Der Deutsche Tag in Halle 1924

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"Was war denn los?", fragt die Berliner Volks-Zeitung nach dem Deutschen Tag 1924 in Halle (Saale) und antwortet: "Die Plätze schwarz-weiss-rot geschmückt, die Strassen durchtost vom Erhardt-Lied, Arbeiter von Hitler-Leuten auf der Straße geschlagen, die Schutzpolizei machtlos gegen die Hakenkreuzler und im Kampf mit den Kommunisten, Reden von offizieller Stelle vom kommenden Kaiserreich, Reichswehr unter Veteranenvereine gemischt und der Held von München [Ludendorff] ihre Front abschreitend. Das war die parteipolitische neutrale Einweihung eines Moltkedenkmals."

Deutsche Tag
in Halle, 11. Mai 1924:
Aufstellung der Generalität.
General Erich Ludendorff 1, Prinz Oskar 2, Felix Graf Luckner 3, und Josias von Heeringen 4.

(Quellenangabe unten)

Zum

11. Mai 1924

riefen die Vaterländischen Verbände, Bund Wiking, Bund Oberland, Stahlhelm, Wehrwolf, Jungdeutscher Orden und Reichsverband der Baltikumkämpfer, nach Halle. Und viele andere kamen. Und alle, um ihre Vorliebe für Schwarz-Weiss-Rot zu demonstrieren. "Die Chargierten der nationalsozialistischen Studentenschaft, ehemalige Offiziere und eine Reichswehrdelegation rundeten das Bild ab." (Kügler 2004)

Zunächst taten die Organisatoren des Deutschen Tages so, als handelte es sich nur um die Einweihung eines Monuments für den "grossen Schlachtenlenker". "Es lag aber auf der Hand," klärt am 13. Mai die Vossische Zeitung die Bürger auf, "dass diese Denkmalsenthüllung nur der Vorwand für das aufbieten des völkischen Heerbannes nach Halle gewesen ist, dass es sich um eine Parteiveranstaltung grossen Stils gehandelt hat."

Zwei Tage nach dem Aufmarsch der revisionistischen Rechten in Halle artikuiert das Naumburger Tageblatt die Auffassung des hiesigen deutschnationalen Bürgertums: "Es bedeutet einen besonderen Fortschritt, dass diese symbolische Handlung [der Einweihung des Moltkedenkmals] in Halle, dem Zentrum des kommunistischen Mitteldeutschlands vor sich ging" und versinnbildlicht, "dass Zucht und Ordnung wiedergekehrt sind und dass die Erinnerung an Deutschlands große und stolze Zeit wieder eine Heimstätte auf deutschem Boden hat." Herausgeber des Blatts ist der Zeitungs- und Heimatbuchverlag am Topfmarkt in Naumburg, der sich zunächst an die Deutschnationale Volkspartei anlehnte und dann der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, Ortsgruppe Naumburg, gehorchte. Das stabilisierte und steigerte den Umsatz. Zucht und Ordnung triumphierten. Der Kampf gegen den Bolschewismus in Sowjetrussland führten ihren Verleger und Betriebsführer Paul Sieling (*1903) am 23. Juni 1942 in den Heldentod.

 

Kaiser-Wilhelm Denkmal
in Halle, eingeweiht am 26. August 1901.
(Bild: alte Postkarte.)

In der Neujahrsnacht 1922/23 verübten der 20-jährige Arbeiter Emil Werner, ehemaliges Mitglied der KPD, und vier Lehrlinge im Alter von 16 und 17 Jahren den Anschlag auf das Moltke-Denkmal. (Kügler 2004) "Kommunistische Bubenhände" beförderten, wie die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) am Tag nach dem Aufmarsch schreibt, die Statue des grossen Schlachtenlenkers mit einer Ladung Dynamit kopfüber in das vorgelagerte Wasserbassin.

Die Absicht der Attentäter war, zitiert die Börsen-Zeitung vom 12. Mai Oberstleutnant a. D. Duesterberg, "eine blutige Auseinandersetzung im Deutschen Reiche auszulösen".

