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Devoli

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Devoli - Deutsche Volkslichtspiele GbmH

 

 

Die Welt am Abend gehörte zur Verlagsgruppe des Kommunisten, Verlegers und Filmproduzenten Willy Münzenberg (1889-1940).

 

Geheimnisvolle Filmautos rollen durch Deutschland titelt am 25. Januar 1928 auf ihrer ersten Seite die Berliner Welt am Abend. Gemeint sind die sechzehn Reklamevorführwagen, Film-Propaganda-Tanks, aus Naumburg. Sie gehören der Devoli, die im ehemaligen Garnisonslazarett im Spechsart, Nordstraße 6, stationiert ist. Ende 1927 zählt sie immerhin 85 Angestellte, deren Monatsgehälter zwischen beachtlichen 250  bis 2 400 Reichsmark liegen. Im März 1928 meldet das Unternehmen Konkurs an. Um die Hintergründe zu verstehen, müssen wir vier Jahre zurückschauen.

Die Film-Propaganda-Tanks aus Naumburg, nach Philanthropa, Kulturfilm Gemeindeblatt 1929

Anfang der 20er Jahre dominieren den deutschen Spielfilmmarkt ausländische Produktionen, besonders aus Amerika und Frankreich. Darin sehen die Deutschnationalen und Nationalsozialisten eine Gefährdung der vaterländischen Erziehung. Aber auch andere politische Gruppen und Kulturkritiker betrachten dies skeptisch und mit Sorge.

Zugleich entwickelt sich das Massen-Kino, was immer weniger Raum für alternative Kunst lässt. Deshalb unterstützt 1922 der ADGB (Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund) die Gründung der Volks-Lichtbühne, die sich dem sozialistisch-proletarischen Film widmen will (vgl. Münzenberg). Aber der Versuch scheitert. Ein weiterer, aber mit politisch anderem Vorzeichen, startet in Naumburg. Zur Herstellung und Verbreitung von Lichtbildwerken der deutschen vaterländischen Kunst gründet sich 1924 mit Eintrag in das Register des Amtsgerichts Freyburg an der Unstrut der Reichsverein für Vaterländische Lichtspiele (RVL).

 

Filmkritik 1925

Sepp Keine:

"Die Finanziers der nationalen Kampforganisationen sind es müde geworden, ihr Geld für Bubenstückchen und Soldatenspielereien zu vergeuden. Sie haben die Erkenntnis gewonnen, daß durch den Film die Massen viel besser zur "guten, alten Zeit, wo es noch einen Kaiser und Ruhe und Ordnung gab", erzogen werden. Man muss schon ganz blind sein, um dieser Feststellung nicht täglich, bei einem Gang durch die Straßen, beim Ueberfliegen des Inseratenteils der Zeitung, der Plakatsäulen, zu machen. Um nur einige dieser Filmstreifen bei ihren Titeln zu nennen: "Fridericus Rex", "Königin Luise", "Das große Wecken", "Theodor Körner", "Husarenfieber", "Aschermittwoch", "Rosenmontag", "Zapfenstreich", "Rebelle", "Waffenbrüder", "Oberst Redl", Krieg im Frieden" usw.

Die Filmkonzerne haben Konjunktur. Durch sie wird eine langsame, aber sichere Propaganda für den Militarismus gemacht. Dass man sich offen zum Militarismus und Revanchegedanken bekennt, das kann man nicht gerade gesagt werden. Man macht es anders, nämlich so: Man lässt das "Glorreiche Deutschland aus großer, ernster Zeit" auferstehen, und zwar in den Filmateliers. (In jeden Film und an jedem Tag ein Bisschen!) Hofgeschichten, Parademärsche, Manöver, Schlachten, Anekdoten werden mit reichlich Schmalz, Gipsdielen, Schminke- und Kostümaufwänden auf die Filmstreifen aufgenommen. Geschichtliche Wahrheit wird zur Nebensache. Es gilt, einen Zweck zu dienen! Auf einige faustdicke Lügen kommt es nicht an. Interessant muss ein Film sein und schön - und er muss dem Volksgeschmack entgegenkommen."

