Demokratie
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Der demokratischen Parole (Ossietzky)
gebricht es an Transparenz und Offenheit

 

Ohne jeden Zweifel kommt dem Demokratieverständnis der Naumburger Bürger in der Zeit von 1918 bis 1945 eine herausragende Rolle zu.

 

Unbehagen bei der KDP

Bei der KPD sind einige kritische Punkte erkennbar: Zusammenarbeit mit dem Stahlhelm beim Volksbegehren zur Auflösung des preußischen Landtages 1931, Sozialfaschismus-Arrangement oder Stimmenthaltung bei der Wiederwahl von Karl Roloff zum ersten Bürgermeister. Damit ist das Thema nicht ausgestanden. Ernst Thälmann fordert am 7. Februar 1933 auf der Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals: "Der revolutionäre Brand muß stets an anderen Stellen wieder verstärkt aufflackern und sich entzünden, wenn er an einer anderen Stelle vorübergehend erstickt wird, bis keine Feuerwehr mehr hilft, diesen revolutionären Brand zu löschen." Daraus spricht zumindest kein Vertrauen, dass man die sozialen und politischen Probleme auf der Grundlage der Weimarer Verfassung, also demokratisch lösen könnte. - Doch es sind auch Worte, die eine Woche nach Übergabe der Macht an Hitler fallen.

Der mal schwächere und dann wieder stärkere Zweifel der KPD an der Demokratie der Weimarer Republik hat aus Naumburger Sicht drei Quellen:

Erstens. Er entsteht aus einer vorschnellen Übernahme von politischen Erfahrungen der russischen Revolution von 1917. Das ist verständlich, aber verstärkt zugleich die eh schon vorhandene Neigung zum Dogmatismus. So werden die Möglichkeiten verkannt, die eine demokratische Gesellschaft zur Mobilisierung der Bürger für Gerechtigkeit, Frieden und würdige Arbeitseinkommen und - verhältnisse gewährt.

Zweitens resultiert der Zweifel aus der Konfrontation mit konkreten Herrschafts- sprich Unrechtsverhältnissen, wie sie Dr. Arthur Brandt (Berlin) und Dr. Artur Samter (Berlin / Naumburg) zum Beispiel im Tscheka-Prozess (1925) kennen lernen mussten.

Drittens entspringt das Unbehagen an der Demokratie bei der KPD aus der nach wie vor ungelösten sozialen Frage. Dieses politische Verständnis artikuliert die "Rote Wacht" (Naumburg) in ihrer Ausgabe vom 13. Oktober 1932 in paradigmatischer Weise mit den Worten:

"Der bürgerlich-kapitalistische Staat hat es schon lange abgelehnt, die Wohlfahrt seiner Bürger zu bezwecken und hat damit seine Existenzberechtigung verloren."

Das Problem von Sozialismus und Demokratie bleibt in der KPD praktisch wie theoretisch ungelöst. Eine politische Hypothek, die in der Nachkriegszeit nicht getilgt werden kann. - Walter Höhne (1884-1972), aus dem Konzentrationslager Buchenwald heimgekehrt, erinnert sich:

"Als ich im April 1945 nach mehr als 10-jähriger Haft wieder nach Naumburg zurückkehrte, wurde ich zum amerikanischen Kommandanten bestellt. Seine erste Frage war, ob ich noch Kommunist sei. Als ich dies bejahte, meinte er, er sei Demokrat und könne nur Demokraten gebrauchen". (Höhne)

 

Reformkurs der SPD

Wilhelm Schwencke, Schriftsetzer, 1930 zum Stadtverordneten der SPD gewählt, berichtet über eine Versammlung des Reichsbanners im Jahre 1932 im "Ratskeller" zu Naumburg. Den Redner des Abends von Harnack gibt er mit den Worten wieder:

"Wenn diktiert wird, dann diktieren wir und
nicht die Faschisten." (Schwencke 1956)

