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Albert Mielke
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Albert Mielke (1895-1933)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der politische Mord an Pfarrer Albert Mielke

Albert Mielke war ein der Jugend zugewandter Pfarrer und frei von jedem Opportunismus gegenüber den Nazis. 2006 verfassten Harald Schultze und Andreas Kurschat in IHR ENDE SCHAUT EUCH AN .... Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts die erste Biografie vom Pfarrer aus Oberschmon. Hier können nun weitere wichtige Details über die Ermordung von Pfarrer Albert Mielke und zum Leben seiner Familie in Naumburg an der Saale vorgestellt werden.

 

Lebensstationen

Die Heimat von Albert Mielke liegt in Pommern. In Kleinschwarzsee erblickt er am 4. Mai 1895 das Licht der Welt. Der Bauernsohn legt am 15. März 1914 in Dramburg (Pommern) sein Abitur ab. Von April bis August folgen Monate des Studiums der Theologie in Halle. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet er sich als Kriegsfreiwilliger. Kurze Zeit darauf erfolgt aus gesundheitlichen Gründen seine Entlassung. Im Juli 1915 erneute Einberufung nach Magdeburg. Felddienst in Frankreich (1916). EK II (Eisernes Kreuz) 1917. Auf Grund einer Malariaerkrankung erfolgt am 1. Dezember 1918 seine Ausmusterung. Der Leutnant d. R. (26. Oktober 1917) setzt ab 1. Februar 1919 sein Theologiestudium in Greifswald fort. Erstes Theologisches Examen am 7. Januar 1920 in Stettin. Der junge Theologe nimmt anschließend eine Tätigkeit in den Kücken-Mühler-Anstalten auf. Im Februar 1920 sieht man ihn im Prediger-Seminar in Wittenberg. Sein zweites Theologisches Examen absolviert er am 15. April 1921. Bereits am 4. September 1921 erhält er seine Ordination.

 

Ehepaar Maria
und Albert Mielke (1931)

 

Wieder folgen Lehrjahre als Hilfsprediger in Neuwuhrow bei Neustettin. Seine weiteren Lebensstationen sind Hainrode im Harz (1923-1927), Geußnitz bei Zeitz (1927-1932) und Oberschmon bei Querfurt (1932-1933).

 

Die Großeltern Lang-Heinrich

Johannes Lang-Heinrich, geboren am 6. Oktober 1866 in Meineweh, gestorben am 21. Oktober 1943 in Naumburg, absolviert das Humanistisches Gymnasium in Eisenberg, Studium der Theologie in Leipzig und Halle, Ordination 1893, 1893 bis 1904 Pfarrer in Goseck, 1905 bis 1916 Radis, 1916 bis 1930 Pfarrer in Wartenburg, seit 7. November 1893 verheiratet mit Johanna Clara Redlich aus Tarnowitz, geboren am 7. November 1893, gestorben 17. Januar 1947 in Naumburg, 6 Kinder

Maria Lang-Heinrich, eine Pastorentochter aus Wartenburg bei Wittenberg, gibt Albert am 11. Dezember 1923 das Jawort. Sie führen eine glückliche Ehe. Über die Schwierigkeiten der Zeiten hinweg gibt das Ehepaar Mielke dem Gemeindeleben originelle Impulse.

In Hainrode kommt am 10. November 1924 ihr erstes Kind, Sohn Gerhard-Martin, auf die Welt. Zwei Jahre darauf, am 3. Juni 1926, gebar Maria Tochter Ursula. 1927 übernimmt Albert Mielke die Pfarrstelle in Geußnitz bei Zeitz. Den Anhängern der nationalsozialistischen Bewegung, denen auch sein Nachbar zugeneigt, erscheint er beobachtungswürdig. Das gefällt der Familie auf Dauer nicht. Albert Mielke will sich deshalb verändern und hofft auf verständnisvollere Nachbarn.

 

 

Er gehörte zu den tüchtigsten Geistlichen

Pfarrhaus in Oberschmon (um 1931)

 

Im Frühjahr 1932 siedelt Familie Mielke nach Oberschmon, etwa 7 Kilometer südöstlich von Querfurt gelegen, um. Ihre Kinder Gerhard und Ursula sind acht und sechs Jahre alt. Vom 16. April 1932 datiert der Dienstantritt von Pfarrer Albert Mielke. Seit dem Tod des Pastors Gabriel 1926 war die Pfarrstelle in Oberschmon unbesetzt.