(Sepp Keine)

 

Ihm stehen der ehemalige Stabsarzt a. D. und Facharzt für Nervenleiden Dr. Dettler (Lindenhof 2, dann: München, Neuhauser Straße 30 II - 1928) und Hauptmann a. D. von Paris (Burgstraße 43) vor. Unterstützung erhalten sie von ihren korporativem Mitglieder, wie: Alldeutscher Verband - Ortsgruppe Naumburg (Vorsitzender Kaufmann R. Schäfer, Burgstraße ), Oberland Leipzig, Deutsche Adelsgenossenschaft Berlin, Deutscher Offiziersbund Berlin (und andere Städte), Deutscher Schützen- und Wanderbund Weißenfels, Reichskriegerverband Kyffhäuser / Ortsgruppe Naumburg, Kriegerverein Almrich, Jungstahlhelm / Ortsgruppe Zeitz, Königin Luisenbund / Ortsgruppe Leipzig, die Deutschnationale Volkspartei Deutschland / Ortsgruppen. Diese Unterstützungsszene vermittelt eine erste Vorstellung vom Politik- und Kulturverständnis des RVL, der in ganz Deutschland um Mitglieder wirbt. Ende 1927 gehören ihm 3,5 Millionen Bürger an. (Vgl. Devoli 30.12.1927) Für einen Jahresbeitrag vom 50 Pfennigen gibt es eine Mitgliedskarte.

Damit kann man beispielsweise die vaterländische Filmproduktion, wie Lieb Heimatland (Filmwektstätten Erich Claudius, Naumburg an der Saale) oder Ein Tag der Rosen im August (1927) mit Eduard Winterstein, zum Vorzugspreis besuchen.

Bei der Finanzierung der Devoli hilft Graf Adelbert Karl Werner von der Schulenburg aus Burgscheidungen (ab 1930 München, Habsburger Platz 1) mit insgesamt 65 000 Reichsmark, die er, als sich der Verein als unrentabel herausstellt, als Erstes einbüßt.

Hernach entstehen die Filmwerke Filmenau G.m.b.H.. Deren Tätigkeit bleibt aber immer undurchsichtig. Erneut bringt Graf von der Schulenburg 20 000 Reichsmark als Grundkapital ein. Eher gedrängt als freiwillig, leistet Geschäftsführer Erich Claudius am 19. April 1927 den Offenbarungseid. Zwangsläufig regt sich erstes, aber bei weiten nicht ausreichendes Misstrauen in dessen Fähigkeiten zur Geschäftsführung.

Schnell kommt es zur Umgruppierung. Aus dem RVL entsteht eine neue Firma. Unter Nummer 81 findet sich im Handelsregister des Amtsgerichts Naumburg der Eintrag vom 3. August 1927: Deutsche Volkslichtspiele, Devoli G.m.b.H. mit Sitz Naumburg. Ihr Stammkapital beträgt 20 000 Reichsmark. Laut Vertrag vom 28. Mai 1927 zwischen Reichsverein für Vaterländische Lichtspiele (RVL) und Devoli, übernimmt Letztere die Ausführung von Filmveranstaltungen.

Wieder gibt Graf Adelbert Karl Werner von der Schulenburg große Summen für die Firma. Warum, fragt man sich, bisher lief doch eigentlich nichts erfolgreich? Es ist ihr eloquent auftretender Geschäftsführer Erich Claudius (1889-1940), der ihn regelrecht mit Gutachten von Branchenexperten einwickelt und ihn davon überzeugt, dass seine bisherigen Investitionen nur Gewinn bringen können, wenn er weiteres Geld investiert.

Eine dubiose Karriere, des Regisseurs Erich Claudius aus Naumburg (Spechsart 42): Schaubühne Naumburg (1919), Reichsverein für Vaterländische Lichtspiele (1924), Filmwerke Filmenau G.m.b.H. (1925), Devoli (1927) und schließlich Pro Arte (1929). - Mit Fünfzehn musste der gebürtige Freyburger, erzählt man, das Realschulgymnasium verlassen. Aber um sich einen Doktortitel zuzulegen (1930) brauchte er eh keine Universitätsfakultät. Seine Talente liegen im Bereich der hohen Künste der Selbstdarstellung. Als Hofschauspieler am Sachsen-Meiningischen Hoftheater von 1907 bis 1914 konnte er sie perfektionieren. In diese Zeit fällt die Heirat mit der Schauspielerin Lisbeth Reschke. Ihre gemeinsame Tochter Marieluise Claudius (1912-1941) konnte der Cineast als Schauspielerin in den Filmen "Krach um Jolanthe" (1934), "August der Starke" (1936) oder "Der Mann, der Sherlock Holmes war" bewundern.