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands agiert in der Demokratie-Frage grundsätzlich anders als die KPD. Sie, die die privilegierten Teile der qualifizierten Facharbeiter, Gewerkschafter, Betriebsräte hinter sich weiss, will laut ihrem Grundsatzprogramm durch viele kleine Schritte im Rahmen der bürgerlichen Demokratie zum Sozialismus gelangen. Sie kreiert und verteidigt die Reformpolitik, beteiligt sich bis 1930 mehrmals an Regierungskoalitionen mit bürgerlichen Parteien. Während des wirtschaftlichen Aufschwungs sind öfters Verbesserungen und Fortschritte möglich. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929/32 verkommt der Reform-Begriff zu einer leeren Worthülse. Der Panzerkreuzerbau und die Tolerieriung der Brüning-Regierung (1930-32) enttäuscht viele ihrer Anhänger. Mancher Genosse wechselt deshalb in Naumburg zur KPD. Wichtiger als ideologische Hahnenkämpfe und Politpalaver sind Entscheidungen und Taten. In der praktischen Arbeit vor Ort treten die Sozialdemokraten, oft unter heftigen Anfeindungen bis zur Morddrohung, für soziale Verbesserungen, Demokratie und Mitbestimmung ein (Beispiele: 1, 2, 3, 4).

 

Die Sehnsucht nach dem Führer und der Ruf nach der Diktatur

In der Evangelischen Kirche Naumburg besteht gegenüber der Demokratie eine ablehnende Haltung. Pfarrer Lindner gibt den Stadtverordneten von Naumburg am 6. April 1933 in seiner Predigt in der Marienkirche zur feierlichen Eröffnung des neuen Stadtparlaments folgende Orientierung:

"… In dem großen Sammelbecken unseres deutschen Volkstums haben sich trübe Abwässer angehäuft, die durchsetzt sind mit einem Giftstoff, der unser Volk zur Vernichtung zu bringen drohte. Die fremden Elemente, die von Osten hereindrangen, sind Bazillen gewesen, die in der Blutbahn unseres Volkes eine entsetzliche Verheerung und Verwüstung angerichtet haben, die neben die wirtschaftliche Inflation mit ihrem Schrecken die viel grauenvollere auf sittlichem Gebiete setzten. Wie es einst Juden gewesen sind, die dem Heiland den aus Dornen geflochtenen Kranz auf sein Haupt drückten, so sind es in den letzten Jahren auch wieder Juden und Judengenossen gewesen, die das Mark der Volkskraft verwüstet haben und das sittliche Rückgrat des Volkes gebrochen haben. In dieser Zeit der Niederung ist der Herrgott wieder in Erscheinung getreten. Er hat uns einen Mann geschenkt, auf den jetzt die ganze Welt blickt, einen Mann, der eine neue Zeit heraufgeführt hat, der geradeswegs auf sein Ziel losgegangen ist und eins uns vorgelebt hat: eine Linientreue der Überzeugung, die wir ihm nachtun wollen. Ihm ist es gelungen, den Pendelschlag einer neuen Zeit zu gestalten. Wenn die einstige Treue unserer Vorfahren in den letzten Jahren ins Wanken gekommen war, da haben sich dieser Persönlichkeit alle in unserem Volk schlummernden lebendigen Kräfte gesammelt. Was seinen Gedanken die Durchschlagskraft verleiht, das ist das Geheimnis seiner Persönlichkeit. Alles, was er denkt und tut, deckt sich mit seiner Person. Darin dürften wir auch das Geheimnis seines Erfolges erblicken. In allen seinen Entscheidungen schwingt der Grundton religiös-sittlicher Einstellung mit …"

Endlich sind die Ursachen für die Gesellschaftskrise mit Arbeitslagern, Wohnraummangel, Notunterkünften, Unterernährung und Beschnüfflung Andersdenkender ausgemacht. Es sind die "fremden Elementen" und "Bazillen", die in die Blutbahn unseres Volkes eindrangen. Aber: "Wer Blut, Rasse und Volkssturm an die Stelle Gottes zum Schöpfer und Herrn der staatlichen Autorität macht, untergräbt den Staat." Das ist jedenfalls der Standpunkt der Preußischen Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Dahlem in ihrer Erklärung vom 5. März 1935. In Naumburg scheint er nicht zu gelten.

