naumburg1933.de
und naumburg-geschichte.de
Luftangriffe
zurück

 

Bomben-Stimmung


 

Dr. med. Dent. Ulrich von Tigerström, Naumburg, Blücherstraße 18 (Seminarstraße) wurde am 4. Februar 1895 in Bassin Kreis Grimma als Sohn des Rittergutsbesitzers Wilhelm von Tigerström und seiner Frau Hellen geboren. Bis August 1914 besucht er Realgymnasium in Rostock. Nach dem Abitur Eintritt in das Dragoner-Regiment Nr. 17. Ab 1916 Dienst in der Fliegertruppe. Nach dem Krieg bis 1921 Studium der Zahnheilkunde in Greifswald. Von 1923 bis 1932 Mitglied des "Stahlhelms"; nach Austritt (März 1932) Mitglied der SA und der NSDAP. Seit Dezember 1932 Führer des Flugsportvereins Mitteldeutschland im NSFK. Mitglied des Kirchenrates der Domgemeinde (1933). Ulrich von Tigerström starb 1940.

 

Die Naumburger Fliegerortsgruppe unter Führung von Dr. med. dent. Ulrich Tigerström lädt für Sonntag, den 11. Februar 1934 in den Ratskeller von Naumburg ein. Sie wirbt für die Zukunft der deutschen Luftfahrt. Der Badenweilermarsch eröffnet den Abend. Unter den Gästen weilt Flugpionier Hermann von Köhl, der am 12. April 1928 in 37 Stunden seine Junkers W 33 von Irland zur Insel Greenly (Neufundland) steuerte. Ein mit viel dokorativem Schmuck und lauten Eitelkeiten umsetzes Heldentum, durchsetzt von einem veräußerlichten, verzerrten und vergifteten Heroismus, wird zur Schau gestellt. (Victor Klemperer) Die Redner schwadronieren über "Stunden der Todesnähe" und "Menschen, die gelernt haben, dem Tod ins Auge zu sehen". Als Höhepunkt erleben die Gäste um Mitternacht im Saal einen simulierten Fliegerangriff. Scheinwerfer leuchten gegen den "Himmel". Motorengeräusche anfliegender Flugzeuge sind zu hören. Bombeneinschläge dröhnen durch den Saal. Bomben rieseln als Schokoladentäfelchen auf die Feiernden nieder. Dazu gibt es Sekt und Tanzmusik. Im Februar `34 im Ratskeller. Die Großmäuligkeit, verbunden mit Effekthascherei, wie sie die Propagandamaschine der Nationalsozialisten kennzeichnet, imponierte vielen.

 

Nicht als Simulation, sondern in der Realität erlebte Waltraud Lack 1944 Luftangriffe auf Almrich, heute ein Ortsteil von Naumburg. Sie war damals noch ein Kind. 2006 erinnert sie sich so:

"Nach dem 4. Schuljahr ging ich nach Naumburg auf die Mittelschule. Da ging 1944 der Krieg dem voraussehbaren Ende entgegen, immer noch wurde der Sieg beschworen. Für uns Kinder sah es so aus: Früh reinlaufen zur Schule, 1 Stunde Unterricht, Voralarm, alle in den Keller. Wir Dorfkinder hatten in dem Keller Angst, alle hatten Angst und das übertrug sich. Also rannten wir bei Voralarm los, Richtung Almrich. Spätestens bei der Schweinsbrücke gab es Vollalarm, und da waren auch schon die Tiefflieger über uns. In die Keller der angrenzenden Häuser konnten wir nicht, sie waren verschlossen aus Angst vor feindlichen Fallschirmspringern. Es kam vor, dass die Flak ein Flugzeug abschoss und der Pilot sich zu retten suchte. Das geschah einmal. Der Pilot wurde von einem Deutschen festgenommen und ins Spritz(en)haus gesperrt. Vorher schenkte er einem Mann seine Uhr. Später hörten wir, dass man den Mann erschossen hatte. …. Während wir Kinder nun nach Hause rannten und die Tiefflieger über uns waren, sah ich einmal sogar den Piloten in seiner Kanzel, er hatte eine eng anliegende Ledermütze auf. Die Geschosse spritzten um uns herum auf das Pflaster, er musste sehen, dass wir Kinder waren. Wir hatten einen Schutzengel. Ich wusste hinterher nicht mehr, wie ich den Hang runter und unter die Schweinsbrücke gekommen bin." (Lack 2006)

Naumburg liegt in einem Großraum mit vielen militärisch-strategischen Zielen für die britischen und amerikanischen Flieger. Oftmals werfen sie ihre Last über dem Leuna-Werk ab. Sirenen jagen am 12. Mai 1944 die Naumburger in die Luftschutzbunker. Die Fliegenden Festungen werfen Bomben auf die Tanks und Hydrieranlagen der Werke zur Herstellung von Treibstoff und Schmiermitteln in Leuna, Lützkendorf, Böhlen und Zeitz.

Manchmal ist der Himmel hell durch die "Christbäume" erleuchtet. Oder man sieht im Norden die Lichtstelen der Flak-Scheinwerfer.

"Meine Kindheitserinnerungen beinhalten",

schreibt Jürgen Dorka 2006,

"z.B. wie ich als Zehnjähriger von der Hitlerjugend als Melder eingesetzt, im Schoß meiner Mutter während eines Bombenangriffes im Luftschutzkeller der "Reichskrone" Zuflucht suchte, statt zu melden. Mir bleibt in Erinnerung, wie die "Christbäume" am Himmel standen, die das Bombenabwurfziel der Leunawerke markierten oder wir tagelang in den Obstregalen des Kellers im Haus Grochlitzer Straße 54 schliefen, um das Kriegsende zu erleben. Ich sah staunend, wie die Glocken aus dem Turm des Domes als Rohstoff für Kriegszwecke herausgeholt wurden." (Dorka 2006)

Bomber über Naumburg sind deshalb ab der zweiten Hälfte des Krieges nichts Besonderes. Immer wenn der Rundfunk die Verbände im Anflug - wie aus der Steiermark oder Kärnten - melden, hält es die Anwohner in der Nähe der Kasernen nicht in ihren Häusern. Aus Richtung Weinbergsweg ziehen die Menschen zum Bunker am Auenblick. Der ehemalige Bierkeller liegt zwar tief im Spechsart, gilt aber trotzdem als Mausefalle.