Zur Ergreifung der Täter setzten die Deutsche Demokratische Partei, Deutsche Volkspartei, Deutschnationale Volkspartei und Zentrumpartei eine Belohnung von 1 Millionen Reichsmark (= 60 US-Dollar) aus (Kügler 83). Den baulichen "Rest" wollten die SPD-, KPD- und USPD-Stadtratsfraktionen von Halle gerne demontieren, wozu es angeblich aus Kostengründen nicht kam. Die Stadtverordneten der SPD erkannten, dass das Moltke-Denkmal dazu dient, den Hass der Jugend gegen den Staat zu richten und sie deutschvölkisch zu verhetzen (Kügler 82).

Das Denkmal wird wieder aufgebaut. Oberbürgermeister Richard Robert Rive (1864-1947) verteidigt seine politische Aussage und öffnet den Organisatoren des Deutschen Tages achtzehn Säle der Stadt.

Der ehemalige Generalstabsoffizier und Stahlhelmführer vom Gau Halle Oberstleutnant a. D. Theodor Duesterberg, bei der streng nationalen Familie in Naumburg immer gern gesehen, zetert in seiner Festrede zur Wiederaufrichtung des Denkmals:

"Verantwortlich für die Sprengung des Moltke-Denkmals sind nicht die jugendlichen Kommunisten, sondern verantwortlich ist die Sozialdemokratie, die seit Jahrzehnten die Achtung vor Monarchie, Kirche und Staat untergraben hat." (Strassenkämpfe)

Bevor Erich Ludendorff am Sonntag zur Einweihung des Moltke-Denkmals erscheint, gastierte er tags zuvor beim Hochschulring deutscher Art. Seine Ausführungen gipfelten in der Passage:

"Reden nützt nichts, wir wollen handeln.
Seine Majestät, der deutsche Kaiser, er lebe hoch!"

Damit nicht genug: "Am Sonntag wurde die Revanche von allen Kanzeln der Hallischen Kirchen gepredigt," registrierte die Volksstimme (Magdeburg), "die den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt wurden."

 

".... in den ersten Morgenstunden" kam es "vor dem Gewerkschaftshaus zu ernsten Zusammenstößen zwischen jugendlichen Kommunisten und Jungdo. Unter anderem standen sich ein Jungdo- und K.P.-D.-Mann mit gezogenem Revolver gegenüber. Der K.-P.-D.-Mann brach, durch zwei Schüsse schwer verletzt zusammen." (Völkische)

Die Stadt verwandelte sich in ein Heerlager. Es beginnt der Hakenkreuzrummel um den großen Schlachtenlenker. Vor dem Aufmarsch der Vaterländischen Verbände und mit ihr sympathisierenden Organisationen auf der Rennbahn, erfolgt im Kaiser-Wilhelm Ensemble die Einweihung der Moltke-Statue.

Von auswärts ziehen viele Gruppen mit ihren Fahnenträgern herbei und sammeln sich am Schützenhaus. Auf den Straßen beginnt ein unglaubliches Treiben. Menschtrauben bilden sich. Am Moltke-Denkmal finden sich die Ehrengäste ein: Prinz Oskar von Preußen, Erich Ludendorff, Vorsitzender des Kyffhäuserbundes e.V. und ehemaliger preußische Kriegsminister von 1909 bis 1913 Josias von Heeringen, Hermann von Stein, preußischer General der Artillerie und ehemaliger Kriegsminister, Generaloberst a. D. Magnus von Eberhardt, General der Artillerie Friedrich von Scholtz, General Friedrich Christiansen, Generalmajor von Zetritz, der preußische General der Infanterie Hermann von François, Vizeadmiral Werner-Waldeck, Paul von Lettow-Vorbeck, Graf Luckner, der in der "KPD verhasste ehemalige Befehlshaber des Freiwilligen Landesjägerkorps Maercker" (Kügler 84) und Generalfeldmarschall Mackensen.

Dazu kamen Vertreter der Parteien und städtischen Behörden.

Kaiser-Wilhelm Denkmal mit Moltke-Statue
in Halle am 11. Mai 1924. Von links nach rechts sind die Schemen der Statuen von Bismarck, Kaiser Wilhelm und Moltke zu erkennen. (Bildquelle siehe unten.)

