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Walter Hege als Filmemacher

1932 erwarb Walter Hege, der inzwischen längst in Weimar lebt, billig eine alte Ernemannfilmkiste. "Jetzt wurde gekurbelt, vorbeihastende Menschen, Marktfrauen mit Kiepen, Radfahrer, Fuhrwerke, Autos und Hunde", erzählt sein Bruder Fritz 1956 (118). Unheimlich viel Geld kostet ihm dann eine moderne Filmkamera mit Motor, die angeschafft werden musste. Er führte die Kamera und auch Regie, schreibt das Buch und macht den Schnitt. Es entstanden: "Am Horst der wilden Adler" (1932), "Auf den Spuren der Hanse" (1934), zusammen mit Felix Lampe und der Thüringenfilm "Erlebte Heimat" (1934), "Schicksal eines Falkenhorst" (1934), "Das Steinerne Buch" (1937/38), "Riemenschneider - Der Meister von Würzburg" (1937), "Riemenschneiders Werke in Franken" (1937), "Die Krone Frankens" (1951). - Fritz Hege zählt 1956 fünfzehn Bildbücher und zwanzig Kulturfilme.

Zusammen mit seinen Schülern Fritz Aly, Justus Böttcher und Martin Hanschfür reiste Hege 1933 für etwas drei Monate zu Filmaufnahmen nach Lübeck, Stralsund, Rostock, Wismar und in andere Städte. Es entsteht der UFA-Film "Auf den Spuren der Hanse" (Chronik 254). Dabei war ausserdem seine Meisterschülerin Ursula von Löwenstein, die ihn auch bei den wichtigsten Filmprojekten nach Griechenland (1935), Italien (1936) oder Bamberg (1937/38) begleitet.

Am 10. Februar 1935 hatte sein Film "Am Horst des wilden Adlers" Premiere. Es war der erste, der öffentlich gezeigt wurde.

Für den Tierfilm "Lebenskampf im Schilf" (1936) erhält auf dem Filmfestival von Como den Pokal (Vgl. Chronik 256).

Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin arbeitete Walter Hege als Kameramann für Leni Riefenstahl. Ihre Abbildungskonvention lautet: Zeigt strahlende und schöne Menschen. So auferstand der Neue Mensch: gesund, schlank und den Idealen der griechischen Statue - Myron der Diskuswerfer - ebenbürtig. Stählern, entschlossen zum Siegen! Denn

"Kraft und Schönheit sind die Fanfaren dieses Zeitalters" (Hitler 1938).

Wer dachte jetzt noch an das Schicksal der Kriegsversehrten, Alten, Schwachen oder Kranken? Der Führer und der Staat nicht. Denn "das deutsche Volk dieses 20. Jahrhunderts", diktiert der Führer zur Eröffnung der Grossen Deutschen Kunstausstellung am 10. Juli 1938 in München,

"ist das Volk einer neu erwachten Lebensbejahung,
hingerissen von der Bewunderung des Starken und Schönen und damit des Gesunden und Lebensfähigen."

Die Olympiafilme Fest der Völker und Fest der Schönheit fanden beim deutschen Publikum großen Anklang. Die Stilisierung des Starken und Athletischen verleiht der Äshetik des Faschismus etwas Faszinierendes. Leni Riefenstahl verhilft der Übermensch-Ästhetik und dem stählernen Schönen zum Durchbruch. Recht lohnend für sie. Das Propagandaministerium honoriert sie mit 350 000 Reichsmark. Nach der Premiere notiert Goebbels: “Ich schenke Leni Riefenstahl noch 100 000 Mk.“ (Rother 104)