 

Pfarrer Wilhelm Moehring,
geboren am 11. Februar 1877, Militärpfarrer, 1911 Pfarrer in Beesenstedt, 1924 Tätigkeit in Gerbstedt, 1925 bis 1930 Pfarrer und Superintendent in Weißenfels, seit Februar 1930 Pfarrer und Superintendent in Naumburg. Die "Bekennende Kirche" lehnte er ab. Sein Sohn Martin fällt am 30. Juli 1941. Im Mai 1942 erfolgt eine weitere Hausdurchsuchung. Seit 1. Juli 1953 im Ruhestand. Er stirbt am 30. November 1966 in Naumburg.

 

Weiteren Aufschluss über die Haltung der Kirchenleitung der Stadt zum Nationalsozialismus gibt die Tagung der Kreissynode Naumburg. Gegen 9 Uhr am Morgen des 14. Juni 1933 finden sich 62 stimmberechtigte Mitglieder der Synode zur feierlichen Eröffnung der Kreissynode im Westchor des Domes ein. Wilhelm Moehring befasst sich in seiner Einführungsrede mit der Entwicklung der Kirche unter den neuen Machtverhältnissen. Der Superintendent begeistert sich am Schwung des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler und berichtet:

"[Aber] der Kirchenbesuch ist gestiegen, die Taufen haben zugenommen … Mit Freuden sieht man auch junge Braunhemden in der Kirche …"

Nach Moehring kann die

" ... Kirche ... stolz drauf sein, dass sie [die Ehre] der Gefallenen durch all die Jahre gerettet hat …"

Und:

"Der Umschwung gegenüber der Zeit nach 1919 soll für uns alle Ansporn zur freudigen Mitarbeit an der Bildung der deutschen Volksseele ..." sein.

Ein anderer Redner stellt fest:

"Hitler sei tief religiös."

"Aber es sei auch richtig, dass er [der Führer] und wir, seine Mitkämpfer, nur durch rücksichtslosen brutalen Kampf gegen den Marxismus vermochten, die Millionen zu einem neuen Volk zu machen …"

Ein Ausrutscher, nur eine Verneigung vor den neuen Machthabern? Mitnichten! Diese Auffassungen entsprangen einem System fundierter weltanschaulicher Überzeugungen, die vom Rassismus, Völkischen und zu allem fähigen "Deutschtum" geprägt waren. In einer Predigt vor dem Naumburger Studenten-Konvent im Naumburger Dom vom 17. Juni 1932 warnt Pfarrer Moehring:

"Es ist die deutsche Gefahr, ein Völkerbrei zu sein. Die Gefahr ist wieder akut."

"Wir brauchen bitter nötig formbildende Kräfte"

fordert er (Moehring 1932, 113). Das ist nicht mehr und nicht weniger als der Ruf nach der Diktatur! An die Macht gelangt, beansprucht der Führer dann die Letztentscheidung über Recht und Gesetz. Sozialisten, Freimaurer, Kommunisten, Zeugen Jehovas, Juden, Homosexuelle, Querulanten, Meckerer, überhaupt alles Fremdländische bekämpft er ebenso wie die Volksschädlinge.

Zum 5. Kirchentag treffen sich die Vertreter der evangelischen Provinz Sachsen am 10. November 1933 in Naumburg. Auf dem Bahnhof empfängt sie eine HJ-Kompanie. Erschienen sind ausserdem die Pastoren Behrend, Lindner, Maruhn und NSDAP-Kreisleiter Uebelhoer.

 

Pfarrer Wilhelm Behrend
wird am 15. August 1864 in Neuhaldensleben geboren. Als Sechsjähriger findet er als Vollwaise im Waisenhaus der Frankeschen Stiftung in Halle sein Zuhause. Hier lernt er seine künftige Frau kennen, mit der er 42 Jahre in glücklicher Kameradschaft lebt. Ordination am 8. März 1893. Als junger Geistlicher kommt an den St. Wenzel und engagierte sich auch als Gefängnisgeistlicher in Naumburg. Er stirbt am 18. Januar 1936 in Naumburg.

 

Den Mord an Pfarrer Albert Mielke (1895-1933) aus Oberschmon erwähnt Bischof Peter in seiner Rede am 10. November 1933 vor den Vertretern des 5. Kirchentages der evangelischen Provinz Sachsen in Naumburg nicht, obwohl gesichert ist, dass die Führungskreise der Kirche über dieses Ereignis und seine Hintergründe informiert sind. Dafür erweist er Hitler in der Rede seine Referenz, wenn er sagt:

Luther hat die Herzen der Menschen angesprochen, "ungefähr so, wie wir es an Hitler(s) Reden bewundern". Die Kirche weiß von den Geheimnissen des Volkes. "Das erste Geheimnis ist das des Blutes."