Zur Reaktion der Bürger auf diese Lage gibt der Regierungspräsident von Merseburg im Juli 1943 folgende aufschlußreiche Einschätzung:

"Die Stimmung der Bevölkerung steht unter dem Einfluß der Kriegsereignisse und der Versorgungslage. Bei dem Kriegsgeschehen spricht man vor allem von Terrorangriffen der feindlichen Flieger, dem Absinken der U-Boot-Erfolge und dem Vordringen der Feindmächte gegen italienischen Boden. Es ist dabei eine zunehmende Verzagtheit festzustellen, die ihre Ursachen in der Annahme haben, dass unsere Luftabwehr nicht verhindern kann, daß ganze Städte und Dörfer vernichtet werden und daß unsere Luftwaffe nicht zur Vergeltung schreitet. …

Diese bedrückte Stimmung findet jedoch keinen Ausdruck in der äußeren Haltung. Die Bevölkerung fügt sich weiterhin willig den kriegsbedingten Gesetzen und Verordnungen, so daß für mich kein Anlaß zu der Befürchtung besteht, daß Unruhen irgendwelcher Art entstehen." (Regierungspräsident 21. Juli 1943)

 

LSR

Naumburg ist Garnisonsstadt, besonders das Heeresverpflegungsamt mit seinen Silos für die Verpflegung der Truppe und das Heereszeugamt am Rande der Stadt bilden militär-strategische Ziele.

Viele Häuser bemalt man mit breiten weißen Streifen, die jäh mit einem Pfeil enden. Sie verweisen auf eine Tür oder ein Kellerfenster, worauf "LSR" (Luftschutzraum) steht. Der Reichsluftschutzbund hat in Zusammenarbeit mit der NSV zwei Räume im Salztorhäuschen eingerichtet (1938).

Erholung, Gesellschaftshaus (2004)

 

Bereits am 30. November 1934 tagt der Hausbesitzerverein in der Erholung, um mit seinem Vorsitzenden Stadtrat Becker über die Gefahren bei Luftangriffen zu sprechen. Als Gast begrüßen sie den Vorsitzenden der Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes Bürgermeister Karl Roloff. Der Schulungsabend will zeigen, "welch mancherlei Gefahren die Häuser durch Luftangriffe wie auch durch die Zerstörung der Witterungseinflüsse unterliegen". Eine Licht-Bildreihe erklärt, wie man Sicherungsaufgaben am Haus durchführen kann. "Dem Hausbesitzer sollte hierdurch vor Augen geführt werden, wie er sein Besitztum vor solchen Gefahren möglichst schützen kann." (1934)

Blick zum Felsenkeller
Luftschutzraum im Felsenkeller (2009)
 
Ausblick vom Klingerberg
Luftschutzbunker am Klingerberg (2011)
 
Eingang zum Zuckerberg (2011)
In den Gängen des Zuckerberges (2011)

Major Freiherr von Massenbach vom Reichsausschuss für Sachwerterhaltung hält einen Aufklärungsvortrag, begleitet mit der Vorführung von Bildern englischer und französischer Militärflieger beim Üben von Bombenabwürfen. "Die Militärstaaten, welche uns umgeben," erläutert das Naumburger Tageblatt den Lesern, "haben zur Zeit 20 000 Kriegsflugzeuge in Bereitschaft, dem Deutschland nicht ein einziges entgegenzustellen hat."

Karl Roloff und Freiherr von Massenbach lassen es an markigen Worten nicht fehlen. Erneut bekennt sich Hitler auf dem Bückeberg bei Hameln zum Frieden, heißt es an diesem Abend. Aber "ringsum rüsten unsere Nachbarn"! Deshalb muss jetzt Vorsorge getroffen werden. Hinweise hierzu erhält der Bürger von der Firma Sieling frei Haus mit dem Adressbuch geliefert. Unter der Überschrift "Feindliche Flieger bedrohen dich!" befragt man die Bürger:

Ist dein Hausboden entrümpelt?

Ist dein Luftschutzkeller in Ordnung? oder

Hast du dich gegen Einsturzgefahr und Splitterwirkung hinreichend gesichert?

Im März 1935 wird die Ortsgruppe des Reichsluftschutzes wieder aktiv. Erste Verdunkelungsübungen finden statt. "Wenn Naumburg von feindlichen Fliegern heimgesucht würde", überschreibt am 9. September 1935 das Naumburger Tageblatt. Unter der Annahme des Bombenabwurfs auf das Schützenhaus üben die Feuerwehren den Löscheinsatz.

In der Stadt werden im Laufe der Jahre Luftschutzräume, wie zum Beispiel im Oberlandsgericht, Marientor, Gesellschaftshaus Erholung oder bunkerähnliche Räume im Zuckberg und Felsenkeller, hergerichtet beziehungsweise gebaut. Trotz des propagandistischen Getöses ist die Stadt schlecht auf die Fliegerangriffe vorbereitet. Erst in Auswertung der Erfahrungen aus den Luftangriffen auf Rostock, Kiel und Hamburg verfügt Oberbürgermeister Bruno Radwitz am 28. August 1942, in allen Dienstgebäuden und Schulen Sandtüten nebst Löschwasser bereitzustellen. Aktionismus soll die Bürger über die Schwächen und zum Teil prekären Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Noch Anfang 1944 reichen die Plätze im Luftschutzkeller am Bahnhof Naumburg nicht aus. Nicht alle Anwohner vom Othmarsplatz und Othmarsweg sowie Steinweg finden Platz im zugewiesenen Luftschutzkeller. Auf Vorschlag der NSDAP-Kreisleitung sollen die Bürger den Keller des Winterhilfswerkes am Lindenring 45 nutzen. Der kann 200 bis 300 Personen aufnehmen.

Die damals dreizehnjährige Frau Ilse Wolf erinnert sich im Jahre 2006:

"Schon seit Monaten (1943/45) mussten wir fast jede Nacht und jeden Tag einmal oder mehrmals den Luftschutzkeller aufsuchen. Englisch-amerikanische Bomberverbände flogen ihre Angriffe gegen die mitteldeutschen Industriegebiete um Leuna, Merseburg und Zeitz. Gegen Ende des Krieges häuften sich die Fliegeralarme. War es am Tage, wurden wir aus der Schule nach Hause geschickt. Des Nachts weckte mich meine Tante, bei der ich aufgewachsen bin. Schlaftrunken zog ich meinen Trainingsanzug an, nahm mein Notköfferchen und dann ab in den Luftschutzkeller. Viele Häuser der Altstadt waren meist auf stabilen Gewölben mit dicken Mauern gebaut." (Ilse Wolf)

Einige Bürger suchen im März und April 1945 hinter den dicken Mauern des Marientors (Stadtplan) Zuflucht. Der Schutzraum befindet sich in den unterirdischen Gewölben, hatte aber keinen zweiten Fluchtweg. Nachdem unweit davon der Bäcker in der Marienstraße getroffen wird, geben es viele auf, hier Schutz zu suchen (vgl. Bjarsch 69 f.).