Für Albert Speer produziert Walter Hege 1938 den 15 minütigen Propagandafilm "Die Bauten Adolf Hitlers". Der Vorspann instruiert den Zuschauer: "Vor allem sind es die Bauten gewesen, die am klarsten den Wandel des Gestaltungswillen zum Ausdruck gebracht haben." Die Weimarer Republik wird "Verfallszeit" genannt. Ihre Bauten stellt Hege den mächtigen Monumentalbauten der NS-Architektur gegenüber. Auf der Leinwand erscheinen der Bamberger Reiter und andere bekannte steinerne Kulturdenkmale. Nach einem Schnitt zeigt er dann die Bauhaus Werke begleitet von einem Führer-Zitat über die Aufgaben der neuen deutschen Kunst. Es folgen Bildsequenzen vom Haus der Jugend in Tübingen. Zu sehen ist eine Jugendgruppe, die Scherenschnitt-Technik durchs Bild wandert. Weitere Bauten, untermalt von verhaltener Hintergrundmusik, bekommt der Zuschauer zu sehen: Baldur von Schirach und die Jugendherberge am Walchensee, Adolf Hitler und die Jugendherberge in Berchtesgaden, Ordensburgen, die Reichsautobahn, das Reichsportfeld Berlin.

"Dass Walter Hege der NSDAP mehr als nur ideell verbunden war, dass er dem Regime in künstlerischen und kulturpolitischen Belangen äußerst dienend behilflich war," resümiert 1993 (53) Peter Lähn, "wird beim Vorstellen seiner Filmarbeit deutlich."

In den 40er Jahren entstanden vor allem Naturfilme. Auf der Biennale in Venedig und auf der Reichswoche für den Kulturfilm (1943) erhält er für den Tierfilm "Seeadler" eine Auszeichnung. Auf der Ersten Reichswoche für den Kulturfilm gibt es im Themenkreis "Kunst" einen Preis für "Steinmetz am Werk" (1941). Er zeigt Steinmetzarbeiten auf dem Parteigelände in Nürnberg. (Chronik 258)

1943 entstehen im Auftrag von Reichsminister Dr. Goebbels die Farbfilme "Künstler bei der Arbeit" und "Grosse Deutsche Kunstausstellung 1943 in München". Auf der 3. Reichskulturwoche in München vom 12. bis 18. November erhält für seine besonderen Verdienste eine Plakette des Propagandaministeriums (ebenda).

 

 

[Chronik] Beckmann, Angelika: Chronik zu Leben und Werk von Karl Walter Hege. In: Angelika Beckmann und Bodo von Dewitz (Herausgeber): Dom Tempel Skulptur. Architekturphotographien von Walter Hege. Kataloghandbuch Agfa Foto-Historama, Köln 1993. Eine Ausstellung des Agfa Foto-Historama im Römisch-Germanischen Museum Köln, 6. November 1993 - 16. Januar 1994, Stadt Köln, Köln 1993, Seite 248-267

[Hege, Fritz:] Walter Hege, ein Sohn unserer Stadt. Ein Vortrag gehalten am 15. März 1956 von seinem Bruder Fritz Hege. Naumburg/Saale und Umgebung. Fotografien zwischen 1925 und 1975 aus dem Atelier Hege /Naumburg. Museum der Stadt Naumburg. Deutscher Kunstverlag, Koberger & Kompany, 1. Auflage, Nürnberg 1993, Seite 115 ff.

Hege, Walter: Jugenderinnerungen. In: Der junge Walter Hege. Erinnerungen. Herausgegeben von Dr. Siegfried Wagner mit Textbeiträgen von Walter Hege, Kai Agthe, Ursula Diettrich-Wagner und Dr. Walter Weiße. Saale Druck, Naumburg / Saale 1998, Seite 7 ff.. (Die Geschichte vom "verbrecherischen Plan" (Hege) findet sich im Abschnitt "Kino". Über sein Verhältnis zu Paul Schultze-Naumburg berichtet er in "Als Kellner und Postkartenverkäufer".)

Lähn, Peter: Zwischen Kunstwollen und Naturschönem. Walter Heges Kulturfilmarbeit im Dritten Reich. In: Angelika Beckmann und Bodo von Dewitz (Herausgeber): Dom Tempel Skulptur. Architekturphotographien von Walter Hege. Kataloghandbuch Agfa Foto-Historama, Köln 1993. Eine Ausstellung des Agfa Foto-Historama im Römisch-Germanischen Museum Köln, 6. November 1993 - 16. Januar 1994, Stadt Köln, Köln 1993, Seite 53-59

Rother, Rainer: Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents. Wilhelm Heyne Verlag, München 2003

Autor: Detlef Belau

Geschrieben:
6. Juni 2010

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