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Passfälscher-Skandal
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Zur Historie vom Passfälscher-Skandal 1928/29


Noch einmal befasst sich die Naumburger Öffentlichkeit mit den Rathenau-Mördern und ihrer Flucht nach Saaleck. Den Anstoß hierzu gibt ein Artikel im Klassenkampf vom 8. Februar 1928 auf der ersten Seite mit der Überschrift:

"Fememörder-Paradies in Naumburg".

 

 

Demnach soll Stadtsekretär Bächler von der Passabteilung Polizei Naumburg für die Rathenau-Mörder Fischer und Kern im Juni 1922 falsche Pässe ausgestellt haben, mit denen sie nach Bayern fliehen konnten. Damit nicht genug: Auch "für den Korvettenkapitän Erhardt, den bekannten Putschisten," wurde ebenfalls "ein falscher Paß, auf den Namen Dr. Gorchtmann lautend, ausgestellt", "mit dessen Hilfe es Ehrhardt gelang, durch Thüringen nach Bayern zu entkommen." Angeblich ist Kriminalkommissar Kaspar (Polizei Naumburg) seit dem 6. Juli 1927 über die gefälschten Legitimations- und Passausfertigungen unterrichtet. "Im Einverständnis mit den beiden Bürgermeistern von Naumburg deckte er aber den Beamten Bechler (richtig: Bächler)." Das ist der eigentliche Skandal, glaubt man dem "Klassenkampf".

Eine zentrale Rolle im Passfälscher-Skandal spielt ein gewisser Werner Abel, der von Bächler Papiere auf den Namen "Helmut Ahlers" (geboren am 6. April 1900 in Hamburg) erhalten haben soll, der dann angeblich unter dem Namen "Ilsenburg" in München lebt und einer der sechs Gefangenen ist, die nach dem Hitler-Putsch in Landsberg inhaftiert werden. "Mit diesem gefälschten Paß gelang es Abel", laut Klassenkampf, "nach dem Auslande, wahrscheinlich nach Ungarn, zu flüchten." Es war dies aber kein Pass, sodnern lediglich eine Abmeldebescheingiung.

Der ehemalige Nachrichtenoffizier Abel ist mehr als nur eine schillernde Figur. Er soll in dem Mord an Matthias Erzberger verwickelt gewesen sein. In dieser Sache vernahm ihn in Bad Kösen ein Kriminalkommissar aus Halle. 1929 packt er in der Weltbühne über den Mord an den Fraktionsvositzenden der USPD im bayerischen Landtag am 9. Juni 1921 in München aus. "Nach Naumburg war Abel als Mitglied des Wiking [-Bund] gekommen, auf Weisung des Grafen Stolberg-Wernigerode." Es war die Nachfolge-Organisation des OC, die im Mai 1923 entstanden als jener nach den Morden an Matthias Erzberger und Walther Rathenau verboten worden war. In ihm organisierten sich einflussreiche politische Kräfte gegen die Republik, die eine intensive militärische Ausbildung erhielten.

Oberbürgermeister Arthur Dietrich teilt in der Stadtverordnetenversammlung Naumburg am 21. März 1928 mit, dass jener Werner Abel (1902-1935) dem Klassenkampf in Halle die angeblichen Passfälschungen steckte. Dieser durchlief eine merkwürdige (vorgebliche ?) politische Wandlung, nämlich vom Deutschnationalen zum Kommunisten. Angeblich weil ihn seine ehemaligen deutschnationalen Freunde in Naumburg in einer Notsituation nicht halfen. Er sei vom Krankenhausdirektor Dr. Becker nach einer medizinischen Behandlung mit 79 Reichsmark belastet worden, die er nicht ohne weiteres aufbringen konnte, wie er dem Landgericht Naumburg 1929 anvertraut. Aus Verärgerung über die ausbleibende Hilfe seiner Freunde wechselte er in das kommunistische Lager.