Die Kirche schließt den Pakt mit der nationalsozialistischen Rassenpolitik.

Am 23. Februar 1936 findet die Tagung der kirchlichen Gemeindeverordneten des Kirchenkreises Naumburg / Saale statt (1934: 43 250 Evangelische). 500 Älteste und Verordnete haben die 23 Kirchengemeinden in die Aula des Domgymnasiums entsandt. 15.30 Uhr eröffnet Superintendent Moehring die Tagung mit einer Führerehrung:

"Was unser deutsches Volk gegenwärtig bestimmt, leitet und besser zusammenfaßt als eine Verfassung, ist das Vertrauen in den Führer. Sieg Heil!"

Dann wendet sich der Superintendent dem Gesetz zur Sicherung des Bestandes der Evangelischen Kirche vom 24. September 1935 zu und zitiert den Führer Adolf Hitler aus seiner Rede vom 17. August 1934 mit den Worten:

"Es ist mein aufrichtiges Streben, die beiden großen, christlichen Konfessionen in ihren Rechten zu schützen."

"Folgerichtig griff er ein",

sagt der Redner,

"als die evangelische Kirche in Unordnung geriet, eben mit dem erwähnten Gesetz."

Anstelle der bisherigen kirchlichen Amtsträger hat er (der Führer) kirchliche Ausschüsse gesetzt. Diese bestehen aus Männern - bewährt im kirchlichen Amt und einig untereinander. Sie sollen nur die Ordnung wieder herstellen. "Sie üben die Befugnisse der geistlichen Leitung aus." Sie haben Zwangsmaßnahmen wieder rückgängig gemacht.

"Es herrscht vielfach Unklarheit darüber, wodurch der Bestand der Evangelischen Kirche bedroht ist. Noch immer ist jene unheimliche Stimmung verbreitet, daß - mit einem Vergleich aus dem Weltkrieg gesagt - die eigene Artillerie uns beschießt. Aber aus dem Raum der Kirche und von den ernannten Ausschüssen her kommt das Artilleriefeuer nicht! Es kommt aus jener Entartung des Christentums, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ausgebildet hat. … Bisher war der gute Preuße zugleich ein guter Christ, während der Staatsgegner aus der Kirche austrat. Wenn das mit einem Male nicht mehr sein soll, da hat man sich offenbar vorher einen Maßstab für das gemacht, was deutsch heißen soll, und verwirft nun das, was man unter Christentum versteht oder verstehen will, also undeutsch nach diesem Maßstab, d. h. man ist voreingenommen. Solches Verfahren führt zu nichts Gutem. Es ist verhängnisvoll, eine große Wahrheit in ihren Karikaturen, aber nicht in ihren Repräsentanten anzugreifen.

Von hier droht die Gefahr. Sie ist nicht bloß eine Gefahr für den Bestand der Kirche."

Um 5 Uhr abends läuten die Glocken zur liturgischen Andacht im Dom. Pfarrer Rudtke aus Schönburg singt mit seiner schönen, den Dom ausfüllenden Stimme.

"Nach zahlreichen Äußerungen zu schließen,"

so der damalige Kommentar des "Naumburger Kirchenboten",

"hat die Tagung den in den zu ihren Wohnungen Hinauswandernden und Hinausfahrenden viel gegeben. Gerade als evangelische Christen sind wir treue Bürger des nationalsozialistischen Staates." (Nach Tagung 1936)

Eine reichlich verquaste Darstellung der Beziehung von Nationalsozialismus und Evangelischer Kirche, die hier der Superintendent des Kirchenkreises Naumburg vorstellt. Ihr fehlt die Distanz zum Nationalsozialismus. Vor allem fehlt die Quintessenz: Nationalsozialismus und Christentum sind unvereinbar!

