielen als beim Vortrupp verknüpft, Einzug hält.

A b e n d s  wurden Fackeln ausgegeben. Dann zogen sie mit Gesang zum etwa zwei Kilometer entfernten Holzstoss. Knud Ahlborn (1919, 31) übernahm die Feuerrede. Er ruft die "ungeheure Gefahren, die uns im Inneren drohen" ins Bewusstsein. "Es brennt in diesem Hause", zitiert er die Rede von Hans Paasche vom Vortag und vollendet: "Wahrlich, er hat recht. Tausende und Hunderttausende Mitmenschen und nicht nur sie, auch viele Hunderttausende Ungeborener fallen täglich dem Feuer zum Opfer. Entseelte Arbeit macht die meisten unserer Brüder und Schwestern zu Werkzeugen und hetzt sie bis zur Austilgung der letzten Selbstbestimmung. Entseelter und entseelender Genuss kommt hinzu ...."

Weit leuchtete das Feuer ins Land hinein und verkündete "aus innerer Glut wachse der Mut". Hell erschien ihnen die Zukunft, schildert 1982 (64) Elly Bommersheim die Stimmung, um dann anzufügen: "Wie viele dieser begeisterten Jünglinge fielen schon im nächsten Jahr vor Langemarck!"

 

Fernsicht vom Berggasthof Hoher Meissner, 750 Meter.
Franz Streitenberger, Ansichtskarten-Verlag, Bischhausen, Eschwege [nach 1945]

Ein eisig kalter Oktoberwind zog über den vom Nebel eingehüllten Bergwipfel. Und ein leichter Regen machte das Lagern unmöglich. Trotzdem kamen am  S o n n t a g mehr Menschen als am Tag zuvor. Ein Journalist sah, wie sein Blatt am Tag darauf mitteilt, "über fünftausend Personen". Zum Abschluss brachte der Sera-Kreis in einem Grosszelt Goethes das Schauspiel Iphigenie auf Tauris zur Aufführung. Wie die älteste Tochter Agamemnos stand die freideutsche Jugend zwischen den vom Staat auferlegten Pflichten und dem Streben nach Autonomie. Bei Gesprächen, Gesang und Tanz klang das Fest aus.

Vorher sprachen noch Gustav Wyneken und Ferdinand Avenarius.

In den Augen vieler Freideutschen war Gustav Wyneken (1875-1964), erhob Heinz S. Rosenbusch (1973, 41), durch seinen Reformwillen, die Propagierung der Jugendkultur und Jugendzeitschrift Der Anfang zur Belastung geworden. Eine Belastung, weil er die fortschrittliche Kraft war? Wie auch immer, jedenfalls bewahrheitete sich seine Einschätzung zur Rassenideologie und der aufkommenden Kriegsgefahr. Seine Kritik am repetitiven Lernen und der Verbetrieblichung der Schule floss ein in die Schulreformen nach 1918. Als einer der wenigen erkannte der Reformpädagoge die gefährliche und für Deutschland so unheilvolle Rolle des Nationalismus. Trotzdem war er für viele, worauf 1917 Alfred Kurella (49) hinweist, "der unleidliche Krakeeler, das abgestempelte Gespenst, ein Zerrbild aus Unkenntnis und Missverstehen". Viele misstrauten ihm politisch und ermittelten wegen Vaterlandsverrat. Das Vorarlberger Volksblatt aus Bregenz veröffentlicht am 3. April 1914 einen Auszug aus ihren Fahndungsergebnissen, die lauten:

"Die Wynekschen Organisationen
sind Zuchtanstalten für Revolutionäre,
nichts anderes."

Wegen Revolutionsverdacht verbot die Wiener Polizeidirektion den Auftritt des Reformpädagogen vor dem hiesigen Monistenbund. Mit Doktor Popert und Kapitänleutnant Paasche stand er ebenfalls auf Kriegsfuss, was nicht verwundert, wenn man nur liesst, was der Der Anfang 1913 (194) in der Nachbetrachtung zum Meissner-Treffen beurkundet, nämlich, dass gerade sie am schärfsten und am "agitatorischsten von ihrer Idee der Rassenhygiene" sprachen. So betrachtet sind die gut 400 Sympathisanten und Neugierigen, die seine Rede hören wollen, schon ziemlich viele. Er fragt:

"Aber ist wirklich die Einheit, nicht des Landes, sondern des Volkes schon errungen? Geht nicht durch unser Volk ein tiefer Querriss, und ist wirklich die Freiheit des deutschen Volks schon zur vollen Wirklichkeit geworden?"

".... lasst mich vom Vaterlande reden
und von der Vaterlandsliebe, wie ich sie verstehe".

"Freunde, ich kann nicht lügen. In eurem Kreise kann ich gewiss nicht lügen. Und es ist mir auch unmöglich, im Zeitraum weniger Minuten einmal demjenigen zuzujubeln, der ruft: Die Waffen hoch, und der euch zum Waffengange mit einem Nachbarvolk anspornen will, und dann gleich darauf zu singen: Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt. Wenn ich die leuchtenden Täler unseres Vaterlandes hier zu unseren Füßen ausgebreitet sehe, so kann ich nicht anders als wünschen:

Möge nie der Tag erscheinen,
wo des Krieges Horden sie durchtoben."

Als ganz und gar nicht glücklich, monierte am 20. Oktober 1913 das Grazer Tagblatt, Organ der Deutschen Volkspartei, die Rede Wynekens, denn er "konnte es sich nicht versagen, in seinem Schlussworte gegen die Ausführungen Prof. Keils zu polemisieren und seinem Abscheu vor dem Kriege Ausdruck zu geben".

Die Zeitung begrüsste, wie übrigens die Mehrzahl der Teilnehmer, dass nicht Gustav Wyneken als Festleiter, sondern

Ferdinand Avenarius (1856-1923),

Leiter des Dürerbundes und Herausgeber der im Bildungsbürgertum viel gelesenen Zeitschrift Kunstwart, die Abschlussrede hielt. Der liebenswürdige und von schalkhaften Humor durchwehte, wie ihn Zeitgenossen beschrieben, warf die Frage auf: Könnten unsere "bombenfeste Überzeugungen" nicht wacklig werden? Der "unerschrockene Vorkämpfer für Wahrhaftigkeit", wie ihn Gustav Wyneken nennt, bedauert, dass die sozialistische Arbeiterjugend, Pfadfinder und Deutschlandbünde nicht teilnehmen wollten.

 

 

Ihr habt die Alten nicht besiegt  zurück

Reichlich zwei Monate nach dem Treffen äussert sich Gustav Wyneken höchst unzufrieden Zum Freideutschen Jugendtag (109): "Noch fehlt es der Jugend sehr an Kritik, an Festigkeit, an psychischen Reserven, noch ist ihre Begeisterung viel zu sehr eine aufgerührte Oberfläche, noch folgt die Jugend viel zu leicht einem jeden, der ihr in der Uniform einer geltenden Phrase oder eines approbierten Ideals sein Kommando zuschmettert.

Noch ist die Jugend viel zu sehr ein Produkt der Schule, die nicht denken lehrt .…"

Auch der linksliberale Professor für Philosophie und Pädagogik Paul Natorp aus Marburg übte Kritik. Bisher liess sich nach seiner Auffassung der Wandervogel kaum vom Klassen-, Parteien- oder Konfessionshass anstecken. Mit Sorge sah er nun, dass auf dem Meissner der verworrene Begriff der Rassenhygiene in die Jugendorganisationen drängte. Das trifft sich mit dem, was Der Anfang (1913, 194) beobachtetet: Doktor Popert und Kapitänleutnant Paasche, traten am schärfsten hervor und sprachen am "agitatorischsten von ihrer Idee der Rassenhygiene." Der Autor von Helmut Harringa erwartete, was sie glücklicherweise nicht tat, "dass sich die Freideutsche Jugend in dem Willen zur Rassenhygiene einigen werde".

Paul Natorp (1920, 17f.) ist bestürzt darüber, dass der Wortführer des österreichischen Wandervogels Professor Ernst Keil den "grundsätzlichen Ausschluss der Juden fast als selbstverständliche Sache" ansieht. Die persönlichen Konsequenzen und politischen Folgen deutet er am 6. Dezember 1913 im Vortrag vor der Comenius-Gesellschaft im Künstlerhaus von Berlin an:

"An dem Tage, wo die Freideutsche Jugend den Ausschluss der Juden zum Beschluss erhöbe, würde ich die Hoffnungen begraben, die ich auf sie gesetzt habe. Denn ein Tropfen dieses Geistes genügt, was von reinem Bestreben bisher in ihr lebendig ist, zu verfälschen und zu verderben."

 

Einige Meissner klopften nationalistische Phrasen, was in der Verschmelzung der Persönlichkeit mit dem Staat endete und dem Vorsatz zuwiderlief, dass Leben nach eigener Bestimmung, in eigener Verantwortung zu führen. Wyneken (1913/1919, 108/109) erkannte die ungeheuren Gefahren, die hiervon für die Kultur des politischen Denkens ausgingen und warnt:

"Jener Nationalismus, der die Frage nach der Wahrheit, der Gerechtigkeit und dem Guten überall da glaubt ausschalten zu dürfen, wo das Interesse des eigenen Volkes in Frage kommt, ist der gefährlichste aller heute herrschenden Masseninstinkte."

Natürlich hemmte der Nationalismus die politische Emanzipation der Jugend, zumal jener nicht viel mehr zu bieten vermochte, als die "Weltstellung des Deutschtums" (Fritz Bley), den Kampf um das Deutschtum und die Anbetung eines über den sozialen Klassen stehenden Patriotismus im Dienste des Krieges.

 

Otto Höger (1881-1918): Wandervögel, 1916. Postkarte. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig Nr. 244. Original: Hamburg Kunsthalle. Öl auf Leinwand, 177 mal 265 Zentimeter.

Die bürgerliche Gemütsart der Jugendbewegung versinnlicht Otto Höger auf dem Gemälde Wandervögel. War den Bürgerlichen überhaupt klar, dass ihre Anti-Alkohol-Bewegung einen schweren Anschlag auf die Lebenskultur der Arbeiterjugend bedeutete? Egal ob Kneipe, Ausschank oder Bierkeller, für viele Handwerksgesellen, Manufaktur-, Schwerst- oder Schichtarbeiter war sie erstmal für die Geselligkeit, den Austausch von Erfahrungen, der kulturellen und physischen Selbstreproduktion unverzichtbar. Und es war öfter ein Betäubungsmittel, um die sozialen oder familiären Verhältnisse zu ertragen. Zugleich gab es zumindest in Teilen Arbeiterjugend bereits eine selbstkritische Haltung und Bewegung gegen den kulturlosen Genuss von Alkohol. 1914 erschien das Flugblatt Die Jugend und das Trinken mit etwa 73 000 Abnehmern (AJ, 1.8.1914).

Dass die Freideutschen mit der Arbeiterjugend quer lagen, war nun angesichts ihres Fernbleibens vom Meissner-Treffen offensichtlich. Die einen erkannten nicht, wie Harald Schultz-Hencke (1963) es seinerzeit wahrnahm, klar die Tragweite ihrer materiellen Gebundenheit, während die anderen an bestimmten Theorien der Erlösung aus ihrer Abhängigkeit als Lohnarbeiter festhielten. Allein die Sechs-Tage-Arbeitswoche und der Zehn-Stunden-Tag setzten den Aktivitäten der jungen Lohn-, Gelegenheits- und Wanderarbeiter enge Grenzen. Da blieb oft verdammt wenig Zeit für politische und soziale Aktivitäten. Arbeiterkinder gingen zur Volksschule, unterrichtet von Volksschulehrern. Nur etwa acht Prozent von ihnen besuchten das Gymnasium, nur zwei Prozent studierten. Sie heirateten wesentlich jünger als es in der bürgerlichen Jugend üblich war und lebten allgemein in deutlich schlechteren, nicht selten in erbärmlichen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Interessierte die Freideutschen überhaupt, was Franz Walter (2013, 36) effektvoll mit stottern der Sozialisationsmotoren umschrieb, also die gesellschaftlichen Ursachen für Armut, Depression, wirtschaftliche Krisen und Arbeitslosigkeit?

Knud Ahlborn skandalisierte in seiner Rede die Folgen der entseelten Produktionsarbeit. Aber, sagt er: "Noch arbeiten sie an sich selbst und müssen sich zurückhalten, um erst die volle Kraft zu erreichen, damit sie handeln können, ohne zu verpfuschen." Mit anderen Worten: Der Tag der Solidarität ist erstmal verschoben. Bis dahin sitzt dann eben die bürgerliche Stadtjugend, um eine Sentenz aus der Rede von Helmut Gollwitzer vom Meissner-Tag 1963 (55) aufzugreifen, des Nachts weiter ohne die Arbeiterjugend am Lagerfeuer. Auch nicht schlimm? Oder war es vielleicht doch eine Ursache für die begrenzte politische Reichweite der bürgerlichen Jugendbewegung?

 

Ausgerechnet der sympathische und eigenwillige Bruno Lemke (1919, 16), Schüler von Paul Natorp, wies die Vertreter der Jugendorganisationen auf dem Hanstein ein:

"Politik wird nicht von Knaben und Jünglingen gemacht. Das wollen wir getrost den Berufenen überlassen. .... Wir wollen nicht unbescheiden sein. .... Wir wollen nur tun, was unsere Pflicht ist:

wir wollen hoffen und vertrauen."

Und das, dass war eben viel zu wenig. Überraschend kam es nicht. Denn die Freideutschen verstanden sich lange Zeit, was in der Debatte zum Meissner-Fest nicht verlorengehen sollte, überwiegend unpolitisch. 1917 wies Arthur Rothe in der Zeitschrift Freideutsche Jugend darauf hin, dass es unter den Älteren Bestrebungen gab vom Jugendgemeindeleben zur Politik überzugehen.

Als dann der völkische Wirrwarr (Bittel 1963) nach 1918 in die Freideutschen eindrang, standen die Unpolitischen dem ziemlich hilflos gegenüber. Es ist ein wichtiger methodischer Zugang, um die (Um-) Kippkräfte der Freideutschen gegenüber der Hitler-Bewegung, die alle, von Knud Ahlborn (1963) über Helmut Gollwitzer (1963) bis Karl Bittel (1963) und Volker Weiss (2013) so schmerzlich erinnern, noch genauer zu verorten.

Ein Moment des tragischen Geschehens bestand darin, dass die Meissner-Formel die Determination und Formung der Persönlichkeit durch den Staat nicht abbilden konnte. Arnold Bergsträsser (1896-1964) erkannte den Mangel, "ihre Unklarheit über jede Ordnung inneren und äusseren Lebens", und setzte dem ein pädagogisches Verständnis entgegen, dass nicht zufällig an Wilhelm von Humboldts "Idee zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" erinnerte (Behrmann 2003, 119f.). Definitiv blieb die Formel im historischen Vergleich weit hinter dem zurück, was in das theoretische Fundament der Arbeiterbewegung als Lehre vom bürgerlichen Staat eingeflossen war und Hegel 1833 im Paragraf 268 der Grundlinien des Philosophie des Rechts enthüllte: "Die politische Gesinnung, der Patriotismus überhaupt, als die in Wahrheit stehende Gewißheit (...) und das zur Gewohnheit gewordene Wollen ist nur Resultat der im Staate bestehenden Institutionen ...."

 

In der Nachbetrachtung zum Meissner-Fest verkündet die legendäre Schülerzeitschrift Der Anfang (1913, 161):

"Jetzt duldet es keinen Zweifel mehr:
es gibt eine deutsche Jugendbewegung."

Das löste bei vielen Politikern Ängste aus, die Ende Januar 1914 der Abgeordnete und Sprecher des Zentrums Doktor Sebastian Schlittenbauer (1874-1936) in der Generaldebatte des bayerischen Landtages wie folgt artikuliert:

"Die Ziele dieser freideutschen Jugendkultur sind Kampf gegen das Elternhaus, gegen die Schule, gegen die positive Religion und gegen den Patriotismus." (DFJ 4)

Darauf reagierte der Hauptausschuss der Freideutschen Jugend in Person von Knud Ahlborn (Deutsche Akademische Freischar), Doktor Fritz Lade (Bund Deutscher Wanderer) und Christian Schneehagen (Deutsche Akademische Freischar). Empört rufen sie aus:

"Die Freideutsche Jugend ist angegriffen. Das Bayerische Zentrum hat uns im Landtag verleumdet."

Aus Protest berufen sie zum

9. Februar 1914 eine Aufklärungsversammlung

in die Tonhalle nach München ein. Die anwesenden Vertreter der Jugendverbände und -gruppen erklären ihre Solidarität mit den Freideutschen. Obwohl Bruno Lemke und Gustav Wyneken gegen den in Staat und Schule herrschenden unfruchtbaren Patriotismus anrannten, versichert Alfred Weber (1914, 16/17) in seiner Rede devot:

"Kein Mensch in der Jugendbewegung denkt daran, eine innerlich begründete Autorität anzutasten, weder die Eltern noch die des Staates, noch die der Schule."

 

Ein Leben aus eigener Bestimmung und vor eigener Verantwortung bleibt leeres Gerede, solange Gesetze keine klare Grenze zwischen Bürger und Staat ziehen. Die Meissner-Formel vernachlässigt, was 1853 (10) John Stuart Mill als eine notwendige Bedingung der persönlichen Freiheit erkannte: "Schutz gegen die Tyrannei der Behörde ist daher nicht genug, es braucht auch Schutz gegen die Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens, gegen die Tendenz der Gesellschaft, durch andere Mittel als zivile Strafen ihre eigenen Ideen und Praktiken als Lebensregeln denen aufzuerlegen, die eine abweichende Meinung haben, die Entwicklung in Fesseln zu schlagen, wenn möglich die Bildung jeder Individualität ...."

Viele Meissner waren weniger von John Stuart Mill als von Hegels Staat als sittliche Idee, speziell von § 257 und § 258 der Grundlinien des Philosophie des Rechts affiziert. Hiernach fliessen die Pflichten zur Erhaltung des Staates unmittelbar aus der "Wirklichkeit der sittlichen Idee" und des "für sich Vernünftige(n)". Aber die Einsicht in die Notwendigkeit, wendet 1913 Ferdinand Avenarius dagegen ein, lässt keinen Raum für die Freiheit als "Fähigkeit und Recht, nach der eigenen Überzeugung zu leben".

 

Meissner-Fahrer Karl Bittel, Jahrgang 1892, mittlerweile emeritierter Professor für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, zieht 1963 (366) im Aufsatz

Historischer Rückblick auf den
Freideutschen Jugendtag vor 50 Jahren

in Zweifel, ob dieser überhaupt Impulse und Ideen, um die Hitler-Verbrechen zu verhindern, vermittelt hat. Nicht zu leugnen ist, dass einige Nazis freideutscher Herkunft die Verbrechen mitgemacht. Trotzdem fordert die These vom Null-Ergebnis Widerspruch heraus. Eine Quelle des deutschen Faschismus war bekanntlich der rassistische und chauvinistische Nationalismus. Gustav Wyneken unterzieht ihn in seiner Rede auf dem Meissner einer scharfen Kritik und warnt eindringlich vor den schweren Folgen. Trotzdem erscheint Karl Bittel der Meissner-Tag als "eine Kette von Missverständnissen und Enttäuschungen". Schwer wiegt für ihn, wie es im Historischen Rückblick (1963) heisst, dass die soziale Gärung und der harte Klassenkampf angesichts der akuten Kriegsgefahr nicht im Mittelpunkt der Beratungen standen. Freilich sollte aber der Einwand gelten, dass es keine Parteiveranstaltung sein konnte, denn die Organisatoren mussten dem Anliegen einer Bürgerbewegung Rechnung tragen. Die Null-Ergebnis-These übersieht, dass dies Jugendtreffen den gesellschaftlichen Moralbildungprozess durchaus wichtige Impulse verliehen hat. War die Meissner-Formel auch unvollkommen, so trägt sie doch mit ihrer Perspektive der Selbstbestimmung, des verantwortungsvollen Handelns und dem Streben nach Wahrhaftigkeit, zutiefst weltbürgerlichen Charakter.

 

Eine totale Umwertung des Meissner-Treffens unternimmt 1934 Baldur von Schirach (1907-1974). Was die heutige Hitler-Jugend in ihr sucht, suggeriert er, ist "der ernste Wille zur Form, zur Gestalt". Der Neuen Schar und anderen Gruppen der Jugendbewegung waren Form und Gestalt als Audrucksmittel für ihre Spontanität, Gefühle, Bestrebungen und Unabhängigkeit wichtig, nicht aber als Einfallstor für die Ideologie des Staates. Von Schirach substituiert die überragende Rolle der Gewissensentscheidung durch die Frage: Was würde der Führer tun? Gehorsamkeit als quasistaatliche Norm dominiert das verantwortliche politische Handeln. Unbarmherzig delegitimierte die nationalsozialistische Jugendpolitik den Anspruch der Freideutschen auf ein Leben in eigener Bestimmung und Verantwortung. War das Verhältnis der Meissner zum Staat, beispielsweise in der Frage der vaterländischen Gesinnung nicht ausgegoren, so lehnten sie doch die Bevormundung durch den Staat entschieden ab. An die Stelle des Strebens nach unbedingter Wahrhaftigkeit (Avenarius 1913) organisierte die Hitler-Jugend den Führerkult und, was Gustav Wyneken mit prophetischer Gabe voraussah, dass jede Wahrheit übertönende nationalistische Getöse. Gröber als Baldur von Schirach konnte man die Ambitionen der Meissner, der Neuen Schar und vieler anderer Gruppen der deutschen Jugendbewegung nicht entstellen. Für die Geschichtsschreibung des Dritten Reichs war die Jugendbewegung lediglich das Gesundungsfieber einer kranken Zeit (Volker Weiß 2013).

 

Auf dem Meissner-Tag 1963 charakterisierte Knud Ahlborn das Vorkriegstreffen als ein Protest gegen die Rückwärtsbegeisterung, das Schwertgerassel und die übliche Trunkenheit auf Erinnerungsfeiern. Helmut Gollwitzer lenkte als Festredner die Aufmerksamkeit darauf, dass das Jugendleben dann im Massengrab stattfand, zweimal hintereinander, mit Hinopferung bester Auslese deutscher Jugend. "Die Generation des Meißners hatte viel bewegt," hebt 2013 Volker Weiß hervor, "aber nicht wenige drifteten später, ohne einen Selbstwiderspruch zu verspüren, ins Lager des Nationalsozialismus hinüber." (Siehe 12)

Warum und wie kam es zur opportunistischen Wende? Muss man das noch Fragen? Reicht es nicht darauf hinzuweisen, was Knud Ahlborn (1888-1977) der Jugend 1913 in seiner Rede am brennenden Holzstoss ans Herz legte:

"Die grösste Tat die wir alle für das Vaterland tun können, ist und bleibt, selbst möglichst tüchtig zu werden, ganzer Mann und ganze Frau, wie Pfarrer Traub so trefflich sagt, wahrhaftig und getreu gegen uns selbst und gegen unsere Mitmenschen."

Aufstieg, Erfolg und Vermögen - als Ziel und Endpunkt bürgerlicher Lebensgestaltung. Und das war`s dann. Ist das der "heroische Lebenslauf", den Gustav Wyneken auf dem Hohen Meissner der aufstrebenden Jugend antrug?

Beschränkte sich die Meissner-Formel zu stark auf die innere Freiheit und moralischen Normen, ohne nach den sozialökonomischen Voraussetzungen dafür zu fragen? Standen die Meissner-Fahrer dem Fortgang der Geschichte ohnmächtig gegenüber? Wer kämpfte im aufkommenden Nationalismus für die moralischen Werte der Meissner-Formel?

Und ".... wo sind die oft besungenen Ideale, die Prinzipien, die reine Luft von den Waldbergen, das neue Leben? Diese jungen Leute sind Telegraphensekretäre geworden oder Zahnärzte, Schreiber auf irgendeinem Amt oder Volksschullehrer - Werkmeister oder Ingenieure … Und wo, wo in aller Welt ist die Wirkung des bewegten Rummels, die Wirkung, also das Einzige, worauf es schließlich ankommt? Ich sehe sie nicht.“ "Ich sehe nur Folgendes", wettert Kurt Tucholsky 1926 (967 f.): "Außerhalb eines zu nichts verpflichtenden Kunstbetriebes, der dem "Jungen" neben der Reklame pekuniären Erfolg bringen kann, schlüpft eine ganze Generation, problematisch maßlos überfüttert, in die Apparatur und das feste Gefüge einer bestehenden Welt und wird dort anstandslos verdaut. Man assimiliert sich. Die Torheiten der Jugend sind dahin, die Ideale halbvergessen, nur hier und da summt noch ein altes Wanderlied durch den Kopf .... "der Ernst des Lebens" hat gesiegt. Er hat über eine Jugend gesiegt, die Alles gewollt und so wenig erreicht hat. Über eine Jugend, die eine Welt stürmen wollte, was löblich, und die nicht die Atmosphäre auch nur eines Landratsbureaus hat ändern können, was weniger löblich ist.

Wo seid Ihr, vom Hohen Meißner?

Verrauscht die schönen Reden, gedruckt und gelesen die schönen Zeitschriftenartikel, zerplatzt die Diskussionen ... Und nun? Nun, haben euch die Alten unterbekommen, sie waren stärker als Ihr,

Ihr habt sie nicht besiegt."

 

Bei Verleger Erich Matthes in Leipzig  nach oben

Plakat. Ankündigung der Bugra von Mai bis Oktober 1914 in Leipzig (Kopiert von Postkarte 1914. Digital bearbeitet. Bildinhalt unverändert.)

Von Lüdenscheid reiste Muck (wahrscheinlich) nach Leipzig. Die Stadt steht im Zeichen der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik (Bugra). Dreizehn Länder zeigen vom 6. Mai bis 8. Oktober 1914 auf einer Fläche von 320 000 Quadratmeter ihre Exponate. Das Ausstellungsgelände gliedert sich in die Abteilungen Freie Grafik, Angewandte Grafik, Papiererzeugung, Reproduktionstechnik, Schriftschneiderei, Stereotypie, Galvano Plastik und Druckverfahren. Angegliedert sind Sonderausstellungen zu Themen wie "Schule und Buchgewerbe", "Die Frau im Buchgewerbe", "Der Student" "Deutsche Geisteskultur" oder "Deutschtum im Ausland". Zur Ausstellung gehört ein Vergnügungspark mit 80 000 Quadratmeter Grösse. - Die Bugra stellt übrigens den Höhepunkt im Wirken von Eugen Diederichs und seines Verlages dar (vgl. Viehöfer 100).

In der Stadt des Buches waren viele Druckereien, Zeitungen und Verlage tätig. Sie boten oft Saisonarbeitsplätze und Aushilfstätigkeiten an. Vielleicht hoffte Muck, hier wenigstens vorübergehend eine Arbeit zu finden. Vor dem ersten Weltkrieg war die sächsische Großstadt ein Mittelpunkt der Neulandsucher.

Hier wirkte Erich Matthes (1888-1970), einer der bekanntesten Verlegerpersönlichkeiten und Wortführer des bewussten Deutschtums. Bei ihm fand Muck Unterkunft. Matthes war (wahrscheinlich) Mitglied des Greifenbundes, lebte etwa ein 1/2 Jahr in der Siedlungsgemeinschaft Heimland und in der Vegetarischen Obstbau-Kolonie Eden e.G.m.b.H. in Oranienburg. (Ulbricht 1996) Die Legende der Jugendbewegung war einst Mitglied bei der Germania, dem Abstinentenbund an deutschen Schulen und seit 1908 beim Wandervogel e.V. Er sammelte "Alte deutsche Volksballaden" und brachte sie 1912 bei F. Hofmeister in Leipzig als Buch heraus. Im Matthes-Verlag erschien von Mai 1913 bis 1916 die von Friedrich Wilhelm Fulda (Jena) herausgegebene Wandervogel-Führerzeitung oder Heinrich van der Smissen Hellrotes Blut. Von Pflicht und Recht des adligen Lebens. Matthes liess auf der Bugra ein Wandervogelhaus errichten, das zum Treffpunkt der Freideutschen wurde. (Vgl. Krauss)

"Muck war ja arbeitslos und bot sich an das Landheim auf der Bugra während der Ausstellung zu verwalten". Der Verleger lehnte ab, weil er ihm zu "schmierig" ankam, "man hätte ihn erstmal ordentlich anziehen müssen", teilt er 1962 Hans Wolf mit. Anschließend tauchte er "dann bei van der Smissen in Klingberg [am Pönitzsee] auf, der dort ein schönes großes Grundstück, Landwirtschaft- und Gartenbau 1913 sich eingerichtet" hatte.

 

 

Was will er beim Vortrupp?  nach oben

"Die nächsten Jahre finden wir ihn [Muck-Lamberty]", eruierte Ulrich Linse 1983 (110) in Barfüssige Propheten, "im Umkreis des Wandervogels und der von Hans Paasche und Hermann Poperts herausgegebenen Halbmonatszeitschrift Der Vortrupp."

Der Vortrupp. Halbmonatsschrift für das Deutschtum unsrer Zeit. (Quelle - siehe Bildnachweise unten.)