Zeitzeugin Martha Wickleder, geborene Bernhardt, gestorben am 24. April 2002, berichtet mit authentischen Detailkenntnissen über das Wirken der Familie Mielke in Oberschmon:

„Er war ein Bauernsohn aus Pommern und hatte dort nur noch eine Schwester, die den Hof übernahm, weil er unbedingt Theologie studieren wollte. … Ein seltener Fall in diesem Stand … Aber er konnte seine Herkunft nicht verleugnen. Mit großer Betriebsamkeit nahm er sich des verwilderten Hofes und Gartens an, und schon im ersten und einzigen Sommer war der Hof nicht wiederzuerkennen und war wunderschön gestaltet.“

Albert Mielke
mit der Gemeindejugend (um 1931)

 

Seine Frau war im Ersten Weltkrieg Krankenschwester. Jetzt kümmerte sie sich um die Mädchen des Ortes. Sie übte mit ihnen Volkstanz und Gymnastik. Gesang und Spiel zogen mit den Mielkes in die Gemeinde ein. Die Sommerküche gestaltete man zum Gemeinderaum um. Tische und Stühle sowie eine drehbare Wandtafel für Erklärungen wurden angeschafft. (Vgl. Wickleder) Der Pfarrer hat einen „guten Stand“ in der Gemeinde. „Er gehörte zu unseren tüchtigsten Geistlichen und besaß das volle Vertrauen der Gemeinde.“ (Zwanzig)

 

 

Der Konflikt

Albert Mielke
auf dem Motorrad (um 1928)

 

Der unkonventionelle Pfarrer setzt sich für eine humane und an den christlichen Werten orientierte Gesellschaft ein. Nach der Machtübernahme durch die Nazis ist er auf das Allertiefste von der Herrschaft von Lüge und Gewalt erschüttert. In einer Partei ist er nicht organisiert.

Die Bewegung Deutscher Christen bleibt ihm fremd (vgl. Kirchenkampf).

Seine Sorge gilt der Bewahrung des Kerns der christlichen Lehre. „Leider ist es in der Gemeinde des hiesigen Kirchenkreises z. Zt. so, dass die Güte einer Predigt danach beurteilt wird, wie oft der Name des Führers erwähnt wird.“ (Zwanzig) „Ich persönlich bin der Ansicht“, sagt Superintendent Zwanzig, Pfarrer Mielke hat „schlicht und klar das Evangelium gepredigt und nicht, wie vielfach begehrt wird, im Gotteshause politische Reden in religiöser Verbrämung gehalten“.

 

Blick zur Kirche in Oberschmon (2006)

 

 

Damit bringt sich Pfarrer Albert Mielke unvermeidlich in Gegensatz zur Bewegung der Deutschen Christen, deren Eiferer auch in Oberschmon aktiv sind.

Die Bewegung entsteht um 1930 in Thüringen. Sie versteht sich als SA Jesu Christi und organisiert sich streng nach dem Führerprinzip. Ihr Streben gilt einem „positiven Christentum“, wie es in Artikel 24 des Parteiprogramms der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei niedergeschrieben ist. Die Deutschen Christen fordern Rassenreinheit für eine Kirchenmitgliedschaft und die Loslösung der evangelischen Kirche von ihren jüdischen Wurzeln. Bei den Kirchenwahlen in der Altpreußischen Union erhalten die Deutschen Christen im November 1932 fast ein Drittel der Stimmen.

Oberschmon (2006)

1933 begeht die Gemeinde Oberschmon den 1000. Jahrestag ihres Bestehens. Ihre Gründung erfolgte durch die Besiedlung von einem guten Dutzend slawischer Familien. Eingedenk dessen ist Pfarrer Mielke zur Tausendjahrfeier des Ortes nicht bereit, die Rassendoktrin der Nazis mitzutragen. Ein unerhörter Vorgang, der die örtlichen NSDAP- und SA-Größen erzürnt.