Richard Wandelt (2010) erzählt, dass seine Grossmutter panische Angst vor Luftangriffen hatte. Bei Bombenalarm liefen sie von ihrem Wohnort in der Grochlitzer Strasse "in den sehr tiefen tonnengewölbten Keller des Cafe Furcht in der Innenstadt, um dort mit 20 bis 30 anderen Personen Schutz zu suchen. In manchen Nächten liefen wir zwei- oder dreimal."

Für den Dom und die Stifterfiguren zieht man als Schutz vor Druckwellen und Bombensplittern Mauern ein. Die Glasfenster werden herausgenommen.

Wegen der Bombenangriffe auf das mitteldeutsche Industriezentrum und die Grosstädte mussten Kinder aufs Land umsiedeln. Wer keine Verwandten hatte, den verschickt man in die KLV-[Kinderlandverschickung]-Lager. Etwa 50 Mädchen der 6. Klassen der Halleschen Torschule kamen am 3. Mai 1944 in den Alten Felsenkeller. (Vgl. Teuscher)

 

Flugzeugabsturz

Max Kruse (geboren 1921) aus Bad Kösen berichtet 1993 in Eine behütete Zeit - eine Jugend im Käthe-Kruse-Haus:

"Am hellen Tag sah ich ein abgeschossenes Kampfflugzeug vom Himmel stürzen. Es schien direkt auf unsere Haus zuzutrudeln, die Nase nach unten die Flügel breit und sich langsam drehend - es wurde rasch größer. Wir retten uns hastig in Keller: nichts geschah, keine Detonation, kein Aufprall. Das Flugzeug war weit entfernt in den Wald gestürzt.

Dann wiederum schwirrten böse Gerüchte durch den Ort, eines Morgens. In der Nacht habe der stellvertretende Ortsgruppenleiter im Wald einen englischen Flieger erschossen, der sich mit dem Fallschirm rettete. Die Sache wurde vertuscht, aber es blieb ein schlimmer Geschmack im Mund. Der Hass auf den Flieger war bei den unvernünftigen Leuten zwar gross, doch man wollte trotzdem, dass die Genfer Konvention anerkannt würde, schon um der eigenen Söhne willen, die Kriegsgefangene waren." (Kruse 276)

Möglicherweise handelt es sich hierbei um den Absturz am 29. Juli 1944. Insgesamt stürzten nach Karl-Heinz Giesecke (2004) in der Umgebung von Bad Kösen allein drei B-17-G "Flying Fortress" ab.

 

Luftangriffe

Zu den Luftangriffen im April 1945 auf Naumburg erschienen inzwischen viele Berichte, Mitteilungen und Aufsätze. Obwohl diese natürlich für die stadtgeschichtliche Forschung wertvoll, enthalten sie manchmal falsche Daten. So wenn es heisst: "Der 3.4.1945 brachte den Naumburger den ersten Bombenangriff." (Aumann 8) Oder wenn Stadtarchivar Walter Wirth (1974) schreibt: "Bei dem Bombenangriff am 7. April 1945 wurde auch die Wenzelskirche schwer getroffen." An beiden Tag verzeichnet die Stadt keinen Luftangriff. Noch 1995 teilt das Naumburger Tageblatt mit: "Der 10. April brachte keine Luftangriffe", was ebenfalls nicht korrekt ist. Tatsächlich gab es im April `45 nicht nur zwei, wie es bisher oft in der Literatur dargestellt wird, sondern drei Angriffstage - den 9., 10. und 11. April. Lange Zeit nach dem Krieg erinnerte man sich nur an die Vorgänge im April `45. Völlig vergessen war der Luftangriff vom 16. August 1944. Erst die 2005 veröffentlichten Erinnerungen von Joachim Vöckler, Jahrgang 1935, rückten diesen Tag aus dem Schatten der Stadtgeschichte heraus. "Es fielen auch Bomben auf Bad Kösen," so Max Kruse, geboren 1921 in Bad Kösen, "doch sie stürzten ins Feld und richteten keinen Schaden an." (Kruse 276)

Mit dem Buch

Der Vorstoß des V. Corps zur Saale und Unstrut
und die Besetzung von Naumburg im April 1945

von 2007 konnte Jürgen Möller aus Ansbach durch einen besonderen Zugang zu historischen Quellen eine detaillierte Darstellung der Luftangriffe auf Naumburg (Saale) im Zweiten Weltkrieg geben.

 

9. April 1945

"Anfang April 1945", so beschreibt Zeitzeugin Ilse Wolf die Lage, "näherten sich die amerikanischen Streitkräfte von Thüringen kommend unserer Stadt. Auch Aufklärungsflugzeuge kreisten öfter über unserm Gebiet. Jeder hoffte, dass Naumburg von Zerstörungen verschont bleiben würde. Am 9. April 1945 heulten die Sirenen. Zur Sicherheit gingen wir in letzter Zeit in einen tiefer gelegenen Luftschutzkeller unseres Nachbarhauses Engelgasse 7. Kaum waren wir, meine Tante und ich sowie einige Hausbewohner, im Keller, hörten wir es oben krachen, und das Haus erschütterte. Dreck rieselte zum Kellerschacht herein. Meine Angst war riesengroß. Ich klammerte mich an meine Tante und sagte zu ihr: "Bloß nicht lebendig begraben werden!" Danach herrschte Totenstille. Eine ältere Hausbewohnerin, welche noch nie einen Luftschutzkeller aufgesucht hatte, kam sehr verstört herunter und weinte. Sie sagte: "Ich weiß nicht, ob unser Haus noch steht." Nachdem Entwarnung gegeben war, wagten wir uns aus dem Keller nach oben. Zunächst waren wir froh, dass unser Wohnhaus - Reußenplatz 17 - noch stand, aber o weh, die Fensterscheiben waren kaputt, Türen aus den Angeln gehoben und überall lagen Steine, Dachziegel und Glas umher. Am nächsten Tag konnten wir das ganze Ausmaß der Zerstörungen erfahren. Zwei Schlachtflieger, vom Buchholz her kommend, hatten ihre Bombenlast über Naumburg abgeladen. Zerstörungen gab es in der Medlerstraße, Neustraße, Neugasse, Salzstraße, Salzgasse, am Topfmarkt mit der Sparkasse, am Altersheim, in der Druckerei Sieling und der Wenzelskirche. Weitere Bomben fielen in der Marienstraße, Fischstraße, auf den Stadtfriedhof (Stadtpark) und in der Gartenstraße. Tage später wurde auch das Heereszeugamt bombardiert. Auf Wunsch meiner Pflegeeltern Elfriede und Karl Foth, Naumburg, Reußenplatz 17, habe ich alle Fliegeralarmzeiten von 1943 bis 1945 aufgeschrieben." (Ilse Wolf )