Im Frühjahr 1913 kam einigen Jugendbünden der Gedanke zum Meissner-Fest. Dabei entdeckten sie sich als Freideutsche Jugend. Vornan dabei die Vortrupp-Bewegung aus Leipzig. Ihr tüchtiger Geschäftsführer Franziskus Hähnel übernahm viele Aufgaben bei der Zusammenführung der Bewegung. Aber dann, auf dem ersten Vertretertag der Freideutschen am 7. März 1914 in Marburg (1914, 5), will sich der Vortrupp zusammen mit dem Bund Deutscher Volkserzieher und Dürerbund aus diesem Kreis verabschieden. Anlass waren Differenzen zur Tat-Philosophie und Erziehungsgemeinschaft, die bereits auf dem Meissner sichtbar. Hans Paasche und ich, erzählt darüber Hermann Popert (Hamburg) (1913a, 17), haben am Morgen des Hohen Meissner ernsthaft erwogen, ob es nicht das richtige sei, sämtliche Vortruppleute aufzufordern, die Tagung wegen der Verabschiedung einer unklaren und inhaltlosen Entschließung zu verlassen. In Ansehung der lebensreformerischen Gemeinsamkeiten, alle gemeinschaftlichen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend Alkohol- und Nikotinfrei durchzuführen, legen sie den Zwist bei. Aber sie streiten weiter über die Erziehungsgemeinschaft. Auf dem Vortrupp-Tag im Juni 1914 in Leipzig wollen zumindest einige ihre Zugehörigkeit zur Freideutschen Jugend demonstrativ aufgeben. Sie reiben sich heftig an Bruno Lemke (1914, 4), der den Einfluss der nationalen Erziehung zurückdrängen will und im März 1914 in Marburg viele mit dem Satz irritierte:

"Die Freideutsche Jugend hat eigentlich kein Ziel.
Sie ist in einem gewissen Sinne ziellos".

Gegen die Neutralität und Absichtslosigkeit des Erziehungsauftrages rennt der Vortrupp Sturm. Das entspricht nicht seinen Vorstellungen von Führung, die von der Masse-Elite-Theorie geprägt sind. Hermann Popert (1914) erweiterte den Begriff der politischen Führung um das voluntaristische Modul, "dass Wille zehnmal mehr wert ist, als Wissen". Die damit verbundene Verselbständigung des Ichs gegenüber den Tatsachen zeitigt historisch gesehen verheerende Auswirkungen. Der Willensidealismus (wider den Tatsachen), wie Gottfried Traub es nennt, ist ein charakteristisches Moment nationalsozialistischen Führertums.

Vortrupp und Freideutsche bewegen also in Fragen der Erziehung, Jugendarbeit und Führung recht unterschiedliche Werte.

Nun betritt Friedrich Muck-Lamberty das Minenfeld. Ihn zieht es zum Vortrupp, opponiert aber ständig, referiert Ulrich Linse (1983, 110), "ohne das die Gründe für dieses Aufmucken ganz klar werden. Offensichtlich ist hier seine völkische Ausrichtung: Er las von Wilhelm Schwaner über Poperts Helmut Harringa bis zu Paul de Lagarde die deutsch-völkische Literatur und bekannte sich unter deren Einfluss zu einem völkischen Glauben, einer germanischen Religion, die vielleicht auch schon Rassezuchtgedanken enthielt." Wir vermerken die Andeutung zum Rassezuchtgedanken im Gedächtnis, um dies an entsprechender Stelle zu überprüfen und zu diskutieren.

 

Erster Deutscher Vortrupp-Tag
vom 3. Juni bis 6. Juni 1914 in Leipzig

Vom

3. bis 6. Juni 1914

ruft der Vortrupp-Bund zur ersten Jahresversammlung nach Leipzig. Mehrere hundert Vertreter aus ganz Deutschland reisen an, um gemeinsam zu debattieren, wie sie eine Tat-Jugend mit echter Vaterlandsliebe und echtem Pflichtgefühl heranziehen können, die gegen Untreue und Waschlappigkeit kämpft. Der Vortrupp verachtet die Stubenkultur, kritisiert die Wohnungsnot und den Alkoholismus, verficht den Grundsatz mens sana in corpore sano (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) und strebt die körperliche wie geistige Ertüchtigung der Jugend an. In der Förderung von Esperanto sah er keinen Widerspruch zu seiner Forderung der Entfaltung des Deutschtums.

Heftig lässt der Vortrupp die Peitsche der Arbeitsökonomie knallen, dirigiert das Proletenvolk nach Fleiss, Ordnung und Pünktlichkeit. Für das Politische Volkstheater übersetzt es am Ende des dritten Verhandlungstages Geschäftsführer Franziskus Hähnel (1914, 35) in die gefällige Sentenz:

"Schlechte Söhne oder bummlige Schüler
wünschen wir nicht unter uns."

Das ideologische Zentrum des Vortrupps bildet die von Hans Paasche (1881-1920) und Hermann Popert (1871-1932) herausgegebene Halbmonatszeitschrift für das Menschentum unserer Zeit Der Vortrupp. In ihr erscheint als Fortsetzungsroman Poperts Helmut Harringa, den erstmals 1909 der Deutschen Dürerbund verlegte. Die Erzählung über teuflische Weiber, Alkoholismus und dunkle Mächte war ein Wahnsinnserfolg. Aus der Harringa-Fan-Peergroup kristallisiert sich im September 1912 der Deutsche Vortruppbund aus, der bald 150 Gruppen und 4 000 Mitglieder zählt. "Wer sich den Fusel nur durch die Lektüre schlechter Romane des Herrn Popert abgewöhnen kann," merkte Kurt Tucholsky 1926 hierzu kritisch an, "sei trotz Allem gesegnet für und für - aber eine Jugendbewegung scheint mir das nicht."

Sie wollten, unterrichtete Jahre später Franziskus Hähnel (1864-1929) die Leser der Zeitschrift Junge Republik, ohne Klassen-, Massen-Rassenhass und fürs Vaterland leben. Ihre Jugend zieht 1913 zum Treffen auf den Hohen Meissner. Auf Initiative von Hans Paasche und Julius Dürrenbeck gründet sich 1914 in Leipzig die Vortruppjugend.

 

Königin-Luisen-Haus
in Leipzig, Postkarte 1915. Zum Zeitpunkt der Errichtung galt es als Musterreform-Wirtshaus Deutschlands.

Zum Begrüssungsabend des Ersten Deutschen Vortrupp-Tages am 3. Juni erschienen 200 Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands im schön und funktionell gestalteten Königin-Luisen-Haus in Leipzig. Am nächsten Abend beginnt hier um 8 Uhr die Tagung. Zur Orientierung erklärt der Vorsitzende des Deutschen Vortrupp-Bundes Dr. jur. Hermann Popert in seinem Festvortrag, dass die Organisation dem "neu erwachten Idealismus unseres Volkes" dient. Er soll "Etwas schaffen, was oben bleibt!".

In der Plenartagung wird dann ein Telegramm von Mucks Freund Georg Peters verlesen, der vorschlägt, dass sich der Vortrupp an der Germanenbank beteiligt. Hermann Popert lehnt das im Namen des Arbeitsausschusses mit aller Entschiedenheit ab und fügt hinzu: "Es ist sehr schlimm, dass derartige Unklarheiten unter vaterländisch klingenden Namen wie Germanenbank propagiert werden."

 

Am zweiten Verhandlungstag (5. Juni) ziehen die Teilnehmer in den Kongress-Saal der Bugra um. Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Vortrupps-Bundes Hans Paasche (1914, 44-49) eröffnet die Versammlung mit dem Vortrag

Glaub an die Sache, der du dienst.

Nicht ohne etwas Stolz spricht er davon, dass Deutschland in den zurückliegenden Jahrzehnten eine beispiellose wirtschaftliche Entwicklung durchlief. Aber sie nahm auch, so der Kapitänleutnant in Ruhe, dem Kulturmenschen in der Steinwüste der Grossstadt Licht und Kraft, zerstörte die Religion und verfälschte den Geschmack. Überall wandeln frühe Todeskandidaten, unzählige Menschen mit "schlechtem Blut", verödeten Seelen, vom Mammon verführte und aufgeschwemmte Missgestalten umher. "Sie sind die Opfer, die unser Volk bringen muss für den wirtschaftlichen Aufschwung vergangener Jahrzehnte."

Das Gelände der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik (Bugra) in Leipzig 1914.
(Fotograf unbekannt.
Bildnachweis unten.)

Der Bugra-Saal fasste etwa 500 Sitzplätze. Muck erschien pünktlich. Es geht ihm nicht gut. Die Sache Eklöh in Lüdenscheid war für ihn nicht gut ausgegangen. Und Matthes konnte nicht helfen. Er scheint, ziemlich ausgebrannt zu sein. In Leipzig wäre jetzt Gelegenheit, ja, für was nun genau? Um mit Hans Paasche abzurechnen, mit dem er, wie noch mitzuteilen ist, quer liegt? Will er gar den Vortrupp umkrempeln? Oder plant er, wie es Geschäftsführer Franziscus Hähnel befürchtet, vielleicht einen Feldzug gegen den Vortrupp?

 

Wenn er
den angekündigten Feldzug gegen
den Vortrupp auszuführen versuchen sollte
(Franziskus Hähnel)

Allgemein ist der Vortrupp nicht gut auf Muck zu sprechen. Besorgt äussert sich eine Mutter gegenüber Franziskus Hähnel (1914, 27) zum "Einfluss des Lamberty auf ihren Sohn". Oder, neun Tage nach der Veranstaltung im Bugra-Saal erscheint nach verschiedener Mitteilung vom Vortrupp-Fest Hamburg die Mitteilung, dass

seine Wirkung auf die Jugend recht ungünstig ist.

Über seinen Auftritt in Leipzig erzählt das Protokoll Folgendes:

"Nunmehr erscheint im Sitzungssaal ein junger Mensch, der den Familienamen Lamberty führt, aber unter den Namen "Muck" umherwandert und bei Wandervogeltagungen und bei ähnlichen Gelegenheiten aufzutreten pflegt. Lamberty meldet sich zu Wort; Franziskus Hähnel, der die Versammlung leitet, hat Bedenken ihm das Wort zu erteilen, da Lamberty weder Mitglied des Deutschen Vortruppbundes ist, noch sonst mit dem Vortrupp irgendetwas zu tun hat. Herr Dr. Popert bittet aber, dem Lamberty das Wort zu geben, da sich Lamberty vor einigen Tagen gegenüber einem Mitglied der Versammlung dahin geäussert habe, er wolle nach Leipzig kommen, um ordentlich gegen Paasche loszugehen und dann einen neuen Vortrupp zu gründen; es sei ganz gut, wenn man Leute dieser Art einmal herauskommen lasse, was sie eigentlich vorzubringen hätten. Die Versammlung ist einverstanden, dass Lamberty das Wort erhält.

Lamberty (der ja erst soeben erschienen ist und von dem bisherigen Verlaufe der Wechselrede offenbar gar nichts weiss) erklärt, reden könne er nicht, was er zu sagen habe, habe er in einem Briefe an Herrn Paasche zusammengefasst, den er jetzt vorlesen wolle. Das wird ihm gestattet. Lamberty verliesst nun einen langen, gänzlich wirren Brief, der eine Reihe unverständlicher Vorwürfe gegen Hans Paasche und eine Anzahl von Lobeserhebungen für Lamberty selbst enthält.

Hans Paasche stellt darauf hin folgendes fest: Nachdem Lamberty auf dem Hohen Meissner Hans Paasche vorgestellt worden war, entlieh er von ihm 30 Mark und machte von Hans Paasches Gastfreundschaft auf dessen Gut Waldfrieden Gebrauch. Zum Danke dafür veranstaltete dann Lamberty auf Jugendtagungen (in Westdeutschland und anderswo) Treibereien gegen Paasche und gegen den Vortrupp. Hans Paasche stellt weiter fest, dass Lamberty in einer Gebrauchsmusterschutz-Angelegenheit eine Rolle gespielt hat, die Herrn Paasche sehr missfallen hat. Hans Paasche legt weiter einen Brief vor, aus dem hervorgeht, dass Lamberty versucht hat, bei Hans Paasche Treibereien gegen Hermann Popert zu veranstalten.

Herr Dr. Humbert aus Siegen weist darauf hin, wie verhängnisvoll das Auftreten des Lamberty im Wandervogel E.V. auf diesen wirke.

Schliesslich erklärt der anwesende Pfarrer Bruns aus Strassburg, nach dem, was man über Lamberty gehört hat, müsse entweder Lamberty den Saal verlassen, oder die anderen Anwesenden müssten ihm deutlicher zu verstehen geben, dass sie nicht mit ihm zusammen zu sein wünschten. Die Versammlung stimmt dem zu, und Lamberty verlässt den Saal." (Hähnel 1914, 26f.)

Es kommt zum Eklat. Der Vortrupp (Leipzig) bezieht Kampfstellung. Versammlungsleiter Franziskus Hähnel (1914, 27) erteilt im Kongress-Saal der Bugra den Mitgliedern die Order:

"Wo Lamberty, genannt Muck,
den angekündigten Feldzug gegen den Vortrupp
auszuführen versuchen sollte,

empfehlen wir zur Abwehr die Bekanntgabe" des folgenden Briefs, den Herr Eklöh (Inhaber des Hauses Eklöh, deutsche Wertarbeit Lüdenscheid) am 14. Juni 1914 an Hans Paasche gerichtet hat, nachdem dieser ihm das Verhalten des Lamberty auf den Vortrupptage dargelegt hat."

Das wird er nicht vergessen. Sieben Jahre später schreibt er im Brief an Walter Hammer (Hamburg), der im Zwiespruch veröffentlicht: "Da sah ich Dich in Verbindung mit Paasche und Popert zum erstenmal als meinen Gegner."

 

Im Zwist mit den geborenen Siegern

"Und wenn wir unter die Menschen gehen, dann soll man uns ansehen, dass wir geborene Sieger sind", formuliert Hans Paasche (1914, 49) in seiner Festansprache am 4. Juni die Konvention zur Selbstdarstellung der Vortrupp-Mitglieder. Da kann Muck nicht mit. Wie ein geborener Sieger, so schaut er jetzt und hier bestimmt nicht aus. Garnisonspfarrer Wilhelm Siegmeyer, der ihn auf dem Vortrupp-Tag begegnet, lässt es sieben Jahre später im Rahmen einer Kampagne gegen Muck in der Zeitschrift Junge Menschen (Heft 7, 1921) raus: "Das strolchhafte Äußere, die konfuse Logik des Briefes an Paasche, den er vorlas, und der seine einzige Waffe bildete, das alles nahm nicht gerade für ihn ein."

Um die symbolische Macht des Kritikers, wesentlich auf Ansehen und Applaus, stand es schlecht. Den Akademikern, Juristen und Geistlichen war Muck in der Ausstattung mit kulturellen Kapital unterlegen. Trotzdem versucht der Aussteiger sich kritisch einzubringen. Doch ihm gelingt es nicht, etwa zur Debatte um die Definition der Erziehungsgemeinschaft oder zum Selbstverständnis des Vortrupps einzugreifen. Er erlebt, vielleicht auch mit etwas Bitternis, was Gustav Wyneken in Was ist Jugendkultur? (1913) beschrieb, dass die herrschende Klasse im Besitz der Kultur ist und ein grosser Teil der Jugend nicht am geistigen Leben teilnehmen kann.

Zum Ersten Deutschen Vortrupp-Tag in Leipzig versprüht die Avantgarde des gebildeten Bürgertums (Franz Walter 2013, 36) ihren Geist. Akademiker, Frau Doktor Stegmann (Dresden), Doktor Walter Groothoff (Hamburg), Doktor Reinhard Strecker (Bad Nauheim), Doktor Goldstein (Darmstadt), Pfarrer Paul Bruns (Straßburg), oder Rechtsanwälte, zum Beispiel Staedek aus Darmstadt. "Oberlehrerhaft", kritisiert Gustav Wyneken (1913, 12), "ist der geistige Unterbau des Wandervogels". Der Vortrupp ist hier ganz anderer Ansicht, wie Hermann Popert am 5. Juni in seiner Eröffnungsrede durchblicken lässt:

"Aber wir verwerfen mit aller Entschiedenheit die geradezu blödsinnige Hetze gegen den Oberlehrer, die heute in manchen Kreisen Mode ist."

Im Wandervogel nahmen die Lehrer eine privilegierte Stellung ein. Beim Vortrupp scheint dies in einem noch viel stärkeren Masse der Fall zu sein. Muck will das nicht verstehen. Ebenso die Organisation des Vortrupps, der ein "zusammenfassendes Organ" der Reformbewegung (Popert 1914) anstrebt. Ihn stösst die zentralistische Gestaltung der Jugendbewegung ab.

Im Sinne von Gustav Wyneken Was ist Jugendkultur? (1913, 12) vertritt er die Überzeugung, dass die Jugend "ihre äußeren Lebensformen selbst zu finden" vermag. Dazu nimmt der Vortrupp eine skeptische bis ablehnende Haltung ein, weil er an die ubiquitäre Kraft der Jugendbewegung, die "oft nur entsprungen aus bodenhafter Unkenntnis der Kraft der entgegenstehenden Mächte", nicht glaubt. In Erziehungsfragen verhält er sich konservativ. "Schon an sich sind Schüler, die die Welt reformieren wollen," sagt ihr Vorsitzender Hermann Popert (1914, 18), "etwas Fürchterliches."

Als Leitmotiv wählte der I. Deutsche Vortrupp-Tag Auf Fichtes Bahnen. Nicht vom Elan der Jugendbewegung schwärmt der Vortrupp, umso mehr "vom festen Gesetz und festen Befehl". Die große Erfindung des Philosophen, dass tätige, gestaltende Subjekt verkümmert in seiner politischen Vorstellungswelt zu "Gehorsam und Pflicht gegen eine grosse Sache" (Popert 1914, 57+62). So löst der Vortrupp das Problem des kollektiven Handelns zum Preis der Entindividualisierung der Jugendbewegung. Damit kann sich Muck nicht anfreunden.

Zum Ausklang des Vortrupp-Tags laden am 7. Juni die Organisatoren in das Universitätsholz ein. Obwohl bereits viele Teilnehmer abgereist, erscheinen immerhin 400 bis 500 Personen. Bei herrlichsten Sonnenschein entfaltet sich ab Mittag unter den Buchen und Eichen eine ansprechende Geselligkeit. Natürlich immer ohne Alkohol und Tabaksduft. Ganz "ungeniert" nimmt Muck an den Volkstänzen teil. Man will ihn wegweisen, denn Schwarmgeister wie er, sollen im Vortrupp kein Erntefeld finden (Hähnel). Hans Paasche verhinderte es.

 

"Helgoland - ein Kapitel für sich!"  nach oben

Der Krieg bricht los. Am 10. Oktober 1914 meldet sich Muck "mit einer Schar Vegetarier als Freiwilliger bei der Marine und wurde der Matrosenartillerie auf Helgoland zugeteilt". Junge Menschen, herausgegeben von Doktor Knud Ahlborn und Walter Hammer, berichtet darüber 1921/22 im Rahmen der Anti-Muck Kampagne. Zunächst wirft ihm das Blatt der deutschen Jugend Spitzeleien vor. Darauf erwidert Muck 1921 im April-Heft:

"Mein Sein entscheidet und nicht das Gerede. Durch mich ist ein junger Mensch von der Strafe von 2 Jahren Gefängnis freigekommen, ein Jude wegen Falschspiel verurteilt worden zu 8 Tagen und ich selber bin wegen Anklage gegen das Offizierskorps 14 Tage in den Kasten geflogen. Alles andere ist Mache."

Muck als Soldat der Marineartillerie

(Quellenangabe unten)

Damit nicht genug. Wilhelm Siegmeyer, während des Krieges Marinegarnisonspfarrer auf Helgoland, packt 1921 ebenfalls in Junge Menschen aus: "Unter den Wandervögeln Helgolands hat Muck nun von Anfang an sprengend und verwirrend gewirkt .... " Es gab zwei Parteien, die eine für und die andere gegen Muck. Die Gegenpartei vergrössert sich allerdings und die Zahl seiner Freunde nahm ab. Weiter plaudert Siegmeyer: "Was man ihm vorwarf, waren geschlechtliche Verfehlungen der gröbsten Art. So sollte er die Braut eines auf der Insel befindlichen Wandervogels verführt haben .... Dem Exbräutigam hat er dann gedroht, er werde ihn über die Klippen ins Meer werfen." "Gegen Schluss des Krieges hat dann Muck", fährt die Erzählung fort, "noch auf Helgoland seine Kameraden angegeben, weil sie sich über verschiedene Missstände und auch wohl über Politik unterhalten hatten. Eine Unteroffiziersstube wurde eines Abends wegen Hochverrats verhaftet. Aber man konnte doch Niemandem etwas nachweisen; die Leute hatten sich beim Abendessen, wie das ihr gutes Recht war, über alles Mögliche unterhalten. Die Folge war, dass man nun gegen Muck vorging und er erhielt 14 Tage strengen Arrest, die Wandervögel verboten ihm das Nest ...." Er war "kein Führer" und eine "unwahre Persönlichkeit, plädiert der Ankläger.

Der Angeklagte blickt auf die Kriegsdienstzeit anders zurück. In einem öffentlichen Brief von 1921 an Admiral Scheer (Weimar) besteht er darauf: "Ich bin meiner Lebensweise treu geblieben, und habe auch bei der Marine keine der üblen Sitten mitgemacht, sondern das einfachste Leben geführt, nichts unnötig ausgegeben und nie meinen Leib durch Tabak und Alkohol geschwächt, damit ich immer bereit wäre, die letzten Anforderungen zu erfüllen, die im Kampf an mich gestellt werden könnten." "Und als gar ein junger Matrose (17 bis 18 Jahre) wegen einer Dummheit, er schrieb an die Wand: Hoch England! Nieder mit Deutschland!, 2 Jahre Gefängnis bekommen sollte, habe ich mich für diesen ins Zeug gelegt und erreicht, dass er als dummer Junge behandelt wurde." Gertrud Prellwitz (1921, 1f) sagt, dass er das "aus gütigem Erbarmen mit einem Menschen" tat.

Die Begegnung mit einzelnen Mitgliedern des Wandervogels während der Kriegszeit hinterließ bei Muck einen tiefen Eindruck, brachte aber auch manche herbe Enttäuschung. Dies wird noch manche Entscheidung von ihm beeinflussen.

 

Witzenhausen  nach oben

"Nach dreieinhalb Jahren Wachdienst auf Helgoland, erhielt der Obermatrose Lamberty seinen ersten Urlaub. Er fuhr im Sommer 1918 zur "Völkischen Woche" nach Witzenhausen an der Werra." (Linse 1983, 112) Hier trafen sich Pfadfinder, Turner, Volkserzieher, Arbeiterjugend, Wanderscharen, Studenten und Wandervögel. Der Urlauber soll sich, setzt Wilhelm Siegmeyer 1921 in Umlauf, sehr bedenklich betragen haben. Während der Sommertagung des Jungdeutschen Bundes 1919 in Lauenstein war dem Marinegarnisonspfarrer "von mehreren sehr zuverlässigen Seiten gesagt" worden, dass Muck an "mehrere Mädchen herangetreten", "um sie zu bewegen, dass sie sich ihm hingäben, er hatte vom Schicksal den Auftrag

mit einem blonden Mädel
den deutschen Kristus zu zeugen".

So so, der Muck, er hat sich wiedereinmal nicht ordentlich betragen. Fragen wir doch Eugenie Schwarzwald (1872-1940), was sie darüber denkt, im Ganzen und Überhaupt. Nach dem Krieg beobachtete die Sozialreformerin und Pädagogin unter der Jugend eine Selbstmordepidemie. Manchmal war eine unglückliche Liebe die Ursache. Doch oft ergreifen Kriegsfolgen, Hunger, Krankheit und Hoffnungslosigkeit die Jugendlichen. Vergnügungssucht, Eskapaden und Alkoholmissbrauch taten ein Übriges. "Es ist schier zuviel," plädiert sie, "was die Jugend zu ertragen hat. Und man ist nicht geneigt, überhaupt etwas zu ertragen, solange einem das Blut rasch und heiss durch die Adern fliesst." - Mucks Flucht in die Arme eines blonden Mädchens war da noch das Gescheiteste, was er tun konnte.

Auf dem Fest fand ein Wettlauf statt, woran er sich beteiligt und dabei verletzt. Er kommt in das Lazarett von Hannoversch Münden. Bereits auf dem Weg der Genesung, hilft er hier ab Ende Oktober1918 im "Ausschuss zur Beschaffung guter Büchereien für die Reserve-Lazarette zu Hannoversch-Münden" mit. "Er fand auch Kontakte zur Tochter des dortigen kommandierenden Generals, Irmgard von Gayl, und hatte ein Gespräch mit deren Vater über die Möglichkeit einer kommenden Revolution." Muck "....riet diesem, damit die Mannschaften in ihrem Leid wieder Vertrauen in die Offiziere bekämen, mit einem jungen Offizier und einer Gruppe von Soldaten im Lazarett Volkslieder singen zu lassen." Ein bezeichnender Einfall, hängt Ulrich Linse (1983, 112f.) an.

 

Süddeutscher Jugendtag  nach oben

Muck nahm vom 10. bis 12. August 1918 in Tübingen am Süddeutschen Jugendtag teil. Im Programm kündigten Harald Schultze-Henke (Karlsruhe), August Halm (Esslingen), Karl Bittel (Karlsruhe) und Else Stroh (Heilbronn) ihre Vorträge an. In der Stadt am Neckar traf er Alfred Kurella (1895-1975), die sich zuletzt 1913 auf dem Hohen Meissner begegnet waren.

Alfred Kurella war sehr aktiv in der Münchner Jugendbewegung und ein begeisterter Anhänger Gustav Wynekens. Zusammen mit Fritz Klatt gründet er in München ein Freideutsches Wohnheim. Als Herausgeber des Bonner Liederblatts (1912 /1917), des Wandervogel-Lautenbuches (1913) und Die Geschlechterfrage der Jugend (1920) genoss er in der frühen Jugendbewegung eine beachtliche Publizität. Über seine freie Liebe entbrannte eine öffentliche Debatte, die hohe Wellen schlug. Von 1924 bis 1926 besucht er in Bobigny die Parteihochschule der französischen Kommunisten und ist dann als Chefredakteur von Le Monde tätig. Nach Jahren der Zurückgezogenheit im sowjetischen Exil kehrt er 1955 nach Ostdeutschland, in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) zurück. Als Leiter der Kulturkommission des Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gestaltete er von 1957 bis 1963 den Bitterfelder Weg mit. (Vgl. Gillen 2012) Trugen vielleicht so naturalistisch angehauchte Organisationsformen wie Greif zur Kamera Kumpel! und Zirkel schreibender Arbeiter noch einen Hauch der freideutschen Jugendbewegung in sich? "Alfred," soll Walter Ulbricht zu ihm gesagt haben, "ich glaube, dass du zeitlebens ein Wandervogel geblieben bist." (Koerber/Kurella 2013)

Vier Wochen nach dem Süddeutschen Jugendtag veröffentlicht die Zeitschrift Freideutsche Jugend (338f.) von Alfred Kurella folgenden Brief:

"Heil Muck!
Dies Treffen [in Tübingen] war schön. Eine große Freude für mich. Es lebe das Pachantentum, das schweifende Leben! Lustig, daß auch du wie ich mit diesem Klatsch, Verleumdungen, Lügen umgeben bist. Was gehen die uns an: die Feigen, die selbst nie bis zum Letzten zu denken, geschweige denn es Tat werden zu lassen wagen, die sich aber giften, wenn andere es tun; die Halben, denen wir einmal die Wahrheit gesagt haben und die uns nun nachkläffen; die Lüsternen, die gern von Revolutionen, Bomben und Gefängnis tuscheln, und die Dummen, die jedes alberne Geschwätz für bare Münze nehmen und in verbesserter Auflage weitergeben. Wir suchen die Ganzen, Aufrechten, Mutigen, Gescheiten: die Menschen. Denen gehört die Zukunft, die noch die Kraft in sich tragen, die vom Blick, vom Wort, von der Gestalt ausgeht und die die Glut einer großen Liebe spüren. Auf frohe Kämpfe in der Zukunft, auch gegeneinander. Heil dir!

Alfred Kurella"

 

Im Hauptquartier des Generalstabes  zurück

Der Krieg geht dem Ende zu. Aus Hannoversch-Münden schreibt Muck am 3. Dezember 1918 an Leutnant Harmsen in Hirschberg (Schlesien): "Dass ich 5 Tage im Grossen Hauptquartier mit der Heeresleitung und mit dem dortigen Soldatenrat in Fühlung stand, wirst Du wohl erfahren haben. Es waren für mich Tage der Arbeit, und konnte ich bei den besten Offizieren viel Verständnis für die jungen deutschen Bewegungen finden."