Kreismissionsfest in Oberschmon im Juli 1932: Beim Eintritt des Ortsgruppenführers Bielke in den Festsaal sagt Albert Mielke zu einem Vertrauten: „Das ist mein Feind“. (Zwanzig)

„Ein besonderer Konflikt entstand bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933. Die Deutschen Christen wollten den Ortsgruppenführer der SA Bielke, Sohn einer einflussreichen Grundbesitzerfamilie, als Kandidaten aufstellen. Mielke ließ ihn von der Liste streichen, weil er keine Beziehung zur Kirchengemeinde hatte. Im Hintergrund schwelte ein Konflikt mit dessen Mutter, die unter dem begründete Verdacht stand, einen Kranz vom Kriegerdenkmal entwendet und für eine andre Grabstätte der Familie verwandt zu haben. Der Kreiswahlleiter und das Konsistorium war mit der Entscheidung einverstanden.“ (Mielke 2006)

 

Kriegerdenkmal
in Oberschmon (2006)

 

Mit dem Kirchenkampf 1933 setzten gegen Albert Mielke die Schikanen und Behinderungen ein. (Vgl. Zwanzig). „Die Familie Bielke hetzte jedoch gegen den Pfarrer, brutale Drohungen wurden ausgestoßen.“ (Nach Mielke 2006) Mielke erhält Drohbriefe. Sein jugendfreundliches Gemeindeleben steht der Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitlerjugend im Wege.

NSDAP und Deutsche Christen arbeiten nun offen gegen den Pfarrer. NSDAP-Ortsgruppenleiter Bielke sagt öffentlich: „Ich werde demnächst meine SA kommandieren, da werden wir dem Pastor den Wanst vollhauen.“ Und: „Wenn der Pastor auf der Kanzel steht, wäre es das Beste, man zündet ein Feuer darunter an.“ (Zwanzig)

 


Der Mord

2. November 1933, Oberschmon: Im Pfarrhaus ist große Wäsche. Pfarrer Albert Mielke rüstet sich für seinen Dienst in Ziegelroda. Mit einem Wäschestück in der Hand geleitet ihn seine Frau mit den Worten „Auf Wiedersehen Vati“ zum Gartentor hinaus. Er schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt in Richtung Ziegelroda. Hier hält er eine Konfirmationsstunde ab.

Gegen Abend, es dunkelt, fährt er mit dem Fahrrad auf der Straße von Ziegelroda nach Oberschmon nach Hause (siehe Kartenausschnitt oben). Am Bahnhof Leimbacher Gaststätte passte man ihn ab. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages findet man ihn hier auf dem Eisenbahngleis vor dem Prellbock. Seine Kopfverletzungen deuten auf einen Kampf hin. Seine Hände sind voller Striemen und zu Fäusten geballt. Die Polizei bestimmt als Todesursache „Unfall“.

 

Bahnhof Leimbacher Gaststätte (2006)

 

Sein Fahrrad findet man am Geländer stehend am oberen Zugang zum einzigen Bahnsteig des Bahnhofs. Es ist mit Blut bespritzt. Von der Straße zwang man ihn bis hinten zur Rampe am Nebengleis. Sie liegt etwa 150 Meter von der Straße entfernt. Trotzdem sieht die Polizei keinen Grund, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Ein Antrag auf Sezierung und Untersuchung nach Giften oder Betäubungsmitteln wird von der Naumburger Staatsanwaltschaft abgelehnt.

Für die Klärung der Umstände des Todes von Albert Mielke ist wichtig:

E r s t e n s. Es fehlen an seiner Leiche alle Verletzungen, die auf eine Berührung oder Kollision mit der Eisenbahn hinweisen konnten. „Mein Onkel Richard Neuke,“ schreibt Marta Wickleder in ihren Erinnerungen, “selbst Schaffner bei der DR, sagte, daß kein Mensch vor einer Lokomotive überfahren wird, ohne Gliedmaßen einzubüßen.“

 

Sarg bei der Trauerfeier
in der Kirche von Oberschmon (1933)

 

Zw e i t e n s. Die Gleisanlage des kleinen Haltebahnhofs besteht aus einem Durchfahrtsgleis und einem kleinen Abstellgleis. Wer beendet sein Leben mit einem Sturz auf ein Gleis, das etwa zwei Meter vor einem Prellbock endet, wenn sich wenige Meter weiter parallel dazu ein Gleis mit Durchgangsverkehr befindet?

D r i t t e n s. Ein Antrag auf Sezierung und Untersuchung nach Giften oder Betäubungsmitteln wird von der Naumburger Staatsanwaltschaft abgelehnt.

V i e r t e n s. Dann in da das blutbespritzte Fahrrad ….

