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Paul Sattelmacher
Teil 1
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Paul Sattelmacher (1879-1947)

Oberlandesgerichtspräsident Doktor Paul Sattelmacher  (Teil 2).

Paul Sattelmacher 1879-1947 (Zeichnung)

Paul Sattelmacher wird am 13. April 1879 in Osnabrück geboren. Als der Vater, Theodor Sattelmacher, 1882 den Posten eines Bergwerkdirektors in Barop nahe Dortmund übernimmt, siedelt die Familie dorthin um. Nach dem Abitur studiert er an der Universität Bonn Jura. Finanzielle Nöte kennt der junge Mann aus gutbürgerlichem Haus nicht. Nach einem Wintersemester in Berlin folgt 1899/1900 die Rückkehr nach Bonn. Das erste juristische Staatsexamen absolviert er am 6. Juli 1901 an der Universität Köln mit ausreichend.

Von ihm sind die Worte überliefert: "Ich war aus Verlegenheit und gegen meinen Willen Jurist geworden". Aber beim Lesen seiner Erinnerungen an die Referendarzeit am Amtsgericht Unna im Jahr 1901, die sich unmittelbar an sein erstes Staatsexamen anschließt, entsteht ein anderer Eindruck: stille Begeisterung und Liebe für den Beruf des Juristen. Neigungen, Fähigkeiten und Talent können sich entfalten. Die Profession wird sein Leben. Die Aufgabe des Einen, bedeutet das Ende des Anderen. Daran müssen wir denken, wenn die Eule der Minerva von ihrem Flug in der Abenddämmerung heimkehrt und uns deutet, er möchte doch sein Amt verlassen oder niederlegen. Er hätte sich dann selbst verlassen müssen …

Erste Berufserfahrung erwirbt er auf dem Unnaer Amtsgericht. - Da ist die kleine Geschichte eines Jungen. Er hat eine Taube gestohlen und musste seine Missetat mit einem Tag Gefängnis quittieren. Die Begründung vom Amtsrichter Seidensticker, dem er als Referendar zugeordnet ist, lautet: Wir hätten ja annehmen können, daß dem Lümmel die erforderliche Einsicht für Strafbarkeit fehle. Aber dann müssten wir Fürsorgemaßnahmen ergreifen. Das wollen wir nicht. Deshalb haben wir angenommen, dass er die Einsicht hatte. Wir hätten ja auch einen Verweis geben können. Aber wir sagten uns, dann läuft der arme Junge ein ganzes Leben mit einem Verweis herum. Deshalb haben wir ihm einen Tag Gefängnis gegeben. Den brummt er ab und es ist gut, oder aber er wird sogar begnadigt. (Vgl. Seite 2, Auszug aus den persönlichen Aufzeichnungen des Oberlandesgerichtpräsidenten Prof. Dr. Paul Sattelmacher. Im weiteren SE genannt.)

Aber das Schönste an Unna war, schwärmt der Referendar, dass man in der Regel am Nachmittag in Barop den herrlichen Garten des Vaters genießen konnte. Dann und wann kommen Freunde aus Dortmund zum Tennis herüber.

"Von Unna wurde ich dann auf ein Jahr an das Landgericht Dortmund versetzt", berichtet uns Sattelmacher (SE 4). Wo hingegen wir bei Heiner Lück (2004, 93) lesen, dass er von Unna für neun Monate zum Amtsgericht nach Berlin ging, was Sattelmacher auf das Jahr 1904 datiert. Allerdings erscheinen die Erinnerungen an dieser Stelle etwas ungeordnet. Jedenfalls, so findet der Auszubildende, war die Unterrichtung in Dortmund unter aller Kritik. Aber immerhin: Angenehm hingegen die Nähe zum elterlichen Haus in Barop. Freundschaften entstehen mit dem Stadtarzt Dr. Köttgen oder dem Prokuristen der Nordwestdeutschen Bank Adolf Beckmann. Sie halten ein ganzes Leben (vgl. SE 4). Auch die mit dem Augenarzt Dr. Otto Quante. Als dessen Atelier in der Ysenburger Straße 2 in München durch einen Bombenangriff zerstört wird und er selbst auf wunderbare Weise einen Sturz in die untere Etage des Hauses ohne sonderliche Verletzungen überlebt, holte ihn Paul Sattelmacher Anfang 1945 zu sich nach Naumburg (vgl. Quante). Der Maler, bekannt durch seine Radierungen zu Motiven aus dem Landstreichermilieu, stirbt am 20. Februar 1947 in der Naumburger Bürgergartenstraße 32.