Das Geschehen um die Devoli kann wohl verstanden, aber in Anbetracht dessen, dass Erich Claudius in Naumburg kein Unbekannter war, nicht so einfach erklärt werden. Trotzdem, versuchen wir es. Erst am 28. Januar 1919, abends 8 Uhr, bietet der Schauspieler dem Naumburger Publikum im Ratskellersaal einen Vortragsabend zum Thema Deutsche Lyrik. Gewiss will er damit seine Reputation verbessern. Am 22. Februar desselben Jahres erfolgt die Gründung der

Naumburger Schaubühnen G.m.b.H.

mit einem Grundkapital von etwa 80 000 Reichsmark, das sich bald auf 115 000 Reichsmark erhöhen soll(te). Dem Verwaltungsrat der Gesellschaft gehören namhafte Persönlichkeiten der Stadt an: Stadtbaurat und Regierungsbaumeister Friedrich Hossfeld, Oberstabsarzt Doktor Ernst Friedhelm, Kaufmann Wilhelm Riebel, Kunstmaler Richard Lisker, Oberlandesgerichtsrat Fritze, Direktor Borkowsky und der Lehrer Ernst Heinrich Bethge. Die künstlerische Leitung vertraut man Erich Claudius an. Zur wirtschaftlichen Unterstützung des Unternehmens gründet sich die

Theatergemeinde Schaubühne.

Sie erhebt (1921) von den ständigen Mitgliedern einen Jahres- oder einmaligen Beitrag für den Erwerb von Geschäftsanteilen. Für je 1 000 Mark erhält man eine Stimme in der Gesellschaft. Doch mit dem Gebäude - der Reichskrone am Bismarckplatz (Bild) - steht es baupolizeilich und technisch nicht zum Besten. Die Gelder zur Beseitigung der Mängel sind nur schwerlich aufzubringen, weshalb es vorübergehend in ein anderes Gebäude (wahrschenlich in der Weißenfelser Straße) zieht. In der Stadt erzählt man, die Mitarbeiter des Ensembles erhalten kein Gehalt mehr, was ihr Intendant im September 1920 prompt dementiert. Immer weitere Kreise erfasst der

Theater-Kampf.

Die USPD mischt mit. Der Arbeiterbildungsausschuss von Weißenfels und die KPD (Walter Fieker) nehmen Stellung. Aber an der Frage, ob sich die Schaubühne als gemeinnütziges oder privatwirtschaftliches Unternehmen etablieren soll, scheiden sich die Geister. Zudem scheint ein beträchtlicher Teil des Publikums mit der Programm-Politik des Hauses nicht einverstanden zu sein. Und die privaten Geldgeber sind unzufrieden mit dem Leistungsangebot, zudem ihr Intendant immer wieder mit neuen Geldforderungen aufwartet. Außerdem gab die Stadt Geld dazu, und sieht sich nun, nachdem der wirtschaftliche Bankrott abzusehen ist, entsprechenden Vorwürfen ausgesetzt. Er war nur möglich, weil Naumburg, wie es damals hiess, eine Stadt der pensionierten Nachtwächter sei.

Ein einziger Kladderadatsch. Mittendrin Erich Claudius. Im September 1920 heiratet er zum zweiten Mal. Ihre Gunst bezeugt ihm die Tochter des hiesigen Hauptmanns a. D. Petiskus. Die Mitgift kommt ihm für seine Experimente gelegen. Nach der Episode an Schaubühne werkeln sie zusammen mit einigen Heimarbeitern an der Produktion von Basthüten. Dann wieder tanzen sie in einem Nachtcafé. 1922 dreht er mit dem Sensationsschauspieler Joe Schöne Filme und den Rest des Vermögens verschlingt. Schliesslich gründet er die Spechsart-Mühlenwerke AG, die aus einer Schrotmühle bestand. Wegen Verstoßes gegen die Verordnung von Handelsbeschränkungen verurteilt ihn das Amtsgericht Naumburg 1923 zu einer Geldstrafe von 30 Goldmark.

Lageskizze zum Devoli  - Vollbild

Nun ist Claudius Geschäftsführer der Devoli nebst Vorführ-, Werk- und Archiv-, Pack- und Lagerräumen und einer eigenen Tischlerei mit Sitz im ehemaligen Garnisonslazarett im Spechsart (Nordstraße 6). 85 Angestellte, sechs Personen-Kraftwagen und 16 Reklame Vorführwagen zählt die Firma. Mit ihnen können Werbefilme mit Ton gezeigt werden. Ausserdem soll der Fahrer des Vorführwagens einen geeigneten Saal anmieten, um den deutsch-vaterländischen Spielfilm vorzuführen. In der topographischen Abteilung der Firmenzentrale zeichnet der Leiter die Fahrtroute des Film-Propaganda-Tanks auf und koordiniert deren Einsatz. "Die Aufträge von den Firmen hagelten nur so und es schien als sollten Deutschland in einem Jahr vollständig devolisiert sein", schreibt Gustav Winter in Wahrheit und Recht (Nummer 8) am 22. Februar 1929.

