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Zur Linde 1930
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Der Volksbote (Zeitz)
meldet am 17. Dezember 1930:

"Revolver als geistige Nazi-Waffen.
Blutige Saalschlacht bei Naumburg.

Zehn schwerverletzte Reichsbannerleute. - Zahlreiche Leichtverletzte - Vernünftige Kommunisten."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Saalschlacht im Gasthof Zur Linde

Sonntag für Sonntag bringen die NSDAP-Parteiaktivisten den Völkischen Beobachter in Naumburg und Umgebung in die Häuser. Regelmäßig trifft man sich zu Versammlungen. Später bevorzugt man dafür gern das "Goldene Hufeisen" (Marienstraße). Die Vorkämpfer der "Bewegung" waren 1930 außerordentlich ambitioniert, die "Konjunktur des sozialdemokratischen und demokratischen Parteibuchs" in Naumburg zu brechen. Dies stößt natürlich auf Gegenwehr seitens der SPD, KPD, der Freidenker, "Naturfreunde" (SPD), Gewerkschaften und Antifa. Die Spannungen brechen sich oft bei politischen Versammlungen ihre Bahn.

Blick zum ehemaligen
Gasthof Zur Linde

 

Am 15. Dezember 1930 findet im "Gasthof zur Linde" in Almrich eine Versammlung der NSDAP-Ortsgruppe statt. Darauf meldet der Volksbote am 17. Dezember: "Zu einer blutigen Saalschlacht schlimmster Art zwischen Nazis, Reichsbanner und Antifas kam es Montagabend in dem Naumburger Vorort Almrich", meldet der Volksbote. "Die Nazis hatten ihre SA-Banditen aus dem ganzen Bezirk, bis aus Weißenfels, Freyburg und Querfurt zusammengezogen, und den Saal mit ungefähr 120 der schlimmsten Schläger besetzt." (Volksbote)

Die Polizeibeamten Oberlandjäger Schauer (Naumburg), Oberlandjäger Lipke (Lengefeld) und Landjägermeister Jurkscheit (Altenburg) sowie Oberlandjäger Stössel (Mertendorf) sind zur Sicherung des ordnungsgemäßen Ablaufs der Versammlung hierher abkommandiert.

Als die 150 Mann starke Naumburger Antifa-Gruppe anrückt, befinden sich Schauer und Lipke vor dem Eingang zum Gasthaus. Mittlerweile füllt sich der Saal. Die am Eingang des Gasthauses stehenden Polizisten lassen etwa 40 der Neuankömmlinge ungehindert hinein. Bei den Landjägern am Saaleingang kommen sie aber nicht weiter. Die Menge vor dem Gasthof ruft jetzt "Schauer zurück" und drängt ihn beiseite. Schließlich kommt er noch zu Fall und verliert seinen Tschako. Lipke kann die Menge nicht aufhalten. Er versucht sich der Bedrängnis zu erwehren, indem er vom Gummiknüppel Gebrauch macht. Alle Kommandos der Polizei werden ignoriert. Der Pulk stürmt jetzt die Treppe hinauf vor die Eingangstür zum Saal im ersten Stock, wo der Polizeibeamte Stössel steht und ruft: "Alles zurück, keiner kommt hier herein."

 

 

"Der Saal war schon fast gefüllt, als plötzlich die gesamte Naumburger Antifa in Stärke von fast 150 Mann ebenfalls Einlaß begehrte. Die am Hauseingang postierten Landjäger ließen ungefähr 40 Antifaleute ungehindert passieren, die Landjäger am Saaleingang jedoch verwehrten den Eintritt. So wurden die Kommunisten im Hausflur eingeklemmt, und es kam zwischen ihnen und den Landjägern am Eingang zu einer kleinen Plänkelei. Spontan erhoben sich im Saal die Reichsbannerleute und erklärten, durch Zusammenstellen der Tische Platz machen zu wollen."

Volksbote (Zeitz), 17. Dezember 1930

 

 

Unter den Drängelnden im letzten Drittel des Zuges ist der Arbeiter Kurt Müller, geboren am 23. November 1907 in Naumburg, wohnhaft Weißenfelser Straße 6. Er wird durch das Amtsgericht Naumburg am 17. Februar 1931 wegen Widerstands gegen die Vollstreckung von Gesetzen, Befehlen und Anordnungen zu einem Monat Gefängnis nebst Übernahme der Kosten verurteilt.

Aber was sich hier zwischen dem unteren Hauseingang und dem Einlass zum Saal ereignete, war zu dem, was nun noch folgt, nur eine Plänkelei.

Gasthof Zur Linde
in Almrich (Naumburg)

 

Inzwischen rücken im Saal Naumburger Reichsbanner-Leute für die Antifa zusammen. In diesem Moment gibt der Führer der Naumburger SA Bolz ein Pfeifsignal, worauf seine Anhänger die überraschten Reichsbannerleute mit Biergläsern, Flaschen, Gartenstühlen und Tischtrümmern bewerfen. Etwa zehn Reichsbannerleute brechen verletzt zusammen. Besonders schwer traf es den Führer des Reichsbanners. Mit gezogenem Revolver treten nun die Landjäger dazwischen. Aus einer offenen Tür wird ein Schuss gegen einen Landjäger abgegeben. Der springt sofort in Deckung und erwidert das Feuer. Die Polizei wird nun Herr der Lage. Inzwischen ist das Überfallkommando aus Weißenfels eingetroffen. Bei der Durchsuchung des Saales finden sich zwölf Revolver, scharf geladen, modernster Bauart, berichtet der "Volksbote". Dazu kommen Totschläger und Gummiknüppel.

"Im Anschluß an diesen heimtückischen, faschistischen Überfall", endet der Bericht des Zeitzer Volksboten, "fanden sich Reichsbanner und Antifa spontan zu einer gemeinsamen Demonstration durch das schwarze Naumburg. Eindrucksvoller war selten eine Kundgebung als diese ganz selbstverständlich von den Massen gebildete `Einheitsfront` mit dem Ruf der Antifa:

Rache für unsere Reichsbannerkameraden!"

 

 

Müller, Kurt. Anklageschrift des Amtsgerichts Naumburg vom 12. Januar 1931 und Urteil des Amtsgerichts Naumburg vom 17. Februar 1931, unveröffentlicht

Revolver als geistige Nazi-Waffen. Blutige Saalschlacht bei Naumburg. In: Der Volksbote, Zeitz, am 17. Dezember 1930


Autor:
Detlef Belau


Letzte Änderung

30. Mai 2008

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