F ü n f t e n s. In Oberschmon sind durch NSDAP-Mitglieder Drohungen geäußert worden, wie: „Der gehört ins Konzentrationslager.“ (Bielke Junior, zitiert nach Zwanzig)

 

Grabstätte von Albet Mielke
in Naumburg (1932)

 

Das ist ganz auf der Linie der Entschließung der Glaubensbewegung Deutscher Christen vom 13. November 1933. Sie beginnt mit der Feststellung: “Wir sind als nationalsozialistische Kämpfer gewohnt, das Ringen um die Gestaltung einer großen Idee nicht mit einem faulen Frieden abzubrechen.“ „Ein dauernder Frieden kann hier nur geschaffen werden durch Versetzung oder Amtsenthebung aller Pfarrer, die entweder nicht willens oder nicht fähig sind, bei der religiösen Erneuerung unseres Volkes und der Vollendung der deutschen Reformation aus dem Geist des Nationalsozialismus führend mitzuwirken.“ (Nach Hofer, 132)

Pfarrer Albert Mielke mit seinen
Kindern Ursula und Gerhard (um 1931)

 

 

S e c h s t e n s. In den umfangreichen Aufzeichnungen wie im sozialen Leben von Pfarrer Mielke findet sich nach Aussage der Witwe kein Hinweis für einen Suizidverdacht. Dass Albert Mielke nicht an Suizid dachte, belegen auch die Obstbäume, die er kurz vorher im Garten pflanzte. Zudem erwartet seine Frau ihr drittes Kind. Renate Maria wird am 8. Februar 1934 geboren.

S i e b e n t e n s. „Mein Vater“, sagt Tochter Ursula im Jahr 2006 zu mir, “hätte eine Familie und seine Gemeinde auf solch abnorme Weise nicht verlassen.“

Die Umstände des Todes von Pfarrer Albert Mielke erlauben die Schlussfolgerung, dass die Nazis den Unangepassten ermordeten und diese Tat vertuschten!

 

 

Aus der Lageeinschätzung des Preußischen
Ministeriums des Inneren vom 27. Januar 1934

„Nach dem sich am 27. Januar [1934] die Kirchenführer geschlossen hinter den Reichsbischof und seine Maßnahmen gestellt haben und damit den Grundstein der inneren Einigung der in den letzten Monaten so stark zerrissenen Kirche gesetzt worden ist, ist es notwendig, alles zu vermeiden, was das Einigungswerk und den Aufbau der Kirche stören oder beeinträchtigen könnte. Dazu gehört, dass die früheren Meinungsverschiedenheiten nicht wieder aufgerührt werden, über b i s h e r i g e E n t g l e i s u n g e n in diesem Kampf mit Verständnis für ihre inneren Beweggründe
h i n w e g g e s e h e n wird und die Gegner von gestern sich in dem Willen zur künftigen einträchtigen Zusammenarbeit an den Werken und Aufgaben der Kirche versöhnt die Hand reichen.“

(Preußische Minister des Inneren, 27.1.1934. Hervorhebung im Text vom Autor.)

 

 

 

Leben ohne den Vater und Ehemann

Frau Maria Mielke mit ihren Kindern Ursula (links), Renate und Gerhard-Martin (rechts) - etwa um 1939
 
Oskar-Wilde-Straße 5,
Naumburg (2006)
 

Nach der Trauerfeier für Albert Mielke in der Kirche von Oberschmon wird sein Leichnam nach Naumburg überführt und hier beigesetzt. „Nie werde ich die Tage vergessen, die dann folgten,“ notierte die Zeitzeugin Martha Wickleder,“ solange ich lebe, wird es mir gegenwärtig bleiben, so sehr hat sich das Geschehen in mich eingegraben. Ich habe selbst vor 10 Jahren das Liebste verloren, das ich hatte auf Erden, von einer Stunde zu anderen, aber Frau Mielke war Schlimmer dran als ich. Sie war 20 Jahre jünger als ich, und erwartete ein drittes Kind, was noch keiner wusste. Sie wurde aus einen Leben voller Pläne und Vorhaben Zusammen mit ihren Mann gerissen.“ (Wickleder)

Nach dem Mord an Pfarrer Mielke zieht die Witwe mit den zwei Kindern im Januar 1934 nach Naumburg. Die Großeltern LangHeinrich, seit 1931 im Pfarr-Ruhestand in Naumburg, beziehen jetzt eine größere Wohnung in der Oskar-Wilde-Straße 5.