Doch: "In der Stadt Naumburg hatte die Bekennende Kirche keinen Fuß gefaßt. Besonders der Superintendent Moering widerstand der Bekennende Kirche energisch, weil sie nach seinem Verständnis Unordnung in die kirchliche Verwaltung trug." (Onasch 1979, 112)

Die Kirche verliert auf Grund ihres desolaten politischen Standpunktes und der der misslichen sozialen Verhältnissefür bedeutende Teile der Arbeiterschaft ihre Anziehungskraft. Typisch hierfür, wie sich die Frau von Alfred Meissner 1958 an ihren Mann erinnert:

"Er begriff, wo der Feind des Arbeiters zu sehen war. Der Ausspruch `Bete und arbeite` existierte für ihn nicht mehr."

Wir wenden uns dem Verhältnis von Evangelischer Kirche und Nationalsozialismus noch einmal im Zusammenhang mit den Ereignissen um Pfarrer Albert Mielke und Lorenz Bertheau zu.

 

 

Betriebsanwalt i.R.
Gustav Winter
(1882-1936)

Die Hoffnung auf den "großen Neugestalter"

Gustav Winter aus Großjena treibt wie viele andere Naumburger die Sehnsucht nach dem Führer um. In seinem Buch „Die Rettung Deutschlands ohne neues Geld“ (1933) fordert er: „Wir brauchen endlich den großen Neugestalter und seine Rettungsmittel“, die Ausschaltung des internationalen Kapitals und Arbeitsbeschaffung sowie die gerechte Reglung der internationalen Schuldenfrage. Wir müssen begreifen, „dass vor allem und schnellstens der Parlamentarismus, diese Institutionen der Volksverführung, - verdummung und des Missbrauches der „Majorität“, fallen oder bis auf weiteres ausgeschaltet werden muss.“ - Das ist der Ruf nach der Diktatur. Und nicht nur das. Sowohl bei Gustav Winter wie bei Pfarrer Lindner und Superintendent Wilhelm Moehring tritt die verhängnisvolle Vorliebe für die autoritäre Persönlichkeit [12] hervor.

Staatsform der Republik aufgezwungen

"Wir lehnen … den jetzigen Parlamentarismus ab",

ruft der Landesführer vom Stahlhelm Mitteldeutschlands Theodor Duesterg auf der Führertagung des Landesverbandes am 8. Oktober 1927 in der "Erholung" den Teilnehmern zu. Das deutschnationale Lager sieht im demokratischen System einen Weg, der zur Regierungsunfähigkeit führt. Nur, der deutschnational denkende Hindenburg vertritt dieses System als Reichspräsident seit April 1925. Aber dies betrachten seine politischen Anhänger nicht als Verrat an der monarchistischen Idee, sondern als Rettung des sozialen Friedens. Das parlamentarisch-demokratische System lehnen sie weiter ab.

"Jedenfalls ist die Staatsform der Republik eine uns vom Feind aufgezwungene",

schreibt Dr. med. Georg Wilhelm Schiele (Friedensstraße 7E) 1928 in der Mitteldeutschen Zeitung. "Kurz, wir sind Republikaner aus Not geworden, - wahrlich nicht aus Begeisterung für die deutsche Republik - oder gar für die Weimarer Verfassung derselben, - wahrhaftig nicht" (8), bringt er seine Haltung zur Republik in Schwarz-weiß-rot als Symbol (1928) auf den Punkt. Deutschland ist seiner Überzegung nach seit 1918 ohne Recht und Rechtsordnung. Ein ungeheuerlicher Versuch des DNVP- Politiker, der besonders die Administrationselite anspricht, die Weimarer Republik zu delegitimieren. - Im übrigen glauben viele Deutschnationalen weiter an die Zukunft Deutschlands als Monarchie. "Jugend sucht Erziehung. Sie sucht den Führer ...." (1925, 4), wovon Georg Schiele überzeugt.

Auch Oskar Hergt - 1867 in Naumburg geboren und für die DNVP vom 29. Januar 1927 bis 12. Juni 1928 Vizekanzler und Justizminister - stand dem parlamentarisch-demokratischen System prinzipiell ablehnend gegenüber. (Hofmann 167)

Im Lichte der Wirklichkeit (1926) erblickt Arthur Graf von Posadowsky-Wehner in der Demokratie die Unfähigkeit eine Regierung zu gründen. Seine kritische Haltung darf aber nicht mit der eines Georg Wilhelm Schiele gleichgesetzt werden.