B-26 Martin Marauder
Tiefangriffsbomber

Zeichnung

Erstflug 25. November 1940

Zweimotoriger Bomber mit Doppelsternmotoren mit je 1 920 Pferdestärken

Länge 17,22 Meter

Flügelspannweite 21,65 Meter

Höchstgeschwindigkeit 455 km pro Stunde

Reichweite 1 760 Kilometer

Dienstgipfelhöhe 6 040 Meter

Bewaffnung
elf 12,7 mm-Maschinengewehre und 1 815 Kilogramm Bombenlast

Besatzung
zwei Piloten und ein Bordschütze


Erste Angriffswelle, zwischen 11.53 Uhr und 12.03 Uhr:

Den Angriff übernehmen die taktischen Luftstreitkräfte der 9th USAAF (US Army Air Force - US Luftwaffe). Ihre Maschinen starten von den Feldflugplätzen in Frankreich, Belgien und Holland. Sie starten zu drei Staffeln mit einundvierzig Martin Marauder B-26. Zwei erreichen beziehungsweise finden ihr Ziel in Naumburg und werfen ihre 250 Kilogramm schweren Bomben ab. Es "hängen dichte Wolken über der Stadt," schreibt Jürgen Möller (17), "welche die Sicht der Bombenschützen behindern."

Zweite Angriffswelle, 13.08 Uhr:

Fünf B-26 Bomber werfen 40 Bomben zu je 250 Kilogramm ab. Auch diese Angriffsformation "kann das Ziel nicht eindeutig erkennen." (Möller 17)

Dritte Angriffswelle, 15.44 Uhr:

52 Bomber fliegen die Stadt an. "Doch noch immer behindert der bewölkte Himmel die Sicht..." (Ebenda 18) Luftbildkameras zeichnen über dem Heereszeugamt eine starke Rauchentwicklung nach. "So wählen einige der Bombenschützen markante Punkte in der Stadt als Zielpunkt." Sie landen vor allem im Stadtzentrum und Heereszeugamt (Kroppental Straße). Einige wenige fallen auf das Heeresverpflegungsamt (Schönburger Straße). Insgesamt werden 106 Bomben zu je 500 Kilogramm und 200 Bomben zu je 250 Kilogramm abgeworfen. (Ebenda 18)

Die Bomben treffen Wohnhäuser in der Salz-, Neu-,Gutenberg- und Marienstraße, den Topfmarkt nebst Umgebung der Wenzelskirche und den 400 Jahre alten Stadtfriedhof. Im Gebiet zwischen Neu- und Gutenbergstraße sind fünfzig Gebäude total zerstört. Darunter die Loge, das Polizeigebäude (Große Neustraße 15) gegenüber der "Münze" mit drei toten Polizisten.


Naumburg nach
dem Bombenangriff 1945 -
Blick von der Neustraße
in Richtung St. Wenzel. Nach einem
Gemälde von Erich Menzel (Bild groß)

 

"Ich glaube nicht," schreibt Richard Wandelt 2010 (8) über den erlebten Bombenangriff in einem Keller der Salzstrasse, "dass ich Angst hatte, eher war ich neugierig drauf, wie es draussen aussah. Als Entwarnung war, liefen wir aus dem Keller nach oben und standen in lauter Häuserschutt. Da, wo genau gegenüber eine Gasse mit Häusern gewesen war, gab es nur noch Trümmer. Am Ende der [Salz-]Gasse war die Polizeiwache gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir auf einem uns riesig erscheinenden Schuttberg mehre Polizeischakos liegen sahen und uns diese unter Gelächter aufsetzten. Man muss wissen, dass wir Kinder eine panische Angst vor der Polizei hatten …"

Das Dach und die Westwand der Wenzelskirche, die Hildebrandt-Orgel und der Sparkassenbau weisen schwere Schäden auf. Wasser- und Stromversorgung werden schwer beschädigt.

 

Tiefflieger greifen im Stadtzentrum und -gebiet Zivilpersonen an.


 
Luftangriff auf Naumburg (Saale) am 9. April 1945
41 Bomber fliegen
in drei Staffeln an*
zwei Staffeln
erreichen Naumburg*
Erste Welle zwischen
11.53 -12.03 Uhr*
Zweite Welle
13.08 Uhr*
fünf Martin Marauder B-26 klinken ihre Bomben aus*
Dritte Welle gegen
15.50 Uhr mit
52 Bombern*
106 Bomben zu 500 Kilogramm plus 200
zu je 250 Kilogramm*
Wolken behindern
die Sicht*

getroffen:

   
Heereszeugamt,
Kroppentalstraße
Neustraße
die Münze
Salzgasse
Polizeigebäude
Lebensmittelgeschäft Ecke Salzstraße / Salzgasse
Neugasse
Salzstraße, Gebäude von Nummer 33 bis Sparkassengebäude
Gutenbergstraße (ehemalige Gaststätte "Palmenbaum")
Topfmarkt 2/3
Westwand der Wenzelskirche und Hildebrandt-Orgel
Druckerei Sieling
Gartenstraße
Medler Straße
Schönburger Straße (Altersheim)
Heeresverpflegung-
samt
  
zwischen 16
und 17 Uhr erneu-
ter Fliegerangriff
Bahnhof Naumburg
Treffer westlich der Roßbacher Brücke
 


* Quelle: Jürgen Möller: Der Vorstoß des V. US Corps zur Saale und Unstrut und die Besetzung von Naumburg im April 1945. Ein militärgeschichtlicher Abriß. Arps Verlag, Weißenfels, Februar 2007

 

 

 

10. April

Am 10. April 1945 stürzen gegen 15.45 Uhr Tiefflieger auf den Bahnhof Naumburg nieder und richten erheblichen Sachschaden an. Weitere Bombenabwürfe erfolgen im Bereich des neuen Friedhofs und der Fahrbahnbelag der Weißenfelser Straße wird beschädigt. (Vgl. Möller 19)