Maria Mielke bekommt nur eine kleine Pension, weil ihr Ehemann insgesamt erst zehn Jahre als Pfarrer tätig war. Nun lebt die Rumpf-Familie mit den Großeltern aus der „gemeinsamen Wirtschaftskasse“ (Ursula Jebsen). Der Großvater stirbt am 21. Oktober 1943 und die Großmutter am 17. Januar 1947. Dann bewirtschaftet Frau Mielke das Haus weiter mit der Vermietung an Pensionsgäste. Dann sind es SchülerInnen des Oberlyzeums, dann Katecheten des Seminars und später Theologiestudenten des Oberseminars in Naumburg.

Sohn Gerhard-Martin, Jahrgang 1924, bekommt nach der Grundschule am Domgymnasium in Naumburg eine halbe Freistelle (Sexta bis Oberprima).

Schwester Ursula sagt über ihren Bruder Gerhard-Martin im Jahr 2006: „Mein Bruder war nach meines Vaters Tod schon bald Muttis Vertrauter.“ In einem Feldpostbrief an die Mutter schreibt Gerhard am 30. Januar 1944: „Was Du für uns geschafft hast, kann man gar nicht genug würdigen. Du hast die Großeltern gepflegt - und viele Sorgen mit uns gehabt. Und alles hast Du gemeistert. Mögen Dir Ursel und Renate später auch so einen Brief schreiben, denn beide können jetzt noch gar nicht wissen, was Du für sie beide bist. Das merkt man erst, wenn man unter anderen Menschen - weg von zu Hause ist.“ (Jebsen 2006)

Sohn Gerhard-Martin wird kurz vor dem Abitur zu den Fallschirmspringern eingezogen. Die Ausbildung erfolgte in Bad Wörrishofen und Fürstenfeldbruck. Kurz vor dem Ende des Krieges fällt er in Suderwick (heute Nordrhein-Westfalen) an der holländischen Grenze.

Straßenbahn in Naumburg mit Gerhard (links)

 

Schwester Renate Maria, Jahrgang 1934, erlebt den Vater nicht mehr. Ursula Jebsen erinnert sich so an ihre Schwester Maria:

„Sie war ein liebenswürdiges Kind. Sie musste von Geburt an ohne Vater aufwachsen. Der Großvater versuchte es mit Liebe und Weisheit zu leisten. Sie war äußerst begabt und hochmusikalisch, spielte wunderschön Klavier.“ (Jebsen 2006)

Renate Maria Mielke (um 1952)

 

 

1952 legt Renate Maria, geboren am 8. Februar 1934, am Luisen-Oberlyzeum in Naumburg ihr Abitur ab und nimmt im darauffolgenden Jahr an der Humboldt Universität in Berlin ein Studium auf. Sie erkrankt an multipler Sklerose. Ihre Schwester Ursula sagte dazu: „Aber das schwere Erleben meiner Mutter in der Schwangerschaft ist nach meinem Erachten die Ursache für die multiple Sklerose, die sie mit bewundernswerter innerer Stärke bis zur letzten Neige hat durchhalten müssen.“ (Jebsen 2006) Renate muss 1967 ins Pflegeheim und stirbt nach langem Leiden am 2. Dezember 1974 in Bad Godesberg.

Ursula 1936

 

Tochter Ursula, Jahrgang 1926, erhält nach der Grundschule ebenfalls eine halbe Freistelle am Luisen-Oberlyzeum. Nach dem Abitur am 4. Februar 1944 wird sie zum Reicharbeitsdienst nach Landskron, Ostsudentenland, eingezogen. Später gruppiert man sie im Flakschutz der Skoda-Werke in Pilsen ein. Mit einem Fußmarsch findet sie nach Beendigung des Krieges zurück nach Naumburg. Ursula beginnt eine Krankenpflegeausbildung im Diakonissenkrankenhaus Halle an der Saale. 1948 legte sie ihr Examen ab und übernimmt in St. Wenzel Naumburg die Aufgaben einer Gemeindeschwester (1945/49). Von 1949 bis 1952 absolviert sie das Katechetische Seminar in Naumburg. Anschließend ist sie bis 1959 als Katechetin in Balgstädt tätig. Am 5. Januar 1953 heiratet sie Christian Jebsen. Ihr Sohn Jens Peter wird 1958 in Naumburg geboren. Seit 1994 lebt Ursula Jebsen bei ihrem Sohn in Laucha an der Unstrut.