Im selben Haus, wo die Devoli stationiert ist, befindet sich der Reichsverein für vaterländische Lichtspiele. Anfang Januar 1928 will der sich, wie der Bürgermeister an den Regierungspräsidenten von Merseburg berichtet, beim Amtsgericht Freyburg an der Unstrut in Deutsche Volkslichtspiele e.V. umbenennen. Im Frühjahr 1928 überschlagen sich die Ereignisse und das Vorhaben verliert schliesslich seinen Sinn.

Das erste Mal horcht die Öffentlichkeit auf, als die Mitarbeiter bei ihrer Einstellung im Herbst 1927 eine Kaution hinterlegen sollen. Gegen mögliche Regressforderungen können sie sich bei der Allianz für einen Monatsbeitrag von 5 Reichsmark rückversichern, beruhigt die Firmenleitung die Nachdenklichen.

Trotz Nachforschungen ist nichts zu erfahren, teilt Victor Artes der Industrie- und Handelskammer Halle am 10. September 1927 mit. Allein die famosen Anzeigen sind bekannt. Die "darin angegebenen Zahlen klingen reichlich fantastisch", erhebt der Stadtrat kritisch die Stimme.

Für weiteren Wirbel sorgt dann im November die Meldung einer Berliner Telegraphen Agentur, wonach Alfred Hugenberg (1865-1951) die Filmgesellschaft mit der Absicht gegründet hat, um die Film-Propaganda-Tanks im kommenden Wahlkampf zu nutzen. Daraufhin macht sich das Naumburger Tageblatt auf den Weg in den Spechsart. Gegenüber dem Zeitungsredakteur gibt der Geschäftsführer die Unternehmensphilosophie preis:

"Wir hoffen durch unsere Vorführungen, den deutschen Film einzuführen, den amerikanischen und französischen Film lehnen wir wegen seines geringwertigen, die Nerven aufpeitschenden Inhalts ab." (Ein Besuch)

Unsere Gesellschaft steht auf vaterländischem Boden, sie ist rechts eingestellt, hat aber keinerlei Verbindungen mit Hugenberg oder Schiele, stellt Claudius klar. - Gott sei dank! Na, dann ist ja alles Ordnung! Hauptsache Deutschnational! Recht so, Claudius. Auf dich ist verlass! - denkt der Naumburger. Selbst als der Ruin die Firma längst aufgezehrt, verkündet Gustav Winters in Wahrheit und Recht noch am 22. September 1929:

Die Devoli ist in unserer Hand!

Kino-Werbung im Naumburger Tageblatt 1928

Wir sind ein kaufmännisches Unternehmen, teilt Herr Generaldirektor (!) dem Naumburger Tageblatt im Interview am 17. November 1927 mit. Wir zeigen weder eine politische noch unpolitische Wochenschau. Vielmehr möchten wir den deutschen Spielfilm fördern und später einmal Lehr- und Unterrichtsfilme einführen. Für eine Leihgebühr können sie Schulen ausleihen.

Wer denkt jetzt noch an Alfred Hugenberg? Seinem Konzern gehören ja nur die Mitteldeutsche Zeitung, Weimarer Zeitung, Magdeburgische Tageszeitung, Saale Zeitung, Leipziger Neueste Nachrichten und das Merseburger Tageblatt sowie Verlage, Pressedienste und -agenturen, die Telegraphen Union und Filmgesellschaften (UfA). Kontakte zwischen Naumburg und Hugenberg bestehen mindestens seit Januar 1916, als Doktor Georg Schiele aus Naumburg, Mitarbeiter von Wolfgang Kapp, mit einer Denkschrift an Alfred Hugenberg herantritt. Darin artikuliert er seine Vorahnung, dass durch die umsichgreifende Desillusionierung der Frontsoldaten die Stabilität des wilhelminischen Systems gefährdet sei und schlug vor, in Berlin eine Presse- und Propagandazentrale mit nationaler Ausrichtung zu schaffen. 1918 gibt der ehemalige Domschüler die Deutsche Volkswirtschaftliche Correspondenz (DVC) heraus, subventioniert von Hugenberg. Sie wurde 1920 der TU (Telegraphen Union GmbH) angegliedert, in der Georg Schiele wahrscheinlich Verwaltungsratsmitglied war. (Vgl. Holzbach 70)