Über Irmgard von Gayl fand er den Weg in das Hauptquartier des Generalstabes auf Schloss Wilhelmshöhe - Kassel. Vom 17. bis 23. November führte er hier einige Gespräche. Vor seiner Demobilisierung gab es noch "Ein scharfes Hin und Her" mit Admiral Reinhard Scheer (1863-1928) "über die Offiziere bei der Marine" (Linse 1983, 113f.). So glücklich der Admiral auf dem Flottenflaggschiff Friedrich der Grosse am 31. Mai 1916 in der Skagerrak-Schlacht über die Engländer triumphierte, so folgenreich sollte sich sein Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 zur Entscheidungsschlacht mit der Grand Fleet im Ärmelkanal auswirken. Den Matrosen es für einen Todeskampf kurz vor Ende Krieges jedes Motiv abhandengekommen. Es habe sich gezeigt, so Ulrich Linse (1983, 113), "dass der erste Diener der Flotte nicht wusste, wie es um den letzten Diener stand." Bei den Matrosen löste der Flottenbefehl Bestürzung und erste Meutereien aus. War die Skagerrak-Schlacht der "Hammerschlag gegen den Nimbus der englischen Weltherrschaft" (Kaiser Wilhelm), so gab Scheers Flottenbefehl das Trompetensignal zum Matrosen-Aufstand. Muck "versuchte ihm klar zu machen," gibt Gertrud Prellwitz (1921, 2) seine Rede dazu wieder, "dass eine Revolution kommen musste, weil bei der unpsychologischen Art, wie die Matrosen behandelt wurden, ihre Seele in Verzweiflung geraten musste ....."

"Ebenso enttäuscht ist Muck aber von der Gegenseite, von der mangelnden praktischen Solidarität der Revolutionäre im Soldatenrat Grosses Hauptquartier. Auch eine spätere Begegnung mit Philipp Scheidemann, dem Fraktionsführer der Mehrheitssozialisten, endet mit der resignierenden Feststellung, dessen lebloses Gesicht habe ihn deutlich gemacht, dass bei solchen Parteimenschen (...) unsere Volksgemeinschaft nie werden könne." (Linse 1983, 113f.)

 

Stürzet das Morsche und Gottlose  zurück

Muck kehrte körperlich unversehrt aus dem Krieg zurück. Die unangenehmen Erfahrungen mit den Wandervögeln vergisst er nicht. Noch immer treiben ihn die Ideen des Hohen Meissner um. Bei Erich Martin auf dem "Heidehof" in Glühsingen (Kreis Lüneburg) arbeitet er im Sommer`19 als Landhelfer. Man sieht ihn hier seine Geige zusammenleimen ....

Er kehrte zurück. Nur wohin eigentlich? Aus Bramwalde an der Weser erhält die Redaktion der Freideutschen Jugend von Friedrich Muck-Lamberty das Manuskript Verjüngung des politischen Lebens. Sie entschliesst sich, es im ersten Januarheft 1919 zu veröffentlichen. Vom 11. bis 19. April 1919 nimmt Muck an der Führertagung der Freideutschen Jugend in Jena teil. Im Sommer `19 schafft er bei Erich Martin auf dem "Heidehof" in Glühsingen. Auf dem Coburger Wandervogelbundestag vom 2. bis 3. August schwenkt er demonstrativ die blaue Fahne. Kurz darauf beginnt vom 9. bis 12. August auf der Burg Lauenstein die Tagung des Jungdeutschen Bundes. Fotografien von Julius Gross (1892-1996) zeigen ihn mit Hjalmar Kutzleb, Wilhelm Stapel, Emil Engelhardt oder Frank Glatzel im Innenhof. Sie waren, wie Jürgen Reulecke (2013) sagte, auf der Suche nach einem Mittelweg, um die Gegensätze überwinden zu können und eine wahrhaft deutsche Volksgemeinschaft zu schaffen. Am 28. August feiert Potsdam den 1. Jugendtag der deutschen Jugendgemeinschaft. In der Aula des Gymnasiums findet die Eröffnungsfeier statt. Professor Gustav Röthe hält die Festrede. Muck interveniert lautstark, - von der Fensterballustrade. Bei Erich Matthes (1888-1970) in Hartenstein (Erzgebirge) in der Verlagsbuchhandlung beginnt im September 1919 die Arbeit als Packer. Von hier begibt er sich im Mitte Mai 1920 nach Kronach, von wo wenige Tage später die Neue Schar zur Wanderung durch Franken und Thüringen aufbricht.

Noch im Revolutionsjahr erscheinen von Friedrich Muck-Lamberty zwei Aufsätze. Am 14. November 1918 der Aufruf An die Freideutschen! zur Schaffung eines Bundes der Freideutschen und 15 Tage später An die Lebendigen im Adel (LA). Im Januar 1919 druckt die Freideutsche Jugend Verjüngung des politischen Lebens (VL). Einen Monat darauf folgt der Aufsatz Den jungen lebendigen Predigern (JP). Bei der Erkundung seiner politischen Ambitionen fanden sie bisher zu wenig Beachtung. Vielleicht empfand man sie nicht interessant genug.

Muck begrüsste die mit der November-Revolution einsetzende Erneuerung der Gesellschaft, wenn auch nicht in der Sprache der Sozialdemokratie oder der revolutionären Arbeiterbewegung. Seine Gedanken konzentrieren sich nicht auf die Eneuerung der Institutionen oder den Klassenkampf, sondern mehr auf den Menschen, dessen Gefühle und Lebensart, etwa so, wie er in Den jungen lebendigen Predigern ausführt: "Die Wellen des lebendigen Lebens fanden den Menschen in Kräften der Verordnungen, der Verbote und der Heuchelei der Gesellschaft. Die hohe Aufgaben wurden nicht geflegt als ein Drang aus sich."

Viele Revolutionäre erachteten die Gedanken eines Jugendbewegten zur Verjüngung des politischen Lebens nicht wichtig. Einer war anderer Meinung, Alfred Kurella. Er unterstützte seine Veröffentlichung in der Freideutschen Jugend, und wusste offenbar warum. Denn die Texte aggregieren nicht nur auffallend viele Alltagserfahrungen der Revolution, sie formulieren ebenso berechtigte Kritik am Verlauf und den Ergebnissen. Später folgende Publikationen von professionellen Historikern stellen die betreffenden Aussagen durchaus ähnlich dar, aber eben transformiert in eine eingeübte, wissenschaftliche Sprachtypologie. So aufgenommen und gedanklich verarbeitet, wirken Mucks Texte von 1918/19 durchdacht, von den Gedanken gut geführt, exploriert aus Sicht der Jugend und mit den Alltagserfahrungen der Bürger verbunden. Nichts erscheint profan. Eine schöpferische und aufmüpfige Sprache hält den Verstand des Lesers wach, zum Beispiel:

"Lasset den Kram dahinfahren, Gott ist überall, auch auf der Gasse, rufet die Gerechtigkeit wieder auf den Thron, verdammet den Wucherer, die Wucherei in der eigenen Brust, auch den Schleichhandel der alten Herren. Verdammet die Gemeinheit, die Hurerei, das Saufen, Handeln, die Zinswirtschaft." (Den jungen lebendigen Predigern)

Deutschland stürzte nach dem Krieg in eine tiefe Krise. "Die Massen, die Geistlosen wurden geführt", kritisiert: Muck, "und verführt und kamen dadurch in seelische Not. Die Herren waren oft schlimmer denn die "Knechte". "Es schwand", heisst es in Den jungen lebendigen Predigern, "das Vertrauen." Über das Volk kam die Verzweiflung, befundet An die Lebendigen im Adel (1918), aber es ist konservativ, schwerfällig, geduldig, "dass nicht Fechten will bis die Not es dazu treibt."

Heftige soziale und politische Bewegungen erschüttern das Land. Muck sucht Orientierung, er will den Aufbruch, er will mitgestalten. An die Freideutschen! richtet er im November 1918 die Worte:

"Auch wir sind ein neues Deutschland;
es kommt darauf an, dass wir uns bald zusammenfinden, - unsere Forderungen stellen, - den Suchenden unseren Weg zeigen ...."

"Jetzt wird die Welt gerichtet. Niemand kann daran vorbei, auch die Kasten nicht."

"Stürzet das Morsche und Gottlose." (JP)

Im Brief an Leutnant Harmsen vom 5. November 1918 prophezeit er: "Es werden, wenn es sehr schlimm kommt, die Massen sich austoben":

"... dann müssen wir Deutschbewussten vorschnellen."

In An die Lebendigen im Adel (LA), erschienen am 29. November 1918, fordert Muck:

"Haltet ein mit den starren Formen -

schaffet Menschen mit Blut und Geist." "Haltet ein mit den ungesunden Lebensgewohnheiten. Eine körperliche und geistige Wiedergeburt ist die erste Aufgabe. Haltet ein mit den Philosophien der Inder. Schaffet im Glauben zur Heimat den deutschen Heilbringenden, das Gesetz, die Sitte." (LA) Offenbar verschiebt er den Mittelpunkt der Revolution in die Sphäre der gesellschaftlichen Moral und des individuellen Verhaltens. Der Schwerpunkt liegt dann nicht mehr auf der politischen Umgestaltung, sondern auf der Revolution der Seele und im Kampf der Jungnaturen gegen die Alten.

Die Überwindung der starren Formen und des Regimes der Alten fällt Den jungen lebendigen Predigern zu. Denn "Die zuschauenden Altingsnaturen und die Bürgerlichen," heisst es im Aufruf An die Freideutschen! (1918), ".... haben kein Heimatschwingen, haben kein junges Klingen mehr im Blute. Sie sind von den Ereignissen überrascht worden; fast scheints, als ob sie den Kopf verloren haben. Sie waren am Tage des Umsturzes nicht zu Stelle." "Vielfach auch nahmen sie die Revolution - das Jüngerwerden als eine unbequeme Erscheinung, fügen sich mit guter Miene in die neue Lage und hoffen, dass dann alles so bliebe." (VP)

Allein die jungen lebendigen Prediger "haben sich auf den Tag der Verjüngung gefreut." Ihnen gehört die Zukunft. Doch sie müssen sich frei machen "von den Sorgen um das Amt, von den Sorgen um Kerzen und Silberzeug für den Altar". (JP) "Empörung gegen die Ungerechtigkeit, empor zu Gott." Über das Gezänk der Parteien, der Presse, "der Juden und Geldmenschen" hinweg. "Gottesreiter" sollen die Kämpfer der Gerechtigkeit werden.

"Wir jungen Deutschen wissen," appelliert er an An die Feideutschen, "dass die Revolution eine Verjüngung bedeutet, - dass sie auf Lehrstühlen, in den Kirchen und der Gesellschaft bitter notwendig ist. .... Als eine lebensstarke Gemeinschaft werden auch wir mitbestimmen:

"Es soll das neue Deutschland aufgebaut werden."" (VP)

"Jetzt gilt es nur, das Vertrauen wieder heben, das Wesen des Menschen, das Wesen der Heimat, das Wesen des Volkstums." (JP)

Aus diesen Sentenzen zu "Heimat", "Deutschland", "Deutschbewussten" oder "Volkstum" darf man meines Erachtens keine völkische oder deutschnationale Orientierung im Sinne eines Georg Schiele herauslesen. Wohl sind es keine Worte aus dem sozialistischen Sprachlabor. Doch das erlaubt uns noch lange nicht, sie als reaktionär abzuqualifizieren. Ganz im Gegenteil: Muck begrüsste die gesellschaftliche Wandlungen nach 1918 und möchte sie aktiv mitgestalten.

 

 

Unter Kommunismusverdacht  zurück

1928 kolportiert die Nordbayerische Zeitung, "dass er sich mit Vorliebe als deutschnationaler Parteigänger aufspielte, während er in Wirklichkeit einer der ersten Kieler Meuterer war und dieserhalb während des Weltkrieges ein volles Jahr auf Helgoland interniert wurde, dass er dem Admiral Scheer bei Ausbruch der Revolution den Revolver unter die Nase gehalten hatte und alsdann als Soldatenrat ins Hauptquartier Hindenburgs gelangt war, wo er als kommunistischer Agitator die grosse Verwirrung anrichtete." Gertrud Prellwitz rückt dies bereits 1920 in

Mein Bekenntnis zu Muck-Lamberty

zurecht. Sie besteht darauf:

"Er hat .... nicht zu den Kieler Meuterern gehört, das ist ein Irrtum. - Wenn er sich, wie man sich in deutschnationalen Kreisen erzählt, auf Helgoland bei den Vorgesetzten für einen Matrosen einsetzte, der gerufen hatte:

Nieder mit Deutschland, es lebe England!

So geschah das aus gütigem Erbarmen mit einem Menschen, den die schreckliche Untätigkeit, zu der die Matrosen verdammt waren, in eine perverse Verrücktheit der Verzweiflung versetzt hatte!" (Prellwitz)

Gegenüber Admiral Reinhard Scheer bekennt Muck im Februar 1921: "Ich bin kein Rote-Fahnen-Revolutionär, sondern glaube an den Sieg des Geistes über die Materie."

Über dem Tausendsassa schwebt der Verdacht, ein Kommunist oder Linker zu sein. Vielleicht wegen der Beziehung zu Hans Paasche (1913), der Mitarbeit im Arbeiter- und Soldatenrat (1918) oder dem Kontakt mit Max Hölz im Erzgebirge (Linse 1983, 45)? Vom Kesselheizer der Revolution zog er sich zurück, "weil ihm die Gewalttätigkeit zuwider war" (KH 138).

"Ich war mit Max Schulze-Sölde in Remscheid 1923," teilt er sechs Jahre später den Berliner Arbeiter Henry Joseph (Berlin, Zellestrasse 11) mit, "und wir haben gesehen, daß die Kommunisten dort dreimal so viel Schokolade und Alkohol verzehrten, als die ganze kleine Kinderstube wert war, die damit eingeweiht werden sollte, wozu wir als fremde Handwerker kostenlos gegen Haferflocken und Milch die Stühlchen machten."

"Es ist ein Irrtum", interveniert Gertrud Prellwitz (1920) gegen den Kommunismus-Vorwurf, "daß Muck-Lamberty zu den Kommunisten gehört." "Er hat nie einer Partei angehört, außer einer Zeitlang der Vaterlandspartei, um sich zum deutschen Siegeswillen zu bekennen. Als sie ihm dann zu äußerlich arbeitete, trat er aus."

Auf einem Flugblatt von 1921 in Jena bekennt Muck:

"Ich bin weder Meuterer gewesen, noch ein undeutscher Geselle, auch nicht Agitator für einen Kommunismus der Strasse."

Indessen bemühte er öfter - fernab jeder Propaganda für Stalin oder Thälmann - den Kommunismus-Begriff, blieb aber auf sachlicher Distanz zur KPD und SPD. Ein Kommunisten- oder Sozialisten-Hasser, von denen es damals in Naumburg so viele gab, war er nicht.

 

 

Freideutsche Führertagung
vom 11. bis 19. April 1919 in Jena  zurück

Marktplatz in Jena, etwa 1925

Verlag Walter Lüdke, Jena

Gegen Ende des Krieges und im Ergebnis der Novemberrevolution brechen in der Freideutschen Jugend verstärkt politische Richtungskämpfe auf. Die Meissner-Formel hinterliess reichlich Konfliktpotential. Was heisst jetzt Freiheit und Selbstverantwortung? Darauf geben in der Revolutionszeit die verschiedenen Strömungen in der Freideutschen Jugend unterschiedliche Antworten. Einige meinten, es sei die "eigentliche deutsche Nationalversammlung" (Messer 1923) gewesen.

Es kommt zum Einbruch des Völkischen in die Freideutsche Jugend, der in der gleichnamigen Monatsschrift vom April / Mai Heft 1918 gut abgebildet. Andererseits rufen Knud Ahlborn, Arnold Bergsträsser, Rudolf Carnap, Gerhard Fils, Meinhard Hasselblatt, Eduard Heimann, Else Hiebsch, Martha und Kurt Walder, Karl-August Wittfogel und Karl Bittel im Rundbrief vom Januar 1919 zum Sozialismus auf. (Vgl. Rosenbusch 32, 58) Erwartungsgemäss differenzieren sich die Freideutschen auf ihrer Tagung 11. bis 19. April 1919 im Volkshaus von Jena weiter in Links (Karl Bittel) und Rechts (Frank Glatzel) aus. Eine kleine linke Gruppe spaltet sich als "Entschiedene Jugend" ab und findet, wie Kurt Haufschild 1975 (65) sagt, den Weg zum Proletariat.

Typisch für diese Zeit auch die Aktivitäten von Knud Ahlborn. Besorgt um die Mitte, gründet er die Arbeitsgemeinschaft der freideutschen Jugend, die sich Anfang 1922 zum Freideutschen Bund erweiterte. Im Karlsruher Kreis, so erzählt es zumindest 1963 Karl Bittel, trat er der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei, sprach für die Diktatur des Proletariats, wurde Redakteur einer linkssozialistischen Zeitung und kandidierte zum Landtag.

Plötzlich, so nahm es Wilhelm Flitner auf der Führtertagung 1919 wahr, gab es viele marxistische Kommunisten. Ihr Losungswort war Sozialismus. Es kam zu leidenschaftlichen Diskussionen, bis hin zum "geistigen Chaos" (Flitner). Die Radikalen verliessen den Schäffersaal und tagten auf dem nahen Galgenberg.

In der Diskussion über Nihilismus, Buddhismus und Liebeskommunismus entstand, schildert Else Frobenius (1927, 186 f.) das Geschehen, eine apokalyptische Weltuntergangsstimmung. Beim Lesen der Reden und Aussprachen der Jenaer Tagung 1919 (Hamburg 1919) entstand bei mir allmählich ein anderer Eindruck: Die Teilnehmer bringen durchaus konstruktive Vorschläge ein. Ein Redner äussert die Idee zur Gründung einer Jugendschule. Einige streiten konstruktiv über die Geschlechterfrage. Die Nächsten strengen die Abrechnung mit den Fehlern vom August 1914 an. Andere ringen um Klarheit über die historische Aufgabe der Freideutschen Jugend. Wilhelm Flitner (1986, 258) bezeugt gute Gespräche zwischen Alexander Rüstow und Eduard Heimann. Eindrucksvoll stachen die "Erziehungspolitischen Forderungen der Jenaer Tagung" hervor, wie sie Heinz R. Rosenbusch (80-82) eingehend analysiert und systematisiert hat. Hohe Wellen schlägt die Diskussion um die Errichtung der Volkshochschulen. Georg Engelbert Graf (1881-1952) lehnt die neue Institution ab, weil es ein ideologisches Projekt ist, das sich an den Bedürfnissen seiner Protagonisten, nicht aber an den Lernenden ausrichtet. Als Beispiel nennt er die in Berlin entstandene Freie Hochschulgemeinde für Proletarier, die beabsichtigt alles zu lehren, was für Betriebsräte der Zukunft notwendig sei. Muck hält ihm entgegen: "Wir müssen nicht von vornherein passivistisch verzichten. Wir müssen auch Vernunft gebrauchen und organisieren." "Gegen den Materialisten [Georg Engelbert] Graf sage ich: Unser Volk braucht eine Bildung, die die Kluft zwischen dem einfachen Manne und dem Intellektuellen aufhebt. (Starke Bewegung)"

Ungeklärt bleibt das Verhältnis der Jugendbewegung zu den Parteien und zum Staat überhaupt.

Zwei gute Bekannte von Muck, Karl Bittel und Alfred Kurella, profilieren sich als Jugendpolitiker. Bittel schwenkt in Jena auf die von Alfred Kurella verfochtene These ein, es gelte dem Bürgertum ganz abzuschwören und sich den kämpfenden Reiche des Proletariats anzuschliessen (vgl. Linse 1981, 48).

Am 16. April 1919 trumpft Muck in der Diskussion auf:

"Ich habe ganz einfach etwa 40 Menschen um mich gesammelt, die zusammen eine Arbeitsgemeinschaft bilden. Wir haben sie deutsche Volksgemeinschaft genannt."

Im Sommer des darauffolgenden Jahres ziehen sie als Tanz- und Spiel-Company Neue Schar durch Franken und Thüringen. Möglicherweise deutet die zitierte Äusserung bereits auf die Gründung der Neuen Schar hin. Doch liegen hierfür keine weiteren verlässlichen Nachrichten vor. So müssen wir weiterhin das Pfingstreffen 1920 in Kronach als ihren Gründungsort ansehen. (Siehe unten: Der Zug der Neuen Schar, Kronach 17. bis 26. Mai 1920.)

 

 

Sozialismus oder Fahrt ins Blaue?  zurück

Vom 2. bis 3. August 1919 tagte in Coburg der Wandervogelbundestag. Den Teilnehmern zur Ehre und Freude fand am Sonnabend auf dem Marktplatz eine kleine Feier statt. Oberbürgermeister Hirschfeld und ein Vertreter des Ministerium hiessen die 3000 Wandervögel herzlich willkommen. Schuldirektor Edmund Neuendorff (*1875) aus Mühlheim an der Ruhr, Bundesvorsitzender des Wandervogels seit 1913, bedankte sich für den Empfang. Am Sonntag früh trafen sich alle zur Predigt von Pfarrvikar Döbrich aus Neustadt in der Moritzkirche. Um 9 Uhr begann die Beratung im Festsaal der Hofbrauhausbierhalle. "Neuendorf leitete geschickt", berichtete das Coburger Tageblatt, "und mit Klarheit das Thing und ging samt seiner Idee trotz mancher Angriffe der "Revolutionäre" als Sieger aus dem Kampf hervor. Coburg wurde kein Jena."

Als die Wahl des Bundesvorstandes begann, hielt es Willibald Hahn "für geschmackvoll, mit einer roten Fahne, die, wie er sagte, die Glut seines Herzens darstellen sollte, auf die Bühne zu klettern und möglichst auffällig neben die Bundesleitung zu stellen. Die Fahne wurde zerrissen, und Muck rief hernach unter dem Jubel der großen Mehrheit in die Menge:

Jungens, unsere Fahrt geht nicht ins Rote,
sondern wie bisher ins Blaue
."

"Mit diesen berühmt gewordenen Worten [von der Fahrt ins Blaue] .... hat Muck-Lamberty die Richtung vorgegeben - nicht nur für seine Neue Schar, auch für die Jugendbewegung überhaupt. Besser gesagt: Er hat gegen alle anstehenden Zersplitterungen nach rechts und links die Grundrichtung verteidigt, die den Wandervögeln immer schon eigen war: den Blick auf die Blaue Blume der Romantik. Über die Ambivalenz, ja Gefährlichkeit einer solchen Neigung muss nicht lange geredet werden. Wohl aber über ihr Recht und ihre potenzielle Fruchtbarkeit. Dann nämlich, wenn wir dieser Blume ihren romantischen Schleier abstreifen und sie besser und nüchterner als das benennen, wofür sie steht: für das Ideal, die Utopie, das Grenzenlose. Die Wandervögel folgten einer noch unbestimmten Sehnsucht, einer Sehnsucht ins Offene, ins Blaue hinein. Kein anderer hat diesen Gang und Sprung ins Offene so vorgelebt wie jener Mann, der für Muck-Lamberty richtungweisend war: Gusto Gräser. Und wenn Muck selbst, trotz aller Schwankungen, vor den Versuchungen der Parteipolitik bewahrt geblieben ist, dann dankt er es dem Beispiel seines Freundes." (Müller 8.2.2013)

 

 

Intervention  zurück

Muck war unbequem. In politischen Fragen, wollte er es oft genau wissen, strebte nach Wahrhaftigkeit. Ausserdem lagen seine Ideen oft ausserhalb des Interesses der Parteien. Mithin erschien er ihnen der Realität etwas entrückt, doch aus anderer Blickrichtung eben unangepasst und spontan. Typisch hierfür die Kontroverse mit Geheimrat Gustav Röthe (1859-1926), Chefredakteur der Deutschen Zeitung, zum 1. Jugendtag der deutschen Jugendgemeinschaft. Ihm zur Ehre und der fortschrittlichen Jugend zum Verdruss, hielt Gustav Röthe am 28. August 1919 in der Aula des Potsdamer Gymnasiums die Festrede. Eine Stunde sprach der alldeutsche Hetzer (Vorwärts) über den Geist von Potsdam. Verdammte die deutsche Revolution in Grund und Boden. Und rief dem Publikum zu: "Wer unter der Jugend hat zu den heutigen Männern nur ein Fünkchen vertrauen?" (Vorwärts, Berlin) In diesem Ton fuhr die Rede fort. Doch dann, ein Zwischenfall. Mitten in den Ausführungen gellt der Ruf eines auf die hohe Fensterbalustrade gekletterten Wandervogels:

"Halt, wir wollen die reine Wahrheit und keine Beschönigungen. Was wissen sie vom Versagen und von Unzulänglichkeiten? Wir sind reife Jugend und wollen …."

Sogleich durchflutet den Saal ein lauter Schwall von Zwischenrufen und Protesten. Als er abgeebbt, beginnt eine geschliffene Diskussion zwischen dem Festredner und Muck-Lamberty, dem Zwischenrufer. Alle folgen mit großer Aufmerksamkeit. Schliesslich räumt Röthe ein, der Einwurf ist berechtigt. "Und da geschah es. Die Pfadfinder auf der rechten Seite stehen mit Martin Voelckel wie ein Mann auf und gehen schweigend auf die linke Wandervogelseite hinüber, ein Zeichen grösster Sympathie für den Wandervogel." (Wolf 1971, 38)

 

 

Impulse  zurück

Meissner-Treffen - Wandervogel - Sera-Kreis - Gusto Gräser - Lisa Tetzner - Georg Stammler

Das soziale und jugendpolitische Denken des Friedrich Muck-Lamberty prägten die Werte des Meissner-Treffens: Autonomie (Martin Luserke), Jugendkultur (Gustav Wyneken), Wahrhaftigkeit (Bruno Lemke), Befreiungsdrang (Paul Natorp) und Selbsterziehung (Bruno Lemke, Ferdinand Avenarius). In der frühen Jugend zog es ihn zum Wandervogel. Dann inspirierte ihn die Festkultur des Sera-Kreises (Eugen Diederichs, Wilhelm Flitner, Kurt Kläber alias Kurt Held). Nachhaltige Wirkung hinterlässt der Umgang mit Kindern und die Erzählweise der Lisa Tetzner. Tiefe Zuneigung empfindet er zum Lebens- und Literaturstil des Gusto Gräser. Er liebte die Verse von Georg Stammler. In enger Verbindung stand er 1919/20 mit dem Kreis um den Verleger Erich Matthes, Wilhelm Thost, Friedrich Emil Krauß und A. Paul Weber in Hartenstein (Erzgebirge), die den "Philister und Biermensch mit seinem nur am materiellen Nutzen orientierten Denken und Handeln gemeinsam" (Schumacher / Dorsch 2003) ablehnten. Gefallen fand er, wissen wir aus der Rekonstruktion seiner Jugendjahre, an der Genossenschafts-Idee, die zum Beispiel sein Wanderfreund Karl Bittel vertrat.

Alfred Kurella ermunterte Muck im August 1918 auf dem Süddeutschen Jugendtag, seinen Weg zu gehen. Und er soll seine Veröffentlichungen von 1919 (Verjüngung des politischen Lebens, Den jungen lebendigen Predigern) unterstützt haben, was seine Reputation verbesserte.

 

 

Der Wandervogel

 

.... nennen wir uns doch Wandervogel

"Er ist eigentlich nur dem glücklichen Zufall zu verdanken, dass eine der jungen Wandergruppen auf dem Friedhof des damaligen Dorfes Dahlem bei Berlin die Inschrift des Grabsteins der Käthe Branco studierte und darin den Vers fand: "Wer hat Euch Wandervögeln die Wissenschaft geschenkt, dass ihr auf Land und Meeren nie falsch die Flügel lenkt ..." Wolf Meyen, einer der jungen Führer, habe daraufhin ausgerufen: "Also nennen wir uns doch Wandervogel" dabei ist es dann auch geblieben." (Walter Jantzen 1957, Seite 129)

 

Besonders zu Beginn ihres Zuges durch Franken und Thüringen wurde die Neue Schar öfter als Wandervogel-Gruppe angesehen. Tatsächlich beeinflusste sie diese Bewegung stark.

"Der Wandervogel war unsere Befreiungsbewegung", eröffnet am 12. April 1919 in Jena Karl Bittel den Teilnehmern der Freideutschen Jugendtagung. Nicht nur ihn, viele seines Alters formte und prägte er.

Am 4. November 1901 nahm im Ratshauskeller von Berlin-Steglitz der Wandervogel unter Karl Fischer als Ausschuss für Schülerfahrten reale Gestalt an. Bald kam zu Unstimmigkeiten und nach drei Jahren wurde der Verein aufgelöst. Über weitere Neugründungen und organisatorisch-strukturelle Verästelungen gewinnt die Wandervogel-Bewegung weiter an Kraft und zahlreiche Anhänger. Noch im selben Jahr entstanden der Wandervogel, Eingetragener Verein zu Steglitz bei Berlin, kurz WV EV genannt, und um Karl Fischer herum der zweite große Zweig der Wandervogelbewegung, der Verein Alt-Wandervogel (AWV). Besonders über die Frage der Alkoholabstinenz und des Mädchen-Wanderns kam es in der Bewegung zum Streit. Am 20. Januar 1907 gründete sich in Jena unter Führung von Ferdinand Vetter der Wandervogel, deutscher Bund für Jugendwandern, aus. 1914 umfasste der Wandervogel-Bund etwa 20 000 Jugendliche und 10 000 Erwachsene. (Vgl. Schreiber 2014, 54-63)

"An vielen Lehranstalten wurde es den Schülern verboten," erzählt Hans Fallada (1893-1947), "ein Wandervogel zu sein. Aber das half gar nichts." "Der Wandervogel breitete sich trotzdem aus, und die Verbote mussten wieder aufgehoben werden, zumal sich ihm nie etwas Schlimmes nachweisen ließ."