Jedenfalls erhält jener Werner Abel laut Klassenkampf am 5. Juni 1922 den Auftrag, nach Naumburg zu gehen, "wo sich in der Wohnung eines Landgerichtsrates die Rathenau-Attentäter Fischer und Kern aufhalten sollten. Abel wurde von Nowotnick in dessen Wohnung [in Naumburg] empfangen, und zwar im Beisein von dem inzwischen zu vier Jahren Zuchthaus verurteilten Salomon. Fischer und Kern waren bereits aus Naumburg verschwunden und nach Saaleck hinübergegangen, um dort bei dem bekannten Dr. Stein zu intervenieren, damit dieser sich unverzüglich nach München begebe, um mit Erhardt über die Flüssigmachung von Geldern zu verhandeln."

Nun betritt im Passfälscher-Skandal ein weiterer wichtiger Akteur die Szene: Es ist der Kaufmann und Seefischhändler Ludwig R. Nowotnick, Große Jacobspromenade 2, Mitglied der verbotenen Organisation Consul. Später war er für die dubiose Devoli tätig. Außerdem will der Klassenkampf (1928) wissen, dass Nowotnick für die politische Polizei arbeitet und die Kommunisten überwacht. - Aber, der OC in Naumburg? In der Nacht vom 28. zum 29. Januar 1922 befreiten einige seiner Mitglieder den Oberleutnant a.D. Ludwig Dithmar aus dem Naumburger Gefängnis und verbrachte ihn auf die Burg Saaleck.

Die Gegendarstellung zum Fememörder-Paradies in Naumburg kommt dann auch bald.

"Wie wir an zuständiger Stelle in Erfahrung brachten",

teilt das Naumburger Tageblatt am 18. März 1928 mit,

"haben im Anschluß an die Veröffentlichung einer auswärtigen Zeitung ["Klassenkampf"] über angebliche Paßfälschungen bei der Naumburger Polizeiverwaltung eingehende Ermittlungen stattgefunden, die sich auf 5 Tage erstreckten und am Sonntag, dem 12. Februar, zum Abschluß gebracht wurden. Sie haben, wie nicht anders zu erwarten war, die völlige Haltlosigkeit der Beschuldigungen ergeben. Die beteiligten Beamten haben sämtlich wegen öffentlicher Beamten-Verleumdung und wissentlich-falscher Anschuldigung sowohl gegen den Urheber der unwahren Gerüchte, als auch gegen den schuldigen Schriftleiter des betreffenden Blattes Strafantrag gestellt, der bereits am 11. Februar an den Oberstaatsanwalt abgegangen ist."

"Oberbürgermeister Dietrich wies" dann in der Stadtverordnetensitzung am 21. März 1928, "in längeren Ausführungen, … gegenüber diesen Verleumdungen genau nach, daß bei der Polizeiverwaltung nichts Gesetzwidriges vorgegangen sei, daß kein Beamter irgendeine gesetz- oder rechtswidrige Handlung begangen habe." Werner Abel charakterisiert er als politischen Hochstapler und den Klassenkampf als völlig unglaubhaft. Diejenigen, speziell die Kommunisten, kündigt der Bürgermeister in seiner Stellungnahme vor den Stadtverordneten an, die trotzdem diesen Unsinn nachplappern, werden ihrer Strafe nicht entgehen. So geschah es dann.

Das hiesige Amtsgericht verurteilt Adolf aus Almrich am 17. Mai 1929 wegen Beleidigung des Stadtsekretär Bächler während einer Kinovorstellung in Knörrichs-Garten am 24. März 1928 zu 300 Reichsmark. Außerdem trifft ihn eine Geldstrafe wegen Beleidigung von Oberbürgermeister Dietrich in Höhe von 200 Reichsmark. Es war am 25. März 1928. Die KPD rief zur Ehrung für die im Kampf gegen den Kapp-Putsch Gefallenen auf dem Friedhof an der Weissenfelser Strasse auf. Nach der Kranzniederlegung marschieren die Teilnehmer gemeinsam auf den Markt. Zwischen 4000 bis 5000 sind erschienen. Vor dem Rathaus spricht der Abgeordnete Schröter aus Halle und geht dabei noch mal auf die Ereignisse im März 1920 und die Rolle von Oberbürgermeister Arthur Dietrich ein. Als dessen Name fiel, entfuhr Adolf Schuster (KPD) laut hörbar:

"Der Schuft!"

