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Die Quellenlage zu unserer Stadtgeschichte von 1933-1945 darf man getrost als besonders problematisch bezeichnen. Der Umgang mit den Dokumenten der NS-Zeit durchlief in der Stadt Naumburg verschiedene Etappen.

Die e r s t e E t a p p e, April 1945: Die "Parteiutensilien der verantwortlichen Naumburger Führerschaft" wurden "in der Garage Weißenfelser Straße, gegenüber der Realschule, heimlich verpackt und beiseite geschafft". (Zitat aus einem Brief an den Oberbürgermeister von 1945)

Auch die Amerikaner verbrachten im Mai und Juni 1945 wichtige Dokumente.

Darauf folgte eine z w e i t e  E t a p p e des Umgangs mit den Dokumenten der Naziherrschaft. "Personalakte" und "Vita" wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit zum Dreh- und Angelpunkt des beruflichen Fortkommens. Bei den auf Karriere orientierten Berufsgruppen entstand ein akutes Interesse an der "sauberen Akte". Sicher plagten sich viele in dieser Zeit mit anderen, meist sogar sozial existenziellen Sorgen herum. Und nicht jeder war darauf aus, sich reinzuwaschen. Wenn es auch dem einen oder anderen nicht gelungen sein mag, um einen Ausnahmevorgang handelte es sich zumindest bei den vom Abstieg Bedrohten nicht.

Als Oswald Schaffernicht zum Oberbürgermeister berufen wurde und die Personalakte nicht am Platz war, kam unter den Mitarbeitern - was dokumentiert ist - im Rathaus Unruhe auf.

Die d r i t t e  E t a p p e  der Vernichtung von Schrifttum und Bilddokumenten begann mit der Ausgestaltung der neuen Machtverhältnisse. Bibliotheken und Archive wurden so radikal gesäubert, dass auch Materialien von archivarischem Wert verschwanden. (Siehe auch: Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur, Zentralverlag, Berlin 1946) - Den ehemaligen Mitgliedern von Stahlhelm, Wehrwolf oder SA kam dies wahrscheinlich meist nicht ungelegen.

Aus Angst vor Denunziationen, so berichteten mir des Öfteren ältere Bürger, vernichtete man im privaten Raum möglichst alle politischen Dokumente, um j a n i c h t in den Verdacht zu kommen, ein Nazi gewesen zu sein.

Diese Etappen des Umgangs mit Schrift- und Bilddokumenten aus der Zeit des Nationalsozialismus lassen sich noch verhältnismäßig sicher nachweisen.

Viel schwieriger wird es mit der v i e r t e n E t a p p e. Der Großteil des bereits auf den ersten Blick nationalsozialistisch infizierten Materials ist nun bereits verbracht oder vernichtet. Dennoch befinden sich in lokalen Archiven und bei den Institutionen zu diesem oder jenem Sachgebiet noch immer aufschlussreiche Dokumente. Auf diese wurde man meist erst im Verlaufe der Jahre aufmerksam. Eigentlich immer erst dann, wenn bestimmte politische Kampagnen gefahren wurden, wie z. B. gegen Paul Merkers Vorschlag, doch die Juden zu entschädigen.

Personenbezogene Daten über die Vergangenheit von Funktionsträgern erhalten den Rang von Herrschaftswissen, das man beim Ministerium für Staatssicherheit monopolisiert. Hierbei ging man natürlich diskret und punktgenau vor, so dass die Spuren dieser Aktionen wohl auffindbar, aber eben nicht dokumentierbar sind.

Die in den kommunalen Archiven und Institutionen verbliebenen Dokumente und Materialien aus der Zeit des Nationalsozialismus können paradoxe Ergebnisse hervorbringen, dessen schlimmste Erscheinungsform mir im Zerrbild von der Normalität des städtischen Lebens begegnete.

Wie nüchtern und formal korrekt erscheinen beispielsweise viele amtliche Mitteilungen zu den Berufsverboten von 1933/34. Erst mit den damit korrespondierenden Dokumenten aus der Betroffenheitsperspektive öffnet sich im ganzen Umfang die Dramatik des sozialen und persönlichen Vorgangs. Erst jetzt zeigen sich die Gemeinheit und Ungeheuerlichkeit.

So hält die Forschung zur Geschichte des Nationalsozialismus auf kommunaler Ebene viele Schwierigkeiten bereit. Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Ein simples Studium vieler hunderter - noch verbliebener! - authentischer Dokumente bietet keine Gewähr für eine realistische Rekonstruktion der Ereignisse in der Zeit des Nationalsozialismus.

Hinzu kommt, dass die Aussagen der Stapo, Gestapo, der Richter oder die Dokumente des Regierungspräsidenten aufgrund der politischen und oft auch persönlichen Interessenlage mit großer Umsicht zu bewerten sind!

