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Ein eigenartiges Fest.

Ein eigenartiges Fest wird sich am Sonnabend, den 7. Juni unterhalb der Werkstätten von Professor Schultze-Naumburg in Saaleck abspielen, ein richtiges Künstlerfest mit berühmten Namen und voll Jugendfreude. Es ist eine Veranstaltung der künstlerischen Kreise von Weimar und Jena in Verbindung mit den Kunstkreisen Leipzigs, um die aus ganz Deutschland herbeigeeilten Mitglieder des "Deutschen Werkbundes" und die Delegierten der deutschen Kunstgewerbevereine, die in Leipzig zwei Tage lang tagten, in Thüringen willkommen zu heißen. Der Werkbund ist der Zusammenschluß der führenden Kunstgewerbler wie Peter Behrens, Bruno Paul, Richard Riemerschmid usw., der modernen Architekten und Kunstschriftsteller mit der Industrie, um die deutsche Arbeit zu vergeistigen. Die Mitgliedschaft kann nicht erworben werden, sondern sie erfolgt durch Einladung. Dem Festkomitee gehören unter anderen an die Oberbürgermeister von Jena, Naumburg und Kösen, Professor van de Velde-Weimar und Verlagsbuchhändler Eugen Diederichs Jena. Nach Besichtigung des Naumburger Domes und anschließendem Mittagsmahl im "Mutigen Ritter" in Kösen beginnen die "Lustigen von Weimar und Jena", unterstützt durch Leipziger Musensöhne und Musentöchter, um 4 Uhr alte Volkstänze mit Gesang zu tanzen. Es sind dies keine Vorführungen, sondern Lebensäußerungen. In dem künstlerischen Teil des Festes bringt die Reformtänzerin Clotilde von Derp - München entzückende Solotänze und das berühmte Waldhorn-Quartett des Leipziger Gewandhaus-Orchesters läßt sich hören. Ein Kasperle[-]theater tritt auf, Weimarer Kunstschüler tanzen indische Tänze, Robert Kothe, der bekannte Sänger zur Laute, sammelt die Jugend um sich, Emil Milan, wohl unser bester Rezitator, erzählt unter Bäumen alte Geschichten. Den Clou bildet aber eine Aufführung von Goethes Fischerin in der Dämmerung an dem Saalufer der Stendorfer Wiese. Die Leitung hat der Regisseur Franz Pe[s]chel übernommen, der schon in Sesenheim und Straßburg die Fischerin in höchst eigenartiger künstlerischer Weise zur Aufführung im Freien gebracht hat. Die Bauern von Lengefeld und die Architektenschaft von Saaleck beteiligen sich etwa 50 Mann stark an der Vorstellung; die Hauptrollen liegen in den Händen von Fräulein Marie Luise Olbrich, von der Leipziger Oper, Kammersänger Otto Rudolph, vom Hallenser Stadttheater, und Herrn Elster - Jena. Die Musikbegleitung hat die Kurkapelle der Stadt Kösen unter Leitung ihres Dirigenten Walther übernommen. Etwa 20 Schiffernachen sind an der Aufführung beteiligt. Zum Schluß fährt der größte Teil der Gäste unter Gesang alter Volkslieder mit Zupfgeigenbegleitung auf Flößen und Gondeln in Fackelbeleuchtung auf der Saale nach Kösen, um dann mit Extrazug wieder nach Leipzig zurückzufahren. Für die Kösener dürfte es sich wohl lohnen, abends um 10 Uhr von der Rudelsburg aus das farbige Bild der Saalfahrt zu genießen. Wer von den künstlerisch interessierten Kreisen Jenas sich an dem Fest beteiligen will, ist gebeten, sich bei Herrn Hofbuchhändler Klostermann i. Fa. Frommannsche Buchhandlung schriftlich zu melden. In beschränkter Anzahl stehen Festkarten zum Preise von 5.- M. zur Verfügung, die Sonnabend nachmittag von 3-4 Uhr auf der "Katze" in Bad Kösen ausgegeben werden. Vielleicht findet am Sonntag, den 8. Juni, eine Wiederholung der Aufführung der Fischerin für die Bewohnerschaft von Kösen und Naumburg zu Gunsten eines wohltätigen Zweckes statt.

 

Aus: Jenaer Volksblatt. Organ der Fortschrittlichen Volkspartei des 3. Weimarischen Reichstagswahlkreises. Jena, den 30. Mai 1913, Seite 2

Autor: Detlef Belau

6. Juni 2010

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