Die Abordnungen von Stahlhelm, Jungdo, Wehrwolf, Kriegervereinen, die Sportvereinen, die Studentenschaften aus Leipzig, Jena und Halle marschieren vom Sammelpunkt auf das Denkmal zu. Voran die Angehörigen des Füsilierregimentes 38. Dann folgen die Halloren in ihren Trachten. Die Bürger stehen Spalier. Alle nehmen am Denkmal Aufstellung. "Es kamen mehr als 3 000 Fahnen, darunter befanden sich, obwohl verboten," nahm die Volksstimme (Magdeburg) wahr, "ungefähr 50 Hakenkreuz- und Totenkopffahnen".

Um 12 Uhr beginnt die feierliche Zeremonie. Nach dem Gesang des Niederländischen Dankgebets hält Oberstleutnant a. D. Theodor Duesterberg die Einweihungsrede: Das Leben dieser drei Männer, die das Denkmal zeigt - Kaiser Wilhelm, Bismarck und Moltke, muss uns Ansporn sein. ".... bedroht von einem Ring mächtiger Feinde, liegt unser Volk und verkleinertes Vaterland ohnmächtig am Boden!" Deutschland ist entrechtet und versklavt.

"Von dieser Stelle soll es die ganze Welt hören. Wir verlangen, dass alle in Mitteleuropa wohnenden Deutschen zu einem grossen deutschen Kaiserreich vereinigt werden." (Vorwärts 13.5.1924)

Die deutschnationale Presse jubelte. Für sie war es ein beachtlicher Schritt zur nationalen Selbstbestimmung und Selbstbefreiung. Filtert man den deutschnationalen und völkischen Sprachflitter heraus, dann hört man deutlich den Ruf nach der

Neuordnung Europas.

Das verheisst Krieg.

Zumindestens für das politische Alltagsbewusstein des nationalistisch und völkisch gesinnten Bürgers bedeutet der Deutsche Tag 1924 eine Zäsur. Ebenso nimmt er in der Region spürbaren Einfluss auf nationalsozialistische Bewegung.

Alsdann fiel die Hülle des Denkmals. Am Himmel kreist ein Flugzeug und wirft einen Kranz ab.

Nach der Einweihung marschieren die Kolonnen mit ihren Fahnen zur Pferderennbahn. Im Zug Erich Ludendorff, der "wie ein pompös aufgezäumtes Zirkuspferd" (Lübecker Volksbote) ausschaut. Seine Anhänger marschierten zum Teil mit Hakenkreuzfahnen (Kügler 84). Auf der Tribüne der Rennbahn nahmen die Ehrengäste ihren Platz ein. Hier "spürte man nichts", schrieb am nächsten Tag die DAZ, "von dem traurigen Vorfall den die Hetze der kommunistischen Zentrale in Böllberg, einem Vorort von Halle, auf dem Gewissen hat".

Vorbeimarsch der Vaterländischen Verbände, Kriegervereine und anderer Organisationen an der Tribüne auf der Rennbahn zum Deutsche Tag in Halle am 11. Mai 1924.
(Quellenangabe unten)

Gegen 3 ½ Uhr begann die Parade. Auf der Tribüne Erich Ludendorff, General der Infanterie und ehemaliger Erster Generalquartiermeister. Er, der den Siegfrieden plante, die Engländer niederringen wollte, der an den Triumpf der deutschen U-Boote glaubte und - woran hier niemand denken will - mit seiner Kriegszielpolitik das deutsche Wirtschaftsleben gründlich ruinierte, e r  nimmt die Parade ab.

Vielen Bürgern imponierte das martialische Gebaren der rechten Wehrverbände, die sich anschickten, innenpolitisch eine eigene Rolle zu übernehmen. In Halle marschierten sie alle auf: Kriegervereine, Schutztruppler, Bund Oberland, Blücherbund, Bund Wiking, Deutscher Offiziersbund, Stahlhelm, Wehrwolf, Jungdeutscher Orden, Bund Reichsflagge, Bund der Aufrechten. Eine kaisertreue Kompanie des Reichswehrregiments Graf von Moltke Nr. 38 war dabei. Ganz entzückt zeigte sich die Masse beim Anblick der Tropenuniformen Lettow-Vorbeck`s Schutztruppler. Ausserdem paradierten Halloren, Turner-, Ruder- und Schwimmvereine, Marineangehörige, Studentenschaften und Knappschaftsverbände.