 

 
Luftangriff auf Naumburg (Saale) am 10. April 1945
 
15.45 Uhr
Tieffliegerangriffe
Bahnhof
Naumburg
Sachbeschädigung im Gleisbereich westlich der Roßbacher Brücke
Neuer Friedhof (Weißenfelser Straße)
  


Quelle: Jürgen Möller: Der Vorstoß des V. US Corps zur Saale und Unstrut und die Besetzung von Naumburg im April 1945. Ein militärgeschichtlicher Abriß. Arps Verlag, Weißenfels, Februar 2007

 

 

 

11. April 1945

 

A-26 Invader Bomber

Zeichnung

Erstflug 10. Juli 1942

Zweimotoriger Bomber mit Doppelsternmotoren mit je 2 000 Pferdestärken

Länge 15,24 Meter

Flügelspannweite 21,34 Meter

Höchstgeschwindigkeit 570 Kilometer pro Stunde

Reichweite 2 300 Kilometer

Dienstgipfelhöhe 6 700 Meter

Bewaffnung
acht 12,7 mm-Maschinengewehre und 2 265 Kilogramm Bombenlast

Besatzung
zwei Piloten und ein Bordschütze


Erste Angriffswelle, 10.12 Uhr:

Bis 10.49 Uhr werfen 41 A-26 Invader 246 Bomben zu je 250 Kilogramm ab. (Vgl. Möller 19) "Bodennebel hängt über dem Zielobjekt, und so landen ein Großteil der Bomben im Bereich der Straßen der Umgebung und in den Feldern des östlichen Ziels." (Ebenda 20)

Im Areal Grochlitzer Gries, Gerberbach, Am Gerberstein und Erbsenweg kommt es zum massiven Tieffliegerangriff auf Zivilpersonen. (Siehe unten.)

Zweite Angriffswelle, 10.52 Uhr:

36 B-26 klinken ihre 500-Kilogramm-Bomben aus. Das Heeres- und das Panzerzeugamt werden getroffen. "Kurz darauf ist der Himmel über dem Heereszeugamt durch teils dichten Rauch verhüllt." (Möller 20). Die Masse der Flugzeuge werfen ihre Bomben über der Stadt ab.

Dritte Angriffswelle, 11.15 Uhr:

38 Douglas A-20 Havog laden 224 Bomben mit je 250 Kilogramm Gewicht über dem Ziel ab. (Vgl. Ebenda 21)

Vierte Angriffswelle, zwischen 11.41 Uhr und 11.45 Uhr:

Aus einer Höhe von 1424 Metern werfen 38 A-26 Invader Bomber insgesamt 278 Bomben zu je 250 Kilogramm des Typs M-17 ab. "Die entfachten Feuer sollen einen Großbrand auslösen, der die Bergungsarbeiten behindern und die verbliebene Infrastruktur zerstören soll." (Ebenda  22) Die Brandsätze der Stabbomben M-17 enthalten Phosphor.

"Bei dem Angriff", notiert Pfarrer Konrad Zippel, "schossen Jagdflieger mit ihren Bordkanonen auf flüchtende Menschen." (Onasch 1995, 4)

Bomben treffen den Friedhof an der Weißenfelser Straße. Die Kapelle und das Krematorium sind auf lange Zeit nicht nutzbar. Schwere Schäden werden im Sektor Kroppentalstraße, Linsenberg bis Erbsenweg, an den Blöcken 3, 4 und 5 des Heereszeugamtes gemeldet.

Vierzehn Bombentrichter zählt eine Zeitzeugin westlich vom Erbsenweg. Sogar auf dem Grochlitzer Gries an der Saale kommt es zu Einschlägen und massiven Tieffliegerangriffen (siehe unten).

Im Heeresverflegungsamt (Schönburger Straße) werden zwei große Silos getroffen. Eines der beiden Silos brennt. "Das vermeintliche Schießen kam vermutlich von Konservendosen, von denen wohl Unmengen im Feuer zerplatzten. Dieses Geknalle ging noch bis in die tiefe Nacht". (Bjarsch 69)

Das Altersheim in der Schönburger Landstraße ist getroffen. Ebenso Grundstücke in der Fisch-, Burg-, Kanonierstraße sowie an der Ecke Hindenburg-/Sedanstraße (August-Bebel-Straße).

 

 
Luftangriff auf Naumburg (Saale) am 11. April 1945
Erste Angriffswelle
10.12 Uhr*
41 Invader A-26 Bomber
greifen an*
Abwurf von 246 mal 250 Kilogramm Bomben*
"auch diesmal ist
die Sicht schlecht"*
Bodennebel über
dem Zielobjekt*
Hauptziel: Heereszeugamt
Kroppentalstraße*
Zweite Angriffswelle
10.52 Uhr*
Dritte Angriffswelle
11.15 Uhr*
38 Douglas A-20
"Havog" Bomber*
Vierte Angriffswelle zwischen 11.41 und 11.45 Uhr*
38 A-26 Bomber*
insgesamt 278 250 Kilogramm Bomben
des Typs M-17*

getroffen:

   
Gärtnerei Krehahn im Weichaugrund
viele Tote unterhalb Zuckerberg, Grochlitzer Gries
Weichau
Burgstraße
Gartenstrasse
Marienstraße
Kanonierstraße
Fischstraße
alter Friedhof
Medlerstrasse
Lindenring
 


* Quelle: Jürgen Möller: Der Vorstoß des V. US Corps zur Saale und Unstrut und die Besetzung von Naumburg im April 1945. Ein militärgeschichtlicher Abriß. Arps Verlag, Weißenfels, Februar 2007

 

 

Trotz der Untersuchung Der Vorstoß des V. Corps zur Saale und Unstrut und die Besetzung von Naumburg im April 1945 (2007) von Jürgen Möller, konnten nicht alle weissen Flecken getilgt werden. Das betrifft die Areale:

a) Luftangriff vom 16. August 1944,

b) Tieffliegerangriffe innerhalb des Stadtgebietes,

c) Gesamtzahl der Opfer und

d) militärischer Wert der Luftangriffe.

 

16. August 1944

Mit der Mission 556 der Eighth Air Force fliegen am 16. August 1944 1090 Bomber und 692 Jäger an. Ihr Zielgebiet liegt im Raum Delitzsch, Schkeuditz, Halle und Leuna. Naumburg erreichen fünfzehn Boeing 17 Maschinen. Im Kroppental hagelt es Bomben. Das Heereszeugamt wird getroffen und brennt. In den weitläufigen Kellergewölben des Felsenkellers nehmen Bürger aus diesem Stadtgebiet Zuflucht. In der Burgstraße zerstören die Bomben Wohnhäuser. Einige Bürger kommen ums Leben. Im Naumburger Tageblatt wird darüber nicht berichtet.