Besonders die Lehrer drängen auf Veranlassung vorgesetzter Behörden zur Führung der Gruppen in den Wandervogel. Über die Hälfte der Ortsgruppen leiten Oberlehrer und Lehrer. Manchmal waren es, bemerkt Hans Fallada, auch Studenten. Dagegen protestiert, womit er nicht der Erste war, Willie Jahn (1889-1973) beim Treffen auf dem Hohen Meissner (1913):

"Dazu hat die Jugend sich den Wandervogel nicht geschaffen."

Wie sind die Wandervögel froh
Stets gehts in dulce jubilo

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913..

Erstmals kam es 1913 auf dem Hohen Meissner zu einer allgemeinen und näheren Begegnung zwischen den beiden Geschlechtern, die später das äussere Bild der Bündischen Jugend so entscheidend geformt hat. (Werner Helwig 1980, 79)

Aus der Unzufriedenheit und Empörung über die Alten entstand 1910 der Jung-Wandervogel (JWV). Er will ausserhalb der Schule die Freiheit und Selbstbestimmung seiner Mitglieder herstellen und distanziert sich von Soldatenspielereien, wie sie etwa beim Jungdeutschland-Bund (BJD) üblich sind. Der JWV erstrebt keine auserwählte Kultur, weil das, wie er meint, die Bewegung versteift und die Jungen daran hindert nachzuwachsen.

Am weitesten treibt die Kritik am Wandervogel vielleicht die Ortsgruppe Jena. "Wir wissen," antwortet sie am 2. August 1919 abschliessend auf einen Briefwechsel mit vielen gleichgesinnten Gruppen in ganz Deutschland, "daß sich im ganzen Wandervogel zwei verschiedene Welten gegenüberstehen! Hier die Bundesleitung der Alten, der Oberlehrer und zahlreicher Anhang: die Reformfröhlichen, die sich für `Pflanzenkost`, `Antirauschgiftbewegung` oder Leibchenreform und Ertüchtigung der Wanderwaden einsetzen, die `volkskundigen`, volkstanzenden, jodelnden und ewig zur Blödheit verdammten Kilometerfresser, als die Wandervereinler mit bandgeschmückter Lautenbegleitung; hier die wirklichen Wandervögel, Nachkommen der revolutionären Steglitzer, die - aufbegehrend gegen den bürgerlichen Unfug verrotteter Schulen, verspießerter Elternhäuser, verlogener Tanzkränzchen-Erotik und eingepaukter Kirchenfrömmigkeit - die mechanischen Formen hassen und neue Formen, kultureller Formen, Formen des Lebens, der Natur und Kunst in den Mittelpunkt ihres Fühlens und Denkens stellen.

Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten -
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913

Dies ist das Bild zwei grundlegend verschiedener Welten, ist das Bild des bestehenden Wandervogels … … Die Wahrheit über diese zwei Welten bricht sich Bahn!" (JW 1919)

Der Schrei nach Erneuerung (Tetzner) erreicht den Wandervogel nicht. Nach dem Krieg blieb die Masse blind und kritiklos. "Man sehe sich unsere Durchschnitts-Wandervogeljugend an," empört sich Lisa Tetzner 1922 (801). "Schon ihre Lektüre, die Bücher, die aus ihr entstehen, ruhen fast ausschliesslich auf jener belanglos süssen Schwägerei, auf Sonnenliedern und Blumendüften. In den Auslagen unserer Buchhändler überwiegt schwulstig überladene Gedankendialektik und süss betörendes Liebesgesäusel alles andere."

Im Unterschied dazu tragen die Neue Schar anspruchsvolle Ambitionen durch Franken und Thüringen. Sie wollen es besser machen als der Wandervogel, verzichten auf die Autorität der Lehrer, vertrauen auf die Selbsterziehung und drängeln sich nicht, was Gustav Wyneken 1913 (8) an der Jugendbewegung bemängelt, in das Erwachsensein.

Und doch, der Wandervogel gab ihnen viele positive Impulse. Beispielsweise folgten sie der Anweisung, die 1910 Hans Breuer ausgab:

"Solange wir das Wandern der deutschen Jugend, Jugend ist zu betonen, fördern wollen, ist jeder Alkohol ein sanitärer Missgriff."

Wandern, wandern, du mein Vergnügen.
Wandern, wandern, du meine Lust ....

Gestaltung / Maler: Friedrich Kaskeline, geboren 1863 in Prag. Postkarte 14 mal 9 Zentimeter. Verlag Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin, vielleicht um 1913.

Der Wandervogel war eine Ausflugs- und Erlebnisgemeinschaft, konstitutiv geprägt durch die Idee vom Wandern als Element der Jugendkultur, vom Musizieren und speziellem Liedgut. Die Neue Schar pflegte diese Bräuche weiter und ging sogleich in Form und Inhalt darüber hinaus. Sie war ein kleines, aber kühnes Projekt der Jugendkultur, dass von der Revolution der Seele, dem Kampf der Jungen gegen die Alten und von der Lebensreformbewegung (Abstinenz, Vegetarismus) geleitet. Zur Völkerverständigung nahm sie eine positive Haltung ein, lehnte Soldatenspielereien ab und war dem Rassismus abhold. Mit kessen gesellschaftskritischen Ambitionen und massvollem antiautoritären Verhalten, bar allen Gehabe, eroberte sie die Herzen der reformfreudigen Jugend.

 

Sera-Kreis

Muck begegnete öfters dem Sera-Kreis. Zum Beispiel auf dem Wandervogel-Bundestag 1913 in Meiningen. Oder zum freideutschen Jugendtreffen am 12. Oktober 1913. Zu dessen Abschluss versammelten sich auf dem Hohen Meissner alle Teilnehmer in einem Grosszelt, um der Aufführung des Schauspiels Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang von Goethe - dargebracht vom Sera-Kreis - beizuwohnen. Über Eugen Diederichs und Arbeiterdichter Kurt Kläber, der die ihm vom Thüringer Sommer (1920) vertraute Lisa Tetzner 1924 heiratete, hatte Muck zu dieser Lebensreformbewegung öfter Berührung.

Der Sera-Kreis bildet sich aus Studenten sowie Jenaer und Weimarer Mädchen um den Verleger Eugen Diederichs, der 1904 von Leipzig nach Jena übergesiedelt war. Ab dem Sommer 1910 war Karl Brügmann (*1889) der Mittelpunkt (Flitner 1973). Doch schon früh zog Diederichs als Vagantenvater mit seinen Bacchanten durch das Thüringer-Land, um auf Schlosshöfen und Marktplätzen zu spielen. Da gab es keine Zuschauer. Jeder sollte selbst tätig werden (vgl. Viehöfer 1998). Allmählich entstand eine neue Art von Event-Kultur. Als die Mitglieder sich ständig mit der Formel aus einem Schreittanz Sera, Sera, Sancti nostri Domine begrüßten, war der Name Sera geboren. Er organisierte kleine Sonnenwendfeier mit Tänzen, die sehr beliebt waren. Dieses Jahr, schreibt Eugen Diederichs am 26. Juni 1909 an Ernst Borkowsky in Naumburg, war sie noch viel gelungener als vom vorherigen Jahr. Über allen herrschte ein ideal harmonischer Zuammenhang. Die freie Studentenschaft führte Goethes Satyros auf. Das Ganze trug diesmal den Stempel der klassischen Periode Jenas. "Unsere Tänze waren so lustig und fröhlich und die Beteiligung so zahlreich, dass es eine Freude war zuzuschauen. So haben wir dann, nachdem die Alten fort waren, noch nachts bis 12 Uhr um das hinsterbende Feuer gelegen, vielleicht noch 100 Personen."

Zu diesem Anlass erschien, erfahren wir aus Wilhelm Flitners (1889-1990) Erinnerungen (1986), Diederichs in Pluderhosen, der Festtracht eines schwedischen Bauern, mit gestecktem Gürtel und weissem Mantel in roter Randstickerei. Auf dem Kopf wippte die Zipfelmütze. Die Burschen sahen aus wie halb Minnesänger und halb fahrende Scholaren. Sie trugen kurze Hosen, Sandalen und ein weißes Jägerhemd mit Schillerkragen, dazu die einfarbigen Schauben ("Mäntelchen") und in vielerlei Varianten dazugehörige Baretts. Die Mädchen in Sera-Tracht, lange Gewänder, hoch gegürtet, bunt und in heller Seide, worin die Frauenreform und der Jugendstil Anklang. Damit erregten sie in Weimar, Jena oder beim Werkbundfest in Bad Kösen einige Aufmerksamkeit. Erkennbar brachte die Kleidung ein Interesse an Geschichte und der Inszenierung des Lebensstils zum Ausdruck. (Erste Elemente von "Aufnordung", wie man es später nannte, und Pseudo-Germanentum kamen auf.)

Muck war mit Eugen Diederichs persönlich gut bekannt. Der Jenaer Verleger verstand sich als sein väterlicher Freund und stand ihm öfters bei. Im Aufsatz Muck, die Jugend und die sexuelle Frage (April 1921) nimmt er zum Leuchtenburg-Skandal (1921) eine konstruktive Haltung ein. "Die Kritik" von Muck "an Rationalismus und Materialismus, an Parteienwirtschaft und erstarrten Lebensformen, das Lob von Handwerk und Meistertum, Volkslied und Volkstanz, diese Mischung von Kulturkritik und religiöser Begeisterung und Lebensformen, deckte sich völlig mit den Anschauungen von Eugen Diederichs. Letztendlich ging es Muck - ebenso wie Diederichs - gar nicht so sehr um eine Lehre, sondern um die Tat." (Viehöfer 1998) Typisch hierfür Diederichs (1916) Äusserung von 1916: "Es sind genug leere patriotische Phrasen gedroschen worden, wir brauchen Taten."

Über Muck und die öffentliche Repräsentanz der Ideen des Sera-Keises in der Region Jena-Naumburg-Weimar-Rudolstadt partizipierte die Neue Schar an deren Praxis und Vorstellung zur Gestaltung von Volksspielen mit Erwachsenen und Kindern. Alles folgte dem Entschluss, durch Vergemeinschaftung des Erlebens, die Zugehörigkeit zu einer Kulturgemeinschaft herzustellen.

 

Monte Verità, Gusto Gräser und Muck-Lamberty

Wenn dann die heil`ge Stunde die Menschen das Kalte des Tages hat vergessen lassen, schreibt am 19. September 1920 Walter Kotschnig im Grazer Tagblatt, spricht Muck-Lamberty zu den Menschen über die Verflachung der Zeit und Systematisierung des Menschen. Welche Ideen leiteten ihn hier? Im Februar 1919 fragt er in der Zeitschrift Freideutsche Jugend:

"Wo sind die jungen Prediger, die erkennen,
dass ein Volk gesunden will aus den teuflischen Tagen der Technik, der Zahlen und der Kasten ....".

Diesen kritischen Blick auf den technischen Fortschritt teilt er mit Protagonisten des Monte Verità. War Muck vielleicht auf dem Berg der Wahrheit? Möglich, antwortet Hermann Müller (2011), nur wir können es nicht wissen.

Im Herbst 1900 gründeten die Pianistin Ida Hofmann, der Industriellensohn Henri Oedenkoven, die Brüder Karl

Gusto Gräser

auf dem Berg der Wahrheit am Schweizer Ufer des Lago Maggiore die Vegetabile Cooperative.

Ascona (2008)

1904 lässt sich hier der Arzt und Anarchist Raphael Friedberg nieder. Lotte Hellemer, Chaim Weizmann, Fürst Kropotkin, Michael Bakunin, Käthe Kruse oder der Zürcher Armenarzt Fritz Brupbacher fanden zum Monte Verità. Hermann Hesse, der von seiner Trunksucht loskommen wollte, zieht 1907 in Gräsers Felsengrotte bei Arcégno. Die Kommune pflanzte Gemüse, genoss die Freikörperkultur, tanzte mit Rudolf Laban und feierte mit Otto Gross die sexuelle Revolution. Sie erstreben die Symbiose mit der Natur, besonders mit dem Wald. An die Stelle der Berechenbarkeit der Welt setzten die Weltverbesserer ein spiritualistisches Naturverhältnis. In der Vegetabile Cooperatives sieht Erich Mühsam einen Zufluchtsort vor der gesellschaftlichen Verlogenheit und sehnt die "Republik der Heimatlosen, der Vertriebenen und des Lumpenproletariats" herbei.

"Das tiefere Motiv dieser Aussteiger ist aber, wie der Name der Gründung besagt, die Suche nach der Wahrheit. Nach einer Wahrheit, die ihnen die damalige, bürgerlich, autoritär und nationalistisch geprägte Gesellschaft nicht bieten konnte. Ein Ausgangspunkt für ihren Versuch war die radikale Lebensreform des Malers Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913)." (Müller 20.8.2013)

Robert Landmann erinnert 1930 in der Geschichte eines Berges mit Fotos nicht nur an Klabund, Fanny Gräfin zu Reventlov oder Gusto Gräser. Zu sehen sind ebenso Edmund Stinnes und der Exkronprinz [1234]. Das stösst Erich Mühsam, der von 1904 bis 1909 jeden Sommer in Ascona weilte, bitter auf. Denn fraglos waren die Gründer des vegetarischen Wahrheitstempels von hohen und ehrlichen Idealen durchweht. "Ihre Schwäche sah ich aber gerade in dem," protestiert der Philanthrop am 21. Juli 1930 im Berliner Tageblatt, "was ihnen Landmann als stärkstes Verdienst anrechnet, in der Fähigkeit, den praktischen Anforderungen des Tages stets auf Kosten ihrer Ideale Rechnung zu tragen.

Dieser Opportunismus
ist das Schicksal des Monte Verità."

Gehen wir einen Trauerschoppen trinken, schlägt der Kämpfer für Max Hölz (1926) und die Freiheit des Schrifttums (1931) vor, um unsere Jugendliebe zu beerdigen.

 


Gusto Gräser (1879-1958), eigentlich Gustav Gräser, geboren am 16. Februar 1879 in Kronstadt,
inspiriert nach
dem Ersten Weltkrieg die Vagabunden-Bewegung (Gregor Gog), die deutsche Gandhi-Bewegung (Willy Ackermann), die Christ-Sozialisten mit (Max Schulze-Sölde), die Landkommune Grünhorst (Gertrud Gräser) und die Neue Schar um Friedrich Muck-Lamberty.

Bild: Sammlung Hermann Müller, Deutsches Monte Verita Archiv, Freudenstein

Wenn wir auch nicht wissen, ob Muck auf dem Monte Verità weilte, sicher ist doch, dass er über den ehemaligen Bewohner der Felsengrotte bei Arcégno an der Schule der Lebenskunst partizipierte. Hierzu schrieb 2011 Hermann Müller: "In seinen Briefen und Flugschriften zitiert er immer wieder die Gedichte des Freundes, oft ohne dessen Namen zu nennen. So auch im Aufruf An die lebendigen Prediger, wiedergegeben von Adam Ritzhaupt (21): Die in Glaubensnot Drängenden haben nichts gemein … mit den Schleichenden, die die Welt dem Gesindel überlassen, die Erde, wo die Mutter mit dem Kinde wohnt, die Erde voller Himmel."

Im Juli 1920 hält Muck im Volkshaus zu Jena einen aufsehenerrenden Vortrag über die Revolution der Seele. Seine Ankündigung schmückte der Vers von Gusto Gräser:

Bursche, lass was flattern, wehen,Tut mir doch nit so gesetzt!
Bissel stürmisch muss es gehen,
Soll was Freudiges geschehen,
tut was, was die Leut entsetzt!
tut mir nit so vereist!
Glut ist Geist!

Auch anderen Publikationen stelte er ein Gedicht von Gräser voran. So ziert das Flugblatt An die lebendigen ein Prediger von 1918 Gräsers Fünfstern. "Deutlicher konnte", nach Auffassung von Hermann Müller (20.8.2013), "Muck sich nicht bekennen."

Der Einfluss von Gräser auf Muck ist deutlich erkennbar. Beide wollten die Gesellschaft verändern und traten als Propheten auf. In verschiedener Weise und im unterschiedlichen Masse (!) wollten sie das Bürgerliche hinter sich lassen. Beide nahmen grosse Teile der Öffentlichkeit als Gefahr für die bürgerliche Moral wahr.

Gusto Gräser flüchtete vor der modernen Zivilisation und ihrer Sklaverei. Seit 1907 trat er in deutschen Grossstädten mit Reden, Gedichten und Tänzen auf. Kleidung, Geruch, die langen Haare und Locken, der Bart, das blasse Gesicht und die Stirn mit griechischer Siegerbinde fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk. Hohn und Spott goss man über den "Seltenen" und "Einzigartigen" aus. Keiner musste, schreibt Willo Rall (1888-1960) im November 1921 im Zwiespruch, soviel unter dem deutschen "Polizeispiesserunverstand in seiner blöden Angst vor der Staatsgefährlichkeit" ertragen und leiden wie er.

Der "überragende schöpferische Kopf" (Hermann Müller) der Monte-Verità-Gemeinschaft musste sich im Juni 1912 vor dem Schöffengericht in Leipzig wegen groben Unfugs und Widerstand gegen die Staatsgewalt verantworten. Er hatte in der Stadt Flugschriften verteilt und dabei durch "mangelhafte Kleidung" öffentlichen Ärger erregt. 20 Mark Geldstrafe und vier Tage Gefängnis, lautete das Urteil. Gegen die Ausweisung des Naturdichters aus Sachsen protestierten unter anderen Gerhart Hauptmann, Ferdinand Avenarius, Max Klinger, Hans Thoma, Friedrich Naumann und Arno Holz.

 

Lisa Tetzner

Friedrich Muck-Lamberty und Lisa Tetzner kannten einander gut. Erinnert sei an ihren Aufsatz Selbstlose Brüderlichkeit, Noch ein Wort zu Muck-Lamberty und der neuen Schar aus dem Jahr 1921. Ob sie miteinander befreundet waren, ist nicht gewiss.

Im schweren Jahr 1918 zog Lisa Tetzner als Märchenerzählerin durch Thüringen. Völlig unvorbereitet ist sie nicht. An der Schauspielschule von Max Reinhardt besuchte sie Kurse zur Sprecherziehung und Stimmbildung. "Wir alle haben viel Freude an der Kunst Ihrer Tochter", schreibt Eugen Diederichs am 6. April 1918 an ihren Vater, wohl wisssend, dass sie mit der Märchenwanderung nicht auf einen grünen Zweig kommen konnte. Doch, tröstet er ihn: "Man muss erst mal an einer Stelle anfangen."

Vor ihrem Eintreffen bei den Kindern verständigte sich Lisa Tetzner (*1894) mit der jeweiligen Schulleitung über den Termin und Ablauf. Als die Kinder davon hörten, wurden sie ungeduldig und erwarteten sie sehnsüchtig. Manchmal in großen Sälen. Aber am Schönsten war es, wenn alle zusammen unter der kleinen Dorflinde oder am Waldesrand den alten Märchen lauschten. "So brachte Lisa Tetzner ein kleines Stück Freude in die Dörfer und Städtchen Thüringens und überall wurde sie gebeten, bald wieder zu kommen." Im Jahr darauf kehrte sie im Auftrag der Volkshochschule zurück. Erneut schaute sie in die freudigen Kinderaugen. Sodann fragt 1921 der "Bezirksbote" von Bruck (Niederösterreich), ob dies nicht ein Beispiel für Andere sein könnte. Die Neue Schar und Muck gingen schon 1 9 2 0 diesen Schritt. Wie die Märchenerzählerin wandten sie sich besonders den Kindern zu, suchten neue Formen der menschlichen Begegnung, humanisierten mit Musik, Tanz und Spiel das Leben im öffentlichen Raum.

Und wie war die Reaktion der Kinder? Zwei Frauen (siehe Sauermilch 1920) unterhalten sich Ende September 1920 in Eisenach über die Wirkung des Märchenerzählens auf ihre Schützlinge:

"Na, meiner, der ist ordentlich lebhaft geworden. Da ham se`n im Herbst-Zeugnis geschrieben: `sein mündlicher Ausdruck ist mangelhaft`. Freilich von der Schule erzählt der Junge nie was.

Sie missten aber mal heer, wie scheen er die Märchen, die sein da unten erzählt ham, wieder herschwätzt.

Wenn se nur mehr anhätten; bei das kalte Wetter müssen se ja das Reissen krieg."

 

 

 

Georg Stammler,
eigentlich Ernst Emanuel Krauss, geboren am 28. Februar 1872 in Stammheim

Seit 1898 als
Schriftsteller tätig.

1899 gründet
den Wir-Verlag.

Schriftführer im Verein zur Verbreitung guter Volksliteratur in Württemberg.

1909 Buchhändler in Wickersdorf

1910 Vortragsreisender.

1912 wohnte als Verleger in der Gartenstadt Hellerau:

Seit 1913 Dichternamen: Georg Stammler (eigentlich Ernst Emanuel Krauss)

Seit Kriegsende im thüringischen Mühlhausen, Beitrag zur Volkshochschule.

Seit 1924 Mitglied der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung. Etwa zur selben Zeit übernimmt der Urquelle Verlag von Erich Röth die Betreuung seiner Werke.

(Vgl. Justus H. Ulbricht 1988, 77 bis 140)

 

Georg Stammler

Muck nimmt von Georg Stammler, eigentlich Ernst Emanuel Krauss (1872-1948), gewisse Impulse und Ideen auf. Zum Beispiel prangte über der Nachricht vom 24. August 1920 zur Neuen Schar in der Freien Presse in Erfurt ein Zitat aus

Worte an eine Schar (1913).

Sein Verhältnis zu ihm kam, erzählt Harry Wilde (1965, 126), einem Glaubensbekenntnis gleich.

"Man kann nicht nebenbei geistig sein", lehrt Georg Stammler (1918, 129). "Denn Geistigkeit ist eine Umkehrung der Welt ex fundamento; ein Durchströmen und Ordnen der Dinge aus den Tiefen. Dafür genügt kein Zusatz von idealer Gesinnung, eine rauchselige Begeisterung, keine soziale und schöngeistige Betriebsamkeit am Feierabend. Dafür genügt nur die Kraft und die Leidenschaft eines Menschenlebens."

Die Zeitschrift Nation und Schrifttum stellt Georg Stammler als Rufer und Wegweiser einer Deutschheit vor, die Hitler politisch möglich gemacht hat, in eine Reihe mit Lagarde, Langbehn und Moeller van den Bruck. Seit 1924 war er Mitglied der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung. (Ulbricht 1988)

Thingplatz in Freyburg
an der Unstrut

(Das Foto ist wahrscheinlich zwischen 1930 und 1940 aufgenommen. Fotograf unbekannt.)

Auf der 1. Christrevolutionären Tagung vom 11. bis 14. Juni 1921 in Stuttgart unternimmt der völkische Schriftsteller den Versuch, die freideutsche Jugend und mit der Arbeiterjugend auszusöhnen. Beide sind füreinander bestimmt, so Stammler, nur das "…. Wertvolle an der freideutschen Jugend, ihre tiefe Innerlichkeit, muss ergänzt werden durch das stärkere Wollen der proletarischen Jugend. Beiderseitige Fehler müssen abgelegt werden. Hier der Dogmatismus, dort das ewige Steckenbleiben im Problematischen." (Tagungsbericht 360)

Beim ersten Führerlehrgang der Artamanen vom 17. Januar bis 7. Februar 1926 in Halle ist Georg Stammler als Referent dabei.

Muck unterhielt Kontakte zu den Artamanen. Zum Reichsthing am 21. Dezember 1929 in Freyburg an der Unstrut trifft er Stammler wieder.

 

 

Auf der Suche nach dem schönen Leben:

Der Zug der Neuen Schar durch Franken und Thüringen  nach oben
Kennzeichen blaues Fähnlein und Tuthorn - Tuuuut

Die Wanderung der Neuen Schar durch Franken und Thüringen beginnt im Juni 1920 in Kronach. Sie war ein wichtiges Ereignis der Jugendbewegung, von der Fritz Borinski (1977, 163) sagt: Sie war " …. eine eigne, einzigartige deutsche Erscheinung, die das Ausland mit Erstaunen wahrnahm." Nichtsdestoweniger auch mit Sorge, wähnte es doch im Kampf mit den Altnaturen, Geistlosen, Philistern, Kalten und Biermenschen etwas Unberechenbares. Nicht wenigen erschien die deutsche Jugendbewegung zu romantisch und zu idealistisch. So etwa trug es 1924 Niels Bohr (1885-1962) bei einer Wanderung durch die Insel Sjælland Werner Heisenberg (1901-1976) vor. Darin klingt Misstrauen an. Lag es daran, dass die Eichendorff´s Taugenichtse von einst, wie Ernst Jünger sagte, ihnen dann als Krieger wiederbegegneten (Safransky 2007, 329)?


Hartenstein

Die Neue Schar bricht von Kronach in Franken auf. Ihre Geschichte aber, beginnt in Hartenstein. Seit letztem Jahr begegnet man in dem kleinen Städtchen im Erzgebirge jederzeit den Wandervögeln, junge, gesunde Gestalten, in leicht zweckmäßiger Kleidung, barthäuptig und manchmal Barfuß. Nicht immer sind sie mit buntbebänderter Laute oder berußten Hordenpott auf dem Rücken auf Fahrt. (Vgl. Illing)

 

Ich hab` verloren meinen Schatz

 

Hier ist Grün und
das ist Grün

Hier ist Grün dort ist Grün
unter meinen Füßen
hab verloren meinen Schatz
werd ihn suchen müssen

Such ihn hier, such ihn dort
unter diesen allen
diese mit dem blauen Kleid
kann mir wohl gefallen

Dreh dich um dreh dich um
bist du´s oder bist du´s nicht
nein nein du bist es nicht
pack dich fort ich mag dich nicht

(Autor unbekannt)

 

An sanften Sommerabenden erklingen in den Gassen alte Volkslieder. Tagsüber spielen auf den Straßen und freien Plätzen Kinder, große und kleine Jungen drehen sich im Kreise und singen die Weisen aus dem Zupfgeigenhansel, dem Evangelium des Wandervogels (Manfred Schwarz). Vom Schulplatz dringen Volksweisen: Hier ist Grün und das ist Grün, Sechs hübsche Mädchen Mädel hier im Kreis oder Großvater will tanzen, in die Stadt. "Und an schulfreien Nachmittagen

ziehen Gruppen von Jungen
oder Mädeln mit Muck,

dem Kinderfreund, oder Fräulein Minna, oder Toni hinaus ins Freie, um am Waldesrand oder am Feldrain zu singen und zu spielen - freilich oftmals, ohne vorher die Erlaubnis des Grundstückbesitzers einzuholen." (Illgen)

Bis Juni 1918 unterhielt der Wandervogel in Oranienburg eine Bundeskanzlei. Friedrich Emil Krauß (1895-1977), der die Nation 1935 mit der Waschmaschine Turna 25 und die Wäscheschleuder Zenti beglückt, erhält von der Bundesleitung den Auftrag, die Bundesgeschäftsstelle in Oranienburg zu reorganisieren. Auf seine Anregung wird sie im Juni 1918 nach Hartenstein verlegt.

Krauß heiratet Käthe Gertrud Mäschel. Den Polterabend am 4. Oktober 1919 feiern mit ihnen Lotte und Friedrich von Plessenberg, Otto Steckhan (1898-1968), Suse Rudolphi, Andreas Paul Weber (1893-1980), Toni Klander und Friedrich Muck-Lamberty. (Vgl. Schumacher / Dorsch)

In Hartenstein sollte eine Handwerkersiedlung, Buchhandlung, Leihbücherei, ein Lichtbildamt und ein Verlag entstehen. (Ulbricht 1988, 84) Vorderhand mietet die Bundesleitung im Rathaus, was sich bald als zu klein erweist, ein Zimmer an. Daraufhin erwirbt der Wandervogel mit finanzieller Hilfe von Emil Krauß an der unteren Marktseite für die Geschäftsstelle ein Haus. Hier arbeiten 24 Angestellte für ein Karten- und Lichtbildamt, Arbeitsamt für neudeutsches Siedlungswesen, Bleibeamt und die Älterenvermittlung, sowie den Warenvertrieb und Zwiespruch-Verlag.