Laut Deutsch Allgemeiner Zeitung (DAZ) kamen 120 000 Gäste nach Halle. Die Volksstimme (Magdeburg) schätzte die Zahl der Stahlhelmer und Hakenkreuzler auf 50 000. Nach Angaben des Naumburger Tageblatts (13.5.1920) nahmen insgesamt 200 000 Personen teil.

"Länger als 10 Kilometer dehnte sich der Aufmarsch der Verbände" (Graff 53) an der Tribüne vorbei. "Um vor Beginn der Dunkelheit mit dem Vorbeimarsch fertig zu werden", registrierte die Vossische Zeitung, "formierten sich die Reihen zu 12 Mann."

Um 7 Uhr war der Aufmarsch noch immer nicht beendet. Als er schliesslich doch irgendwann endete, begaben sich die Ehrengäste zu einem festlichen Essen in die Loge zu den drei Degen.

Einst war Halle eine Hochburg der Kommunisten, erinnert am nächsten Tag der Lübecker Volksbote. "Heute aber ist sie eine Stadt der Reaktion. Die Arbeiterklasse ist durch die fürchterliche Hetze zwischen rechts und links gelähmt und zerrissen." Die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ), hervorgegangen aus der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, die einst als die Hauspostille Bismarcks angesehen, befindet sich jetzt in den Händen von Hugo Stinnes, kommentiert: "Halle war seit Beginn der Revolution heisser Boden, hier hat der Bürgerkrieg seine schlimmsten Formen gezeigt, die Wahl hat erst wieder bewiesen, dass hier der kommunistische Agitationsstoff die offensten Ohren findet."

"Aber wer wagte es", fragt der Vorwärts (SPD) am 12. Mai, "Ludendorff und die Völkischen in ihrem Vergnügen zu stören?!"  Linke und Kommunisten aus der Stadt und Umgebung umzingelten die Stadt, beschreibt Tage später etwas ungehalten die deutschnationale Presse ihr Vorgehen. In der Berliner Börsen-Zeitung war am 13. Mai zu lesen: "Aus Papieren, die bei verhafteten Kommunisten vorgefunden wurden, geht klar hervor, dass die Kommunistische Partei in großzügiger Weise einen Aufmarschplan militärischer Art gegen Halle vorbereitet und teilweise auch durchgeführt hat. An der Peripherie von Halle waren die Sammelpunkte der Kommunisten angegeben, die zu Zehntausenden aus der Umgebung, sogar aus Berlin, herbeigeströmt waren. Es waren die Richtungen eingezeichnet, in denen die kommunistischen Hundertschaften vorgehen sollten und es waren die Gebäude in Halle angegeben, die besetzt werden sollten." Gewiss rückten aus der näheren und weiteren Umgebung, wie Ammendorf, Merseburg, Querfurt und Naumburg, die Demonstranten an. Oft nahmen sie einen längeren Fussmarsch von ihrem Heimatort bis nach Halle auf sich. Andere reisten mit der Eisenbahn aus Sachsen, Thüringen, Preussen und Berlin an. Bemerkenswert an den Berichten in antirepublikanischer oder nationalistischer Tonlage ist, dass sie keine Angaben zu Utensilien und Vorkehrungen bei Sozialisten, Demokraten und Kommunisten enthalten, die irgendwie auf eine geplante Gewaltausübung hindeuten könnten.

Denkbar ist es schon, dass von auswärts mehr an der Gegendemonstration teilnahmen als aus der Stadt.

Die Polizei erlässt Verbote, fängt Personen bereits am Stadtrand ab, hindert sie mit Waffengewalt und Schützengräben am Weitergehen. Während die Völkischen mit Sonderzügen anreisen können, koppelt man die Waggons der linken Demonstranten wo man nur konnte ab. So wollte man die Konfrontation mit dem Stahlhelm, Wehrwolf und den Nazis verhindern. Wieder einmal misst die Innenpolitik mit "zweierlei Maß". Eigentlich waren auch für die Hakenkreuzler alle geschlossenen Umzüge verboten. Aber die scherten sich den Teufel drum. Die Polizei ".... gestattete den Völkischen alles und erlaubte den Kommunisten nichts", urteilt am 13. Mai die Volksstimme aus Magdeburg. Das hat Gewicht, denn das Sozialdemokratische Organ für den Regierungsbezirk Magdeburg steht der KPD-Putschtaktik ablehnend und der Partei streng prüfend gegenüber.