 

 
Luftangriff auf Naumburg (Saale) am 16. August 1944
feindlicher
Fliegerangriff
Burgstraße schwer getroffen
Burgstraße 3 und 12 Volltreffer
Bomben
im Kroppental
Heereszeugamt (wahrscheinlich nur leicht) getroffen
Opfer:
Margarty Brumby
Burgstraße 3
Agathe Grubitz
Burgstraße 3
Johanna Sieler
Burgstraße 3
Hans Scharnetzki
Burgstraße 12
Maria Scharnetzki
Burgstraße 12
Melanie von Hahn
Burgstraße 14
Heinrich Theodor Schwalbe Burgstraße 6
Margarete Olga Weise
Linsenberg 14
  


Quelle: Standesamt Naumburg, Sterbebucheintragungen. Frau Susanne Kröner, Leiterin des Stadtarchivs von Naumburg (Saale), 2010. Joachim Vöckler (Zeitzeuge, geboren 1935): Seitdem hatte ich bei Fliegeralarm Angst. In: Naumburger Tageblatt, Naumburg, den 7. April 2005, jetzt auch auf Internet Seite des Stadtmuseums Naumburg.

 


 

Tieffliegerangriffe innerhalb des Stadtgebietes

Jürgen Möller (2007, 16 und 19) berichtet ausführlich vom Tieffliegerangriff auf einen Personenzug auf der Eisenbahnstrecke Halle-Bebra am 8. April 1945. Für das Stadtgebiet Naumburg registriert er einen am 10. April 1945.

Bisher unbeachtet blieb, dass die meisten Zivilisten wahrscheinlich am Vormittag des 11. April durch Angriffe von Tieffliegern im Areal Grochlitzer Gries, Gerberbach, Am Gerberstein und Erbsenweg (siehe Karte) ums Leben kamen. (Davon ausgenommen sind allerdings die Opfer vom Gelände des Heereszeugamtes.)

 

 

Auf dem Weg zum Buncker im Zuckerberg wurden viele Menschen überrascht. Die Flugzeuge schossen mit Bordwaffen dazwischen, schreibt Eberhard Kaufmann in "Verschüttet unter den Trümmern des Hauses" (1995).

Von Wolfgang Krehahn (Naumburg) kann man mehr über den Fliegerangriff vom 11. April erfahren. Mit ihm trafen sich der Diplom-Journalist Hans-Dieter Speck (Mitteldeutsche Zeitung, Naumburger Tageblatt) und der Autor am 28. Juli 2011 in Grochlitz (Naumburg). Das Gespräch währte über drei Stunden.

 

 
   
Wolfgang Krehahn (Naumburg) und Hans-Dieter Speck (Weissenfels) im Gespräch in Grochlitz. (28. Juli 2011)
 
Hans-Dieter Speck am Gerberstein. Er berichtet über diese Treffen "im Tunnel des Zuckerbergs", Naumburger Tageblatt, 3. August 2011.

 

Der Luftangriff vom 11. April 1945 und seine Folgen quälen und beschäftigen Wolfgang Krehahn noch heute. Er verlor dabei seine zwei Geschwister Evi und Eberhard. Davon erzählt der Stadthistoriker Eberhard Kaufmann (Naumburg) in Verschüttet unter den Trümmern des Hauses (1995).

 

 
   
Und dieser Hang, lag alles voll Tote. (Krehahn) - Bilder vom Ort des Geschehens: Der Gerberbach am Grochlitzer Gries. Der Hang, von dem Wolfgang Krehahn spricht, ist zugewachsen und daher fotografisch schwer darstellbar.
 

 

Wolfgang Krehahn am 28. August 2011 beim Ortstermin in Grochlitz.

Dann stehen wir zusammen auf dem Weg oberhalb des Gerberbaches. Hier erlebte Wolfgang Krehahn den Tieffliegerangriff am Vormittag des 11. April. Er erzählt:

"Und dieser Hang, war alles voll Tote. ...."

"Die sind im Rundflug gemacht und haben alles, alles was wackelte, umgelegt."

[Tondokumente mp3, Dauer etwa 1:05 Minuten und 0:47 Minuten.]

 

 

Anzahl der Todesopfer

Heinz Aumann (1960) beziffert die Opfer der Luftangriffe von April 1945 in Naumburg auf 192 Tote. 400 bis 629 Personen wurden obdachlos (vgl. Onasch 1995).

Eine Dokumentation vom Stadtmuseum Naumburg kommt 2005 zu dem Ergebnis:

"Mehr als 200 Ausländer wurden auf den Naumburger Friedhöfen beerdigt. Die meisten waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Viele von Ihnen starben bei den Luftangriffen im April 45, da man ihnen verboten hatte, die Schutzräume aufzusuchen. Etwa die gleiche Zahl von Opfern forderten die Luftangriffe unter den Naumburger Bürgern …" (Luftangriffe)

Damit wären es insgesamt etwa 400 Opfer.

Hans-Dieter Speck schätzt 2006:

"Insgesamt kamen an beiden Tagen [9. und 11. April 1945] 152 Naumburger, Umsiedler und Kriegsgefangene ums Leben."

Ilse Janda stellt in ihrem Kriegstagebuch 1945/1946 fest:

"Bei den 2 Angriffen 1000 Tote."

Eberhard Kaufmann berichtet 1995 über den Fliegerangriff auf das Heereszeugamt in Verschüttet unter den Trümmern des Hauses:

"Es wird geschätzt, dass zwischen 1200 und 1500 Gefangene [vom Wehrstrafbataillon 333] dabei den Tod fanden."

Würde man diese Opfer mit einrechnen, erreichte die Zahl eine Größenordnung, die nicht mit den im Stadtarchiv Naumburg dokumentierten und bisher veröffentlichten Angaben in Einklang zu bringen ist. Die Listen über die Opfer sind wahrscheinlich unvollständig. Es sind nur die erfasst, die auf dem Friedhof an der Weissenfelser Strasse beigesetzt wurden.