An die Zeit im Landgericht schließt sich die Arbeit bei der Staatsanwaltschaft an. (Vgl. SE 5)

"Sie hat mir am meisten Freude gemacht",

äußert er sich dazu. Aber am "instruktivsten war die Arbeit bei dem Rechtsanwalt und Notar, Justizrat Kramberg in Dortmund, einem alten Freund meines Vaters." (Ebenda 5) Hier erhielt sein erstes höheres Honorar - 200 Reichsmark.

1902 promoviert Sattelmacher an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg im Breisgau mit dem Thema "Über die Gültigkeit und Bedeutung der gemeinrechtlichen Proceßregel: Affirmanti non neganti incumbit probatio." Die Genesis des Rechtsprinzips "Dem Behauptenden obliegt der Beweis, nicht dem Bestreitenden" verfolgt der Verfasser bis in das römische Recht zurück. Bekanntlich begegneten diesem die nationalsozialistischen Rechtstheoretiker mit Antipathie. In der wissenschaftlichen Literatur finden sich dazu reichlich Schmähungen, die meist dem Duktus vom NSDAP-Parteiprogramm vom 1920 folgen:

"Wir fordern Ersatz für das der materialistischen Weltordnung dienende römische Recht durch ein deutsches Gemeinrecht."

Seine Studentenzeit genießt der werdende Jurist mit viel Lebensstil und Unternehmungslust. Mit Freunden unternimmt er wochenlange Wanderungen. 1902 geht es quer durch Thüringen, von Friedrichroda bis nach Merseburg. Mit seiner Mutter, Emma Sattelmacher (geborene Rüttler), erholt er sich 1903 in Baden-Baden, um seine rheumatischen Beschwerden zu lindern. Im Sommer darauf reist sie mit ihm nach St. Moritz (Schweiz). In Wengen (Berner Oberland) verbringen sie herrliche Wochen. Sein nervöses Herzleiden bessert sich.

Im Dezember 1904 beginnt eine Ausbildungsphase am Oberlandesgericht Hamm, die er für seine berufliche Entwicklung besonders wertvoll empfindet. Die letzten Monate sind dienstfrei und er zieht sich mit einem Freund nach Steinbergen bei Rinteln zur Examensvorbereitung zurück. Es bleibt Zeit zum Wandern durch die Weserberge und Angeln in den Forellenbächen.

Ab Juli 1905 bereitet er sich auf die zweite große Staatsprüfung vor und wechselt nach Berlin. Nur das Büffeln der Paragraphen ist seine Sache nicht. In einem weit gespannten Freundeskreis pflegt er die Geselligkeit (Ebs, Böhme, Haarmann, Gersteins, Karl Tewes, Walter Bönecke, Nahrwold und Maximillian August Ludwig Hartmann - Oberlandesgerichtspräsident in Naumburg vom 1. Januar 1909 bis 30. September 1917). Allmählich spinnt sich ein Netzwerk von Bekanntschaften, Freunden und Beziehungen, was seinem Fortkommen sicher dienlich war. Alle wohnen sie in der Geisbergstraße. Im Restaurant Leithaus in der Fürther Straße findet man sie Abend für Abend, mit Ausnahme des Sonnabends. Hinzu kommen regelmäßige Theaterbesuche. Anschließend "wurde dann bei Steinet und Hansen gelabt und gut gespeist" (SE 9).