Darüber kommt es vor Gericht unter Anhörung von zwei Polizeibeamten, einem sachverständigen Ohrenarzt und weiterer Zeugen zu langwierigen Erörterungen. Ganz nahe beim Angeklagten steht Walter Fieker (KPD, Naumburg). Der hatte (natürlich) nichts gehört, wie er dem Richter Auskunft gibt. Schuster kommt in der Berufungsverhandlung am 25. November 1929 vor dem Landgericht Naumburg noch auf den kindischen Einfall zu behaupten, er habe dies ausgerufen, weil ihn, wie er da in der Menge vor dem Rathaus stand, jemand auf den Schuh getreten war. Dem drückt Staatsanwalt Kessler leichterdings den Stempel der Unwahrheit auf.

Aber zwischen dem Vorfall am 25. März und der Anzeige vergingen nach Adolf Schuster 11 Monate. Das mutet merkwürdig an, sagt er. Noch dazu wurde ihm vor dem Amtsgericht Naumburg das Wort zu seiner Verteidigung abgeschnitten, weshalb er gegen das Urteil des Amtgerichts Naumburg vom 17. Mai 1929 Berufung einlegt. Ebenso der Staatsanwalt.

Anfang September 1929 findet im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Naumburg die Berufungsverhandlung zum Passfälscher-Prozess statt. Das Gericht befasst erneut eingehend mit den Vorgängen auf dem Marktplatz am 25. März 1928 und bei der Kinoveranstaltung des Rotfronkämpferbundes im gleichen Monat. Dann kommen Details über die angeblichen Passfälschungen zur Sprache. Stadtsekretär Bächler bestreitet dies. Der Angeklagte zweifelt dies an und bitte um Vertagung, damit Dr. Hans Wilhelm Stein (Saaleck) vorgeladen und Kapitänleutnant Ehrhardt befragt werden kann. Dem gibt das Gericht statt.

Über die Fortsetzung der Verhandlung berichtet der Volksbote (Zeitz) unter der Überschrift Noch immer Naumburger Passfälschungsschwindel! am 10. September 1929. "Der Andrang war groß. Der Angeklagte hatte seinen Zweck erreicht, die ganze Sache aufzurollen. "Werner Abel ist vorgeladen. Schuster holt ihn vom Naumburger Bahnhof ab. Ein merkwürdiges Paar, vermerkt der Volksbote dazu. Die Verhandlung beginnt. Der Vorsitzende des Gerichts stellt an Oberbürgermeister Dietrich und Bürgermeister Roloff die Frage:

"Was wissen Sie davon,
daß Bächler Oberleutnant Abel falsche Pässe besorgt hat?"

"Nichts!",

antworten beide und werden darauf entlassen.

Dann befragt der Vorsitzende des Gerichts Werner Abel:

"Was wissen Sie davon, daß Dr. Stein in Saaleck und Kapitänleutnant Erhardt falsche Papiere bekommen haben?"

Der antwortet:

"Dr. Stein hat mir`s selbst und Kapitänleutnant Erhardt in München erzählt. Ich habe später selber durch Nowotnick auf den Namen Ahlers falsche Papiere bekommen. Bächler habe ich dabei nicht gesprochen."

Weiter fragt der Vorsitzende:

Wie kam es, dass Sie falsche Papiere hatten?

Abel antwortet:

1927 hatte ich mit Oberkommissar Kaspar von der Polizei Naumburg eine Besprechung. Bächler begegnete ich kurz im Rathaus. Aber erst in seiner Wohnung traf ich mit ihm richtig zusammen. Nowotnick hatte mir (Abel) erzählt, Ehrhardt sei mit seinem Chauffeur hier und hätten auch falsche Pässe bekommen, wovon der Oberbürgermeister wusste.

Zur Fortsetzung der Verhandlung am 25. November 1929 vor der Kleinen Strafkammer des Landgerichts Naumburgs erscheinen als Zeugen Graf Stolberg (Wernigerode), Fischhändler Nowotnick (Naumburg), NSDAP-Gauleiter Hinkler (Freyburg) und Dr. Stein (Saaleck). Seitens der KPD sind Walter Ficker (KPD-Fraktion Stadtparlament), der Initiator des Skandals Werner Abel und der Redakteur Max Lademann (1896-1941) vom Klassenkampf (Halle) dabei. Landgerichtsdirektor Lohmeyer, der die zehnstündige Verhandlung leitet, unterzog sich persönlich der Mühe, vorher die Aussage von Kapitän Ehrhardt in Flensburg einzuholen. Der charakterisierte den Hauptzeugen Werner Abel als völlig unglaubwürdig.