1961 zieht die Mutter von Naumburg zu Pflege ihrer kranken Tochter Renate nach Oberhausen. Frau Maria Mielke stirbt nach schweren Leiden am 15. Juli 1974 in Hofgeismar.

„Was meine liebe Mutter in ihrem Leben durchgemacht hat, vergleiche ich in Gedanken oft mit dem Leben des Hiob im Alten Testament“, schreibt 2006 ihre Tochter Ursula. „Es kam nach frohen und glücklichen Jahren eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Tapfer und im Vertrauen auf Gott hat sie schwerste Schicksalsschläge gemeistert und ist vielen Menschen zum Vorbild geworden. Ich kann ihr nur von Herzen danken!“ (Jebsen 2006)

Treppe zur Kirche in Oberschmon (2006)

 

 

Albert Mielke. Ein unangepasster Pfarrer. Ein Mensch mit kritischem Bürgergeist. Ein Mann mit Zivilcourage! Die Nationalsozialisten müssen seine Ermordung verantworten. Sein Leben und das Schicksal seiner Familie werden sich fest in unsere Erinnerungen einprägen.

 

 

Nachtrag:

 

 

Gedenkstein erinnert an den Pfarrer Albert Mielke
Stele wird heute auf dem Neuen Fiedhof in Naumburg enthüllt.


NAUMBURG. Auf dem Neuen Friedhof in Naumburg wird am Montag 10 Uhr mit einer Feier ein Gedenkstein für Albert Mielke enthüllt. Der Stein befindet sich am früheren Grab des Pfarrers, der im November 1933 ermordet und später in Naumburg beerdigt worden war. Während der Enthüllungsfeier, an der auch die Tochter Albert Mielkes teilnimmt, wird an das Schicksal des Theologen erinnert werden ....."

 

Aus: ALBRECHT GÜNTHER: Gedenkstein erinnert an den Pfarrer Albert Mielke. Stele wird heute auf dem Neuen Friedhof in Naumburg enthüllt. Naumburger Tageblatt, Mitteldeutsche Zeitung Online, 03.05.09, 18:03h, aktualisiert 03.05.09, 18:05h.

 

 

 

Jebsen, Ursula: Briefwechsel mit Detlef Belau zu Pfarrer Albert Mielke, Laucha / Unstrut und Naumburg / Saale 2006 und 2007, unveröffentlicht

Mielke, Albert [Biografie]. In: IHR ENDE SCHAUT EUCH AN. Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben von Harald Schultze und Andreas Kurschat unter Mitarbeit von Claudia Benedick, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2006

Mielke, Albert [Biografie]. In: IHR ENDE SCHAUT EUCH AN. Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben von Harald Schultze und Andreas Kurschat unter Mitarbeit von Claudia Benedick, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2006

Onasch, Martin: Um kirchliche Macht und geistige Vollmacht. Ein Beitrag zur Geschichte des Kirchenkampfes in der Kirchenprovinz Sachsen 1932-1945. Fakultät für Theologie des Wissenschaftlichen Rates der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Promotionsprüfung A (Dr. theol.), eingereicht von Martin Onasch, geboren 20.5.1944 in Köslin, Halle (Saale), 1979

Preußische Minister des Inneren, Der. I G 297, Berlin, den 27. Februar 1934, Mit Bezug auf den RdErl. vom 26. Januar 1934 - I B 15/7 (MBliV Seite 127) wird nachstehendes Rundschreiben des RMdI vom 12. Februar 1934 zur Beachtung bekannt gegeben. Der Reichsminister des Inneren. Berlin, den 12. Februar 1934. Betrifft: Evangelische Kirche, unveröffentlicht

Wickleder, Marta, Querfurt, Ringstraße 3: Aufzeichnungen zu Pfarrer Mielke. Niedergeschrieben 1994, unveröffentlicht

Zwanzig, Superintendent des Kirchenkreises Querfurt. Meinungen und Gerüchte über den mysteriösen Todesfall des Pfarrers Albert Mielke zu Oberschmon Kreis Querfurt, unveröffentlicht

Ich danke Frau Ursula Jebsen, Tochter von Pfarrer Albert Mielke, herzlich für die Gespräche und die überlassenen Fotos von ihrer Familie.

Ich danke dem Sohn von Frau Marta Wickleder, Jörg-Steffen Wickleder (Düsseldorf), für die Hinweise. - 9. April 2012

 

Autor:
Detlef Belau

Geschrieben: Dezember 2007. Aktualisiert: 9. April 2012

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