 


Unerhört! Demokraten werden als Lehrer eingestellt.

In der Demokratiefrage zeigen sich unglaubliche Atavismen. Pars pro toto die Haltung von Superintendent Moehring, der den "Umschwung" mit Reichskanzler Hitler 1933 begrüßt, weil, wie er sagt, "dem Schwanken zufälliger Majoritäten" nun ein Ende bereitet wird oder der Ausfall von Heinrich Sieling (1870-1944) gegen die "jüdisch-demokratische Clique" (Sieling 1939/40).

Noch immer bestehen zur demokratischen Gesellschaft tiefe Vorbehalte und Fehlhaltungen. In weiten Kreisen der Stadtgesellschaft gilt sie als nicht erstrebenswert, was recht anschaulich im Streit um die Besetzung von Lehrerstellen zu beoachten ist. Der Vorsitzende der evangelischen Schulgemeinde Studienrat Dr. Hermann Reichard (Pfortastraße 34) äussert in einem Brief an Oberbürgermeister Dietrich am 22. Februar 1929 seinen Unmut darüber, dass in letzter Zeit Sozialdemokraten (Lassen, Heyer, Hülgenhoff, Wolters, Schumann, Röder), ein Kommunist [Max] (Bohring) [Siedlungshof 34] und Demokraten (Muth, Wellmann) als Lehrer eingestellt worden sind. "Es besteht Gefahr", meint der Beschwerdeführer,

"daß Ostern bei Besetzung der frei werdenden vier Stellen wieder linksgerichtete Lehrer fest angestellt werden …"

Außerdem ereignen sich unverständliche Dinge. Wie kann es nur sein, dass in der Schuldeputation der links stehende Gewerbeoberlehrer [Fritz] Weidner [Bürgergartenstraße 14] den Vorzug vor Grünewald erhält, wenn doch Ersterer durch das Mittelschulexamen gefallen ist, hingegen aber der Deutschnationale hervorragende Zeugnisse aufzuweisen hat? Dafür gibt es nur eine Erklärung: Kreisschulrat Bonitz missbraucht seine Stellung, um politisch links gerichtete Lehrer nach Naumburg zu bringen. Reichard macht diesen Vorwurf in der Schuldeputation sowie in Schul- und Lehrerkreisen öffentlich. So wird der Streit zum politischen Stadtgespräch.

Oberbürgermeister Dietrich fordert in seiner Antwortet vom 8. März im Sinne einer Versachlichung des Konflikts, die Lehrerstellen künftig auszuschreiben. Jeder Lehrer ist verpflichtet, sagt er, seine Tätigkeit unparteiisch auszuführen. Sicherlich, ein gut gemeinter Rat, der nur den Nachteil der Undurchführbarkeit hat, zumal wenn es sich um Schulfächer wie Geschichte oder Deutsche Literatur handelt. Hermann Reichard demonstriert dies in seiner Weise. Er informiert den Oberbürgermeister darüber, wie der Schulrat einem Junglehrer den Rat erteilt:

"Vergessen Sie auch nicht, daß Friedrich den Großen [1712-1786] schwere sittliche Verfehlungen nachgesagt werden."

Alsbald sprechen sich Lehrer und Eltern

"voll Entrüstung über die Schamlosigkeit" aus, "mit der der Junglehrer die Jugend verdirbe". (Lehrer 22.2.1929)

 

Kontinuitäten

 

Das hat den Herrschaften
nicht gepasst.

"Am 17.2.1931 [Dienstag] veranstaltete die NSDAP um 20.15 Uhr [in Naumburg] einen Propagandaumzug mit Musik, der von der Behörde genehmigt war",

heißt es im Polizeibericht.