Aber was wusste nun der Zeitungsleser des Devoli-Artikels vom November 1927 über die Connection Hugenberg-Schiele? Ich vermute nichts - Also sagte sich der Naumburger eher: `Ach was, Devoli und Hugenberg, wer wird so etwas denken?!` Dachte er wirklich so? Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, in Linken kulturkritischen Kreisen bestand ein politisches Misstrauen gegenüber dem noch jungen Medium, die Willy Münzenberg 1925 in Erobert den Film so artikuliert:

"Die bürgerlichen und unter ihnen vor allen Dingen die extrem-nationalistischen und militaristischen Kreise haben sehr frühzeitig die Bedeutung des Films als Propagandamittel erkannt und sich seiner stets in ausgiebiger Weise bedient."

Ein Tag der Rosen im August (1927). Regie Max Mack. Mit Eduard von Winterstein, Margarete Schön, Ernst Rückert.

Aus: Naumburger Tageblatt, Naumburg, den 11. Mai 1928

Die Tataren-Meldungen über das Filmunternehmen im Spechsart reißen nicht ab. Im Januar 1928 sieht die Welt am Abend die "Autos" (Propagandawagen) des Kapitän Ehrhardt in Kolonnen zu je 20 Wagen mit Kinoapparaten und Radios durch Deutschland kutschieren. Weiter behauptet sie: Mit der Ausbildung von 16 000 Komparsen für den Film "Die Völkerschlacht bei Leipzig" rekrutiert sie eine neue "Schwarze Reichswehr". Das Naumburger Tageblatt bezeichnet "Ehrhardts Pläne" als "kommunistisches Märchen" (Vgl. Schwarze Reichswehr). Tatsächlich wirkt die Kritik der "Welt am Abend" recht diffus und unklar.

Im Unterschied zum Artikel der Welt am Abend (Januar 1928) erfährt der Leser aus der Stadtzeitung im November 1927 über die Tätigkeiten und Absichten der Devoli wesentlich Genaueres. Nach Aussage des Geschäftsführers besteht ihr Ziel im Aufbau eines Wanderkinos. Per se keine schlechte Idee! Ein mobiles Landkino zur Vorführung von anspruchsvollen Kulturfilmen, das wird dringend gebraucht. Aber was machen die nationalen Windbeutel aus dieser Idee?

Alfred Hugenberg (DNVP) beabsichtigt, meldet die Hallische Zeitung unter Berufung auf die Vossische Zeitung am 11. November 1927, im kommunalen Wahlkampf 400 Kinos in den Dienst des deutschnationalen Wahlkampfes zu stellen.

 

Auszug aus einem Werbeschreiben
der Devoli von 1928

"Sehr geehrte Firma!

Können sie rechnen? ….

Wir geben Ihnen die Möglichkeit, ein Jahr lang täglich 860 Diapositive mit 6 verschiedenen 
Reklamen ihrer Artikel zu zeigen; jedes Dia wird in 20 verschiedenen Orten täglich dreimal gezeigt, und zwar jeden nächsten Tag wieder in 20 anderen Orten, auf Plätzen, Strassen, in Schaufenstern usw., gleichzeitig mit drei Apparaten. Es ergeben sich folgende Zahlen
20 mal 3 mal 18. Also 1080 Vorführungen im Monat oder 324 000 im Jahr. Die Passantenzahl, welche diese Reklame liest, ist unbegrenzt. Ist diese eine Reklamemöglichkeit oder nicht? …. "

 