Die f ü n f t e  E t a p p e der Pflege der Schrift- und Bilddokumente der Nazizeit im kommunalen Raum begann ganz grob um 1950 und überlagerte wiederum alle anderen. Seit dieser Zeit erschienen oft Erinnerungen, Lebensbeschreibungen und Erlebnisse von Zeitzeugen zu den Stadtereignissen 1933-1945 mit ganz eigentümlich abstraktem Charakter. Die politische Welt wurde hier meist von den Irrtümern der Zeit und allgemeinen menschlichen Unzulänglichkeiten bereinigt. In nicht wenigen Lebensbildern schimmerte deutlich ein linearer Geschichtsoptimismus durch. Andere Biografien, besonders aus dem sozialdemokratischen Lager des Widerstandes, werden erst gar nicht erstellt. An Opposition und Widerstand außerhalb der (Arbeiter) Parteien erinnerte man sich lange Zeit nach dem Krieg zunächst überhaupt nicht so richtig. Politik und Alltag begegneten sich in den Veröffentlichungen dieser Zeit oft unvermittelt. Vor die Erinnerung waren die typischen Filter der Nachkriegszeit geschaltet. Ob das nun allein für Naumburg oder für Ostdeutschland oder in bestimmter Weise für ganz Deutschland typisch war, das will ich hier nicht versuchen ernsthaft zu beantworten.

In der Summe zeigen diese Schwierigkeiten, vor welchen methodischen Herausforderung der Stadtgeschichtsschreiber steht, soll er nicht bei der Vereinfachung, Simplifizierung, Beschönigung oder einer abstrakten Berichtsweise über diese Zeit enden.

Und doch sind es damit der Schwierigkeiten nicht genug. Viele Erinnerungen von Zeitzeugen weisen hinsichtlich der genauen Lokalisation, zeitlichen Bestimmung und Beschreibung der beteiligten Personen gravierende Mängel auf. Nun ist den Zeitzeugen der frühen Nachkriegszeit nicht anzulasten, dass sie nicht durch eine regionalgeschichtliche Forschung unterstützt wurden. Noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg unterschätzte man in der Deutschen Demokratischen Republik die Rolle und Bedeutung der Regionalgeschichte.

Deshalb suchte ich gezielt nach Dokumenten, die für bestimmte Ereignisse sozusagen als Gegenprobe dienen können oder gestatten, Schlüsselereignisse hinreichend sicher und komplex beschreiben zu können.

Die Erinnerungen mussten oft mit einem erheblichen wissenschaftsmethodischen Aufwand aufbereitet werden. Es erfolgte eine Überprüfung der beschriebenen Sachverhalte mit anderen Beobachtungen. Oft suchte ich nach Mitteilungen von Unbeteiligten über die betreffenden Ereignisse und Personen. Zumindest die formallogische Widerspruchsfreiheit der Aussagen musste erreicht werden. Denn wir brauchen sicheres historisches Wissen über diese Zeit!

Noch etwas anderes fällt beim Lesen der Erinnerungen zum Zeitraum 1918 bis 1945 in Naumburg ins Auge: Waren die Rückblicke - besonders zum nationalsozialistischen Naumburg - in den ersten Dezennien nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesprochen politisch angelegt, so zeichnen sie sich nach 1990 durch einen ebenso eigentümlichen apolitischen Charakter aus. Außerdem fehlt jetzt oft jeder Hinweis auf die Schlüsselereignisse. Hierauf verwies ich bereits in der Einleitung. Natürlich hat dies ganz vielschichtige Ursachen. Oftmals erklärt sich dies schon aus dem Anliegen oder dem Auftrag, mit dem diese Erinnerungen aufgezeichnet wurden. Und außerdem dürfen wir nicht vergessen, das die noch lebenden Zeitzeugen damals noch Kinder (!) waren.

All dies war methodisch bei der Auswertung der Quellen zu beachten.

Wie schwierig der Umgang mit den Erinnerungen der Zeitzeugen auch immer sein mag, wir dürfen die einen wie die anderen nicht beiseite schieben oder ignorieren. Dies wäre eine unverzeihliche Fehlreaktion auf die aufgezeigten Schwierigkeiten. Zudem besteht im Ganzen gesehen ein empfindlicher Mangel an Zeitzeugnissen zur nationalsozialistischen Epoche Naumburgs. - Ich bemühte mich, alle Erinnerungen bei der Aufarbeitung und Darstellung der Geschehnisse einzubeziehen.

Diese Arbeit stützt sich auf eine langwierige Quellensuche und -auswertung. Gemeinsam mit meiner Frau, Angelika Belau, suchte ich in Archiven und Bibliotheken nach Dokumenten und Archivarien. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht entstanden.