"Etwa 20.30 Uhr sammelte sich die Antifa zu einer Gegendemonstration. Nur der Vernunft … der Polizei ist es zu verdanken gewesen, das der von den Kommunisten geplante Zusammenstoss nicht erfolgen konnte. Brathuhn und Senf waren ihnen hierbei durch ihr unerschrockenes Vorgehen besonders auf die Nerven gefallen." (Mollenhauer 2.3.1931)

Darüber berichtet der

"Klassenkampf" (Halle)

so:

"Besondere Verdienste gegen die Kommunisten möchte sich der Oberwachtmeister Brathuhn erwerben. Die wuchtige Gegendemonstration des Kampfbundes [gegen den Faschismus, Ortsgruppe Naumburg] anlässlich des Naziumzuges am Dienstag hatte es ihm angetan.


Goldener Hahn (2005)

 

"Am Mittwoch bespitzelte er wieder einmal die am "Goldenen Hahn" versammelten und zum Abmarsch bereiten Kampfbund-Mitglieder, um aus ihnen herauszubekommen, wohin der Marsch gehen sollte. Überall wurde er jedoch zurückgewiesen." (21.2.1931)

Polizeikommissar Mollenhauer stellt hierzu fest:

"Um festzustellen zu können, was die Kommunisten planten, erhielt Pol. Hptw. Brathuhn den Auftrag, sich in der Nähe des "Goldenen Hahn" zu postieren und die Kommunisten zu beobachten. Das hat den Herrschaften nicht gepasst."

(Mollenhauer 2.3.1931)

 

Wieder einmal wird der Wettbewerb um Arbeitsstellen im politischen Raum ausgetragen. Sozialdemokraten, Kommunisten und Demokraten finden sich zur Linken vereint und beargwöhnt. Demokraten verheißen geradezu etwas Unheilvolles. Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Berufsverbotspraxis mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. So wartet man am Tag der Verkündigung (7. April 1933) vergeblich auf einen Aufschrei. Es geschieht ja nur, was eh viele wollten. Trotzdem bedeutet der 30. Januar und 23. März einen Bruch mit der bisherigen deutschen Geschichte. Doch er wäre nicht ohne diese Kontinuitäten in der Stadtgeschichte möglich gewesen, was sich nicht nur im Streit um Lehrerstellen kund tut.

Geschnüffelt, ausgefragt, politisch beobachtet und gedeutet wurde amtlicherseits in der Stadt nicht erst in der Nazizeit, sondern lange vorher.

Viele Bürger erleben keinen Rechtsstaat. Ihr Rechtsbewusstsein ist bar jeden Vertrauens auf eine loyale Beurteilung durch Richter, wenn irgendwie politische Momente ins Spiel kommen. Immer wieder meldet der Volksbote (Zeitz) in den 20er Jahren deratige Urteile aus der Gerichtsstadt Naumburg. - "Die obrigkeitsstaatlich geprägte Justiz", schreibt Heinrich Gustav Winkler (1998, 176 f) zusammenfassend, "beurteilte politische Straftäter von rechts in der Regel sehr viel milder als solche von links." Aber wer Gerechtigkeit und Recht nicht erlebt, kann deren Verlust dann schlecht beklagen. Was erwartet man von Menschen, die durch krisenbedingte Erwerbslosigkeit ein ums andere Mal entrechtet und durch Unterstützungssysteme versklavt, jedes Recht auf wirtschaftliche Selbstbestimmung verlieren?

Stadtverordneter Heinrich Hacker (NSDAP) droht in der Stadtverordnetensitzung am 25. April 1930 Wilhelm Schwencke (SPD) mit Mord. Dabei fallen die Worte vom "Judenschutztruppler". Passieren tut ihm deshalb nicht viel.

Führer befiehl, wir folgen Dir! Das galt schon lange vor 1933, zum Beispiel im Wehrwolf und Stahlhelm. Der wilhelminische Untertanengeist war in der Stadt nie überwunden. Es besteht in großen Teilen der Bürgerschaft ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie fort, was den Übergang zur kommunalen Diktatur erleichterte. Durch die in weiten Kreisen akzeptierte Geschichtslüge von den Novemberverbrechern (1918) kann sich ein tieferes Bewusstsein von der Rolle und dem Wesen der Demokratie nur schwer herausbilden. Indes tauscht das Proletariat nach 1918 den Geist der unerbittlichen Bekämpfung des Klassenstaates gegen den Glauben an die selbsttätige Wirkung der Demokratie. Das ist in der Tendenz keine abwegige Anschauung. Aber sie setzt voraus, folgert Bernhard Düwell 1931 [12], dass die Demokratie dem Proletariat überlassen wird. Tatsächlich aber hemmt die Schwächung des Klassenkampfes den sozialen Fortschritt, wie die machtvolle Entwicklung des Monopolkapitalismus bezeugt. (Vgl. Düwell 9)

Der demokratischen Parole (Ossietzky) gebricht es an Transparenz und Offenheit.