Hartenstein (Erzgebirge) Markt 8 mit dem Laden vom Wandervogel Das Haus brannte 1924 ab. ****

Die Wandervogel-Buchhandlung Hartenstein Sa. erfreut sich grösster Beliebtheit, verzeichnet über zwei bis drei Jahre hohe Umsätze. "Die bekanntesten Namen auf der Liste sind Eberhard König, Hans Blüher, Walter Flex und Burkhart Schomburg, aber auch Edmund Neuendorff, Wilhelm Stählin und Frank Fischer." (Ulbricht 1988, 84) Sie vertreibt Bücher, Wander- und Sportartikel und für etwa 22 500 Bezieher die illustrierte Monatsschrift für Deutsches Jugendwandern Wandervogel. Das Geschäft prosperiert, bis es unnötige Experimente destabilisieren. 1922 muss die Geschäftsstelle aufgelöst werden. Julius Gross (1892-1986) rettet das Wandervogel-Lichtbildamt, wandert mit ihm nach Berlin und war fortan sein Privatbetrieb. (Mogge 1986, 14)

Erich Matthes (1888-1970) siedelt von Leipzig über in die Fürstlich Schönburgische Residenzstadt Hartenstein. Friedrich Muck-Lamberty, so erzählt es der Verleger 1962, arbeitet hier ab September 1919 bei ihm in der Verlagsbuchhandlung Matthes & Trost als Packer. Hartenstein wird für ihn ein Ort des Experimentierens, Lernens und der Inspiration.

"Eine Handwerkersiedlung bildete sich, speziell von Schuhmachern, Schneidern, Drechslern und Holzschnitzern." (Geissler 1970, 10) Bei einem alten Meister, heisst es oft, lernte Muck das Drechslerhandwerk. Doch Nachrichten aus dem Jahr 1919 kann man entnehmen, dass er bereits bei Erich Martin in Glüsingen (Kreis Lüneburg) Leuchter und anderes drechselte.

 

Am 14. Mai 1920 brach Friedrich Muck-Lamberty von Hartenstein nach Kronach auf.

 

 

Kronach 17. bis 26. Mai 1920

Kronach in Franken
mit Veste
Rosenberg (etwa 1955)

Foto und Verlag Joseph Hospe,
Staffelstein, gegründet 1898

Auf dem ersten Nachkriegstreffen 1919 in Koburg drohte der Wandervogel e.V. endgültig unterzugehen. Die Jüngeren und die Feldgeneration hatten sich über die Kriegszeit hinweg auseinandergelebt. "Die knabenhaften Führer, die im Krieg in die Bresche sprangen," rekonstruiert Else Frobenius 1927 (258, 259), "sind selbstbewusst und selbstsicher geworden." Nur durch die Geschicklichkeit der Tagungsleitung konnte der Zerfall vermieden werden. Die Alten kehren dem Verein den Rücken und gründen den Bund der alten Wandervögel e.V. (Kronachbund). Arbeiter sind darin kaum vertreten. Als Sprecher wird Otto Schönfelder (1893-1944) gewählt. Ein Programm gab es zunächst nicht. Aber sie editieren eine Zeitschrift heraus, fördern das Laien- und Puppenspiel, die Volkstanz- und Volksliedbewegung.

Pfingsten 1920 feiern alte Freunde und Bekannte aus dem Wandervogel in der Geburtsstadt von Lucas Cranach d. Ä. ihr Wiedersehen. Viele opferten sich im Krieg. Das war ganz im Sinne des Wandervogel-Bundestag im Juni 1916 in Naumburg (Saale). 1 200 Delegierte begrüssten freudig alle Bestrebungen, die dahin zielen, die "körperlichen und seelischen Kräfte der deutschen Jugend zu erwecken und zu steigern, um diese in wirksamer Weise auf den künftigen Soldatenberuf vorzubereiten." (Fischer 1916)

Dafür zahlte die Bewegung einen hohen Blutzoll: von 12 000 Wandervogelführern, die Kriegsteilnehmer waren, kehrten 7 000 nicht zurück (Jantzen 1957).

Ergreifende Szenen spielten sich beim Wiedersehen in Kronach ab. "Wir hatten .… bei der Einfahrt des Zuges in Kronach alle singen und jubeln wollen", notiert später ein Teilnehmer (KH 133), "aber als wir nun da waren, da blieben wir still und sahen nur mit großen Augen die Hunderte und aber Hunderte, die auf dem Bahnsteig standen, und die frohen Gesichter all derer, die vor dem Bahnhof uns erwarteten. Das war ein Gerufe und ein Jubeln! Da begrüßten sich zwei, die lange Jahre im Felde zusammen Leid und Freud durchkostet hatten, da einige, die zusammen in der Gefangenschaft vom deutschen Wandervogel gesprochen und sich nach ihm gesehnt hatten, dort drüben grüßte einer den anderen:

Mensch, dich kenn ich doch vom Hohen Meissner! [1913]

- und wieder ein anderer hatte mit einem Freunde, den er hier wieder sah, in den belgischen Ardennen eine Nacht Angst vor den Wölfen gehabt. Sie alle trafen sich hier in Kronach, alle waren noch und wollten bleiben, was sie gewesen waren: Wandervögel!"

 

Friedrich Muck-Lamberty (links)
1920 in Kronach

Einige Tage vor Beginn des Festes traf Muck in Kronach ein. Im Gesellenhaus der Stadt tagt das Organisationskomitee. Es bespricht und diskutiert die Vorhaben für die Festtage vom 22. bis 24. Mai. Zum Führungskreis gehören Emil Engelhardt, Walter Fischer und Dankwart Gerlach. "Vorerst begrüsste der Leiter Dietz aus Hartenstein (Erzgebirge) die Kronacher." Dietz? Karl Dietz, Jahrgang 1890, Mitglied des Wandervogels und Gründer des Greifenverlages.

Es sprach, laut Fränkische Wald, auch ein Handwerker aus Hartenstein (Erzgebirge) mit Namen Friedrich Muck-Lamberty zum Thema:

Revolution der Seele
oder Empörung der Jugend
.

Bereits hier wirft Muck die Themen auf, die dann bei der Wanderung durch Franken und Thüringen so dominant. Das Fest beginnt am Sonnabend 7.30 Uhr auf dem Kirchplatz mit der Begrüssung durch die Stadtoffiziellen. Es folgen musikalische Darbietungen. Abends trifft man sich im Scharfen Eck zum Begrüßungsabend.

Pfingstsonntag folgen Verhandlungen auf der Veste Rosenberg. Der nächste Tag gehört den aus dem Krieg heimgekehrten Wandervögeln.

 

.... so tun sie das zusammen, jawohl, tun das zusammen

Kronach Schlosshof (Postkarte)

Harry Wilde (1899-1978) wollte Pfingsten 1920 den Berg der Wahrheit sehen, kam aber nur bis Kronach. "Am Anschluss des Treffens sass eine Anzahl Gleichgesinnter, die es ebensowenig wie ich eilig hatten, wieder nach Haus zu kommen, im Schlosshof unter einer Linde (hoffentlich war es keine Eiche oder Buche). Es dämmerte schon, als plötzlich aus der Runde ein Mann aufstand und eine Ansprache hielt. Viele kannten ihn und wussten seinen Spitznamen: Muck. Er sagte, er hätte die Absicht, mit einer neuen Schar durch Thüringen zu ziehen und gegen die modernen Sitten aufzutreten, also gegen den american style, den Foxtrott, den er Trottelfox nannte, das Zigarettenrauchen und die hemmungslose Genusssucht. Wer der gleichen Meinung sei und mit ihm ziehen wolle, solle sein Geld in die Zeltbahn werfen, die ausgebreitet vor ihm lag, denn unterwegs werde man aus einem Kochtopf essen. Das war nichts Neues. Die Wandervögel, zu denen ich schon als Küken gestossen war, hat seit jeher eine Gemeinschaft gebildet und aus einer Kasse gelebt. "Der Kampf gegen Trottelfox und Jimmy-Schuhe war ihm gleichgültig. "Mich reizte nur das Abenteuer", entsann sich Harry Wilde 1965 (116).

"Auf der Kronacher Tagung", rekonstruierte 1921 Lisa Tetzner den Aufbruch der Neuen Schar, "fand sich nach zweimaligen vergeblichen leidenschaftlichen Aufrufen Mucks, die Menschen aufzurütteln und der Not der Zeit abzuhelfen, zögernd ein sehr kleines Häuflein auf seiner Seite. Und diese wenigen standen mehr aus Freundschaft zu dem Mann, den sie mit all seinen Licht- und Schattenseiten kannten. Es war ihnen klar, dass er allein scheitern würde, ohne eine Stütze im Rücken zu haben."

So warfen dann der Schumacher, Tischler, Drechsler, Schlosser, Maler, Mechaniker, Handelsgehilfe, die Näherin, Gärtnerin, Gehilfin und Kindererzieherin ihr Geld auf eine Zeltplane. Die Einen konnten nur wenig geben. Andere spendeten einen Monatslohn. Das war die Neue Schar, "die all ihr Hab und Gut zusammen taten und von da ab streng kommunistisch lebten" (Tetzner 1921). Ein älterer Bauer hörte Muck im Juli 1920 in der St. Johanniskirche von Saalfeld predigen. Am Tag darauf begegnete er zufällig Lisa Tetzner (1923, 114) und erzählt ihr:

"Wenn einer Geld hat, so tun sie das zusammen, jawohl, tun das zusammen, wie die Spartakisten das auch wollen, ja."

Muck steuerte einiges von seiner persönliche Habe bei. "Er schuftete", erfuhr Gisella Selden-Goth (1920), "so den ganzen [letzten] Winter hindurch und sparte den Lohn der Überstunden bis zum letzten Pfennig zusammen, weil er wusste das heute auch der Apostel sich nicht allein auf Ihn, der die Lilien kleidet, verlassen könne."

Er, erzählt 1920 von Stechow, "....hat vergangenen Winter 16 Stunden gearbeitet, um diesem Sommer mit dem Ersparten seine Ziele zu verfolgen."

 

Der romantische Blick

Verheerende Zustände herrschen in Europa. Unzählige ruhen in den Kriegsgräbern. Erschüttert und ohne Hoffnung die Überlebenden. Brot und Kohle gab es nur auf Karten. Grenzpfähle wandern umher. Der deutsche Kaiser exiliert, ein Trauma für ein Volk, das, wie es Vizekanzler a. D. Arthur von Posadowsky-Wehner (Naumburg) 1913 im Interview mit der Daily Mail charakterisierte, monarchistisch bis auf die Knochen. "Die Dinge hatten wieder einmal des Menschen Seele erfasst", raunt im Februar 1919 Muck-Lamberty in der Freideutschen Jugend. "Die jungen Menschen litten darunter .... und fanden keinen Ausweg in den Predigten der Priester und Pfaffen. Auch die Geistigen im Lande waren von den starren Dingen erfasst". Es war alles schwer auszuhalten. "Erschüttert vom Kriege, verzweifelt durch Not und Hunger," erzählt Hermann Hesse in Morgenlandfahrt (1932), "tief enttäuscht durch die anscheinende Nutzlosigkeit all der geleisteten Opfer an Blut und Gut, war unser Volk damals manchen Hirngespinsten, aber auch manchen echten Erhebungen der Seele zugänglich ...."

Denn wie es war, so konnte es nicht bleiben. Die alte Gesellschaft war gescheitert und drohte die Jugend mit in den Abgrund zu reissen. Lambertys Schar wollte weiterleben. Irgendwie mussten sie mit dem Leben fertigwerden. Woher, woraus sollten sie nur Mut, Kraft und Ausdauer schöpfen? Ein realistischer Blick stürzte sie womöglich in den Bilanzsuizid. Was sollten sie tun? Im fröhlichen Spiel konnten sie Kraft schöpfen. Aus dem gemeinsamen Gesang Elan. Tanz rief ihre Fähigkeiten zur Kooperation wach. Wandern erweiterte ihre Lebenswelt. Sie erlebten im Zusammenspiel von Natur und Seele das Phänomen der Regeneration. Die schöpferische Kraft der Natur zog sie an und ahmten sie mehr unbewusst nach. Sie waren Jung und spürten das Emporwachsen. Ihre Sinne und Empfindungen waren geschärft durch ihren Auftrag als junge lebendige Prediger, den Muck erteilte:

"Gehet in die Wälder und
rufet die Gottsuchenden."

".... gehet hinein in das Volk, in den Volksdom,
haltet den Gottesfunken hoch über das tägliche."

Empört euch gegen die Ungerechtigkeit.

Führt den Kampf der Jungen gegen die Alten.

"... verdammet die Gemeinheit, die Hurerei,
das Saufen, ..... die Zinswirtschaft.

Verdammt die
gierige Sucht nach Geld und Gelten,
die Lust zum Fressen, die Habsucht.

Scheut Euch nicht,
herbe Worte zu sagen." Friedrich Muck-Lamberty: Den jungen lebendigen Predigern, 1919

Die Erschütterung durch das Schauspiel der Natur bot ihnen das Gleichnis zum sozialen Leben: Entwicklung war möglich, man konnte sie sehen und greifen. So entsprang aus der Leidenschaft für die Natur die Hoffnung auf Gestaltbarkeit ihres Lebens. Ihr romantischer Blick verzauberte die Welt. Bald verschwanden aus den Köpfen die Bilder von den Kriegstoten und vom Wohnungselend. Schon schimmerte am Horizont die Zukunft einer modernen Lebensweise. Reformpädagogik, Freikörperkultur und Lebensreformbewegung boten ihre Hilfe an. "Alles war verzaubert", beschreibt 1975 (51) Schriftsteller Franz Hammer (1908-1985) sein Erlebnis mit der Neuen Schar in Eisenach. "Es schien keine Not, keine Kämpfe mehr zwischen den Menschen zu geben. Hand in Hand schritten sie im Kreise, blieben paarweise stehen, um mit der oder dem zufällig Erwählten zu tanzen und zu singen:

Schüttel die, Schüttel die Büx, nicht so lange,
nicht so fix -
siehst du wohl, so geit dat an,
darum freut sich jedermann!

 

Im Widerstreit mit den Kalten und Philistern

Der romantische Blick half der Neuen Schar, Kräfte für den Kampf der Jungen gegen die Alten zu mobilisieren. Doch ihr Weg führte durch das

….. Land, wo die Philister thronen,
Die Krämer fahren und das Grün verstauben,
Die Liebe selber altklug feilscht mit Hauben -
Herr Gott, wie lange willst du die Brut verschonen!
(Eichendorff Der Wegelagerer)

Die Spiel & Tanz Company verschont sie nicht. Abhold dem kläglichen Alltag, angewidert vom Kommerz, peinlich der Luxus, geplagt von der Sehnsucht nach Einfachheit und abgestossen von der bürgerlichen Berufstour: Das Mass ist voll! Es bestand die Gefahr der "Depotenzierung des Lebens", rafft es Muck-Lamberty am 9. September 1920 in Gotha, zur Kapuzinerpredigt zusammen. Jetzt scheint die Zeit gekommen, um den Durst nach Gerechtigkeit zu stillen. Mit Klampfe und Geige rückte die Neue Schar den Philistern und Kalten auf den Leib. Beim Reigentanz, Spielen und Märchenerzählen bieten sie ihnen die Stirn. Hinter jeder Wegbiegung lauerte die Blamage. Keiner wusste wie es ausgehen würde, waren die Philister doch in der Überzahl.

"Ja, Frau Nachbarn, die Neue Schar! Was das wieder kostet! Woher die nur das Geld ham meegen? Und das Rumgespring!?" (Eisenacher Zeitung 30.9.1920)

Sie wagen es. Nicht für Trachtenfeste, sondern für das "Eigenrecht auf Leben" (Muck) und die Freiheit, worunter sie "die Fähigkeit und das Recht, nach der eigenen Überzeugung zu leben" (Avenarius 1920) verstanden, wollen sie streiten. Die jungen lebendigen Prediger machen sich auf den Weg. "Ich sagte ja schon, daß wir bald nur als kleine Gruppe marschierten, bald eine Schar oder gar ein Heer bildeten, zuweilen blieb ich aber auch nur mit einem einzigen Kameraden, oder auch ganz allein, in irgendeiner Gegend ....

Wir zogen nach Morgenland ...." Hermann Hesse: Morgenlandfahrt; 1932

 

Hunger nach Gerechtigkeit

Rüdiger Safransky (2007, 335) sieht im Thüringer Sommer 1920 "die völkische Jugendbewegung auf dem Marsch mit Klampfe und in selbstgewirkten weichen und wallenden Gewändern." Bei Muck und den Seinen kommt "alles sehr friedlich daher". Versöhnlich und verträglich schon, nicht aber unkritisch. Obwohl gut erkennbar, wurde die antikapitalistische Attitüde der Neuen Schar öfters übersehen. Schon im Vorwort zum Kleiderkatalog (1914) von Hans Eklöh (Lüdenscheid) klang sie an, als Muck und sein Freund Peters die Entdeckung machen: Dem Kapitalismus fehlt der "Zusammenschluss der in Betracht kommenden Gesamtheit." Unter der Überschrift Was können wir tun? beklagen sie die "Schädlichkeit der Reklame" und stellen die "dumpfe(n) Gewohnheit des nur umsetzenden Kaufmanns" bloss. An die jungen lebendigen Prediger (82/83) sendet Muck im Februar 1919 die Botschaft:

"Der Kampf hier unten soll jetzt wieder heissen:
Empörung gegen die Ungerechtigkeit, empor zu Gott."

 
Wanderbuch von Friedrich Muck-Lamberty
 
Quelle: Archiv der Leuchtenburg (bei Kahla)
 
 

In seinem Wanderbuch formuliert er den Auftrag der Neuen Schar:

Sammlung aller jungen ehrlichen Menschen und Kampf für die Volksgemeinschaft gegen alles Gemeine, gegen Ausbeutung.

Die ausgestellte moralische Selbstermächtigung genügt dem, was Alexander Rüstow (1886-1963) 1920 in der Freideutsche[n] Jugend (194, 195) als das Recht und die Pflicht für die Jugendbewegung einfordert,

gegen den Oberbau der Gesellschaft zu kämpfen.

Denn "Die Ueberwindung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung erzeugt noch nicht die Geistigkeit, sondern macht ihr nur den Weg frei." Deshalb muss sich eine "einheitliche Kampffront der Jugendbewegung" "gegen die bürgerliche Kultur des Kapitalismus in allen ihren Erscheinungen" richten.

Getrieben von etwas Abenteuerlust, der Sehnsucht nach Unabhängigkeit und dem selbstbestimmten Leben experimentiert die Neue Schar mit neuen Formen der Geselligkeit. In den Dörfern und Städten verteilt sie Flugblätter auf den geschrieben steht:

"Nicht buhlen mit den tollen Moden und Geldmachen, nicht Kreuzbuckeln mit den dummen Sitten und Lackmenschen, die keine recht Art mehr kennen."

Die Muck Lackmenschen nannte, führte Heinrich Heine im Prolog zur Harzreise (1824) als die Glatten vor. Nächstens, wenn die Schar loszieht, rufen sie vielleicht:

Lebet wohl, ihr glatten Säle!
Glatte Herren, glatte Frauen.
(Heine)

 

Unparteiisch wollten sie sein

Bald musiziert, singt, tanzt und spielt die Neue Schar mit den Kindern und Erwachsenen. Dabei wollen sie einander verstehen, mit dem Herzen sprechen und dem Schwingen der Seele lauschen. Doch erst im März (1920) tobten hier, ausgelöst durch den Kapp-Lüttwitz Putsch, schwere bürgerkriegsähnliche Kämpfe. Für die Einen war es der Widerstand gegen die Gestrigen, den Anderen Pflicht zur Abwehr des Bolschewismus. "Kommen wir in einem Ort," notierte Willi Wismann aus eigenem Erleben als Mitlgied der Neuen Schar im August 1920, "dann begegnet man uns zunächst mit Misstrauen: Spartakisten! Bolschewisten! Die Menschen stecken ja leider zu tief in ihrem Parteienhass drin, als dass sie es verstehen könnten, wenn einmal Menschen weder rechts noch links stehen, sondern nur schlecht und recht mit beiden Füssen auf dem Erdboden." - Wie sollten sich die Gruppe und Muck dazu verhalten? Sie beschlossen überparteiisch zu sein. Wohl war dies im strengen Sinne des Wortes nicht möglich, aber es kündet von ihrer Absicht, die Bürger versöhnen zu wollen.

 

Aufbruch

Es "gab bacchantische Tanzgemeinden und wiedertäuferische Kampfgruppen, es gab dies und jenes, was nach dem Jenseits und nach dem Wunder hinzuweisen schien ....", erzählt Hermann Hesse in Morgenlandfahrt (1932). Nun wandert der lustige Haufen von Ende Mai bis in den frühen Herbst 1920 von Kronach, über Coburg, Sonneberg, Rudolstadt, Saalfeld, Pössneck, Kahla, Jena, Blankenhain, Weimar, Erfurt, Gotha, Friedrichroda nach Eisenach. Es sind die jungen lebendigen Prediger:

"Sie Saufen nicht,
sie huren nicht,
sie haben ein heiliges Müssen,
das sie lenkt
und an deren ein Vorbild ist." Muck: An die jungen lebendigen Prediger, 1919

Seit Pfingsten "ziehen wir durchs Thüringer Land", teilt Willi Wisman 1920 in Heft 15 der Zeitschrift Junge Menschen mit. "Überall rufen wir die Jugend - und dazu gehören auch junggebliebene Greise - zum Kampf auf,

zum Kampf gegen Gemeinheit und Schund,
zum Kampf für die Befreiung des Menschen im Menschen von den Fesseln,

Wanderroute der
Neuen Schar

die Parteihass und Standesdünkel um ihn geschlagen haben. So werben wir für die werdende Volksgemeinschaft." Oder wie das Saalfelder Kreisblatt am 11. Juli 1920 schreibt: "Dass sie dabei scharfen Kampf gegen allen Schund und alles Minderwertige in Theater, Literatur usw. führt, ist zu begrüssen."

Über Erfurt und Weimar findet im Herbst 1920 die Gruppe zurück zur Leuchtenburg bei Kahla.

Über die Neue Schar berichten die Tageszeitungen in Berlin, Coburg, Eisenach, Erfurt, Friedrichroda, Gotha, Graz, Jena, Kronach, Linz, Prag, Rudolstadt, Saalfeld, Sonneberg, Weimar und Wien. In Junge Menschen (Hamburg), Ethische Kultur (Berlin), Die Eiche (Berlin), Der Zwiespruch (Rudolstadt), Die Tat (Jena) oder der Jugend (München) analysierte und kommentierte man ihr Engagement.

 

Weidhausen, 31. Mai bis 1. Juni

"In Weidhausen haben wir unter der Linde mit den Burschen und Mädchen gespielt", vertraut Muck seinem Wanderbuch an.

 

Anfangs zählte die Gruppe etwa fünfzehn Burschen und zehn Mädchen. Zeitweise schliessen sich ihre weitere Jugendliche an, darunter nicht wenige Mädchen. Zwischen Saalfeld und Pössneck stossen die Märchenerzählerin Lisa Tetzner und ihr späterer Ehemann Kurt Kläber (Die rote Zora und ihre Bande, 1941) dazu. Gusto Gräser wanderte wahrscheinlich ab Jena mit. Besonders während der Schulferien wuchs die Gruppe an. Es war ein

"Sturm der sich entfesselte"

und "mit unwiderstehlicher Gewalt durch Thüringen fegte", erinnert sich Otto Rudolf Wiemer 1976 im Thüringer Heimatkalender.

"Diese kleine Schar wuchs von Ort zu Ort. Sie wuchs nicht nur äußerlich an Zahl," notiert Lisa Tetzner 1921 in Selbstlose Brüderlichkeit, "sie wuchs innerlich zu einer Gemeinschaft, zu einer Welt- und Lebensanschauung, eine Verbrüderung, die eine innere Frucht ihrer Tat nach außen wurde."


Silhouette von Gusto Gräser mit dem Zeichen von Muck


Quelle: Müller 5. Januar 2012


Oft schläft der Tross im Wald. Vor der Nachtruhe lesen sie am Lagerfeuer Gedichte. Oder Gusto Gräser spricht zu ihnen.

"Dort sass er", erinnert sich 1963 (126) Harry Schulze Wilde, "am Feuer und rezitierte einige seiner Gedichte, und als Abschluss stiess er einen merkwürdigen Schrei aus, eher ein Stöhnen, dem Brunstschrei eines Hirsches gleich. Grossvater, wie wir einen Jungen aus der Schar riefen, weil er trotz seiner Jugend so bedächtig war, wandte sich mir zu und sagte: Das war ungeheuer! Aber das sollte beileibe keine Kritik sein, sondern Ausdruck restloser Bewunderung."

Am späten Abend

tritt die Gruppe zum Thing

zusammen, erzählt Lisa Tetzner 1923 (45). Dieser "heiligt den Tag. Muck steht unter einem Baum auf der Höhe und bläst mit seinem Horn die Schar zusammen. Die untergehende Sonne beleuchtet ihn. Er sieht aus wie ein längst verschollener Wikinger, der auferstand. Blond und deutsch, mit männlicher Entschlossenheit.

Die Schar folgt dem Ruf ernst und voller Würde. So setzen sich im Halbkreis um ihren Führer und legen langsam zögernd ihre einzelnen Beichten, Wünsche und Klagen ab.

....

Harry gesteht, dass er Fleisch gegessen hätte, weil er seinem Gelüst nicht widerstehen konnte. ...

Otto bittet, heute Nacht allein schlafen zu dürfen ....

Einer gesteht, seit den letzten Tagen nicht mehr mit ganzer Seele mitzuschwingen und bittet um Hilfe und Stärkung.

Dann sprechen sie gegenseitig über Fehler und Irrtümer."

"Ich habe noch nie", schliesst Lisa Tetzner, "in einer Gemeinschaft Menschen soviel innere Vornehmheit und Adel gefunden den Schwächen der anderen gegenüber."

 

 

… Auf den Akarden in Koburg, 5. bis etwa 9. Juni

"Die Wandervögel sind da", kündigt die Coburger Zeitung Lambertys Schar am 5. Juni 1920 in der ehemaligen Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha an. "Muck zeigt uns den Weg," verspricht die Gazette, "zum jugendgemäßen Sein und die Verderbtheit der heutigen Gesellschaft und Kultur."

"Auf dem freien Platz vor dem Theater liessen wir uns nieder und stellten unsere Töpfe auf und begannen abzukochen. Muck ging inzwischen in die Stadt, um Zettel drucken zu lassen", erzählt Harry Wilde 1965 (116, 117). Er war für die Zusammenarbeit mit der Presse zuständig. Vor dem Eintreffen in der Stadt erhielt die örtliche Zeitung Informationen über die Neue Schar. Die Pressenachrichten verschickte sie an hunderte Personen, darunter Gustav Wyneken, Eugen Diederichs, Walter Rathenau, Ernst Graf zu Reventlow, Walter Hammer oder Knud Ahlborn.

Die Kleinen sind für 5 Uhr nachmittags eingeladen. Wie es weiterging, erzählt Willi Wismann (1920, 77): "Unsere alten Volkslieder und Reigentänze lernen sie von uns, so dass die alten Weisen später aus jedem Haus heraustönen. Dann erzählen wir den Kindern noch Märchen und Sagen, mit denen Sehnsucht wieder in ihr Herz einzieht."

Coburg mit Veste
(um 1955)

Thüringisch-Fränkisches,
Reisebüro, Coburg

Gegen 8 Uhr abends kommen die grösseren Mädchen, Burschen und Junggebliebenen zu Tanzspielen an den Arkaden.

"In Koburg sass sogar eine leibhaftige Majestät mit am nächtlichen Feuer," worauf 1974 (17) Harry Schulze-Wilde hinweist, "genau gesagt sogar neben mir, und sie unterhielt sich huldvoll mit mir: der im Exil wohnende Zar Ferdinand von Bulgarien. Man tanzte um das Feuer, und wenn Muck das alte Nachtwächterlied zum Abschluss sang. Hört ihr Herren und lasst euch sagen … waren die meisten überzeugt, einem einmaligen Erlebnis beigewohnt zu haben."

 

Zeitnah instruiert Willi Wismann (1920, 77) die Leser der Monatsschrift Ethische Kultur (Berlin) über die Aktivitäten der Neuen Schar: "Abends rufen wir Jung und Alt zusammen. Wieder beginnen wir ganz einfach, indem wir ihnen unsere Volkstänze zeigen. Hunderte tanzen bald mit: rechts und links Gerichtete, arm und reich, nehmen sich zum Tanz bei der Hand. Haben wir sie soweit gebracht, dann öffnen sich ihre Herzen unseren Mahnworten. Wir reden zu ihnen von der Not unserer Zeit, und rufen die Jugend zur Empörung gegen die Gemeinheiten dieser Zeit auf. Bisweilen beschliessen wir unser Wirken im Orte mit einer grösseren Versammlung, mit Vortrag und Aussprache.

In Coburg
hatten wir nicht weniger als 1 000 Menschen

zusammen. Aus der Zuhörerschaft bilden sich dann kleine Kreise, die den Vorsatz fassen, in unserem Sinne als Stoßtrupp weiterzuwirken. So führen wir im Thüringer Land schon tausende von Menschen das von uns begonnene Werk bodenständig fort."