Unter dem "zweierlei Maß" litten nicht nur die Kommunisten. Das "Gefühl mit ungleichen Mass gemessen zu werden," führte "nicht nur in der radikalen, sondern auch in der gemässigten Arbeiter- und Bürgerschaft zu einer Erbitterung", gibt die Berliner Volkszeitung am Tag danach in der Abendausgabe zu bedenken.

Im Vorfeld der Veranstaltung warnten der Preußische Innenminister Carl Severing (1875-1952) und der Oberpräsident Provinz Sachsen Otto Hörsing davor, eine Demonstrationserlaubnis zu erteilen. Doch die Reichsregierung hörte nicht darauf. So die eine Darstellung. Die andere gibt der Reichsminister des Inneren in einer am 13. Mai veröffentlichten Erklärung, wonach die Verantwortung die preußischen Behörden tragen. Sie ganz allein, behauptet er, sind für die Zulassung der Veranstaltung zuständig gewesen. Folglich trägt der Minister des Inneren von Preußen Carl Severing (SPD) die Verantwortung. Allein die Drohungen der Kommunisten mit Gegendemonstrationen konnte, nach Meinung der Vossischen (13.5.), kein Grund für eine Absage der Veranstaltung sein. Andererseits lag es aber auf der Hand, argumentiert sie weiter, dass dies alles nur ein Vorwand war, um das völkische Heerbanner marschieren zu lassen.

 

Schwarz-Wweiss-Rot erobert Halle, triumphiert die Deutsche Allgemeine Zeitung. So kommt es, wie es viele befürchtet hatten: Zwischen den politischen Gegnern entstehen wechselseitig starke Abwehrreaktionen. Theodor Duesterberg (1875-1950) vom Stahlhelm verschärft dies mit seiner Festrede am Moltke-Denkmal, in dem er seine Erwartung ausspricht:

"Sollte heute der rote Terror sein Haupt erheben, so hoffen wir, dass er niedergeschlagen wird." (Strassenkämpfe)

"Die Faschisten bewegten sich", beobachtete die Volksstimme aus Magdeburg, "ziemlich zwanglos in den Strassen. Zugweise marschieren war verboten, aber die Polizei war bei dem Massenaufgebot der Hakenkreuzler stellenweise machtlos. An anderer Stelle gelang die Auflösung einzelner Züge."

"Die den Vaterländischen Verbänden zugehörigen Bünde waren mit einem so starken Waffenaufgebot vertreten," bemerkte der Korrespondent der Deutschen Allgemeinen Zeitung, "dass sie vollkommen bis in die Vorstadt hinaus das Straßenbild beherrschten und das Aufkommen einer Gegenbewegung von vornherein keinen Gestaltungsraum hatte finden können."

Bereits eine Stunde vor dem Hakenkreuzrummel (Volksstimme, Magdeburg), kommt es zu einer ersten Konfrontation zwischen Polizei und Demonstranten.

"Eine Abteilung Polizeibeamter, die den Auftrag hatte, die für den nationalsozialistischen Rummel freigegebene Rennbahn zu sicher, stiess auf einen 100 Mann starken kommunistischen Zug, der sich jedoch ohne grosse Schwierigkeiten zurückdrängen liess." (Völkische)

Am Volkspark versammeln sich reichlich Kommunisten. Als eine Abteilung von etwa 100 Mann des Bundes der Frontsoldaten vorbeiziehen, kommt es zur Kollision. Einige Kommunisten durchbrechen die Absperrkette und entreissen den Stahlhelmern die Hakenkreuzfahne. Unverzüglich entsteht eine "allgemeine Prügelei". (Vgl. Eine amtliche)

Erheblich ernster war der Zusammenstoss zwischen der Schutzpolizei und den Kommunisten im Dorf Böllberg, vor den Toren Halles. Die Volksstimme (Magdeburg) nennt es das Hauptunglück des Tages. Nach vorliegenden Berichten trug es sich etwa so zu: Aus den Häusern am Böllberg prasselten plötzlich Gewehrkugeln auf die Polizei nieder. Aus dem Demonstrationszug mit wenigstens 400 Menschen erfolgt ein Angriff auf die Polizei. Ein Beamter erlitt Verletzungen durch Messerstiche. Drei von ihnen kostet es das Leben, sechs werden zum Teil schwer verletzt. Einer erliegt, meldet die Polizei später, seinen Verletzungen. Mindestens sechs Kommunisten, schätzt die Volksstimme (Magdeburg), "blieben auf der Strecke". Die Deutsche Allgemeine Zeitung beziffert die Opfer auf dem Böllberg mit zehn Toten.