 

Zur Vorbereitung der Arbeit wurden folgende Archive und Bibliotheken genutzt:

Archiv der deutschen Jugendbewegung
Burg Ludwigstein
Witzenhausen

Archiv und Museum der Stadt Bad Kösen
Romanisches Haus - Kunsthalle - Käthe-Kruse-Puppenausstellung
Am Kunstgestänge
Bad Kösen

Bundesarchiv
Abteilungen Reich und DDR-Stiftung
Finckensteinallee 63
Berlin

Bundesarchiv
Abt. VI - Militärarchiv
Wiesentalstraße 10
Freiburg

Deutsche Nationalbibliothek
Deutscher Platz 1
Leipzig

Deutsches Literaturarchiv Marbach
Marbach am Neckar

Stadtarchiv Erfurt
Gotthardtstraße 21
Erfurt

Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt
- Landeshauptarchiv
Hegelstraße 25
Magdeburg

Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt
König-Heinrich-Str. 83
Merseburg

Stadtarchiv Naumburg
Leiterin Frau Susanne Kröner
Kramerplatz 1
Naumburg

Stadtarchiv Rudolstadt
Stiftsgasse 2 - Altes Rathaus
Rudolstadt

Stadtarchiv Zeitz
Schloss Moritzburg
Schlossstraße 6
Zeitz

Statdbibiliothek Naumburg
Naumburg (Saale)

Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora
Gedenkstätte Buchenwald
Archiv Weimar-Buchenwald

Stiftung Neue Synagoge (Archiv)
Oranienburger Straße 28-30
Berlin

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar
Marstallstr. 2
Weimar

Thüringer Landes Universitäts- und Landesbibliothek (Thulb)
Jena

Vereinigte Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz
Domstiftsarchiv Naumburg / Domstiftsbibliothek Naumburg
Domplatz 16-17
Naumburg (Saale)

Für die fachliche Beratung bei der Quellensuche und der Bereitstellung von Archivgut bedanke ich mich bei Frau Susanne Kröner (Leiterin Stadtarchiv Naumburg), Frau Marina Röder (Stadtarchiv Naumburg) und Frau Christine Seidel (Stadtarchiv Naumburg) sowie bei Herrn Grunwald (Bundesarchiv Berlin), Frau Jana Blumberg (Bundesarchiv Berlin), Herrn Kirbs (Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg), Herrn Dr. Wehner (Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg) und Kristin Gerth (Museumsleiterin der Stadt Bad Kösen).

Dieses Projekt unterstützten besonders die MitarbeiterInnen des Archivs der Gedenkstätte Weimar, Konzentrationslager Buchenwald, zu den Themen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Inhaftierung im Konzentrationslager Buchenwald.

Besonderer Dank gilt Herr Matthias Ludwig (M.A.), wissenschaftliche Mitarbeiter der Domstifter und der Domstiftsbibiliothek, und Frau Diplom-Bibliothekarin (FH) C. Strehl für die Beratung und Hilfe.

Ich danke Frau Astrid Rose, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Stadt Stadtarchiv Erfurt, für Ihre Unterstützung.

 

Von der Website des Stadtmuseums Naumburg wurden folgende Erinnerungen ausgewertet und zitiert:

Bauer, Ellen (Herscheid, 1942-1945): Harte Arbeit. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Bauer, Karl (Herscheid, 1921-1938): Erinnerungen an Naumburg. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Dammert, Dora, Naumburg (um 1929): Schulwege. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Dorka, Jürgen: Kino und Tomatenschlachten. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Gatzen, Dr. Helmut: Kriegsende in Naumburg. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Gisske, Dr. Winfried: Der Neue - Erinnerungen an das Domgymnasium. Internet-Seite des Stadtmuseums Naumburg, Januar 2006

Große-Lindner, Gisela, Wolfen, (1944) Unterkunft im "Alten Felsenkeller". Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, 4. Februar 2012

Janda, Ilse: Kriegstagebuch 1945/1946. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, 4. Februar 2012

Jung, [Dr.] Volkhard: Bericht über HJ in Naumburg. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Kirsche, Hans-Gert: Der Primanerkreuzgang. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Kirsche, Hans-Gert (Ahrensburg, um 1930): Erinnerungen an die Encke-Schule, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Lack, Waltraud (Wolfersdorf 40er Jahre): Kindheit im Krieg. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg: www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Lieback, Hans: Pension Vollrath. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Meckenheim, Eva Jollasse (1950er Jahre): Flüchtlingskind. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Meusel, Dr. Ernst-Joachim: Tanzstunde in der Nachkriegszeit. Internetseite Stadtmuseum Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Peters, Otto: Am Lagerfeuer. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Peukert-Spindler, Julie: Das Kirschfest meiner Kindheit. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Poschinger, Barbara (1942-1947): Kindheit im Schatten des Krieges. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Reich, Ingo: Wie ich nach Naumburg kam. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Schütze, Hans-Dieter (Jesnitz): ABC-Schütze in der Georgenschule. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Wolf, Ilse (Naumburg, 1943-1945): Fliegeralarm. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Zitzmann, Friedrich, Hünstetten-Wallbach: Meine Kindheit in der Moritzstraße. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Teuscher, Erika, Querfurt (1944): Kinderlandverschickung. Website: Museum naumburg, Musen in Naumburg (Saale) und Bad Kösen, http://www.mv-naumburg.de/museen/klingerhaus/173-teuscher-erika - 2011

 

Autor:
Detlef Belau

 

Geschrieben: April 2005.
Aktualisiert: 5. November 2008.
Nachtrag zur Vervollständigung der Liste der Archive und Bibliotheken:
15. Dezember 2013.
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