Friedhof Weißenfelser Straße (2007)

In den Tagen nach den Luftangriffen musste die Stadtverwaltung für die Sicherung der vitalen Lebensgrundlagen (Wasser, Energie, Lebensmittel) pyramidale Aufgaben bewältigen. Dem war alles Andere nachgeordnet. Ob unter diesen Umständen eine ordentliche Registrierung der Toten erfolgte, darf bezweifelt werden. Auch aus politischer Sicht kann man zumindest Fragen, ob sie überhaupt ein Interesse daran hat, die realistischen Zahlen zu veröffentlichen.

Es gibt mündliche Aussagen von Zeitzeugen, dass eine grosse Zahl der Opfer des Fliegerangriffs vom 11. April an einem anderen Ort der Stadt beigesetzt wurden. Das könnte die Differenz zwischen den bisher veröffentlichten Opferzahlen und den Angaben aus den Erlebnisberichten (Ilse Jander, Eberhard Kaufmann, Wolfgang Krehahn) erklären.

 

Zum militärischen Wert der Luftangriffe

Ein Ziel der Luftangriffe auf Naumburg (Saale) war das Heereszeugamt (HZA) und das Heeresverpflegungsamt (HVA). Sie werden am 9. April und am 11. April bombardiert. Aber

"…. die Zerstörung des Heereszeugamtes - wird trotz der abgeworfenen Bomben nicht erreicht." (Möller 23)

Die vielen anderen militärischen Objekte in und am Rande der Stadt wurden nicht angegriffen. Gemessen an der Einwohnerzahl, sind eine hohe Zahl ziviler Opfer der Luftangriffe zu verzeichnen.

"Der Grossteil der Bomben verfehlt das Ziel und landet in den Feldern nördlich, südlich und südwestlich des Ziels. Aber auch bebautes Gebiet wird getroffen." (Möller 22) Aber welche Erklärung gibt der Autor von Der Vorstoss des V. US-Corps dafür? Er macht die Wetterlage dafür verantwortlich; zum Angriff am 9. April heisst es:

"Als die 1. Welle der Bomber der 98 th B. D. Wing [Bombardement Wing - Geschwader] unter Col. [Colonel - Oberst] Millard Lewis das Ziel erreichen, hängen dichte Wolken über der Stadt, welche die Sicht der Bombenschützen behindern."

Dann noch einmal:

"Doch immer wieder behinderte der bewölkte Himmel die Sicht." (Möller 17 und 18)

Konrad Zippel (Zeichnung)

Der Zeitzeuge, Pfarrer in Ruhe Konrad Zippel (1886-1950), Hindenburgstraße 34 a (heute Stauffenbergstraße), erinnert sich am 13. April 1945 daran ganz anders:

"Bemerken muss ich noch, dass der [Neue] Friedhof [an der Weißenfelser Strasse, der durch die Luftangriffe stark zerstört war] ca. 1 Kilometer Luftlinie vom Zeugamt entfernt liegt, dass der Angriff am hellen Tage bei bester Sicht erfolgte. Die Schlüsse daraus kannst Du selbst ziehen." (Onasch 1995, 11)

Zeitzeuge Wolfgang Krehahn, Naumburg, Jahrgang 1936, sagte im Interview am 28. Juli 2011 in Grochlitz (Naumburg) aus, dass am 11. April 1945 "klares Wetter" herrschte (vgl. Belau 2011).

Jürgen Möller resümiert zu den Luftangriffen auf Naumburg (Saale):

"Ihre Toten mahnen uns und erinnern daran, dass jeder Krieg an seinen Ausgangspunkt zurückkehren kann." (Möller 23)

Allein darin erschöpft sich aber die historische Bewertung der Luftangriffe vom 9. bis 11. April 1945 auf Naumburg (Saale) nicht. Natürlich war die Stadt hoch militarisiert, was ausführlich dargestellt wurde. Aber eigentümlicherweise sind ausser dem Heeresverpflegungs- und Heereszeugamt keine weiteren militärischen Objekte angegriffen worden. Jürgen Möller (22) weist darauf hin, dass am 11. April die meisten Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen sind. Mehr noch, die bombardierte militärische Fläche ist deutlich kleiner als die getroffenen zivilen Areale der Stadt. Zu letzteren rechnen wir nicht nur die Kernstadt, sondern ebenso die Randgebiete, wie Grochlitzer Gries, Zuckerberg, Gerber- und Erbsenweg, Linsenberg, Weichau, Weichaugrund, den Neuen Friedhof (Weißenfelser Straße) und weitere einzelne Straßen nahe des Stadtkerns. Es sind immerhin

700 Gebäude beschädigt

und

512 Wohnungen zerstört

worden (vgl. ebenda Möller 23 und OB 5.10.1946).

Die hohe Zahl ziviler Opfer wie die umfangreichen Zerstörungen in den Wohngebieten und nicht-militärischen Arealen der Stadt deuten darauf hin, dass die Luftangriffe vom April 1945 nicht allein militärischen Zielen dienten. Ihr Zweck leitet sich aus einer umfassenden Kriegsführungsstrategie gegen Hitler-Deutschland her. Der operativ-taktische Wert der Luftangriffe auf Naumburg (Saale) im April 1945 war von geringen Nutzen.

Der Naumburger Dom blieb bei den Luftangriffen auf die Stadt unversehrt. Viele rätselten über die Ursache. Da bot sich die Geschichte von Hans Helm an, die man in der Stadt Jahrzehnte nach dem Krieg erzählte. Es hiess, er stammte aus Janisroda (bei Naumburg). Lange vor dem Zweiten Weltkrieg soll der ehemalige Domschüler dann ausgewandert sein. Als Oberst im US-Luftwaffenstab verhindert er dann im Krieg die Bombardierung des Naumburger Doms. Noch 1995 konnte man darüber im Naumburger Tageblatt lesen:

"Der in Naumburg geborene Hans Held - ehemalige Schüler des Domgymnasiums unserer Stadt -, …. hatte seine Tätigkeit während des Krieges als Oberst im US-Luftwaffenstab. Ihm ist es vorrangig mit zu verdanken, dass Naumburg nur zweimal kurz vor der Besetzung durch die amerikanischen Truppen bombardiert wurde." (Vgl. Held)

Die anrührende Geschichte vom Retter des Naumburger Doms Hans Held strickte Daniel T. Schledtmut. Er verkaufte sie in der Tageszeitung Die Welt (Hamburg) am 21. Juni 1961 dem Leser mit folgenden Sätzen:

"Der Dom [von Naumburg] ist in allen Teilen erhalten geblieben. Das ist das Verdienst eines US-Fliegeroffiziers, der sein Geschwader, das den Auftrag hatte Naumburg zu bombardieren, eigenmächtig in weitem Bogen um die Stadt führte und die Bomben auf die Wiesen und Ödnis werfen ließ. Nach dem Einmarsch der US-Armee am 12. April 1945 war der Flieger in Naumburg und sah sich den Dom an. Er war fasziniert. Er wollte sich in Naumburg später niederlassen. Im Sommer 1945 wurde er indes nach Japan versetzt, wo er in einem Luftkampf fiel. Diesem Mann ist in Naumburg kein Denkmal gesetzt, auch keine Straße trägt seinen Namen. Solcherart Ehrungen werden hierzulande nur den wahren Befreiern und Beschützern aus dem Osten zuteil." (Der ganze Artikel hier.)