Dr. Stein erklärt vor Gericht, ich habe keine falschen Pässe erhalten. Weiter bestreitet er, Geld in München für die Rathenaumörder besorgt und die Flüchtenden in den Turm der Burg Saaleck eingelassen zu haben.

Das Gericht befasst sich nochmals eingehend mit der Ausstellung der Pässe durch Stadtsekretär Bächler. Es kann kein schuldhaftes Verhalten entdecken und verwirft den Antrag auf Berufung durch den Staatsanwalt und von Seiten des Angeklagten. So bleibt es also bei den Geldstrafen für Adolf Schuster.

Im Passfälscher-Prozess kommt manch Pikantes zur Sprache. Zum Beispiel: "Von dem Waffenlager bei Nowotnick hat [Werner] Abel vom Gauleiter der Nationalsozialisten, dem früheren Lehrer, jetzigen Magistratsbeamten [Paul] Hinkler in Freyburg a. d. U. erfahren. Der sprach von Maschinengewehren. Die beiden waren aneinander geraten und hatten sich Lump und Vagabund geschimpft, weil einer den andern des Verrats bezichtigte." (Volksbote, 10.9.1929)

Die Historie vom Passfälscher-Skandal verweist auf noch offene Fragen zur Flucht der Rathenau-Mörder im Juni 1922 nach Saaleck. Vielleicht stossen wir auch an die Grenzen historischer Forschung. Nach ihren strengen Kriterien muss es als ungeklärt gelten, wo die Rathenau-Mörder in Naumburg eventuell Station machten und von wem sie Unterstützung erhielten. Freilich ist nicht zu erwarten, dass Akteure wie der Fischhändler Nowotnick und Stadtsekretär Bächler, die sich seit 1921 aus dem Stahlhelm gut kannten, ihre Verabredungen für die Nachwelt dokumentieren. So bleibt beim verstehenden Lesen der Historie vom Passfälscher-Prozess dennoch die Vermutung, dass in Naumburg eine handfeste Unterstützungsszene für die Rathenau-Mörder existierte.

Soviel ist sicher: gelogen wurde. In den Verhandlungen kam ein Waffenlager vom Stahlhelm zur Sprache, was heftig bestritten wurde. Zwei Jahre später entdeckt es die Sicherheitspolizei in Naumburg ...

 

 

Abel, Werner: Der Mord an Karl Gareis. In: Die Weltbühne, XXV. Jahrgang, Nummer 41, Berlin ,den 8. Oktober 1929, Seite 543 bis 547

Fememörder-Paradies in Naumburg. In: Klassenkampf, Kommunistisches Organ für den Bezirk Halle-Merseburg mit der Illustrierten Arbeiter-Zeitung "Der Rote Stern", Halle, Mittwoch, den 8. Februar 1928

Keine Bewilligung für Jubelfeier und Festzug! Zurückgewiesene Verleumdung der kommunistischen Presse. In: "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 22. März 1928

Die Klassenkampf-Anschuldigungen gegen die Naumburger Behörde. Vor dem Stadtverordneten-Kollegium. In: "2. Beilage zum Volksboten". Zeitz, den 24. März 1928

Die Lügen über die "Passfälschungen". Abel und die Kommunisten. In: 1. Beilage zu Nummer 71 des "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. März 1928

Immer noch der Passfälschungsschwindel. In: "Volksbote", Zeitz, den 4. September 1929

Wieder einmal die Lügen über eine angebliche Passfälscher-Zantrale vor Gericht. In: "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26. November 1929

Der Zusammenbruch des Lügenbaues einer angeblichen Passfälscher-Zentrale in Naumburg. In: 2. Beilage zum Naumburger Tageblatt und zur Bad Kösener Zeitung Allgemeinen Zeitung, Naumburg, den 27. November 1929


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2007.
Aktualisiert: 25. Januar 2009
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