Dem Naumburger Tageblatt erzählt der Geschäftsführer des Filmunternehmens im November `27 etwas von den zweihundert "Wagen", die bereits bei einer autorisierten Berliner Ford-Niederlassung angekauft, alle mit einen Sieben-Röhren-Radio, Filmapparaten von der Webler AG Berlin, einem Sender, Lichtanlage, Lautsprecher und einen Mikrophon für den Fahrleiter ausgerüstet. Tatsächlich aber befinden sich lediglich ganze zwanzig Wagen im Einsatz. Angeblich bewährten sie sich gut. Auch das stimmt nicht! Eine schlichte Lüge der Geschäftsführung! Und wer findet es heraus? Natürlich die Kommunisten! Die müssen ja immer das Haar in der Suppe suchen. Eine Woche bevor die Angestellten beim Amtsgericht Naumburg Konkurs für ihre Firma anmelden, legt der "Klassenkampf" (Halle) folgende aufschlussreiche Gewinn-Verlust-Rechnung für die Film-Propaganda-Wagen vor: Steuern 74,05 Mark, Saalmiete 138 Mark, Tagesgelder 504 Mark, Betriebsstoff 59,77 Mark, Sonstiges 40,00 Mark. Dazu auf Rechnung der Zentrale (Naumburg): Gehalt 434 Mark, Film 105,40 Mark, Zentrale 775 Mark, ergibt Gesamtausgaben in Höhe von 2130,22 Mark. Dem stehen in guten Monaten 961,50 Mark an Einnahmen gegenüber. Folglich setzt das Unternehmen monatlich pro Wagen 1168,72 Mark zu. (Vgl. Versucht 3.3.1928) Wie sich bald herausstellt, eine realistische Kalkulation, denn sie stimmt im Prinzip mit dem, was der Konkursverwalter im April 1928 herausfindet, überein: Das Unternehmen arbeitete immer unrentabel. (Vgl. Devoli 13.4.1928)

Gleichwohl belässt es das KPD-Blatt nicht bei der Kritik der Betriebsökonomie.

"Die Kultur, die von einem Grafen von Schulenburg [der über 49 Prozent der Anteile des Unternehmens verfügt] kommt, das kann sich jeder Arbeiter selbst ausmalen",

warnt der Klassenkampf (Halle) am 10. Januar 1928. Und weiter:

"Wie ein solcher Herr für die wirtschaftlich Schwächeren eintritt, ist ebenfalls ganz leicht auszudenken."

Aber noch wird die Decke nicht weggezogen, und das wirtschaftliche Desaster wird nicht sichtbar. Gleichwohl zieht das Vaterländische Unternehmen immer mehr Aufmerksamkeit auf sich, weil es seit Januar (1928) keine Gehälter mehr zahlt. Das spricht sich im Städtchen schnell herum. Wahrscheinlich nimmt der Klassenkampf (Halle) hier Witterung auf und berichtet am 10. Januar 1928 auf einer ganzen Seite unter dem Titel

"Bei der Devoli in Naumburg"

über das Unternehmen. Er deckt einen tiefen Widerspruch im Unternehmenskonzept auf. Einerseits begreift sich das vaterländische Unternehmen als neutral, das für jede Schuh- oder Zahnputzcreme mit Reklame wirbt. Andererseits will es eine Kampfansage gegen den amerikanischen und ausländischen Film sein, eine Vertriebsorganisation, die nur tendenzlose Filme zur Aufführung bringt. Abgesehen davon, dass es den neutralen Film "vielleicht auf dem Monde gibt", wie der Klassenkampf (Halle) ketzerisch anmerkt, wie will man dies aber mit praktischen Wirtschaftsleben vereinbaren, Aufträge von denen zu nehmen, denen man anschließend an die Gurgel will? Diese Zwiespältigkeit der Unternehmensphilosophie und die Führung des Unternehmens durch die Wirtschaftsakrobaten Claudius-Stier führt zum Untergang der Devoli.

Das Devoli-Mobil (1928)

Bevor es zum großen Aufräumen kommt, meldet sich die Gewerbeaufsicht der Stadtverwaltung und moniert die öffentliche Aufführung von Lichtbildern am 29. November 1927 durch die Devoli, ohne im Besitz der Genehmigung einer notwendigen polizeilichen Genehmigung zu sein. Sie weist außerdem daraufhin, dass die Filmvorführer gemäß Lichtspielverordnung vom 24. Februar 1926 im Besitz eines von der zuständigen Prüfstelle ausgestellten und vom Regierungspräsidenten anerkannten Zeugnisses sein müssen. Ebenso benötigen die Bildwerfer ein Sicherheitsedit einer Prüfstelle. Die Ortspolizeibehörde Naumburg in Person des Bürgermeister, fragt am 10. Dezember 1927 bei der Firma an, ob diese Voraussetzungen alle gegeben sind. Eine Gewerbegenehmigung benötige sie nicht, antwortet die, weil alle Vorführungen unter der Regie des

"Reichsvereins Vaterländischer Lichtspiele e. V."

erfolgen. Sinngleich reicht Bürgermeister Roloff die Antwort an den Regierungspräsidenten weiter. (Vgl. Devoli 22.12.1927, 24.1.1928)

Inzwischen macht die schlechte wirtschaftliche Lage des Unternehmens in der Stadt immer mehr von sich reden. Gehälter werden nicht gezahlt und Rechnungen nicht beglichen. Schließlich melden Angestellte am 7. März 1928 beim Amtsgericht Naumburg ein Konkursverfahren an, welches dann am 13. März 1928 um 9 Uhr 25 Minuten eröffnet wird.