Auf den 26. Februar 1906 fällt sein Prüfungstag. Ein Montag ist es, wie er noch viele Jahre später weiß. "Als ich den Saal [in der "Wilhelmstraße"] betrat, ahnte ich auch nicht, dass ich genau nach 15 Jahren zum erstenmal im gleichen Saal aber auf der anderen Seite des Tisches an einer Prüfung werde teilnehmen müssen." (SE 11) Noch am Tag zuvor deklamiert er in Anwesenheit seiner Freunde auf den Wegen rund um den Charlottenhof (Potsdam) die Paragraphen. Das Prüfungsergebnis lautet "gut". Eine Steigerung gegenüber Köln, wo er ein "ausreichend" erreichte. Sein Vater eilt zu einer kleinen Feier nach Berlin. Schon zehn Monate später verstirbt er nach einer schweren Krankheit. Nun zieht die Familie nach Dortmund in die Kronprinzenstraße 36.

"Während der sich anschließenden Assessorenzeit absolvierte Sattelmacher eine Banklehre. Ein daraus hervorgegangenes Angebot, die Stelle eines Syndikus bei einer namhaften Bank zu bekleiden, lehnte er ab. Nach einem 10-tägigen Aufenthalt in der Künstlersiedlung Worpswede bei Bremen im September 1907, der ihn wohl sehr beeindruckte, trat er im Winter 1907/08 seinen Justizdienst an." Im Februar 1909 endet die Assessorenzeit. (Lück 2004, 93)


Nur wenn ich mich nach dem Osten melde

"Wer nach Halle mit der Eisenbahn kommt, muss entsetzt sein über die Hässlichkeit der Stadt ….", resümiert Sattelmacher seine erste Bekanntschaft mit der Stadt (vgl. SE 14), die sich für zehn Jahre in sein Leben einschreibt. Aber wer sucht sich eine Stadt mit derartigen Referenzen als Arbeitsort? Freilich strebte er eine Richterstelle in Barop oder Dortmund an. Doch der Personalgewaltige im Preußischen Staatsministerium für Justiz deutet ihn, berichtet der Volljurist,

"daß ich zur Zeit nur dann Aussichten auf eine Richterstelle hätte, wenn ich mich nach dem Osten melden würde" (SE 14).

So kommt es, dass der 29-jährige am 16. März 1909 seinen Dienst als Landrichter in der Saalestadt antritt. Zunächst wohnt er im Hotel Stadt Hamburg. Ein vornehmes Etablissement in der Steinstraße 73, mit Club- und Speiseräumen, Küche und Pferdeställen sowie Personalzimmer unter dem Dach. Von 1895 datiert die Rokoko-Ausstattung der beiden Ballsäle. Später findet sich mit Hilfe der Mutter eine nette Etagenwohnung.

Zeit seines Lebens zieht der smarte und ansehnliche, stets gut Gekleidete das Leben als Junggeselle dem in einer Familie vor.

In Halle beginnt seine eigentliche Laufbahn. Seine Kollegen empfinden den Unverheirateten als Eindringling. Seine Kompetenz und Eloquenz brechen aber das Eis. Allmählich wächst die Akzeptanz. Freundschaften, wie mit dem Landgerichtsdirektor und ehemaligen Korpsstudenten Schubert, tun ein Übriges. Hingezogen fühlt er sich ebenfalls, wie er sagt, zu der famosen Erscheinung des Präsidenten Maibohm.

1910 zieht er mit seiner Mutter in den Mühlweg 42, unweit der Saale-Insel Peißnitz. So renkt sich alles ein - Zitat aus seinen Erinnerungen: "Mit großer Freude, mit Lust und Liebe habe ich mein richterliches Amt verwaltet, erst drei Jahre Zivilkammer, dann ein Jahr Untersuchungsrichter und hernach als Mitglied der Beschwerdekammer in Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit." (SE 18)

Beim Bierabend im Halleschen Herrenclub erreicht ihn 1914 die Nachricht von der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand.

"Die Begeisterung der Menge war unbeschreiblich." (SE 20)

Die von Sattelmacher noch größer. Unvergesslich bleibt ihm der Tag, an dem er sich als Kriegsfreiwilliger meldet. "Gott segne Dich, meine Junge", verabschiedet ihn die Mutter mit dicken Tränen im Gesicht. Zu früh, denn wegen eines Herzfehlers und Knieleidens darf der Held nicht ins Feld ziehen.