Unter dem Aufmacher "Der grosse nationale Tag in Halle" verkündet am 12. Mai die Berliner Börsen-Zeitung: "Die kommunistische Parteileitung hat ihr Massen gegen die Polizei gehetzt, weil sie zu ihrer Propaganda Blutopfer braucht."

In der Reilstrasse stossen kommunistische Demonstranten und Polizei zusammen. Um die Mittagszeit entsteht ein Handgemenge, in dessen Verlauf die Polizei von den ihren Schlagwaffen gebraucht machte. Dabei wurden drei Demonstranten verletzt. Einer von ihnen weigerte sich hartnäckig einen Verband anzulegen. (Vgl. Völkische)

Polizei und Sipo verhaften viele hundert Demonstranten, zumeist aus Berlin und Erfurt. Bei einem weiteren Zusammenstoß in der Heilstrasse werden ebenfalls Demonstranten verletzt. Laut "amtlicher Darstellung" wurden insgesamt 450 bis 470 Kommunisten verhaftet, die zum Teil noch vor Mitternacht wieder freigelassen wurden.

Während der Parade auf der Rennbahn halten etwa 3 000 Kommunisten im Volkspark eine Versammlung ab. Seit der Eröffnung im Jahr 1901, dient der grosse Saalbau den Parteien als Versammlungsort. Auch grosse Kongresse fanden hier schon statt. Gegen 11 Uhr vormittags umzingelt und schliesst ein starkes Aufgebot der Schutzpolizei mit Maschinenpistolen und aufgepflanzten Bajonetten die Versammlungsteilnehmer im Gebäude ein. Im Saal brodelt es. Nach Mitteilung der Volksstimme (Magdeburg) bot man den Kommunisten an, dass Gebäude in ganz kleinen Gruppen verlassen zu können, was sie aber ablehnten. Über zwölf Stunden bleiben sie hier eingeschlossen. Gegen 2 Uhr nachts hebt die Polizei die Sperre auf.

Es war ein Blutiger Tag in Halle, lautet die Bilanz des Zentralorgans der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Vorwärts vom 12. Mai. Die Monographie Geschichte der KPD - Bezirksorganisation Halle-Merseburg bis 1933 (1979, 202f.) nennt es den Blutsonntag.

Der Deutsche Tag in Halle war eine klare Kampfansage an die Weimarer Republik und ihre "Erfüllungspolitik" . Er "verlangte", wie Oberstleutnant a.D. Duesterberg in der Festrede hervorhob, "die Wiedervereinigung aller in Mitteleuropa lebenden Deutschen zu einem neuen großen Deutschen Reich". Bei den europäischen Regierungen musste die militaristische Orgie tiefes Misstrauen über die Friedenswilligkeit der Deutschen aufkommen lassen.

Die Kommunisten erhielten, nicht nur bildlich gesprochen, einen heftigen Stoss in die Rippen. "So gab der 11. Mai 1924 den Anlass", erzählt KPD-Mitglied Max Benkwitz aus Zeitz, geboren 1889, "eine organisatorische Kraft zu schaffen, die in der Lage war, den Bürgerkriegsgarden des Monopolkapitals mit aller Entschlossenheit entgegenzutreten. Im Frühsommer 1924 bildeten sich im Bezirk Halle-Merseburg und Thüringen die ersten Gruppen des roten Frontkämpferbundes." Jetzt gilt: "Kampf bis aufs Messer der Reaktion! Kampf bis aufs Messer den Machtansprüchen des Kapitalismus! Kampf bis aufs Messer der militaristischen und völkisch-nationalen Hetze!"