Jürgen Möller (2007, 25) wies nach, "…. dass die, am 21.06.1961 in der Zeitung von Daniel T. Schledtmut veröffentlichte Geschichte über den sogenannten Retter von Naumburg jeglicher Grundlage entbehrt" und zerstört damit die Legende vom Retter des Naumburger Doms.

 

 

Aumann, Heinz (Naumburg, Neidschützer Straße 1): Der Kampf der Arbeiterklasse um die Schaffung antifaschistisch-demokratischer Verhältnisse und die Entwicklung und Festigung der Aktionseinheit der Arbeiterklasse im Kreisgebiet Weißenfels und der Stadt Naumburg. (Zeitraum 12.4.1945 bis 31.12.1945) Franz-Mehring-Institut, Karl-Marx Universität Leipzig, 1960

Belau, Detlef: Interview mit Wolfgang Krehahn (Naumburg, Jahrgang 1936) am 28. Juli 2011 in Grochlitz (Naumburg). Siehe dazu auch Bericht von Hans-Dieter Speck: Im Tunnel des Zuckerbergs. In: Naumburger Tageblatt, Mitteldeutsche Zeitung, Mittwoch, den 3. August 2011

Bjarsch, Hubert: Ein Überlebender, unverschämt. Eine Heiße Geschichte. Frieling-Verlag, Berlin 2006

[Bombenangriff] 11. April: Zweiter Bombenangriff. In: "Naumburger Tageblatt", 11. April 1995

Dorka, Jürgen: Kino und Tomatenschlachten. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Giesecke, Karl-Heinz. Am Himmel Dröhnen von 200 Motoren. Vor sechzig Jahren: Am 29.7.1944 stürzten nach Angriffen in der Umgebung von Bad Kösen drei US-amerikanische Bomber ab. In: Burgenlandjournal, Sonnabend, den 26. Juni 2004, V 6

Janda, Ilse: Kriegstagebuch 1945/1946. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, 4. Februar 2012

[Held, Hans] Das Ende des Krieges in Naumburg. 11. April: Zweiter Bombenangriff. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 11. April 1995

Kaufmann, Eberhard: Verschüttet unter den Trümmern des Hauses. "Mitteldeutsche Zeitung", Naumburger Zeitung, 14. April 1995

Klemperer, Victor: Heroismus. In: LTI. Notizbuch eines Philologen. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1978, Seite 11, 13

Kruse, Max: Eine behütete Zeit - eine Jugend im Käthe-Kruse-Haus. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1993

Lack, Waltraud: Kindheit im Krieg. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Luftangriffe. Ausstellung "Krieg und Frieden. Naumburg 1940 -1950" im Stadtmuseum Hohe Lilie. Naumburg 25. Juni - 4. Dezember 2005. Siehe auch "Totenlisten 1942/45" auf der Website der Museen Naumburg (Saale), http://www.mv-naumburg.de/index.php/einzeldokumente/598-totenlisten1945?tmpl=component&print=1&page=

Möller, Jürgen: Der Vorstoß des V. US Corps zur Saale und Unstrut und die Besetzung von Naumburg im April 1945. Ein militärgeschichtlicher Abriss, Druckhaus Zeitz 2007

[OB] Mitteilung des Oberbürgermeisters der Stadt Naumburg (Saale) an den Bezirkspräsidenten Merseburg am 5. Oktober 1946. Stadtverwaltung Naumburg. Bauamt. Wiederaufbau bombardierter Gebiete. 1946, Archivsignatur: 1629

[Onasch, Martin] "…wir atmen alle auf …" Ein Brieftagebuch über das Kriegsende 1945 in Naumburg / Saale, Jüdengasse Verlag, Naumburg (Saale) 1995

Regierungspräsident von Merseburg an den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen in Magdeburg Ulrich. Betrifft: Regelmäßiger Bericht über wichtige Vorkommnisse und Erfahrungen. Merseburg, den 21. Juli 1943, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt Merseburg,Polizeiregistratur 1939-1943, Rep. C 48 h e

Schledtmut, Daniel T.: Naumburg ist eine sterbende Stadt. "Die Welt", Hamburg, den 21. Juni 1961

Speck, Hans Dieter: Naumburg. Als die Schornsteine rauchten. Fotodokumente zwischen 1945 und 1989. Leipziger Verlagsgesellschaft, 2006

Speck, Hans-Dieter: Im Tunnel des Zuckerbergs. "Naumburger Tageblatt, Mitteldeutsche Zeitung", Mittwoch, den 3. August 2011

Standesamt Naumburg, Sterbebucheintragungen. Frau Susanne Kröner, Leiterin des Stadtarchivs von Naumburg (Saale), Mai 2010

Teuscher, Erika, Querfurt (1944): Kinderlandverschickung. Website: Museum naumburg, Musen in Naumburg (Saale) und Bad Kösen, http://www.mv-naumburg.de/museen/klingerhaus/173-teuscher-erika

Vöckler, Joachim ( geboren 1935): Seitdem hatte ich bei Fliegeralarm Angst. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 7. April 2005. Siehe hierzu ebenfalls seinen Beitrag auf der Internetseite des Stadtmuseums Naumburg.

[Wandelt, Richard] Brief von Richard Wandelt aus Bad Wurzach an Detlef Belau in Naumburg (Saale) vom 27. Juli 2010.

Wandelt, Richard: Einige Erinnerungen aus meinem Leben. (Übermittelt im Brief von Richard Wandelt aus Bad Wurzach an Detlef Belau in Naumburg (Saale) vom 27. Juli 2010)

Wirth, Walter, Stadtarchivar: Bombenangriff auf Naumburg. "Naumburger Kreiszeitung", 17. April 1974, Seite 6

Wolf, Ilse (Naumburg, 1943-1945): Fliegeralarm. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006


Autor:
Detlef Belau

Geschrieben April 2005.
Aktualisiert: 6. September 2011
zurück