Ab 16. November 1914 nimmt ihn die Landwehrinspektion im Hauptmannsrang als Militär-Hilfsrichter zu sich. Dann doch noch die Order fürs Feld! Zitat:

"Ich war glückselig! Endlich sollte auch ich, wenn auch nur beim Stabe und nur als Kriegsgerichtsrat "mit dabei sein"!"

Seine Division kämpft in der Picardie nah dem Städtchen Soissons (Frankreich). Generalstabsoffizier ist ein gewisser Major Waldemar Pabst (1880-1970), der später die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg arrangiert (siehe Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal, 1993). Er begegnet General von Lüttwitz, der mit Kapp im März 1920 versucht, die Regierung wegzuputschen. (Vgl. SE 23). Ein klärendes Wort, vielleicht zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit? - Nein, danach suchen wir vergeblich. Unser erstes Nullerlebnis mit Paul Sattelmacher.

Mit dem Eisernen Kreuz II. an der Brust kehrt Paul Sattelmacher am 16. November 1918 in die Stadt Halle zurück. Zwar beschäftigen ihn gelegentlich Fragen, wie warum kam die Westfront nicht voran oder warum blieben die Siege aus. Aber dabei bleibt es. Gaskrieg, Rübenwinter und Revolution festigen seine vom Wilhelminismus geprägte deutsch-nationale Grundüberzeugung. Immer wieder treffen wir auf seinen Unwillen, sich kritisch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Vor die Schicksalsfrage gestellt, Entwicklung oder Beharren, entscheidet er sich für das Letztere. Eine Geisteshaltung, die ihm 1945 mögliche Wege zur Rettung aus einer schwierigen persönlichen Lage verlegt.

Weil es ihm an einem gleichaltrigen Umgang im Kollegium mangelt, schafft er sich einen Kreis aus sympathisierenden Anwälten, wählt dazu eine Zahl von Referendaren und gründet eine "societas de corde aureo". Wöchentlich einmal tagen sie vergnüglich im "Goldenen Herzen".

Außerdem fühlt er sich zur Herrengesellschaft im Halleschen Klub hingezogen, in die ihn Oberberg- und Geheimrat Humperdinck einführte. Sonnabends gibt es immer ein Liebesmahl, zu dem man standesgemäß im Smoking erscheint. Hier - im Hotel Stadt Hamburg - trifft sich die vornehme Gesellschaft, die sich gerne mal mit dem Besuch von General von Hindenburg sowie Reichspräsident Ebert, Graf von Zepplin und besonders mit "hohe(n) Würdenträger(n) des alten Reiches" (Sattelmacher) schmückt. "In den schönen großen Räumen traf man stets eine interessante Gesellschaft aus allen Berufsschichten - Universität, Regierung, Eisenbahn, Post, Justiz, Landwirte, Ärzte, Kaufleute, Bergamt - alles war vertreten, dazu viele Offiziere …" (SE 17) Waren hier wirklich alle vertreten? In Halle? Der Arbeiterstadt Mitteldeutschlands! Ein Zentrum der SPD, 1917/1918 der USPD! Hier schimmert wieder das Weltbild von Paul Sattelmacher durch: ein Teil für das Ganze nehmen - mit Weglassen, Abschneiden und politischen Abstraktionen.

 

In Berlin

Zum 27. Januar 1919 beginnt er seine Tätigkeit im Preußischen Staatsministerium für Justiz in Berlin. An der Spree wirbelt die Revolution. Neue Kräfte, USPD, Anarchisten und Spartakisten verändern das politische Kräfteparallelogramm. Dem Ankömmling fliegen auf dem Weg zum Ministerium die Kugeln um die Ohren. Dort angekommen registriert der Hilfsrichter:

"Die Besetzung des Ministeriums war völlig unverändert geblieben. Die Räte aus der alten Zeit führten die Geschäfte im alten Sinne [!] weiter…" (SE 23)

Zehn Seiten darauf noch einmal:

"Es ist nicht uninteressant, dass der Regierungswechsel 1918/19 den Bestand der Mitglieder des Justizministeriums völlig unangetastet ließ, vom Staatssekretär bis zum jüngsten Ministerialrat." (SE 33)

Über diesen Geburtsfehler der Republik äußert sich Sattelmacher nicht weiter.

