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Peter Hollaender
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Aus dem Leben von Peter Holländer

Aus: Elisabeth Marum-Lunau: Auf der Flucht in Frankreich, Hentrich & Hentrich, Tietz 2000

 

Peter Hollaender und seine Lebensgefährtin Brigitte Marum

Brigitte war die Tochter des SPD-Reichstagsabeordneten Ludwig Marum aus Karlsruhe und Johanna Benedick. 1928 wurde Marum in den Reichstag gewählt und blieb Abgeordneter bis zur Machtergreifung der Nazis am 30. Januar 1933. Seine parlamentarische Arbeit widmete er juristischen Fragen (Gesetzvorlagen zur Abschaffung der Todesstrafe und zur sozialen und juristischen Anerkennung lediger Mütter). Am 10. März 1933 wurde Ludwig Marum verhaftet. In der Nacht vom 28. zum 29. März 1934 wurde er auf Anweisung des Gaulleiters Robert Wagner in seiner Zelle von vier SA-Angehörigen erwürgt. Der Mord wurde offiziell als Selbstmord durch Erhängen ausgegeben. Ludwig Marum wurde 51 Jahre alt.

 

 

Als Buchhändler, Internierung in Paris, Trennung von Brigitte

Er hatte dann offenbar Schwierigkeiten, in der Familie zu leben, vor allem die Beziehungen zu seinem Vater waren problematisch. Nach dessen Tod im Januar 1937 und der Rückkehr seiner Mutter Hilde Hollaender nach Deutschland im Laufe des gleichen Jahres, blieb er mit seiner Schwester Gerda in Paris. 1938/39 arbeitete er in Paris in einer Buchhandlung und machte eine Ausbildung als Radiotechniker. Im Sommer 1939 verbrachten Brigitte (Marum, red.) und Peter einige Wochen in einem Jugendlager am Meer - in der Normandie oder in der Bretagne - und kehrten im August nach Paris zurück.
Nach der Kriegserklärung fuhr Brigitte zu ihrer Mutter und ihrer Schwägerin nach Mittelfrankreich. Anfang Oktober 1939 kehrte sie nach Paris zurück. Sie wurde dort etwa am 15. Mai 1940 zusammen mit Bertha Gradenwitz im Vélodrome d"hiver interniert und von dort ins Lager Gurs überführt. Sie war wahrscheinlich in dem riesigen Transport von 2 364 Frauen, der am 23. Mai 1940 in Gurs ankam. Währenddessen wurde Peter, der zunächst im September/Oktober 1939 in der Umgebung von Paris interniert war, in ein Lager in der Bretagne überführt, von wo aus er im folgenden Frühjahr in eine Prestatärgruppe eingegliedert wurde. Aufgrund dieses Status gelang es ihm Ende Juni oder Anfang Juli 1940, die Entlassung seiner Schwester Gerda und Brigittes aus Gurs zu erreichen. Und so lebten sie dann alle in Toulouse, zunächst in einem Hilfszentrum, dann in einem Pferdestall. Peter wurde aus dem Prestatärdienst entlassen, im September erneut interniert und in eine Fremdarbeitergruppe (GTE, groupement de travailleurs étrangers) eingegliedert, die in Saint-Sulpice im Departement Tarn eingerichtet worden war.

Ende Oktober 1940 beschlossen Brigitte und Peter, aus uns unbekannten Gründen, sich zu trennen: sie kehrte zu ihrer Mutter nach Clermont-Ferrand zurück und Mitte November wurde den beiden Frauen ein Zwangswohnsitz in Herment im Departement Puy-de-Dôme zugewiesen. Von da aus fuhren sie etwa am 20. März 1941 nach Marseille, da sie die Ausreie in die USA erwarteten. Peter seinerseits verliess wahrscheinlich Ende März 1941 Frankreich und kehrte nach Deutschland zurück - nach Auskunft der gemeinsamen Freundin Tonia Lechtmann und seiner Schwester Gerda soll er unter dem Einfluss der Exil-KPD zurückgegangen sein, um in Deutschland im Untergrund zu arbeiten. Die Partei soll ebenfalls (allerdings vergeblich) versucht haben, Gerdas Freund, Ludwig Wieland, unter Druck zu setzen. (Seite15)

 

 

Verhaftung von Peter in Bad Kösen

Es könnte bei Peter aber auch ein gewisser romantischer Aktionismus mitgewirkt haben. Am 10. April wurde er in Bad Kösen verhaftet und durchlief mindestens vier verschiedene Stadien der Gefangenschaft in zei Gefängnissen in Halle.

Peter verbrachte zunächst etwa zwei Wochen Schutzhaft im Hauptteil des Stadtgefängnisses, das der Polizei zugeordnet war; dann vier Wochen - vom 28. April bis etwa zum 28. Mai - in Untersuchungshaft; erneut im Stadtgefängnis von Juni bis ihm, zweifellos im Juli, ein Schutzhaftbefehl zugestellt wurde, aufgrund dessen er in einen anderen Teil des Hauptgefängnisses verlegt wurde. Einzig die Untersuchungshaft gab eine gewisse rechtliche Sicherheit, die anderen Haftarten hingen ganz oder teilweise von der Willkür der Folterknechte der SA ab.

Im September wurde er ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo er am 3. April 1942 starb. Eine Urne mit der Asche wurde der Mutter übergeben und im Familiengrab in Naumburg beigesetzt. […] Man muss aber wissen dass die Gefangenen des Arbeitslagers Sachsenhausen einerseits durch Genickschuss getötet wurden, wenn sie krank oder zu schwach geworden waren; dass Peters Tod anderseits nach der Entscheidung über die ‚Endlösung der Judenfrage', die von den Nazis im Januar 1942 getroffen wurde, eintrat; und dass die ‚Station Z' von Sachsenhausen (die Massentötungs- und Verbrennungsanlage), über die im Dezember 1941 entschieden worden war und die als Modell für alle Vernichtungslager dienen sollte, bereits in Betrieb war (mit Ausnahme der Gaskammer, die 1943 eingerichtet wurde). (Seite15)

 

 

Peter aus Stadtgefängnis Halle an Hilde Hollaender Bad Kösen am 25. Mai 1941

‚ […] Ich bin sehr beunruhigt, weil ich von Dir noch weiter gar keine Nachricht habe. Hier passiert in aller Ruhe überhaupt nichts weiter […]. Die Sache mit dem Rechtsanwalt überlegen wir uns besser später noch einmal, denn wahrscheinlich werde ich einen gestellt bekommen*. […] Vom Krieg ist drinnen nicht viel zu merken […]. Dagegen besteht das Essen mehr aus fluss- und suppenartigen Gebilden […]. Und es ist wirklich manchmal zum Verzweifeln! Von einer tragikomischen Situation in die andere, wie in einem Kaleidoskop. Kaum dachte man: dieser Mist hört überhaupt nicht mehr auf, da war alles schon wieder grundanders. Und was jetzt für mich wie ‚Dauer' aussieht? Ob die Welt auf einmal anders geworden sein soll? Ich glaube, sie dreht sich, und in Kriegszeiten noch einmal so schnell. Freilich, die ‚schönen' Tage, die sind gezählt. Und nach ihnen werden wir später vergebens suchen […]. So rennen wir denn mit geschlossenen Augen wider die Wand und meinen, sie müsse brechen und nicht unser Kopf […]. Man möchte sich manchmal einbilden, die kleinen Nöte eines Gefangenen seien weltbewegend, aber Pustekuchen! Das Buch oder Stück Brot wird trotz Rebellierens nicht dicker […]. (Seite 258)


Detlef Belau


21. März 2010

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