"Die Kinder kamen," erzählt 1965 (117) Harry Wilde, "von den Lehrern - wer wollte sich schon den Vorwurf aussetzen, seine Schule schlecht zu leiten?- zum Tanzplatz geführt, und am Nachmittag fanden sich Hunderte von Jugendlichen ein. Die Musikkappelle der Schar: eine Fiedel und einige Klampfen, spielten auf, und bald drehte sich alles im Kreise."

Über den Auftritt der Spiel- und Tanzcompanie berichtet die örtliche Zeitung: "Mit ungezwungener Fröhlichkeit ließen die Wandervögel [gemeint ist die Neue Schar] die echt deutschen Spiele und Lieder wieder aufleben. In einer beherzigenswerten Ansprache, in welcher der Führer u.a. auch das

gesundheitsschädliche Zigarettenrauchen
und die verwerflichste Schokoladennascherei

unserer Jugend hinwies - zwei Laster die unsere Valuta nicht unwesentlich verschlechtert haben - fordert er die anwesenden Gäste zu gemeinsamen Gesang unseres schönen Frankenliedes, des heiligen Veit von Staffelstein, auf." Jedoch war der Schreiber über die verhunzte Interpretation des Staffelbergliedes nicht erfreut, weil es eine "fade Leierei" und wegen der Stimmhöhe "eine schreckliche Schreierei" war, die nicht der ursprünglichen Singweise von Valentin Becker entsprach.

Am 7. Juni spricht Muck im grossen Saal der Aktienbierhalle. Am Tag darauf äussert ein Zuhörer in der Coburger Zeitung seine Eindrücke: "Das war eine Überraschung, ein Erlebnis. So etwas ganz Neues, wie es nur selten mit solcher Kraft und Fülle kritischen Ernstes an unser Ohr gelangt. Dieses Bekenntnis der Liebe zur Jugend, diese Sehnsucht und Gemeinschaft gleichgestimmter Seelen, dieses Verlangen nach Erneuerung, Verinnerlichung des deutschen Wesens - … Viele werden versucht sein, Muck einen Schwarmgeist, einen geistigen Kommunisten zu nennen. Aber, lasst ihn nur so, wie er ist."

"Von Coburg aus zogen wir", so Harry Wilde (1965, 122), "nordwärts nach der Spielzeugstadt Sonneberg, und von dort, vorbei an der Burg Lauenstein, wo der Kunsthistoriker Wilhelm U[h]de einige Tage unter uns weilte, nach Pössneck, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, das Saaletal abwärts."

 


Neustadt bei Coburg, 9. Juni

Der Altwandervogel aus Berlin-Friedrichswerda begibt sich auf Thüringenfahrt ins Schwarzatal, weiter über Katzhütte, Ernstthal, Lauscha, Sonneberg, nach Neustadt bei Coburg. Hier stiessen sie auf die Neue Schar, worüber 1970 Hans Pluta berichtet: "Uns fiel auf, dass in dem kleinen Flecken etwas los war. Man erzählte uns, dass auf dem Anger Muck mit seiner Schar .... ein Volksfest veranstaltete. Wir liefen auch dahin und wurden von Muck herzlich begrüsst. Wir brachten gute Musikanten mit, zwei Fiedler, einen mit der Klampfe und ich selbst mit der Basslaute. Die Lieder und Reigen waren uns meist bekannt, und mit den Kindern umzugehen und ihnen die Spiele und Reigen beizubringen, machte uns einen Bombenspass. Die Thüringer sind ein sangesfreudiges Volk; in Lauscha, einem kleinen Waldort, gab es viele Gesangsvereine. Trotzdem machte es Mühe, die aber durch die Aufnahmefreudigkeit und die Freude der Kinder reich belohnt wurde. Auch für die Erwachsenen war das Neue des Reigentanzes mit den lustigen Texten immer ein wichtiger Anziehungspunkt. Sie gaben uns freudigen Herzens Unterkunft und Verpflegung. Ich selber wohnte bei einer Kriegerwitwe mit ihrem kleinen Sohn, die von der Idee begeistert war."

 

.... auf den Spielwiesen im Wald bei Sonneberg, 12. bis 14. Juni

Sonneberger Zeitung, 12. Juni 1920 - Ankündigung eines Vortrags von Friedrich Muck-Lamberty am 13. Juni 1920 in Sonneberg *****

Alle jungen und jung gebliebenen Menschen lädt Muck für den 13. Juni 1920 in den Schießhaussaal der Stadt ein. "Lasst Parteiengeist und Dünkel daheim", so seine Empfehlung. Zum Auftakt spricht er über den

Zusammenbruch des Alten
- Empörung der Jugend
.

Tags darauf 7 Uhr abends trifft sich die Gruppe mit ihren Anhängern auf dem Marktplatz und zieht mit ihnen nach Wildenheid. Am nächsten Tag verlassen sie die Stadt.

Etwa 35 Kilometer mögen sie auf ihrer Wanderung von Sonneberg nach Steinach (16.6.), Scheibe (17./18.6.), Alsbach (21.6.) und Ernstthal (22.6.) zurückgelegt haben. Durch Ernsttal führt der Rennsteig. Es ist ein Ortsteil von Lauscha, der inmitten der Berge und Wälder des Thüringer Schiefergebirges liegt.

 

Lauscha und Steinach, um den 22. Juni

Am 22. Juni kam die Neue Schar nach Steinach. Was sich nun im kleinen Landstädtchen ereignete, liess die Bürger der Umgebung aufhorchen. Vom

"Sieg der Jugend"

sprach der Thüringer Waldbote und kommentierte:

Die "vorwärtstreibende Jugend" sammelte sich Abends auf der Trift, "um ihrem stürmischen, gärenden Leben Ausdruck und Geltung zu verschaffen. In Spiel und Tanz lebte sich die Freude und die Kraft der Jugend aus …" Sie bewies damit "ihren alle Widerstände überwindenden Siegesmut, den Willen zur Volksgemeinschaft. …. Ein Jünger der Freischar Muck-Lamberty, Georg Thürnagel, richtete als 18-jähriger Kämpfer für das hehre Werk der Jugend einige herzliche Worte an die Jungen. "…. Nun erhebe sich," sagte er, "die ganze Jugend in einmütiger Geschlossenheit, um die drückende Not unser Heimat durch inneren geistigen Aufstieg zu vertreiben und mit der Beseitigung der wirtschaftlichen Fesseln die beglückende Volksgemeinschaft zu erreichen.""

"Als sie nach Lauscha kamen,"

frischt am 15. Januar 1921 der SPD-Vorwärts aus Berlin das kollektive Gedächtnis auf,

"bliesen sie auf den Höhen in ihr Horn und begannen im Geiste der Jugend zu tanzen. Und die Kinder kamen zu Hunderten und freuten sich mit ihnen. - Und die Kinder tanzten den ganzen Tag lang und gingen des Abends hinab in den Ort und holten die Alten, die sonst fast keinen Gedanken hatten wie Schmalz 20 Mark, Zwirn 10 Mark und Butter 40 Mark. Und die Alten kamen und wurden entzündet."

Lauscha, 625 Meter über dem Meeresspiegel, und Steinach liegen im Thüringischen Schiefergebirge. Es steht quer zur europäischen Hauptwetterrichtung, weshalb das Klima in den Höhenlagen rauh. Im Winter lässt sich auf den Hochflächen und Abhängen gut Ski fahren. Zu anderen Jahreszeiten kann man prächtig durch die weiten Wälder wandern. Wo die dunklen Tannen ragen / Bäche rauschen, Vögelsingen (Heine), Wo frei die Adler horsten (Eichendorff), alle Blumen fröhlich, der Mond schwebt und die Mühle klappert (Ludwig Tieck), da fühlte sich die Neue Schar zu Hause, ungezwungen, selbstbestimmt. Sie waren die Wegelagerer über die Joseph von Eichendorff dichtet:

Der Wald ....
Dort will ich nächtlich auf die Krämer lauern,
Und kühn zerhaun der armen Schönheit Bande,
Die sie als niedre Magd zu Markte führen. Joseph von Eichendorff: Der Wegelagerer

 

 

Lauenstein, 23. bis 29. Juni

Lauenstein, unweit der fränkisch-thüringischen Grenze.
Vielleicht um 1935.

Verlag Jul. Escherich, Ludwigstadt

Bei der Burg Lauenstein in Oberfranken sass der exilierte König von Bulgarien mit am Lagerfeuer, der, wie Eugen Diedrichs (1920, 555) erzählt, "ganz allein als einziger Gast unter ihnen, als Mensch unter Menschen". Zusammen mit seinen Töchtern tanzten sie zur Sonnenwendfeier in die Nacht. Am liebsten, wären die Königskinder mit der Neuen Schar in die Welt gezogen.

Die Gruppe trifft den Kunstkritiker Wilhelm Uhde. Er lobt sie 1938 (203): "Die Neue Schar half die Jugend zu entmaterialisieren, sie anspruchslos und froh zu machen, aus den Banden des Mechanischen zu befreien. Ihre Kräfte mit dem Segen des Handwerks neu zu verknüpfen, sie als wesentlicher Faktor einer deutschen Volksgemeinschaft einzuordnen. So stellte sie deutsche Bilder von Richter und Schwind vor uns auf."

Weiter führt ihr Weg über Großgeschwenda (30.6.) und Kaulsdorf (3.7.) nach Rudolstadt.

 

 

Wir sind die Musikanten.

Wir sind die Musikanten und zieh`n von Land zu Land
Wir sind die Musikanten und zieh`n von Land zu Land.
Wir können spielen Viovivviolin, wir können spielen Bass Viol und Flöt`
und wir können tanzen bums, fallera, bums, fallera, bums, fallera.
Wir können tanzen bums, fallera, bums, fallerallala.


Aus: Von der Neuen Schar mit dem blauen Fähnlein, Handzettel 1920

 

 

 

Rudolstadt, 5. bis 7. Juli

Rudolstadt Schloss (um 1930).

Hermann Paris, Kunstverlag, Rudolstadt

Die Gruppe strahlt sozialen Charme aus. An den Füssen Holzsandalen. Braungebrannte Gesichter und langes Haupthaar. Die Mädchen in wadenlangen Kleidern. Muck in brauner Kniehose. Musizierend und singend zieht die lebensfrohe Truppe in die Stadt. Vornan die Fidel und eine Fichtenstange mit blauem Fähnlein an der Spitze. Aus allen Klassen der Gesellschaft stammen sie. Nicht wenige sind, wie man damals sagt, Kinder aus gutbürgerlichem Haus.

"Einen erfolgreichen Überfall auf Rudolstadt" unternahm am 5. Juli 1920 die Neue Schar vom blauen Fähnlein, registriert die Rudolstädter Zeitung am nächsten Tag. Interessant sind ihre weiteren Beobachtungen: "Eine ganz absonderliche Gesellschaft, die den Rudolstädtern zunächst viel zu raten aufgab. Mit dem an einer Fichtenstange angebrachten blauen Bundeszeichen erschien sie zunächst wie aus einer andern Welt entsprungen.

Allein schon nach wenigen Stunden hatten sie die Herzen der Rudolstädter und vor allem der Rudolstädterinnen im Sturm genommen, und als der Abend sich über das Schlachtfeld senkte, sang und tanzte fast die halbe Stadt mit ihnen auf dem grünen Rasen des Oberangers."

Über 3 000 sah man am Abend des 6. Juli auf den verschiedenen Tanzplätzen vereint.

Die Situation war nicht ganz einfach. In der Stadt ist Kirmes, begleitet von einem Jahrmarkt. Auf dem Rummel interessieren die Kinder und Erwachsenen zum Leidwesen der Schausteller und Budenbesitzer mehr für Muck als für ihre Angebote.

Blick auf Rudolstadt, 1945

Quelle: H. Kuhnert: Tour of Rudolstadt. A little Guide-Bock. Greifensteinverlag Rudolstadt, Thuringia 1945, Seite 9 (Fotograf nicht angegeben.)

Am 6. Juli 1920 lädt Muck zum Vortrag in den Krugsaal. Er spricht über die

Revolution der Seele.

Die Zuhörer nehmen den Vortrag - freilich unter Geltendmachung kleinerer kritischer Einwände - begeistert auf. "Der Redner streifte in seinem zweistündigen Vortrag die mannigfachen Ursachen," kommentiert tags darauf die Rudolstädter Zeitung, "die eine Wiedergeburt unseres Volkes unmöglich machen und legte dar, dass nur durch eine allgemeine Erneuerung des ganzen Volkslebens ein sittlicher und wirtschaftlicher Aufstieg erreichbar ist. Die Rede war von hohem Idealismus durchdrungen und wird sicherlich manchen zum Nachdenken angeregt haben. Allerdings brachte sie auch bei der Kritik der bestehenden Verhältnisse mancherlei Verallgemeinerungen; wenn unser Volk wirklich so versucht wäre, wie es der Redner darstellte, dann hätte es nie und nimmer Jahre lang einer Welt von Feinden widerstehen können. - Dem Vortrag schloss sich eine Aussprache an."

In der Öffentlichkeit stösst die Neue Schar zunehmend auf Resonanz. Es ist die Lauterkeit der Bewegung, die imponiert. Vom Singen und Tanzen auf den Straßen und Plätzen sind einige so verzückt, dass sie sich zu einer eigenen Gruppe zusammenschliessen. "Ihr Leiter wurde der Lehrer Günther Bernhard [später Fritz Haupt]." "Sommers über zog die Schar an den Wochenenden mit Gesang und Klampfenmusik, voran blaue Fahnen und Wimpel, durch die Stadt zum Oberanger, auf die Große Wiese oder zur Bleichwiese, wo in zwangloser Folge Lieder und Musik erklangen, Laienspiele, meist Hans Sachs, zur Aufführung kamen, ein Wanderzirkus sein Können zeigte und wo selbstverständlich Volkstänze nicht fehlten. Dieses frohe Treiben lockte viele begeisterte Zuschauer an. … " Das Winterhalbjahr füllten die Heimabende. Günther Bernhard spielte Geige und ein Zupfinstrument, hielt die Jüngeren an, auch ein Instrument zu spielen. (Pätz 1990, 96)

Mucks Spiel- und Tanz- Schar findet bald weitere Nachahmer.

 

 
"An alle! Wer macht mit?
     

Die Teilnehmer an den Angerspielen und -tänzen, denen gleich uns daran liegt, die neue Bewegung im Fluss zu halten und - für alle - ohne Unterschied des Berufs, der Partei, des Standes und des Geschlechts segensreich auszugestalten, werden herzlich gebeten, ihre Adresse an

Ilse Schweder, Schillerstraße 41,

gelangen zu lassen."

     

Jakob Buhl

  Mathilde Noack

Max Fliegerbauer

  Ilse Schweder

Franz Strzelczyk

  Elsbeth Wiegand

Ernst Taut

  Martha Wittig
     
D i e   R u d o l s t ä d t e r   "Schar".
     

Werbt für uns in allen Kreisen!

  auf zum Dienst am ganzen Volk!
     

Rudolstädter Zeitung, Tageblatt und Generalanzeiger für Schwarzburg-Rudolstadt und dem Remdaer Kreis, 8. Juli 1920

 

 

Ein Jahr später, am 20. und 21. August 1921, organisiert die Gruppe im Park des Kommerzienrates Richter ein Fest.

"Als im Herbst 1923 die Reichswehr hier [in Rudolstadt] einrückte und viele Arbeiter aus den Kreisen Rudolstadt, Saalfeld und Sonneberg im Gerichtsgefängnis inhaftiert waren. Zog nach einem Heimabend, vom Schloss kommend, die Neu Schar vor das Gerichtsgebäude und sang dort das alte Arbeiterlied Brüder, zur Sonne zur Freiheit. Da die Kinos gerade ihre Vorstellungen beendet hatten, sammelten sich im nu Hunderte von Menschen dort an und demonstrierten mit. Bald aber griff die Polizei ein, um Demonstranten mit mehr oder weniger sanfter Gewalt zu zerstreuen. Als Folge dieser Zusammenrottung während des noch gültigen Belagerungszustandes erhielten eine erhebliche Anzahl der Mitglieder der Neuen Schar Strafverfügungen." (Schneider 131)

Diese Nachrichten sind für uns von großem Interesse, weil sie bezeugen, dass die Neue Schar nicht nur mit der freideutschen und deutschnationalen Jugend kommunizierte. Die linke Arbeiterjugend griff ihre Ideen ebenfalls auf. Zumindest einige von ihnen wollten mit Muck die Fahrt ins Blaue wagen. Es gab eben viele Möglichkeiten an sie anzuknüpfen.

Von Rudolstadt führt die Wanderung weiter über Schwarza (8./9.7.) nach Saalfeld.

 

 

Saalfeld, 10. bis 13. Juli

Motiv dem Kahlaer Notgeld
entnommen

Noch auf dem Weg in die nächste Stadt, kündigt die Schar ihr Kommen an:

"Sonnabend, Sonntag und Montag wollen wir bei Euch bleiben und mit Euch leben."

Sogleich teilt das Saalfelder Kreisblatt mit:

"Die Neue Schar, die mit ihren Volkstänzen und spielen in Thüringen, so zuletzt in Rudolstadt, viel Anklang gefunden hat und in jedem aufrichtigen Freunde der Jugend geradezu Begeisterung auslöste, hat gestern auch in Saalfeld ihren Einzug gehalten."

Für Sonnabend um 8 Uhr abends wirbt sie für ihre Spiele und Volkstänze auf dem Schiesshausplatz in Saalfeld. Anschließend beginnt die Aussprache. Am nächsten Tag spielt und tanzt hier die Gruppe mit Groß und Klein von 10 bis 3 Uhr. Wie im Fluge vergehen die Stunden und Tage.

Zum Abschluss spricht am Montag, den 12. Juli abends 8 Uhr Muck im Saal des Meininger Hofes über:

"Revolution der Seele. Zusammenbruch der Riten, Empörung der Jugend."

 

Hinter Saalfeld hat Lisa Tetzner (1923, 114f.), sie ist auf dem Weg zur Neuen Schar, eine bemerkenswerte Begegnung, die sie folgendermassen schildert: "Da ist er", sagt unverhofft, fast ängstlich beklommen, ein altes Bäuerlein neben mir und deutet mit der Hand nach der Schar. "Wer, frage ich, erschrocken aus meinen Träumen gerissen. "Muck", und leise, fast mit kindlicher Wichtigkeit setzt er hinzu,

"ein so neuer Prophet, der von Gott kommt.

Gestern hat er in der St. Johanneskirche [in Saalfeld] gepredigt. Ich bin auch dort gewesen. Ja, was der uns alles gesagt hat. Dass wir so schlecht wären, dass wir das Rauchen und Saufen lassen sollten. Wohl, wohl, mag schon richtig sein. Und von den vielen Parteien, von rechts und von links, was das für Unsinn sei. Ein Sumpf wär` alles um uns, ja, ein Sumpf, hat er gesagt, aus dem wir raus müssten, um nicht zugrunde zu gehen."

""Und was glaubst", spricht er weiter, "die haben alle davorgesessen und es sich anhören müssen. Mucksmäuschenstill haben sie gesessen, wohl, wohl. Und nun ist die ganze Stadt verdreht, weiss der Himmel, alles haben die Menschen dumm gemacht. Aber", er spuckt in grossem Bogen seinen Kautabak, "er hat besser geredet für uns als der Pfarrer." Er schweigt eine Weile ….""


Weiter geht die Wanderung über Ranis (12. bis 15.7.), Pössneck (17. bis 19.7.) bis in die Zeiss-Stadt. Zwischen Pössneck und der Ankunft in Jena liegen einige Tage. Vielleicht übernachteten sie im Wald oder halfen beim Bauern.


Irgendwo zwischen Saalfeld- und Jena, genauer ist es nicht überliefert, stösst die blonde Hanna zur Gruppe. Bisweilen macht sie einen verstörten Eindruck. Muck kümmert sich um sie, was Konflikte in der Gruppe heraufbeschwört.
Lisa Tetzner (1923, 44) hinterliess eine eindringliche Schilderung dieser Situation:

"Es ist ein heißer Sommerabend. Ich liege unter der Schar auf einer Lichtung im Wald. Zwischen den mir rauschenden Waldbäumen bereiten Burschen der Schar mit Waldgras und Stroh ein Lager für die Nacht.

Dort vorn über die Schneise schreitet die blonde Hanna. Ihr grobes, blaues Leinenkleid lässt Arme, Nacken und Füße frei. Das aschblonde Haar ist schlicht zurückgelegt und sticht nicht sonderlich ab von der rotbraun gebrannten, sommerlichen Haut. Sie hat etwas von den Mädchen aus alter Sage, unter denen sich Königinnen verbergen. Gudrun, denke ich. Sie trägt einen Bottich Essen zum Feuerplatz und ruft mit klarer, warmer Stimme den Burschen zu, ihr zu helfen. Ich weiss nicht, warum mich dieses Mädchen immer so tief bewegt.

Kräftiger und erdhafter als sie, auch breiter und herrischer, dunkler, in den Tönen, ist jene dort unter den Bäumen, die dabei ist, an dem vorüberfliessenden Wasser Wäsche zu spülen. Sie heisst Käthe und ist noch nicht lange bei der Schar."

 

Hans Pluta erzählt 1970: "Als wir im Sommer in Pfarrkessler [also zwischen Kahla und Blankenhain] unsere Ruhepause hielten, kam ein Mädchen aus Glauchau in Sachsen zu uns, vielmehr zu Muck, die ein Kind von ihm unter dem Herzen trug. Legal war sie wohl nicht mit ihm damals verbunden, doch wir fühlten, dass durchaus ein inniges Verhältnis bestand und revolutionär, wie wir alle waren, nahm daran keiner Anstoß, zumal sich ja beide auf das Kind freuten."

 

 

Jena, 24. Juli bis 29. Juli

"Von Sonnabend bis Donnerstag wollen wir bei Euch bleiben, mit Euch leben und uns aussprechen", kündigt die Neue Schar ihr Kommen in der Stadt von Johann Gottlieb Fichte, Ernst Abbe und Felix Auerbach an. Wahrscheinlich stiess hier auch Gusto Gräser zur Schar. "Nach der jahrelangen Trennung, in der sie verschiedene Wege gegangen waren, muss für Muck die Wiederbegegnung mit Gräser ein befreiendes Erlebnis gewesen sein." (Müller 20.8.2013)

In der Stadt, erinnert sich 1970 das Mitglied der Neuen Schar Hans Pluta, trafen sie mit der Puppenspielergruppe von Hans Albert Förster, die mit einem Kasperle-Theater, aus dem sich dann die Hohensteiner Puppenspiele entwickelte, und einer Wanderbücherei aus Leipzig unterwegs waren.

Wie bunte Blumen verteilt die Neue Schar ihr Flugblatt

An alle jungen Menschen in Jena!

Darauf  steht geschrieben:

"Wir sind 25 junge Handwerker, Arbeiter, Kaufleute, Lehrerinnen usw. aus dem ganzen Lande, die nichts von dem gehässigen Parteileben wissen wollen und in Liebe zum Volke alles hingeben, so sagen sie von sich selbst."

Gemeinsam wollen sie tanzen, singen, scherzen und fröhlich sein - ohne Dünkel-, Kneipen- und Kastengeist.

 


Programm der Neuen Schar in Jena

Sonnabend, 24. Juli, 3 Uhr:
Spielen mit den Kleinen.

8 Uhr abends:
Tanzspiele mit den Großen auf den Spielwiesen.

Sonntag, 25. Juli, 10 Uhr und 3 Uhr:
Allgemeines Treffen mit Gross und Klein zum Spiel und
zur Aussprache auf den Spielwiesen.

Montag und Dienstag, 9 Uhr: Spielen mit den Kindern.

3 Uhr: wer sich freimachen kann, der gehe mit uns in den Wald.
Treffen am Volkshaus

8 Uhr: Mit den Grossen auf den Spielwiesen.

Am Mittwoch, den 28. Juli, 8 Uhr abends, spricht Muck im Saal des Volkshauses über

Die Revolution der Seele -
Zusammenbruch des Alten und Empörung der Jugend
.

 

 

Wie reagieren die Jenenser? Wirken die traumatischen Kriegserlebnisse noch nach? Überwinden die monarchistischen Kreise den Verlust des Kaisers? Oder bleiben die von Existenzsorgen geschüttelten Bürger lieber zu Hause?

`Wir wollen uns aussprechen`,

ruft die Neue Schar ihnen zu. Eine Ansprache, die in den nächsten Wochen immer wiederkehrt. Die Gruppe verspricht, es sollen Festtage für "Zeichen der Gesundung" und ein Protest gegen "Spießigkeit und Dämlichkeit (Damen)" werden. Und sie hielt es! Geschickt kommuniziert man die alltäglichen Sorgen der Bürger. Mit Musik, Tanz und Spiel therapieren sie den Missmut. Gegen Einsamkeit und Verstörtheit, Vermaterialisierung und Schematisierung des Alltags verordnen sie das Schwingen der Seele. Bereits am ersten Tag tanzten sie auf dem Markt, registrierte der sozialdemokratische Vorwärts (15. Januar 1921).

Flugblatt (Ausschnitt)
der Neuen Schar:
"An alle jungen Menschen in Jena!"
Jena Juli 1920 - Vollbild

Kokett präsentiert die Gruppe ihre emanzipativen Ideen. Das Flugblatt

An alle jungen Menschen in Jena!

ist ein Affront gegen Standesdünkel, Untertanengeist, Militarismus, obrigkeitsstaatlichen Denken und brachialer Disziplinierungskultur. Bezeichnet deshalb am 10. August 1928 die Nordbayerische Zeitung den Zug der Neuen Schar

"mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit als ein schweres Verbrechen an der gesamten deutschen Jugendbewegung"?

Waffen- und Farbenstudenten machten der Neuen Schar in Jena zu schaffen. Durch einen Umzug, "bei dem auf einem Wagen ein Germane mit Helm und Hörnern und einer teutonischen Maid (verkleidete Studentin) mit künstlichen langen Zöpfen, die sich gegenseitig tätschelten, mitgeführt", sollten sie lächerlich gemacht werden (Pluta 1970, 104f.). Aber sie liessen sich nicht irre machen. "Und bald gab es keinen Studenten, auch keinen Couleurstudenten mehr," konstatierte der Vorwärts (Berlin) am 15. Januar 1921, "der nicht mit Muck und den Kindern tanzte."

"Die sozialistische Arbeiterjugend störte nach Mucks Abzug parteimässig absichtlich die Fröhlichkeit der Tanzenden auf der Wiese", drang bis Eugen Diederichs (1920, 556) vor.

Für Mittwoch, den 28. Juli abends 8 Uhr kündigt sich Muck im Saal des Volkshauses mit dem Vortrag

Revolution der Seele
Zusammenbruch des Alten Empörung der Jugend

an.

Volkshaus in Jena

Quelle: Neue Stadtbaukunst, Jena. Einleitung von Oberbürgermeister Dr. Ing. Alexander Elsner. Friedrich Ernst Hübsch Verlag G.M.B.H., Berlin - Leipzig - Wien, 1928, Seite 2 (Fotograf nicht angegeben.)

Das Interesse der Jenenser war gross. Und das Volkshaus war zu klein, schilderte Gustav Schröer in der Sächsischen Heimat (1920) das Ereignis, um alle Interessenten aufzunehmen. "Die ganze Bühne war mit Blumen geschmückt und die Schar sass um das Podium mit Kränzen im Haar, barfuss mit Klampfen und Geigen", erinnerte am 15. Januar 1921 der Vorwärts (Berlin). "Und Tausende waren im Saale, so dass er noch nie so voll war. Von dem Podium, sonst der Kampfstätte der Parteien, ertönten Worte der Liebe. - Und alle Menschen nannten sich Du. Und alle verschworen sich mit Muck gegen die Kaffeehauszigarettenschmutzkinokultur."

Nach dem Ende der Veranstaltung disputierten vor dem Volkshaus eine ältere Dame und ein Sozialist miteinander.

"....sie suchte ihm durch Beispiele nahe zu bringen, daß man wie Muck wolle, wieder Vertrauen zu einander haben müsse".

"Ach was, endete schließlich der Sozialist: Klassenkampf ist nötig, lesen sie erst einmal die sozialistischen Bücher."

Vielen Bürgern blieben die Tage mit der Neuen Schar in guter Erinnerung. Wilhelm Malberg, der Bruder von Hans-Joachim Malberg (1896-1979), der in Jena die erste Laienspielschar der Volkshochschulen in Thüringen leitete, erinnert sich "an die Studienjahre in Jena, an seine Begeisterung für die Veranstaltungen der Neuen Schar um Muck-Lamberti auf dem Jenaer Marktplatz, bei denen die Schar mit Gesang, Reigentanz und Stegreifspielen zahlreiche Menschen faszinierte, zum Mittun einlud, und denen er sich am liebsten angeschlossen hätte." (Reimers 301, 303)

Laut Mucks Wanderbuch zieht die Schar über Seitenroda / Kahla (30.7. bis 3.8.) und Blankenhain (11.8.) in Weimar ein.

 

 

Seitenroda / Kahla, 30. Juli bis 3. August

Am Montag, den 2. August redet Muck im großen Rathaussaal von Kahla zum Thema

Revolution und Jugend.