Zunächst arbeitet er unter dem Minister Hugo von Zehnhoff (25.3.1919 bis 5.3.1927) von der Zentrumspartei, der

"im Grunde seines Herzens weder ein Anhänger der Parlamentsherrschaft noch ein treuer Anhänger seiner eigenen Partei …" (SE 26)

war.

"Er hat unzweifelhaft viel Unheil und viel Unfug verhindert …. " (ebenda).

Indes - die Wahrheit sieht wahrscheinlich etwas anders aus. Unter der Führung des so gelobten Chefs beobachten sozialdemokratische Politiker

"ein völliges Versagen der zur Strafverfolgung berufenen Staatsorgane .... Dieses Versagen ist in einigen Fällen so außerordentlich, daß die Vermutung einer Sabotage der Rechtspflege durch die in diesen Fällen mit der Strafverfolgung beauftragten Staatsorgane, zum mindest aber der Verdacht einer pflichtwidrigen Saumseligkeit und Laschheit, nicht von der Hand zu weisen ist." (Ausschuss 1924, 155)

Das steht es in einem Antrag der SPD vom 27. Mai 1927 zum "Untersuchungsausschuss "Politischer Mord (Gumbel)" geschrieben, der auf ihre Initiative im Preußischen Landtag eingerichtet wurde. Sattelmachers Urteil über Zehnhoff weist eine eigentümliche Kongruenz zur Einschätzung seiner Tätigkeit am Oberlandesgericht Naumburg auf, wie er sie nach dem 12. April 1945 formuliert:

`Ich habe Schlimmeres verhindert …`

Bereits in den zwanziger Jahren zeigt sich seine merkwürdige, vom Anspruch des Menschen nach Glück, Gerechtigkeit und Bürgerrechten bereinigte Weltsicht. Jedenfalls lesen wir bei ihm darüber nichts. Ganz anders beim Rechtsanwalt Otto Hollaender aus Naumburg - Es entsteht die Frage, was bildet die empirische Basis seiner rechtspolitischen Überzeugungen ? Will er den realen Zustand der Rechtspflege in Preußen überhaupt wahrnehmen?

Ein Steinwurf weit vom Oberlandesgericht Naumburg, am Domplatz, lebt bis 1932 Graf Artur von Posadowsky-Wehner. Beiden gemeinsam ist ein konservativ-elitäres Gesellschafts- und Politikverständnis. Nur im Unterschied zu Sattelmacher wendet sich der ehemalige Vizekanzler und Staatsminister den Fragen der Zeit zu. Sein politisches Denken, man mag den Folgerungen zustimmen oder nicht, das ist hier nicht die Frage, zeichnet sich durch ein im Vergleich zu Sattelmacher wesentlich höheres Niveau aus, nämlich: Beschreibung der sozialen und politischen Lage mit validierten Beobachtungsdaten, klare Problemformulierung, eindeutige Begriffs-Werkzeuge ("Verfassungslüge", "Republik ohne Demokraten", "Bürgerpflichten") und nachvollziehbare abschliessende Aussagen. Nicht so bei Sattelmacher. Hier siedeln wir im Land des Ungefähren mit vielen weißen Flecken. Das verdeutlichen flotte Wendungen wie "Mir graute geradezu vor der Arbeit in einem roten Justizministerium …". Er kann es besser, wie seine Promotionsarbeit zeigt. Aber offenbar nicht im Politischen!

Seine mangelnde Bereitschaft den Charakter der nationalsozialistischen Rechtspflege wahrzunehmen und unterentwickelte Fähigkeit zur politischen Analyse sind einfach erschreckend. Zeit seines Lebens spinnt sich der Paragrafenjongleur, was freilich in einem merkwürdigen Kontrast zu seinem geselligen Wesen und seiner kulturvollen Erscheinung steht, in einen Kokon nationaldeutscher Dogmengeschichte (Bolschewisierung, Deutschland im Chaos) ein.