 

 

Düwell, Bernhard: Einheit der Aktion und Parteidisziplin. E. Laubsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1931

Hofmann, Robert: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart. München, Zürich 1993

Höhne, Walter [über Walter Höhne]. Herausgeber Kommission zur Erforschung der örtlichen Geschichte der Arbeiterbewegung der Kreisleitung der SED und der Schulparteiorganisation der SED der Kommunalen Berufsschule "Walter Höhne", Naumburg /Saale, ohne Jahresangabe

[Lehrer] Brief von Studienrat Dr. Reichard an Oberbürgermeister Dietrich vom 22. Februar 1929. Magistratsakten, Beschwerde des Studienrats Dr. Reichard gegen Schulrat Bonitz und das Verfahren der Lehrerwahl, Stadtarchiv Naumburg, Archivsignatur 9420

[Lehrer] Brief von Studienrat Dr. Reichard an Oberbürgermeister Dietrich vom 12. März 1929. Magistratsakten, Beschwerde des Studienrats Dr. Reichard gegen Schulrat Bonitz und das Verfahren der Lehrerwahl, Stadtarchiv Naumburg, Archivsignatur 9420

Moehring, Superintendent und Domprediger: Student, Kirche und Religion. Predigt beim Festgottesdienst vom 17. Juni 1932. In: Der Naumburger Senioren Konvent, 7 (50. Jahrgang) Juli 1932, 113 ff.

Mollenhauer. Mitteilung vom 2. März 1931. Stadtarchiv Naumburg. Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg. Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit. Angefangen 1927. Geschlossen 1937, Archivsignatur 5617

Onasch, Martin: Um kirchliche Macht und geistige Vollmacht. Ein Beitrag zur Geschichte des Kirchenkampfes in der Kirchenprovinz Sachsen 1932-1945. Fakultät für Theologie des Wissenschaftlichen Rates der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Promotionsprüfung A (Dr. theol.), eingereicht von Martin Onasch, geboren 20.5.1944 in Köslin, Halle (Saale), 1979

Ossietzky, Carl von: Die demokratische Parole. "Berliner Volkszeitung", 1. April 1920. In: Ossietzky. Eine Lesebuch für unsere Zeit. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1989, Seite 28 bis 30

Schiele, Georg Wilhelm: Freiwilliger Arbeitsdienst im Limbacher Beispiel. Naumburger Briefe. Verlag Dr. Schiele Naumburg a.S., Friedensstraße 7, Neue Folge, Jahrgang 1925, Heft 2

Schiele, Georg Wilhelm: Schwarz-weiss-rot als Symbol. Naumburger Wahl-Flugschriften 1928

Schwenke, [richtig: Schwencke], Wilhelm, Leo Heinrich, Paul Kynast und dem Kollegen Karl Franke: Aussprache mit den Genossen. Protokoll, Naumburg 13. Dezember 1956, unveröffentlicht

Sieling, Heinrich: Geleitwort zur Jubiläumsausgabe. In: Anschriftenbuch der Stadt Naumburg (Saale) 78. Ausgabe, 1939/40

Stahlhelm-Führertagung des Landesverbandes Mitteldeutschland. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. Oktober 1927

Thälmann, Ernst: Aus dem Referat auf der Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals am 7. Februar 1933. Ausgewählte Reden und Schriften in zwei Bänden, Band 2, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1977, Seite 345 - 357

Tagung der kirchlichen Gemeindeverordneten des Kirchenkreises Naumburg-Saale am 23. Februar 1936. "Naumburger Kirchenbote, Nachrichtenblatt für den Kirchenkreis Naumburg", 6 (1936) 3, Seite 10-11

Winkler, Heinrich August: Weimar 1918 - 1933. Die Geschichte der ersten Demokratie. Verlag C. H. Beck, München 1998

Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005.
Aktualisiert: 2. Februar 2009

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