"Damit ist in dieser viel besprochenen Angelegenheit nun endlich etwas Tatsächliches zu berichten",

notiert das "Naumburger Tageblatt" dazu am 14. März 1928.

Offenbar sind die "nationalen Windbeutel", urteilt der "Klassenkampf" (Halle) am 3. März 1928, nicht in der Lage, das Unternehmen wirtschaftlich zu führen, was nun der mittlerweile vom Amtsgericht eingesetzte Konkursverwalter Bankdirektor Otto Strube (Luisenstraße 20) ebenfalls konstatieren muss. Die finanziellen Verhältnisse sind schlicht ausgedrückt ungeordnet. 70 000 Mark Verwaltungskosten und 45 000 Reichsmark an Gehaltsforderungen von den Angestellten sind finanziell nicht gedeckt. Rette sich, wer kann, heißt es unter den Mitarbeitern! Wer gerade mit den Film-Propaganda-Tanks unterwegs, gibt Vorstellungen auf eigene Kasse, denn zu Hause gibt`s kein Geld mehr. Nicht mal mehr Arbeitslosengeld, weil das Unternehmen die Beiträge zu den Sozialkassen nicht entrichtet hatte. Allerdings gelingt es im Konkursverfahren alsbald, die Mittel für die Nachzahlung für die Invaliden- und Krankenkassen sowie Erwerbslosenbeiträge aufzubringen. - Wegen Nichtabführung von sozialen Pflichtbeiträgen werden Erich Claudius und Marie-Charlotte Steche vom Schöffengericht Naumburg am 15. April 1929 zu 400 Mark Strafe verurteilt.

Burgscheidungen nach einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert und Schloss (2008)

Neben dem Ausgleich von berechtigen Ansprüchen im Konkursverfahren müssen unberechtigte Ansprüche zurückgewiesen werden. Herr Generaldirektor Claudius erhebt gegenüber Graf von der Schulenburg aus Burgscheidungen Forderungen in Höhe von 4 467 Mark. Josef Firmans, der Direktor, wie er sich im November 1927 nannte, beansprucht von ihm ebenfalls beachtliche 140 000 Reichsmark (Vgl. Devoli 13.4.1925). Im Gegenzug macht der gegenüber der Geschäftsführung 320 000 Reichsmark geltend. In einem internen Polizeibericht der Stadt vom 24. Oktober 1930 nennt Kriminalkommissar Mollenhauer gar die Summe von 1 600 000 Reichsmark, die der Rittergutsbesitzer aus Burgscheidungen an die Devoli verloren hat.

Just als der Schlammassel am größten, teilt Oberbürgermeister Dietrich am 17. April 1928 in einem Brief dem Regierungspräsidenten mit, dass die KPD von der Devoli GmbH neun Autos gemietet habe. (Verfügung 17.4.1928) Ein Ablenkungsmanöver? Oder nutzte die KPD die Propaganda-Tanks vielleicht zur Vorbereitung der Reichstagswahlen 1928? Bisher fanden sich dazu in Naumburg (Saale) keine weiteren Spuren. Bekanntlich unternahm aber die KPD enormen Anstrengungen, um das neue Medium für ihre politischen Zwecke zu nutzen. "Sein Mahnruf", ein Film der I.A.H. [Internationalen Arbeiterhilfe],

"wird, wenn er gezeigt werden kann, Millionen Arbeitern helfen, den Weg zur Arbeiterbewegung zu finden",

umriss der legendäre Willi Münzenberg (KPD, 1889-1940) seine Hoffnungen.