Friedrich Muck-Lamberty,
wahrscheinlich während seines Aufenthaltes in Kahla (vom 2. bis 3. August 1920 )

Wer wollte und konnte, der war zuvor mit der Neuen Schar ab 15 Uhr im Wald wandern. Zwei Tage davor spielte sie morgens mit den Kindern. Und am Abend führte sie bei Tanzspielen auf dem Schützenplatz Regie.

In einem kleinen Dorf, wahrscheinlich Pfarrkeßler bei Blankenhain, halten sie Rast, ruhen sich aus, kochen gemeinsam Essen, backen Schrotbrot, essen vegetarische Kost und schlafen auf dem Heuboden. "Die Mädchen der Schar waren Vegetarierin, teils schon vom Elternhaus her, und mitunter ergaben sich schwierige Situationen, wenn z.B. ein überzeugter Vegetarier von einem Fleischermeister in Quartier genommen wurde." (Pluta 1970, 105)

 

Ein beispielloser Erfolg (Harry Wilde):
Weimar 12. bis 19. August

Am 13. August 1920 trommelt die Thüringer Tageszeitung: "In Jena und Kahla ist in den letzten Tagen die Neue Schar aufgetreten. Diese jungen Leute waren aufgebrochen, um den deutschen Volke das wieder nahe zu bringen, was nicht erst im Laufe der Kriegszeit, sondern schon vorher zu seinem Schaden verloren" ging, den Sinn für Volkstum, Heimat und heitere Fröhlichkeit unter Ausschaltung moderne Genüsse ….. Ihr Ziel ist die Erneuerung unseres ganzen Volkslebens unter Ausschaltung der politischen Fragen. Die Neue Schar hat in beiden Städten zahlreiche Anhänger gefunden, und nun kommt die Mitteilung, daß diese Schar junger Menschen auch am Sonnabend nach Weimar kommen wird, um mit Jung und Alt fröhlich zu sein, zu spielen und in stillen Stunden über manche tiefe Frage unserer Zeit und unseres Volkserlebens zu sprechen."

Einen Tag darauf meldet die Stadtzeitung: "Muck Lamberti und seine Schar sind in Weimar eingezogen". Sie "haben schon

auf der Großmutter und
abends auf dem Markplatze

gespielt und getanzt. Zahlreiche Zuschauer hatten sich eingefunden, daß Einschreiten der Polizei wurde glücklich überwunden und bald herrschte unter Teilnahme der Jugend Weimars allgemeine Fröhlichkeit."

"Durch Spiel und Tanz, Geschichtenerzählen und Besprechungen ziehen sie jung und dann auch alt an sich heran und wirft ihre Ideen in die Menge," verspricht die Landeszeitung am 17. August, "die ganz gewiss bei vielen nachwirken werden. Gehe jeder, der noch nicht dort war, zu den Spielen der Lamberty-Schar, höre sich jeder das an, was sie und ihr Führer über ihre Sache zu sagen haben, und er wird zum mindesten neue Gesichtspunkte für die Betrachtung der gegenwärtigen Verhältnisse gewinnen."

Auf ihrem Flugblatt rät die Neue Schar:

"Zu allen Veranstaltungen kommt als schlichte, einfache Menschen, lasst Pomade und dumme Modetorheiten daheim.
Junge Menschen haben Herzensfreude
als Schmuck und Sinn."

Die "Aufnahme ganz gross. Die Presse hatte gute Berichte vorab gebracht." Der Geist dieser Stadt war durchweg freizügig, es gab das Bauhaus mit Walter Gropius und viele Internate, Pensionate, Schulen der Freischaffenden, erhellt Hans Pluta 1970 die Situation. Polizei und Saalbesitzer sind von der Begeisterung der Weimarer "einfach überrannt." (WLZ 17.8.1920)

"Als es galt, den Aufenthalt in Weimar vorzubereiten, wurde ich dafür bestimmt", rekonstruierte 1965 (123) Harry Wilde die Vorbereitungsphase. Und es wurde ein Wahnsinnserfolg.

 

Stadtkirche
zu St. Peter und Paul
in Weimar

Bartning, Ludwig: Stadtkirche und Gymnasium [in Weimar]. In: Wilhelm Bode: Damals in Weimar. H. Haessel, Verlag Leipzig 1925 (Fotograf nicht angegeben.)

Am Mittwochabend spricht Muck in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Auf die Idee war niemand anders gekommen als Harry Wilde (1965, 123). "In der Goethestadt, die ich recht gut kannte, als Vorreiter angekommen, sah ich mich vor die Frage gestellt, wo Muck seine grosse Abschlusskundgebung halten sollte. In den Saal im Volkshaus ging kein Bürgerlicher, und in den zweiten grossen Saal, ich glaube er hiess Harmonie, ging kein Arbeiter, trotz des verbindlich klingenden Namens. Bei der Lösung des Problems kam mir der Gedanke Muck in der Herderkirche sprechen zu lassen. Das grenzte an Ketzerei, und nur wenn man jung ist, hat man solche Einfälle .... "

"Muck hatte um Blumenspenden gebeten, und es kamen ganze Wagenladungen. Hannele, von Beruf Gärtnerin, flocht Girlanden, die wir um die Pfeiler wanden. Mit dem von Blumen überladenen Altar hatte die ehrwürdige Herderkirche wohl nie zuvor einen so festlichen und fröhlichen Anblick geboten." (Wilde 1974, 17)

Zu Beginn erschallt, dass alte Wallfahrtsslied Meerstern, ich dich grüße. Als Schlusschoral sangen sie mehrstimmig Ein feste Burg ist unser Gott, begleitet von Orgel, Klampfen und Flöten. (Vgl. Wilde 1965, 124)

Harry Wilde (1974, 17) erlebte die "Abschlusskundgebung" in der Herderkirche als einen beispiellosen Erfolg. Doch verlief sie nicht ohne Zwischenfall. Nach dem Anstimmen des Kirchenliedes Eine feste Burg ist unser Gott, reagiert ein Trupp junger Leute mit Empörung und Ablehnung. Dann stören sie Muck bei seiner Rede. Es wurde damals die Vermutung geäussert, dass sie von der sozialistischen Arbeiterjugend waren.

Zum ersten Reichsjugendtag vom 28. bis 30. August in Weimar kommen etwa 2 000 Jugendliche aus den Arbeiterjugendvereinen (ab 1922 SAJ, Sozialistische Arbeiterjugend). Symbolisch verbrennen sie ein Hakenkreuz. Am Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater spricht Erich Ollenhauer Worte des Gedenkens und Jugendliche legen Kränze nieder. Auf grosse Begeisterung stösst das gemeinsame Singen von Wann wir schreiten Seit´ an Seit´ (Hermann Claudius) mit Max Westphal.

Tags darauf lobt die Weimarische Landeszeitung die Muck-Predigt:

"Dieser 18. August 1920 wird in der jungen Geschichte unserer jungen freien Volkskirche ein Ruhmestag bedeuten, und leitenden Männern der Kirche gebührt Dank für den Mut und die Einsicht, daß sie einmal einen sprechen ließen, der keine der üblichen amtlichen Beglaubigungen besitzt, sondern allein die Berechtigung des Geistes und der Kraft. Die mittelalterliche Nebenbestimmung des Kirchenhauses als Versammlungsort der Gemeinde scheint wieder in die Rechte zu treten. In die Tage des Urchristentums glaubte man sich versetzt, in die enthusiastische apostolische Zeit, oder in die Epoche der wilden Mystik, wo inbrünstige, gotterfüllte Wanderer und Prediger durch die Lande zogen, wenn man um das blumenvolle Sprecherpult die schlichten stämmigen Gestalten mit Kittel und Wanderlatschen stehen sah. Was da in glühendem Redeschwung von einem Manne gesagt wurde, der sich selber gab, das wühlte auf. Von diesem Menschen mit dem deutschen, herb geschnittenen Gesicht geht religiöses Leben aus. Er ist einer, der die engenden Schranken der Konvention, den dumpfen Bann des Herkommens gebrochen und angefangen hat wer zu sein. Er weiß auszusprechen, was so viele fühlen, und man merkt, wie ihm im Widerhall der Tausende Hörer die Kraft zum Wirken wächst." (WLZ 19.8.1920)

Zwei Monate nach dem Auftritt der Spiel & Tanz Company in der Stadt an der Ilm übermittelt Gisella Selden-Goth ihre Eindrücke an das Wiener Lesepublikum:

"Hier .... ertönen sie tagtäglich vor den Fenstern von Goethes Gartenhäuschen, um Karl Augusts Denkmal am Fürstenplatz, auf allen Wiesen längs der buntbelaubten Tiefurter Allee. In den farbenfroh geschlungenen Reigen greifen junge Männer in Wandervogeltracht unauffällig ordnend, helfend, ermahnend ein, klatschen, hopfen, wirbeln mit und führen sangeslustig die vielen ungeübten Stimmchen an. Ringsum steht aber die Menge der Erwachsenen und fühlt sich durch die einfachen Rhythmen magisch in den Kreis gezogen. Mit Zauberkraft zwingen sie diesen und jenen hinein, und wenn die Dämmerung die Kleinen nach Hause gescheucht, tanzen noch die Scharen der Grossen seelenvergnügt in den herandunkelnden Septemberabend hinein." (Neues Wiener Journal)

Von Weimar wandert die Neue Schar nach Erfurt.

 

 

Erfurt, 21. bis 29. August

"Besonders malerisch war in Erfurt", entsinnt sich 1970 Hans Pluta an die Tage mit der Neuen Schar, "das abendliche Bild mit der blauen Fahne, davor auf dem weiten Platz in seiner bunten Vielzahl alte und junge Menschen, gemeinsam gesungene Volkslieder und Mucks Ansprache von einer kleinen Kanzel aus  ...."

Am 21. August 1920 kündigt die Freie Presse die Neue Schar an:

"Heute Abend spielen sie mit den Kleinen und Grossen auf dem Friedrichs-Wilhelm-Platze [Domplatz]. Steht dann nicht zur Seite, beteiligt Euch, und wenn es möglich ist, gebt einen der Neuschärler Obdach!"

Viele Blumen schmücken die Stadt. Bekannte Gärtnereien sandten sie in Überfülle. Neugierige, Wandervögel, Frei- und Neudeutsche, Bürger aus allen Schichten waren gekommen.

 

Rudolf Wiemer begegnete der Neuen Schar in Erfurt. Darüber erzählt er 1976 im Thüringer Heimatkalender:

"Ich war damals Obersekundaner und sass, den Zeichenblock auf den Knien, mit meinen Kameraden vor einem schiefen, aber malerischen Fachwerkwinkel, an denen die Stadt Erfurt reich ist. Die vorsommerliche Sonne [es war dennoch im Monat August] wärmte uns den Rücken, Handwagen klapperten vorüber, in den Höfen wurden Teppiche geklopft. Plötzlich packte mein Freund mich am Arm zeigte in die Gasse und rief Das sind sie! Ich sah eine Gruppe junger Menschen herankommen, barthäuptig alle, die Burschen in Kittel und kurzer Hose, riemengegürtet, die Beine braun und nackt, die Füße in Sandalen, die Mädchen in langen, hellen Kleidern, alle energisch ausschreitend, mit offenen, lachenden Gesichtern. Wer ist das? fragte ich verwundert. Die Neue Schar antwortet mein Freund. Und der dort in den Apfel beisst, das ist Muck Lamberty."

 

Theodor Plievier (1892-1955), erzählt 1965 (126) Harry Wilde, lebte einige Tage mit der Gruppe.

Harry Wilde (1965, 127) löst sich in Erfurt von der Schar. An die Gründe kann er sich 1965 nicht mehr erinnern. Zusammen mit einem Studenten wandert er nach Kassel, wo sie die Mutter von Muck-Lamberty besuchen. "Sie gab sich alle Mühe, mich zu überreden, dass es meine Aufgabe sei, Muck zur Heirat zu überreden. Als frommer Katholikin waren der alten Dame die vielen Frauenbekanntschaften ihres Sohnes ein Ärgernis. Sie sah in jedem Mädchen der Schar eine potentielle Geliebte. Nur schwer gelang es mir, sie von dieser Vorstellung abzubringen."

 

Auf dem Domplatz

Heran an die Massen! gibt der vom 22. Juni bis 12. Juli 1921 in Moskau tagende III. Weltkongress der Kommunistischen Internationale als Losung aus. Muck-Lamberty schaffte das bereits im Sommer 1920.

Domplatz Erfurt,
Markttag (1939)

Richard Schenker Ansichtskartenverlag, Erfurt

Fünfzehn bis zwanzigtausend Menschen kamen zum Friedrich-Wilhelm-Platz (seit 1945 Domplatz) unterhalb der Treppenstufen am Dom. Tausende lauschten seiner Rede. "Am zweiten, am dritten Tag ist die ganze Stadt von einem Taumel erfasst." "In den Schulhöfen, im katholischen Waisenhaus, in den protestantischen Jungfrauenverein, überall wird getanzt, wie die Neue Schar es gelehrt hat." (Ritzhaupt 18, 8)

"Das Tanzen dauerte", entsinnt sich 1976 Rudolf Wiemer (20), "in die späten Abendstunden hinein; jetzt waren es zumeist Erwachsene, die singend herumwirbelten, in Paaren oder im Kreis - eine Woche lang war der Domplatz bis gegen Mitternacht von gespenstisch lautem Leben erfüllt, so dass die Anwohner sich beschwerten und in der Zeitung anklägerische Artikel gegen den "Mummenschanz" erschienen. Die Polizei wurde aufgeboten; nichts half. Die Begeisterung der Tanzenden war stärker. Man schüttelte den Kopf, man fragte: wer ist dieser Mann, der so über Herzen und Füße Gewalt hat? Ein Rattenfänger? Ein Scharlatan? Ein Prophet?"

 

 

"Von der Neuen Schar mit dem blauen Fähnlein." [1920]
Abschrift von einem Handzettel

Die Tanzweise von Muck

Hoppheisa

Hoppheisa, Hoppheisa, wir tanzen mein Kind, wir tanzen mit den fröhlichen Reigen.
Da droben im Baume da säuselt der Winde, der will dazu pfeiffen und geigen,
Trallalala, trallalala, trallalala, trallalala.
Und wie er so siedelt, der herrliche Gast, in seiner gar lustigen Weise,
Die Blätter da droben auf jeglichem Ast, die drehen sich munter im Kreise,
trallalala, trallalala, trallalala, trallalala.
Hoppheisa, Hoppheisa, geschwind wir uns dreh`n, es tanzet der Bub` nur in Söckchen,
Die Bänder, sie flattern, die Schürzen, sie weh`n, es fliegen die Zöpfe und Löckchen.
Trallalala, trallalala, trallalala lala.


 

Mucks Rede auf dem Erfurter Domplatz

am Dienstag, den 24. August 1920

fand begeisterten Zuspruch, was seine Popularität und die der Neuen Schar im Thüringer Land weiter steigerte. "Erfurt war der Höhepunkt des Tanztaumels, aber auch der Andacht", stellt Rüdiger Safransky (2007, 336) heraus. "Er sprach als erster Laie", würdigen Werner Milch und Fritz Borinski 1967 (46) diesen geschichtlichen Moment, "von der Kanzel einer der berühmtesten Kirchen Deutschlands zu einer tausendköpfigen Menge." Darüber berichtete die Freie Presse Erfurt:

"Es ist nach 8 Uhr abends. -- Andreasstrasse. -- Menschen strömen in Gruppen, zu zweien und einzeln in einer Richtung: Friedrich-Wilhelmsplatz! [Domplatz] - - Im Nachtdunkel sieht man dort zunächst nur schwarze Menschenmauern, zuweilen dringt ein Melodiestück eines Volkstanzes durch, hier leicht beschwingt, dort getragen --- schwermütig. Überall auf dem weiten Platze reges Leben: Ein Fest der jungen Menschen in urwüchsiger Einfachheit. Die Alten stehen dabei und erwägen im Herzen, ob sie schon heute oder vielleicht erst morgen mit den Jungen fröhlich sein wollen. Viele haben ihre Vorurteile längst aufgesteckt, sind in die Reihen der Spielenden eingetreten mit erwartungsfrohen Augen. Plötzlich geht eine Bewegung durch die Masse, die Tänze werden unterbrochen. Die Domstufen können die andrängende Menge nicht fassen; bis drunten zur Ehrensäule steht sie dicht gedrängt, bis hinauf ans selbstverschlossene Gittertor des Domgangs sitzt sie auf den Stufen Kopf an Kopf. - "Im Schönen Wiesengrunde …" So brandet es wuchtig hervor, schallt`s von der platzumgürtenden Häusermauer zurück und rankt sich`s an den Steinwanden Jahrhunderte alter Gotik auf: Sever und Dom schneiden düster-ersinnte Gesichter. - Da Lied ist verstummt. Oben und unter beginnendes Beifallklatschen, Rufe zur Ruhe. - - Stille. Muck-Lamberty, der Führer der neuen Schar spricht von der kleinen Kanzel seitlich der Stufen: Müsst ihr Menschen denn immer, wenn ihr etwas Schönes erlebt habt, Geräusche machen? Muss ein Musikstück immer durch euer Klatschen des inneren Ausklangs beraubt werden? …. Dann wendet er sich dem vergangenen Tage zu, der einer der schwersten der Schar gewesen sei: Die Schulverwaltung hat in kurzsichtiger Bürokratie den einzelnen Schulen am Vormittage, angeblich im Interesse eines wohlgeordneten Schulunterrichts, nicht freigegeben … Dann sprach Muck-Lamberty von der Not der Zeit. Was er darüber sagte, ist den meisten schon bekannt, aber wie er es so glutvoll von Herzen gehend sagte, dass ist dass Rex." (Freie Presse 24.8.1920)

 

Der Zug der
Neuen Schar
durch Franken
und
Thüringen
im Jahr 1920

Versuch einer Rekonstruktion.

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14. Mai
Aufbruch in Hartenstein
im Erzgebirge

17. bis 26. Mai
(Pfingsten) in Kronach

Treffen der Wandervögel

28. Mai
Mitwitz

29. Mai
Gerstungshausen

31. Mai bis 1. Juni
Weidhausen

2. Juni
Rossag (Gemeinde Großheirath)

5. Juni
Coburg

9. Juni
Neustadt bei Coburg

11. Juni
Wildenheid

"Auf den Spielwiesen im Walde bei Sonneberg ... " (Muck)

12. bis 14. Juni

Sonneberg

Ankündigung eines Vortrags von Friedrich Muck-Lamberty im Schiesshaussaal von Sonneberg für abends 8 Uhr zum Thema Zusammenbruch des Alten! Empörung der Jugend

16. Juni
Steinach

17. und 18. Juni
Alsbach

21. Juni
Scheibe
(Scheibe-Alsbach)

22. Juni
Ernstthal am Rennsteig

23. Juni
Spechtsbrunn

24. Juni
Lauenstein

30. Juni
Grossgeschwenda

Leutenberg

3. Juli
Kaulsdorf

5. Juli bis 7. Juli
Rudolstadt

Die Neue Schar  tanzt und singt mit den Bürgern (7. und 8. Juli).
Zweistündige Rede von Muck im Krugsaale von Rudolstadt zum Thema Über die Revolution
der Seele
.

8. Juli
Schwarza

10. bis 12. Juli
Saalfeld

Am letzten Tag spricht Muck im Meininger Hof über: Revolution der Seele. Zusammenbruch der Riten, Empörung der Jugend.

17. bis 19. Juli
Pössneck

24. bis 29. Juli
Jena

Gusto Gräser stösst zur Schar

28. Juli
Rede von
Friedrich Muck-Lamberty im Volkshaus von Jena


30. Juli bis 2. August
Seitenroda und
Kahla

11. August
Blankenhain

12. bis 19. August
Weimar

18. August
Predigt in der Stadtkirche

21. bis 29. August
Erfurt

27. August
Predigt von Friedrich Muck-Lamberty in der Barfüßerkirche in Erfurt

wie fröhlich
waren wir in
Neudietendorf
30. August
bis 2. September

Wandersleben

8. bis 11. September
Gotha

12. bis 19. September Friedrichroda

25. September bis 8. Oktober Eisenach

Zurück über Erfurt, Weimar, Kahla, Rudolstadt, Leuchtenberg, Lauenstein, Kronach und Mitwitz

25. bis 30. Oktober
Hartenstein

Anfang November
Ankunft auf der Leuchtenburg bei Kahla

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Im Lichte des Sommerabends steht Lisa Tetzner (1923, 120) auf dem Domplatz. Von einer Kanzel schallt laut und klar die Stimme von Muck über den Platz:

"Menschen!
Wir haben euch mit unserem Horn zusammengeblasen. Wir sind mit Lärmen gekommen, weil ihr den leisen Rufen noch nicht folgt, weil ihr erst lebendig werden müsst und euch zusammentun, um frei zu werden von allem Schiebertum und Wucher, von Faulem und Morschen. Kritisiert nicht an uns herum, weil wir anders sind, als ihr gewohnt seid. Wir müssen so sein. Hetzt nicht gegen uns, sondern helft mit, unser ganzes Volk frei zu machen und zu einer wahren Volksgemeinschaft zu führen. Seht, wir kommen nicht im Zeichen einer Partei, wir stehen nicht für rechts oder links, sondern wir stehen mit beiden Füßen auf der Erde und tragen den Kopf in den Himmel."

 

Kurt Kläber dichtet:

Er ist nur einer aus den dunklen Massen,
Doch seine Sendung hat ihn jäh erhöht,
Und seine Worte gellen durch die Gassen
Als wäre er schon immer ihr Prophet.

Der Aufrührer

 

Muck spricht weiter: ".... Er erzählt von den Geistigen und den Proleten, von den Lebendigen und den Toten, von Kasten und Parteimenschen. Dann wächst er ins Religiöse, er spricht von Christus, der auch kommen musste, um den Tempel zu reinigen. Und plötzlich ist es, als liefe ein Schauer durch die Menschen, als er dort oben über sie hin in den wolkenlosen Himmel hinauf glutdurchdrungen ruft:

Zurück zu Gott."

 

 

In der Barfüßerkirche

Am Freitagabend ½ 8 Uhr spricht Muck in der Barfüßerkirche. Ein Zeitzeuge referiert:

"Weder die Chronik der Jugendbewegung, noch die Geschichte der Erfurter Volksfeste dürfte den Abend des 27. August 1920 übergehen. Bereits eine Stunde vor Beginn des Vortrags von Muck-Lamberty gleicht die Barfüsserstrasse einem Schwamm, der im Aufsaugen keine Grenze hat. Menschenklumpen ballen sich durch die enge Kirchtür. Sitzplätze sind nicht mehr zu haben. In den Gängen enges Drängen. Ein freundliches Wort öffnet mir junger Menschen feste Kette, die den Choraufgang gegen die Menge abschliesst. Nun bin ich oben, darf an der Brüstung stehen und schauen. Der weite Raum ist schon übervoll und immer noch scheint der Zustrom kein Ende. Einer von der Schar bittet, zusammenzurücken. Hunderte finden noch ein Plätzchen. Die alten girlandengeschmückten Steinsäulen blicken verwundert auf das Gewimmel zu ihren Füssen: einmütig sitzt hier der Geheimrat neben dem Arbeiter, hockt dort der Handwerker neben dem Akademiker. An der Chortreppe erregter Stimmenwechsel. Man will den Organisten nicht zu seiner Orgel lassen. Ein aufklärendes Wort gibt ihm Raum. Drunten flammen inzwischen die Kerzen der kranzumwundenen Leuchter auf; Schirme und Stockrücken bringen die Gaslampen bis auf wenige zum Verlöschen. Feierliches Halbdunkel. Matt winkt der Goldgrund des Hochaltars zum Chor herüber, von dem jetzt ein Orgelvorspiel das trutzige Eine feste Burg …. einleitet. Nun ein Gesang jugendfroher Stimmen von Geigen und Orgel zart begleitet. Dann Stille … Utz, der Quartiermacher der Schar, begrüsst die Festgemeinde. Am liebsten möchten wir zu jedem einzelnen erst hingehen und ihm die Hand drücken…. Gleich darauf betritt ein anderer der Schar das lichter- und blumenumstandene Rednerpult. Ein Raunen und Flüstern durchsummt die Masse: Muck-Lamberty. Kaum hat er begonnen, tragen vom Kircheneingange her wilde Rufe Wellen der Aufregung in die Versammlung. Die Menge derer, die keinen Einlass mehr gefunden haben, hat scheinbar das Tor gesprengt. Allmählich tritt wieder Ruhe ein. Muck spricht weiter. Ja, das ist aber kein Vortrag, das ist Herzenszwiesprache, die er hält, das ist Erlebnis. Das spüren wohl auch zwei Jünglinge vom Deutschnationalen Jugendbund, die unten vorher einer dem anderen erklärt hatten, sich durch keine Stimmungsmacherei einfangen zu lassen. Als Muck nämlich, von den Schicksalen der neuen Schar ausgehend, auf das Lotterleben der meisten Studentenverbindungen in Jena zu sprechen kommt, sehen sie sich ganz verstört an - ich kann`s von oben beobachten - und verlassen gleich darauf die Kirche. Hoffentlich fruchtet`s bei denen! Von dem, was Lamberty an diesem Abend sagt, kann ich nur einiges Herausgreifen, es ist schier zu viel. Trefflich kennzeichnet dies der vertrauensselige Ausspruch eines alten Mütterchens nach Schluss: Wer den Kram gleich gefasst hat, für den wäre die Hälfte genug gewesen! O sei mir nicht böse, du liebes, altes Mütterchen, das ich dein Geheimnis preisgebe, Zeitungsmenschen sind in dieser Hinsicht undankbar. - Muck-Lamberty spricht vom

neuen jungen Menschen,

der aus der aufsteigenden Sehnsucht von Mann und Weib herausgeboren werden muss, von der Jugend, der man erst Zeit lassen soll, Mensch zu werden, bevor sie sich für Parteien entscheidet, und von der Meisterschaft der Arbeit: Im Erzgebirge gebe es hundert Meister, die nichts weiter könnten, als immer die gleichen Sofabeine drehen. Er meint die Meisterschaft der Arbeit, wo jeder mit ganzer Seele an einem Stücke schafft und diesem seinen ganz persönlichen Stempel aufdrückt. Zum Schluss weist er noch einmal darauf hin, dass seine Schar keinen Selbstzweck verfolgt, sondern nur Wegbereiter sein will für Menschen, die nach ihnen kämen und die uns noch Schöneres und Besseres zu sagen wüssten. - An alle, die an diesen Tagen die neue Schar sprechen hörten, sei die Bitte gerichtet: Hat dabei in euch etwas geklungen, so verarbeitet`s und helft: ist`s still in euch geblieben, so seid wie die guten Gärtner, lasst ruhig neben euch etwas wachsen, zerstört wenigstens nichts: Um unserer Jugend willen." (Lynkeus 28.8.1920)

Das gesellschaftliche Leben, rekapituliert Pfarrer Adam Ritzhaupt (1921, 4) die Rede von Muck, ist voller Lüge und Torheit, das Gesamtleben vergiftet durch den Parteienhass, die nationale Erziehung zerrissen, der Nationalstolz dahin, die Volkssitten verwüstet und die wirtschaftliche Situation unhaltbar. In der Trauer darüber ziehen sich die Alten in die Erinnerung zurück. Mucks Worte kreisten um den Zusammenbruch des Alten und die Empörung der Jugend. Empörung mit dem Mut und der Hoffnung, die Gewalt zu haben, zu reinigen und wiederaufzubauen, wächst allein der Jugend zu.

 

Abschied

Freitags predigte Muck noch in der Barfüsserkirche. So wird der Tag des Abschieds auf den 29. August gefallen sein. "Wo Muck in den Kirchen sprach", berichtete Eugen Diederichs (1921, 132), "konnte diese die Tausende nicht fassen, wo er eine Stadt verliess, gaben ihm ebenfalls Tausende winkend das Geleite."

"Als die Neue Schar aus Erfurt wegging, wurde sie von vielen Hundert nach dem etwa eine Stunde entfernten Möbisburg begleitet. Der Auszug war ein Triumphzug. Weinend haben viele Abschied genommen. … Muck hat geweint, das wurde mit besonderer Rührung erzählt." (Ritzhaupt 15)

"Gelegentlich einer Führertagung der Scharen in Erfurt" (Ritzhaupt) kehrte Muck am

12. Oktober (1920) in die Stadt

zurück. Es war rasch bekannt geworden, dass er in der Turnhalle der Königin-Luisenschule, Melanchthon Strasse, über die Eisenacher Eindrücke sprechen werde. Die Ankündigung versprach: "Das Zeitungsgewäsch über die Neue Schar wird klar gestellt werden." "Ein Junge aus der Schar," so begann die Veranstaltung, "las zu Beginn eine Episode aus Hessens neuem Buch: Zarathustras Wiederkehr. Muck hatte sich die Stelle selber ausgesucht." "Das Vorgelesene reizte unwillkürlich zum Vergleich mit dem Auftreten Muck-Lambertys. Deutschnationale Jugend beunruhigte die Versammlung und griff Muck insbesondere wegen seines Verhaltens in Eisenach beim Gesang des deutschen Liedes an. Muck-Lamberty verteidigte sich wirkungslos und nervös."