Bereits im Juni 1920 ernennt ihn der Minister zu seiner Überraschung zum Vortragenden Rat und Geheimen Justizrat. Ein Jahr später erfolgt prompt die Beförderung zum Ministerialrat. Doch seinen beruflichen Vorstellungen entspricht dies nicht.

"Wenn man mich gefragt hätte,"

stellt er fest,

"hätte ich um Ernennung zum OLG-Rat in Jena gebeten …" (SE 25) "So bin ich dann wider Willen Geheimrat geworden und habe meine Richterrobe damals mit dem frommen Wunsche in den Schrank gehängt "nun hänge, bis du rot wirst" (die Reichsgerichtsräte trugen rote Roben)." (SE 25)

Klare Karriereziele! - Doch das Ministerium will es anders. Der Geheime Oberjustizrat Franz Bernhard Georg Werner, den er im Juni 1933 als Präsident des Oberlandesgerichts Naumburg ablöst, würde ihn gern als Nachfolger des Etatreferenten sehen und lernt ihn dafür bereits an. Aber daraus wird nichts. Sowohl in der Wilhelmstraße als auch bei den führenden Parlamentariern der Linken gilt er nach seiner Auffassung als persona ingrata. Sie nehmen Anstoß an seiner schwarz-weißen Krawatte mit der roten Nadel. Ein Geschenk von der Mutter, weshalb er sie besonders gern trägt. Den Rechten Abgeordneten störte das Rot. Den Parlamentarien der Linken Fraktion antwortet er auf eine diesbezüglich Nachfrage:

"Unter der Schwarz-Weiß-Roten Fahne habe ich im Felde gestanden, für die werde ich auch sterben." (SE 33)

"Die Rechtsparteien …. haben die Farben Schwarz-Weiß-Rot zur Parteifahne gemacht, zum Symbol der monarchistischen Reaktion", dechiffriert 1924 die Mitteldeutsche Wahlzeitung den politischen Farbcode. "Unter Schwarz-Weiß-Rot ist der Kapp-Putsch unternommen und die Mordhetze gegen die Minister der Republik getrieben worden." (Schwarz-Rot-Gold)

Vielleicht, nun endlich einige klärende Worte zur Demokratie und Republik? Ein weiteres Nullerlebnis!

1927 übernimmt Paul Sattelmacher das Amt des Vizepräsidenten für das Prüfungsamt im Preußischen Staatsministerium der Justiz. Dies fällt in die Amtszeit der Minister Hermann Schmidt (5.3.1927 bis 20.7.1932), Heinrich Hölscher (Reichskommissar) und Hanns Kerrl (11.3.1933-1934).

Sein Amtsvorgänger Hölscher (1875-1947) steht von 1933 bis 1942 dem Berliner Kammergericht als Präsident vor, was für die Hoch- und Landesverräterprozesse zuständig ist. Der 5. Strafsenat des Berliner Kammergerichts führt 1935 in Naumburg die Kommunisten-Prozesse. Darüber sind wir recht gut im Bilde. Die hier verhandelten politischen Straftaten waren naturrechtlich ohne Belang und die Strafen dennoch maßlos hoch. Vielen Naumburgern nehmen sie die Freiheit, zerstören das Leben ganzer Familien. An den Tag der Urteilsverkündung im Kriminalgerichtsgebäude Berlin-Moabit (Turmstraße 91), es war der 23. Dezember 1935, erinnert sich die Schneiderin Anna Possögel (SAP) aus der Kleinen Wanzelsstrasse 9 (Naumburg) gut:

"Höhnisch grinsend sahen diese wohlgenährten gutfrisierten Nazirichter auf uns herab."

 

Fortsetzung der Biografie von Paul Sattellmacher:

Oberlandesgerichtspräsident
Doktor Paul Sattelmacher
(= Teil 2).

 

 

Quellen

[SE] [Sattelmacher, Paul:] Auszug aus den persönlichen Aufzeichnungen des Oberlandesgerichtpräsidenten Prof. Dr. Paul Sattelmacher (13.4.1879-1947), unveröffentlicht

Weitere Quellenangaben: hier.

 

Autor: Detlef Belau

8. Mai 2010

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