Bald nachdem der Konkursverwalter Otto Strube seine Tätigkeit aufgenommen hat, stellt sich das Chaos dar. Mal genüsslich, mal sorgenvoll, mal wieder ängstlich, reagiert die Naumburger Öffentlichkeit auf den Streit der Geschäftsleitung mit dem Investor. Die Geschäftsführung zeigt auf Schulenburg. (Vgl. Verfügung 11.4.1928). Firmans spricht von hundertfacher mündlicher und schriftlicher Zusicherung des Grafen, dass er - aus Familien- und parteipolitischen Gründen - hinter dem Unternehmen stehe, weshalb man es ein Schulenburgsches Unternehmen nennen müsse. Als aber unlängst der Redakteur der Stadtzeitung die Devoli besuchte, fungierte der hier noch als Direktor. Jetzt, nach dem Konkurs, will er nie Chef oder Direktor gewesen sein. Das heißt soviel wie: Ich trage keine Verantwortung für den Untergang der Firma. - Ich nicht! Dran zweifeln viele, wie es ein Leser im Naumburger Tageblatt am 16. April 1928 zum Ausdruck bringt. Aber liest man die Widerrede genau, so finden sich darin keine rechtlich belastungsfähigen Argumente. Allmählich verflüchtigt der Skandal aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Damit hat es seine Bewandnis, was gleich verständlich wird.

So unverständlich das Auftreten von Josef Firmans (Spechsart 1) in der Öffentlichkeit erscheint, ist es dann doch nicht, wenn man die Hintergründe kennt. Denn der eigentliche Chef der Devoli hieß nicht Claudius, sondern Marie-Charlotte Steche (geschiedene Weber, geboren 1898 in Leipzig). Eigentlich war sie nur als Stenotypistin eingestellt. Reisst sie das Ruder des führungslosen Unternehmens vielleicht in gut gemeinter Absicht an sich? Geschah es vielleicht im Konsens mit Claudius? Wie auch immer, doch auf jeden Fall in Gutsherrenmanier!

Als die Filmfirma im Spechsart finanziell ruiniert ist, kauft sie mit Claudius, angeblich finanziert von Baron Sternberg, für 25 000 Reichsmark den hölzernen Viermastschoner Dora, der auf Pro Arte umgetauft wird. Mit seinem Zuschauerraum von 440 Plätzen soll er die deutsche Kultur in alle Welt hinaustragen. An Bord sind 300 Ausstellungsschränke für eine Mustermesse der deutschen Industrie fest installiert. Im Januar 1930 soll es auf große Fahrt nach Südamerika gehen. So der Plan! Doch die alte Dora, hört man Stimmen, ist doch gar nicht hochseetüchtig! Egal, Hauptsache der Intendant des Bühnenschiffes heißt - wie? - natürlich - Erich Claudius. Die Stadt München soll das Protektorat über das Kulturschiff Pro Arte übernehmen, was wohl soviel heißt wie, sie soll es subventionieren. Am 28. September 1931 fällt das Schiff in Hamburg der Versteigerung anheim. - Nun fällt der Schleier: Das Claudius-Steche-Prinzip besteht in der Finanzierung von Unternehmen mit dem Geld aus fremden Taschen.

Warum wähnten aber besonders die dienstleistenden Handwerker und Lieferanten aus Naumburg trotz wirtschaftlicher Insuffizienz der Schaubühne, der Malesse mit dem Vaterländischen Filmverein und trotz Konkurs der Filmenau bei Erich Claudius im August 1927 alles in guten Händen? War es Leichtgläubigkeit? Oder waren es ökonomische Zwänge? Letzteres halte ich für das Wahrscheinlichere. Barmittel sind bei Eröffnung des Konkursverfahrens keine vorhanden, alle Waren sind gepfändet. Die Aktiva in Höhe von 130 000 Reichsmark (genannt werden auch 180 000) sind zu 90 Prozent mit Eigentumsvorbehalten belastet.

"Daß die Erregung in den Kreisen der geschädigten Geschäftsleute groß ist, läßt sich denken",

teilt bedeutungsschwanger das Naumburger Tageblatt am 14. März 1928 mit. Allein eine auswärtige Radiofirma hat noch 14 000 Reichsmark zu bekommen, die aber zu vierzig Prozent am Gewinn der Firma beteiligt gewesen sein soll. (Vgl. Devoli 13.4.1928)

Am 18. Juni 1931 wird Claudius durch das Schöffengericht Naumburg zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.  

 

Quellennachweis auf der Website "Die Straßenbahn ist derjenige Betrieb, der am meisten unter dem Parlamentarismus zu leiden hatte. Die Wirtschaftskrise in Naumburg (Saale) 1929 bis 1932". Siehe: http://www.naumburg-geschichte.de/geschichte/wirtschaftskrise.htm.

Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: 2.Oktober 2004. Aktualisiert: 3. Februar 2011

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