 

Stedten bei Erfurt

"Ich sah ihn, den Volksmann, wie er in der Allee von Stedten, einem kleinen Ort in der Nähe Erfurts, mit seiner Schar unter den Lindenbäumen vor dem grässlichen Schloss hockte und sang. Ich sah," so Rudolf Otto Wiemer 1975, "wie die vom Felde heimkehrenden Gutsarbeiter ihre Gaben, Schaufeln und Harken von den Schultern herabfallen ließen und sich ebenfalls auf die Erde setzten, zwischen Städtern, Ausflüglern, Andächtigen und Neugierigen. Muck Lamberty stand unter dem Baum und redete. Halblaut, fast leise fing er an, die Hand lag am Gürtel, als wollte er sich dort festhalten. Manchmal stockt er; der Strom der Geschichte schien ihn zu überwältigen.

Dann stiess er das Kinn vor, die Worte kamen wie eine Sturzflut über die Lippen, die Stimme grollte oder schrie, die Hand fuhr gebannt in die Höhe. Dann, mit ein paar halblaut hervorgestossenen Worten liess er, gleichsam und willig über sich selbst, die Buss- und Erweckungspredigt überraschend enden. Er setzte sich auf den Platz unter der Linde; die Schar sang: "Es dunkelt schon die Heide", die Gutsarbeiter fielen mir rauen Stimmen ein, danach die Städter, die Ausflügler." (21 f.)

 

Neudietendorf, 30. August bis 2. September

Wieder springt der Funken über. "Wie fröhlich waren wir in Neudietendorf und in Wandersleben", scribierte Muck in sein Wanderbuch.

Andere betrachteten das Treiben der Schar mit Sorge. "Nicht wir Neudietendorfer, sondern nur einige Lehrerinnen der hiesigen Mädchenanstalt sind der Neuen Schar nachgefahren", äussert ein Vertreter dieser Anschauungsweise im Dezember 1920. "Wir anderen glauben, dass die Jugenderzieherinnen eines Brüdergemeininstituts sich nicht mit Leuten vergesellschaften dürfen, die … ohne Trennung der Geschlechter im Bürgerquartier übernachten und auch sonst ein auf durchaus erotischer Grundlage ruhendes Zusammenleben führen, eine Tatsache, die mir kürzlich in Erfurt ein begeisterter Anhänger der neuen Schar zugegeben hat. Wir lehnen das ab, was uns Muck hierher gebracht hat, und halten dafür,

dass er nicht aufbaut, sondern zerstört, und zwar den letzten Rest dessen, das wir Anstand und gute Sitte nannten." (Neudietendorf)

Ein Teilnehmer des Zuges der Neuen Schar entgegnet später darauf:

"Das Verhältnis der Geschlechter bei der Stammschar untereinander war entgegen den späteren Lügen in den Zeitungen zuchtvoll und schwesterlich, genau wie im Wandervogel, und das Volk, mit dem wir täglich zu tun hatten, fühlte dies auch. Wenn es anders gewesen wäre, hätte man uns nicht täglich die hundert Kinder anvertraut." (Pluta 1970, 105)

Doch die Traditionalisten empfinden anders. Im Zusammenleben auf erotischer Grundlage wittern sie Gefahr. Sie wollen nicht, dass Frauen und Männer zusammen im Bürgerquartier nächtigen. Was in Neudietendorf die Form einer Sorge annimmt, walzt im Frühjahr 1921 die Kampagne Hau den Muck! zur moralischen Massenkarambolage aus.

 

Von Neudientendorf wandert die Neue Schar weiter nach Gotha. Der kürzeste Weg führt über Grossrettbach, Cobstädt und Seebergen. Dies sind etwa 17 Wanderkilometer und wäre gut an einem Tag zu schaffen. Die Gruppe erscheint aber erst sechs Tage später in Gotha. Wahrscheinlich nimmt sie den Weg über Wandersleben, vorbei an den Drei Gleichen. Sie geniesst die wundervolle Landschaft um die Wachsenburg, Burg Gleichen und Mühlburg.

 

 

Gotha, 8. bis 11. September
Die Kapuziner-Predigt

Augustinerkirche Gotha (um 2010)
Bildquelle unten angegeben

In Gotha, so wird berichtet, kamen der Neuen Schar die Schulen sehr entgegen.

Am 9. September spricht Muck in der Augustinerkirche zu Gotha, auf deren alten Kanzel einst Martin Luther gepredigt hat. Das Gotteshaus vermochte die grosse Zahl der Hörer kaum zu fassen. Am Tag darauf referiert das Gothaer Tageblatt: "Muck-Lamberty tobte, schrie und schimpfte volle 1 1/2 Stunden lang auf alles, was von seinem Standpunkte gemein und selbstsüchtig ist. Eine überaus freundliche Stimmung ging von den Blumen und Girlanden aus, die das innere der Kirche schmückten. Schon lange vor Beginn füllte sich der Raum. Es herrschte grosser Andrang. Selbst die Stehplätze wurden knapp. "Die Polizei sorgte für Ordnung. Wie ein Magnet, wirkte er auf weite Gothaer Kreise. Zu Hauf kamen sie in die Kirche mit den grossen Bogenfenstern und der Luther-Kanzel. "Die Augustinerkirche," drang am 23. Februar 1921 bis zum Neuen Wiener Journal, "auf deren alten Kanzel einst Martin Luther gepredigt hat, vermochte kaum die gewaltige Schar von Hörern zu fassen." "Und vorn, inmitten der Liegenden, Sitzenden, Stehenden, auf einem Pult, im Sonderlicht zweier Leuchter, einer im Leinenkittel und wallenden Haar, der eifert und eifert um das junge Leben. Das Ganze ein Bild", so das Gothaer Tageblatt zwei Tage nach der Predigt, "von phantastischer Kraft."

Sie werden von Rechts als auch von Links angegriffen, beklagt der Prediger der Jugend. "Dabei wollte doch die Neue Schar nur bei Ablehnung aller Standesunterschiede eine neue Form der Geselligkeit und des körperlichen Erlebens" schaffen. "Sie wollen frei werden von den erdrückenden und trügenden Lasten der Vergangenheit und suchen mit heissem Bemühen eine Form neuen Lebens .…", schildert ein Zeitzeuge am 11. September 1920 im Gothaer Tageblatt seine Eindrücke über Mucks Auftritt.

Die Presse verübelt ihn ein wenig seine Angriffe. So urteilt dann das Gothaer Tageblatt am 10.September: "Muck-Lamberty arbeitete, wie alle Schwärmer, viel mit Übertreibungen, er leidet aber auch an starker Selbstüberschätzung und blieb bei seiner Kapuzinerpredigt nicht so objektiv, wie man es hätte erwarten können."

Als die Neue Schar im Hof von Schloss Friedenstein spielte, kam es "zu wüsten Tumulten", meldete am 11. September 1920 das Neue Wiener Journal. "Ein Trupp jugendlicher Kommunisten, wollte die Aufführung sprengen. Nach langen Reibereien beschloss man, dass am Donnerstag abend eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen den Jugendgruppen stattfinden soll. Er werden sich je zehn Leute der deutschnationalen, der deutschvolksparteilichen, der demokratischen, der sozialdemokratischen, der unabhängigen und der kommunistischen Jugendgruppe zur Aussprache im Gothaer Schlosshof versammeln." Die Stadtzeitung kündigte diese Treffen für den 10. September im Teeschlößchen an.

Aus Sicht der Mitteldeutschen Zeitung (Erfurt) vom 16. September 1920 hinterliess die Gruppe in Gotha den Eindruck überspannter Schwärmerei. "Doch das wäre nicht das Schlimmste. Bei einer Besprechung mit den Vertretern der Jugendgruppen hat der Führer der Neuen Schar Muck-Lamberty sich offen für die Internationale und die Verbrüderung mit den Franzosen (!!) usw. ausgesprochen und deutscher Art und deutschen Wesen in unglaublichster Weise verspottet". Er rühmte sich offen, eine nationale Kundgebung in Berlin Tempelhof gesprengt zu haben.

Weiter geht die Wanderung.

 

Friedrichroda, 16. September

Die Thüringer begüssten die bunte Truppe freundlich und nahmen sie herzlich auf. Oftmals löste es ein tieferes Nachdenken über ihre Aktionen und Kleidung sowie die Jugendbewegung aus. So ist es auch in Friedrichroda. Am 20. und 22. September erscheint von A. Stier in der hiesigen Zeitung ein kritischer und zugleich ermunternder Aufsatz unter dem Titel Die "Neue Schar". Der bisweilen scharfe, oftmals durchaus gedanklich tief angelegte Streit um die Neue Schar, belebte ihre Tour ungemein und trug zu ihrem Erfolg bei.

Friedrichroda ruht inmitten von Bergen und Wäldern und zählte damals ungefähr 5 000 Einwohner. Im Norden schliessen sich die Cumbacher Teiche an. Ganz in der Nähe, dass ehemalige Kloster Reinhardsbrunn, jetzt Schloss Reinhardsbrunn. Auf ihren Wiesen kündigte die Neue Schar täglich um 9 Uhr früh, nachmittag 2 Uhr und 6 Uhr abends Spiele, Volksgesang und Tanz an. Sie will, so heisst es, ein wahres Volkstum wecken und damit zur Volksgesundung beitragen. Alles wurde gut aufgenommen und verstanden. Beeindruckend wie tief dies am 17. September 1920 die Friedrichrodaer Zeitung nachempfindet:

"Und wenn sich nach den Spielen die "Neue Schar" unter den Bäumen am Wiesenrande im weichen Moss niederlässt und das zuhörende Volk andächtig zu ihren Füssen ruht und den alten vielstimmigen Volksliedern lauscht, so lieblich und wunderschön von den Lippen der Burschen und Mädels erschallen, verliert sich da mancher Blick im weiten Wiesengrunde in der hohen Baumkrone einer alten Eiche, in deren Gipfel man ein wundersames Märchen zu schauen meint: Das ist nicht der Mensch, der zum Menchen redet, das ist das Gemüt, die Seele, die zur Seele spricht." 

 

 

Eisenach, 25. September bis 8. Oktober

Marktkirche in Eisenach (um 2013).
Fotografin Lena Tamm

Die Stadt Eisenach hatte damals etwa 42 000 Eiwohner und ihr Wahrzeichen - die Wartburg - zieht Jahr für Jahr viele Touristen und Konferenzen, Tagungen aller Art an. Friedrich Muck-Lamberty wird am 30. September 1920 in der Marktkirche eine aufsehenerrende Predigt halten.

Schriftsteller Franz Hammer schreibt 1975 (51) über seine Begegnung mit der Neuen Schar in Eisenach: "Merkwürdige junge Leute waren in unsere Stadt gekommen. Die Burschen hatten auffallend langes Haar, das bei einigen bis auf die Schultern herabhing, und trugen kurze kniefreie Hosen, darüber bunte Kittel, die in der Hüfte von einem Gürtel zusammengehalten wurden. Die Mädchen gingen meist in weiten Leinenkleidern aus bedrucktem Stoff und ließen das Haar in langen Zöpfen nach vorne hängen oder flochten diese zu einem Kranz um den Kopf. Sie wollten jung sein, bevor sie alt werden. Und dazu brauchen sie keinen Lippenstift, Parfüm oder Zigaretten. Singend durchzogen die Burschen und Mädchen die Straßen, und auf freien Plätzen tanzten sie wie kleine Kinder im Kreise:

Hier ist Grün, das ist Grün unter meinen Füßen, hab verloren meinen Schatz, werde ihn suchen müssen…."

Mit Jung und Alt wollen sie von diesem Samstag bis zum übernächsten Montag spielen, tanzen und die Menschen aufrütteln. Das spricht sich schnell herum. Jugendliche kommen an diesem und dem nächsten Wochenende aus Gotha, Erfurt, Weimar und Friedrichroda herüber. Muck redet in der Marktkirche.

 

Emil Fuchs und seine
Verlobte Else (1906). Sie hatten vier Kinder, eines war der später als Atom-Fuchs berühmt gewordene
Sohn Klaus (1911-1988).

Alles wie immer? Nein. Familie Fuchs lädt die Neue Schar in ihr Haus ein. Sie ist wissbegierig.Vor zwei Jahren war der Ehrendoktor der Universität Giessen Emil Fuchs (1874-1871) im Westbezirk von Eisenach zum Pfarrer gewählt worden. 1921 tritt er der SPD bei. Vierzig Jahre später erzählt er in Mein Leben (53f.) über die Begegnung mit der Neuen Schar: "Am Abend - wie schon am Tage vorher - war" Muck "mit der Schar bei uns. Alles, was Enge mit ihm zusammen sein wollte, füllte unsere Räume. In drangvollster Enge wurde gesungen und debattiert. In den nächsten Tagen wurde auf allen Plätzen Eisenachs getanzt, sobald der Feierabend gekommen war. Alt und Jung, wir Pfarrer und Pfarrersfrauen, die Diakonissen mit ihren Hauben, alles schwang sich im ungeheuren Kreis, der einen ganzen Platz umfasste." Hier schwingt Anerkennung mit, weshalb es Pfarrer Fuchs (54) leicht fällt zu bekennen: "Meine Frau und ich stellten uns sehr gern zu dieser Bewegung. Wir freuten uns der erwachenden Selbständigkeit, der Naturfreude, der Ablehnung von Alkohol und Nikotin - vor allem aber auch der leidenschaftlichen Art, mit der die großen Zeitfragen bewegt und durchgesprochen worden. Wir konnten der Bewegung auch äußerlich manches leisten, indem wir ihr unsere großen Räume und unseren Garten am Berg für ihre Zwecke zur Verfügung stellten."

Unter dem Eindruck der Erlebnisse mit der Neuen Schar in Eisenach, legt Emil Fuchs 1921 (143) im Kunstwart seine moralischen Ansichten zur Freien Liebe dar. Wenn er die Liebe zur conditio-sine-qua-non für die Ehe erhebt, kann man dies nach dem Leuchtenburg-Skandal als Kritik an Friedrich Muck-Lamberty lesen. Es war aber zugleich eine Stimme für ihn, weil er ebenso Erscheinungen der bürgerlichen Ehe kritisiert. "Wir kennen sie leider als die Öde zweier Menschen, die einander faul oder müde geworden sind. Ist das die Ehe .... ?" "Ja, es ist viel Unwürdiges und Unmögliches in der Ehegesetzgebung ..…"

 

"Auch ich", gesteht Franz Hammer 1975 (51) in Traum und Wirklichkeit , tanzte und sang [in Eisenach] mit. Von einem blauen Zettel lernte ich die Lieder der Neuen Schar und ihres Führers Muck-Lamberti, von dem man wie von einem Gottgesandten nur in Verzückung sprach." Doch dann, über vierzig Jahre später, stösst er mit dem Dreizack aus Schönlebe, Schmarotzer- und Faulenzertum auf die Neue Schar ein:

"Die Langhaarigen seien auch [zum Gottesdienst] in der [Markt]-Kirche, hiess es -

diese Nichtstuer,
die sich eine Schönlebe machten,

während andere zur Abwehr der sich täglich steigernden Not tüchtig arbeiten mussten; Raus mit den Schwarzweißroten und raus mit den Schmarotzern!"

Die Tageszeitung Das Volk (Erfurt) veröffentlicht dies 1968 unter der Schlagzeile

Als 1921 die Langhaarigen kamen.

Irgendjemand vertut sich mit der Jahreszahl. Es war ja bekanntlich 1920. Insgesamt folgt die Kritik der Zeitung modischen Formen des dogmatischen Denkens. Dennoch meint es Franz Hammer unbedingt ernst. Warum sonst wiederholt er diese Anwürfe 1975 in Traum und Wirklichkeit (53f.)? Wer dieses oberflächliche Urteil aus dem Volk zur Neuen Schar übernimmt, der braucht nicht darüber nachdenken, was gut an ihr war und was die Nachkommenden vielleicht besser machen müssten. Helmut Gollwitzer sprach es auf dem Meissner-Tag 1963 (54) klar aus:

Friedrich Muck-Lamberty mit Kindern
in Eisenach, September / Oktober 1920

"Wohl hat es Notwendigkeit und Sinn, uns Rechenschaft zu geben, was heute zu lernen sei aus den damaligen Aufbruch deutscher Jugend, aus seinen Erfahrungen und seinem Verlauf, aus seinem Gewinn und aus seinen Irrtümern."

Die politischen Hintergründe für die Ablehnung von Muck sind unschwer erkennbar: Als der Aufsatz 1968 erschien, waren die Langhaarigen im öffentlichen Raum nicht akzeptiert und geachtet. In Westeuropa protestierten sie gegen das Establishment. Ausserdem konnte sich die Partei- und Staatsführung nicht so recht für den Kampf der Jungen gegen die Alten erwärmen. Wohlüberlegt klebt die Tageszeitung aus Erfurt der Neuen Schar das Etikett "Deutschnationale Jugend" auf, was 1968 bedeutet: Die waren reaktionär. Und genau das waren sie nicht! Kein Wort von der Rebellion gegen die Alten. Keine Silbe über das originelle Spiel und Tanzen, den erfrischenden jugendlichen Idealismus. Kein Buchstabe über ihren mutigen Kampf mit den Philistern.

 

Wieder werben sie mit grünen Handzetteln für ihre Aktionen. Schon einen Tag nach ihrer Ankunft, Sonntag, den 26. September, stürmen über tausend Kinder auf sie ein. Erneut stellt die Gruppe und Muck beim Spielen und Tanzen ihr Talent unter Beweis.

Im Kreis wimmelt es von Kindern.

Bedingt durch Krieg, Hungersnot und Epedimien wuchsen sie auf, erinnert Eugenie Schwarzwald (1872-1940), ohne Freude, ohne Milch, ohne Semmel, ohne roten Luftballon. Zum Gedeien fehlte ihnen Unbefangenheit und Sorglosigkeit. Aus ihrem gefährlichen Spaziergang durch das eigene Innere, reisst die Neue Schar heraus. Sie gewinnen Expressivität, erleben was in ihnen steckt: Kreativität und soziale Kraft!

Noch herrscht unter ihnen ein einziges Durcheinander. Dann treten nacheinander zehn Kinder in der Mitte des Kreises und singen eine als Reim geformte kleine Geschichte. Sie führen das Gesungene vor, unterschiedlich in der Bewegung und Kleidung. Schliesslich passen aber doch alle zusammen. Auf diese Weise ordnet das Singspiel Zehn kleine Negerlein das Chaos in der Gruppe. yy

"Eine besondere Freude für die Jungen ist es, einen Kreis zu bilden, ihn zu verengen und dann mit aller Gewalt rückwärts zu laufen", beschreibt Albin Sauermilch am 30. September 1920 eines ihrer Lieblingsspiele. "An der Stelle, wo die Kette reisst, scheiden zwei Mann aus. Manch einer setzt sich dabei zur allgemeinen Freude auf seine natürliche Sitzfläche. Weiter geht das Spiel Spiel, bis der verengte Kreis durchaus nicht mehr reissen will."

"Haben sich die Kinder müde gesprungen, so werden Märchen erzählt oder man wandert langsam unter Gesang über den Spielplatz. Einige Neuschärler können sich vor der Zuneigung der Kinder gar nicht bergen, und wenn sie zum Essen nach Hause gehen, so wandert eine unentwegte kleine Leibgarde mit in die Stadt zurück: das Märchen vom Rattenfänger oder Schwan klebt an ist Wahrheit geworden." (Sauermilch 1920)

Am Wochenende suchen die verschiedensten Vereinigungen und Vereine Eisenach auf, um hier über ihre Aufgaben zu beraten. Darunter die Freunde der freien Volkskirche in Thüringen und der Provinz Sachsen, der Bund für Gegenwartchristentum im Freistaat Sachsen und die Freunde der christlichen Welt (FCW). "Die Schar war bei allen Tagungen zu Gast", registrierte Pfarrer Adam Ritzhaupt. Auf der Wartburg tagte vom 29. September bis 1. Oktober 1920 der FCW. Pfarrer Friedrich Gogarten (1887-1967) spricht am 30. September im Wartburgsaal über Die Krisis der Gegenwart. Ein Thema das Muck interessierte. Aber er wollte ja selbst einen Vortrag halten ....

Vortragsankündigung der Eisenacher Zeitung

Über diesen Tag notierte Bischof Wilhelm Stählin (1883-1975):

"Es war im Herbst 1920, als ich an einer Tagung Freunde der christlichen Welt auf der Wartburg teilnahm, wo Gogarten einen Vortrag über Religion als Krisis der Kultur hielt. Ich verstand nicht, was er meinte - das lag gewiss an mir -, und ich verliess die Wartburg, um nach Eisenach hinunterzuspringen, wo Muck Lamberty in der Marktkirche, die ihm zur Verfügung gestellt worden war - was war damals alles möglich! -, eine höchst erstaunliche

Bußpredigt gegen
die Hartherzigkeit und Gemütskälte

der bürgerlichen Kreise hielt. Mit seiner originellen Art, die so ganz und gar nicht kirchlich konventionell war, erreichte er Tausende, die der Kirche gänzlich fremd gegenüberstanden." (1968, 179)

Wie in Rudolstadt, Saalfeld oder Jena, spricht Muck am 30. September um ½ 8 Uhr abends in der Marktkirche über die Revolution der Seele. Tags darauf gibt ein Augenzeuge seine Eindrücke wieder: yy

"In einer seltnen Kirche war ich heut [am 30. September 1920] -. Wohl war es von aussen die alt vertraute Marktkirche [Georgenkirche], aber innen bot sich ein neues ungewohntes Bild unsern Blicken dar. Menschenmengen aus allerlei Ständen drängten sich darin zusammen, sassen, standen, lagen auf der Erde. Bis in die obersten Emporen hinauf war alles gefüllt mit Menschen, darunter viel Jugend, die einen sehr seltsam erwartungsvollen Ausdruck im Gesicht hatte. Auf der Kanzel stand kein Pfarrer im Talar, sondern an einem Pult über den Altarstufen ein Mann im dunkeln Kittel, mit halb lang geschnittenen Haaren und ein paar Augen, die das ganze energisch geschnittene Gesicht überstrahlten. Man fühlt diesen Augen an, dass sie tief in das Leben gesehen haben und aus den Tiefen einen Schatz herausholten, den weder Motten noch Rost fressen kann, ein Herz, das heiss in starker Liebe schlagen kann und ein Gemüt, in dem die Güte daheim ist, Muck Lamberty, der seit 4 Monden durchs Thüringer Land zieht in einem Zeichen, dem widersprochen wird. Wo er hinkommt, kann Niemand an ihm vorbei, er muss irgendwie zu ihm Stellung nehmen, ob er ihn nun annimmt oder ablehnt; vielleicht reiben sich sogar die am stärksten an ihm, die ihn ablehnen und wer ihn bekämpft, muss ja irgendwie von ihm getroffen sein." (Einheimisches)

Etwas verärgert äussert sich Pfarrer Adam Ritzhaupt (16) über die Predigt:

"… aber seine Rede hat mich umso mehr enttäuscht." "Mit keinem Wort ging er auf das eben Gehörte ein; über den ersten Abend, der ihm offenbar zu hoch war, hatte er ein paar platte Ausfälle; wieder konnte man sich über ihn ärgern, dass er sich anmaßt, über Dinge zu reden, von denen er nichts versteht. .... Er nahm nur Gelegenheit, seine Schlager anzubringen, die ich alle in Erfurt schon gehört hatte. Er brachte sie wortwörtlich wieder, mit derselben Einseitigkeit, konfus durcheinander, wie sie ihm eben aufstiegen."

Pfarrer Emil Fuchs nahm den Vortrag in der Georgenkirche deutlich anders auf. "Um den Altar lag die Schar", erzählt er in Mein Leben (54). "Erst sprach ich kurz von der Kanzel, dann er vom Altar. Die Kirche war überfüllt, und wir waren hingerissen von der Glut seiner Botschaft, von der neuen Art gemeinschaftlichen Lebens." Darüber war, wenn die Muck-Biografen auf Eisenach zu sprechen kamen, wenig bis gar nicht die Rede. Dafür strapazierten sie immer wieder ein anderes Ereignis. Es soll sich am 4. Oktober zugetragen haben. In der Georgenkirche geniessen die Teilnehmer der Neulandtagung einen Bach- und Lutherabend. Zwischen den musikalischen Darbietungen spricht Professor Gottfried Baumann aus Leipzig zum Thema Moderne Jugendkultur mit ihren Bewegungen und Neuland. Ihn bewegt die geistige Unterernährung im Wandervogel, die allgemeine Ziellosigkeit, die Notwendigkeit einer Neuorientierung und die überbordende Sehnsucht nach Religiosität. Auf Wunsch der Versammlung soll die anschliessende Aussprache nur unter der Jugend und ihren Ratgebern stattfinden. "Die anwesende Neue Schar verliess darauf mit ihrem Führer Muck-Lamberty den Saal unter dem Rufe: Gedanken sind frei." (Neulandtagung)

"Bei den Deutschnationalen erregte" die Neue Schar "Ärgernis, als sie bei dem Liede Deutschland, Deutschland über alles sitzen blieb, angeblich, weil bei der Feier geraucht und getrunken wurde." Hier gibt Pfarrer Ritzhaupt (15) die Geschehnisse nicht ganz korrekt wieder. Wohl ist es zutreffend, dass die Schar bei Deutschland, Deutschland über alles nicht mit einstimmte. Doch sie verweigerten sich, brieft Muck am 8. Februar 1921 den Admiral Scheer in Weimar, "weil man in einem Atem von Liebe und Rache sprach, von der Not, von Valuta und Opfern, die ein jeder bringen soll und dabei viel Bier und Tabak verbrauchte."

Das Foto zeigt die Neue Schar am Tag des Abschieds auf dem Karlsplatz von Eisenach. Vielleicht ist es der 8. Oktober 1920. Am rechten Rand des Bildes sind das abgelegte Gepäck und dahinter die blaue Fahne zu sehen. Links davon steht Friedrich (= Muck). Die Gruppe sammelt sich gerade zum Abmarsch. Es finden sich Erwachsene und Kinder ein. Typisch das spontane Tanzen. Zu den eigentlichen Happenings der Neuen Schar eilten aber wesentlich mehr Menschen herbei.

Bild: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen. Bestand: Neue Schar A 17, Nr. 1.

Gut an Mucks Sache ist, urteilt die Eisenacher Zeitung am 6. Oktober 1920, dass er das Programm der Klassenversöhnung vertritt. Zum Abschied der Neuen Schar aus Eisenach erteilt der namenlose Kritiker ihr den Rat: Doch muss sie sich dabei "peinlich vor äußerlichen Lächerlichkeiten und innerlichen Ungerechtigkeiten hüten, weil man sonst von vornherein sein Werk diskreditiert!" Ihm missfiel vor allem der Exhibitionismus der Gruppe. Gemeint waren damit die unbestrümpften Beine. "Jedenfalls stösst diese Sucht, aufzufallen," stellt er fest, "mit ihren hässlichen Aeusserlichkeiten gerade die Kreise vor den Kopf, die zu gewinnen erste Aufgabe der neuen Schar sein sollte." "Leben wir in Amerika, um eine neue Idee durch groteske Äusserlichkeiten propagieren zu müssen?"

Auf öffentlichen Plätzen tanzt die Neue Schar mit Erwachsenen. Kinder leiten sie zum Tanz und beim Spiel an. Ihnen gegenüber sind sie besondes aufmerksam und einfühlsam. Durch Aktionen in der Art Kirche von Unten belebt die Neue Schar in guter Weise das Leben zwischen Christen und Atheisten. Nach schweren Kriegsjahren und bürgerkriegsähnlichen Kämpfen im März 1920 erhält die menschliche Begegnung im öffentlichen Raum wieder eine grössere Wertschätzung. So veränderte die Tanz- und Spiel-Company das Thüringer Land und vermittelte den Bürgern wertvolle kulturelle Impulse.

"Dem, der jetzt durch die Städte des Thüringer Landes geht," schreibt 1921 Bezirksjugendpfleger Gustav Schröer (Erfurt) in Auf den Spuren der Neuen Schar, "fällt es auf, dass er in den abgelegensten Straßen Jungen und Mädchen im Kreise tanzen sieht und singen hört, ganz anders, als das bisher gewesen. Der Dreikäsehoch hat irgendein bezopftes kleines Ding an der Hand, und: Es geht nichts über die Gemütlichkeit, ei ja, gucke da kollert es lustig von den Wänden wieder. Der Vater geht mit der Mutter uff die Kirchweih, tut dass so bedeutend und breitbeinig, dass die Vorübergehenden ein Weilchen stehenbleiben, und hätten sie es noch so eilig. In ihren Augen aber liegt dabei allerlei Nachdenkliches. ….

Der Tag gehört den Kindern, der Abend den älteren Buben und Mädeln. Auch die drehen sich im Kreise, und alle Röcke fliegen. Sie tanzen nicht Tango und Foxtrott, es züngeln keine heimlichen Flammen zwischen ihnen, die Wangen glühen,`der Mund lacht, die Augen leuchten. Vom Himmel her aber lacht der alte Mond."

 

Fortsetzung (auf neuer Website)

Autor: Detlef Belau
Urfassung: 2005.
Überarbeitet: 2013.
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