 

 

Benkwitz, Max: Bevor unsere Republik entstand. Erinnerungen. Zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Bezirk Halle. Biographie und Erinnerungen. Heft 5. Herausgegeben von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der Bezirksleitung Halle der SED, Halle 1972, besonders Seite 32

Bisher zehn Tote. "Volksstimme", Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Blutiger Zusammenstoß in Halle. "Der oberschlesische Wanderer." Verlagsort Gleiwitz, Montag, den 12. Mai 1924

Blutiger Sonntag in Halle. "Vossische Zeitung", Berlin, den 12. Mai 1924

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal - ein vergessener Monumentalbau. Die Geschichte eines Denkmals in drei Epochen deutscher Geschichte 1901- 1947. Schülerakademie Geschichte "Denkmal: Geschichte" der Frankeschen Stiftungen zu Halle.

Der Moltke-Tag in Halle. "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau". [Kurz: DAZ] . Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Der grosse nationale Tag in Halle. Die Störungsaktionen der Kommunisten. 5 Tote und zahlreiche Verletzte. "Berliner Börsen-Zeitung", Montag, den 12. Mai 1924

Der deutsche Tag in Halle. "Jenaer Volksblatt. Zeitung der deutschen demokratischen Partei". Jena, Dienstag, den 12. Mai 1924

Der Sonntag in Halle. Eine Erklärung des Reichsministers des Inneren. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen." Morgen-Ausgabe, Berlin, den 13. Mai 1924

Deutscher Tag in Halle. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, Montag, den 12. Mai 1924

(Deutscher Tag) Wer ist verantwortlich. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Die blutige Denkmalsweihe in Halle. "Berliner Volks-Zeitung". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Die Kommunisten im Saale eingeschlossen. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 2014

Duesterberg, Oberstleutnant a.D.: Rede am 13. Mai 1924 zur Einweihung des Moltke-Denkmals zum Deutschen Tag in Halle. Zitiert nach: Der "Deutsche Tag". "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau." Ausgabe Gross-Berlin, 13. Mai 1924, Seite 1

Ein Jena der Republik. Der Schwarze Sonntag in Halle. (Von unserem Sonderberichterstatter). "Berliner Volks-Zeitung. Abendausgabe". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Eine amtliche Darstellung [zum Deutschen Tag]. "Berliner Volks-Zeitung". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Graff, Sigmund: Gründung und Entwicklung des Bundes. In: Seldte, Franz (Herausgeber): Der Stahlhelm. Erinnerungen und Bilder aus dem Jahre 1918-1933. Band 1. Stahlhelm-Verlag GmbH Berlin 1934, Seite 19 bis 107

Harrison, Ted: "Alter Kämpfer" im Widerstand. Graf Helldorff. Die NS-Bewegung und die Opposition gegen Hitler. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 45 (1997) 3, Seite 385 bis 423

Kügler, Tobias: Vom Kaiserdenkmal zum "Fahnenmonument" der Oktoberrevolution: Der Hansering als Ort der politischen Erinnerungskultur (1901-1967). In: Jahrbuch für hallische Stadtgeschichte. Herausgegeben in Verbindung mit dem Verein für Hallische stadtgeschihctze e.V. von der Stadt Halle (Saale) 2004, Seite 77ff.

Leidigkeit, Karl-Heinz / Jürgen Hermann: Auf leninistischem Kurs - Geschichte der KPD - Bezirksorganisation Halle-Merseburg bis 1933. Herausgegeben von der Bezirksleitung Halle der SED. Druckhaus "Freiheit", Halle 1979

Ludendorff herrscht in Halle. "Vorwärts. Berliner Volkblatt". Montag, den 12. Mai 1924

[Sieling, Todesanzeige] Zeitungsverleger Paul Sieling. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 9. Juli 1942

Studiengruppe Naturalismus. Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung". Einhunderttausend Deutsche auf dem "Deutschen Tag" in Halle, Mai 1924. http://studiengruppe.blogspot.de/

Strassenkämpfe in Halle. "Volksstimme", Tageszeitung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei. Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Völkische Provokationen. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Zweierlei Mass. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 2914

 

Bildnachweis

Moltke-Denkmal, 11. Mai 1924, "Deutscher Tag". Einweihung. Bundesarchiv, Bild 102-00400 / CC-BY-SA

Vorbeimarsch an der Tribüne. Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924
Bundesarchiv, Bild 102-00403 / CC-BY-SA 3.0

Aufstellung der Generalität. Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924
Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 102-00399 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

Autor: Detlef Belau

6. Juni 2010

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